Märchen-3

Die Suche nach dem Ring der Prinzessin

Weit im Osten, dort wo das Keilmeer wie ein silbernes Schwert in die Küste schneidet, lag die Stadt Talvas, die Perle des Königreichs Oskron. Hier lebte Prinzessin Vahna, Tochter zweier Mächte, die unterschiedlicher nicht sein konnten:

Ihr Vater, Wirkz, war der gefürchtete Piratenkönig, der mit neun Galeonen über die Meere herrschte.
Ihre Mutter, Harfe, eine Zauberin, deren Stimme Winde binden und deren Tränen Feuer löschen konnten.

Vahna war schön, so erzählten es die Händler in den Tavernen und die Möwen den Wellen weiter. Doch ihr Vater sperrte sie fort – nicht in Ketten, sondern in Einsamkeit. Keiner durfte sie sehen. Doch Geschichten haben Flügel, und bald kamen Freier aus dem ganzen Reich, klopften an die Tore der Stadt – und landeten ausnahmslos im Meer.

„Keiner ist gut genug!“ donnerte König Wirkz.
„Keiner ist stark genug!“ wisperte Königin Harfe.

Doch Vahna sehnte sich nicht nach Stärke, nicht nach Machtsondern nach einem Herzen, das ihres verstand.

Eines Nachts, als das Meer ruhig war und der Mond wie eine Münze auf dem Wasser lag, stellte sich die Prinzessin vor ihre Eltern.

„Wenn ihr mich nicht ziehen lasst,“ sagte sie, „wird mein Herz verwelken – und euer Erbe mit ihm.“

Wirkz schwieg. Harfe lächelte – und das war schlimmer als jedes Donnerwort.

Sie nahm Vahnas goldenen Ring, das Geschenk zur Geburt, in dem ein Funke reiner Sternenkraft ruhte, und warf ihn in den Brunnen der Unendlichkeit, der tief unter Talvas lag und in alle Welten ragte.

„Wer den Ring wiederbringt,“ sprach Harfe,
„der darf um Vahnas Hand bitten –
doch er muss drei Rätsel lösen, die nicht lösbar sind.“


Die drei Prüfungen

Zuerst kamen hunderte. Dann dutzende. Dann nur noch drei.

  • Aksel, ein schweigsamer Fischer mit Armen wie Masten und einem Herzen wie ein stiller Hafen.
  • Mira, eine wandernde Gelehrte, spitz wie ein Dolch im Denken und warm wie Sommerregen im Reden.
  • Tovahn, ein Ritter ohne Wappen, der seinen Namen abgelegt hatte, um ein besserer Mensch zu sein.

Sie hätten sich bekämpfen sollen – doch Vahna sah sie von ihrem Turm, und ihre Stimme hallte in ihren Träumen.

„Nicht Stärke, nicht Wissen, nicht Mut allein – nur gemeinsam.“

Und sie hörten.


Die Rätsel

  1. „Was ist stärker als Eisen und dennoch weich wie Wasser?“
    Sie stritten, bis Mira flüsterte: „Geduld.“
    Und der Brunnen gab ihnen den Weg zur zweiten Stufe frei.
  2. „Was nimmt zu, je mehr man teilt?“
    Aksel wusste es – „Freundschaft.“
  3. „Was lebt nur, wenn man es nicht festhält?“
    Sie sahen einander an.
    Gemeinsam sagten sie: „Liebe.“

Der Brunnen erbebte – und aus der Tiefe hob sich der Ring, getragen von einem Strahl aus Licht und Wasser.


Die Wahl

Sie brachten den Ring zu Vahna.
Doch statt sich vorzudrängen, knieten die drei nicht vor ihr – sondern voreinander.

„Keiner von uns beansprucht dich,“ sagte Tovahn.
„Wir haben ein Rätsel gelöst,“ sprach Mira,
„doch du bist keine Belohnung,“ sagte Aksel.

Da stand Vahna auf, nahm den Ring – und steckte ihn an ihre eigene Hand.

„Dann wähle ich,“ sprach sie.
„Und ich wähle nicht einen von euch –
ich wähle euch drei an meiner Seite, als Freunde, nicht als Herren.“

Ihr Vater lachte. Ihre Mutter weinte. Und das war, so sagte man, der erste Tag einer neuen Zeit in Talvas.

ENDE

© Alle Texte und Ideen sind geistiges
Eigentum von Ludger Christian Albrecht (Luc A.)