Drachentränen & Feenkrone 1

1. BUCH

Inhaltsverzeichnis:

Prolog
1. Gyi
2. Celeb-Draugh
3. Nagrathul
4. Nevlon
5. Wehrs-Hain
6. Estror
7. Althear
8. Elberak
9. Coceon
10. Chapasan
11. Thiernir
12. Ervenrek
13. Raven-Gohr

Prolog:

Kargoll

Wer die Zeichen deutet
versteht sie auch,
Wer die Glocken läutet,
will uns retten. 1

Das Land lag still da.

Seit fast hundert Jahren, seit ihrer Verbannung durch die Götter, hatte es keine Drachen mehr fliegen sehen.

Aber auch die Burgen der Gorifor, der Drachentöter, wie sie einst genannt wurden, waren verlassen. Eine bleiche Maske aus Nebel verhüllte sie beständig,
der aus den Vulkanen aufstieg, einst Brutstätten des uralten Volkes der Drachen waren.

Der Norden war kalt, das Entsetzen der Vergangenheit saß tief in seinen Knochen.

Walbas, Priester des Aposg, ging langsam über den Acker und spürte es zu seinem Unbehagen bei jedem Schritt, durch seinen zu leichten Umhang.

Er erreicht das vor ihm liegende, heruntergekommene Gemäuer und sah nun, dass eine groß gewachsene Gestalt, im Schatten eines halb zerstörten Daches, stand.

Zumindest einer von ihnen war hier, Condrath von Ettrion, der goldene Drache in Menschngestalt war pünktlich.

Als er nun zu ihm trat, nickte er ihm zur Begrüßung zu, doch dieser, erwiederte die Geste nur unmerklich, als sei sein Aufmerksamkeit in Wahrheit auf etwas anderes gerichtet.

Auffällig war sein rotgolden, wallendes Haar.

Die Tür des Gehöfts ging zur gleichen Zeit auf und eine junge sehr magere Frau, fast noch ein Mädchen, kam daraus hervor. Er kannte sie als Freia von Kargoll, eine Nachfahrin des Geschlechtes, das einst das Land beherrscht hatte und die Drachen besiegt.

Auf dem Arm trug sie einen Säugling.

Ihre Augen strahlten in jenem dunklen Blau, das typisch für die Menschen der Nordweide war, ebenso wie die ihres Kindes.

Ihre Züge waren unverkennbar markant, die Ähnlichkeit zu Sigal, jenem sagenhaften Drachentöter, konnte man tatsächlich erahnen.

Der Wald hinter dem Gehöft barg, wie der Priester wusste, die alte Kultstätte, die der Ursprung all ihrer Hoffnungen war. Doch die Stimmung des Augenblicks war so düster, dass ihn unweigerlich Zweifel überkamen.

Aber die junge Frau machte nun mit der Hand eine Zeichen zu den beiden Männern, ihr zu folgen und ging voran.

Walbas und Condrath tatenwie geheißen und schon nach kurzer Zeit erreichten sie den Blutbrunnen.

Sigal hatte hier, der Legende nach, einst das Blut des letzten in Kargoll erschlagenen Drachen aufgefangen.

Das alte Drachenblut war nur eine wage Hoffnung, aber besser als nichts.

Doch für Walbas sah es, als sie den Brunnen nun erreichten, nur wie klares Wasser aus in seiner Tiefe.

Condrath trat plötzlich vor und zog ein Messer, die junge Frau drückt ihr Baby kurz ängstlich an die Brust. Der Drache lächelte grimmig und Walbas verfolgte die Szen konzentriert, denn er wusste warum Condrath dies tat.

Mit einem schnellen Schnitt über den eigenen Unterarm öffnete dieser nun seine Adern und tauchte den Arm ins Wasser. Frisches Drachenblut würde die Magie des Brunnens, so hofften sie, erwecken.

Als er dann zurück trat und der jungen Frau ein Zeichen gab, tauchte Freia ohne zu zögern, den Hinterkopf des Säuglings in den Brunnen.

Das Kind verhielt sich dabei erstaunlich ruhig.

War es das? Walbas dachte gerade, sie hätten es unbemerkt geschafft, als er das leise Surren in der Luft vernahm.

Er fluchte und seine Augen suchten augenblicklich den Himmel über ihnen ab.

Da kamen sie!

Rasch ergriff er die Hand der jungen Frau.

Sie blickte ihm nur einen kurzen Moment ängstlich in die Augen und reichte ihm dann das Kind.

Er nahm es und lief mit ihm zu seinem, am Rand des Gehöfft angebundenen, Pferd.

Wenige Momente danach, ritt er in gestrecktem Galopp die Landstraße nach Osten,
das Kind in einer Kiepe auf dem Rücken.

Hinter sich sah er es nicht mehr, aber er spürte es, wie ein großer goldener Schatten aus dem Wäldchen mit dem Brunnen empohr stieg und sich der angreifenden Horde entgegen stellte.

Die Götter mögen ihm beistehen, dachte der Priester noch und trieb sein Pferd zu äußerster Eile in Richtung Osten.

____________________________________________________________________________________

1 Unbekannter Philosoph aus Gol Waron, am Tag als die Drachen zum letzten mal über der Stropaden-Nordwand am Rande Stadt auftauchten.

Abuan

… sie jagten sie wie Vieh
unbarmherzig wie nie
und doch entkamen sie wie Schatten
wo die Steine Tore hatten …1

Skalik schaute aufmerksam über den gesamten See2 hinweg.

Der muskulöse Zentauren3-Krieger verzog den Mund zu einem angespannten aber zufriedenen Lächeln, trabte dann vorsichtig einige Schritte zurück und gab Menas, seinem Anführer das verabredete Zeichen mit dem erhobenen Speer.

Sie werden uns diesmal nicht entkommen, dachte er.

Menas erwiderte die Geste mit einem kurzen Nicken seines Kopfes.

Endlich hatten sie sie wieder gefunden, dachte auch er.

Skalik schob den ihn verbergenden Strauch mit der Hand zur Seite und schaute noch einmal hinab in die Talmulde.

Dort am Ufer des kleinen Sees, schwammen die Nymphen unbekümmert im Wasser.

Menas kam zu ihm emporgestiegen.

„Das sind sie“, flüsterte Skalik, „das Kind ist dabei.“

Die farbenprächtigen Streifen, die die Nase und die Wangen des Anführers zierten, glänzten im stärker werdenden Sonnenlicht.

Als beide nun zurück zur Gruppe kamen, erteilte Menas einsilbig seine Befehle und sprach schließlich noch eine letzte Ermahnung, Sitar durfte ihnen nicht noch einmal entkommen.

Nicht weit entfernt von ihrem Standort beobachtete eine andere Gestalt die Szenerie, doch davon bemerkten die Zentauren nichts.

~

Das Kind, schwamm, heftig mit den Füßen strampelnd, auf dem Rücken, während Galat es sorgenvoll betrachtete.

Seit Tagen waren sie auf der Flucht vor den Ukari4.

Sie hatte es Baragan gestanden, dass es das Kind eines Halur-Edlen5 war.

Er war natürlich nicht sonderlich begeistert gewesen, doch er hatte ihr schließlich verziehen.

Er und auch ihre ganze Sippe hielten zu ihr, auch noch, nachdem sie vor zwei Tagen auf dem Sonnenfels nur knapp den Zentauren entkommen waren und sieben von ihnen im Pfeilhagel verletzt wurden und zwei starben.

Tränen standen in ihren Augen, als sie daran dachte.

Die schrecklichen Verfolger wollten offenbar das Kind, aber warum?

Was war an ihm so Besonderes? Wer war der Jäger wirklich gewesen, der sie vor etwa zwei Jahren im Wald von Delaiy aus der Gefangenschaft von Umfren dem schrecklichen Oger befreit hatte und dessen Charm sie dann erlegen war oder war es doch nur Dankbarkeit gewesen?

Die Zentauren waren Diener von Dionel, der Nindur6-Königin, die in diesen Tagen, nach ihrem Sieg über die Halur und den alten König, ihre gierige Hand ausstreckte nach der Herrschaft über ganz Andul.

Sie war der Fluch aller Feen, dachte Galat, obwohl sie selbst zum Volk der Nindur zählte.

Ihre Häscher saßen ihnen im Nacken und sie flohen schon seit Tagen durch den riesigen Südwald.

Traurig musterte sie erneut die regelmäßigen Züge des kleinen Mädchens auf dem Wasser, ihre Tochter sah fast aus wie alle anderen Nymphenkinder, doch die rotgoldenen Augen und der gleichfarbene erste Haarschopf, verrieten das Halurerbe.

Galat lachte bitter auf.

Das Kind war schuld, es  hatte das Unglück über sie gebracht!

Doch im selben Moment erschrack sie über ihren eigenen Gedanken und noch mehr Tränen stiegen ihr in die Augen.

Sie liebte ihr Kind natürlich und würde es immer beschützen.

Plötzlich ertönte ein hoher, durchdringender Pfiff von den umliegenden Hängen und sofort ergriff eine starre Lähmung der Angst von allen Nymphen Besitz.

Die Zentauren hatten sie erneut gefunden!

~

Galat stürzte durch das dichte Buschwerk am Ufer des Sees, ohne auf ihren Pfad zu achten.

Sitar hielt sie fest an sich gepresst.

Sie weinte nun lautstark, während die Dornenranken und sperrige Äste beiden fast die dünnen Kleider vom Leib rissen.

Der harte Hufschlag eines Verfolgers ertönte bedrohlich nah hinter ihr und sie wusste um die Gefahr ihrer todbringenden Pfeile, floh in panischer Angst planlos durch das Gewirr von Schlingpflanzen zwischen den Baumriesen, vom Seeufer fort.

Im Hintergrund vernahm sie dabei, die beunruhigenden Schmerzens- und Todesschreie ihrer Sippe, manche weit entfernt, manche sehr nah.

Ihre eigenen Verfolger, sie glaubte es waren zwei, kamen zudem offenbar stetig näher, welchen Bogen sie auch schlug, nichts schien sie wirklich abzuschütteln.

Schließlich vernahm Sie sogar den keuchenden Atem der Zentauren und ihre wütenden Rufe hinter ihr und die eigene Angst, lähmten ihre Gedanken.

Was sollte sie bloß tun? Es gab keinen Ausweg!

Doch noch war sie nicht am Ende mit allen Kräften, sie war mit dichten Wäldern vertaut und das weglose Unterholz war ihrer Flucht dienlicher als den Vierbeinern bei der Verfolgung.

Eine Zeit lang, da war sie sicher, würde sie, sie noch in ausreichender Distanz halten können, aber was war dann?

Plötzlich tauchte eine kleine Lichtung vor ihr auf, auf der ein riesiger schwarzer, mit Schlingpflanzen umringter Fels thronte.

Überrascht bremste sie ab, verfing sich dabei aber unglücklich in einer vom Boden aufragenden Wurzel und stürzte mit einem verzweifelten Schrei auf den Lippen in das von Laub überdeckte Gras.

Das Kind purzelte aus ihren Armen, genau vor den gewaltigen Stein.

Benommen wollte Galat sich auf rappeln, als ihr entsetzter Blick gleichzeitig in die Richtung fiel, von woher sie die Lichtung betreten hatte.

Zwei Zentauren hatten diese nun auch erreicht, stoppten kurz ab und einer von stürtzte sofort wieder los auf sie zu, während er seinen Speer vorausschickte.

Galat warf sich hastig zur Seite trotzdem fuhr die Waffe nur knapp neben sie ins Gras.

Sie schrie und suchte mit den Augen verzweifelt nach ihrer Tochter, sah sie, trat rasch zwischen das Kind den vermuteten Weg des Angreifers.

Dann packte sie den noch in der Erde steckenden Speer des Zentauren, und riß ihn in dem Moment nach oben, als der Pferdemensch sie erreichte und z mit wildem Kriegsgeheul zum Sprung ansetzte.

Der überraschte Ukari konnte unmöglich ausweichen.

Tief in seine Brust rammte sie die tödliche Waffe und mit einem glucksenden Laut brach er über ihr zusammen.

Für einen Moment lag sie wie erstarrt und hatte das Gefühl ihre Sinne wollten ihr entschwinden.

Da vernahm sie schon den Angriffsschei des zweiten Zentauren, doch als sie sich verzweifelt unter dem ersten Angreifer herauswinden wollte, war es bereits zu spät.

Sie warf einen panischen Blick zu Sitar, die im Gras scheinbar unbeeindruckt vom Geschehen, langsam auf den dunklen, schwarz glänzenden Stein zu kroch.

Waren da Symbole auf der glatten Oberfläche? Formte sich eine Gestalt darin oder spielte ihr die Angst und Phantasie hier einen Streich?

Galat griff, während all dieser Gedanken, instinktiv nach dem Dolch im Gürtel des toten Ukari, riß ihn heraus und warf ihn auf den zweiten Angreifer, der sie im selben Augenblick erreicht hatte.

Doch mehr Gegenwehr gelang ihr nicht, als der Zentaur jetzt über ihr war, das Gesicht wutverzerrt, mit bunten Kriegsfraben bemalt und der mit Federn geschückte Kriegshammer traf sie mit voller Wucht.

~

Erst im letzten Moment erkannte S’kalik die Absicht der Mutter und versuchte die Richtung seines Sprunges noch etwas zu verändern.

Ein lauter Fluch entrang sich seiner Kehle, dann prallte er gegen sie, wobei eine scharfe Klinge sein linkes Ohr traf.

Schmerz durzuckte ihn, der Aufprall fuhr ihm als heftiger Stoß in die Schulter und ein Gefühl der Lähmung setzte ihn kurz außer Gefecht. Doch er war noch nicht auf dem Pfad zu Keibians’Halle 7, sie hatt in Wahrheit nur leicht verletzt und als er die Lähmung abschüttelte, hörter er plötzlich den kurzen ängstliche Schrei eines Kindes.

Die Nymphe war tot, sie lag mit starren Augen neben ihm auf dem Boden der Lichtung, ihr Kopf durch seinen Hammer gespalten.

Das Kind, er blickte sich um, war jedoch nirgends zu sehen.

Mit schmerzlichem Stöhnen richtete er sich lauschend auf. Sein Ohr blutete stark.

Wie war das möglich, hatte er das Kind nicht eben noch neben der Mutter gesehen und gehört?

Da fiel sein Blick auf die ihm zugewandte ungewöhnlich glatte Kante des schwarzen Fels der mitten auf der Lichtung stand.

Seltsame Symbole in der Form eines Torbogens schien langsam darauf zu verblassen.

Er traute seinen Augen nicht, während die Zeichen auf dem Stein nun völlig verschwanden und wieder ein glatte undurchdringlich schwarze Oberfläche zurück ließen.

Sofort trabte er dort hin und tastete vorsichtig mit den Hände den Steine ab.

Hexerei, dachte er und verfluchte sein Pech, während er tänzelnd und mit großem Misstrauen einige Schritte vor dem Fels zurückwich, das ihm erneut die schon sicher geglaubte Beute entkommen war und der Preis, den die Königin darauf ausgesetzt hatte.
_______________________________________________________________________________

1 Of-limei: Herrin der Wunderwirker von Trexim über den Kampf mit den Feuerdiven, die den Untergang des Purpurordens herbeiführten.
2 Abuan: Südliches Hügelland von Andul.
3 Zentauren: Eine Art der Ukari, wie sie sich selbst nenne, also halb Fee halb Pferd oder auch Faune wie die Menschen sagen würden
4 Ukari: Altes  Halb-Feenvolkl, einst über ganz Alwahre verbreitet. Im 1. Darchenkrieg fast ausgerottet.
5 Halur: Lichtfeen
6 Nindur: Traum- oder Dunkelfeen
7 Keibians’Halle: Vorhof des Himmels

Glovn-Wall

… was wir glauben zu beherrschen,
beginnt uns zu beherrschen
was wir hofften zu gewinnen,
beginnt uns zu entrinnen …1

Eine große, hagere Gestalt mit kantigen Zügen, kniete auf einem Knie im großen Saal von Glovn-Wall.2

Königin Dionel, Thewai, Herrin der Nindur und Erste Priesterin der Traumfeen lief zornig, in der gewaltigen Halle umher.

Eine weitere Gestalt wandte sich verängstigt in den Händen von zwei Wächtern, die sie in Ketten vor den Thron geschleppt hatten.

Als Dionel nun plötzlich stehen blieb, bohrte sich ihr Blick in den ihres knienden Dieners.

„Du hast versagt!“ Flüsterte sie, mit vor Wut bebender Stimme und funkelnden gelb schwarzen Augen.

Doch der Knieenede hielt ihrem Blick stand.

Die folgende Stille zog sich knisternd in die Länge.

„Es ist möglich, dass der Drachenlord nichts dafür kann,“ ließ sich dann, eine unangenehm schnarrende Stimme neben Dionel vernehmen und eine weitere, sehr gebeugte Gestalt schob sich aus dem Schatten der riesigen Säulen.

Garank, der Wunderwirker, trat mit schlurfenden Schritten ins Licht der Feuerschalen.

Der Kniende, es war der Drache Avarel Pon in Menschngestalt, erhob sich und nickte langsam, obwohl ihm anzumerken war, dass er dem unerwarteten Beistand nicht ganz traute.

Trotzdem sagte er:

„Euer weiser Ratgeber hat recht Herrin, es war der Stein von Abuan3, eines der uns bisher verborgen gebleibenen magischen Tore.

Die Zentauren konnten ihr nicht folgen. Aber das Kind ist noch ein Säugling, es wird das Labyrinth der Tore ohnehin nicht überlebt haben.“

Die scheinbare Gelassenheit in der Stimme des Drachen löste die starre Verkrampfung in Menas Nacken ein wenig, denn der Anführer der Zentaueren war es, der hier in Fesseln stand.

Die Königin lachte jedoch schrill auf, so dass der Ukari und auch alle anderen, bis auf Pon, merklich zusammen zuckten.

„Du hast vermutlich recht.“ Sagte sie schließlich mit sarkastischem und wieder gedämpften Tonfall.

„Sie wird niemals zurückkehren.“

Doch dann brauste sie erneut auf:

„Aber was wenn doch Drache!“

„Was wenn ihr jemand geholfen hat zu entkommen, dort in Abuan3, wie dieser Wurm dort behauptet!?

Vielleicht sollte ich auch dich bestrafen, mein Freund, da du nichts davon wusstest das dieses Tor existierte, obwohl du es wissen solltest. Vielleicht sollte ich dich zurück zu deiner Horde schicken und den Pakt mit deinem Vater lösen, wenn du mir weiter so nutzlos bist,“ zischte sie giftig.

Pon richtete sich langsam auf, seine Körpersprache signalisierte äußerste Selbstbeherrschung und seine Mine blieb undurchschaubar.

Dann legte er seine Hand beschwörend auf sein Schwert.

„Ich tue nur was ihr befehlt Herrin,“ sagte er mit fester Stimme, doch während Garank im Hintergrund zustimmend murmelte, flüsterte die Königin mit bedrohlich vorgestreckten Lippen:

„So, dann finde heraus ob sie wirklich tot ist oder finde ihre Spur!

Avarel Pon zögerte nur ganz unmerklich, dann nickte er, wandte sich auf der Stelle um und verließ ohne ein weiteres Wort die Halle.

Garank gab unterdessen den Glovn-Wächtern die Menas hielten und mit ihm gemeinsam angespannt die Szene verfolgt hatten, ein verächtliches Zeichen mit dem Kopf.

Sofort schleiften sie diensteifrig den schreienden Zentauren durch einen Seitenausgang hinter sich her.

Die Königin wandte sich in ihren rauschenden Gewändern um und warf ihm einen letzten eisigen Blick nach, der Menas im Innersten erschauern ließ.

Er war verloren, das wurde ihm im selben Augenblick schmerzlich bewußt.

~

Stunden später schritt Dionel noch immer voller innerer Erregung durch die Kammer in ihrem eigenen Turm. Was auch geschah, es würde ihre Pläne nicht aufhalten. Wo dieses Bastard-Kind sich auch verstecken würde, sie würde es finden.

Sie lächelte finster vor sich hin.

Der Traumspiegel würde es ihr letztendlich verraten. Langsam schritt sie auf den mit einem dunklen Vorhang verhüllten magischen Spiegel zu. Sie zog das Tuch herab und die glatte Oberfläche des Artefaktes begann sich augenblicklich zu wellen, wie ein vom Wind berührter Teich.

Sie sprach die Worte der Enthüllung und den Namen der Gesuchten, doch zu ihrer Überraschung und grenzenlosen Ärger, blieb der Spiegel blind.

Sie versuchte es noch einmal und immer wieder, bis sie ihn vor Wut anschrie.

Wie konnte das sein, es musste jemanden geben, der ihr half sich zu tarnen, jemanden sehr Mächtiges.

Dieser jemand war es auch, da war sie nun ganz sicher, der ihr geholfen hatte durch das Tor zu entfliehen.

Die Halur waren noch nicht wirklich besiegt, das wurde ihr nun klar.

War es Alnor? Sie hätte ihn nicht entkommen lassen sollen.

Doch wenn sie ihn fand, würde sie auch Sitar finden, da war sie sich sicher.

In ihren Träumen würde sie sie fangen.

~

Auch Pon war wütend und lief mit entschlossenem Schritt über den Wehrgang der Feste. Seine Schwingen reizten ihn und das war ein sicheres Zeichen, dass er die Verwandlung nicht mehr lange würde aufrecht halten können.

Wenn er zur Befreiung seiner Horde nicht die Zusammenarbeit mit dieser wahnsinnigen Königin benötigen würde, dann hätte er sie liebend gerne im Drachenfeuer geröstet.

Doch er musste sich beherrschen, denn er brauchte ihre Hilfe um die alten Schwerter zu finden und zu zerstören und dann den Stein der Macht wieder zusammen zu setzen.

Einzig die Freiheit seines Volkes war es Wert sich in die Knechtschaft dieser Feenkönigin zu begeben.

Doch nur für eine begrenzte Zeit, knurrte er.

_____________________________________________________________________________

1 Hekmar, Hochfee von Iselgost aus seiner: „Schrift der Überlebenden“
2 Glovne-Wall: Alte Feste der Nindurkönige.
3 See von Abuan: Kleiner Waldsee im Umland von Glovne-Wall.

KAPITEL 1:

GYI

Wo ein Feuer brennt im Nichts.
Nur ein Licht im weiten Sein.
Da muss es Leben geben.
Wenn auch noch so klein.
1

Auf einem Eiland im weiten Fenal’Sinur…2

Die Wälder von Gyi waren riesig. So gewaltig erschienen sie Sitar manchmal, dass ihre Mutter N’diba sie trösten musste und ihr versprach, sobald sie groß wäre, ihr bestimmt den schnellsten Pfad zum Meer zu zeigen.

Sitar blickte Gedankenverloren in die Baumwipfel über sich.

Sie wusste, dass sie keine Ethai war. N’diba hatte es ihr schon früh erzählt.

Du gehörst zu einem anderen, einem großen Volk, das von weit über dem Meer her kommt.

Das Meer, aus dem alles entstand, so wie es die Priester der »Fliegenden Fische« lehrten. Doch die Baumpriester wiederum redeten dagegen und verfluchten den für sie so offensichtlichen Aberglauben der anderen.

Je älter sie wurde desto deutlicher wurde ihr Andersein.

Ihr Körper war schlaksiger, sie überagte daher viele der Gleichaltrigen der Ethai und ihr Haar nicht so strohig und dunkel, es wellte sich in hellen Locken um ihren Kopf, wenn es nicht wie meistens und auch jetzt in kleinen Zöpfen gedreht war, wie man es unter den gleichaltrigen Messi, den jungen weiblichen Ethai Tradition war.

Besonders ihre Augen, ihre rot goldenen Augen waren anders, als die üblicherweise blass blauen, grünen oder dunklbraunen der Ethai.

Sie blinzelte jetzt in das, zunehmend stärker durch die Blätter dringende, Sonnenlicht.

So oft hatte sie ihre Ziehmutter gefragt, wer ihre wirklichen Eltern waren und ob sie noch lebten und wenn ja, wo?

Doch N’diba, das war ihr schließlich klar geworden, wusste nicht mehr als sie ihr bereits gesagt hatte.

In den letzten Wochen nun, hatte sie häufiger als sonst den Gedanken an ihre Herkunft nach gehangen, von denen sie Fa’mur, N’dibas Mannling, mit allerlei unterhaltsamen Baumblätterspielen immer wieder abzulenken suchte.

Sie liebte Fa’mur, er war ein großer Spaßvogel und hatte sie schon oft dazu gebracht, dass sie all ihre Sorgen vergaß.

An diesem Morgen jedoch, nach dem sie die anderen Ethai-Kinder ob ihres Aussehens, wieder einmal aufgezogen hatten, war es ihm nicht gelungen und sie war besonders schwermütig aus dem Dorf geschlendert.

Sie hatte sich auf ihren geheimen Hügel gesetzt, eine kleine Graskuppe mitten in einer ausgedehnten Federdornhecke, und grübelte wieder einmal seit Stunden über das Geheimnis ihrer Herkunft nach.

N’diba hatte ihr erst etwa ein Jahr zuvor zum ersten Mal erzählt, dass Set’okla, der Stammesführer, sie einst im Bergwald gefunden habe.

An einer besonderen Stelle, so hatte sie sich ausgedrückt.

Später hatte ihr Fa’mur etwas von einem großen Stein erzählt, aus dem sie gekommen sei.

Sie lachte bitter auf:

„Aus einem Stein!?“

Ihre gedrückte Stimmung an diesem Tag wurde noch genährt von ihrer Müdigkeit und Verwirrung.

Sie hatte bereits seit einigen Tagen nicht gut geschlafen.

Was, wie sie glaubte, daran lag, dass sie von diesem ungewöhnlichen Traum heimgesucht wurde, den sie seitdem immer wieder hatte und der ihr Fa’murs alte Erzählung doch plötzlich möglich erscheinen ließ.

Der Traum lief dabei auf immer gleiche Weise ab:

Ein hochgewachsener Mannling in blau schwarzer Robe und mit dunklem Umhang, stand vor einem dicht bewachsenen Stein. Sein Gesicht, aus dem hervor zwei rot goldene Augen, ganz wie die ihren, blitzten, lag halb im Schatten einer darüber gezogenen Kapuze, so dass sie seine Züge nie ganz erkennen konnte.
Seine Stimme sprach in einer fremden Zunge, die sie nicht verstand, die ihr aber doch irgendwie vertraut schien. Er entfernte sich von ihr während er ihr immer wieder mit Gesten anzeigte, dass sie ihm folge sollte. Doch sobald sie es tun wollte, war er plötzlich im Stein verschwunden.

Sitar erchauerte, wenn sie daran dachte und fragte sich zunehmend, welche Bedeutung dieser Traum wohl haben mochte und ob er tatsächlich etwas mit ihrer Herkunft zu tun hatte?

Sie zog die schlanken Beine enger an ihren Körper heran, als ob ihr einen Moment zu kalt geworden sei, da hörte sie plötzlich wie jemand ihren Namen rief.

„Sitar, Sitar!“

Die Rufe kamen näher und sie sprang hastig auf, denn sie wollte ihren geheimen Platz nicht offenbaren.
Sicher war es Iva’lik, ihr kleiner Halbbruder, der ihr schon wieder nach geschlichen war.

Darum sprang sie auf und lief nun rasch den Hügel hinab in die Richtung aus der sie glaubte, die Stimme zu vernehmen.

Es klingt nicht wirklich nach Iva’lik, dachte sie jedoch während des Laufens.

Nach wenigen Metern sprang sie geschickt über einen Tschiwan3-Bau und bog um einen großen Weißblütenvorhang, der ihr als Erkennungsmerkmal diente, als sie auch schon mit jemandem zusammen stieß.

„Hoo!“

Rief ein großer Mannling, der ihr plötzlich den Weg versperrte.

„Da bist du ja.“

Sitar, schnappte nach Luft, wich einige Schritte zurück und musterte die Gestalt, die sie noch nie zuvor gesehen hatte, oder doch?

Sie wich einige Schritte zurück und stieß die Worte hervor:

„Wer, seid ihr?!“

Sie betrachtete ihn dabei eingehender.

Er trug eine schwarze Robe, die um die Taille von einem breiten Gürtel gehalten wurde.

Sein Hals schmückte eine glitzernde Kette mit einem intensiv grünen leuchtenden Stein.

Sein Haar, das ihm frü Ethai ungewöhnlich bis zu den Schultern fiel, umrahmte ein nicht mehr junges, aber fein geschnittenes Gesicht, in welchem der Backenbart nur eine zarte Andeutung war.

Außerdem trug er einen Pfeilköcher auf dem Rücken und ein Gebilde, das einem Bogen ähnlich sah, aber dicker und kleiner war.

Am Gürtel steckte ein Dolch in einer, mit ihr unbekannten Symbolen verzierten, Lederscheide.

Er war groß und kräftig, wirkte dabei jedoch auf seltsame Art hager.

Er war eindeutig kein Ethai.

Auch sein Haar war heller, so hell wie Ihres. Doch erst als sie seine Augen unter den langen Liedern sah, stockte ihr der Atem.

„Euer Augen, sie sind wie meine…,“ stammelte sie, „ihr habt auch rotgoldene Augen.“

Sie starrte ihn jetzt mit offenem Mund an.

Dann wich sie noch weiter, einige Schritte vor ihm zurück, hielt jedoch schnell, über sich selbst verärgert, inne.

Immerhin war sie hier zu hause und er eindeutig ein Fremder.

Der Mannling hatte unterdessen noch kein Wort gesagt, lächelte aber und sie fasste allen Mut zusammen und widerholte noch einmal:

„Wer seid ihr? Was wollt ihr hier? Dies ist das Land der Dubahr und wir wünschen keine Fremdlinge in unserem Wald und woher kennt ihr überhaupt meinen Namen?“

Seine Miene wurde ernst doch er antwortete mit der Andeutung eines Lächelns:

„Verzeih, dass ich Dich so überrumpelt habe. N’dibar sagte mir wo ich Dich finden kann.“

Er ging einen Schritt auf sie zu und fasste ihren Arm.

Sitar schrak zusammen und fuhr ihn an:

„Lasst mich sofort los?!“

Rief sie aufgebracht.

„Ich bin eine Waqi4, ihr dürft mich nicht einfach berühren.“

Natürlich war das eine Lüge und sie wusste sofort, dass er es ihr auch nicht glauben würde.

Anstatt sie los zu lassen lachte er nachsichtig.

„Ich sehe, dass sich alles an dir, einschließlich deines Mundwerkes, zu meiner Zufriedenheit entwickelt hat, Sitar E’galat, Hoffnung aller Feen.“

Er machte nun zu ihrem Erstaunen eine leichte Verbeugung.

Sitar stieß einen überraschten Laut aus.

„Wie nennt ihr mich?“ Stotterte sie schließlich und fügte hinzu:

„Seht ihr, ihr haltet mich für jemanden Anderen.“

Er schüttelte den Kopf und strich sich dabei mit der linken Hand über den Bart.

„Ich bin Alnor und ich nannte deinen wahren Namen, Sitar. E’galat bedeutet übersetzt in deiner Sprache: Tochter der Galat. Denn dies war der Name Deiner wahren Mutter,“ sagte er mit ernster Stimme.
„…und Du bist auch die Tochter König Thargals und somit meine Halbschwester.“

Er verzog den Mund nachdenklich.

„…und ich glaube daher nicht, dass ich dich verwechsele, deine Augen, du hast es selbst bemerkt, bezeugen unsere Verwandtschaft.

„Der Name meiner Mutter lautet N’diba …“, stieß Sitar hervor, aber der Zweifel war ihrer Stimme anzumerken.

„Natürlich, während deiner Zeit hier auf Gyi,“ antwortet Alnor, „doch dies ist nur ein Teil der Wahrheit und du weißt das.“

Sitar blinzelte erneut in das Licht der Mittagssonne, die für einen Augenblick einen besonders funkelnden Strahlenarm durch das dichte Laubdach reckte.

„Ihr behauptet meine wahre Mutter zu kennen?“

Flüsterte sie dann und musste sich setzten, denn sie verspürte wie eine schwindelnde Übelkeit von ihr Besitz ergreifen und ihre Füße unter ihr nachgaben wolten.

Der große Mannling nickte und machte eine beruhigende Geste.

„Ich bin ein Fee und komme aus Andul, was auch deine wahre Heimat ist und auch du bist darum eine Fee und gehörst zum Volk der Halur, mehr noch du bist…“

Doch er unterbrach sich als er ihren unglücklichen Gesichtsausdruck sah und fuhr nach einer kurzen Pause weniger eindringlich fort:

„… ich rede schon zu viel, wir werden später, so hoffe ich, mehr Zeit für Erklärungen haben. Nun sollten wir ins Dorf zurückkehren.“

Er fasste die sprachlose Sitar erneut an den Händen.

„Seit ihr der Fremde in meinen Träumen?“ Flüsterte sie, denn das Gefühl ihn zu kennen wurde in ihr immer stärker.

„Ich will es wissen.“

Er blickte sie nachdenklich an und nickte.

„Möglich ist es“, antwortete er.

„Wir sind uns schon einmal begegnet. Ich brachte dich als du noch sehr klein warst aus Andul hierher. Dort war dein Vater ein mächtiger König. Doch es gab einen schrecklichen Krieg und er kam ums Leben. Deine Mutter ist ihm nur einmal begegnet, doch sie wurde nach deiner Geburt gejagt und sie starb bei dem Versuch dich vor den Verfolgern zu schützen.“

Er blickte sie bekümmert an und sah, dass seine Wort natürlich Tränen in ihre Augen spülten.

„Ja, leider sind Deine beiden wahren Eltern nicht mehr am Leben. Ich konnte jedoch immerhin dein Leben retten.“

Er verstumte um seine Worte auf sie wirken zu lassen. Dann fügte er an:

„Seitdem du hier im Lande der Ethai lebtest warst du in Sicherheit. Bis jetzt.“

Sitar schluckte und er fuhr fort:

„Ich hätte Dir gerne all das einmal in Ruhe erzählt, aber du bist nun erneut in großer Gefahr und das ist der Grund meiner vorzeitigen Rückkehr nach Gyi.“

Sitar wusste nicht was sie dazu sagen sollte.

Sie saß hier, mitten in dem ihr vertrauten Wald der Ethai, nicht weit von den heimatlichen Zelten und dieser Fremde, der aus dem Nichts aufgetaucht war, behauptete solche unglaublichen Dinge.

Er hatte nichts Bedrohliches an sich, aberauch wenn er ihr vertraut vorkam, warum sollte sie ihm glauben?

Sie spürte wie sie ein Anflug von Ärger überkam und verschränkte darum nun trotzig die Arme vor der Brust und funkelte ihn mit den Augen misstrauisch an.

„Ich glaube euch kein Wort!“

Sagte sie, doch sie konnte das leichte Zittern in ihrer Stimme nicht verbermeiden.

Würde sie ihm entkommen können, wenn sie jetzt aufsprang und weg lief? Kannte er sich aus? N’diba hatte ihm den Weg beschrieben, hatte er gesagt, aber stimmte das?

Ihr Ärger wich erneut dem Zweifel und sie entschied sich dagegen.

Dann liefen sie gemeinsam zum Dorf.

N’diba erwartete sie bereits.

Mit den üblichen Ritualen welche die Ethai für den Besuch eines Fremden abhielten vergingen etwa drei Stunden und eine weitere mit gemeinsamem Gamkrauchen.5

Dann stand Setoklar, der Stammesführer auf und rief den Kriegsrat zusammen.

Der Fee trat schon bald danach in den Kreis der Ältesten.

„Die Welt verändert sich…“ Begann er.

Sitar die mit N’diba unter den Machtfrauen6 sitzen durfte, hielt gespannt den Atem an.

Sie wusste nun das Alnor gekommen war um sie mit sich zu nehmen. Sie hatte Angst, Angst um sich selbst, um die Ethai und um die einzigen Eltern, die sie kannte und liebte.

„Nein“, hatte sie noch vor der Versammlung zu ihm gesagt, „ich gehe nicht.“

Doch die Wahrheit war, dass ihr Gefühl ihr sagte, dass sie würde gehen müssen, wenn sie nicht sterben und auch die anderen in Gefahr bringen wollte. N’diba hatte Alnor nach dem Weg gefragt den er mit ihrer Tochter gehen wolle und wohin er sie brächte, aber der Fee hatte nur geantwortet:

„Ich darf es euch nicht sagen, denn die Nindur sind grausam.“

Das hatte ihnen beiden nur noch mehr Angst eingejagt aber Fa’mur brummte doch grimmig seine Zustimmung ob dieser Umsicht des Fremden. Also sprach Alnor im Rat und er stand gewaltig dar und seine Worte machten Eindruck unter den Ethai.

„Sie werden kommen!“ Rief er mit eindringlicher Stimme.

„…und sie kennen keine Gnade, wenn sie…!“ er wies mit ausgestreckter Hand auf Sitar, das diese zusammen zuckte. „…wenn sie noch unter Euch ist!“ Schloss er mit ernstem Tonfall.

Nachdem sie seine Worte auf sich hatten wirken lassen, standen die Krieger einer nach dem anderen auf und hielten flammende Reden über den Kampfesmut und den Stolz der Ethai und der Abend endete in kriegerischen Gesängen.

Noch zweimal versuchte er in den folgenden Tagen den Rat zu überzeugen ihm Sitar mitzugeben, doch vergebens und unterdessen verstrich die Zeit unerbittlich. Alnor kam während der Nacht des dritten Tages in ihre Hütte, er hatte N’diba und Famur geweckt und Sitar hörte sie leise miteinander sprechen.

Etwa eine Stunde lang lag sie bereits bange wach, bevor N’diba kam um auch sie zu wecken.

Sitar wusste, dass nicht mehr die Zeit war für viele Fragen. Sie blickte in die Augen ihrer Mutter und verstand, dass sie bereit war sie gehen zu lassen, dass es richtig war zu gehen.

Auch Fa’mur verlor nicht viele Worte, sondern gab ihr lediglich den kleinen geschnürten Beutel, den sie sich dann auf den Rücken schnallte.

Sitar umarmte ihn und N’diba mit Tränen in den Augen.

Dann verließen sie das Dorf, auf einem, ihr vertrauten, schmalen Pfad, der zu den Weideplätzen der Ulomps7 führte. Hinauf in den Bergwald, über die Ebene der dickhalmigen Buntgräser.

Oft wandte sie sich um und immer mehr verlor sich das Dorf im Schatten.

Nachdem sie einige Zeit schweigend nebeneinander her gegangen waren, flüsterte Sitar schließlich:

„Was wird geschehen?“

„Sie werden sterben.“

Antwortete Alnor mit düsterer Stimme.

Sitar schluckte hart, während sie seinem raschen Gang kaum folgen konnte.

„Wegen mir?“

Brachte sie schließlich, Tränen erstickt, hervor.

„Nein,“ sagte er mit fester Stimme, „weil die Welt nicht gerecht ist und wir alle unserem Schicksal zum Opfer fallen, wenn die Götter es so wollen.“

Sitar verstand nicht genau was er damit meinte, aber seine Worte hatten nichts tröstliches an sich.

Während sie weiter bergan wanderten, blieb sie lange still und in trübseliger Stimmung.

Für ihr Alter war sie bereits sehr einsichtig wie ihr N’diba oft schon gesagt hatte, doch sie verstand nicht, was hier wirklich geschah und worin die tödlich Gefahr für sie und ihr Dorf bestand.

Aber sie verspürte eine wachsende Angst in sich, die ihr jeden Schritt voran erschwerte und sie lähmte in ihren Gedanken.

Am liebsten wollte sie umkehren und sich sofort zurück in N’dibas Arme stürzen. Aber sie spürte das es dafür bereits zu spät war. Sie hatte sich entschieden.

„Wohin gehen wir?“

Fragte Sitar schließlich, nachdem sie schon viele Weiten zwischen sich und das Dorf gebracht und die Schatten der Nacht ihre Undurchsichtigkeit verloren hatten.

„Wir gehen zu einem Platz, den man in der Sprache der Ethai8 Gyions’ Hort nennt.“

Antwortete er mit kehliger, müde klingender Stimme.

Sitar erschrak, sie kannte diesen Ort, es war ein dunkler See am Fuß des großen Feuerberges, der im Zentrum des Ethai-Landes lag.

Die Alten erzählten Geschichten von einem gewaltigen Drachen der im Inneren des Berges hauste und in früheren Zeiten viel Feuer gespuckt hatte, das die Hütten und Bäume verbrannt waren.

Schon lange war dies nicht mehr geschehen, doch sie warnten die jungen Ethai stets, dass der Drache nur schlafen und eines Tages wieder heraus kommen würde.

Wirklich hörte man gelegentlich sogar bis ins Dorf, seltsame, furchterregende Geräusche, die aus dem Bauch des Berges zu kommen schienen.

Einmal in der Nacht, hatte auch Sitar sie ganz deutlich gehört.

Als sie etwa zwei Stunden später dem ausgetretenen Pfad durch das hohe sich im Nachtwind wiegende Buntgras gefolgt waren, erreichten sie die Weideplätzen der Dreihörner.

Die genügsamen Tiere lagen wiederkäuend im Gras.

Dort war ein Felseinschnitt in einer sanft ansteigenden, mit Krüpelurmen9 bewachsene Hügelkette.

Als sie ihn durchschritten, dämmerte der Morgen in rot goldenen Farben und spiegelte sich in der schwarz glitzernden Oberfläche des vor ihnen ausgestreckten Sees.

Sitar erinnerte sich noch gut daran, das sie Fa’mur einmal mit hierher genommen und ihr die Geschichte vom Feuerberg erzählt hatte.

Der Berg hat sie damals mächtig eingeschüchtert und das war jetzt nicht viel anders. Er war groß und bedrohlich und das Wasser des See eine dunkle Ahnung unergründlicher Tiefe.

Als sie jetzt an das Ufer gelangten ragte die steile Silhouette des Vulkans mächtig gegen den wolkenlosen Himmel und an seinem Fuße rauschte der See mit gleichmäßigem Uferschlag.

Im Schilf und dem durch Farn abgegrenzten Kiesstrand, summte, quakte und zirpte bereits eine ansehnliche Schar von Seebewohnern.

Alnor hielt inne, nahm seine Proviantbeutel vom Rücken und holte eine Decke daraus hervor.
„Wir sollten uns etwas ausruhen.“

Sagte er mit ruhiger Stimme. Dann ließ er sich auf dem Strand nieder und legte die Decke um sie beide.
Er fasste an sein Amulett mit dem grünen Stein und Sitar glaubte kurz, diesen noch etwas mehr aufleuchten zu sehen.

Ein leichtes Frösteln schien ihren Körper zu durchlaufen als sie sich neben ihn setzte.

Er lächelte sie zögerlich an.

„Die kalten Morgentemperaturen hier sind für mich ungewohnt.“ Sagte er dann.

Die junge Fee nickte und lehnte sich an ihn.

Eine spontane und vertraute Geste, von der sie nicht genau wusste warum sie es tat, die ihr aber ein weiteres Lächeln von ihm einbrachte.

„Nun sind wir an Gyions’Hort und was jetzt?“ Flüsterte sie.

„Wir warten.“ Gab ihr Alnor zur Antwort.

„Worauf?“

Alnor schwieg einige Augenblicke und spielte dabei mit einem Grashalm zwischen den feingliedrigen Fingern.
Dann sagte er:

„Wir warten auf das Erscheinen des magischen Tors.“

Sitar löste sich mit einem Ruck von ihm und runzelte verwirrt die Stirn.

„Nun,“ Alnor seufzte, „eigentlich bist du noch zu jung um das zu verstehen. Aber du musst es wissen“.
Er blickte ernst in ihre fragenden Augen.

„Es existiert eine Kunst oder manche sagen auch eine göttliche Gabe auf der Welt, die man Magie oder auch Zauberei nennt. Sie ermöglicht es uns Feen und auch anderen Völkern, mit Hilfe unseres Geistes, unseres Willens und unterschiedlichen Hilfsmitteln der Natur, beispielsweise etwas zu bewegen, ohne es berührt zu haben.“

Sitar lachte. „Wie soll das gehen?“

„Durch geistige Kraft und…“

Alnor brach ab, denn er sah, dass das Mädchen den Mund schief zog. Jetzt lachte auch er.

„Ich sagte ja, es ist eben nicht leicht zu verstehen. Das eine nur noch. Diese Kraft ermöglicht die Existenz magischer Tore. Diese sind Eingänge zu einem Wegsystem, dass im nicht sichtbaren Raum, man nennt diesen eine andere Dimension, existiert und mit dessen Hilfe man große Strecken zurücklegen kann, ohne dafür laufen zu müssen oder etwa ein Pferd zu benutzen.“

Alnor presste die Lippen zusammen, als er Sitars faszinierten Ausdruck im Gesicht sah.

„Manch Tore sind verborgen und können nur durch Magie sichtbar werden. Ihre Ziele sind nicht immer sicher und man kann sich auch verirren in den Wegen dahinter.“

Sie blickte ihn zweifelnd an.

Er nickte.

„Doch manchmal sind sie der letzte Ausweg. So war es für dich vor langer Zeit schon einmal,“ fügte er hinzu „und so ist es auch heute.“

Sitar dachte an ihren Traum. Also war jener Stein auch ein magische Tor gewesen.

„Aber, wer verfolgt uns, warum müssen wir fliehen?! Und wo ist hier dieses Tor?“

Rief sie, heftiger als sie gewollt hatte.

„Das Tor ist im See.“

Antwortete Alnor ohne direkt auf den anderen Teil ihrer Frage einzugehen.

Sie blickte angestrengt hinaus.

„Aber dort kann ich nichts erkennen, was wie ein Tor aussieht.“

Sitar sprang jetzt auf und lief einige Schritte, bis ihre Füße das strandende Wasser erreichten.

Sie blickte auf die Wasseroberfläche hinaus, dann wanderten ihre Augen zum Himmel und zufällig in Richtung des Ethaitales.

War das Rauch der sich dort kaum vom noch letzten Nachtschleier vor dem Sonnenaufgang abhob? Und was waren das für große Schatten in der Luft darüber, zahlreich und bedrohlich?

Sie kniff die Augen zusammen und hielt den Atem an um zu lauschen. Konnte sie Stimmen vernehmen, Schreie? Sie war sich nicht sicher.

„Ich glaube dort unten passiert etwas!“

Rief sie aufgeregt und stolperte zu Alnor zurück.

Dieser war inzwischen ebenfalls aufgestanden und trat neben sie. Auch er schien unruhig und schaute nun angestrengt zur Mitte des Sees hin. Dabei murmelte er ein paar Worte über seine Lippen, in einer Sprache die Sitar nicht verstand und berührte erneut sein Amulett.

Sie sah angespannt, dass er sich dabei sehr konzentrierte.

Dann hörten sie beide plötzlich dass sie kamen.

Seltsame Geräusche drangen vom Felseinschnitt zu ihnen und schon sahen sie, wie sich eine geflügelte Gestalt über die Felskannte erhob, noch undeutlich flimmernd in der roten, glühenden Morgensonne.

Sitar sog scharf die Luft ein.

„Was ist das..“, wollte sie sagen, doch da riss Alnor sie an den Schultern herum und ihr Blick folgte seinem ausgestreckten Arm.

Ihre Augen weiteten sich vor Erstaunen, denn aus der Mitte des Sees tauchte nun ein grau brauner Fels hervor und schlug heftige Wellen gegen das Ufer.

Auf dem Fels erhob sich ein weit über mannshoher Torbogen, durch den wie bestellt der erste vorsichtige Sonnenhauch des Morgens fiel.

„Siehst du das Tor.“ Flüsterte Alnor. „Dies ist der Weg nach Celeb-draugh.“

Sie schluckte und er fügte hastig hinzu:

„Ich würde lieber einen anderen Weg gehen, doch ich fürchte wir haben keine Wahl.“

Sitar nickte beklommen und staunend.

Doch Geräusch, die einem aufkommenden Wind glichen in ihrem Rücken lenkte ihrer beider Aufmerksamkeit zurück dorthin.

„Pon!“ knurrte Alnor

„Ich habe befürchtet, dass er es ist, der uns jagt.“

„Ein Drache!“

Stieß Sitar hervor.

Auch wenn sie noch nie einen gesehen hatte, so wusste sie aus Geschichten, nicht zuletzt jener vom feuerspeienden Berg, wie sie aussehen mussten.

Vor Schreck konnte sie sich keinen Schritt rühren

Doch der Fee schüttelte sie am Arm und rief:

„Schnell in den See, schwimme zum Tor!“

Sitar zögerte noch immer.

„Und was ist mit euch?“

„Lauf und Schwimm!“ Er warf ihr einen flehenden Blick zu.

„Durchquere das Tor, dann bist du in Sicherheit, dort erwartet dich jemand. Ich werde ihn lange genug aufhalten und…“

Er stockte während er von seinem Rücken nun mit geübter Bewegung die kleine Armbrust herab zog und sie rasch auf den Drachen anlegte, den Bolzen spannte und schoss.

Sitar lief und sprang ins Wasser, das ihre Kleider sofort in seiner ganzen unangenehmen Kühle durchdrang, sie schluckte das nasse Element und prustete, aber sie konnte gut schwimmen, N’diba sei dank, dachte sie.

Sie versuchte nun so schnell sie konnte die Insel zu erreichen, nur gedämpft hörte sie Stimmen und Kampflärm, durch die Geräusche die sie selbst verursachte, hindurch.

Wie eine Ewigkeit kam es ihr vor, bis sie endlich den Fels erreichte. Sie zog sich hastig hoch und sah nun dicht vor sich, den aus tief schwarzem Gestein bestehenden und mit silbernen Zeichen verzierten, Torbogen.

Aber im selben Moment spürte sie plötzlich einen Schatten über sich, noch bevor sie ihn sah. Der Drache stieß einen kehligen Schrei aus und sie hörte das Peitschen der Luft durch mächtigen Flügelschlag.

Panische Angst durchfuhr sie und ließ sie erstarren.

Vom Ufer drang Alnors Stimme verzerrt zu ihr herüber: „Spring hindurch, schnell!“

Sitar spannte mit aller Entschlossenheit die Muskeln an und stolperte vorwärts.

Ein Schmerz durchzuckte ihren Rücken und sie nahm kaum wahr das auch ihr Kleid zerriss.

Sie sah den See auf der anderen Seite des Torbogens, genauso wie auf jener und der Gedanke drängte sich ihr auf, dass sie dort nicht sicherer sein würde wie hier.

Doch plötzlich verschwamm das Bild vor ihren Augen.

Ihre Füße fanden keinen Boden, sie ruderte mit den Armen in der Leere, ein großer Druck überfiel ihre Ohren zwischen denen der Kopf dumpf hämmerte.

„Was ist das?“, dachte sie noch und zugleich hatte sie das Gefühl dies schon einmal erlebt zu haben.

Dann schwand ihr das Bewusstsein.
_______________________________________________________________________________
1 Hart Kesuman, Seefahrerbarde von Tawelen in seinem berühmten „Reiselied über die weite See“.
2 Fenal’Sinur: Wasser der tiefen Schatten. Das große Meer zwischen den Kontinenten Andul und T’alour.
3 Tschiwan: Geringelter doppelhäutiger Waldwurm, der so nur auf Gyi vorkommt.
4 Waqi: Eine bereits einem Mann versprochene Frau.
5 Gamk: Tabakähnliches Kraut mit gelblichen Faserblättern, das von den Dubahr wegen ihres besonders starken Aromas geliebt wird und das man in kleinen Tonpfeifen nur zu besonderen Anlässen raucht.
6 Machtfrauen: Dubahrausdruck für die mit einem Mann fest verbundenen (verheirateten) Frauen des Stammes.
7 Ulomps: Dreihörnige Bergkühe, die von den Dubahr in kleinen Herden gehalten werden, um aus ihrer Milch den wohlschmeckenden Ulompur, einen herzhaften Butterkäse herzustellen.
8 Ethai, Uthai, Sethai: Die menschenähnlichen Stämme auf Gyi.
9 Krüpelurme: Oft stark verwachsene Zwergbaumart, die besonders häufig auf vulkanischem Gestein.

KAPITEL 2:

CELEB-DRAUGH

…und suchen werdet ihr müssen
verborgen sind sie, verloren ihre Kraft
vergessen die göttlichen Taten
zerbrochen ihre Klingen.
Doch wehe den Drachen,
wenn sie wieder singen. 1

Condrath, der goldene Drache, starrte nachdenklich auf das vor ihm liegende Spielbrett.

Durch das offene Fenster drang der Lärm der mit Händlern und Käufern überfüllten Marktgassen zu ihm herauf.

Ärgerlich schüttelte er in seiner menschlichen Gestalt den Kopf und schob eine gold graue Haarsträhne aus seinem Gesicht.

„Wie soll man sich bei diesem Krach konzentrieren können?“ Brummte er.

Seit vielen Jahren lebte er nun als Magier unter den Menschen, hatte sich aber noch immer nicht daran gewöhnt.

Er zupfte an seinem schon ergrauten Bart und blickte mit scheinbar gequälter Mine in die grinsende Gesichtszüge des Baguar2, der ihm gegenüber lässig auf seiner rosa Wolke schwebte und sich mit einem Kerzenständer gelangweilt, das überdimensionale Gebiss säuberte.

„Ich gebe auf für diesmal.“ Condrath zuckte dabei resigniert mit den Schultern.

Der Dämon musterte ihn vergnügt und vollzog dann genüsslich die entscheidende Handbewegung in Richtung seiner Spielfiguren.

Plötzlich erwachten diese zum Leben.

Etwa eine Hand voll, dem Original aufs Haar gleichende kleine Dämonen, fielen über den einzigen noch verbliebenen goldenen Drachen her und zerrissen ihn in Stücke.

Missmutig beobachtete der Magier die Szenerie.

Als es vorüber war, rülpste der Dämon befriedigt und sagte schließlich mit tiefer, schnarrender Stimme und einer geradezu teuflischen Grimasse:

„So, nun verbleiben Euch nicht mehr viele Wünsche, Meister.“

„Immer noch genug,“ antwortete Condrath mit einem spöttischen Grinsen.

Der Dämon schüttelte verwirrt den riesigen Kopf.

Condrath lächelte ihn heiter an.

„Im Rechnen bin ich dir voraus. Aber du sollst sehen, ich mache wie immer eine weitere Kerbe hier in dein Zeitholz.“

Er holte seinen Dolch aus dem Gürtel und schnitt damit in ein, wie ein grober Ast ausschauendes Holzstück, das neben dem Spielbrett lag.

Der Baguar grunzte befriedigt und sagte schließlich mit einem hoffnungsvollen Unterton in der Stimme:

„Noch ein Spiel, Herr?“

Der alte Drache schüttelte den Kopf.

„Heute nicht mehr mein Guter, du weißt es wird Zeit für mich.“

Der Dämon knurrte mürrisch.

Condrath stand auf und machte eine gebieterische Geste zum Dachstuhl hin. Knurrend verschwand das Wesen aus dem Raum.

Der Magier erhob sich und griff nach einem langen Stab, der in der Ecke des Raumes stand.

Er war aus festem Notalg-Holz 3, völlig gerade und von etwa 2 m Länge und 10 cm Dicke.

Die dunkle Polmenfarbe 4, mit schwacher Musterung war bereits auffällig, doch weit weniger wie der am oberen Ende auf dem Stab steckende Ziegenkopf mit weißem zottigen Fell.

Wie man unter Magierkreisen wusste, war dies ein Fetisch in dem ein Geist gefangen werden konnte.

Es war daher ein sehr nützlicher magischer Stab, denn in ihm war tatsächlich ein Geist gefangen, welchen er sich dienstbar machte.

Condrath stützte sich jetzt auf den Stab und schnaubte, als er durch das Fenster den Stand der Sonne sah.

Er würde pünktlich am Tor-Pavillon sein, wie er es seinem Freund Vedras versprochen hatte.

Daher zögerte er nun nicht länger und stapfte durch den gurgelnden Fliegentöter, hinaus auf die Zinoberterrasse mit den purpur grünen Säulen.

Ein bunt leuchtender Plattenpfad führte von hier über eine große Wiese vom Haupthaus fort.

Er hatte einen Schwäche für Farben.

Auch die Blumenpracht im Garten war äußerst ungewöhnlich, jetzt im frühen Sturm. 5

Die vielen zauberhaften Pflanzen im Garten schienen sich aber wenig an der Jahreszeit zu stören.

Condrath wunderte sich immer wieder aufs Neue über die phantastische Wirkung der uralten Magie, die auch den Garten umgab.

An einem großen Kastanienbaum hinter den Beeten der Tupfertulpen, hingen fünf ungewöhnliche Bienenstöcke.

Einer hatte die Form einer Kugel, ein anderer die einer Zitrone, zwei waren wie Schneckenhäuser geringelt und der letzte schließlich war in der Form eines Ringes gestaltet.

Mitten unter blauen Nelkenfeldern erhob sich zudem eine mächtige Termitenburg und alle Arten von Schmetterlingen flatterten fröhlich durch das Meer der Gewächse.

Zuckerkäfer, Glockenfliegen, Wasserhummeln, Wanderschrecken, Silberstelzen und vieles mehr tummelten sich um den kleinen Gartenteich.

Condraths Blick fiel nun auf den Pavillon, der umgeben von leuchtenden Feuerrosen, im Hintergrund der schimmernden Wiese auf einer Anhebung stand.

Steinerne, kindliche Elfengestalten, in festlicher Kleidung warfen sich lachend, wirbelnde Blütenkugeln zu. Das Dach formte sich zu einer hübschen kleinen Nachbildung des Urvaters der Bäume, vor dem die zierliche Figur einer tanzenden Dryade verewigt war. Im frühen Sonnenlicht glitzerte auf der Stirn der Statue der grüne Stein des »Magischen Tores«.6

In den Augenwinkeln bemerkte Condrath die Schatten der großen Zegonfarne, die blutgierig den Pfad zum Tor bewachten und hinter dem mächtigen Stamm einer Schläferesche, die Umrisse eines alten Zyrloten 7, Diener des letzten Hausherren und Hüter des Gartens, der jeden fremden Eindringling mit seinem gewaltigen Faun-Gehörn vertreiben würde.

Unbeeindruckt überprüfte Condrath den Sitz seines Gewandes und marschierte den Pfad entlang und der marmornen Treppe entgegen.

Nach wenigen Schritten erkannte er auch schon die schmale dunkle Gestalt zwischen den umrankten Säulen.

Hoch gewachsen, in grün blaue Gewänder gehüllt, mit silbern und bronzen glänzender Rüstung und dem golden verzierten Helm mit blauen Bändern darum, ein Zeichen hochstehender Munir 8.

Die eng anliegende Beinhose über den bronzen beschlagenen Knöchelstiefeln, den Rundschild der Druidenväter 9 auf dem Rücken und am Gürtel das Drachenschwert Menadir 10, Klinge von Maracea 11.

Eine wahrhaft prächtige Gestalt dachte Condrath respektvoll. Er hielt inne und hob die Hand zum Gruß.

Ihre Blicke trafen sich. Condrath sprach:

„Sei mir gegrüßt, Vedras von Minuthil, Fürst der Munir-Kwendi 12 und mein guter Freund.“

Vedras, dessen Hautfarbe tatsächlich einen Hauch bläulich war, nickte lächelnd ob dieser großspurigen Anrede und trat nun selbst einen Schritt auf den Magier zu, so dass dieser seine Züge unter dem Nasenschutz des Helmes besser erkennen konnte.

„Auch ich grüße dich, Ro-Condrath, goldener Volgk und Magier, argondi fari!“ 13

„Wie war dein Weg?“ Antwortete Condrath darauf fragend.

„Im Schatten des Tores.“ Sagte der Munir förmlich.

„Hast du Alnor getroffen?“

Vedras nickte.

„Ich rettete ihn aus seinen Selbstqualen und schickte ihn nach Gyi.“

„Wird er rechtzeitig dort gewsen sein?“

„Ja, ich denke schon, wir werden es am verborgenen Tor wissen.“

Condrath nickte.

„Gut, also müssen auch wir uns beeilen.“

Er trat zu Vederas hin und sie traten gemeinsam durch den Torbogen hindurch.

SPRUNG…

Alle Laute verstummten, kein Lüftchen vollzog Bewegung… Plötzliche Kälte… Ein flackerndes, schneller werdendes Farbenspiel vor den Augen… Dann ein greller Lichtblitz der blendete… Ein anschwellendes Summen im Ohr.

Ein dünner wackelnder Faden viel von Oben herab, kam dann aus der Ferne auf sie zu. Die beiden Teleporter hielten Kontakt.

Eine Hitzewelle… Farbenwechsel… Taubheit… Der Faden wurde zum sich schlängelnden Pfad, bis in weite Ferne, unendlich!

Schließlich ein grauer blasser Punkt… Eine Kreuzung, kurzes Innehalten, dann weiter. Der Widerstand während jeder Bewegung ließ allmählich nach.

Weiter den Pfad… Wieder Farbenwechsel… Fast den größer werdenden Punkt erreicht… Plötzlich im Schatten ein anderer beweglicher Punkt hinter ihnen… Ärger! Doch schon am Ziel… Schwacher Schimmer von Licht… Schritte hinaus.

Condrath schüttelte stöhnend die gewohnte Benommenheit ab.

Ein schroffer, unzugänglicher Felshang erhob sich zu ihrer rechten Seite.

Der Drache wandte sich sofort an den Munir:

„Hast du auch den Schatten gesehen?“

„Ja,wir sind nicht alleine unterwegs, darum müssen wir uns noch mehr beeilen um ihnen zuvor zu kommen, wenn es Nindur sind.“

Vedras zog das Schwert und blickte durch die Zweige einer Fingerbirke zur Felswand hinüber.

„Viele Jahre sind vergangen, seit ich das letzte Mal hier war. Aus dem Schössling dort wurde ein Baum.“

„Was gut ist“«, brummte Condrath, „denn so ist der Einstieg noch besser verborgen.“

Sie gingen darauf zu.

Ein schmaler Fußtritt führte von der Wurzel des Baumes zu einem Plateau vor der Felswand.

Eine mit Schriftzeichen verzierte Steinplatte wies dort das Vorhandensein eines Eingangs in den Berg aus.

Sie traten entschlossenen Schrittes auf diesen zu und als sie dort anlangten blieben sie stehen.

Vedras warf Condrath einen fragenden Blick zu.

Condrath nickte und hob seinen Stab in die Höhe.

„Uzott erwache!“ Sagte er laut.

Beide schwiegen und auch der Berg schien gespannt den Atem anzuhalten.

„Es ist ein mächtiger Bannstab.“

Knurrte Condrath. „Aber sein Bewohner ist erstaunlich widerwillig.“ 14

Der Magier sprach nun mit Nachdruck: „Revion fer jagor hendar, sios getr dubes non g’ashon.“

Vedras blickte den Zauberer belustigt an.

„Hast du seinen wahren Namen noch nicht erfahren?“

Condrath schüttelte den Kopf.

„Er weigert sich ihn mir zu nennen und nur unter Androhung von Magie ist er gefügig.“

Der Starb erzitterte nun plötzlich, als sei er voller Energie und eine Flamme schoss aus den Ziegenaugen und verdampfte das Steintor.

Vedras entfuhr ein Ausruf der Überraschung.

Dahinter offenbarte sich ein dunkler Schlund, sowie in die Tiefe führende brüchig wirkende Steinstufen.

„Die lange Treppe von Celeb-Draugh.“ Verkündete Vedras ehrfürchtig. 15

Condrath knurrte „Nah dann los!“

Staubige, dicke und sehr kühle Luft stieg ihnen aus der unergründlichen Tiefe entgegen.

Vedras richtete sein nun hell glänzendes Schwert nach vorne.

Condrath betrachtete den dunkel glänzenden Machtstein auf dem Knauf der Klinge mit offensichtlich zwiespältigen Gefühlen.

„Wenn wir das verhindern wollen was kommt, wirst Du auf diese Waffe gut acht geben müssen Freund.“

Vedras nickte flüchtig.

„Es scheint niemand in der Nähe zu sein, also kommt.“

Er machte erste, vorsichtige Schritte ins Innere.

Condrath schnallte seinen Rucksack wieder auf den Rücken, nahm dann den Bannstab in die linke Hand und entzündete in der rechten Handfläche eine magische Fackel.

Es war eine kleine brennende Feuerkugel, die trotz des deutlichen Luftzuges hier, gleichmäßig brannte und einen weiten Umkreis in ihr geheimnisvolles Licht tauchte.

Auf Vedras ungeduldigen Ruf, stapfte er ihm hinterher.

Die Augen des Ziegenkopfes und die Fackel schimmerten um die Wette, während die beiden Eindringlinge immer weiter die alten staubigen Stufen hinab stiegen.

Eine lange Strecke führten sie steil bergab, ohne jegliche Abzweigung oder Einbuchtung. Die Luft wurde noch stickiger und hin und wieder hörte man das Quietschen hungriger Ratten oder das Schnarren der viel gefährlicheren kleinen Tripions 16.

„Wo hast du diesen Stab eigentlich her?,“ flüsterte Vedras, während sie nebeneinander bergab stiegen.

„Ich fand ihn im Hort eines untoten Schwarzen“ antwortete Condrath beiläufig.

Vedras wandte sich fragend zu ihm um.

„Und warum gab dir der Wurm ein solch mächtiges Artefakt?“

„Er wollte seine unwürdige Existenz retten,“ antwortete Condrath zähnekirschend.

Vedras sah ihn verblüfft an und wollte noch etwas sagen, da fügte Condrath hinzu:

„Es hat ihm nichts genutzt.“ 17

Sie erreichten schließlich eine sich vor ihnen weit nach oben öffnende Höhle.

Vorsichtig beugten sie sich über die brüchig wirkende Balustrade die den Abschluss der Treppe darstellte und Ihre Blick fiel hinab auf eine uralte Halle, die jedoch einem traurigen Verfall preisgegeben war.

Ehemals reich verzierte Steinplatten überzogen den Boden und bildeten glitzernde Muster. Matt goldene Säulen mit silber grauen Ranken umzogen stützten mächtige Sockel von dämonischen Figuren.

Die Quader waren jedoch gebrochen, die hölzernen Kanzeln gesplittert die Statuen zersprungen oder geköpft und über allem lag der staubige Schleier des Verfalls.

Umso verwunderlicher war, dass am Boden der Halle Feuerschalen brannten.

Sie markierten offensichtlich den Weg durch die Trümmer zu einer geborstenen Treppe mit marmornen Stufen, die noch immer mit zerfressenem Samt ausgelegt war und hinauf zu einer natürlichen Felsempore führten.

Dort erhob sich ein kreisrunder steinerner Brunnen.

Im klaren, bis zum Rand reichenden Wasser spiegelte sich eine weitere, weiß glühende Flamme, die in einer schwarzen Handteller großen Schale brannte.

Diese Schale hing an einer eisernen Kette von der Gewölbedecke herab.

„Ein noch intaktes Schutzrelikt.“ Murmelte Condrath und fügte hinzu:

„Dies ist Celeb-draugh, die alte Ukari Heimstätte.“

Vedras blickte ihn düster an.

Condrath lachte trocken in seine Faust um einen lauten Hall zu unterdrücken.

Mit gesenkter Stimme meinter er dann:

„Es ist wohl einer ihrer ältesten Städte, die aus der Zeit stammen muss, kurz nachdem sie aus Andul fliehen mussten.

Und wie überall in ihren Städten schützten sie diese, mit heiligen Relikten, die ihnen nach den Legenden ihres Volkes, von den Göttern selbst gegeben wurden.“

Er nickte zu der Feuerschale hin.

„Diese Reliquien waren oft Dinge uralter und dauerhafter Magie, die fest an einen Ort gebunden sind. Ich denke so etwas sehen wir dort unten.“

Vedras räusperte sich gedämpft.

„Können wir daran ungefärdet vorüber?“

Condrath knete seine Lippen mit den Zähnen.

„Ich glaube man nennt dieses Asri, das sogenannte Ewigfeuer. Es sollte sie vermutlich gegen die Drachen beschützen.“

„Dann könnte es also auf dich reagieren.“ Antworte Vedras trocken.

Der Goldene nickte nachdenklich.

Der Blauelf wies nun auf die abgetretenen Stufen die im Zickzack zum Boden der Höhle hinab führten bis zu seltsam verfallenen Statuen.

„Was ist das?“ Sagte er.

Condrath folgte seinem Blick.

„Das ist leider unser Weg. Wir müssen durch die Halle des H`johr, hier wachten einst die Varul, die Wächter des Asri. Aber das ist viele hundert Jahre her.“

Der Magier versuchte im angespannten Gesicht des Elfen zu lesen.

Vedras Augen suchten unterdessen konzentriert die Halle nach weiteren Gefahren ab.

Aus einem Schleier der über den rußigen Feuerschalen empor stieg, gemischt mit dem feinen Staub des Vergessens, der in der einst prächtigen Halle schwebte, konnten sie nun immer deutlicher die blassen Gesichtszüge von reglosen Gestalten erkennen, die wie Statuen aussahen.

Aber man sah deutlich an ihnen, das matte Glitzern rostiger Kettenhemden und alter, heiligen Waffen.

Die Wächter säumten in geordneter Reihe den Weg zum Relikt.

„Sie sind noch da.“ Flüsterte Condrath mit einer Mischung aus Abscheu, Ehrfurcht und Enttäuschung.

Vedras nickte stumm während er die totenbleichen Gestalten genau musterte.

Sie standen wirklich da, mit ihren holen Wangen, steinernen Bärten und skelettartigen Gliedern. Sie bewegten sich nicht und ihre dürren, langen Finger schienen sich doch fest um die unbrauchbar wirkenden uralten Hellebarden zu krallen und doch…

„Sie wirken irgendwie lebendig.“ Zischte Vedras.

Condrath blickte ihn mit finsterer Miene an.

„Sie sind es aber vermutlich auch, untot. Einst waren sie die besten Krieger. Die Stolze Garde von H`johr dem Großen, dem König der Ukari und Fürst von Celeb-Draugh.“

„Was ist passiert?“ Murmelte Vedras

„Es lastet der schreckliche Fluch des Königsverrats auf ihnen.“

Vedras hob die Augenbrauen leicht an und gab zu verstehen, dass er wissen wollte, was das bedeutete.

Condrath flüsterte also:

„Ich weiß nur soviel: Als die Schwarzen, die Drachenherrscher von Tamorg dem heutigen Kargoll, die Heimstätte der Ukari nach großer Schlacht schließlich eroberten, flohen die Varul vor dem Feuer des großen Drachen Perg. Jener der später auch das alte Ettrion in Schutt und Asche legte. Dieser tötete H’johr, nach dessen heldenhaftem Kampf, doch bevor er starb verfluchte der König seine Varul, die ihn allein ließen in dieser letzten Stunde. So wurde es ihr Fluch zurückzukehren und als Geister wieder ihren alten Dienst aufzunehmen.“

Condrath räusperte sich und warf einen nervösen Blick auf die scheinbar noch immer reglosen Gestalten unter ihnen.

Vedras hatte eben fragen wollen, ob Condraht schon vorher gewusst habe, das sie an diesen Wächtern vorüber mussten, als beide in der Stille ein unmerkliches Geräusch hörten.

„Was war das?“

Vedras folgte Condraths Blick, doch sie konnten beide nicht entdecken was die Ursache des Geräusches gewesen war.

Also schlichen sie nun vorsichtig weiter, bis zu jenem Punkt, wo die Stufen nach unten stiegen.

„Siehst du dort den Rachen des Steindrachen?“

Vedras schaute in die bezeichnete Richtung.

Die weiße Flamme tänzelte auf der Feuerschale und schien, je weiter sie herab kamen, um so intensiver ihre einstige Leuchtkraft zurückzugewinnen.

„Das ist ja unheimlich.“

Flüsterte Vedras und meinte damit eigentlich mehr noch die sich aus dem Schatten hinter dem Brunnen, nun im zunehmenden Licht, deutlicher abzeichnenden Konturen eines riesigen aus dem Fels heraus gehauenen Drachenkopfes.

„Das ist der Eingang des Ganges der zum magischen Tor führt.“

Verkündete Condrath und beide hielten kurz auf der Treppe inne, wobei Vedras auf den alten Stufen plötzlich ein wenig ab glitt und ein feiner Steinregen hinab in die Halle rutschte.

Sie hielten den Atem an bis dass, in der herrschenden Stille dröhnend laut wirkende, Echo verklungen war.

Nichts bewegte sich, nur die riesigen Augenhöhlen des Felsdrachen gähnten bedrohlich über ihnen.

Purpur schwarz und moosgrün glitzerten die Steinschuppen und die nadelspitzen Zahnstalagmiten und -stalaktiten bildeten eine beinah geschlossene Wand im halb geöffneten Maul des Monuments.

Condrath blies die Luft aus den Backen.

„Dort müssen wir hin.“

Er wies mit der Hand auf die linke Augenhöhle, zu welcher deutlich sichtbar, kleine steinerne Stufen empor kletterten.

„Können wir dorthin gelangen ohne die Varul zu wecken?“

Condrath nickte.

„Nur wenn jemand den Hallenboden betritt wird der Bannzauber gelöst, hoffe ich.“

Vedras unterdrückte ein nervöses Lachen.

„Konnten wir nicht ein einfacheres Tor wählen?“

Condrath bleckte die Zähne.

„Es kennen nicht viele.“

Vedras schnaufte. „Wir werden sehen.“

Condrath zuckte mit den Schultern, dann zog er seinen Stab hervor.

„Besteht Gefahr?“ Murmelte er dem Ziegenkopf zugewandt.

Dieser schwieg.

Condrath zog ihn ungeduldig am Bart.

Nun ließ er ein leises Grummeln vernehmen.

„Ich konzentriere mich.“ Gab er dann zu Vedras Überraschung mit trockener Stimme von sich.

„Das will ich hoffen.“

Sagte Condrath, wobei er seine Tonlage gespielt bedrohlich anhob.

„Deine Widerspenstigkeit ist mal wieder sprichwörtlich. Wenn wir hier sterben, kannst auch Du hier vermodern.“

Vedras gluckste.

„Keine Gefahr.“

Sagte der gebannte Geist steif.

Also sprangen sie nun von der untersten Stufe zur steinernen Empore und traten nah an den Brunnen mit der Feuerschale heran.

„Ein erstaunliches Werk.“

Urteilte Vedras.

Condrath beobachtete dabei scharf die nun in unmittelbarer Nähe stehenden Varul.

„Es scheint zu funktionieren, sie bleiben ruhig.“

Flüsterte er, trieb jedoch den Munir mit rascher Handbewegung zur Eile an.

Sie erreichten mit wenigen Schritten die Steinstufen und stiegen im Wendelkreis erneut nach oben.

„Welche Bedeutung hatte dieses Drachenbildnis wohl für die Ukari?“

Condrath wandte den Kopf über die Schulter zurück.

„Es ist ein Abbild von Zorlt, einst Herrscher der Goldenen Horde, er war ein Sinnbild für Macht und Weisheit. Obwohl sie die Drachen eigentlich als Feinde betrachteten, schätzen sie ihn offenbar aus irgendeinem Grund.“

Er grinste, „mein Volk war stets für Ausgleich. Die Schwarze und die Roten trieben den Krieg voran.“

„Oder es diente der Abschreckung. Heute kann das wohl keiner mehr sagen.“

Sie waren nun auf einem kleinen Balkon vor der Augenhöhle des Drachenbildes angelangt.

Beide warfen einen weiteren prüfenden Blick zurück in die Halle und stutzten.

Sie konnten von hier die gesamte Halle ebenso gut überblicken wie von der anderen Seite, von der sie gekommen waren.

Es führten mehrere unterschiedliche Gänge oder Seitenhöhlen von ihr fort.

Zu einigen war der Durchgang scheinbar offen, andere waren mit breiten Gittern versperrt.

Der Blick beider richtete sich jedoch wie gebannt auf das mächtige, mit Eisen beschlagene Eingangsportal.

Von dort hörte man jetzt ganz deutlich laute Geräusche.

Ein Stampfen, ein Klirren wie durch Kettenhemden und Waffen verursacht und Stimmen.

Sie blickten sich ungläubig an und hielten gespannt den Atem an.

Konnte es sein, dass jemand sie mit Waffengewalt aufhalten wollte? Wer wusste von ihrem Plan?

Einer der großen Torflügel öffnete sich knarrend und rötlicher Fackelschein drang dahinter hervor.

Vedras wandte das Gesicht zu Condrath und trug sein breitestes Grinsen zur Schau.

Der Magier hingegen zog die Stirn in fragende Falten.

Vedras hatte es zuerst gesehen, am Portal erschien der Kopf eines Tewir, dann wagte der ganze Halbling einen weiteren Schritt in die Kammer und man erkannte ein schmales, bartloses Gesicht mit hohen Wangenknochen.

Die Gestalt spähte in den Raum, schaute sich in alle Richtungen neugierig um ohne offenbar Condrath und Vedras im weiten Hintergrund und verdeckt durch das blendende Flackern der Ewigflamme, zu erspähen.

Allerdings bemerkte er sofort die großen verstaubten Schatztruhen unter den Säulen.

Es folgte ein freudiger Ausruf, der die gespannte Stille wie ein scharfes Schwert zerschnitt.

Nun wagte er sich rasch völlig hinein und vollführte wilde Gesten zum hinter ihm liegenden Eingang, wo wie man dadurch vermuten konnte, seine Gefährten sich noch abwartend verhielten.

Er sagte auch einige Worte, doch die beiden Beobachter konnten aufgrund der Entfernung noch nichts verstehen.

„Hellhörigkeit“ Murmelte Condrath darum auch und lauschte auf das nächste Wort.

Doch nun erschienen im sich spiegelnden Fackelschein des Portals weitere fünf Gestalten, in unterschiedlich, gerüsteter Gewandung und offensichtlich bis an die Zähne bewaffnet.

„Verdammt noch mal, was machen die hier!?“ Zischte der Blauelf dicht neben Condraths Ohr und der Zauberer zuckte aufgrund seiner Hörverstärkung ein wenig erschrocken zusammen.

„Das wüsste ich auch gerne und wie kommen sie überhaupt bis hierher? Sind es Plünderer oder suchen sie etwas Bestimmtes?“

Sagte er schließlich, jedes Wort lange betonend.

„Es sind sieben, ich sehe zwei Trolle, drei Menschen, einen Elfen und den Tewir“

Fügte er schließlich noch mit aufgebrachter Stimme hinzu.

Sie konnten nun weiterhin beobachteten, wie sich die kleine Schar zielstrebig den Schatztruhen näherte.

Dann jedoch hielt sie abrupt inne, als sie plötzlich, und auch Condrath und Vedras sahen es, eine Bewegung in ihrem Gesichtskreis gewahrten.

Die Varul waren erwacht!

„Verflucht, sie müssen irgend einen Alarm ausgelöst haben.“ Flüsterte Condrath.

Beide sahen weiter gebannt zum Hallenboden hinab, denn die Varul begannen sich tatsächlich zu bewegen.

Die untoten Monster, offenbar sofort die Eindringlinge wahrnehmend, stießen heisere Schreie der Entrüstung aus, die wie Raubvögel klangen und in ihren zuvor leeren Augen glühte jetzt ein rotes, düsteres Feuer, der sichtlich erschrockenen Gruppe, feindselig entgegen.

Auch unter den Eindringlingen erhob sich Geschrei.

„Das hat uns gerade noch gefehlt“ Condrath stöhnte, während er seine Worte auf den Lippen zerrbiss.

Die erwachten Varul waren furchterregend.

Ihre alten bärtigen Gesichter, Fratzen des Schreckens und des ewigen Leidens zugleich, dabei halb zerfallen, wie ihre Rüstung und Kleidung, durch welche hier und da, die modrigen Knochen durchblickten.

Zugleich wirkten sie weiter wie versteinert auch noch in der Bewegung.

Wie in Trance kamen sie mit erhobenen Hellebarden, gezückten schartigen Zweihändern, drohenden Gebärden und glühenden Augen auf die sichtlich eingeschüchterte Gruppe zu.

Diese wich zurück, formierte sich dann jedoch neu, offenbar wie in gut geübtem Ritual zum Kampf.

„Sie erkennen nicht, dass sie keine Chance haben!“ Formte Vedras mit den Lippen.

Condrath nickte.

„Es scheint so.“ Erwiderte er und lehnte den Bannstab dabei an die sie nur zum Teil verbergende Balustrade.

Unten in der Halle trat einer der Trolle herausfordernd vor die Gruppe und blieb in entschlossener Körperhaltung einige Schritte vor den Varul stehen.

Er trug eine lange rotbraune Kutte, deren Enden beinah den Boden berührten und die völlig schmucklos schien.

Darüber jedoch hing eine großgliedrige Kette mit einem feinen Amulett um seinen Hals.

Seine Arme vollführten nun, in die eindrucksvollen weiten Ärmel der Kutte gehüllt, wilde Gesten und über seine bärtigen Lippen sprudelten Worte.

„Er versucht es mit Magie.“ Kommentierte Condrath mit entsetzter Stimme.

„Das wird nicht gelingen.“ Sprach Vedras die Gedanken des Zauberers aus und fügte fragend und wie beiläufig hinzu:

„Sollen wir ihnen helfen?“

Diese Worte standen nun ausgesprochen im Raum.

„Das könnte uns zu lange aufhalten.“ Erwiderte Condrath zögerlich.

„Aber sie werden sterben, wenn wir nicht eingreifen.“

Condrath nickte.

„Ihr Schicksal hat es offenbar so bestimmt. Warum sind sie nicht geflohen, diese Dummköpfe.“

„Und was ist wenn sie auch ein Teil unseres Schicksals sind?“

„Wie meinst du das?“

„Ich glaube es kann kein Zufall sein, dass sie ausgerechnet jetzt hier auftauchen.“

„Mm“ Brummte Condrath wenig überzeugt.

„Was ist, wenn es am Tor weitere Hindernisse gibt? Wenn wir dort kämpfen müssen? Vielleicht wäre das Überleben dieser Gruppe und wenn es nur einer von ihnen ist, gleichbedeutend mit E‘galats Rettung?“

Condrath blickte dem Munir zerknirscht und zugleich nachdenklich in die grünen Augen.

„Wir können nicht bleiben.“ Sagte er dann mit fester Stimme.

„Aber ich habe eine Idee, die uns vielleicht den Rücken frei hält, falls das notwendig sein wird.“

Er schwieg einen Augenblick und Vedras musterte ihn seinerseits erwartungsvoll.

„Die Varul sind sehr mächtige Gegner, keiner der Gruppe dort, hat im Normalfall eine Überlebenschance.“

Vedras nickte.

„Nur eine Möglichkeit haben wir ihnen zu helfen“, fuhr Condrath fort, „aber vielleicht ist es die falsche Entscheidung, denn niemand weiß welcher Geist wirklich in diesem Stab gebannt ist.“

Vedras hob überrascht die Augenbrauen

„Bleibt uns eine Wahl?“

Condrath schüttelte den Kopf und hob den Bannstab von der Balustrade hoch.

Dann schnellte er plötzlich ruckartig in die Höhe und warf ihn in hohem Bogen in die Halle hinab. Dabei murmelte er: „uzott felani jarig“.

Vedras konnte ein Zischen nicht unterdrücken. Doch der Zauberer fasste ihn an der Schulter.

„Komm, wir dürfen nicht noch mehr Zeit verlieren.“

Vedras erhob sich ebenfalls und sie liefen ohne einen weiteren Blick zurück durch das Auge des Drachenkopfsteines in die sich dahinter auf tuende Kammer.

____________________________________________________________________________________

1 Auszug aus einem Klagelied der Priester von Szombat (Gesänge zu Ehren der Götter)
2 Baguar: Von Condrath dem Goldenen im Kampf besiegter und schließlich versklavter Dämon.
3 Notalgstrauch: Wächst nur im Inneren des Gasfrogan-Waldes. Dem Holz wird magische Beschaffenheit nachgesagt, die ihm eine besondere Härte verleiht.
4 Polme: Dunkel stämmige Nadelholzart, besonders verbreitet weit im osten, in den Wäldern von Groß Cea.
5 Sturm: Bezeichnung des 3. Monats im Hijon-Kalenders, auch bezeichnet als der auskehrende Winter
6 Die Ulimasgure: Eine sich in den Schwanz beißende Schlange aus dem Götterkosmos der Avesta. Wohl nur eine Sagengestalt.
7 Zyrlot: Auch Hirsch-Faun, hier das Abbild eines Ukari.
8 Munir: Auch Seelen oder auch Blauelfen genannt.
9 Druidenväter: Kriegerische Sekte die in grauer Vorzeit ihr Unwesen im großen Wald von Cea (Land der Dunkelelfen) trieb. Sie stellten mit Hilfe ihrer naturverbundenen Magie, jene besonderen Holzschilde her die so hart wie aus Metall waren. Heute gibt es nur noch wenige dieser Reliquien.
10 Menadir: Eines der sieben Schwerter der Deniqui.
11 Maracea: Altes Stammland der Blauelfen (Munir) mit seinen legendären Glitzerstädten.
12 Kwendi: Wort für Elfen im Kwendar (Sprache der Hochelfen)
13 Die Vorsilbe „Ro“ wird hier als respektvolle Anrede verwendet und stammt aus dem Kwendar, der Hochsprache der Elfenvölker.
Argondi fari ist eine Grußformel der Elfen, sie Bedeutet soviel wie „Im Schatten der Bäume“
14 Ukari: Auch Ukas, Volk der Faune. Halten manche für ausgestorben.
15 Celeb-Draug: Aus der Sprache der Ukari, bedeutet soviel wie: „Silberspitze“
16 Tripion: Eidechsenähnliches Reptil, das seine Bewegungsenergie allerdings aus der Dunkelheit gewinnt und mit Vorliebe weitverzweigte Tunnelsysteme in hartem Granitgestein gräbt.
17 Muhl: Kleiner Höhlenfuchs

KAPITEL 3:

NAGRATHUL

…und ein Kind durchschreitet das magische Tor
wer es erwartet, den Sieg trägt hervor… 1

Barglus der Troll bemerkte mit Entsetzen, dass seine magischen Kräfte versagten.

Sein erhobener Arm begann zu zittern und die Monstren rückten unvermindert näher, keiner zeigte auch nur den schwachen Anschein von Ermüdung.

Panik wollte von ihm Besitz ergreifen, ein kalter Schauer lief über seinen haarigen Rücken, während er sich hastig bemühte den Dolch aus dem Gürtel zu ziehen.

Es war keine Zeit mehr für einen weiteren Spruch.

Mit aufgeregt, heiserer Stimme rief er:

„Dillgor, verdammt noch mal, es sind Untote!“

Erst jetzt bemerkte er, dass sein Kamerad, in gewohnt konzentrierter Haltung und mit seinem in der rechten Hand erhobenem Fischstein2, bereits neben ihm stand.

Barglus musterte kurz die mit Schweiß bedeckten Gesichter der Anderen, die nun ebenfalls hinter ihnen in Kampfposition gegangen waren, dann wandte er seine Aufmerksamkeit wieder nach vorne.

Es waren so viele, jede einzelne Statue war zum Leben erwacht und sie kamen unaufhaltsam näher.

Der Elf Merasil, schleuderte seinen magischen Speer, doch der vorderste der Angreifer wischte ihn mit einer aufreizend lässigen Armbewegung zur Seite.

Was waren das bloß für albtraumhafte Gestalten? Wo waren sie hier hin geraten?

Barglus wich bei diesen Gedanken unwillkürlich einen Schritt zurück, denn direkt vor ihm sackte Dillgor plötzlich in sich zusammen.

„He! Was ist los mit dir?!“ Rief Barglus und konnte den Anflug von Panik in seiner Stimme kaum unterdrücken.

Dann sah er in die stechenden Augen der vordersten der Monstren.

„Dunkle Magie, verdammt, sie beherrschen auch noch das!“

Schrie er den anderen zu und dann ging alles ganz schnell.

Die Varul hatten die Eindringlinge rasch umringt.

Grässlicher Schmerz durchzuckte die Schulter des Trolls plötzlich und aus dem Augenwinkel sah er die blutige Hellebarde neben sich.

Er presste einen Schmerzensschrei hervor und dabei begannen die Gestalten der anderen, vor seinen Augen zu verschwimmen.

Das ist das Ende, dachte er.

Während er zu Boden sank, sah er wie Merasil gewannt einem Stoß der rot-schwarze glänzenden Spieße entging und er hörte Sherg, ihren Anführer rufen:

„Varul, es sind die Totemwächter des heiligen Brunnens!“

Auch Merasil hatte es gehört und tänzelte mit geübten Streichen seines Elfenschwertes, auf seinen langen Beinen hin und her, um den nun heftiger erfolgenden Angriffe der Varul auszuweichen.

Dabei beobachtete er, wie nach Barglus auch der Troll-Priester langsam in die Knie sank und erkannte mit Entsetzen, den stierenden Blick in den Augen des ihn nun erneut angreifenden Varul.

Konnte er auf seine magischen Reflexe vertrauen?
Schon verspürte er, das beruhigende Prickeln des Gedankenschilds.

Aber zu seinem Unbehagen wurde das Geräusch in seinem Kopf plötzlich lauter und dann, traf ihn etwas mit ungeheurer Wucht, als versuche jemand mit einem großen Stein sein Gehirn zu zerquetschen.

Er verlor sofort die Besinnung.

Während seine Gefährten neben ihm fielen, schwang der Sentir-Ritter mit wütender Gewalt seine zweischneidiges Schwert.

Blut spritzte, nein es war kein Blut, eine eklige, übel riechende Flüssigkeit, die zäh aus den untoten Leibern quoll.

Etwas zersplitterte als er den Körper eines Varul in der Mitte durchschlug.

„Hurra, verdammte Höllenbrut! Habe ich einen erwischt.“

Rief er, doch zu seinem größten Entsetzen musste er nun beobachten, wie die beiden getrennten Teile aufeinander zu krochen und sich vor seinen Augen in rasender Geschwindigkeit wieder zusammen setzten.

Nur für wenige Augenblicke hatte der Ritter sich ablenken lassen, dann sah er den hellen Lichtblitz und hielt schützend den mit seinem Schild bewerten Arm empor.

Eine schmerzhafte Welle der Hitze schwappte über seinen gesamten Körper hinweg.

Sein Arm brannte wie Feuer und er schrie seinen Schmerz heiser heraus.

Dann zerfiel der Mann zu Asche.

Syril Sherg hörte die Schreie und konnte wie seine Kameraden auch, doch nur auf sich selbst achten und für sein eigenes Überleben Sorge tragen.

Mit den geschickten Manövern des erfahrenen Kämpfers hielt er die ihn attackierenden Bestien trotzdem nur mit großer Mühe auf Distanz.

Die Stärke und Gewandtheit der Gegner war bedrückend.

Mit jeder Sekunde wurde ihm bewusster, wie sehr sie alle in der Klemme waren und er zermarterte sein Gehirn verzweifelt nach einem Ausweg.

Es war seine Schuld, das sie sich jetzt in dieser Klemme befanden.

Er hatte die Expedition in den Berg geführt, um Savandir, das Deniqui-Schwert endlich zu finden.

Vielleicht hatte er zu viel riskiert, doch nach der alten Karte, die sie in der Tempelbibliothek von Szombat gefunden hatten, war dies das Heiligtum der Ukari.

Wenn das Schwert noch im Berg war und die alte Geschichte des Drachentöters Seromund, sprach davon, dann würde es sich hier befinden, dort wo der Kampf mit dem Wurm Utamor stattfand, der die Königskammer als Schatzhort nutzte.3

Wie hätte er ahnen können, dass auch die alten Schutzzauber noch funktionierten?

Plötzlich packte ihn etwas von Hinten und riss ihn aus den Gedanken des Augenblicks.

Scharfe Krallen versenkten sich in seinen Nacken und seine Rüstung gab nach.

Jetzt würde er es wohl nie herausfinden, dachte er, während er grob herum gerissen wurde und zwischen Wut und Verzweiflung schwankend, in die fürchterliche Fratze eines besonders großen Varul, starrte.

Er wollte seine Waffe hoch reißen, doch etwas packte seinen Arm wie mit entsetzlicher Kraft und das Schwert fiel wie totes Holz aus seiner schmerzenden Hand.

Er schrie, und nur mit äußersten Anstrengung gelang es ihm sich frei zu machte und er sprang keuchend einen Schritt aus der Reichweite seiner Angreifer.

Aber er hatte nicht viel gewonnen, denn schon im nächsten Moment war er erneut umringt von ihnen.

Schweiß ran ihm in die Augen, er zog den Dolch und spannte die Muskeln zum zerreißen.

Die grässlichen Grimassen früherer Ukarikrieger kamen immer näher und von ihren Klauen tropfte das Blut seiner Kameraden.

Hilfe suchend blickt er in der Halle umher.

Da sah er zu seiner Verblüffung eine Gestalt, hoch über ihm auf einer steinernen Balustrade.

Einen Moment lang trafen sich ihre Blicke, dann warf die Gestalt plötzlich etwas zu ihm herab und eine Stimme rief irgendetwas in einer ihm unbekannten Sprache.

Instinktiv hob er den freien Arm und fing das Ding auf.

Er starrte es fassungslos an.

Es war eine langer Stab mit einem Ziegenkopf an einem Ende.

Seine Angreifer hielten von der Aktion ebenso überrascht inne.

Nun kam aus dem Maul des Ziegenkopf plötzlich ein hoher Ton, der die Varul weiterhin davon abhielt Sherg anzugreifen.

Jedenfalls schien es, dass es so war und Sherg musterte sie beklommen, aber doch dankbar für die Atempause.

Der Ton wurde immer lauter und klarer und nun erst bemerkte der Mensch erstaunt, dass es eine Art Gesang war, der mehr und mehr an schwoll und sich über den Köpfen der Totenwächter zu einer männlichen Stimme verfestigte, die zum Klang der Jigga4 die hohe Ballade der Beherrschung sang.

Woher wusste er das?

Irgendwer oder -was flüsterte in seinen Gedanken.

Sherg bemerkte es erst jetzt.

Eine sanfte Stimme forderte ihn auf, die Augen zu öffnen.

Ein Fluch fand über seine Lippen und brachte ihn ins Bewusstsein zurück.

Er hatte sie tatsächlich geschlossen gehabt.

Die Szenerie war völlig verändert, denn die Monstren waren wieder starr wie Stein.

Sherg sah sich verwundert um.

Ein junger Mann mit blauer Robe stand ihm gegenüber und lächelte ihn freundlich an.

Der Anführer der Sentir blickte auf seine Hände in denen kein Stab mehr war, dafür hielt der Fremde diesen nun in der Hand.

„Wer, wer seid ihr? Und wo kommt ihr so plötzlich her?“

Brachte er schließlich hervor.

Der Mann in der blauen Robe neigte den Kopf zum Gruß, sein äußeres ähnelte einem Elfe, aber doch nicht ganz, als er nun antwortete:

„Keine Angst Mensch, die Gefahr für dein Leben ist vorüber, die Varul sind wieder was sie sein sollen.“

Der Varaskonier schluckte und suchte den Boden dabei verstohlen nach seinem Schwert ab.

Der so plötzlich Erschienene fuhr fort:

„Mein Name lautet, nun…“

Er stockte als müsse er sich darauf besinnen.

„Mein Name war einst Tulian, ich bin ein Fee und war wohl eine lange Zeit in diesem Stab gebannt.“

Dabei reichte er ihm seine fein geschnittene, mit zwei großen Ringen versehene Hand entgegen, die den rauen Kämpen aus Varaskon erneut an die langfingrige Hand eines Elfen erinnerte.

Seine Augen waren jedoch rot golden und jetzt so geweitet, als würde ihn diese Offenbarung irgendwie selbst überraschen.

Ein Fee also. Der Sentir kniff die Augen zusammen, wollte aber nicht unhöflich sein.

„Syril Sherg, Mensch, wie Ihr richtig erkannt habt, aus Varaskon.“

Antwortet er und spürte wie immerhin ein Teil seiner Anspannung von ihm abfiel.

Zugleich verkrampfte sich sein Magen, als sein Blick auf die Leichen um sich herum fiel.

Er schnaubte und sprang jetzt hastig, an Tulian vorüber zu ihnen hin.

Nachdem der Varaskonier sich davon überzeugt hatte, dass zu seinem großen Kummer, keiner von ihnen überlebt hatte, trat Tulian, der sich scheinbar respektvoll im Hintergrund gehalten hatte, nun neben ihn und bat ihn um seine Aufmerksamkeit.

Sherg blickte ihn verzagt an.

„Sie sind alle tot.“

Sagte der Fee als wolle er es damit Sherg noch einmal bestätigen, was doch offensichtlich war.

Der Varaskonier nickte langsam, dann antwortete er:

„Wieso hast du nicht auch ihr Leben gerettet?“

Eiine Spur von Tränen liefen dem alten Kempen über die Wangen.

„Ich kam einfach zu spät.“

Erwiderte Tulian.

„Du kannst auch nichts weiter für sie tun?“

„Ihr meint Tote erwecken? Das steht außerhalb meiner Macht.“

„Aber, Du hast diese Monstren wieder erstarren lassen, Du musst ein großer Magier sein.“

Tulian verzog die Lippen.

„Das konnte ich nur mit Hilfe jenes Mannes, der meinen Bannstab zu Euch herab warf.Er ist tatsächlich ein Magier und mehr noch.“

Der Varaskonier blickte ihn verzweifelt an, senkte dann jedoch den Blick.

„Was soll ich jetzt tun.“ Murmelte er.

Dann sagte er laut:

„Ich muss Euch, oder jenem von dem Ihr sprecht, dankbar für mein eigenes Leben sein.“

Er blickte Tulian an, dann zu den Brunnenwächtern hin.

„Sind wir nun sicher vor ihnen?“

„Nicht lange“

Antwortete Tulian.

„Ich würde sagen, wir sollten so schnell wie möglich diesen Ort verlassen.“

Sherg nickte.

„Alles ist verloren, murmelte er … unser Auftrag, alleine werde ich es kaum schaffen.“

Sein Blick wandte sich verzagt der Halle zu.

Im Hintergrund viel sein Blick auf den kreisrunden Brunnen über dem die weiß glühende Flamme gespenstisch flackerte.

„Das Ewigfeuer“ Raunte er grimmig und begann bei diesen Worten den Raum zu durchqueren, wobei sein Blick suchend hin und her schweifte.

Tulian folgte ihm.

Sherg blieb schließlich abrupt stehen.

„Wer ist der Zauberer von dem ihr sprecht und was tatet ihr hier?“

Tulian rieb sich nachdenklich das Kinn.

„Wenn ich das nur wüsste.“

Antwortete er.

„Es war ein ziemlich unausstehlicher Bursche, in dessen Besitz ich durch einen üblen Handel geriet. Soviel steht fest.“
Sherg blickte ihn überrascht an.

„Immerhin entschied er, Euch für unsere Rettung frei zu geben, da kann er nicht so übel sein.“

Tulian nickte.

„Ich glaube eher, es war eine spontane Entscheidung, wenn wir ihnen folgen, könntet ihr ihn aber selbst fragen.“

Sherg blickte ihn an. „Ihnen? Folgen? Wohin?“

„Dort durch das Drachenauge sind sie gegangen.“

„Schon wieder sagt Ihr Sie?“

„Ja, es war noch jemand bei ihm.“

Sherg wandte sich um und musterte aufmerksam die Wände, Skulpturen und Säulen der großen Halle.

Da erkannte er mit zusammengekniffenen Augen die Silhouette eines Drachenkopfes.

„Gut, also kommt. Dann folgen wir ihnen, wie viele es auch sein mögen.“

Verkündete er und machte einige rasche Schritte in die bezeichnete Richtung.

„Ich weiß jetzt wo wir sind, dort muss die Drachenkopfkammer sein, die Gruft der Ukari-Könige und dort ist nach meinen Aufzeichnungen auch das Schwert, weswegen ich und meine Freunde hier her kamen.“

Er schnaufte.

„Vielleicht sind sie doch nicht umsonst gestorben.“

Doch plötzlich blieb er auf der Stelle stehen, da ihm scheinbar noch etwas eingefallen war.

„Wartet noch einen Moment, Fee.“

Mit schnellen Schritten lief er zurück in die Halle und sprang enun von der einen zur anderen Leiche seiner gefallenen Gefährten, dann blickte er zu Tulian.

„Ich muss verwirrt gewesen sein, es fehlt einer. Wo ist Varo? Den Tewir finde ich hier nicht?“ Sagte er mehr zu sich selbst.

„Habt ihr ihn gesehen, er wäre klein, ein Halbling?“

Tulian schüttelte den Kopf.

„Vielleicht ist euer Freund entkommen.“

„Das wäre ihm zuzutrauen,“ brummte Sherg.

Der schlaue Kerl hat sich vermutlich versteckt bis zum Ausgang des Gefechts und ist geflohen als es zu brenzlig wurde. Also hat er auch meine Rettung nicht mehr mitbekommen.

Überlegte Sherg.

Ansonsten hätte er längst seine neugierige Nase gezeigt.

Sherg schüttelte den Gedanken an den Tewir ab.

Das Schwert ging vor, bevor er nach ihm suchen würde.

Sein Blick glitt noch einmal über seine toten Kameraden.

Wenn es möglich war, würde er sich danach auch um ihre Bestattung kümmern.

Er gab sich einen Ruck und schritt nun rasch zu Tulian zurück, der am Aufgang zum Drachenkopf wartete.

Als er ihn erreichte, sagte er:

„Also, lasst uns gehen, Fee.“

Er ging sogar voran die rutschigen Stufen empor und sie kamen am gewaltigen Felsenmaul des Drachengottes vorüber.

Kurz hielten sie inne und Sherg zog aus seinem Gürtel ein Feuerwerkzeug hervor und außerdem den Rest eines Fackelholzes.

Mit geübtem Griff hatte er dieses rasch entzündet und leuchtete durch die gewaltigen Steinzähne ins Innere der Skulptur.

Tulian wollte weiter, doch Sherg hielt ihn am Ärmel seiner Robe fest.

„Nicht so schnell“, sagte er.

Er blickte dem Fee in die fragenden rot goldenen Augen.

„Ich bin sicher,“ begann er, „es war nicht angenehm für Euch in diesem Stab gebannt zu sein.“

Er lächelte verhalten.

„Aber, ich bin froh, dass ihr es wart, denn sonst hättet Ihr nicht eben mein Leben retten können. Doch, dieser Ort steckt voller Gefahren und bevor wir diesen zum Opfer fallen, sollt Ihr wissen, dass ich Euch dafür dankbar bin. Außerdem möchte ich Euch darum bitten, mir bei der Suche nach einem wertvollen Schwert zu helfen. Das ist nämlich der Grund weswegen ich und meine Kameraden hier her kamen.“

Der Fee erwiderte seinen Blick und nickte.

„So sind wir einander dankbar, denn nur Eure tragische Lage führte offenbar zu meiner Befreiung.“
Sie gaben sich die Hand, dann stiegen sie gemeinsam weiter empor.

Im Inneren des Drachenkopfes, der eine kleine Höhle bildete, zeichnete sich im Schein der Fackel eine Wendeltreppe ab, die offenbar in den oberen Bereich des Drachen führte und mit allerlei Unrat bedeckt war.

Sie schritten nun durch den Bogen der Augenhöhle in ein dahinter verborgenes kleines Gewölbe und als das Licht von Shergs Fackel auf die Wände fiel glitzerten diese in tausendfachen Facetten.

Ungewöhnlich geformte Steine bedeckten die kuppelartige Decke und die Wände der Kammer.

Tulian und Sherg blickten sich vorsichtig um.

Dann schritt der Fee als Erster hinein.

Sherg folgte ihm und musterte den Raum zunächst ausgiebig, denn wenn es die Königskammer war, musste das Schwert hier irgendwo sein. Nur würden die Jahrzehnte die seit dem vergangen waren es nicht offensichtlich machen.

Tullian stand inzwischen vor einer türgleichen Öffnung, die sich hinter einer feuchten Mooswand zu verbergen schien.

„Wisst ihr wie der Weg weiter geht, müssen wir durch diese Öffnung?“

Tulian fühlte das Moos und signalisierte Sherg, das es sich tatsächlich um einen Durchgang handelte, der aber offenbar fest verlossen war.

„Aha, da geht es also nicht weiter, aber was dann?“ Brummte Sherg.

Tulian ließ seinen Blick suchend in der Kammer umher schweifen, plötzlich hatte er offenbar etwas entdeckt und schritt zielstrebig darauf zu.

Sherg folgte ihm neugierig mit den Augen.

Als Tulian sein Ziel erreichte, bückte er sich zur Kammerwand hin und hatte plötzlich etwas in der Hand.

Es glitzerte und war unschwer als Amulett mit einem grünen Stein zu erkennen.

„Mm, ein schönes Ding.“

Sagte Sherg überrascht, ging zu Tulian und nahm es ihm aus der Hand um es genauer zu betrachten.

Tulian nickte und sagte:
„Es ist ein Zeichen.“

Sherg blickte ihn erstaunt an.

„Von wem?“

„Von jenen die uns voraus sind.“

Sherg verdrehte die Augen, doch dann sah auch er was dort, wo Tulian das Schmuckstück gefunden hatte, noch zu sehen war.

Auf dem Boden lagen die Überreste eines Ukari.

Direkt über dem Skelett, wenn man es überhaupt noch als ein solches bezeichnen wollte, war eine verrostete Fackelhalterung in der Wand befestigt.

Daran hatte das Amulett gehangen.

Tulian bückte sich nun erneut und untersuchte die alten Knochen.

Bei der ersten Berührung zerfielen sie jedoch zu Staub, der hier ohnehin in dicken Schichten den Boden bedeckte.

Doch dann erschien ein Schmunzeln auf seinem Gesicht und er hob einen langen Gegenstand auf.

Sherg hatte sich unterdessen an dem Fackelhalter zu schaffen gemacht und zog ihn nach unten, schon im selben Moment ertönte von der Moostür her ein Scharren von Stein auf Stein.

Tulian wandte sich rasch herum und hielt dabei das Ding, welches er währenddessen vom Staub befreit hatte ins Licht der Fackel.

Es war ein Schwert wie beide nun unschwer erkannten und zu seiner und Shergs Verblüffung, war es kein bisschen rostig oder schwarz angelaufen.

Die Augen des Sentir weiteten sich, konnte es wahr sein?

Er musterte den geborstenen Quader in der Mitte. Das Skelett war von ihm herab gerutscht.

Hier war das Grab des Königs und die Schatzkammer des Drachen gewesen, darum konnte dieses Schwert vielleicht wirklich…, er murmelte es nur ehrfürchtig, Savandir sein.

Tulian reichte es ihm.

Doch das Geräusch der nun in der Wand vollstänig verschwindenden Tür holte sie im Augenblick zurück aus ihrer Betrachtung.

Tulians Augen blitzten Sherg auffordernd an.

„Wir sollten uns beeilen, bevor sich die Öffnung wieder schließt.“ Sagte er.

Sherg nickte, richtete seinen Blick dabei aber auf das Symbole auf der Schneide des Schwertes, die siebenblättrige Ulil, das Zeichen der Deniqui und Tulian sah ihm an, dass sein Herz einen Sprung machte.

Wie es schien hatten sie also tatsächlich das Drachensteinschwerter gefunden, hier im Staub dieser alten Grabkammer.

Sherg Atmete tief durch. Auch wenn seine Kameraden hatten sterben müssen, war nun nicht alles umsonst gewesen.

Rasch band er sich das Schwert also auf den Rücken.

Tulian wartete bereits an der Öffnung.

Vorsichtig blickten sie gemeinsam hindurch und auf eine große Anzahl breiter Stufen die von der rückwärtigen Wand der Drachenkopfkammer hinab in eine andere, offenbar riesig große Höhle führten.

Sie nickten sichg zu und stiegen durch die Öffnung hinaus die Stufen hinab.

Dabei musterte Tulian noch einmal das Schwert und er sagte:

„Es ist eines der Drachensteinschwerter, wer seit ihr, dass ihr dieses Schwert suchtet?“

Sherg bllickte den Fee nachdenklich an, als würde er abwägen, ob er diesem Fremden vertrauen konnte.

„Ich bin ein Sentir, wir suchten das Schwert um es dem wahren Kaiser von Varaskon zu bringen.“

Sagte er schließlich.

Tulian nickte.

„Ich weiß nicht viel über die Menschwelt und meine Verbannung hat auch viele meiner Erinnerungen an mein früheres Leben gelöscht, aber auch wir Feen hatten so ein Schwert und es gib verloren durch einen Verrat. Diese Geschichte, so erscheint es mir im Nebel meiner Erinnerungen, hatte etwas mit meinem Schicksal zu tun.“

Sherg hob die Augenbrauen.

„Dann ist es wohl auch Schicksal, das wir uns hier über begegneten. Vahrams Wege sind verschlungen.“

Brummte er.

Unterdessen gewahrten sie wie gewaltig die Höhle in die sie hinab stieg wirklich war.

Sie wurde vermutlich durch ein Loch in ihrer Kuppel, in ein leicht milchiges Außenlicht getaucht, so dass man ihre Ausdehnung nun beinah komplett überblicken konnte.

Die Lichtquelle selbst sahen sie noch nicht.

Dafür konnte man in mitten der mit Geröll übersäten Grundfläche einen kleinen Teich entdecken.

Dessen Wasser tiefblau bis schwarz zu sein schien und genau in seiner Mitte befand sich eine kleine steinige Insel.

Auf dieser Insel war etwas Ungewöhnliches, was sowohl Tulian, als auch Syril Sherg sofort ins Auge fiel und daher blickten sie sich erstaunt an.

Dort standen nämlich zwei mit leuchtenden Schriftzeichen und Symbolen reich verzierte Torbögen sich gegenüber.

„Magische Torwege.“ Murmelte Sherg.

Tulian rot goldene Augen glühten als sei ihm dieser Anblick allzu vertraut.

„Der Auftrag.“ Flüsterte er.

„Jemand kommt durch eines dieser Tore. Davon haben sie gesprochen.“

Sherg wandte den Kopf langsam zu ihm herum.

„Jemand kommt durch eines dieser Tore?“

Wiederholte er.

„Wer kommt hindurch? Ist er gefährlich? Erinnert euch Fee!“

Tulian schüttelte gemessen den Kopf als würde dies der Erinnerung Zeit geben in sein Gedächtnis zu fließen.

„Es ist eine von meinem Volk, jemand sehr Wichtiges.“

Die Worte las Sherg mehr von seinen Lippen, als dass Tulian sie aussprach.

Er schürzte hingegen jetzt die Seinen.

„Also, eine Fee kommt durch das Tor. Etwa jetzt? Oder ist sie bereits gekommen? Was ist das für eine rätselhafte Geschichte?“

Er richtete seine Aufmerksamkeit nun wieder auf die Insel, kniff die Augen zusammen und stutzte plötzlich.

„Verdammt, liegt dort vor den Torbögen nicht etwas und auch am Rand des Tümpels sehe ich zwei liegende Gestalten.“

Sagte er laut, stieß Tulian auffordernd an und begann nun rascher als zuvor die Stufen hinab zu steigen.

Tulian, der noch ganz in seiner Überlegungen versunken schien, folgte ihm langsam.

Die Stufen führten tiefer hinab, als es von oben den Anschein hatte und so dauerte es einige Zeit bis die beiden neuen Gefährten den Boden der Höhle erreicht hatten.

Von hier sah alles noch viel gewaltiger aus und als sie nun rasch zum Ufer des Tümpels schritten, ragte die magischen Torbögen über der Insel vor ihnen, in dreifacher Manneshöhe empor.

Vom Ufer zur Insel lagen etwa zehn Trittsteine im Wasser, die ihnen zuvor nicht aufgefallen waren und bildeten einen fragwürdigen Übergang zu dieser.

Doch außer den wundervollen Bögen bot sich ihnen noch ein ganz anderer, erschreckender Anblick.

Denn hier, direkt am Tümpelrand, lagen tatsächlich zwei leblose Körper im Ufersand.

Tulian blieb wie versteinert vor ihnen stehen und Sherg blickte ihn fragend an, während er sich über einen der beiden beugte und sie vorsichtig auf den Rücken drehte.

„Ihr kennt sie, nicht wahr? Sind es jene von denen Ihr spracht?“

Tulian nickte steif.

„Der welcher deinen Bannstab besaß ist einer von ihnen?“

Wieder nickte der Fee.

Sherg richtete sich nun wachsam auf und musterte die Umgebung eindringlich.

Tulian tat es ihm gleich.

„Wir müssen auf der Hut sein, aber ich spüre im Augenblick keine Gefahr.“

„Hm.“

Erwiderte Sherg.

„Was glaubt ihr, was hier geschehen ist? Wer hat sie getötet?“

Tulian hob die Schultern, zum Zeichen seiner Unwissenheit, blickte aber weiter mit seinen rot goldenen Augen forschend in alle Richtungen, als erwarte er doch jeden Augenblick den Angriff einer furchtbaren Bestie.

„Die Verfolger müssen einen anderen, schnelleren Weg hierher gefunden haben.“

Sherg sah Tulian überrascht an. „Wer?“

Tulian gab keine Antwort sondern untersuchte unterdessen die Spuren im Sand.

„Sie sind vielleicht nicht tot. Zumindest noch nicht. Es gab einen Kampf, hier ist mehr als eine Drachenspur, also hat der Goldene sich verwandelt und auch die Angreifer waren Drachen.“

Er holte kurz Luft.

„Es muss ihnen irgendwie gelungen sein die Angreifer wieder zu vertreiben und sie dann durch das Tor zurück zu verfolgen.“

Tullian umkreiste den Platz um die lebsolsen Körper.

„Vielleicht in eine ander Ebene.“

Sherg schnalzte mit der Zunge, „Eine andere Ebene?“ und warf erneut eine Blick zur Insel hin.

Tulian nickte.

Die magischen Tore führen auch auf Zwischenebenen, so wie Hevar, das Eisland in welches die Drachen verbannt wurden.“

Der Varaskonier brummt etwas, meinte dann aber.

„Hm, egal wo sie sind. Im Augenblick scheint keine Gefahr mehr zu bestehen. Schaut doch, dort liegt noch jemand.“

Sagte er in ernstem Ton.

Tulian folgte mit den Augen seinem ausgestreckten Arm.

„Wirklich, und es scheint mir auch eine Fee.“ Zischte er und wies erneut auf die beiden leblosen Körper.

„Die Magier wollten sie hier empfangen, aber dann kam sie nicht alleine.“

Sherg überschattet seine Augen und blickte noch angestrengter zur Insel.

„Vermutlich war es so,“ brummte er.

„Jene dort scheint mir jedenfalls noch ein Kind zu sein.“

„Wir müssen herausfinden ob sie noch am Leben ist.“ Sagte Tulian und nickte.

„Also, wer wagt sich hinüber?“ Antwortete der Sentir.

Bevor der Fee darauf etwas sagen konnte, lachte Sherg trocken.

„Ich sehe schon.“

Sagte er.

„Bevor wir das geklärt haben, bin ich zweimal hinüber und wieder zurück.“

Schon nahm er kurz Anlauf und sprang auf den am nächsten zum Ufer gelegenen Stein.

Sherg sprang und sprang und während er das tat, bemerkte er plötzlich, dass die Steine unter ihm versanken.

„Verdammt!“

Rief er begleitet vom Tosen und Strudeln des Wassers unter dem nächsten versinkenden Stein.

Als er auf dem vierten Stein aufkam, rutschte er plötzlich ab und fiel mit Geschrei ins Wasser.

Prustend schwamm er zum nächsten, doch auch dieser begann zu sinken.

Er rappelte sich an ihm hoch und verdoppelte seine Anstrengungen.

Noch waren es fünf Steine, noch drei, noch einer, dann hatte er es geschafft.

Stöhnend fiel er am Rand der Insel auf die Knie, während sein Herz vor Anstrengung raste und sein Atem heftig und in kurzen Schüben aus der Lunge gepresst kam.

Dabei lief ihm das Wasser aus den nassen geflochtenen Haaren in Bächen über das Gesicht.

Erschöpft schüttelte er es auch aus den Kleidern und beobachtete betrübt wie der letzte Stein versank.

Im nächsten Moment fuhr er jedoch erschrocken hoch, denn jemand stand plötzlich genau hinter ihm.

„Tulian verdammt wie!?“

Dieser grinste und hob beschwichtigend die Arme.

„Ihr seit vielleicht ein wenig rasch im Handeln.“

Sherg warf ihm einen betretenen Blick zu, schnaubte durch die Nase und wollte eine scharfe Erwiderung geben, doch sein Gegenüber hatte sein Aufmerksamkeit bereits von ihm abgewandt und beugte sich statt dessen über den Körper des Kindes.

Shergs Blick wanderte daher in die Höhe und betrachtete die beeindruckenden Torbögen.

Die Schriftzeichen darauf, waren ihm völlig unbekannt, er hatte noch niemals solche gesehen und auch die anderen Symbole, Kerben oder Besonderheiten des Gebildes waren ihm ein Rätsel.

Obwohl, nicht ganz. Ganz an oberster Stelle des linken Bogens stand ein einziges kurzes Wort, dass er lesen konnte:

GYI

Wenn es sich dabei tatsächlich um ein Wort handeln sollte und nicht, um drei einzelne Schriftzeichen.

Auf dem rechten Bogen entzifferte er ein viel längeres Wort.

Es lautete:

NAGRATHUL

Oder so ähnlich.

Dieses kam ihm irgendwie bekannt vor.

Im selben Moment sagte jetzt Tulian zu ihm gewandt:

„Sie muss es sein.“

Sherg sah leicht irritiert zu ihm hinüber.

Der Fee trug die Gestalt des jungen Fee-Mädchens, denn ein solches war es tatsächlich, bereits auf seinem Arm.

Ihr Kleider waren für Sherg in ungewöhnlichem Stil und zudem übel zerrissen und feucht.

Er legte seinen Kopf an ihre Brust und hörte ihr Herz schwach schlagen.

„Sie lebt.“ Verkündete er und irgendwie hatte er dabei ein beglückendes Gefühl, obwohl er sie doch gar nicht kannte.

Tulian nickte.

Er wies mit dem Kopf zu den leblosen Gestalten am anderen Ufer.

„Sie sollten sie sollten sie in Sicherheit bringen, nun ist dies unsere Aufgabe.“

Dabei reichte er Sherg das Mädchen und fügte er hinzu:

„Ich glaube, wir müssen sie durch das rechte Tor tragen, bevor noch mehr Nindur erscheinen, so gelangen wir am schnellsten hier fort.“

„Nindur?“

Tulian nickte.

Sherg schnaubte.

„Dunkelfeen! Was haben sie hier zu schaffen?!“

„Ich denke du sagst mir nicht die ganze Wahrheit. Worum geht es hier? Die beiden Magier dort sind keine Feen, aber das Mädchen. Die Sache ist mir noch immer ein Rätsel.“

Tulian nickte. „Ich erinnere mich jetzt an ihre Namen und was sie sind. Condrath, ein Drache in Menschengestalt und der andere ist ein König der Blauelfen, sein Name lautet Vedras.“

Sherg blickte auf das Feenmädchen in seinen Armen.

„Und wer ist sie?“

Tulian hob die Schultern. „Ich sollte es auch wissen, aber an ihren Namen erinnere ich mich leider nicht.“

„Verdammt!“ Der Varaskonier biss sich auf die Lippen.

„Hier spielen die Götter ein verrücktes Spiel mit uns und wenn aber was ist der Sinn?“

Tulian wollte offenbar gerade etwas erwidern, da erzitterte plötzlich die gesamte Insel wie durch ein Erdbeben.

Nur mit Mühe gelang es Sherg mit dem Kind auf dem Arm das Gleichgewicht zu halten.

„Die Insel versinkt!“ Rief er.

Tatsächlich hatte sich plötzlich ein breiter Riss, wie aus dem Nichts, auf dem Inselboden, zwischen den beiden gebildet.

„Schnell beeilt Euch, geht durch das Tor und dann bringt sie in Sicherheit. Versteckt sie, wer sie auch immer ist. Mein Gefühl sagt mir, dass das eine große Bedeutung hat für mein Volk. Ich werde unterdessen versuchen es herauszufinen und noch so manches mehr, hoffe ich, woran ich mich nicht mehr erinnere.“

Wirklich sah und spürte Sherg, wie die Insel langsam im Wasser versank.

Der Riss zwischen ihnen wurde breiter und Tulian machte nun eine wedelnde Handbewegung auf den Torbogen zu.

Sherg blickte Tulian fragend an, dann rief er über das Tosen zurück:

„Und ihr? Was ist mit Euch? Sie ist aus Eurem Volk, ihr solltet sie retten!“

Der Fee schüttelte den Kopf

„Mein Gefühl sagt mir, es ist besser, sie bleibt bei Euch. Denn ich werde wohl ebenso gejagt… “

Das Poltern der versinkenden Insel übertönte seine übrigen Worte jetzt vollständig, denn er hatte sich auch schon einige Schritte in Richtung Wasser entfernt.

Doch Serg sah, dass er lächelte.

Dann nahm er knapp Anlauf und tat, diesmal vor Shergs Augen, den gleichen gewaltigen Sprung wie er ihn offenbar bereits zuvor getan hatte, zurück aufs Festland.

Das Zittern der Insel verstärkte sich und Sherg wäre beinah in die Knie gegangen, doch er fing sich, stolperte vorwärts, sah nun auch erste Risse am Torbogen, zögerte kurz, dann schritt er mit einem mulmigen Gefühl im Bauch durch den Bogen mit der Aufschrift:

Nagrathul.

~

Als Sherg wieder das Bewusstsein zurück erlangte, war es durch ein Kitzeln in seiner breiten Nase.

Er musste laut niesen und richtete sich verstört in die Höhe.

Mit verwirrtem Blick musterte er seine Umgebung. Wo war er?

Hatte er geträumt?

Da war der Auftrag, das Schwert, seine Gefährten!

Angestrengt versuchte er sich an das vergangene Geschehen zu entsinnen, dann weiteten sich seine Augen als es ihm wieder einfiel:

…der Kampf mit den Varul, der Fee aus dem Bannstab, das Mädchen auf der Insel und dann das magische Tor.

Da waren die Geräusche und Lichtspiele während er durchs Tor geschritten war.

Er erinnerte sich nun an ein unbeschreibliches Gefühl, ein völliges Durchdringen von Magie.

Sherg schüttelte sich, er mochte so etwas nicht.

Dessen war er sich ganz sicher.

Schließlich schlug er die Augen auf und sah in das Gesicht eines jungen Mädchens, das ihn schüchtern anblickte und doch zugleich ungeduldig mit einem langen Grashalm spielte, der ihn soeben in der Nase gekitzelt hatten.

Die Erinnerung kam zurück. Er hatte sie auf der Insel garnicht so genau betrachtet. Nun musterte er sie von Kopf bis Fuß.

Sie trug halb langes leicht rötliches Haar, das ihr leicht gelockt bis zu den Schultern fiel, es war allerdings feucht und zerzaust.

ihre Züge waren fremd, leicht elfisch, doch die von Sommersprossen umzingelte Nase, die sie nun etwas graus zog, gab ihr wiederum einen menschlichen Ausdruck.

Ihre Haut war zudem ungewöhnlich hell wie die einer Nordländerin und ihre rot goldenen Augen, die ganz denen von Tulian glichen, musterten ihn eindringlich.

Dabei zeugten die gekräuselten Lippen von einem Gemütszustand großer Unsicherheit.

Sherg versuchte ein Lächeln und warf einen kurzen Blick in die Umgebung.

Der Name Nagrathûl kam ihm wieder in den Sinn.

Sie befanden sich beide am oberen Rand einer Hangwiese und blickten auf einen wild sprudelnden Gebirgsbach hinab.

Über ihnen erhob sich eine steile Felswand, von einem magischen Tor war weit und breit nichts zu sehen.

Sherg schüttelte sich noch einmal, rappelte sich dann mühsam auf und befühlte misstrauisch seinen gesamten Körper.

Das Mädchen ließ ihn dabei nicht aus den Augen.

Schließlich zwackte er sich in den Oberarm, aber weder die Umgebung noch das Mädchen verschwanden.

Er wusste nicht recht wie er die Unterhaltung mit ihr beginnen sollte, würde sie überhaupt seine Sprache verstehen?

Nervös rieb er sich mit der Hand über das unrasierte Kinn.

Das Mädchen war unterdessen einige Armeslängen von ihm weg gerückt und blickte nun etwas ängstlich wie er fand zu ihm hinüber.

Er gab sich einen Ruck und versuchte ein weiteres Lächeln und eine einladende Geste. Natürlich machte er ihr Angst. Er war ein großer, grimmiger Krieger. Seine Rüstung schmutzig und Blut verschmiert.

Doch seine Geste schien sie zu ermutigen.

„Sitar“ Sagte sie dann plötzlich und zeigte mit ihrer kleinen Hand auf sich.

Sherg schmunzelte. Das war wohl ihr Name.

„Sitar,“ wiederholte er und sie schien seine Aussprache zu akzeptieren.

„Mein Name ist Syril Sherg, ich freue mich deine Bekanntschaft zu machen, Sitar.“

Sagte er und hielt ihr jetzt seine große Hand hin.

Sitar nickte zaghaft mit dem Kopf, hatte aber offenbar seine Worte oder die Geste nicht wirklich verstanden.

Sherg atmete tief durch und ließ den Blick über die Landschaft gleiten.

Nun merkte er auch, dass ein kühler Luftzug aufkam und offenbar den beginnenden Abend einleitete.

Das Fee-Mädchen spürte es offenbar auch und schlang eben fröstelnd die Arme um die angezogenen Beine und Sherg fiel erneut auf, dass ihre Kleider stark zerrissen waren.

„Komm.“

Sagte er daher zu ihr und begleitete seine Worte mit einem Nicken.

„Wir gehen hinab zum Wasser und suchen dort, bei den großen Bäumen mit den herab hängenden Ästen einen geschützten Platz.“ Er gestikulierte die Worte dabei.

Dann schritt er voran und nach einigem Zögern und mehrfacher Aufforderung folgte sie ihm.

Plötzlich viel ihm etwas ein.

Er langte mit der Hand auf seinen Rücken und atmete erleichtert auf.

Savandir, das Schwert war noch da.

Gut, dachte er.

Wenigen Schritte später waren sie am Ufer des Baches und stellten fest, dass das Wasser klar und auch gut genießbar war.

Sitar war ihm gefolgt und wusch sich nun den Staub von den Gliedern, wobei sie Sherg weiterhin genau im Auge behielt.

~

Sie hatte den Kopf voller wirrer Gedanken und eine große Zahl von Fragen beschäftigte sie unaufhörlich.

War sie eine Halur, wie Alnor sie genannt hatte?

Oder war sie eigentlich doch nur eine Dubahr?

Sie war noch am Leben, aber an welchen Ort hatte sie es hier verschlagen?

Was geschah mit Alnor der sie retten wollte und welches Schicksal hatte ihre Familie auf Gyi erlitten?

Sie fühlte sich so hilflos und elend.

Die Erinnerung an das Geschehen lag wie ein Albtraum auf ihrer Seele.

Wer waren die Reiter und Geflügelten gewesen, die nach ihrem Leben getrachtet hatten und hatte sie sie wirklich abgeschüttelt mit dem Sprung durch das Tor?

Angst schnürte ihre Kehle zu.

Alnor hatte ihr vermutlich nicht alles gesagt, weil er geglaubt hatte sie begleiten zu können. doch nun war sie alleine.

Sie spürte wie ihr Tränen in die Augen stiegen und in dicken Perlen über die Wangen liefen.

Sie tauchte die Hände ins Wasser und wusch sie fort.

Nein, sie war nicht ganz allein, da war dieser Mannling, schon wieder ein Fremder, der nicht einmal ihre Sprach konnte.

Hatte Alnor davon gewusst, war er ihretwegen hier?

All das schien fraglich, denn offenbar wusste jener, der sich Sherg nannte, nichts mit ihr anzufangen, wusste er nicht wer sie war und was er tun sollte und war er überhaupt ein Freund?

Sitar machte ihrer Anspannung Luft in dem sie plötzlich heftig mit beiden Fäusten auf das Wasser schlug.

Sherg bekam einen guten Schwall davon ab.

Wer er auch immer war, sie war entschlossen seine Hilfe in Anspruch zu nehmen um zu überleben.

~

„He, he, was machst du?.“

Rief Sherg, doch auch seine Anspannung löste sich dabei etwas und er lachte, nahm seine großen schaufelartigen Hände und spritze damit ebenfalls Wasser auf sie zurück.

Nachdem sie sich aus getobt hatten sanken sie erschöpft ans Ufer und keuchten um die Wette.

Dann blinzelte Sherg seiner neuen Gefährtin zu und machte eine Geste mit dem Arm in Richtung Horizont.

Sitar folgte seiner Blickrichtung und nun erkannte auch sie den Rauch in einiger Entfernung.

Sherg stand auf und sagte:

„Dort wird sich ein Dorf befinden und ich glaube wir können es noch vor dem letzten Abendlicht erreichen.“

Er nickte ihr aufmunternd zu.

Sitar hatte offenbar den Sinn seiner Worte diesmal verstanden und nickte ebenfalls, offenbar zum Zeichen ihres Einverständnisses mit diesem Plan.

Also machten sie sich auf den Weg, erst einige hundert Meter am Bach entlang, bis sie plötzlich auf einen Wagenpfad stießen, der weiter hinab ins Tal zu führen schien.

Darauf wanderten sie ein Viertelstunde, dann kamen sie an eine einzelne kleine Gestalt heran, die auf einem Ackerfeld arbeitete und sie von dort schon einige Zeit neugierig zu mustern schien.

Sherg bedeutete Sitar stehen zu bleiben und betrachtete den Bauern nachdenklich.

„Es ist ein Tewir.“ Sagte er mehr zu sich selbst, als zu Sitar.

Diese vbetrachtet sich offensichtlich die kleine, stämmige Gestalt verwundert.

Sie waren in Rufweite, daher rief Sherg nun auch:

„Dun towa!“

„Towa gor!“ Antwortete dieser mit tiefer rauer Stimme und nickte dabei freundlich mit dem Kopf.

Sherg brummt, befriedigt darüber, dass sein Varaskont verstanden wurde.

„Sagt uns, wie nennt man dieses Dorf dort voraus?!“ Rief er also zurück.

„Man nennt es Hornbuck Herr!“ Antwortete der Tewir.

„So.“ Sagte Sherg mehr zu sich selbst und spitzte den Mund.

„Nie gehört.“ Murmelte er dann.

Schließlich sagte er laut:

„Wir kommen nicht von hier, vielleicht habt ihr die Güte uns auch noch zu sagen, wie man das Land hier nennt oder wie der Name der größten Stadt in der Nähe lautet?“

Auf der Stirn des Bauern erschienen einige fragende Falten, doch er war offenbar ein gutmütiger Geselle, darum antwortete er schließlich ohne länger zu zögern:

„Das Land heißt Beruthil Herr und dieses Gebirge dort,“ fügte er erklärend hinzu, „in eurem Rücken, das sind die Kronen der großen Götter, also in unserer Sprache: Nêl-Estro-Parl.“

Er lächelte.

Sherg machte ein erleichtertes Gesicht. „Also die Stropaden. Es ist kaum zu glauben was diese magischen Tore alles können.“ Sagte er leise für sich.

„Dann ist diese dunkle Linie am östlichen Horizont der große Wald von Gasfrogan? Das Reich der Elfen.“

Sagte er mehr zu Sitar gewandt.

Der Bauer jedoch hatte es ebenfalls gehört und nickte zustimmend.

Sherg überlegte einen Augenblick.

„Das heißt, die Grenze zu meine Heimat Varskon ist nicht weit von hier.“

„Aber besser ich bringe dich…“ Er überlegte einen Moment. „…nach Fejan im Gasfrogan, dort muss ich ohnehin hin, um Merasils Clan seinen Tod mitzuteilen und auf dem Weg liegt auch Nevlon.

„Gut, das spart uns eine Menge Zeit.“ Sagte er schließlich entschlossen.

Er sah wie ihn Sitar fragend anblickte.

„Dorthin werde ich dich bringen. Wir gehen nach Wehrs-Hain, ich glaube dort wirst du in Sicherheit sein, vor welchen Verfolgern auch immer.“

Er lächelte sie freundlich an. Sie lächelte zaghaft zurück.

Der Weg war alleine mit ihr, nicht gefahrlos, aber er würde es schaffen.

Denn er spürte, dass die Ankunft dieser Fee in Arkur von größerer Bedeutung war, als sich ihm im Augenblick enthüllen wollte.

Es war ein Auftrag, der mindestens genauso wichtig war, wie die erfolgreiche Suche des Schwertes.

Kurz erinnerte er sich nun an Tulian.

Was wohl aus ihm geworden war und was war mit den beiden Magiern geschehen?

Waren sie noch im Berg?

Er schüttelte die kurze Unentschlossenhaeit ab. Darüber würde er sich später Gedanken machen.

Ersteinmal mussten sie nun im Dorf der Tewir eine Unterkunft für die Nacht finden.

Aber, als hätte der Bauer sein gedanken gelesen, kam er soeben vom Feld und bedeutete ihnen ihm zu folgen.

~

Tulian stand nachdenklich über den leblosen Körpern.

Was war hier wirklich geschehen? Dachte er und seine rot goldenen Augen musterten die Umgebung des Tümpels noch gründlicher als zuvor.

Er hatte noch einen kurzen Moment fasziniert das Verschwinden des Menschen und der Feelin5
beobachtet, die vom flackernden Kraftfeld des Tores förmlich aufgesogen worden waren und dann, ganz plötzlich, hatte sich das Beben der Insel beruhigt, das Wasser des Tümpels war verebbt und in einem einzigen Augenblick war aller Aufruhr verstummt, als habe er niemals stattgefunden.

Tulian schüttelte den Kopf.

Wie viele Doppelmonde oder Jahre war er Gefangener des Bannstabes gewesen?

So lange hatte er einem fremden Herrn gedient und so plötzlich und endlich war er nun frei.

Doch weit entfernt von seiner Heimat, von jeder Erinnerung an eine solche.

Und nun? Wer war er? Sein Spiegelbild im Wasser zeigte ihm einen Fremden, nicht mehr Tulian, junger Sohn Thargals, Prinz der Halur. Er war ein Anderer.

Er schaute noch einmal in die Gesichter der beiden Gestalten zu seinen Füßen.

Der eine war ein Munir, der andere ein Drache in Menschengestalt und beide waren mächtige Magier.

Er kannte nur seinen Bannherren, den goldenen Drachen ein wenig, er hatte ihn nicht geliebt in seinem Gefängnis.

Doch er musste sich eingestehen, dass er offenbar nicht zu seinen Feinden zählte.

Er schnaubte und die verwirrensten Gedanken bestürmte ihn plötzlich.

Alnor und er waren nach Hevar gegangen.

Dionel hatte sie in eine Falle gelockt und dann war er Gefangener des Schwarzen gewesen.

Ihn hatte er mehr gehasst.

Dann war er mehr aus Zufall in die Hände dieses Goldenen gefallen.

Doch was war inzwischen in Andul geschehen? Was hatte Dionel getan?

Sie hatte sein Volk an die Drachen verraten.

Die schreckliche Erkenntnis nahm ihm den Atem.

Hatte Alnor ihr entkommen können?

Wieviel Zeit war wirklich vergangen?

So viele Fragen bestürmten seinen Geist und er schüttelte betrübt den Kopf.

Der einzige, der ihm vielleicht eine Antwort darauf hätte geben können war Condrath.

Er nahm den Stab und beschwor mit seiner Hilfe eine Lufttrage und legte dann die beiden Körper darauf.

Äußerlich waren sie scheinbar unverletzt, aber sie hatten all ihre Energie verbraucht um die Nindur zu vertreiben. Es würde einige Zeit dauern bis sie sich regeneriert hatten, vielleicht aber waren sie auch verloren und würden nicht zurückkehren können.

Doch er musste es versuchen.

Tulian entschloss sich so wenig wie möglich Zeit zu verlieren, befestigte die Lufttrage an einem magischen Seil, welches er in Condraths Taschen fand und machte sich auf den Weg heraus aus dem Berg.

Einige Stunden später, hatte er dann endlich den Ausgang erreicht und wankte hungrig und müde auf die im Tal liegende, im Abendlich glitzernde Stadt zu.

Condrath hatte sie Ettrion genannt, erinnerte er sich.

Inzwischen spürte er mit Nachdruck seinen Magen knurren.

Es war ein beglückendes Gefühl wieder in seinem eigenen Körper zu stecken und nicht in einem Stück Holz, dachte er und beschleunigte seinen Schritt entschlossen in Richtung der schimmernden Lichter.

Ein kleinwüchsiger Schatten folgte ihm dabei unbemerkt.
________________________________________________________________________________
1 AVESTA Kap 9 Vorhersagen der 13 Tanjl
2 Fischstein: Das Tengk, oder „heilige Symbol“ der Tuour. Die heiligen Zeichen, Symbole oder Gegenstände der unterschiedlichen Priesterorden der Endar dienen der Übertragung der jeweils besonderen Macht ihrer Götter auf sie selbst.
3 Der berühmte Drachenkampf in Celeb-Draugh: Der Drachentöter Seromund, zieht mit dem kaiserlichen Schwert Savandir und im Auftrag Terizias aus, um den Drachen Utamo,r aus der von Drachen zerstörten Festung der Ukari, zu vertreiben. Er kehrte nicht zurück.
4 Jigga: Ist ein magisches Flöteninstrument, das im berühmten Buch der Zauberklänge als Instrument der höchsten Wirkung und Kraft bezeichnet wird.
5 Feelin: Koseausdruck für kleine Fee

KAPITEL 4:

NEVLON

Sieben Sonnenzyklen später…

Als das letzte Heer der Lichtfeen in der Schlacht von Pirimohr, durch die von Udur und Metur unterstützten Truppen der Traumfeen besiegt wurde, wart die Tochter der Galat noch immer verschollen und der Feenthron des Tewhos für die Halur verloren.

So beanspruchte Ugharis, Dionels erster Sohn und hoher Prinz der Nindur, seinen Platz, ganz so wie es seine Mutter zweifellos für ihn geplant hatte.
Und gegen den Rat der Weisen jagte er die letzten Edlen der Halur und auch jene Nindur, die nicht auf seiner Seite standen, in die Wälder von Dawaruh und ließ sie dort gnadenlos verfolgen und töten.
Nur Wenige entkamen.

Das war der Beginn einer dunklen Zeit im Lande Andul…1

… doch weit über dem großen Meer auf Arkur, wo einst das Varaskonische Kaiserreich für die Stärke und Größe der Endar ein Zeugnis gab, war die Welt für manche Zeitgenossen jedoch eigentlich wie immer.

Unterschätze nie jene die kämpfen
auch wenn du über sie lachen musst.

(Sprichwort der Tewir)

Verstohlen blinzelte Gelyoc, Halbtroll und Zauberschüler des großen Magiers Tralzio, unter der Decke hervor, die er sich bis weit über die Ohren gezogen hatte.

Ein lautes Schnarchen durchbrach wiederholt die Stille des Raumes, in einer wie er fand, äußerst rücksichtslosen Art und Weise.

Möglichst lautlos, den Blick immer gebannt auf den Verursacher des Geräusches gerichtet, schlich Gelyoc durch das Zimmer des Eckturms, zielstrebig auf den breiten Schreibpult zu.

Dieser war mit allerlei Schriftrollen, dicken Büchern und Tintenfässern mit Federkielen überladen.

Seine nicht ganz menschlichen Gesichtszüge waren zu einem listigen Grinsen verzerrt, als er nun sein Ziel schon fast erreicht zu haben glaubte.

Da dröhnte plötzlich eine laute Stimme durch den Raum und ließ ihn zusammen zucken.

„Halt! Diebesgesindel!, Troll-Winzling!, Schweinsnase, stinkender Ziegenbart, keinen Schritt weiter, oder ich gefriere dich zu einem Eisblock!“

Es war Gelyocs Grinsen das in dem Fall gefror und vor Schreck stolperte er über die eigenen Füße, schoss mit dem Kinn voran auf den Schreibpult zu und konnte sich nur mit einem Ausfallschritt taumelnd vor einem schmerzlichen Aufprall bewahren.

Fast, denn das hastig vor geschobene Knie traf mit Wucht auf ein Bein des Tisches.

Gelyoc biss sich auf die Zunge um nicht Laut auf zu schreien, während er zugleich mit schuldbewusster Miene umher blickte, im sicheren Glauben, seinen Meister im Raum vorzufinden.

Doch Tralzio, der behufte Magier, ein letzter Vertreter der Ukari, oder Faun, wie die Menschen sie nannten, lag weiterhin ruhig schnarchend auf seinem Lager.

Gelyoc stieß mit einem erleichterten Zischen die Luft zwischen den Zähnen hindurch, als er bemerkte, wer in Wahrheit gesprochen hatte.

In der gegenüber liegenden Raumecke, tanzte nämlich ein blau gefiedertes Wesen, wild in seinem kleinen goldenen Käfig herum und krächzte, den krummen Schnabel weit aufgerissen, weitere wüste Beschimpfungen, wie er sie wohl von Tralzio aufgeschnappt hatte, in Gelyocs Richtung.

Es war Slinc, der verflixte Plappervogel.

„Sei ruhig.“ Flüsterte der Halbtroll.

„Sonst mache ich dir etwas Feuer unter deinem Gefieder.“

Er hob bei diesen Worten drohend die Arme und öffnete die Lippen, als wollte er einen Zauberspruch wirken, doch die Geste reichte bereits aus um das Federvieh zu der Einsicht zu bringen, es sei besser, des weiteren den Schnabel zu halten und sich nicht mit ihm anzulegen.

Die Stille kehrte zurück in den Raum und mit ihr der Schmerz im Knie und Gelyoc warf einen weiteren bangen Blick in Richtung des schlafenden Tralzio.

Dieser war zwar nicht erwacht, doch er wälzte sich im Augenblick rastlos auf seinem Lager herum.

Eilig murmelte der Schüler eine Beruhigungsformel und bereits im nächsten Moment schien die kleine zwergenhafte Gestalt des Faun, tiefer denn je zu schlummern.

Der Halbtroll lächelte zufrieden.

Er hatte sich also wirklich nicht abgesichert. Etwa durch einen Hellhörigkeitszauber oder einen Zauberbannkreis.

Wild entschlossen wandte er sich nun wieder dem großen Pult zu.

Darauf befand sich, das Objekt seiner Begierde, die kleine handliche Schachtel mit dem Unsichtbarkeitspulver.

Tralzio hatte es erst am Morgen zuvor hergestellt, nachdem er mühevoll und nach tagelanger Recherche die besondere Rezeptur aus alten Aufzeichnungen seiner Bibliothek zusammengesucht hatte.

Ob es auch funktionierte, hatte er allerdings, soweit Gelyoc wusste, noch nicht ausprobiert.

Am Mittag war er erschöpft auf sein Lager gesunken und sofort eingeschlafen.

Als er nun gerade zugreifen wollte, bemerkte er plötzlich noch etwas anderes.

Offenbar, war durch den Zusammenstoß mit seinem Knie eine bisher verborgene Schublade im Pult aufgesprungen.

Denn er konnte sich nicht erinnern, an dieser Stelle zuvor schon eine solche bemerkt zu haben.

Neugierig beugte er sich darum jetzt darüber um im nächsten Moment einen alten verstaubten Dolch daraus hervor zu holen.

Er betrachtete ihn schmallippig.

Auf der stark geschwärzten Scheide war so etwas wie ein Baumsymbol zu erkennen, also war er vielleicht elfischen Ursprungs.

Hatte Tralzio oder irgendein Vorbesitzer des Pultes ihn dahinein versteckt?

Er versuchte die Klinge aus der Scheide zu ziehen, aber sie war zu stark verklemmt.

„Hm,“ brummte Gelyoc verdrossen. Er schob die Schublade zurück und sie passte sich tatsächlich wie unsichtbar wieder in das Holz ein.

Dann steckte er den Dolch, nach kurzem Zögern, unter sein Gewandt. Später würde er ihn sich noch einmal genauer anschauen.

Man konnte ja nicht wissen wofür man ihn vielleicht noch gebrauchen konnte.

Und wenn er ihn etwas pflegen würde, war er vielleicht wieder wie neu und möglicherweise hatte er, wie zahlreiche Elfenwaffe, magische Fähigkeiten.

Sein überraschender Fund stimmte ihn zufrieden und er wandte seine ganze Aufmerksamkeit wieder seinem eigentlichen Ziel zu.

Gerade wollte er also seine krumme Nase über die schwere Holzplatte schieben, als sein feines Gehör zu seinem Entsetzen ein scharfes Sirren vernahm.

Sein Kopf fuhr herum.

Es kam aus der Richtung der großen Kletterranke, die neben dem Pult in einem riesigen Topf ihr eingeengtes Dasein fristete.

Reaktionsschnell ließ sich Gelyoc zu Boden fallen und entkam damit nur knapp einer peitschenartigen Pflanzenschlinge, die in eindeutiger Absicht in Gelyocs Richtung gezielte hatte.

Ein enttäuschtes Knurren entrang sich der bedrohlich großen, orange leuchtenden Blüte, die dort königlich über ihrem Blattwerk thronte.

Gelyoc brachte sich rasch in ausreichende Entfernung.

Bei aller Vorsicht, hätte er doch beinah die natürlichen Gefahren von Tralzios privater Kammer vergessen.

Er biss sich auf die ledrige Unterlippen und griff nun hastig nach der Schachtel.

Noch einmal warf er einen kurzen Blick zum Meister hinüber, dann sprang er zur Tür, öffnete sie lautlos und schritt hinaus in die grelle Mittagssonne die so heiß zwischen den Baumwipfeln des Waldes von Nevlon hindurch stach, als wollte sie das Buschwerk darunter in Brand setzten.

Der ganze Sommer im Königreich Therolis war bisher so schwül wie selten gewesen und Gelyoc verfluchte seinen Trollpelz, der ihn noch mehr schwitzen ließ als andere.

„Beim Barte meiner Mutter!“

War sein Lieblings Ausruf, den er auch jetzt wieder tat und der Gedanke an ein erfrischendes, kühles Bad im nahen Waldbach, drängte sich ihm unweigerlich auf.

Die schmalen Stufen der Außentreppe führten von einem knappen Vorsprung auf welchem er nun stand zum Boden hinab.

Die Tür im Turm schloss sich lautlos hinter ihm.

Von hier hatte man eine gute Sicht über den bewaldeten Hügel, auf welchem der Turm stand, bis zum Ufer des Stroenen.

Ein wasserreicher Bach, der den gesamten Forst von Nevlon in zahlreichen Windungen durchzog.

Dort wo er sich im Süden, jenseits des Waldes in den größeren Sirn-Fluss ergoss, lag das Dorf Arcon, nah der Yalcagor-Feste, die noch von den alten Kaiserzeiten zeugte.

Hier war Gelyoc mit seiner Mutter aufgewachsen.

Er dachte für einen Augenblick an sie.

Wie erging es ihr wohl gerade?

Sie hatten ein hartes Leben miteinander geführt, denn als Halbblut, musste er immer wieder Anfeindungen und Vorurteile erdulden unter den Menschen.

Sie war ebenso glücklich gewesen wie er, als Tralzio der große Magier auf ihn aufmerksam geworden war.

Auf das Talent, was in ihm steckte.

Doch er hatte sie nicht gerne verlassen.

Er riss sich aus den Gedanken.

Vier weitere Bauwerke überstiegen die Wipfel der Bäume in Sichtweite.

Im Norden lagen drei verlassene Ruinen, sehr dicht beieinander.

Viele Legenden strickten sich um ihre vormaligen Bewohner und weit im Osten, auch wenn man es nicht sehen konnte war Petronts famoses Baumhaus.

Im Gegensatz zu den älteren Magiern, zu denen Tralzio der Ukari3 und auch Petront der Halbelf4 zweifellos zählten, schätzten die jüngeren Magier jedoch die luftigen Höhen nicht sonderlich.

Ihre eher flüchtigen Behausungen lagen meist ebenerdig oder verbargen sich sogar in tiefen Höhlen.

Gelyoc blieb eine Zeit lang erneut in Gedanken versunken stehen.

Sein Meister mochte eine seltene Erscheinung unter den überwiegend menschlichen Zauberern des Ordens sein, aber dafür hatte er das Herz am richtigen Platz.

Er war klein aber robust und zäh.

Sein Volk, die Ukari, galten allgemein als wunderliche Einzelgänger, obwohl sie in früherer Zeit einmal zahlreich gewesen sein sollten.

Ganz so wie Drachen oder Baumwesen, dachte Gelyoc.

Nur Tralzio hatte einen Halb-Troll als Zauberschüler angenommen und dafür war ihm dieser sehr dankbar.

Er lächelte stolz in sich hinein.

Auch seine Mutter war bereits ein Halbblut, sie sah zwar fast aus wie eine Endar, doch sie hatte auch elfische Vorfahren, es gab keinen Zweifel, seine magische Begabung hatte er von ihr.

Sein Vater ein Trollgear5, war nicht mehr als eine tragische Begegnung seiner Mutter gewesen, zumindest wenn man ihr glaubte.

Sie sprach fast nie über ihn, aber sie lies es ihren Sohn auch nicht spüren, das er kein Kind der Liebe war.

Im Gegenteil, sie liebte ihn trotzdem, dessen war er sich immer gewiss gewesen.

Endlich stieg er nun die Außentreppe hinunter und tat ein paar Schritte zum Bach hin.

Dort betrachtete er seine Beute genauer.

Auf der Schachtel klebte ein allerdings sehr altes Schild, auf dem er die Inschrift nur mit Mühe entziffern konnte:

Demin og urimel

Es war in einem altmodischen Dialekt des Kwendar6 verfasst, den Gelyoc nicht sonderlich gut beherrschte.

Trotzdem übersetzte er frei:

Staub des Verschwindens

Das klang gut, dachte er und grinste zufrieden.

Dieses Zaubermittel konnte einige seiner geheimsten Wünsche erfüllen.

Er steckte die Schachtel in seine Hosentasche und ging als er die Uferwiese erreicht hatte, weiter bis zum Wasser.

Er schob dabei einige Büsche beiseite hinter denen ein massiver halb hoher Steinblock zum Vorschein kam.

Sein Lieblingsplatz.

Dies war der richtige Ort, um das geheimnisvolle Pulver auszuprobieren.

Der Orden von Nevlon, dem auch Gelyoc und sein Meister Tralzio angehörten, war eine sehr alte magische Gemeinschaft, die zur jetzigen Zeit Vahrams 1558, neun Magier zu ihren Mitgliedern zählte.

Sie hatten sich hier in den Wald zurückgezogen um ihre Künste in aller Ruhe zu studieren und weiterzuentwickeln, manche auch aus anderen Gründen.

Der Lauf der Welt war ihnen wie Gelyoc glaubte, wenn auch nicht gleichgültig, so doch nebensächlich.

Doch ahnte er noch nicht, dass er in nicht allzu ferner Zeit herausfinden sollte, dass dies nicht für alle galt.

Was Tralzio anging, da war er sich ganz sicher, denn sein Meister studierte, wie er bald festgestellt hatte, nicht nur die Magie, sondern auch ausgiebig eine unübersehbare Anzahl uralter Schriften seines Volkes, die er auf Reisen mindestens durch ganz Arkur gesammelt hatte.

Beinnah hatte er den Eindruck, Tralzio ging es mehr um diese Studien, als um die Magie an sich. So etwas wie das Zauberpulver erschuf er lediglich zum Zeitvertreib nebenher.

Gelyoc vermutete sagar, dass Tralzio in den Aufzeichnungen von seiner Bibliothek, seit geraumer Zeit etwas ganz bestimmtes suchte, was nicht unbedingt mit Zauberei zu tun hatte.

Erst recht seit dieser große Krieger ihn vor einigen Wochen besucht und jenes Schwert mit gebrachte hatte, welches seitdem im Mittelpunkt von Tralzios Aufmerksamkeit stand.

Der Halbtroll hatte den Mensch noch nie gesehen, aber Tralzio tat so, als seien sie alte Bekannte.

Gelyoc grinste, denn das brachte ihn auf einen Gedanken.

Mit Hilfe des Pulvers, würde es ihm nun bestimmt gelingen, sich die Waffe auch einmal genauer anzusehen.

Das Schwert hatte offenbar mit den alten Legenden zu tun, mit den Drachenkriegen und ähnlichen Geschichten aus der Vergangenheit.

Gelyos Neugierde war jedenfalls geweckt, denn der Krieger, der sich Syril Sherg nannte, war nicht der einzige Besucher mit Geheimnissen, in den letzten Wochen gewesen.

Denn wenige Tage später hatte er Tralzio bei einem Besuch von Petront belauscht und ein paar Brocken auf geschnappt.

Nur wusste er mit diesen Informationen bisher herzlich wenig anzufangen.

Ein gewisser Sul’rir, ebenfalls ein großer Magier, war ihr Thema gewesen und dessen Theorie von den Kraftquellen der Magie auf Arkur, den sogenannten Drachentränen und dann sprachen sie sogar von den Drachen selbst und ihrer möglichen Rückkehr nach Alwar.

Drachen! Gelyoc fazinierten diese Wesen außerordentlich. Die wenigen geschichten die seine Mutter von ihnen wusste hatten ihn stets in ihren Bann gezogen.

Er fröstelte bei dem gedanken, das diese Ungeheuer in die Welt zurückkommen könnten.

Im Augenblick war die Sonne jedoch heiß und er planschte mit den Füßen im Bach und sann lieber über seine bald unbegrenzten Möglichkeiten nach.

Er war ein ungeduldiger Schüler.

Ein wenig schneller dazuzulernen würde er schon gerne, um auf dem nächsten Mittmarkt-Fest in Notves, der nächstgelegenen großen Stadt, wo der vierteljährliche Glauklerwettstreit stattfand, bessere Aussicht auf Erfolg zu haben.

Wenigstens ein paar neue Tricks musste er sich aneignen, oder, er warf einen Blick auf die Schachtel, eben seine Ausrüstung verbessern.

Denn zum kommenden Herbstlicht7 war der letzte Mittmarkt8 des Jahres und das waren nur noch drei Tage bis dahin.

Das brachte ihn dahin sich wieder der winzigen Holzkiste zu zuwenden, die er erbeutet hatte.

Er öffnete sie endlich, doch dann zögerte er einen Moment.

Es würde wenig Sinn machen, sich hier im verlassenen Wald unsichtbar zu machen, denn die Bäume, der Fluss oder der Turm konnte ihm schlecht sagen, ob es funktionierte.

Aber bis zu einem der anderen Türme war es schon jeweils eine halbe Tagesreise, obwohl sie vom Treppensims so nah wirkten.

Und bis zu einer der Handelsstraßen am Waldrand war es erst recht zu weit.

Er seufzte verdrossen und saß grübelnd da, als er plötzlich und unerwartet das Geräusch von Schritten vernahm.

Rasch duckte er sich hinter den Busch und blickte neugierig zum Turm hin.

Wer konnte da kommen, war Tralzio erwacht?

Doch es war nicht Tralzio.

Eine korpulente menschliche Gestalt mit dichtem Schnurrbart, schon sehr lichtem Haar und in eine einfache braune Kutte gehüllt, schlurfte in watschelndem Gang aus dem gegenüberliegenden Waldrand hervor.

Das wettergegerbte aber leicht aufgedunsene Gesicht hatte wie üblich einen gutmütigen Ausdruck aufgelegt und die tief liegenden kleinen Augen, blinzelten aufmerksam und listig in alle Richtungen.

Es war der menschliche Magier und Ordensführer Rontwal.

Was wollte er hier?

Warum bemühte er sich persönlich her?

Wo er doch einen Spiegel, ein magisches Sprachrohr oder einen Tierboten hätte benutzen können, was er gemeinhin auch tat.

Das war ungewöhnlich.

Aber Gelyoc lächelt, als ihm eine andere Idee kam.

Rontwal kam ihm gerade recht.

Eilig öffnete er also nun das Kistchen ganz, schüttete sich eine Messerspitze des Pulvers in die Trinkflasche und stürzte den Inhalt hastig herunter.

Unterdessen hatte der ahnungslose Zauberer den Fuß des Turmes erreicht und wollte gerade an der Glocke ziehen die an einem Holzgestell vor der Außentür hing, als Gelyoc hinter seinem Busch hervor sprang, sehr darauf bedacht kein verräterisches Geräusch zu machen.

Doch Rontwal hielt trotzdem in der Bewegung inne und sah zu ihm hinüber.

„Merkwürdig.“, dachte Gelyoc, es hatte den Anschein, als sehe er ihn doch und verfolge nun jede seiner Bewegungen mit einem verblüfften Ausdruck im Gesicht.

Aber das konnte schließlich nicht sein, denn er war ja unsichtbar oder nicht?

Gelyoc schlenderte nun lässig auf den Alten zu, blieb direkt vor ihm stehen, reckte sich hoch und kniff ihm feste in die Nase.

Rontwal stieß ein heftiges Stöhnen aus und schaute mit bösem Blick, wie es den Anschein haben konnte direkt auf den Übeltäter herab.

„Wie gut dass er nur durch ihn hindurch auf eine leere Wiese starren konnte,“ dachte Gelyoc erschaudernd.

Er lachte stumm in sich hinein und sprang nun noch mutiger geworden, hinter den scheinbar völlig perplexen Magier und trat ihm mit Anlauf in den Hintern.

Rontwal jaulte auf und hatte im nächsten Moment den Halb-Troll an der Gurgel gepackt.

„Bei den Zöpfen Tokaias, bist du wahnsinnig, du Trollbrut?!“ Fauchte er den nun seinerseits überraschten Gelyoc an.

Ist das ein neuer Tanz für den Mittmarkt? Ich habe nicht vor weiterhin dein Liebchen in diesem Spiel zu sein.

Wenn ich dich also nicht augenblicklich in eine stinkenden Gallertwurm verwandeln soll…,“ brummte er wütend, „…dann sieh zu, dass du Land gewinnst Kerl!“

Rontwal ließ Gelyoc so plötzlich los, dass dieser schmerzhaft auf den Hintern fiel.

„Aber, aber…“ Stammelte Gelyoc und war froh dem Griff des Alten entronnen zu sein, rieb sich den Hals und versuchte sofort dessen Wut zu besänftigen.

„Verzeihung, Verzeihung Herr, ich wollte bloß die Wirkung eines neuen Zauberpulvers ausprobieren, es sollte mich für Euch eigentlich unsichtbar machen.“

Rontwal verzog die Mundwinkel. „So, so und da wolltest du mir gleich mal eins auswischen was?“

Er blickte grimmig auf ihn herab, doch dannheiterte sich seine Miene auf, offenbar doch einigermaßen amüsiert über das erlebte.

„Ich glaube seit meiner Kindheit, hat mir niemand mehr in den Hintern getreten, nur gut das du Wicht nur so eine halbe Portion bist.“

Er grinste und schielte auf die Schachtel die Gelyoc noch immer in der Hand hielt.

„Lass doch mal sehen.“

Gelyoc reichte ihm die Selbige.

„Hm…du bist der Meinung das sei Unsichtbarkeitspulver?“

Gelyoc nickt.

Der Magier schüttelte lächelnd den Kopf, dann wies er auf das vergilbte Schild, das auf der Kiste klebte.

„Das muss heißen:“

Fem Demin urmirl

„Die erste Silbe dort hat wohl jemand weggekratzt, aber man kann sie doch noch erahnen.“

Gelyoc starrte ihn verblüfft an.

„Also heißt es in Wirklichkeit…?

Rontwal nickte und fügte lachend hinzu:

„Es ist das Gegenmittel gegen Unsichtbarkeit. Nun wirst du wohl für ewig sichtbar bleiben.“

Ein Lachanfall überkam ihn, während Gelyoc eine säuerliche Miene machte.

Rontwal wandte sich immer noch lachend von ihm ab.

„Nun denn, genug der Scherze, ist dein Meister zu hause?“

Gelyoc nickte.

„Er schläft.“

„Also, dann lass ihn uns wecken, ich werde wohl ein ernstes Wort mit ihm über dein Benehmen zu reden haben und außerdem habe ich noch so einiges Wichtigeres mit ihm zu besprechen.“

Der Halb-Troll nickte demütig.

Sie betraten den Turm.

Die untere Etage war ein geräumiger Raum, der nur mit wenigen Möbeln ausgestattet war, aber wie beide wussten, zahlreiche magische Artefakte enthielt, deren Funktion man besser nicht unabsichtlich in Betrieb setzte.

Eine Wendeltreppe führte in den oberen Bereich.

„Geh ihn wecken.“ Befahl Rontwal und ließ sich auf einem der Stühle nieder, die um einen rechteckigen gewöhnlich ausschauenden Tisch gruppiert waren.

Es dauerte nicht lange, da stieg Tralzio der Faun, auf seinen zottigen zwei Hufen, dicht gefolgt von Gelyoc die Treppe herunter.

Er begrüßte Rontwal herzlich und lächelte dann mit festem Blick auf Rontwals Nase.

„Ich hoffe ihr seit nicht dauerhaft zu Schaden gekommen? Es war mein Fehler, ich muss auf meine Dinge besser achten.“

„So.“

Antwortete Rontwal.

„Hat Euch der Bursche seine Untat also schon gestanden.“

Er warf einen Seitenblick auf Gelyoc.

„Dann ist sein Charakter ja offenbar noch zu retten.“

Tralzio nickte lächelnd.

„Was führt Euch zu mir Freund?“

Der dicke Magier faltete die Hände vor dem Gesicht und blickte Tralzio über die Fingerspitzen aufmerksam an.

„Ich bin gekommen um Euch zu einer außerordentlichen Ratsversammlung abzuholen.“

Tralzio strich sich über das zottige Kinn.

„Dafür hättet ihr lediglich einen Boten senden brauchen.“

Rontwal nickte.

„Und wärt ihr gekommen?“

Er lächelte.

„Ich kenne Euch inzwischen recht gut lieber Freund. Zu oft habt ihr schon die Versammlungen gemieden.“

Er hob die Hand bevor Tralzio etwas erwidern konnte.

„Sicher, wir alle sind viel beschäftigt, doch ihr seit besonders gut darin.“

Er hob die Hände um noch immer eine Erwiderung des Fauns zu verhindern.

„Streitet es nicht ab. In den letzten Jahren habt ihr Euch selten im Rat blicken lassen.“

Rontwal stockte, als er bemerkte, dass Gelyoc auf dem Stuhl, den er eingenommen hatte um kein Wort zu verpassen, sich zu weit vorgebeugt hatte und darum nun nur mit Mühe das Gleichgewicht halten konnte.

Doch der Halb-Troll fing sich, als ihn Tralzios strenger Blick traf und der Ordensführer fuhr fort:

„Ich habe Euch beobachtet mein Lieber und ich bin inzwischen überzeugt davon, dass ihr diesen Ort hier, mehr als Versteck ausgewählt habt, denn zum Studium der Magie.“

Tralzio machte ein offenbar überraschtes Gesicht, lächelte dann und antwortete:

„Man kann Euch nicht täuschen mein Bester, ich bitte um Vergebung. Ich habe mich vielleicht ein wenig zu viel in meine Schriftrollen und Bücher vertieft. Lasst es mich erklären und trinkt dabei einen Schluck mit mir.“

Er wies bei diesen Worten Gelyoc an, seinem Gast etwas zum Trinken zu holen und dieser beeilte sich der Anweisung Folge zu leisten.

Wenig später kam er mit einem vollen Krug aus der Küche zurück, die durch einen Fellvorhang vom Raum abgetrennt war und stellte ihn mit zwei Bechern vor die beiden Magier auf den Tisch.

Rontwal goss sich aus und trank den Becher in einem Schluck leer.

„Es ist heiß im Wald,“ sagte er zur Erklärung seines Durstes, dann wandte er sich wieder Tralzio zu:

„Dieses Mal, kommt ihr nicht darum herum. Denn es ist etwas geschehen, das wie ich vermute mit euren Forschungen zu tun hat.“

Tralzio hob überrascht die Augenbrauen und Gelyoc rutschte wieder gespannt auf seinem Stuhl herum.

Rontwal brummte „Ja, ich denke ich weiß was ihr die ganzen Jahre sucht.“

Tralzio machte eine Geste zu Rontwal, das dieser fortzufahren solle.

Der Ordensführer tat es.

„Heute morgen kam ein Elfenkrieger in den Wald, die Spähzauber meldeten es sofort. Er trug die Farben des Fejan-Clans und verließ auf der Schmetterlingslichtung die große Straße. Offenbar wusste er genau was er tat, denn er sprach an der Felsnase das korrekte Losungswort, durchquerte den kupferfarbenen Teich an der richtigen Stelle und erreichte die Schläferweiden vor Yliks Grotte ungeschoren von den wilden Froschlingen, die er wie sich später herausstellte mit einem einfachen Doppelgängerkniff verwirrt hatte.“

Tralzio lachte.

„Nun, und wer war dieser schlaue Eindringling, der offenbar alle Eure Vorsichtsmaßnahmen kannte?“

„Er stellte sich uns als Farafil, Botschafter von Fejan vor und er sagte Ylik, der ihn als erster empfing, dass er den Anführer des Ordens von Nevlon mit einer wichtigen Nachricht sprechen müsse.“

„Nachdem ich ihn angehört hatte, schickte ich sofort Tierboten an alle Magier und zu Dir kam ich wie du siehst, selbst. Unterdessen wartet der Elf im Ratsbaum. Für morgen Abend habe ich die Versammlung einbestellt.“

Tralzio rümpfte die Nase.

„Ich vermute es geht um das Feenkind?“

„Natürlich.“ Sagte Rontwal und lehnte sich auf dem Stuhl zurück.

„Ich verstehe noch nicht ganz, was die Sache den Orden interessieren könnte, ist etwas passiert?“

Rontwal spitze den Mund: „In der Tat.“ Antwortete er und machte eine bedeutungsvolle Pause.

„Farafil berichtete davon, das in Fejan ein Mann eingetroffen sei, ein gewisser Alnor, der behauptet ein Halur, also ein Lichtfee zu sein und aus dem Land Andul zu kommen und er sprach davon, das Sitar in großer Gefahr sei. Da die Nindur ihren Aufenthaltsort herausgefunden hätten.“

Das Gespräch setzte sich den gesamten Nachmittag vort und Gelyoc wurde des Zuhörens schnell müde.

Der Halb-Troll hatte sich ob seines Misserfolges mit dem Zauberpulver, schlecht gelaunt getrollt und döste gerade in der Hängematte am Waldrand, als Tralzio ihn weckte und zu seiner Überraschung sagte:

„Aufwachen! Faulpelz, wir müssen zur Besprechung.“

~

Sie wanderten den gewohnten Weg den Fluss entlang, Wald einwärts und erreichten noch am Nachmittag des folgenden Tages einen kleinen Felsen.

Auf diesem waren weiße Symbole gemalt und er war völlig von einer gelb blühenden Rankenpflanze umwuchert, die wie Gelyoc wusste Sismea hieß.

Direkt am Fels war ein Bootsplatz.

Gelyoc, der sehr überrascht davon war, dass Tralzio ihn nach dem gespräch mit Rontwal aufgefordert hatte sie zu begleiten, denn noch nie hatte er bisher zum Ratsbaum mit gedurft, taten allmählich die Füße weh, da er das lange Laufen nicht gewöhnt war.

Am Holzsteg stand eine kleine Hütte und vier Boote waren vertäut.

Der schmale Nebenarm des Flusses der hier entlang floss hatte eine kaum wahrnehmbare Strömung.

Vom Ufer und von einer Insel, die diesen vom Hauptfluss trennte hingen langarmige Äste bis tief über das Wasser, wie ein Vorhang.

Als sie das Ufer erreichten, teilten sich gerade die vordersten Äste und ein weiteres Boot stieß darunter hervor.

Darin saß Dorgat, Rontwals Zauberschüler und winkte der Gruppe zur Begrüßung eifrig zu.

Gelyoc verzog das Gesicht.

Er mochte Dorgat nicht besonders, denn er war fast so dick wie sein Meister, stark wie ein Bär und beherrschte im Gegensatz zu Gelyoc schon einige mächtigere Zauber des dritten Grades.

Sogar ein solch großes Boot schien er ohne Hilfe magisch steuern zu können und außerdem war er ein ziemlicher Angeber.

Dorgat legte mit dem Boot an, sie stiegen ein und sofort legte es wieder ab, und fuhr in die Richtung zurück, aus der es gekommen war.

Rontwal im Bug teilte mit seinen Händen die herab hängenden Äste und zu Gelyocs Überraschung glitten sie dahinter in eine Art Pflanzentunnel in dem sie eine feuchte Stille umgab.

Doch in einiger Entfernung, konnte man den Ausgang bereits erkennen.

„Es sind fast alle da Herr,“ sagte Dorgat in die Stille während das Boot zielstrebig zum Licht glitt.

„Wer fehlt noch?“ fragte Rontwal mit ärgerlichem Unterton.

„Lenthriwan soll sich geweigert haben und Meloragh ist laut ihrer Botschaft in Elberak unabkömmlich.“

„Hm“ Brummte Rontwal und zu Tralzio gewannt sagte er:

„Es ist doch immer das selbe.“

Tralzio lächelte.

„Einigkeit ist eine kostbare Tugend, weil sie selten vorkommt,“ antwortete er.

„Wohl wahr,“ knurrte Rontwal.

„Doch wie ihr mir zustimmen werdet, ist sie in diesen Zeiten wichtiger denn je.“

Tralzio nickte aber Gelyoc fragte sich, was der Ordensführer mit „in diesen Zeiten“ meinte?

Schließlich verließen sie den Pflanzentunnel um in das Innere einer kleinen Bucht zu steuern, die wie Gelyoc vermutete, Teil der Flussinsel sein musste.

Auch in dieser Bucht gab es einen Steg an dem sie anlegten.

Ein schmaler Strand lag vor einer Steilwand mit einer Öffnung, die in eine natürliche Höhle zu führen schien.

Das ist also Namir’tei, der Mittelpunkt des Waldes und die Kraftquelle Nevlons, dachte Gelyoc.

Tralzio hatte ihm den Ort einmal beschrieben und ihm erklärt, dass hier auch eine der Drachentränen9 gehüttet wurde.

Der Höhleneingang offenbarte sich nun als eine Art Bogen durch den Fels, der sich nach wenigen Schritten in einen weiten Talkessel öffnete.

Die Größe dieses Raumes hinter dem Fels verblüffte Gelyoc sichtlich, denn die Insel hatte nicht so gewaltig auf ihn gewirkt.

Doch er vermutete, dass er hier wahrscheinlich einer beabsichtigten magischen Täuschung erlegen war.

Dorgat, der sie immer noch begleitete sah seine Überraschung und grinste ihn breit an.

„Nicht schlecht was?“ Feixte er.

Gelyoc nickte stumm, denn was er außerdem sah beeindruckte ihn so sehr, dass er Dorgats Überheblichkeit für diesmal gut ignorieren konnte.

Die Vegetation war nicht anders wie außerhalb des Kessels und gut befestigte Wege führten in verschiedene Richtungen.

Sie folgten einem kleinen Bach der sie bereits durch das Felstor begleitet hatte bis zu einem gewaltigen Wasserfall, der einen dunklen See speiste.

Sie gingen am Wasserfall über Stufen abwärts auf eine tiefere Ebene.

Am Ufer des Sees lag ein großer Platz auf dem ein wahrlich riesiger und hausdicker Baum stand. So etwas hatte Gelyoc noch nie gesehen.

„Der Ratsbaum,“ flüsterte er und Dorgat neben ihm nickte eifrig.

Die Wurzeln des Baumes waren offenbar vor langer Zeit durch Wasser freigespült worden und rankten nun Kraken gleich am Fuß des selben, oberhalb der Erde heraus.

Zwischen ihnen hindurch führte ein schmale Wurzeltreppe hinab in die tiefe Halle.

Zielstrebig steuerte Rontwal mit der Gruppe darauf zu und stieg ihnen voran in den mit flackernden Laternen erleuchteten Eingangstunnel.

Nach wenigen Stufen erreichten sie bereits das Innere.

Ein gewaltiger Steintisch stand in ihrer Mitte.

Darum herum gruppierten sich neun steinerne Sessel.

Fünf davon waren besetzt. Als die Gruppe den Raum betrat, verstummte die Unterhaltung der Anwesenden.

Eine schlanke große Frau mit kurzem Haarschnitt und auffälligem silbernen Stirnreif erhob sich von ihrem Platz und machte eine von Armreifen klirrende Geste zur Begrüßung der Ankömmlinge.

Die anderen taten es ihr nach und Rontwal und Tralzio erwiderten den Gruß mit einer knappen Verbeugung, ebenso Dorgat und Gelyoc.

„Ihr kommt gerade noch rechtzeitig“ bemerkte die menschliche Frau mittleren Alters, die Gelyoc als Algrake kannte.

„Unsere elfischen Freunde wollten uns gerade wieder verlassen.“

Rontwal zog überrascht die Augenbrauen hoch und blickte zur anderen Seite der Halle.

Dort kam ein Elfe, offenbar jener, der Farafil genannt worden war, zu ihnen herüber geschritten.

Im Hintergrund stand jedoch noch ein zweiter Elf, wie Gelyoc bemerkte.

Er kannte nur wenige reinblütige Elfen und betrachtet die grazile Statue beider, daher fasziniert.

Warum waren sie zu zweit? Rontwal hatte doch nur von einem gesprochen.

Der Zauberschüler musterte schnell auch alle anderen Anwesenden, während er und Dorgat sich auf eine Bank an der Seite nieder setzten.

Außer Algrake und den beiden Elfen waren von den Magiern, des Ordens von Nevlon, noch Batragon, ein Tewir, ebenso kleinwüchsig wie Tralzio, aber von wesentlich grazilerer und doch drahtiger Gestalt. Ulias der Illusionist ein bärtiger menschlicher Riese. Petront ein ganz in Grün gekleideter Halb-Elf und der, auf Gelyoc immer etwas unheimliche wirkende Beschwörer, Halberig. ein stämmiger Mensch mit breitem Doppelkinn und Schnurrbart, anwesend.

Wie Dorgat bereits berichtet hatte, fehlten Meloragh, eine Blauelfe die seit geraumer Zeit nicht mehr in Nevlon lebte, sondern die Gemalin des Grafen von Elberak im Königreich Adrohn war.

Außerdem Lentriwan ein Halbtewir, den Gelyoc wegen seiner lustigen Art, sehr mochte.

Obwohl er noch nie bei einer Rats-Versammlung dabei gewesen war, hatte er alle Ordensmitglieder bereits gesehen, denn sie gingen bei Tralzio mehr oder weniger ein und aus.

Trotzdem war er immer wieder beeindruckt von ihrem teils sehr ungewöhnlichen äußeren Erscheinungsbild.

Während er sie also betrachtet, blieb ihm plötzlich die Luft weg und er stöhnte laut auf.

Dorgat hatte ihm seinen Ellenbogen in die Rippen gerammt.

„Was soll das?“ Flüsterte Gelyoc giftig.

Dorgat grinste, „Dir fallen ja gleich die Augen aus dem Kopf.“

Gelyoc schnaubte ärgerlich und Dorgat bemerkte dazu:

„Ich wollte eigentlich nur feststellen, ob deine Reflexe für den Wettbewerb am Mittmarkt schon geübt sind. Aber leider bist du noch genauso langsam wie letztes Jahr.“

Gelyoc knirschte, vor Wut kochend, mit den Zähnen und rutschte auf größeren Abstand zu Dorgat.

„Wir werden sehen, du eingebildeter Affe,“ murmelte er vor sich hin, dass Dorgat es nicht hören konnte und wandte sich dann wieder dem Geschehen in der Halle zu.

Der Elf Farafil, dessen langes Haar zu kleinen Zöpfen geflochten war in welche sich grüne Bänder woben, verneigte sich gerade vor Rontwal und sagte dann:

„Herr, es ist wahr. Neue, sehr schlimme Nachricht erhielt ich vor einer Stunde von Garfin dort, meinem Clanbruder, dem Sohn meines Olwan10 Dragas. Der mir aus Wehrs-hain nacheilte.“

Er wies bei diesen Worten auf den etwas kleineren Elf im Hintergrund und holte kurz Luft bevor er weiter sprach.

„Mein Vater Teralfin, der Clanfürst der Fejan wurde ermordet, er wurde bei einem Ritt durch unser Grenzgebiet, Opfer eines heimtückischen Hinterhalts.“

Man sah, wie er bei diesen Worten mit seiner Fassung rang, doch dann fuhr er ernst fort:

„Wir denken, dass dieser Anschlag im Zusammenhang mit dem steht, was ich Euch bereits berichtet habe und ihr werdet darum verstehen, dass ich unverzüglich zurückkehren muss, um meinen Clan zu führen und auch um für den Schutz der Halur zu sorgen, die sich in unserer Obhut befindet.“

Er gab nun dem Elf mit Namen Garfin ein Zeichen und dieser kam näher und verbeugte sich ebenfalls vor Rontwal und den anderen.

Rontwal erwiderte die Geste, legte dabei aber seine Stirn in Falten.

„Ihr habt unser größtes Mitgefühl lieber Freund und ich verstehe auch Eure Eilel“

Sagte er mit fester Stimme.

„Doch möchte ich Euch trotzdem bitten noch an unserer nun weitgehend vollständig Versammlung teilzunehmen.“

Mit der Hand vollführte er eine einladende Geste.

„Denn die Ereignisse sind zu wichtig, wie ihr selbst mir gestern noch zu verstehen gabt, als dass wir uns erlauben könnten in übergroßer Hast oder ohne gemeinsame Absprache zu handeln.“

Der junge Elfenfürst schien einen Moment mit sich zu ringen, nickte dann jedoch.

„Gut, ihr habt Recht, dies ist es was ich als letzten Auftrag meines Vaters tun sollte, darum will ich noch einmal vor allen nun Anwesenden die Botschaft wiederholen, die ich dem Orden von Nevlon überbringen sollte.“

Farafil und Garfin begaben sich mit langen Schritten zu jeweils einem der Sessel und nachdem auch Rontwal und Tralzio Platz genommen hatten begann Farafil:

„Zunächst ist zu erwähnen, was sicher auch in Nevlon nicht verborgen geblieben ist, dass in unserer direkten Nachbarschaft, also im Königreich Adrohn, ein Bruderkrieg unter den Menschen ausgebrochen ist, der uns natürlich sehr beunruhigt.“

Rontwal nickte und Farafil fuhr fort:

„Das Ungewöhnliche daran ist jedoch, dass offenbar fremde Mächte dahinter stecken. So berichteten Flüchtlinge aus dem Westen des Reiches, das ihre Städte durch kleine Drachen angegriffen wurden oder große Bolger in der Schlacht auf den Höhen von Asthric das Geschick zugunsten Elthors des Herzogs von Coceon entschieden hätten.“

Ein Raunen ging durch die Reihen der Magier und Batragon sagte:

„Feen und Drachen? Wollt ihr uns mit alten Legenden beunruhigen? davon spracht ihr vorher nicht.“

Farafil wartete kurz ab, dann führte er weiter aus:

„Unsere alten Bündnisse mit Adrohn wurden nie erneuert und darum hielten wir uns bisher zurück. Aber vor zwei Doppel-Monden tauchte plötzlich ein Mann in Wehrs-Hain auf, der sich Alnor yl’Targhal an Ithur11 nannte und er war eben kein Mensch, sondern ein Fee.

Tralzio setzte sich, wie Gelyoc bemerkte, interessiert auf, während Farafil der die Bewegung ebenfalls gesehen hatte und ihm darum einen kurzen Seitenblick zuwarf, weiter sprach.

„Dieser Fee hat uns die Augen geöffnet und er wusste zu unserer Überraschung auch von jenem Feenkind, dass uns Syril Sherg einst in die Obhut brachte.“

Ein Murmeln setzte ein im Raum.

„Wir kannten ihn natürlich nicht und waren zunächst nicht sicher, ob wir ihm wirklich glauben konnten, doch dann erkannte ihn das Kind selbst, welches Sitar genannt wird, wieder. Denn es war jener Alnor, der Sitar kurz nach ihrer Geburt aus Andul rettete und nach Gyion brachte. Und er war es auch, der sie wiederum von dort durch das Tor nach Celeb-draugh schickte. Rechtzeitig bevor die Nindur-Feen sie fanden und wo Sherg ihr durch glückliche Umstände zur weiteren Flucht bis zu unseren Hainen helfen konnte.“

Wieder gab es eine Unruhe in den Reihen der Magier, doch es sagte niemand etwas.

So fuhr Farafil fort:

„Alnor teilte uns weiterhin mit, dass er gekommen sei, um Sitar erneut vor Dionel, der Königin der Nindur12, die weiter nach ihrem Leben trachte in Sicherheit zu bringen. Denn auch ihre neue Heimat in Gasfrogan, sei verraten und die Traumfeen und ihre Verbündeten in Arkur schon auf dem Wege zu uns. Er sei ihnen selbst nur knapp voraus.“

Algrake räusperte sich jetzt und meinte:

„Es passt einiges zusammen.“

Farafil nickte.

„Er berichtete uns außerdem, dass in Andul, dem Land der Feen, zwischen den Halur13, denen er und Sitar angehörten und den Nindur, seit dem Tod des gemeinsamen Thewos14, wie sie ihren König nennen, ein Krieg um die Vorherrschaft tobt. Die Ninur und ihre Königin seien im Vorteil und es fehle nur noch eines zu ihrem endgültigen Sieg. Sie mussten das Feenmädchen Sitar, die eben eine Tochter des letzten Thewos sei, töten! Denn in Sitas Adern fließe das Blut beider Geschlechter, daher seit sie die wahre Thewai, die in den Legenden seines Volkes, prophezeite Friedens-Herrin aller Feen.“

Nach dem Ende dieser Schilderung herrschte einen Moment noch Schweigen in der Runde, dann regte sich Batragon erneut und sprach:

„Das mag ja alles sein, aber was kümmert uns das hier, sollen sie sich doch um ihre Könige streiten, ob dort in Andul oder hier in Adrohn. Der Orden hat sich nie in solche Angelegenheiten eingemischt. Ob bei den Menschen, bei Elfen oder bei wem auch immer.“

Farafil warf ihm einen eisigen Blick zu und antwortete:

„Hört zu Magier, bevor ihr vorschnell urteilt: Der Fee behauptet das die Königin der Traumfeen eben auch hinter dem Krieg in Adrohn steckt. Sie will Verwirrung und Chaos stiften, um Sitar aus ihrem Versteck zu locken und ihre Machtgier beschränke sich längst nicht mehr nur auf Andul. Ihr Plan ist es, die Schwarzen Drachen vollständig aus ihrer Verbannung zu befreien und dafür sucht sie auch nach der Kraft der Drachentränen.“

Er blickte sich um, als suche er etwas.

„Ist nicht auch an diesem Ort hier eine solche verborgen?!“

Gelyoc, sah wie die versammelten Magier nun doch nachdenklich bis hin zu beunruhigt den Elf anblickten und Rontwal nickte langsam.

Farafil fuhr fort:

„Sie benützt den Krieg um ihre Drachen ungehindert nach den Tränen suchen zu lassen und dabei gleich auch nach den Schwertern der Deniqui15. Aus den in den Griffen verarbeiteten Bruchstücken, will sie, für ihre Verbündeten, den alten Machtstein der Drachen wieder zusammenzusetzen.“

Es bemächtigte sich nun endlich eine große Unruhe der anwesenden Magier und Schüler im Raum, als Farafil eine erneute Pause in seinem Bericht machte und seine Worte auf sie wirken ließ.

Das Sagenland Andul, die Feen, die Drachen… gab es sie also wirklich?

Gelyoc merkte wie er Farafil mit offenem Mund anstarrte und schloss ihn hastig, bevor etwa Dorgat es bemerken konnte.

Doch dieser lauschte diesmal ähnlich gebannt.

Farafil nahm unterdessen einen Schluck aus dem Trinkbecher, der vor ihm auf dem Tisch stand und leckte sich über die Lippen.

Rontwal erhob sich.

„Wenn all dies stimmt und ich zweifele nicht daran, denn zu viel weiß ich bereits über einiges von dem Gesagten aus anderen Quellen, dann haben wir es mit einer sehr großen Bedrohung zu tun, die wir nicht ignorieren können.“

Farafil und auch einige der Magier nickten.

Batragon, dessen graues Haar ihm verfilzt in die bleiche Stirn hing, erhob sich rasch.

„Aber wer sagt uns, das alles was dieser Fee behauptet der vollen Wahrheit entspricht? Auch wenn manches darauf hin deuten mag. Beweise habe ich heute noch keine gehört.“

Auch die andern Magier hatten dazu nun einiges zu sagen und so brach im Raum eine lebhafte Diskussion aus.

Tralzio beteiligte sich nicht daran, wie Gelyoc bemerkte.

Er hatte dem letzten Teil des Berichtes von Farafil konzentriert gelauscht, denn er wusste ja bereits von Sherg einiges über das Feenkind, das dieser vor Jahren aus dem Berg gerettet hatte und er hatte auch ein Schwert von dort mit gebracht und es Tralzio übergeben, um seine Runen untersuchen zu lassen.

Bei dieser Prüfung war er in den Schriften auf einige alte Legenden gestoßen, die ihn bereits vermuten ließen, das sie sich an einer Zeitenwende befanden.

So manche Andeutung darin erschien ihm jetzt klar.

Allerdings das Schlimmste an dem was Alnor behauptete hatte, war, dass die Traumfeen die Verbannung der Drachen brechen wollten. Das wäre wirklich eine Katastrophe.

Er hob darum nun langsam die Hand.

Rontwal sah es und gab ihm das Zeichen, das er sprechen sollte.

Als alle wieder schwiegen, sagte Tralzio direkt an Farafil gewannt:

„Ist dieser Alnor noch in Wehrs- Hain?“

Der Elf schüttelte den Kopf.

„Er verließ uns so schnell wie er gekommen war um seine Verfolger nicht auf Sitars Spur zu bringen, wie er sagte. Doch beim Abschied bat er uns eindringlich Sitar mit einer möglichst unauffälligen kleinen Gruppe von Helfern nach der Stadt Worlen an der Ostküste von Adrohn zu bringen. Dort werde er auf sie warten um sie des weiteren Weges nach Andul zu begleiten.“

„Sie soll den Schutz Eures Waldes verlassen und nach Andul zurückkehren?“

Sagte Algrake erstaunt.

„Nun, wir hielten das auch zunächst für einen merkwürdigen Vorschlag, aber inzwischen wissen wir ja aus leidvoller Erfahrung der jüngsten Ereignisse, dass Gasfrogan kein so sicherer Ort ist wie wir glaubten.“

Antwortete Farafil mit Trauer in der Stimme.

„Und warum kommt ihr mit dieser Geschichte zu uns?“

Sagte Petront nun, in das darauf folgende Schweigen.

Farafil biss sich auf die schmalen Elfenlippen und antwortete dann:

„Wir wollen tun um was er uns bat und Sitar mit einer kleinen Schar ausgewählter Beschützer los schicken, die wie wir hoffen ohne großes Aufsehen zumindest durch Adrohn kommt. Aber auch das wird nicht leicht sein, wegen des Krieges und Dionels Spähern. Daher sollte auch ein mächtiger Magier Teil der Gruppe sein.“

Ein erneutes Gemurmel setzte ein.

Die Meinungen über das Gehörte schwankten in der Versammlung offensichtlich hin und her und schien sich zur Ungeduld der Elfen keiner eindeutigen Entscheidung zu zuneigen.

Dorgat kommentierte auf der Bank neben Gelyoc:

„Du wirst sehen, wie immer wird es zu keiner Einigung kommen und wenn die Welt um Nevlon herum zusammenstürzt.“

Gelyoc dachte ähnlich, aber er befürchtete auch was Tralzio daraus schließen würde. Er beobachtete ihn darum argwöhnisch.

Sein Meister hielt sich lange zurück und rang offensichtlich mit einer Entscheidung.

Dann stand er auf und die Unterhaltung der anderen verstummte als er erneut die Hand hob und Gelyoc der seinen Herrn kannte, ahnte was kommen würde.

Tralzio wandte sich wieder an den Elfenfürsten und sagte mit ruhiger aber bestimmter Stimme:

„Ich werde Euch nach Wehrs-Hain begleiten, Herr Farafil, denn eines der Schwerter der Deniqui, von denen ihr spracht, ist in meinem Besitz. Syril Sherg brachte es zu mir, nachdem er Sitar zu Euch nach Wehrs-Hain führte.“

Erstaunte Gesichter umgaben ihn nun. Auch Rontwal zog die Augenbrauen hoch.

„Das ist eine Überraschung lieber Ordensbruder,“

Tralzio nickte und fuhr fort:

„Auch diese Klinge gilt es also, nach dem eben gehörten, zu schützen und die Legende sagt, das sich die Schwerter der Deniqui gegenseitig finden. Wenn Dionel ihre Macht sucht, sollten auch wir uns dieser bedienen.“

Er nickte dem Elfenfürst entschlossen zu.

„Darum muss ich es sein der Euch begleitet und ich vermute auch meinen Freund Syril Sherg werdet Ihr hinzu gerufen haben?“

Farafil, der seinen Worten mit einem Kopfnicken bestätigte, antworte schnell:

„So ist es Herr Tralzio, Der Sentirmeister wird Sitar begleiten und wenn auch ihr mit kommt und sogar eines der Schwerter in Eurem Besitz habt, so ist das eine sehr gute Nachricht. Die erste für den heutigen Tag.“

Er blickte sich noch einmal um, doch niemand sonst schien noch etwas sagen zu wollen.

„So sei es,“ sagte er schließlich, und zu Tralzio gewandt, „wir reiten noch heute Abend.“

Tralzio erhob sich und gab Gelyoc ein Zeichen, dass sie aufbrechen wollten.
________________________________________________________________________________
1 aus der Chronik von Zeobas – Schrift VII, „Lobgesänge an unser liebes Land“.
2 VAR = nach Vahram ( Zeitrechnung nach der Offenbarung des „Höchsten“ an den Propheten und Zeitmeister Hijon, der den Kalender erfand.
3 Tralzio ist tatsächlich ein Nachkomme dieser uralten Rasse der Faune.
4 Halbelfen oder auch Chai: i.R. Kreuzung aus Elf und Mensch.
5 Trollgear: Trollmann oder -frau mit edler Abstammung oder Anführer.
6 Kwendar/Kwendur: Elfensprache
7 Herbstlicht: bei den Elfen auch EOR = der Schatten oder das Schattenlicht genannt.
8 Mittmarkt: Markt in der Mitte des ersten Vierteljahres.
9 In manchen alten Elfenschriften ist davon die Rede, das die heimkehrenden Truppen der Deniqui hier in ein Gefecht mit versprengten Drakonten (Drachendienern) gerieten und dabei die Sturmträne verloren.
10 Olwan: Onkel /Bruder des Vaters
11 Feensprache: Alnor Sohn von Targhal, Fürst von Ithur
12 Nindur: Dunkel- oder Traumfeen
13 Halur: Lichtfeen
14 Thewos: Herrscher aller Feen
15 Deniqui: Völker die ein Schwerter der Macht besitzen (Jedes Schwert trägt im Griff ein Bruchstück des von Aulon nach dem 2.Drachenkrieg zerschlagenen Machsteines, den der Drachengott Ont’c der Schwarzen Horde gab, um sich die Welt untertan zu machen.)

KAPITEL 5:

WEHRS-HAIN

Elfen, Alben, Zauberwesen
Augen zu, wie nix gewesen!

(Alter Kinderreim aus Adrohn)

Das Silaution:

Vers 6 = alase i olimas senibar gy fare elisor sitar gemas relifar pedare

Vers 7 = sitar ubi dora gon werdes gy laraman i femir gy rasololor senibar pel gasfrogan 1

Die Bäume von Wehrs-hain2 rauschten im Morgenwind.

Sitar lag hinter den Pflanzungen versteckt auf der Lauer und beobachtete gespannt das Paarungsverhalten der zierlichen Verig3 als sie Dragas Stimme vernahm.

Auch die Verig konnten mit ihrem viel empfindlicheren Gehör das Geschrei natürlich nicht ignorieren, unterbrachen hastig ihr Liebesspiel und verschwanden in ihren Asthöhlen.

„Sitar, Sitaaar! Kind wo bist du?!“ Die schlanke Gestalt eines silberhaarigen Elfen bog um die Ecke.

„Hier, hier bin ich Vater.“ Ein etwa dreizehn Winterwenden zählendes elfisch gekleidetes, aber erstaunlicherweise nicht ganz elfisch ausschauendes Mädchen, kam hinter dem Busch hervor.

Dragas erreichte sie und blieb ebenfalls stehen, dabei ein wenig außer Puste.

Er betrachtete Sitar mit prüfendem Blick aus seinen grauen Augen und Sitar hatte dabei den Eindruck, als schaue er sie eingehender als sonst an.

„Was ist Vater?!“ Sagte sie ein wenig beklommen.

Dragas lächelte.

„Immer wieder finde ich es unglaublich, wie schnell du dich entwickelst.

Du bist eine Fee und dieses Volk wächst wie es mir scheint ganz ähnlich schnell wie die Menschen in die Höhe.“

Einen Moment schien ihn diese Erkenntnis zu betrüben.

Sitar hingegen lächelte nun, denn es stimmte insofern, dass sie bereits ebenso groß war wie er.

Die im Grunde nur wenigen Jahre, die Sitar nun bei den Elfen von Fejan lebte, hatten das Mädchen bereits in eine junge Frau verwandelt, wofür elfische Kinder schließlich viele Jahrzehnte benötigten.

Ihr langes rotblondes Haar, glitzerte in der durch das Laubdach fallenden Sonne und lag in dichten Locken um ihre Schultern.

Diese umgaben ihr sommersprossiges, selbst nach elfischen Maßstäben, schönes Gesicht mit den so besonderen rotgoldenen Augen einer Fee.

Dragas lachte.

„Ich glaube, ich sage es nicht zum ersten Mal, aber dein Name könnte nicht passender gewählt sein.

Ich kann kaum glauben das es Zufall ist, dass es das Wort sitar auch im Kwendur4 gibt und das es eben das Licht der Sonne bezeichnet.“

Das Mädchen verzog den Mund und ihre Miene nahm nun einen trotzig, verärgerten Ausdruck an.

„Du bist sicher nicht gekommen um mir, das zu erzählen? Was gibt es so Wichtiges, dass du mir die Tiere verjagst?“

„Welche Tiere…?“

Der Elf legte einen strengen Ausdruck in seine Miene.

„Hast du etwa wieder heimlich die Scags5 beobachtet?“

„Es waren bloß harmlose Verig“

Antwortete Sitar mit einem Tonfall, der verriet, dass sie das wohl schon öfter diskutiert hatten.

„Und du hast sie verscheucht!“ Fügte sie mit ärgerlicher Stimme an.

Dragas machte eine Geste des Bedauerns.

„Es gibt wichtige Neuigkeiten.“

Sagte er dann.

Sitar hatte schon so etwas geahnt, denn sie hatte auch den Ruf der großen Waldhörner vernommen.

„Farafil ist zurückgekehrt und heute Abend wird es eine Versammlung geben an der du teilnehmen sollst.“

Sitar nickte und wirkte mit einem Mal etwas gedankenverloren.

Seit jener Feenmann erneut in ihr Leben gekommen war, der sich Alnor nannte, hatte sie das Gefühl alle schöne Sorglosigkeit ihrer Kindheit endgültig verloren zu haben.

Auch wenn es noch Momente gab, wie bei den Verig, in denen sie das manchmal vergessen konnte.

Denn Alnor, hatte jene Erinnerungen zurückgebracht, die sie lange so gut verdrängt hatte.

Die Erinnerung an ihre Flucht aus Gyi, an die Verfolger und die schreckliche Angst, die sie gehabt hatte.

Als er plötzlich wieder da war, war sie zunächst sprachlos überrascht gewesen, dann hatte sie ihn mit Fragen überhäuft.

Warum er noch am Leben war, warum er ihr damals nicht durch das Tor gefolgt sei?

Doch nun, wo er genauso schnell wieder fort war, konnte sie sich einer schleichenden Angst nicht mehr erwehren.

Denn mit dem geheimnisvollen Retter von damals, waren ihr all jene Gefahren und Bedrohungen wieder in den Sinn gekommen die sie empfunden und von denen er zu ihr gesprochen hatte.

Was war aus den Dubahr geworden?

Auf die meisten ihrer Fragen hatte er keine befriedigende Antworten gehabt, doch seine große Freude darüber, sie gesund und munter wieder zusehen hatte ansteckend gewirkt.

So vermittelte er ihr, bei aller Angst die er zurück in ihr Leben gebracht hatte, auch ein Gefühl der Hoffnung.

Denn er war gekommen um sie erneut zu retten und von nun an zu beschützen.

Er sprach davon, dass sie ihre neue Heimat aufgeben müsse, da sie bald nicht mehr sicher sein würde im Wald von Gasfrogan.

Sie war zunächst sprachlos gewesen, dann hatte sie ihn wütend angeschrien.

Doch er hatte sich dem gestellt und ihr geduldig immer wieder alles erklärt.

All jene Geschichten über ihre wahre Herkunft und über die große Bedeutung ihres Überlebens für ihr Volk, die Feen von Andul6.

Obwohl sie seinen Worten schließlich Glauben schenkte, so konnte sie doch all das noch immer nicht ganz fassen.

Die ganzen Jahre in Fejan, hatte sie sich stets bemüht ihre offensichtliches Anderssein zu vergessen.

Sie wollte sein wie ihre Freunde, sie war im Geiste ganz eine Elfe geworden und nun wo sie sich akzeptiert, gar geliebt fühlte, sollte sie erneut gehen?

Wo sie doch so glücklich war, hier unter dem Dach des Waldes, der soviel Zauberhaftes hatte, eine solche Vielfalt an Leben und eine solche Schönheit der Formen und Farben bot.

Sie wollte nicht weg und sie hasste Alnor dafür, dass er es von ihr verlangte, trotz aller Gefahr von der er sprach.
Aber die Erinnerung an die finsteren, geflügelten Reitern auf Gyi, die sie damals vor ihrem Sprung durch das Tor verfolgt hatten, waren ebenso echt.

Das konnte sie nun auch nicht mehr vor sich selbst leugnen.

Außerdem musste sie zugestehen, dass es auch mit dem Frieden in Gasfrogan seit einiger Zeit vorbei war.

Die Grenzreiter berichteten immer wieder von Felsriesen, die aus den Eskolaren herab kamen oder Verwüstungen der Tewir-Siedlungen in Lyehn durch Trollhorden.

Auch der Krieg im benachbarten Adrohn schien näher und näher zu rücken und glaubte man Alnor, war er das Werk der Nindur-Königin Dionel.

Das Schlimmste aber war vor zehn Tagen passiert, als Lord Teralfin, Farafils Vater, in einen Hinterhalt von Narim7 oder Grauelfen, wie man sie auch nannte, geriet und erschlagen wurde.

Seitdem waren auch die Elfen in ihrem Glauben an die eigne Sicherheit erschüttert.

Ihr war daher unmissverständlich klar geworden, dass Alnor recht hatte.

Denn als die Fejan einige von den Angreifern einfingen, erfuhren sie von Traumvisionen die, die Narim angeblich zu dem Angriff bewogen hatten.

Dionel steckten also wirklich dahinter und es gab daher keine Sicherheit mehr in Gasfrogan.

Aber, wo sollte sie hin? Alnor hatte sie beruhigt und ihr versprochen sie zu führen und auf ihre Sicherheit zu achten.

Er sprach auch davon, das es Zeit sei zurück zu kehren in das Land ihrer Geburt und er die geheimen und einigermaßen sicheren Wege dorthin wisse.

Schließlich hatte sie zugestimmt.

Doch dann, dann war er über Nacht einfach wieder verschwunden! Einzig mit der Botschaft dass er sie in Worlen wiedertreffen werde. Dortin, solle sie so schnell wie möglich kommen. Die Nindur seien schon auf seiner und damit ihrer Spur und er werde versuchen sie in die Irre zu führen.

Mehr nicht.

Eine ohnmächtige Wut kroch in ihren Magen, wenn sie das Gefühl des erneuten Alleingelassenseins nun befiel.

Warum?

Dragas fasste sie am Arm und riss sie damit aus den Gedanken.

„Komm Liebes“ Sagte er mit warmer, absichtlich beruhigender Stimme.

„Ich weiß es gehen dir schwere Gedanken durch den Kopf, auch ich bin sehr beunruhigt, doch glaube mir, wir alle sind an deiner Seite und wir werden gemeinsam eine Lösung finden den Gefahren zu begegnen.

Außerdem…,“ er lächelt aufmunternd.

„Jemand ist heute morgen eingetroffen, den du dich sicher freuen wirst zu sehen.“

Sitar schenkte ihm eine fragenden Blick.

„Wer?“

„Syril Sherg.“

Antwortete Dragas.

Ihr Gesicht hellte sich auf, als sei ein Lichtzauber auf sie gefallen.

Sie lachte und wirkte dabei wieder genau so fröhlich wie sie Dragas meist kannte.

Geschmeidig löste sie sich von ihm und lief voraus, den Zweigpfad hinab zum Hauptast.

„Wir sehen uns heute Abend!“ Hörte er sie noch rufen, bevor sie aus seinem Blickfeld entschwand.

~

Sie lief vorbei an einer Vielzahl von Elfen, die auf dem „großen Ast“ in Richtung des Clanhortes unterwegs waren.

Einen Moment hielt sie inne um Luft zu schnappen, während ihr Blick die wundervoll ineinander verschlungenen Baumstraßen entlang wanderte.

Sie würde diesen Wald, die wunderschönen Baumheime sehr vermissen, das wurde ihr in diesem Moment schmerzlich bewusst.

Vielleicht, vielleicht gab es ja doch noch einen anderen Weg?

Aber sie merkte, dass die aufkeimende Hoffnung, einen bitteren Beigeschmack zurück ließ.

Nein, vermutlich nicht, dachte sie, vermutlich wusste niemand, was genau das Richtige war, aber irgendetwas musste man schließlich tun und alles war besser, als hier zu sitzen und abzuwarten, bis die Schlange ins Nest kroch.

Den Kopf voll mit noch mehr verwirrenden Gedanken, stürmte sie die Plattform hinauf in ihren Heimhort.

Die Tür stand offen und eine bekannte, schlanke Gestalt stand aufrecht vor dem Kamin und neben ihr ein großer, breitschultriger Riese.

„Herr Sherg!“ Rief sie.

Der Varskonier drehte sich um und ein breites Grinsen teilte sein kantiges Gesicht.

Schon im nächsten Augenblick lag sie in seinen Armen.

Nachdem sie sich ausgiebig über ihr Wiedersehen gefreut hatten, hielt Syril Sherg sie auf Armeslänge von sich und sagte in ernstem Tonfall:

„Es ist schon etwas länger her.“

„Zu lange,“ antwortete sie  mit betont vorwurfsvoller Stimme.

Er nickte und strich sich verlegen über den Bart.

„Du weißt, ich fühle mich nicht recht wohl in diesen schwindelerregenden Bäumen.“

Sagte er dann mit einem schiefen Grinsen.

„Außerdem hatte ich eine Menge um die Ohren.“

Er hob entschuldigend die Hände.

„Trotzdem hätte ich öfter vorbei kommen sollen, ich gebe es zu.“

Der schlanke Elf, welcher bisher schweigend daneben gestanden hatte lachte leise.

„Seit ehrlich Herr,“ sagte er.

„Jeder weiß doch, dass ihr den Staub der Straßen von Arkur zum Leben braucht.

Wenn man euch nicht gerade auf der Jagd nach verborgenen Schätzen antreffen kann, so gebt ihr sie dort mit vollen Händen aus und das ist hier natürlich nicht möglich.“

Nun lachte Sherg seinerseits schallend.

„Garfin!“ Rief er.

„Ihr seid, seit meinem letzten Besuch auf jeden Fall erwachsen geworden, auch wenn das Älterwerden bei euch Spitzohren kaum ein vernünftiger Mensch feststellen kann.“

Garfin, Merasils Bruder und zweiter Sohn von Dragas war auch für Sitar wie ein Bruder und sie liebte seinen hintergründigen Humor, ebenso wie Syril Shergs Offenheit.

Sie lachte darum herzlich mit und sagte dann zu ihm:

„Du bist auch eben erst zurück gekommen Bruder?“

Garfin nickte. „Ich kam mit Farafil gemeinsam zurück und ich habe den heiligsten Ort von Nevlon gesehen,“ sagte er grinsend.

Sitar spitzte neidisch den Mund.

„Und was wird nun geschehen?“

„Farafil wird seinen Vater zu den hohen Bäumen bringen und danach werden wir Kriegsrat halten“

Sitar beunruhigte das ungestüme Glitzern in seinen Augen, als er das sagte, aber sie ließ es sich nicht anmerken.

„Ich meine…“, und dabei wandte sie sich wieder Syril Sherg zu „…Ihr wisst von Alnor?“

Der Varaskonier nickte. „Darum kam ich her.“

Er räusperte sich.

„Wenn jemand euch beschützen und zu ihm bringen kann, dann bin das doch wohl ich oder?“

Sitar lächelte ihn an und spürte wie ihr leichter ums Herz wurde.

„Wir gehen also zusammen?“ sagte sie hoffnungsvoll.

„Das will ich meinen.“ antwortete Syril Sherg und schlug dabei mit der flachen Hand auf seinen Schwertgriff.

„Heute Abend werden wir hören was der Clan beschließt, aber wenn es eine Gruppe gibt, die dich sicher, durch Adrohn begleiten kann, dann bin ich bestimmt dabei.“

Sitar strahlte ihn an während Garfin sagte:

„Auch ich werde meine Schwester nicht alleine lassen.“

Sitar wandte sich überrascht zu ihm um.

Der Elf sah ihr schmunzelnd in die Augen und nickte.

Sie konnte jetzt die Freudentränen nicht mehr zurück halten.

Sie war gerührt über soviel Unterstützung.

Trotzdem beschlich sie erneut eine undefinierbare Furcht und sie sagte darum:

„Vielleicht…vielleicht ist es aber besser ich gehe alleine.“

Ihr Blick trübte sich und sie sah abwesend in die anbrechende Abendröte vor der Asthöhle hinaus.

Syril Sherg und Garfin tauschten einen besorgten Blick und ihr elfischer Bruder nahm daraufhin Sitar in den Arm.

„Du brauchst dir keine Sorgen um uns machen Schwester, aus Nevlon hat uns ein mächtiger Zauberer hierher begleitet. Sein Name ist Tralzio, er ist ein Faun und ein Meister seines Faches.

Syril Sherg tat einen überraschet Ausruf und sein Gesicht hellte sich noch mehr auf.

„Tralzio!“ Rief er.

„Sehr gut, ich kenne ihn und ich hoffe er hat etwas für mich dabei.“

Garfin nickte, aber Sitar sahen ihn fragend an.

„Wovon sprecht ihr?“

Syril Sherg schüttelte den Kopf.

„Das ist eine längere Geschichte, Du wirst es sehen, wenn es soweit ist.“

„Ich bin noch nie einem Faun begegnet“, sagte Sitar.

„Meluas erzählte mir mal, es gäbe nur noch sehr wenige von ihnen auf der Welt?“

Sherg antwortete:

„Wenn es jemals viele gab. Sie sind eine alte Rasse, so alt wie die Drachen und älter als die Elfen.“

Garfin zog die Stirn in Falten.

„Jedenfalls ist er sehr klein, etwa wie ein Tewir, solche wie du an den Handelsstationen schon gesehen hast.“

Da betrat Dragas den Raum, begrüßte ebenfalls seinen Sohn und den Varaskonier, dann setzten sie sich gemeinsam zur Abendtafel, die Ejane, Dragas Gefährtin in der Zwischenzeit bereitet hatte.

~

Der ungefähr kreisrunde Ratssaal war erfüllt von leise und ernst miteinander sprechenden Elfen der Baumwache oder aus den edlen Baumhäusern.

Viele hatten, entgegen dem Brauch in Friedenszeitenr, ihre Jagdwämser an und trugen ihre Bögen.

Sitar wurde der Ernst der Lage sofort deutlich bewußt.

Sie sah als sie sich umschaute auch viele fremde Elfen, deren Clanzeichen ihr völlig unbekannt waren.

Vor dem großen aus Holz gezimmerten Herrensitz stand der junge Herr Farafil im leisen Gespräch mit seinen engsten Beratern.

Auch Dragas gehörte zu ihnen.

Auf beiden Seiten des Raumes befanden sich Holztribünen, auf denen schon einige der Elfen Platz genommen hatten.

In der Mitte brannten züngelnde blaue Flammen auf silbernen Feuerschalen und spendete ein, den Raum sanft erhellendes Licht, das die schlanken Holzsäulen, die das güne geflochtene Blätterdach stützen, wie magisch empor krochen.

Sitar und Garfin hatten sich in der Nähe einer der vier Wasserspeier platziert, die ihr kühles Element in kunstvoll gezimmerte Brunnenschalen ergossen.

Eine Herold blies nun auf dem großen Waldhorn, wie es am Nachmittag schon einmal erklungen war.

Das war das Zeichen für die Ankunft wichtiger Gäste und die Gespräche verstummten langsam.

~

Gelyoc war schon während des gesamten Weges von Nevlon durch den prächtigen Wald von Gasfrogan aus dem Staunen nicht mehr heraus gekommen, doch beim Anblick der mächtigen Clanbäume, der Swhig, wie Garfin sie genannt hatte, wusste er vollends nicht mehr was er noch sagen sollte.

Der Ratsbaum in Nevlon war dagegen ein kleines Pflänzchen.

Dabei war Geyloc den Weg über keinesfalls auf den Mund gefallen gewesen.

Er redete wie es seiner Natur entsprach, unentwegt über sein großes Glück diese Reise mit seinem Meister zusammen machen zu können und darüber dass er zum ersten Mal das Innere des Großen Waldes sehen durfte.

Mit dem jungen Elfen Garfin, der sich auf dem Weg als geselliger Begleiter erwies, hatte er sich schnell angefreundet und er fragte ihm förmlich ein Loch in den Bauch über alles ihm Unbekannte am Weg.

Nach der Auflösung der Versammlung in Nevlon waren sie, weil der Elfenherr zur Eile gedrängt hatte, ziemlich überstürzt zum Turm zurückgekehrt und hatten von dort aus schon zwei Stunden später die Nordstraße bis zur großen Kreuzung genommen, wo sie wieder mit den beiden Elfen zusammengetroffen waren um schließlich gemeinsam ihren Weg nach Gasfrogen aufzunehmen.

Gelyoc war rasch klar geworden, dass für seinen Meister die Sache ein sehr ernstes Unternehmen war und dass darum niemand sagen konnte wann und ob er jemals zurückkehren würde.

Das Ganze war also mit unwägbaren Gefahren verbunden, ein richtiges Abenteuer.

Das hatte ihm sowohl ein flaues Gefühl im Magen verschafft, als auch ein Hochgefühl in der Seele und er war sich bewusst, das er noch jetzt zwischen diesen beiden Empfindungen hin und her pendelte.

Ihm war keine Wahl geblieben, wollte er seinen Meister nicht aufgeben, musste er ihn begleiten.

Wollte er ein wahrer Magier und vielleicht sogar Held werden, erst recht.

Ob sich Tralzio nur die endlose Diskussion über eine Ablehnung dieser von Gelyoc forsch vorgetragenen Absicht, ersparen wollte oder ob er ohnehin vor hatte ihn mit zu nehmen, würde Gelyoc wohl nie erfahren.

Jedenfalls erklärte er sich unumwunden einverstanden und trug dem doch überraschten Zauberschüler lediglich auf, was er an wichtigen Dingen in jedem Fall zum Reiseproviant zu packen habe.

Insbesondere bestand er auf ein unhandliches langes Bündel, das er vom Dachboden des Turms herunter holte und das Geyloc schon einmal gesehen hatte.

Nach Tralzios Äußerungen beim Rat, war ihm natürlich auch klar, worum es sich dabei handeln musste.

Außerhalb von Nevlon besorgten sie sich dann auf einem Gehöft Clegh-Ponys, da auch die beiden Elfen Reittiere hatten, so das die gesamte Reise nach Wehrs-Hain in zwei Tagen und ohne große Zwischenfälle vonstatten ging.

Nun, am Morgen des dritten Tages hatten sie die Wurzeln der ersten großen Swihg-Baumes erreicht, wo sie die Tiere in Obhut gaben und von da an waren sie den gesamten Vormittag nach oben gestiegen.

Es war ein Weg, wie auf einen Berg. Nur benutzte man sauber geschlagene Stufen, Seilzüge und Hängeleitern.

Sie passierten große Siedlungen und kilometerweite Moosweiden für die Verig, wie Garfin die schwanzlosen Echsen nannte, deren Haut und Milch die Elfen verarbeiteten.

Sie sahen gepflegte Pilzgärten und Wassermühlen, die ihr kostbares Nass über künstliche Kanäle wie von Zauberhand weit hinauf transportierten.

Schaukelnde unterschiedlich breite Brücken verbanden die Pfade von Ast zu Ast.

Jedes mal, wenn sie eine solche Brücke überqueren mussten, wagte Geyloc nicht hinunter zusehen in die gähnende Tiefe, die ihm eine gehörige Angst machte.

Schließlich hatte man ihnen, als sie das Torum, so nannte Garfin den zentralen Bereich der Elfen-Siedlung, endlich erreichten, ein nettes Quartier in einer geräumigen Asthöhle zugewiesen.

Dann kam der Abend und sie betraten die große Ratshalle, wo nach Lord Farafils Worten, alles Weitere besprochen werden sollte.

~

Die Elfen bildeten eine stumme Gasse, durch welche ein großer Mann in gemessenem Schritt bis vor den Fürstensitz marschierte.

Farafils Berater hatten nun links und rechts auf für sie frei gehaltenen Plätzen derTribünen Platz genommen.

Herr Farafil saß erwartungsvoll auf dem Thron.

Sitar verfolgte die vertraute Gestalt des Varaskoniers, denn kein anderer als Sherg war es, der den Raum durchquerte, mit den Augen.

Bis er schließlich vor dem Elfenfürsten stand und sich tief verneigte.

Farafil begrüßte ihn lächelnd und wies ihm nach einigen freundlichen Worten ebenfalls einen Platz zu.

Darauf folgten zwei sehr unterschiedliche Gestalten.

Der eine war klein und knorrig, hatte einen grauen Bart und breite Hufe auf denen er lief.

Er war in einen roten, mit Sitar fremden Zeichen bestickten, Umhang gehüllt.

Auf dem Kopf trug er eine Kappe, die spitz nach hinten aus lief und aus zotteligem Baumotterfell8 zu bestehen schien.

In der Hand trug er einen reich verzierten Stab.

Es war unverkennbar der Ukari-Magier.

Der zweite war nur etwas größer wie Sitar und ebenfalls sehr hager.

Er trug unter einer struppig langen Mähne eine kantige Nase zur Schau und ein leicht fliehendes Kinn.

Niemals hatte Sitar einen solch merkwürdigen Kerl gesehen. Er schien eine Mischung aus Mensch und Troll zu sein.

Seine grünlich blitzenden Augen hatten aber etwas trotzig intelligentes und eine fast elfische Form. Seine eher grobknochigen Gesichtszüge hingegen und der Bart, ließen mehr auf einen Troll schließen. Sein Gang und seine aufrechte Haltung ähnelte der eines Menschen.

Auffällig war zudem, dass er einen gewaltigen Rucksack trug und keine Schuhe. Seine sehr schmutzigen und haarigen Füße erinnerten sie an einen Tewir.

Sie fragte sich belustigt, welche Rolle dieser seltsame Kerl hier wohl spielen sollte.

Sie warf Garfin einen fragenden Blick zu und dieser verriet ihr, dass es sich dabei um Gelyoc, den Magierschüler Tralzios handelte.

Der Elfenfürst begrüßte unterdessen auch diese beiden und bot ihnen Plätze an ohne weiter auf ihre Anwesenheit in Wehrs-Hain einzugehen.

Sitar wollte sich schon wundern, da erklang das Horn noch einmal und viele Köpfe wandten sich erneut dem Eingang zu.

Von dort kam nun eine weitere Gestalt in die Halle geschritten.

Sie trug einen dunklen Umhang und hatte die Kapuze über den Kopf gezogen. Eine Unhöflichkeit, die ein erstauntes Gemurmel unter den Anwesenden auslöste.

Ihre Schritte klirrten beim gehen, als trage sie eine schwere Rüstung.

Was wohl auch der Fall war und Sitar empfand ihre Bewegung als bedrohlich entschlossen, als habe sie die größte Eile den Elfenfürst zu erreichen.

Als dies geschehen war, blieb sie abrupt stehen, öffnete den Umhang leicht und ließ die Kapuze herab fallen.

Ein halblautes Raunen ging durch die Menge, dem sich Garfin und Sitar anschlossen.

Das ihres Bruders, war jedoch besonders laut und sie warf ihm darum einen belustigten Blick zu.

Die junge menschliche Frau, die nun dort stand hatte auch nach elfischen Maßstäben, ein attraktives Äußeres.

Halb langes, hellbraunes Haar, das ein Silberreif zusammen hielt umrahmte ein feingeschnittes Gesicht, das eine strenge Schönheit ausstrahlte.

Man sah nun auch, das sie unter dem Umhang tatsächlich ein glitzerndes Kettenhemd und am Gürtel ein Langschwert trug.

Sie sprach eine kurze Grußformel und verneigte sich nur knapp vor Farafil.

Ihre Gesichtszüge drückten offenkundig große Anspannung aus.

Sitar wusste nicht genau warum, aber der Mangel an ausreichender Respekt den sie ihrer Meinung nach gegenüber Farafil, zur Schau trug, ärgerte sie.

Der Fürst jedoch schien es zu ignorieren.

„Seit gegrüßt, Elarell, Prinzari von Adrohn. Willkommen im Hain.“

Hörte sie ihn sagen.

Sitar wandte sich erneut mit fragend hochgezogenen Augenbrauen zu Garfin um und dieser nickte und flüsterte:

„Elarell, ist die älteste Tochter des Königs von Adrohn. Sie kam gestern überraschend mit einer kleinen Eskorte hier an.“

Da er wie immer, all ihre Gefühle erriet, fügte er hinzu.

„Sie ist wohl verärgert, dass man sie erst jetzt bei Farafil vorsprechen lässt.“

Unterdessen bot der Clanführer der Menschenfrau, den letzten freien Platz an, auf dem sie sich jedoch mit nur schlecht verborgener Ungeduld niederließ.

Der Fürst hingegen stand auf und begrüßte nun mit wohltönender Stimme alle anwesenden Mitglieder seines Clans, die Vertreter der andern Kwendi in der Halle und alle weiteren Gäste.

In kurzen, treffenden Worten schilderte er dann, für alle nachfühlbar, seinen Schmerz über den Tod des Vaters und den damit einhergehenden Verlust für ihren Clan.

Er beschwor die Götter der hohen Bäume zum Schutz für die Quendi und schilderte die möglichen Ursachen der bösen Tat.

Die Versammlung antwortete ihm dabei immer wieder mit zustimmendem Gemurmel.

Vertreter der andern Clans ergriffen nachdem er schließlich geendet hatte, dass Wort und schilderten zahlreiche ähnliche Vorfälle in ihren Gebieten.

Groß war ihr Zorn auf die Nerim, die in die friedlichen Haine der Fejan eingebrochen waren und Leid und Tod über sie brachten.

Doch Farafil erhob sich nun und ermahnte, trotz des eigenen Schmerzes, alle zur Besonnenheit und verpflichtete sie gemeinsame und kluge Entscheidungen zu treffen.

Sitar bewunderte ihn dafür, wo er doch aus elfischer Sicht noch jung war und die Rolle des Clanführers erst neu und zudem unvorbereitet einnehmen musst.

Doch trotzdem zeigten sich nun alle Fejan in der Versammlung, grimmige entschlossen, ihre Toten zu rächen und den Wald von Gasfrogan gegen jeden Schrecken zu verteidigen.

Farafil warnte daraufhin auch vor noch größeren und weiteren Gefahren, vor denen sie alle die Augen nicht verschließen dürften. Dabei fiel sein Blick nun auf die menschliche Prinzari.

Sitar lauschte seinen folgenden Worten gebann:

„Seit vielen Jahren leben wir, auch wenn es immer mal wieder Streitigkeiten und einzelne Zwischenfälle gab, mit den Menschen von Adrohn in friedlicher Nachbarschaft.“

„Dies war nicht immer so. Unsere älteren Erinnerungen reichen zurück zu finstereren Zeiten, die im Gedächtnis der Menschen schon seit vielen Generationen verloren gegangen sein mögen, die ich jedoch als ganz junger Elf selbst noch erlebt habe. “

Elarell von Adrohn schien etwas sagen zu wollen, doch er gab ihr ein Zeichen noch zu schweigen.

„Seit dem letzten Drachenkrieg und seit dem Frieden von Raven9 im 24. Jahr des Donners, waren wir daher mit dem Kaiserreich Varaskon verbündet. Zwar gibt es das nun nicht mehr, doch wir betrachten  Adrohn als legitimen Nachfolger dieses Menschenreiches.“

Er machte eine kurze Pause.

„Nun aber gibt es Anzeichen dafür, dass alte Feine unser beider Überleben erneut bedrohen und daher glaube ich, dass es notwedig ist, dass wir gegen diese Gefahr unser alte Bündnis erneuern müssen.“

Ein gespanntes Schweigen legte sich über die Anwesenden.

Elarell nutzte jetzt ihre Chance und sprang auf.

Sie holte kurz Luft und da offenbar niemand sie daran hindern wollte, sagte sie mit melodischer, kräftiger Stimme:

„Dank für diese Hoffnung spendenden Worte, Elfenherr. Dass in Euren Augen das Bündnis bestand hat, freut mich sehr und  daher kann ich nicht länger warten, mein Anliegen Euch und allen Anwesenden vorzutragen, denn die Zeit drängt.“

Sie warf Farafil einen kurzen Blick zu, doch dieser gab ihr zu verstehen, dass sie fortfahren könne.

„Ich komme im Auftrag meines Vaters, des Königs von Adrohn zu euch.  Ich komme um euch, um die Elfen von Gasfrogan, zu bitten…“

Sitar bemerkte das ihre Stimme bei diesen Worten bebte.

„…so schnell wie Möglich in den Krieg in meiner Heimat einzugreifen, denn sonst wird der König unterliegen und dann wird sein besessener Bruder,…“

Sie stockte einen Momment.

„Mein Onkel…“

Sie zischte diese Worte förmlich.

„…wird dieser Verräter Elthor und seine Verbündeten auch vor Euren Grenzen nicht halt machen.“

Ihre Rede klang allerdings mehr wie eine Drohung denn eine Bitte, fand Sitar.

Sie bemerkte, dass sie selbst, wie auch viele der Elfen im Raum, die Frau finster anstarrte, während Garfin flüsterte:

„Sie ist eindeutig die Tochter eines Königs.“

Sitar blickte verwirrt zu ihm hoch und erkannte überrascht, dass er sie bewunderte und da war noch mehr.

Elarell wollte nun fortfahren, doch Farafil machte eine besänftigende aber entschlossene Geste und kam ihr zuvor.

„Wir verstehen Eure Erregung Herrin von Adrohn. Wir wissen bereits um vieles was in Eurem Krieg geschieht und wir sind sehr beunruhigt…“

„Beunruhigt!“

Fuhr Elarell hoch.

„Ihr habt nicht den Atem der Felsriesen in Eurem Rücken gespürt, ihr habt nicht die vielen schrecklich entstellten Toten nach der Schlacht in den Rohul-Marschen gesehen…“

„Wartet!“

Unterbrach sie Farafil nun mit unmissverständlicher Schärfe in der Stimme.

„Wir verstehen auch Euren Zorn, doch ihr solltet ihn nicht an uns auslassen, denn ihr vergesst, dass ihr in uns Verbündete sucht.“

Diese Worte standen einen Augenblick im Raum zwischen dem Elfenfürst und der jungen Herrin von Adrohn, dann entspannten sich die Züge der Frau, so als hätte sie erst jetzt erkannt, dass sie sich unter Freunden befinde.

Sie holte tief Luft, dann trat sie einige Schritte zurück um sich schließlich gegen Farafil noch einmal und viel tiefer zu verneigen als bei ihrem Eintreten.

„Verzeiht mir Herr,“ sagte sie nun, „ich wählte unbesonnene Worte und tue meiner Sache damit keinen guten Dienst.“

Farafil nickte.

„Ich vergebe Euch und ich möchte Euch bitten, der Versammlung hier nun in Kürze alles zu berichten, was ihr über das Geschehen der letzten Tage in Eurer Heimat wisst. Denn das soll uns als Grundlage weiterer Entscheidungen dienen.“

Elarell nickte ihrerseits und nun hörte die Ratshalle durch ihren Mund vieles was sich bereits als Gerücht den Weg nach Fejan oder auch Nevlon gebahnt hatte aber auch eine Menge Neuigkeiten und zahlreiche unfassbar schreckliche Geschichten von Krieg und Elend, die das Königreich heimgesucht hatten.

Für Sitar war davon fast alles neu und sie hörte gebannt zu.

Elarell schilderte, dass es Berichte von Spähern gäbe die, die Vermutung nährten, dass Elthor der Bruder des Königs, der das Schwert gegen ihn erhoben hatte, mit irgendeiner finsteren Macht im Bunde stehe, wenn er nicht sogar ganz von ihr beherrscht werde.

Sitar sah wie Syril Sherg auf seinem Sitz nickte.

Nachdem Elarell schließlich geendet hatte, forderte Lord Farafil zu weiteren Wortmeldungen auf und zahlreiche Elfen trugen ihre Sorge um das Gehörte vor.

Viele versichertender Prinzari ihre Anteilnahme und manche riefen nach sofortigen Maßnahmen.

Aber es gab auch einige Stimmen, die das Ganze eine Sache der Menschen nannten, in die sich die Elfen nicht einmischen sollten, solange nicht sicher sei, dass tatsächlich andere noch Kräfte am Werk seien.

Schließlich gab Farafil das Zeichen zur Beendigung der Diskussion und sagte abschließend:

„Nun haben wir vieles gehört, was unsere Entschlusskraft erfordert. Wir werden weise und schnell entscheiden aber nicht übereilt. Zumal noch nicht alle Vertreter, aller Clans hier eingetroffen sind.“

Ein zustimmendes Gemurmel war zu hören.

Er fuhr fort: „In drei Tagen wird dies hoffentlich der Fall sein, da kommen wir erneut zusammen und werden vielleicht eine gemeinsame Linie aller Clans finden. Allerdings gilt es auch einige schnellere Entscheidung zu treffen, was ich mir als Führer der Fejan vorbehalte. Insbesondere gilt das für die Fee, die in unsere Obhut gegeben wurde.“

Sitar merkte wie ihr viele Elfen Blicke zu warfen und wurde rot.

Farafil erhob sich nun und winkte zwei der älteren Elfen, die unter seinen Beratern saßen zu, dann forderte er auch Syril Sherg, Tralzio und Gelyoc, sowie die Menschenfrau auf, ihm zu folgen.

Die Versammlung löste sich auf und Garfin fasste die noch immer fasziniert dasitzende Sitar an der Schulter.

„Komm,“ sagte er „nun geht es um dich.“ Sitar blickte ihn einen Moment verwirrt an, dann folgte sie ihrem Elfen-Bruder und hatte Mühe ihn einzuholen.

„Wo willst du denn hin?“ Rief sie atemlos.

„Wir gehen zu der geheimen Beratung, die der Lord so eben einberufen hat.

„Aber…“ Sie verstummte und folgte ihm durch die Seitengänge der Ratshalle zu den kleineren Räumen.

Vor einer Eichentür standen zwei grimmige Wächter.

Garfin nickte ihnen zu und sie ließen sie passieren.

In dem dahinter sich öffnenden Raum, standen kleine Laternen an den Fenstern.

Bereits anwesend waren Herr Farafil, ihr Elfen-Vater Dragas, ein weiterer Elf den sie unter dem Namen Gaidur kannte und auch Elarell von Adrohn.

Syril Sherg und der Magier Tralzio traten gerade, in angeregter Unterhaltung vertieft, durch eine gegenüberliegende Tür.

Ihnen folgte mit verschmitztem, neugierigem Ausdruck im Gesicht der schlaksige Halbtroll Gelyoc.

Als Tralzio, Sitar sah, löste er sich von Syril Sherg und kam mit freudiger Miene zu ihr herüber geschritten.

„Ich freue mich, das ihr so wohlbehalten seit.

Syril hat mir bereits viel über Euch erzählt.“

Sagte er als er sie erreicht hatte und ihre verblüffte Mine sah, mit einem Lächeln, das sie gleich für ihn einnahm.

Farafil ließ die Türen schließen und forderte die Anwesenden auf Platz zu nehmen.

Er stellte sie, sofern sie einander noch nicht kannten, kurz vor und schloss mit der Bemerkung:

„Nun wollen wir besprechen, was unser eigentlicher Plan ist.“

Elarell, die offensichtlich nicht genau wusste was sie davon zu halten hatte, ergriff sofort das Wort.

„Herr Farafil,“ sagte sie

„Ich fürchte ich muss erneut euer Missfallen erregen, aber ich hatte gehofft ihr würdet mir zusagen, das ihr in wenigen Tagen eine Armee aufstellt um mich mit dieser zurück nach Adrohn zu begleiten.“

Ihre Miene spiegelte einen flehentlichen aber auch trotzig entschlossenen Ausdruck wieder.

Farafil schaute sie nachdenklich an.

„Herrin Elarell,“ erwiederte er „wir werden sehen ob es möglich ist, dass ich das tue, aber zuvor muss ich mich mit allen anderen Clans beraten. Da werdet ihr leider noch etwas Geduld haben müssen. Hier und jetzt geht es zunächst um andere Dinge, von denen Ihr aber ebenfalls wissen müsst.“

Er strich sich über das glatte Kinn und wandte sich an alle Anwesenden.

„Ihr habt soeben vernommen, dass unsere Probleme vielfältig. Diese Überfälle, denen auch mein Vater zum Opfer fiel, sind nur eines davon. Ob all dies miteinander zusammenhängt, ist dabei der entscheidende Frage. Ich glaube es ist so, aber wir müssen auch die anderen Clans davon überzeugen.“

Ein leicht verzweifelter Ausdruck legte sich wie ein Schatten über Elarells Gesicht und Sitar ertappte sich überrascht dabei, dass sie ihre Ungeduld nachempfinden konnte.

Farafil sah es ebenfalls und hob beschwichtigend die Hand.

„Ich sage nicht, dass wir nichts tun um Euch zu unterstützen,“ fuhr er fort „wir werden so schnell wie möglich Handeln. Vor der Versammlung, direkt nach Eurer Ankunft, habe ich bereits zahlreiche Kundschafter nach Adrohn und die nachbarländer entsand um die Lage noch genauer auszukundschaften und vor allem nach weiteren Verbündeten dort zu suchen. Vielleicht könnt ihr uns ja welche nennen.“

Elarell legte die Stirn in Falten. „Dies alles kostet wertvolle Zeit,“ antwortete sie „die Lage ist so schlimm wie ich sie Euch bereits beschrieb, nur ein sofortiges Eingreifen kann vielleicht noch eine Wende bringen.“

Farafil nickte energisch.

„Vielleicht! Ihr sagt es selbst und darum will genau abgewogen sein, was wir tun.“

Er machte eine kurze Pause, dann sagte er:

„Hört mir zu, es ist wichtig, dass auch ihr hört, was der Fee Alnor uns Elfen berichtet hat.“

Er fasste es in wenigen Worten zusammen und als er zu Ende kam, sagte die Herrin von Adrohn in das aufkommende Gemurmel der Anwesenden, mit belegter Stimme:

„Dies sind weitere beunruhigende Neuigkeiten, die leider meine schlimmsten Befürchtungen bestätigen.“

Zum ersten Mal schien sie, die mit ihr im Raum befindlichen Personen bewusster zu mustern und als sich Sitars und Elarells Blicke trafen, verspürte die Halur den flüchtigen Schatten einer ihr unbekannten Gefühlsregung.

Da war etwas, was sie verband, eine Art Schicksalsverwandtschaft, aber das sie auch zugleich zu Konkurrentinnen machte um die Unterstützung der Freunde.

„Was also ist euer Plan?“ sagte Elarell schließlich an Farafil gewannt.

Der Elf blickte zur Antwort mit fester Entschlossenheit in die Runde.

„Wir werden viele Dinge auf einmal tun müssen,“ sagte er. „Das ist nicht leicht, aber es wird auch den Feind verwirren und so, das hoffe ich zumindest, unsere wahren Ziele vor ihm, zumindest eine Zeit lan, verschleiern.“

Er räusperte sich.

„Das bedeutet auch, das ich absolute Verschwiegenheit über alles was in diesem Raum besprochen wird voraussetzen muss und es hat damit begonnen, dass die große Versammlung nicht unbedingt alle unsere Beschlüsse erfahren sollte. Denn auch wir sind leider vor Spionen und Verrätern nicht sicher.“

Er machte erneut eine Pause in der die Spannung im Raum beinah zu greifen war.

„Als erstes werden wir tun, um was Alnor uns bat, auch daher seit ihr hier versammelt.“

Er blickte Sitar an.

„Du musst nach Andul zurück. Alnor wird dich dort hin bringen, doch Dionel verfolgt ihn in ihren Träumen, daher musste er Wehrs-hain so schnell wie möglich wieder verlassen. Dein erstes Ziel ist also, von hier sicher zu ihm zu gelangen, nach Worlen.“

Sitar lag eine Frage auf der Zunge und Farafil sah es und sagte:

„Du fragst Dich, warum dorthin, was ist so besonderes an dieser Menschen-Stadt?“

Tralzio hob die Hand.

„Wenn ich an Eurer Stelle antworten darf Herr?“

Der Elfenfürst nickte ihm zu.

Tralzio sprach also:

„Worlen oder Wor-din-lor, wie es bei den Ukari früher hieß, denn es war eins eine Ukarifeste, hat noch immer einen alten magischen Schutz, der verhindert dass Drachen dort eindringen können.“

„Außerdem liegt es an der Küste mit Schiffen um nach Arzekogas zu gelangen und ist soweit ich weiß bisher noch nicht von Elthors Truppen erobert.“

Ergänzte Sherg.

Farafil verzog den Mund als überlege er kurz, dann fügte er an dieses Erläuterungen an:

„Hierin liegt also eure Aufgabe meine Freunde und diese ist keineswegs leicht. Ihr werdet Sitar begleiten. Um zum Hafen von Worlen zu gelangen müsst ihr jedoch durch das gesamte Königreich Adrohn. Alnor sagte mir, dass er eben von dort das Hythratonum überqueren will um zu einem geheimen magischen Tor irgendwo auf Arzekogas weiter zu reisen. Die einzige direkte Verbindung nach Wahran Din, der Stadt der Elfenkönige.“

Sitars fragender Blick fand erneut den ihres Bruders, doch der schmunzelte nur ohne ihr eine Antwort auf die weiteren unausgesprochenen Fragen zu geben.

Der Elfenherr sah in die Runde:

„Seit ihr dazu bereit?“

Alle Anwesenden außer Elarell nickten.

„Gut. Wir treffen uns dann Morgen früh um die siebte Stunde, dort werden wir die weiteren Einzelheiten besprechen und ihr werdet dann aufbrechen.“

Farafil wollte die Zusammenkunft nun auflösen, aber Syril Sherg hielt ihn davon ab, in dem er laut sagte:

„Verzeiht Herr, es gibt noch etwas Wichtiges vorab zu klären.“

Der Elfenfürst zog überrascht die Augenbrauen hoch.

Aber er und die anderen wandten Sherg ihre Aufmerksamkeit zu.

Der Varaskonier sprach nun:

„Dragas berichtetet mir, dass Alnor glaubt, das die Feenkönigin auch nach den Schwertern der Deniqui sucht, um den Machtstein der Schwarzen Horde wieder zusammensetzen zu können und um damit die Verbannung der Drachen im Eisland endgültig zu brechen?“

Farafil nickte langsam.

Sherg fügte an:

„Ich weiß, ihr werdet einwenden, das es doch sehr unwahrscheinlich ist, dass sich all die alten Schwerter wieder finden. Das der Elfen ist wie ich bereits hörte, schon lange verschollen. Aber ich denke, wir sollten die Fähigkeiten der Traumfeen nicht unterschätzen.“

Er gab nun Gelyoc einen knappen Wink und Tralzio gab ihm dazu noch einen Stoß.

So taumelte der Lehrling in die Mitte des Kreises.

Dort rollte er gehorsam das Bündel aus, das er mit sich getragen hatte.

Heraus kam ein außergewöhnliches Schwert.

Ein Raunen der Anwesenden füllte den Raum.

Sherg fuhr fort:

„Dieses Schwert ist, so bestätigte mir Herr Tralzio, eines der Sieben. Genau genommen ist es Savandir, das Schwert der Menschen.“

Tralzio nickte bei diesen Worten zustimmend und ergänzte:

„Ich konnte die Zeichen auf der Schwertschneide eindeutig identifizieren.“

Elarell die vor trat, stieß ein Zischen aus.

Syril Sherg betrachtete sie neugierig und als sie sich bückte und es aufhob machte er auch keine Anstalten dies zu verhindern.

„Esum elamir savandir,“ flüsterte sie.

Mühelos zog sie das schillernde Schwert aus der Scheide.

Man konnte fühlen wie sie dabei den Atem anhielt, als sie dann den Schwertgriff umfasste und es empor hielt.

Auf der Schneide war das gleiche Symbol zu sehen, welches auch, für alle nun deutlich sichtbar, auf dem Handrücken der Prinzessin tätowiert war.

Die siebenblättrige Ulil, das Zeichen der Deniqui.

Sherg nickte langsam.

„Ihr tragt also das Zeichen“, flüsterte er mit deutlich bewegter Stimme.

Dann huschte ein Lächeln über seine zerfurchten Zügeund er neigte den Kopf.

„Ich hatte die Hoffnung, denn alte Schriften enthalten solche Hinweise, dass in der Linie der adhronischen Könige das kaiserliche Blut fließt.“ sagte er, „nun sehe ich, dass ihr selbst diese Hoffnung seit. “

Elarell funkelte ihn triumphierend an.

„Gebt mir also das Schwert Baron und ich werde Adrohn von unseren Feinden befreien und auch noch Varaskon wenn ihr wollt!“

Sherg schmunzelte, dann sagte er und Farafil nickte dazu.

„Das geht leider nicht, so sehr mein Herz es wünschte. Denn wir müssen zuerst die Bruchstücke des Machtsteines in allen Schwertgriffen zusammenführen, wie auch Dionel es vor hat. Wir jedoch benötigen sie um den Stein endgültig zu zerstören. Denn ansonsten werden die Drachen wieder über uns kommen befürchte ich und wenn wir unsere alten Feinde nicht besiegen, wird es auch kein neues Kaiserreich mehr geben.“

Elarell sagte ruhig:“…und die Legende sagt, dass die Schwerter der Deniqui einander finden. Daran glaubt ihr also?“

„Ja, es sind die Bruchstücke des Machtsteins, die wie ein in viele Stücke zerteiltes Lebewesen wieder vereint sein müssen um die Macht in ihnenen wirklich zu brechen, Es ist ein Wettlauf mit der Feenkönigin und den Drachen.“

Elarell steckte nach einem kurzen Zögern das Schwert zurück in die Scheide und gab es Sherg wieder.

„Nun gut, ich erkenne die höhere Bedeutung an. Ein einzelnes Deniqui-Schwert wird wohl ohnehin nicht genügen Dionel zu besiegen.“

Sherg nickte.

„Und doch ist Euer Widerstand gegen Sie ebenso wichtig und mein Ziel, als Anführer der Sentir, die alte Macht der Menschen wiederzuerrichten. Nun, mit dem kaiserlichen Schwert und Euch als Erbin, ist der Zeitpunkt gekommen, die Varasken zu stürtzen.“

Elarell nickte.

„So sei es Herr Sherg, ich vertraue Euch, aber ich selbst muß nun zuerst versuchen, meinen Vater und das Königreich zu retten. “

Sie lächelte gequält „Sind die Sentir schon bereit zu kämpfen? Wir könnten Eure Unterstützung auch in Adrohn gut brauchen.“

Sherg nickte. „Ich habe meinen Sohn Elfric bereits benachrichtigt, wir werden zuerst den Osten des Reiches einnehmen und Eure Grenzen sichern, der Ta-Rul ist zu schwach um dies zu verhindern.“

Elarell gab ihm die Hand.

„Dann hoffe ich wir sehen uns bald wieder.“

Farafil beschloß daraufhin zum zweiten Mal die Versammlung und sie ginegn auseinander.

~

Sitar saß gedankenverloren auf der schmalen Bank und blickte durch das Gewirr von kleinen Dornästen auf den vertrauten Turmbaum mit der großen Bibliothek.

Leise setzte sich Ejane dazu und fasste sie zart um die Schulter.

„Was bedrückt dich meine Tochter?“  Flüsterte sie.

Sitar sah gequält zu ihr auf.

„Ich weiß es leider nicht so genau,“ antwortete sie und seufzte tief.

„Du willst uns nicht verlassen, nicht wahr?“

Sitar sah ihr in die Augen und nickte.

„Ich möchte aber auch nicht all die anderen enttäuschen, Herrn Farafil, Vater, Syril Sherg…aber,“
sie brach ab und konnte die Tränen nun nicht mehr zurückhalten.

Ejane nickte.

Die hochgewachsene Elfe mit den silbergrünen Locken, die sich um ihren Baumrinden-Stirnreif rankten, war ihr immer eine liebenden Mutter gewesen.

„Ich weiß, dass so vieles davon abhängt, wenn man nur all den Geschichten glauben schenkt, die wir gestern Abend vernommen haben oder denen die Alnor mir erzählte, aber genau dies ist der Grund warum mir eine so große Last auf der Seele liegt.“

Wieder brach sie ab und wieder nickte Ejane.

„Ich verstehe dich gut, meine Tochter und wenn ich es nicht besser wüsste ich wäre die Erste die dich zurückhalten würde.“
Sie seufzte.

„Der Tod eines Sohnes, schmerzt mich noch immer genug. Ich möchte nicht auch noch eine Tochter verlieren.“

Sitar fasste dankbar nach ihr Hand.

„Kann ich all die Hoffnungen erfüllen, die auf mir ruhen, ich bin nur ein kleines Mädchen. Nicht einmal mit Pfeil und Bogen bin ich besonders geschickt und besitze auch keine magischen Kräfte“

Ejane lachte. „Im gegenteil. du bist sehr geschickt mit den Waffen, ich habe oft genug beobachtet wie du Garfin bei euren Übungen häufiger übertroffen hast, als ihm lieb war und magischen Kräfte, nun vielleicht hast welche, vielleicht auch nicht. Die Quelle der Feenmagie mir fremd, darum kann ich dir nicht sagen was du tun musst um sie hervor zu rufen.“

Sie blickte Sitar ernst an.

„Doch sei gewiss, die Kraft dazu etwas Besonders zu sein, nämlich ein gutes Wesen, die kommt aus deiner Seele und sie wächst ohne alle äußeren Hilfsmittel, wenn du nur Tag für Tag daran arbeitest.“

Ihre Augen blitzten sie dabei mütterlich an, als sie hinzufügte: „Diese Kraft ist stärker als alle Magie und jeder Pfeil, glaube mir.“

Sitar blickte in Ejanes dunkle Augen und wusste das sie, sie mehr liebte, als irgend wen sonst.

„Ach,“ sagte sie, „wo ist Garfin eigentlich, ich dachte er würde mir helfen, die Sachen für die Reise zu packen?“

Ejane lächelte.

„Oh, ich glaube er wollte dieser Menschenfrau die Schönheiten unseres Waldes zeigen.“

„So, so,“ sagte Sitar und sie lachten gemeinsam.

~

Am nächsten Morgen standen Tralzio und Syril Sherg zusammen unter einem überhängenden Blätterdach und beobachteten den fallenden Frühjahrsregen.

„Ihr seit also ganz sicher, das dass Schwert was ich in Celeb-draug fand, Savandir ist?“ Sagte Syril Sherg.

„Wenn man das erste Drachenlied für wahr nimmt und außerdem den alten Schriften meines Volkes Glauben schenkt.“

Antwortete der Faun und klappte die Hufe gegeneinander, eine lässliche Angewohnheit.

„Die Runen auf der Schneide sind wirklich sehr alt, es war nicht leicht ihre Bedeutung zu entschlüsseln, aber der Elring, also das Bruchstück des Machtsteins ist unverkennbar und ebenso die Ulil“

Er holte kurz Luft und registrierte dabei lächelnd die Spannung des Anderen.

„Ich denke ich kann Euch versichern Meister der Sentir, es ist Savandir, das alte Schwert des Kaisers, nachdem ihr so lange gesucht habt und ich würde uns wünschen eine ähnliche Sicherheit über den Verbleib aller Schwerter zu haben, dann wären wir im Vorteil.“

Syril Sherg brummte zustimmend. „Ihr habt nichts über den Ort der sechs übrigen heraus finden können in den letzten Jahren?“

Tralzio lächelte.

„Nicht ganz, obwohl ihr mir keine leichte Aufgabe gestellt habt. Wisst ihr wie lange einige dieser Waffen bereits verschollen sind?“

Er räusperte sich.

„Ich habe mit Teralfin lange darüber diskutiert, doch er rückt nicht davon ab, das Gaydir mit Eholfil dem letzten Hochkönig der Elfen ins ewige Jasagar10 gegangen sei.“

Syril Sherg blickte ihn düster an. „Aber, das bedeutet nicht, dass wir einfach im Grabhügel suchen müssen, vermute ich mal?“

Tralzio nickte, „Das Problem ist, es weiß offenbar niemand genau wo dieser sich befindet.“

„Verdammt!“ Kommentierte Sherg.

„Und ebenso schwierig ist es darum Morolit aufspüren, da die Wohnstätten meines Volkes seit Jahrhunderten verschüttet sind. Und das sind nur zwei.“

Sherg nickte nachdenklich.

„Ihr habt recht, es bleibt uns nur zu hoffen, dass die Feenkönigin ebenso wenig um ihre Aufenthaltsorte weiß und sich die Legende bewahrheitet, dass ein Schwert die anderen finden kann.“

„Das ist das zweite Problem“, sagte Tralzio „Dionel ist vermutlich bereits in den Besitz des Feenschwertes Udir gelangt und darum wird sie es zu eben dem selben Zweck nutzen wollen. Ihre Schergen wurden in Elberak gesichtet um dort Menadir, welches den Menschen wunderbarerweise vor einem einigen Jahren, durch Melorgah, Magierin von Nevlon und Tochter des Munir-Königs Vedras, als Brautgabe zu ihrer Hochzeit mit Arcad dem 3. Königssohn geschenkt wurde, an sich zu bringen.“

Sherg sah ihn verblüfft an. „Wussten Vedras und Meloragh um die Bedeutung des Schwertes?“

Tralzio schüttelte den Kopf.

„Sie wussten wohl nicht, das es sich um das Deniqui-Schwert handelte, bis ich ihnen meine Vermutung mitteilte und Meloragh klar wurde das Dionel dahinter her ist.“

Der Varaskonier schritt nun unruhig auf und ab.

„Doch ich nehme an Ihr seit sicher noch im Ungewissen wo Wadir, das Schwert der Dundar verblieben ist und nicht zuletzt das mächtigste von allen, Femurak, das Drachenschwert?“

Tralzio nickte zögerlich.

„Ich habe wie gesagt lange die alten Schriften studiert und auch so meine Vermutungen. Ich bin dabei auf eine Möglichkeit gestoßen, den Aufenthaltsort der Schwerter vielleicht noch auf andere Weise bestimmen zu können. Das Problem ist ja, dass Savandir uns nur nützt, wenn wir bereits in der Nähe eines Schwertes wären.“

Sherg blieb unvermittelt stehen und blickte ihn gespannt an. Tralzio lachte leise über seinen erwartungsvollen Gesichtsausdruck.

Sagte dann aber ernst:

„Dionel könnte es ebenso herausgefunden haben und nur wenn wir Glück haben sind wir schneller.“

„Was meint ihr damit genau?“ Sagte Sherg aufgeregt.

Tralzio lächelte grimmig. „Ich rede von Aposg’Zepter.“

Der Varaskonier stutzte.

„Der Stab der Weissagung aus der heiligen Schrift?“

Tralzio nickte. „Nach den Quellen die ich fand, könnte er in Coceon sein, im dortigen Tempel des Aposg.“

Sherg blies die Luft hörbar zwischen den Zähnen aus. „Mitten in Elthors Hauptstadt?!“ Sagte er dann.

„Aber, ist das möglich, ich dachte der Stab wäre nur eine Legende?“

Tralzio schüttelte den Kopf. „Keineswegs, es gab ihn. Zumindest wenn man die Avesta als historische Quelle nimmt.“

Er lächelte dünn.

„Aber auch wenn wir den Stab nicht finden sollten, habe ich ein paar Anhaltspunkte für den Aufenthalt zumindest einiger der Schwerter ermitteln können,“  sagte er.

„So soll es einen kleinen Stamm der Dundar hier im Wenkohr geben, der eine Überlieferung pflegt, die uns zum  Schwert der Trolle führen könnte und das Drachenschwert wurde laut der berühmten Drachenoden Isomals, von Beilur dem letzten aus dem Geschlecht der Drachentöter in das Land Usamion gebracht.“

Sherg schüttelte den Kopf. „Aber auch das ist eine Kindergeschichte.“

Tralzio nickte.

„Dachte ich auch, doch habe ich inzwischen herausgefunden das man das Flußland Anir, an den Gestaden des Drachenmeeres im Südosten von Arzekogas, in früheren Zeiten tatsächlich das Land Usame nannte, ist die Namensähnlichkeit nicht verblüffend?“

„Das ist trotzdem weit entfernt.“ Antwortete der Varaskonier.

„Ja, aber nicht unerreichbar,“ gab Tralzio lächelnd zurück.

Es trat eine längere Stille zwischen den beiden so unterschiedlichen Männern ein, während der nur die Gesänge des bunten Baumkuglers zu hören waren, der die ganze Zeit in der Nähe auf einem Ast saß.

Dann sagte Tralzio: „Immerhin habt ihr mit Elarell von Adrohn möglicherweise die Nachfolgerin des Kaisergeschlechtes gefunden, doch zugleich auch wieder verloren, wenn sie morgen in den Krieg zieht und was nicht auszuschließen ist, dort umkommt.“

Tralzio blickte den Anführer der Sentir gespannt von der Seite an, der seinen Blick hingegen auf die belebten Äste über sich gerichtet hatte wo er den Bewegungen des Vogels mit den Augen folgte und sich dabei nachdenklich über den Bart strich.

„Nun, ihr habt Recht, ein Jahrhunderte alter Traum der Sentir scheint mir durch die Finger zu rinnen, doch ob es uns gelingt das Kaiserreich wieder zu errichten ist nicht alleine vom Erben abhängig. Mein Sohn Elfric führt, wie ich schon sagte, während meiner Abwesenheit die Sentir in Varaskon und unsere Pläne werden durch den Krieg hier, früher reifen müssen, als uns lieb ist. Ich bin aber sicher, das es kein Zufall war, das die Erbin sich gerade jetzt offenbart hat. Die Bestimmung läßt uns also keine Wahl,“ sagte er in entschlossenem Ton.

„Handeln müssten wir so oder so.“

Tralzio musterte die Gefühlsregungen des Sentir bei diesem langen Monolog und nachdem sie dann wieder eine Weile geschwiegen hatten sagte er schließlich:

„Ich sehe welchen inneren Kampf ihr austragt und mir geht es selbst ähnlich. Trotzdem müssen wir als erstes die Gefahr der Drachenrückkehr bannen, gibt es jemanden den Ihr mit der Beschaffung des Stabes beauftragen könntet?“

Sherg überlegte, dann sagte er:

„Ja, da fällt mir tatsächlich jemand ein. Jemand sehr kleines, aber auch sehr schlaues.“

Sagte er mit einem Lächeln.

„Aber wie funktioniert der Stab, kann ihn denn jemand anderes als ein Gott benutzen?“

Tralzio lächelte nun seinerseits.

„Das werden wir sehen, wenn wir ihn haben.“

Sherg überlegte kurz. „Könnten die Drachen selbst eine Möglichkeit haben die Bruchstücke ihrer Krone aufzuspüren, auch ohne die Schwerter?“

Tralzio nickte. „Das ist es was ich fürchte, das innere Drachenauge hatte einst Imel und es wäre durchaus möglich, dass sie dies Fähigkeit vererbt hat, sowohl  ihre Tränen als auch die Machtsteine aufzuspüren.“

Sherg seufzte hörbar.

Tralzio fuhr fort:

„Wir sollten uns also Vorbereiten auf den Kampf mit den Drachen. Auch wenn nicht alle unsere Feinde sind.

Sollte es aber dazu kommen, sind immerhin die Aposger auf unserer Seite, ihrem Anführer, meinem Freund Walbas, ist es gelungen einen letzten Nachfahren der Drachentöter von Kargoll aufzuspüren.“

Sherg entfuhr ein Ausruf der Überraschung.

Tralzio nickte.

„Ihr müsst es noch für Euch behalten. Die Aposger folgen den Prophezeiungen Varahms wortgetreu, wie Ihr wisst. Der alte Priester hatte die Spur von Beilurs Erben wohl schon lange im Auge gehabt. Als er von der Gefahr der möglichen Befreiung der Drachen hörte, begab er sich sofort auf die Suche.“

Sherg schüttelte ungläubig den Kopf

„Ein Drachentöter, ein Nachfolger der Gorifor 14? Ihr könnt mich noch immer überraschen Faun.“

„Es ist genau genommen ein Mädchen.“ Sagte Tralzio schmunzelnd.

Sherg sagte: „Und wo ist sie jetzt?“

Tralzio antwortete:

„Soweit ich weiß, befindet sie sich leider ausgerechnet in Althear, der belagerten Hauptstadt von Adrohn.“

Sherg fluchte.

„Das Glück ist eine launische dreizehnköpfige Göttin!“

Tralzioi nickte.

„Wohl wahr.“

Wieder schwiegen sie eine Zeit lang, dann sagte der Sentir:

„Was haltet ihr von Alnors Plan?“

„Es könnte gelingen,“ antwortete der Zauberer knapp.

„Ich weiß allerdings nicht, warum wir nicht einfach in die entgegengesetzte Richtung reisen sollen, zu einem der varaskonischen Häfen im Westen? Von dort könnten wir versuchen über das Meer nach den Westländern zu gelangen. Diese magischen Tore sind der bequemere, aber ungleich gefährlichere Weg.“

Sherg schüttelte den Kopf.

„Das hat bisher noch niemand von dem wir wissen, versucht und niemand weiß wie weit der Seeweg wirklich ist. Das Fenal’Nimr, das Klatwasser, jenseits von Louhr ist voller Tiefeneis und lauernden Wasserungeheuer, das wisst ihr so gut wie ich. Die meißten Seeleute sagen außerdem, dass das Meer dort endet und man in den Gurgul, den tiefen Schlund falle.“

Der Magier lächelte. „Und wenn das alles Seemannsgarn ist?“

Sherg brummte.

„Mag sein, aber außerdem sind die Häfen Varaskons zu nahe an Kargoll, die Drachen werden von dort zuerst kommen.“

Er bohrte die Spitze seines Breitschwertes in den Boden vor sich.

„Ich halte den Plan zudem für eine Verrücktheit,“ brummte er, „es ist ein Risiko, gerade jetzt mitten durch Adrohn zu laufen“.

Tralzio verzog den Mund, er hatte den alten Haudegen wirklich gern und war froh ihn auf der Reise dabei zu haben, denn schließlich war er selbst auch längst nicht so überzeugt von dem Plan, wie er vorgab.

Darum antwortete er:

„Wir werden eben auf der Hut sein müssen, denn wir haben es mit einem sehr schlauen Feind zu tun, soviel steht fest.Aber gerade darum wird ganz Arkur Kriegsgebiet sein, soviel steht fest.“

„Wann sagte der junge Elf, würden die Pferd für uns bereit stehen?“

Syril Sherg schob bei diesen Worten sein Schwert zurück in die Scheide.

„Morgen zur siebten Stunde,“ antwortete Tralzio mit einem Schmunzeln, denn er hielt die Frage des Anführers der Sentir zurecht für rein rhetorisch um das Gespräch zu beenden.

„Also sollten wir allmählich unsere Sachen packen.“

Syril Sherg nickte und sie verabschiedeten sich um in entgegengesetzte Richtungen auseinander zugehen.

~

Die Pferde tänzelten im Abendlicht, als fünf Gestalten in einem Kreis beisammen standen, ein wenig bereits wie eine verschworene Gemeinschaft.

Dabei hätte ihr äußeres Erscheinungsbild nicht unterschiedlicher sein können, trotz der gleichen langen Elfencapes, die sie von Farafil erhalten hatten und die ihre Rüstungen und Waffen einigermaßen verbargen.

Sitar hatte ihr Haar gekürzt und zu zwei kurzen um die Ohren geringelten Zöpfen geflochten und wie Garfin trug sie einen schlanken Bogen über den Schultern und einen Köcher mit Pfeilen nach der Art der Fejan-Jäger.

Gelyoc, dessen etwas größere Nase am weitesten unter dem Cape hervorragte, schien auch am aufgeregtesten zu sein, denn er tänzelte fast ebenso unruhig, wie die, den feuchten Morgennebel an der Grenze des Waldes offenbar nicht besonders mögenden Pferde.

Sein Meister gebot ihm endlich stillzuhalten, denn aus dem Schatten der Bäume traten nun drei weitere Personen auf die Gruppe zu.

Es waren Herr Farafil und Sitars Elfeneltern Dragas und Ejane. Hinter ihnen, zwischen den Bäumen erkannte Sitar noch andere Gestalten und sie wusste es waren ebenfalls Elfen-Freunde, die den Abschied der Gruppe so dicht an den Grenzen Gasfrogans sowohl sichern als auch miterleben wollten.

Farafil gab nun allen die Hand und wünschte ihnen Glück für die schwere Aufgabe die vor ihnen lag.

Nachdem der Fürst fertig war, tat Dragas es ihm nach und blieb zuletzt vor seinem Sohn Garfin stehen, wobei er ein in Tücher gewickeltes Bündel entfaltete.

Zum Vorschein kam ein, in einer natürlichen Blattdornleder-Scheide steckender, Dolch.

Garfins Augen wurden groß und er betrachtete voller Bewunderung die pulsierende, lebende Scheide und die elfische Runenschrift auf dem Griff der Waffe.

Dragas sprach:

„Mein Sohn, ich erhielt ihn von Teralfin, Clanführer und Bruder, zugleich deinem Owan. Er gab ihn mir offenbar in Vorahnung seines Todes, bevor er in den Wald ritt. Es ist, wie Du wohl weißt, der Esfaris Dolch11, ein Geschenk der Götter an die Fejan. Ich bin mit Frarafil übereingekommen das du ihn tragen sollst, bei dieser wichtige Aufgabe.“

Garfin nahm die Waffe ehrfürchtig entgegen und verbeugte sich auch zu seinem Clanführer hin. „Ich werde ihn hüten wie das Herz meines Baumes.12“

Schließlich trat nun Ejane vor und nahm Sitar noch einmal in die Arme.

Dann hielt sie, sie aber auf Armeslänge von sich und sagte mit belegter Stimme:

„Auch ich habe etwas, was ich dir geben möchte, meine Tochter.“

Sie griff sich um den Hals und löste ein Amulett das mit einem roten Damatir-Stein13 besetzt war und reichte es Sitar.

„Von jetzt an trage du es Tochter, es ist ein Stein voller elfischer Schutzkräfte, diese werden dir stets zu Diensten sein, solange du deine eigenen Kräfte noch nicht erwecken konntest, aber auch darüber hinaus.“

Sitar merkte wie ihr die Tränen in die Augen stiegen.

Sie legte das Amulett um und umarmte Ejane ihrerseits noch einmal innig.

Dann stiegen die neuen Gefährten auf ihre bereitgestellten Pferde und Garfin voran ritten sie über die hölzerne Brücke die den darunter hindurch brausenden Liigh, einen Nebenfluss des Djnn überspannte, hinaus auf den Nordpfad, der sie am Fluss entlang bis zur Äußersten Grenze des Waldes und auf die Ebene von Karage, direkt ins Menschenland bringen würde.

Doch sie waren noch nicht weit gekommen, da ritt kurz nach der Brücke plötzlich, eine einzelne Gestalt in ihren Weg.

Garfin hatte blitzschnell einen Pfeil auf der Sehne, doch schon erkannte er, wer es war, der dort mit dem im Morgenwind flatterndem Gewand auf ihrem tänzelnden Pferd saß.

Elarell von Adrohn hob zum Gruß die behandschuhte Hand.
___________________________________________________________________
1 Silaution: Ausschnitt aus einem bei den Waldfelfen (Midur) sehr bekannten Lied an den Wald-Sonnen-Geist „Senibar“ der in seinem Wald ein Elfenmädchen findet und sich in sie verliebt. (6. und. 7. Strophe)
2 Wehrs-Hain: Heimort der Fejan= Waldelfenclan im Osten des Gasfrogan.
3 Verigi: Baumechsenkühe.
4 Kwendur: Alte Sprachform des Kwendar (oft in älteren Schriften).
5 Scags: Wilde Baumkatzen.
6 Andul: Westkontinent und Heimat der Feenvölker.
7 Narim: Grauelfen, von den Hochelfen verachtetes primitives Elfenvolk. Lebt in kleinen Clans im Gasfrogan. Sehen sich selbst als Ur- oder reine Elfen an und verehren die vampirhaften Dunkelelfen im Schattenland von Cea.
8 Ilgasi: Baumotter, lebt in großen feuchten Baumhöhlen.
9 Steinkrieg: 7350-7410 Altzeit/2500 Jahre vor dem Kaiserreich! Die Stämme der Vor-Endar und die frühen Clans der Midur-Elfen bekämpfen sich erbittert.
10 Jasagar: Im Glauben der Waldelfen das Land der Vorväter.
11 Esfaris: Göttersohn der Ilate / Göttin der magischen Pflanzen (Elfengöttin). Eine Besonderheit der Elfen. Sie lieben die „lebenden“ Pflanzen, wie den Blattdorn, der Schoten entwickelt, die sich als natürliche Waffenscheiden nutzen lassen.
12 Alte Redensart der Waldelfen, bedeutet soviel wie „Nichts ist mir wichtiger!“
13 Damatir: Seltsam gemusterter Stein, der sich in seltenen Fällen in zugewachsenen Asthöhlen bildet und dem darum besondere Schutzkräfte nachgesagt werden.
14 Gorifor: Bezeichnung der „Drachentöter“, ein  Geschlecht von im Lande Kargoll ausgebildeter Helden die im 1. Drachenkrieg alleine durch ihre Kampftechnik einen Drachen besiegen konnten.

KAPITEL 6:

ESTROR

Der schwarzer Horizont legte sich wie Blei über ihr Gemüt
Doch ihre Angst war nicht verfrüht
Sie hörte im Schlaf das dunkle Drachenlied.
1

Daral blickte angestrengt in die Dunkelheit. Der Horizont war so schwarz, wie sie ihn nie zuvor gesehen hatte. Was konnte das sein?

Die Türme der Seestadt Estror glitzerten hinter ihr, die Umrisse der Fischerhäuser direkt unterhalb am Strand hingegen, hoben sich kaum von den übrigen Schatten ab.

Das Abendglühen versank in den wild leckenden Wellen des Nordmeeres.

Es war etwas kühl, aber nicht so eisig wie die Tage zuvor. Trotzdem zog sie fröstelnd den Umhang enger um ihren muskulösen Körper.

Da war etwas in der Ferne über den Gipfeln der Eskorlaren, irgendetwas unbestimmt Bedrohliches.

Auch die Tiere spürten es.

Ein tausendfaches Krabbeln und Schleichen um sie herum, ein Wispern und Zirpen.

Fast hatte sie den Eindruck die Welt würde den Atem anhalten und dabei mit den Hufen scharen, um den ersten Moment zur Flucht nicht zu verpassen.

Konnte es sein, das eintraf, was ihr Asrial seit ihrer ersten Begegnung geflüstert hatte.

War es möglich, das es geschehen war?

Das würde bedeuten, dass er nicht wieder kam.

Das sie ihn für immer verloren hatte und dass auch ihr altes Leben nun enden würde.

Beunruhigt richtete sie sich bei diesen Gedanken auf.

Angestrengt versuchte sie die Dunkelheit über den nahen Gipfeln zu durchdringen.

Aber es gelang ihr nicht.

Der Horizont blieb undurchdringlich finster und ihr Magen krampfte sich in einem tiefen Gefühl der Angst zusammen.

Sie ließ sich wieder auf der Düne nieder sinken.

Wen Arials Prophezeiung zutraf, waren die Schwarzen frei und auf der Jagd nach Beute.

Sie waren auf der Jagd nach ihr.

Sie fröstelte.

War ihr altes Leben nicht bereits vor drei Doppelmonden vorüber gewesen.

An jenem Tag, als sie Asrial das erste Mal begegnet war?

Lange hatte sie nicht gewusst wer er war und noch immer glaubte er, dass es sein wohl gehütetes Geheimnis sei.

Doch sie hatte die Wahrheit in ihren Träumen gesehen.

Denn lange war ihr nicht klar gewesen, ob es Wirklichkeit oder Traum war, was sie an der Quelle des Elmern erlebte.

Asrial, erschien ihr als Mensch und war doch ein Drache.

Er kam als Bote des Unheils und doch war er, obwohl von seiner Schwäche getrieben, später kraftvoll auferstanden unter ihren Küssen.

Schon am ersten Tag, hatte sie sich in ihn verliebt.

Es war nicht alleine seine stattliche Erscheinung oder sein edler Charakter.

Es war sein gebrochenes Herz und die Aura der Magie die ihn umhüllte, wie ein glitzernder Mantel.

Dabei war er ihr Todfeind!

Sie war eine Gorifor, die Eine.

Das letzte Kind der sagenumwobenen Drachentöter von Kargoll.

Als er kam hatte sie zurecht gefürchtet, er sei gekommen um sie zu töten.

Es sei ihr erster und auch letzter Drachenkampf.

Ein Jahr zuvor hatten die Tewir von Adoner sie aufgesucht und immer öfter heimlich mit ins Tal von Helarion genommen.

Sie offenbarten ihr das 3. Drachenlied, das die Rückkehr der Drachen beschrieb und ihr eigene Bestimmung.

Sie lüftete für sie den Schleier der Erkenntnis über ihre Vergangenheit und ihre Zukunft.

Sie strich sich die einzelne silberne Locke aus den Augen, das Drachenmahl welches sie zeichnete als Tochter des alten Gorifor-Blutes.

Die Baumhirten im Tal der Götter, wie die tewir Helarion auch nannten, sprachen:

Du musst in das Blut, des ersten erschlagenen Drachen tauchen, dann wird in dir erst, dein Geschlecht wiederkehren.

Diese Wort, flüsterte sie auch jetzt in die Nacht und sie verspürte wie sie ihr die Kehle zuschnürten.

Ihre darauf folgende kurze Ausbildung, bei den Tewir, hatte ihre verwirrenden Träume nicht ganz vertrieben.

Es gab Wesen in dieser Welt die in ihr Bewusstsein und ihre Träume eindrangen und um ihre Seele kämpften.

Die Tewir nannten sie Nindur oder Dunkelfeen und beschrieben sie als Dämonen der Nacht.

Doch die Peiniger verrieten sich auch selbst und stärkten somit ihren Willen ihr Schicksal anzunehmen.

Sie war in den dann folgenden Jahr zu einer starken Frau und Kämpferin herangereift.

Bis der Tag der Begegnung kam.

Beide waren sie durch Misstrauen blind, doch Asrial erkannte seinen Irrtum zuerst.

Er war erst kurz zuvor durch ein Schlupfloch aus der Eiswelt geflohen, aber mit dem Ziel seinem Leben selbst ein Ende zu bereiten.

Er hatte noch einmal die Schöne Welt sehen wollen.

Doch er war verbittert und ohne Hoffnung nach Alwar gekommen.

Was er fand war ganz anders als was der Hass seines Geschlechtes, in den vergangenen Jahrhunderte ihm in die Seele gebrannt hatte.

Zunächst war er ihr aus Vorsicht in menschlicher Gestalt erschienen, dann um sie zu schützen.

Seine Todessehnsucht verging in ihrer Liebe.

Das er nicht jener war, der er vorgab, sondern eben das Wesen, welches sie nicht lieben, sondern töten sollte, war ihr in jenem Augenblick erst klar geworden, als der silberne Späher in ihrem Tal erschien.

Die Verachtung des silbernen Drachen Etimas für Asrial und Darals Liebe.

Die Lust zum Töten, die aus seinen feindlichen Drachenaugen sprach, hatte sie im richtigen Augenblick entschlossen handeln lassen.

Als es vorbei war, hatte sie nur einen winzigen Moment gezögert in seinem Blut zu baden, da ihr bewusst geworden war, welches Schicksal sie damit in Gang setzen würde.

Doch dann tat sie es.

Nur Asrial, in der Furcht sie errate sein wahres Wesen, war längst geflohen.

Sie schüttelte die Erinnerungen aus der Vergangenheit ab und legte den Kopf auf die Knie.

Dabei atmete sie tief ein.

Sie vermisste ihn, aber sie spürte in ihrem Herzen auch, dass es kein Abschied für immer war.

Denn sie hatte sich entschlossen das Schicksal auf ihre eigene Weise heraus zu fordern.

Die Menschen brauchten sie, aber auch die Drachen, hatten die Baumhirten ihr offenbart.

Wenn ein neuer, ewiger Krieg verhindert werden sollte.

Nur wussten sie es noch nicht.

Der typische aber ängstliche Schrei einer Zwergfolii2 riss sie aus den Gedanken.

War die Schwärze noch näher heran gerückt?

Ja! Sie stand erneut auf.

Dort sah sie nun deutlich dunkle Schwingen, die sich abhoben von den Wolkenumrissen.

Es gab keinen Zweifel mehr.

Die Horde hatte Hevar verlassen.

Die Schwarzen folgten der Spur des Silbernen Spähers.

Sie kamen jetzt! Sie hatten sie gefunden!

___________________________________________________________________________________

1 Dionels Einflüsterungen/Träume sollten die Moral der Drachentöterin untergraben.
2 Zwergfolli: Kleine Flugfische

Kapitel 7:

Althear

Spiel mein Kind spiel
Der Kriege sind zuviel
Was heute nur Spiele sind
Zerstört morgen das Feuerkind
Spiel Kind spiel.
1

Der junge Mann durchschritt die Halle der Schatten mit gemessenem Schritt.

Einen Tag vor seiner Berufung zum Sarragitor, also zum selbstlosen Kämpfer des großen Gottes Vahram, war er kein bisschen nervös.

Er wunderte sich schon ein wenig über sich selbst, doch zugleich war er stolz, endlich in die Fußstapfen seiner Vorbilder treten zu können.

Der Paladinorden von Torwyn nahm nur in seine Reihen auf, wer im Lande Chapasan geboren war und eine lange Reihe von Ahnen im Dienste Varahms aufweisen konnten.

Es gab allerdings etwas anderes, was ihn mehr beunruhigte, als die Prüfung der 9 Kampfeslieder und 7 heiligen Gebetsschritte, die vor ihm lag.

Es waren seine Träume.

Er kannte zwar seit seiner Kindheit, Visionen und Schattengestalten, aber jene Stimmen, die er in seinen jüngsten Träumen gehört hatte, waren etwas völlig neues für ihn.

Er hatte sich diesbezüglich noch niemandem anvertraut, denn er wusste wirklich nicht ob es die Götter waren die zu ihm sprachen oder dunkle Mächte ihr unheilvolles Werk mit ihm trieben.

Es war stets die gleiche Vision, die ihn nun zahlreiche Nächte in Folge heimgesucht hatte:

… ein weit entferntes Land, eine Armada von Schiffen, viele tausend Krieger. Am Bug des Flaggschiffes stand, ein aufblitzendes Schwert in der Hand, ein hünenhafter Anführer, der eine schwarze Krone trug mit einem einzelnen alle blendenden Stein besetzt.

Ihm bekannte Götter, gab es in diesem Traum nicht.

Kein Zeichen Varahms, auf das er hoffte in den Tagen danach brachte ihm Klarheit, aber wie sollte er diese Visionen deuten, wenn sie ihm nicht halfen dabei?

Der Tag verging und Tewiak wurde zum Paladin der alten kaiserlichen Kirche von Varaskon ernannt, die ein letztes Überbleibsel des alten Kaiserreiches war, doch ein unbestimmtes Gefühl in ihm flüsterte zunehmend davon, dass es noch eine andere Berufung für ihn gab, in diesem Leben.

Es war ein Zweifel den er vor diesen Träumen nicht gekannt hatte.

Wenige Tage später wurde er nach Althear gerufen in den Kampf gegen einen König, der es zuließ, dass seine Königin sich einer Sekte anschloss, die verbreitete, das es nur einen Gott und einen Propheten gäbe.

Was für ein absurder Gedanke.

~

Ungeduldig lief der Prinz von Adrohn vor den verschlossenen Türen der Privatgemächer der Königin, im königlichen Palast von Althear, auf und ab.

Vor vier Tagen war der Bote mit der Nachricht vom Tod seines Vaters, dem Konig, eingetroffen und wie ein Lauffeuer hatte sich die schlechte Nachricht in ganz Althear verbreitet, vermutlich wusste es schon die gesamte Stadt.

Das war nicht gut, die Verteidigungsbereitschaft würde schnell abnehmen wenn seine Mutter, die Königin nicht sofort die geeigneten Maßnahmen traf.

Die Bevölkerung war nicht bereit sich abschlachten zu lassen, schon gab es offene Sympathisanten mit dem Verräter von Coceon, die nun für die Öffnung der Tore plädierten und ringsum in der Stadt packten die Leute ihre Habseligkeiten und versuchten mit allem was fuhr oder schwamm die Flucht zu ergreifen.

Sorettorl von Adrohn, von allen nur Sorl genannt, schüttelte wütend den Kopf und starrte auf die noch immer verschlossene Tür.

„Verdammt, warum ließ sie ihn warten, als wäre die Zeit nicht kostbar genug.“

Er musste zurück zu seiner Stellung um alle notwendigen Befehle zum Schutz der Stadtmauern zu geben, denn der Tod des Königs war hatte die Niederlage des königlichen Heeres in der Schlacht um die Burg Asthric und den Pass nach Althear zur Folge gehabt.

Das war nur zwei Tagesmärsche entfernt.

Es gab keine königlichen Soldaten mehr die den Truppen seines Onkels im Weg standen und wer sollte sie also daran hindern die Mauern von Althear zu überrennen?

Wer sollte die Stadt und das Land führen, jetzt wo seine Schwester Elarell auch nicht mehr rechtzeitig zurückgekehrt war?

Den Prinzen beschlich ein flaues Gefühl im Magen denn er wusste, dass er selbst für all diese Aufgaben, mit seinen 17 Jahren, noch viel zu jung und unerfahren war.

Trotzdem würde er alles tun um seine Mutter zu unterstützen.

Für einen Moment kam ihm das vertraute Gesicht von Elthor, seinem Onkel, dem Bruder des Königs in den Sinn.

Wie konnte es bloß soweit kommen, dachte er.

Elthor hatte nie Ansprüche auf den Thron erhoben und er wusste auch nichts von einem verborgenen Hass zwischen ihm und seinem Vater.

Irgendetwas musste geschehen sein, was nicht mit dem Verstand zu erfassen war.

Irgendetwas Übernatürliches und der Beweis lag klar auf der Hand, denn hieß es nicht schon seit dem Ausbruch der Kämpfe, die Armee von Elthor werde unterstützt von große Heerscharen schrecklicher nichtmenschlicher Kreaturen.

Nicht nur von Trollen war die Rede, sondern von Riesen, S’darcs und sogar Drachen.

Letztere gehörten sicher ins Reich der Fabeln und doch rissen dei Gerüchte nicht ab.

Zudem sprach man davon, das sich seine Tante, Elthors Frau Ydiare, in eine Feuerspeiende Hexe verwandelt habe, die auch auf einem Drachen reite.

Oder waren das alles nur Gerüchte, die die Kampfmoral der königlichen Truppen mindern sollte?

Sorl riss sich aus den Gedanken, denn hinter der Tür vernahm er plötzlich Geräusche.

„War da ein erstickter Schrei?“

Er lehnte sich mit dem Ohr gegen das Eichenholz und glaubte zu seinem Erschrecken, nun tatsächlich gedämpfte Kampflaute zu vernehmen.

„Was ging da vor sich?“

Gerade wollte er den Türgriff fassen, als plötzlich eine andere Tür, die des Ganges in welchem er sich befand aufgerissen wurde und der Wächter, den er eben davor noch passiert hatte, einige Schritte wie ein Betrunkener hinein taumelte.

Der Prinz blickte ihn verwundert an, dann sackte der Mann in die Knie und viel auf das Gesicht. In seinem Rücken steckte ein Speer.

Erschrocken zog Sorl aber geistesgegenwärtig sein Schwert, gerade rechtzeitig um sich den nun hinter dem Wächter durch die Tür stürmenden Männern zu stellen.

„Was geht hier vor!,“ rief er dabei laut und mit bebender Stimme doch war ihm eigentlich die Lage ziemlich klar.

Die Meuchler, selbst im grün-schwarzen Rüstkleid der königlichen Garde, hatten offenbar beschlossen zur Seite des vermeintlichen Siegers zu wechseln.

Er hatte insgeheim bereits mit so etwas gerechnet.

Doch dass die Königin nun auch noch von ihren eigenen Rittern verraten wurde, war trotzdem ein herber Schlag.

Sorl musste sich entscheiden und er tat es instinktiv und schnell.

Er trat den Angreifern entgegen und mit zwei mächtige Schwerthieben streckten er den ersten Gardisten nieder, noch ehe dieser sein Waffe in Abwehrposition bringen konnte.

Der zweite Verräter hielt sich eine Zeit lang ganz gut, doch Sorls dritte Finte fand ihr Ziel und sein Schwert durchbohrte auch ihn tödlich.

Er dankte den Göttern, das er mit dem alten Recken Flerg von Zirl einen so guten Lehrmeister in Schwertkunst hatte.

Als die Angreifer niedergestreckt zusammen mit der Leiche der Wache vor ihm lagen, blies er jedoch vor kurzzeitiger Erleichterung die Luft aus den Lungen, bevor ihm wieder in den Sinn kam was er vor dem Angriff hinter der Tür zu den königlichen Gemächern gehört hatte und die Erkenntnis zu der er jetzt Zeit fand, versetzte ihn in Hast.

Auch dort drinnen wurde gekämpft, also gab es auch dort bereits Verrat und während er das dachte, stieß er auch schon mit der Schulter gegen die Tür um sie auf zu rammen.

Sie gab nach dem dritten Versuch nach und er stürmte in das mit Öllampen erhellte Empfangsportal von welchem weitere Türen zu den königlichen Privaträumen und der Gästehalle führten.

Niemand war hier. Wohin sollte er sich zuerst wenden?

Da erklang erneut ein Schrei.

Das kam aus der Halle, dachte er und setzte sich rasch dorthin in Bewegung.

Als Sorl auch diese, mit mythischen Schnitzereien reich verzierte Tür auf stieß, ließ ihn die Szene die sich ihm bot, für einen Moment verblüfft innehalten.

Durch die großen Fenster der mit einem Kuppeldach gekrönten Halle flutete soviel Licht, das es ihn kurz blendete.

Als er wieder klar sehen konnte, sah er zu seinem Entsetzen seine Mutter, die Königin, vor jener kleinen Empore, auf der, der Königsstuhl aus uraltem weißen Werholz platziert war.

Ein Ausdruck der Verzweiflung stand in ihrem Gesicht geschrieben, wie er ihn zuvor noch nie bei ihr gesehen hatte.

Sie hielt schützend ein langes Schwert vor sich.

Es war „Menardir3“, das Schwert des toten Königs, die Waffe seines Vaters, dass man ihr vor wenigen Tagen erst aus der Schlacht zurück gebracht hatte.

Seine Zwillingsschwestern Lorin und Amra waren dicht bei ihr.

An einer Säule links von ihr, saß das Kindermädchen Mel von Tamis, mit weit aufgerissenen Augen.

Ein Dolch steckte bis zum Heft in ihrer Brust.

Ihre im Tode starren Finger, krallten sich noch um das freie Ende der Waffe.

Ulp Notter, der Leibdiener, der Sorl eben noch an der Tür zum Gang empfangen hatte war von einem Speer an eine Gold beschlagene Tafel genagelt, die zur rechten Seite stand.

Auch seine Augen waren erloschen.

Im Raum tobte ein Kampf.

Zwei noch übrige Dienerinnen der Königin verteidigten sie und sich mit offensichtlich untauglichen Dolchen, gegen fünf angreifende Verräter der Garde.

Im Augenblick als Sorl durch die Tür stürmte, hielten die Kämpfenden kurz inne.

Der Prinz leckte sich über die Lippen, während er mit dem Blick eines Jägers, der sich zwischen fünf Löwen entscheiden muss, die Lage abschätzte.

Dabei nahm er auch alles auf was sonst im Raum geschah.

Sein rothaarige kleine Schwester Lorin hielt die Hände schützend vor ihre Augen als wollte sie all dies nicht sehen während die ihr äußerlich so unähnlich sehende dunkelhaarige Zwillingsschwester Amra mit geballten Fäusten und unruhigem Blick dicht neben der Mutter stand, als könnte sie sie gegen jeden Angriff verteidigen.

Die dunklen Augen der Königin funkelten zornig und zugleich flehend, als ihre Stimme nun zu ihm herüber klang:

„Verrat mein Sohn, bleib nicht! Du musst fliehen!“

Sorls Griff festigte sich jedoch umso entschlossener um sein Schwert, obwohl ihm unvermeidlich der Gedanke kam, dass er vielleicht wirklich besser tun sollte was sie von ihm verlangte.

Wie zur Bestätigung rief ihm nun einer der Verräter, ein grob knochiger Kerl mit roter Nase, den er unter dem namen Ser Filep von Trallburg kannte und der offenbar ihr Anführer war, in sarkastischem Tonfall zu:

„Ergebt Euch Prinz. Das Heer des Herzogs ist bereits vor den Mauern, ihr könnt ohnehin nicht mehr entkommen!“

Während er das rief brach der Kampf wieder los und beinah gleichzeitig wurde die Ältere der beiden Dienerinnen von den Speeren zweier Angreifer, tödlich nieder gestreckt.

Sorl gab keine Antwort, stattdessen stürzte er rasch vor und stach den nächsten der Gardisten durch eine schnelle Attacke nieder, bevor er mit einem Satz auf einen der zwei im Raum stehenden großen Tische sprang um sich von dort aus dem zu erwartenden Ansturm besser erwehren zu können.

Seine Mutter war eine Varaskonierin, was bedeutete, das sie zu kämpfen verstand und mit der Waffe gut umgehen konnte, aber da sie zugleich ihre beiden erst fünfjährigen, jüngsten Kinder schützen musste, versuchte sie nicht zum Angriff überzugehen, sondern lediglich ihre Position zu verteidigen.

Er musste also die meisten Angreifer von ihr ablenken.

Ihre Aufmerksamkeit hatte er mit dem waghalsigen Sprung bereits, denn Sorl wurde sogleich von drei Rittern bedrängt und wie er schnell merkte, verstanden diese ihr Handwerk ziemlich gut.

Er versuchte einige Finten, konnte sie aber nur unwesentlich verletzen und bei alldem war ihm klar, dass die Zeit gegen sie spielte. Wenn nämlich noch mehr Verräter im Palast waren, auch wenn er selbst zwei erledigt hatte, dann konnten die Angreifer jeden Moment Verstärkung erhalten und sie mit schierer Übermacht überwältigen.

Aus dem Augenwinkel sah er, dass sich die zweite, junge Dienerin überraschend gut hielt.

Hatte er sie schon mal gesehen, ihr Haar hatte einen silbrigen Glanz? Er konnte sich im Moment nicht erinnern, aber sie kam ihm irgendwie bekannt vor. In jedem Fall gehörte sie nicht zu den gewöhnlich bei seiner Mutter anwesenden Frauen, sonst wäre sie ihm vertrauter gewesen.

Schmerzhaft wurde er aus den Gedanken gerissen, als der Speer eines Angreifers ihn an der Schulter streifte.

Wieder rief Ser Filep: „Gebt endlich auf Prinz! Dann wird euch kein weiteres Haar gekrümmt. Wir liefern euch doch nur an euren Onkel aus.“

Er lachte, und die anderen fielen in sein raues Gelächter ein.

Sorl sparte sich eine Antwort, stattdessen wechselte er einen kurz Blick mit seiner Mutter und wusste das sie ebenso dachte.

Wenn sie sich ergaben, würden sie niedergemetzelt.

Daher nutze er den Moment rasch zu seinen Gunsten aus.

Mit einem für seinen nächsten Widersacher überraschenden Salto über ihn hinweg, landete er dicht vor dem Anführer und rammte ihm den eilig gezogenen Dolch in die Brust.

„Da habt Ihr meine Antwort, Verräter!“ Rief er.

Die Sache ging so schnell, dass er während der Ritter noch mit einem schmerzhaften Stöhnen zu Boden sank, herumwirbeln konnte um mit dem Schwert einem zweiten Gardisten den Arm aufzuschlitzen, so dass dieser seinen Speer fallen ließ und schreiend aus der Halle floh.

Die übrigen Angreifer schienen beeindruckt.

Sorl trieb zwei von ihnen nun vor sich her, während der dritte versuchte der mit ihrem Dolch ebenso mutig nach setzenden Dienerin auszuweichen.

Sorl war entschlossen sie alle zu erschlagen, doch als die beiden Ritter vor ihm nun ebenfalls die Flucht ergriffen, war er doch auch erleichtert.

Nun war tatsächlich nur noch einer übrig dem Sorl den Ausgang versperrte.

Da wandte sich der bullige Kerl mit dem Mute der Verzweiflung der Königin zu, zu der er leider näher stand als Sorl.

Diese wurde durch die wilde Attacke überrascht und stolperte auf den Stufen zum Thron so unglücklich das es dem Angreifer gelang die kleine Lorin von ihrer Seite zu reißen.

Er zerrte sie an sich und setzte ihr sein Schwert an den Hals.

Sorl hielt im Augenblick inne und stand vor Zorn bebend da, während sein zweite Schwester Amra, vor Entsetzen laut schrie.

Der Verräter grinste mit blutunterlaufenen Augen.

Langsam bewegte er sich mit dem Kind, das er wie eine Stoffpuppe mit sich zerrte, Richtung Tür.

„Geht aus dem Weg, Prinz!,“ schrie er, als dieser ihm zu zögerlich zur Seite wich.

Da sah Sorl im Augenwinkel, dass etwas blitzschnell von der anderen Seite heran flog, er erkannte was es war und machte rasch eine kurzes Manöver um den Kerl abzulenken.

Es gelang und im nächsten Moment viel das Schwert des Verräters klirrend zu Boden.

Lorin kam frei und sprang von ihm weg, während er selbst wie ein gefällter Baum um fiel.

In seinem Hals stak der Dolch der Dienerin.

Als es vorbei war eilte der Prinz rasch zu seiner Mutter.

„Seit ihr verletzt Herrin?“ Die Königin nickte langsam und Sorl sah nun das Blut auf ihrem Kleid, direkt unter der rechten Brust.

„Du hast nicht viel gewonnen,“ flüsterte sie. „Aber ohne dich wäre es jfür uns alle schon vorbei.“

Sie wandte sich mit schwer fälliger Bewegung an die junge Dienerin, die ebenfalls nun an ihrer Seite war.

„Ihr seit sehr tapfer gewesen Aposga Daral, ein Glück, dass Walbas euch zur rechten Zeit zu mir geschickt hat.“

Die junge Frau neigte ihren Kopf, deren Haar, wie Sorl jetzt erkannte, typisch für eine Pristerin kurz geschoren war, aber eine einzige silberne lange Strähne zierte, die ihr in die Stirn fiel.

„Ich freue mich euch dienen zu können meine Königin,“ antwortete sie., „auch in diesen düsteren Zeiten.“

Sorl musterte die Dienerin nun genauer, sie hatte nordländische Züge und einen ungewöhnlich kräftigen, muskulösen Körper.

„Ihr seit also nicht zufällig hier,“ sagte er zu ihr gewandt.

„Ich habe noch kein Mädchen gesehen, das so gut mit dem Dolch umgehen kann.“

Die junge Frau, die seine Mutter eben Daral genannt hatte, nickte knapp.

„Aposg schickte mich und…Thenal,“ sie warf einen betrübten Blick zur Leiche der anderen Dienerin, „zur rechten Zeit an die Seite der Königin, weil er durch Walbas seinen Priester, den Verrat Eurer Männer voraus sah.

Denn dies ist Teil seiner großen Prophezeiung.“

Der Prinz sah sie nun etwas verwirrt an.

„Ich wusste nicht, das die Aposger meinem Vater etwas schulden.“

„So ist es nicht mein Sohn.“

Die Königin sprach und ließ sich bei dabei mit Schmerz verzerrtem Gesicht auf die Stufen sinken.

Ihre Tochter Amra blickte sie ängstlich an und Lorin hatte sich auch wieder zu ihren Füßen niedergelassen, nachdem sie Sorl zuvor kurz und schluchzend umarmt hatte.

Sorl zog die Augenbrauen hoch.

Er wusste nicht viel über den Kult der Aposger, nur dass sie ein kleine Gruppe von merkwürdigen Leuten waren, die behaupteten, es gäbe nur einen Gott, anstatt all der vielen Götter, an die doch jedes Kind glaubte.

Sie hatten seit einigen Jahren eine offenbar wachsende Gemeinde von Gläubigen in der Stadt, die in grün-schwarzen Gewändern betend durch die Straßen zogen und von den Kindern gerne verspottet wurden.

Die Priester der varaskonischen Kirche wetterten gegen sie und hatten schon oft versucht seinen Vater davon zu überzeugen die in ihren Augen ungläubigen zu verleugnen.

Sein Vater war jedoch ein Mensch gewesen, der auf Verständigung setzte und niemanden wegen seines Glaubens verfolgen ließ.

Offenbar war Elthor dazu bereit, daher hatten die meisten Priester vermutlich die Seite gewechselt, befürchtete Sorl.

Und daher waren die Aposger auf ihrer Seite.

Sorl war im Augenblick froh darüber aber noch nicht sicher ob es tatsächlich ein starker Verbündeter war.

„Mutter!“

Ein Schrei seiner Schwester Amra ließ ihn zusammenfahren.

Bestürzt blickte er zur Königin und sahen dass ihre Hände mit frischem Blut verschmiert waren.

Sie war noch weiter auf die Treppe zurück gesunken und zwischen ihren, auf die Brust gepressten Händen, quoll das Blut nun in wilden Strömen heraus.

Amra drückte sich weinend an sie.

„Mutter!,“ rief nun auch Sorl, „…was ist mit euch?“

Auf dem bleicher werdenden Gesicht der Königin erschien der Hauch eines Lächelns.

„Ein wohl doch tieferer Schwertstreich als ich dachte, es geht mit mir zuende mein Sohn…,“ ihre Stimme kam stockend.

„Du musst dich und deine Schwestern in Sicherheit bringen, wartet nicht länger.“

„Aber…,“ Sorl wollte etwas erwiedern, doch sie griff energisch nach seiner Hand und drückte sie fest.

„Du musst jetzt stark sein mein Sohn.“

Mit diesen Worten führte sie seine Hand an den Griff des großen Schwertes, dass noch in ihrem Schoss lag.

„Nimm das Schwert deines Vaters, es darf nicht in Elthors Hände fallen und verlass die Stadt.“

Sie flüsterte die letzten Worte nur noch, so dass er sich tief zu ihr hinunter beugen musste. Dann hustete sie nun auch heftig Blut.

Mit offenbar letzter Kraft sagte sie:

„Wirst du das tun mein Sohn?“ Ihre Augen leuchteten ihn streng an.

Sorl nickte, denn seine Stimme war zu belegt und er spürte wie ihm Tränen über die Wange liefen.

„Mutter,“ schluchzte er schließlich und fiel damit in den Chor seiner Geschwister ein.

„Wir nehmen dich mit Mutter, du wirst nicht sterben.“

Da fasste ihn Daral an der Schulter.

Wütend fuhr er zu ihr herum.

„Ihr könnt nichts mehr tun, lasst uns rasch hier fort, sonst ist Euer Versprechen wertlos.“

Er wollte ihr einen Augenblick lang heftig antworten, doch er schluckte seinen Zorn hinunter, denn er wusste, dass sie recht hatte.

Rasch wandte sich noch einmal seiner Mutter zu, doch ihre Augen waren starr.

Er schluckte schwer, dann nahm er seine weinenden Schwestern in den Arm und das Schwert Menardir aus der Hand seiner Mutter.

Amra und Lorin sahen ihn ängstlich an, als würden sie fürchten zurückgelassen zu werden.

Der Prinz blickte seinerseits die junge Aposger an.

„Was auch immer Euch bewegt hat meiner Mutter zu helfen, ich bin euch dankbar dafür und will euch daher vertrauen. Solltet ihr also eine Idee haben, wie wir, hier entkommen können, so sagt es frei heraus. Ich befürchte nur, dass ganze Schloss wimmelt inzwischen von Verrätern.“

Daral nickte.

„Euer Mutter war eine Schwester im Glauben für mich, sagte sie knapp.“ Er war nicht wirklich überrascht sondern hatte es fast vermutet.

Daral fuhr fort: „Es wird nicht leicht sein aus dem Palast und schließlich aus der Stadt zu entkommen, der Hafen ist von coceanischen Verbündeten abgeriegelt. Aber es gibt eine Weg unter der Burg zu den Klippen des Megath. Dort wird, so Aposg will und Walbas es arrangieren konnte, tatsächlich ein Boot auf Euch warten.“

Sorls Miene hellte sich auf. „Der Einfluss der Aposger ist größer als ich dachte.“

„Nur mit Glück reicht er aus.“ Gab sie kühl zur Antwort.

„Aber eines ist klar, ihr müsst euch von euren Geschwistern trennen.“

Er sah sie verdutzt an und die Zwillinge protestierten laut.

„Niemals!“

Antwortete Sorl mit Entschiedenheit, Amra und Lorin klammerten sich jetzt fester an ihn.

„Doch, es ist notwendig, denn ihr drei Königskinder seit viel zu auffällig. Die Mädchen sind alleine leichter zu verstecken und aus der Stadt zu bringen.“

Er leckte sich die Lippen. „Aber wohin wollt ihr sie alleine bringen?“

„Das wird Walbas entscheiden, aber zunächst müssen wir zu ihm.“

Sorl zögerte. Doch welche Wahl hatte er?

Sie war schon auf dem Weg zur Tür, wandte sich kurz um und lächelte.

„Ihr müsst mir wohl vertrauen Prinz,“ sagte sie.

Also gab er sich einen Ruck und folgte ihr durch das Eingangsportal.

Seine weinenden Schwestern musste er dabei mit sich ziehen, denn sie wollten ihre tote Mutter nicht verlassen.

Nach einigen schnell durchquerten Gängen, wo sie sich immer wieder rasch in dunklen Eingängen vor Wachen versteckten, da nicht sicher war ob sie nicht auch Verräter waren, gelangten sie in den Teil des Schlosses wo die Diener wohnten.

Sorl war noch niemals hier gewesen.

Die Gänge waren einfach und schmucklos.

Daral klopfte schließlich heftig an eine Tür.

Vorsichtig wurde diese geöffnet.

„Aposg sei Dank, ihr seit entkommen,“ flüsterte eine Stimme aus dem völlig finsteren Raum dahinter.

Sorl erkannte kurz darauf das bärtige Gesicht des Priesters Walbas, den er wie sich nun erinnerte, tatsächlich schon einige Male im Palast gesehn hatte.

Er trat etwas aus dem Raum und nun sah man das er in eine dunkle lange Robe gekleidet und auf der Brust an einer Kette das Symbol des Aposg trug, das aufgeschlagene Buch, was für den Glauben an die Worte der AVESTA stand.

Sein Gesicht, alt und zerfurcht, hatte einen gutmütigen vertrauenswürdigen Ausdruck, mit einer nicht unerheblichen Spur Entschlossenheit um die Mundwinkel.

„Auch die Königin ist tot.“ Antwortete Daral. „Ich konnte es nicht verhindern“

„Das ist schlimm,“ sagte Walbas.

Nachdem sie nun alle auf seine Aufforderung hin, das Gemach betreten hatten, in dem ein einzelner Leuchter im hinteren Teil des Raumes, doch ein schwaches Licht abgab, sagte Walbas an Daral gewandt:

„Du wirst den Prinz zum Schiff bringen und ich kümmere mich um die Mädchen.“

Sorl wollte noch einmal protestieren doch Walbas hob die Hand.

„Es ist besser so Prinz. Ihr habt mein Wort, ich werde mich um ihr Wohlergehen persönlich kümmern. Wir bringen sie in Sicherheit.“

Sorl rang mit sich.

„Mir bleibt keine Wahl als Euch zu glauben Priester,“ zischte er.

„Aber ich habe das Gefühl als würde ich meine Schwestern im Stich lassen.“

„Das kann ich verstehen,“ antwortete Walbas, „aber es wäre eine noch größere Gefahr für sie, sie mit Euch zu nehmen.“

Er seufzte schwer, während sich seine kleinen Schwestern erst recht an ihn klammerten.

„Nun gut,“ sagte er schließlich.

Er blickte erst dem alten Priester und dann Daral fest in die Augen.

Dann ging er in die Knie und umarmte seine Geschwister noch einmal.

„Wir werden uns wieder sehen, aber jetzt müssen wir uns erst einmal trennen. Seit stark und ihr müsst mir versprechen, dass ihr versucht zu überleben, denn eines Tages werden wir unsere Eltern gemeinsam rächen.“

Lorin und Amra schluchzten, doch schließlich ließen sie sich beruhigen und gaben Sorl ihr Wort darauf.

Der Prinz löste sich von ihnen und sagte nun fest entschlossen zu Daral gewandt: „Lasst uns gehen, bevor ich es mir noch anders überlege.“

~

Es hatte zu regnen begonnen und mit den dunklen Wolken kam jener lange Zug feindlicher Ritter, der sich unaufhaltsam auf die Stadt zu wälzte.

Das Gesicht von Elarell war hart und das einfache Elfencape, dass sie sich zum Schutz vor dem Regen über die Kleider gezogen hatte, flatterte im kühlen Wind, der den Geruch von Blut und verbranntem Fleisch mit sich führte.

Sie warf einen Blick hinter sich und sah die Speerspitzen der tausend Elfen-Reiter, die still auf ihren Pferden verharrten, die Gesichter angespannt und halb verborgen hinter dem Nasenschutz der Kampfhelme.

Sie waren wie von Dämonen getrieben geritten, drei Tage ohne Pause durch die Ebene von Warage4, vorbei an Helovar5, wo sie die überraschte Vorhut eines auf die Feste zurückenden großen Trollheeres, schnell aufgerieben hatten.

Tanystra von Elberak, ihre Cousine hatte sie hoch erfreut gebeten zu bleiben, da bereits zusätzliche feindliche Truppen, die von Achanai6 herunter kamen, durch ihre Späher gesichtet worden waren.

Doch Elarell wollte ihre letzte Chance die Hauptstadt zu retten nicht aufgeben und befahl darum rasch den Weiterritt.

Sie wählten den Weg hinunter nach Eleur7, dann durch den südlichen Zipfel des Waldes von Valtraon8 und schließlich über die Steilpfade oberhalb der Zakrat-Sümpfe.

Mann hinter Mann und im Schritttempo, doch über diesen Pfad, so ihre Hoffnung, würde sie niemand aufhalten und wirklich hatten sie nun ohne Kampf die schroffen Westhänge oberhalb von Althear erreicht.

Der Feind hatte hier schließlich Beobachtungsposten gehabt doch diese wurden von ihrer Vorhut, schnell und lautlos zum Schweigen gebracht.

Niemand wusste also, so hoffte sie, dass Elarell von Adrohn mit einer Armee Elfenreiter hier stand und auf die belagerte Stadt herab blickte.

Vor sechs Tagen erst hatte sie von der Gemeinschaft um Sitar am anderen Ufer des Djnn Abschied genommen.

Sie hoffte, dass das Glück auch ihnen beistehen würde.

Das der Kampf um das Königreichs ihres Vaters, wenigstens dem Zweck dienlich war, dass es Sitar und ihren Gefährten gelang sich rasch und unerkannt durch das Land zu schlagen.

Ihre Gedanken blieben einen Augenblick an dem jungen, gut aussehenden Elfenkrieger Namens Garfin hängen.

Seiner Fürsprache hatte sie es schließlich auch zu verdanken, dass Farafil ihr so schnell zumindes die Elitereiter seines eigenen Clans mitgegeben hatte.

Doch sie wusste das der Kampf der ihnen bevorstand trotzdem so gut wie aussichtslos war.

Elthor würde siegen und Althear fallen.

Doch schlimmer noch war, dass fremde Mächte sich einmischten und ihre Heimat im Chaos versank und ihr Haus und die Hoffnung der Syr Shergs und der Sentir, auf ein neues Kaiserreich, all das würde mit untergehen.

Auch wenn das alte Schwert des Kaisers wieder gefunden worden war.

Der Gedanken an ihre Abstammung und die damit verbundenen neuen Möglichkeiten schob sie unwirsch beiseite. Dies alles würde ein Wunschtraum bleiben, mehr nicht.

Eine weit größere Sorge hegte sie um ihre Mutter und Geschwister.

Wenn ihr Angrif wenigstens dazu beitrug, das diese aus der Stadt zu entkommen konnten.

Sie biß sich etwas zu fest auf die Lippen und spürte das Blut.

Ihre wichtigste Aufgabe aber war nun ihren Vater zu rächen und vielleicht all diesen Irrsinn zu stoppen, wenn sie Elthor selbst töten konnte. Denn sie wusste irgendwo dort unten musste er sein.

Der Regen wurde stärker und ihre Aufmerksamkeit fanden zurück zu dem was sie vor sich sah und das förderte einen noch tieferen Grimm in ihr zu Tage.

Die Ebene vor der Stadt war übersät mit Rittern des Hauses Coceon und Trollkriegern verschiedener Stämme.

Sie waren etwa 1 zu 10 in der Unterzahl.

Riesige Belagerungsmaschinen wurden von Bolgern vor die Tore gezogen.

Außerdem sah sie Bergriesen aus dem Eskorlarn9, muskulöse Steinbolger, bärtige Miloten, Blau-Kobolde, gehörnte Drumen und wilde Smusker.

Alle trugen sie das schwarzgrüne Banner Coceons.

Elarell sog grimmig die kalte Luft ein. Wie war es ihrem Onkel nur gelungen diese Halbmenschen unter seiner Fahne zu vereinen?

Sie waren außerdem zu spät, die Tore der Stadt waren geborsten und auf den Mauern, sowie bereits innerhalb tobte die Schlacht.

In der ganzen Stadt, so schien es, brannten bereits unkontrollierte Feuer.

Der Lärm und der Gestank war schier unerträglich, selbst aus dieser Entfernung.

Sie wischte sich den Regen aus den Augen und schaute zu dem Reiter neben sich.

Der Truppenführer Gaidur lächelte grimmig zurück.

„Wir stehen zu unserem Wort, auch wenn es unser Untergang ist, Herrin.“

Sie zog zur Antwort ihr Schwert aus der Scheide und reckte es hoch in die Luft.

„Wir werden über sie kommen wie die Strafe der Götter, siegen oder sterben!“ rief sie.

Der Regen peitschte ihr erneut ins Gesicht, doch ihre Stimme erhob sich nun klar und gebieterisch über die Köpfe der Elfen-Ritter hinter ihr:

„Vorwärts, vorwärts Freunde! Esola fe me melos quendi es endar! Esola fe adroni! Esola fe ismal!“10

Sie gab ihrem Pferd die Sporen und das Elfenheer folgte ihr wie ein Mann.

In der Ebene vernahmen die Truppen des Herzogs ein stärker anschwellendes Grollen, dass sich nicht dem sich am Himmel zusammenbrauenden Unwetter zurechnen ließ.

Als die ersten von ihnen die dunkle Linie der Reiter sahen, die vom Berg herab auf sie zu rollte, setzte wildes Geschrei ein und Panik in den vorderen Reihen, derer die Hauptleute kaum Herr wurden.

Dann senkten die Elfenreiter ihre Lanzen und fuhren wie ein tödlicher Keil in die Masse der Belagerer.

~

Sie gelangten in einen breiten Schlossgang der an einer Seite mit Marmorsäulen an den inneren Garten angrenzte.

Daral voraus, dahinter Sorl, der mit dem Gefühl kämpfte ein Feigling zu sein, dass er einfach so zu fliehen versuchte, während das Volk und seine Freunde im Kampf starben.

Aber ihm viel einfach nicht ein, was er sonst sinnvolles für sie tun konnte. Er musste jetzt überleben, um sie später rächen zu können.

Die junge Aposger hingegen wirkte, obwohl höchstens knapp so alt wie er, selbstsicher.

Sie wusste offenbar genau was zu tun war.

Es ärgerte ihn, dass er das Gefühl hatte alle Verantwortung abgenommen zu bekommen und außerdem, wo hatte er sie bloß schon mal gesehen?

Sie erreichten den Durchgang zur Bibliothek, vor dem Daral atemlos anhielt und an der gewaltigen Tür lauschte.

Er blickte sie fragend an.

Sie nickte ihm zu, dann öffnete sie vorsichtig die Tür.

Im Inneren empfing sie eine dumpfe Stille.

Das angesammelte Wissen von Jahrhunderten schien die Luft dick wie Brei zu machen.

Nach kurzem Warten, sagte Sie:

„Wo ist Balra, der Bibliothekar? Er kommt sonst immer sofort.“

Die nur geflüsterten Worte schienen in der hohen Halle zu vibrieren.

Der Raum barg auf drei Ebenen gewaltige Schränke mit Schriftrollen und schweren Lederbänden.

Ringsum liefen Balustraden, die so überladen waren, dass man den Eindruck gewann, sie müssten im nächsten Augenblick zusammenbrechen.

Von den angrenzenden Gängen hörten sie plötzlich Stimmen.

Rasch schritten sie hinein und schlossen die Tür hinter sich. Dann verbargen sie sich hinter den am nächsten stehenden Regalen.

Dabei schoben sie noch einen schweren mit besonders dicken Büchern beladenen Tisch davor.

Im Gang vor der Tür hasteten offenbar gepanzerte Ritter vorüber.

Ob Freund oder Feind konnten sie nicht feststellen.

Als der Lärm schließlich verhallt war, sahen sie sich vorsichtig in der Bibliothek um, aber sie schien verlassen.

„Merkwürdig,“ murmelte Daral, „wir müssen weiter hinten zur Kammer des Bibliothekars, vielleicht finden wir ihn dort.“

Sie beeilten sich, die Halle zu durchqueren, doch hatten sie den hinteren Teil noch nicht erreicht, als sie plötzlich ein Krachen von der Eingangstür her aufschreckte.

Die Türflügel wurden im nächsten Moment aufgestemmt und eine Gruppe von Rittern, ob es die selbe war, die sie zuvor vernommen hatten, wussten sie nicht, stürmte herein.

Eine große Gestalt mit langem schwarzen Haar in einem rot-blauen, goldbestickten Mantel führte sie an.

„Bei Aposg!“ Entfuhr es Daral.

„Sedrin, der Hohenpriester des großen Vahramtempels.“

Sorl nickte.

„Ich dachte er ist Vater treu,“ zischte er mit grimmiger Miene.

Daral schüttelte den Kopf.

„Walbas sagt immer, er ist eine falsche Schlange und er hasst außerdem die Aposger.“

„Aber, er hat Vater die Krone aufgesetzt und ihn zum Oberhaupt der Kirche ernannt.“

Die Aposger nickte verächtlich.

„Er ist nur der Macht treu.“

Während dieser in Windeseile gewechselten Worte hörte man den so Beschrieben auf der anderen Seite der Halle laute Befehle rufen, denn er und die Ritter hatten sie entdeckt.

Sorl schluckte daher eine Erwiderung auf Darals Behauptung herunter, aber im Gedanken ließ es ihn nicht los.

Das war unglaublich, sein Vater hatte Sedrin unbedingt vertraut, das wusste er.

Daral zog ihn unterdessen am Ärmel und stieß nun eilig die Tür zur Kammer des Bibliothekars auf.

Als sie hastig eintraten erblickten sie jedoch sofort ein Bild des Schreckens.

Ein riesiger Tisch, übersät mit Schriftrollen stand in der Mitte des Raumes, an den Wänden hingen dicke Teppiche.

Vor dem Kamin, in dem noch ein Feuer glimmte, lag auf dem Boden die Leiche eines Mannes, dessen Kopf offensichtlich im Feuer gelegen hatte.

Der Gestank war bestialisch.

„Diese Barbaren,“ zischte Daral.

Als Sorl die Leiche des Bibliothekars betrachtete, hatte er das Gefühl, dass ihm nun endgültig bewusst wurde, wie ernst ihre Lage war und die Übelkeit die in ihm hoch stieg, verstärkte dies nur noch mehr.

Zwar hatte er seine Mutter bereits an diesem Tag sterben sehen, doch waren seine Gefühle, vermutlich wegen des Schocks, bis dahin wie ausgeschaltet gewesen.

Fassungslos starrte er diesen weiteren Toten an.

Doch es blieb ihnen wenig Zeit zum Nachdenken, denn die Verfolger waren schon fast da.

Die Aposger rammte daher in seinem Rücken nun die Tür der Kammer zu und verriegelte sie.

„Schnell, steht nicht so töricht herum, helft mir mit dem Tisch!“

Sorl löste sich aus seiner Starre und sie zogen gemeinsam den am nächsten stehenden Tisch vor die Tür.

Das brachte ihn wieder zu Besinnung und er funkelte sie zerknirscht an.

„Vergesst nicht mit wem ihr sprecht, Pristerin.“

Sie lachte kurz auf doch ihre gemeinsame Aktion war nicht zu früh erfolgt, denn im nächsten Augenblick krachten heftige Stöße gegen die Tür.

„Wenn ihr euch, mein Prinz, nicht bald auf euren Verstand besinnt, werdet ihr bei eurem Volk in der Tat bald vergessen sein.“

Antwortete sie jetzt kühl.

Sorl schluckte erneut eine wütende Antwort herunter, auch weil er einsah, dass sie recht hatte.

Sie sahen sich nun genauer um. Fahles Licht viel durch die hohen Fenster und tauchte die Kammer in gespenstische Schleier.

„Was nun, wo gibt es hier einen Ausweg? Stieß Sorl hervor.

Ihr habt uns in eine Falle geführt, Aposga!“

Darals grüne Augen blitzten finster auf.

„Walbas sagte mir, es gäbe einen geheime Tür von hier aus die zu einer Treppe hinab in die Verliese führe.“ Sagte sie mit ruhiger Stimme.

„Das Dumme ist nur, ich weiß nicht wo sie ist und Balra können wir nicht mehr fragen.“

„Der Bibliothekar war auf unserer Seite?“

Die Aposger nickte.

„Was glaubt ihr warum er sterben musste, wir können von Glück sagen, dass sie uns hier nicht einfach erwartet haben.

Sorl nickte.

„Nur werden wir vermutlich trotzdem nicht genügend Zeit haben, den Mechanismus alleine zu finden oder habt ihr eine Idee?“

Und wie zur Bestätigung seiner Worte brach nun die Schneide einer schweren Streitaxt durch das Holz der Tür und sie hörten erneut den Hohepriester dahinter wütende Befehle geben.

Daral blickte sich suchend im Raum um.

Wo konnte der Zugangshebel oder soetwas ähnliches nur sein?

Die Axt hatte inzwischen einen großen Spalt in die Tür geschlagen und Sorl ging aus der Schussrichtung, falls sie es mit einer Armbrust versuchen sollten.

„Ich glaube die Tür hält nicht mehr lange,“ rief er überflüssigerweise.

Doch während er das sagte, streifte sein Blick nocheinmal beiläufig den Toten.

Er lag mit einem Arm ausgestreckt in Richtung der Nordwand.

Eine merkwürdige Haltung.

Doch noch während er das dachte kam ihm ein Gedanke und als sein Blick dem ausgestreckten Arm folgte, entfuhr ihm ein überraschter Ausruf.

Die Bücherwand auf die er blickte, unterschied sich eindeutig von den anderen.

Es war nämlich nichts vor ihr abgestellt.

Keine Kisten mit Schriftrollen, kein Möbel, keine Bücherstapel.

Hier soll für irgendetwas Raum bleiben, das sich öffnen äßt, dachte er.

Aufgeregt wies er Daral darauf hin und die Aposger untersuchte sofort das Regal.

„Ich bin sicher, ihr habt recht,“ murmelte sie, „aber ich finde trotzdem nichts was den Mechanismus auslösen könnte.“

Als Sorl eben zu ihr hinüber wollte, zischte ein Pfeil durch den Spalt den die Axt geschlagen hatte und nur um Haaresbreite an seinem Kopf vorbei.

Bei der hastigen Ausweichbewegung die er vollzog, verlor er das Gleichgewicht und im Fallen hielt er sich an einer Vorhangkordel fest, die neben dem Kamin einen schweren Brokatvorhang zusammen hielt.

Es gab ein lautes Knarren und Daral musste eilig zurückspringen, als die Bücherwand sich halb drehte und nun tatsächlich eine Öffnung frei gab.

Ein Ausruf des Entzückens entfuhr der jungen Priesterin, doch sie verstummte schnell, denn nun wurde die Tür hinter ihnen durch weitere schwere Schläge erschüttert und wankte deutlich.

Rasch rappelte Sorl sich auf und sie schlüpften gemeinsam durch den entstandenen Durchgang.

Direkt am Anfang einer nach unten führenden Treppe, steckte eine Fackel in einer Halterung.

Daral packte sie rasch, dann zogen sie die Türwand mit vereinten Kräften hinter ihnen zu.

„Das ist verflucht dunkel,“ murmelte Sorl.

Doch Daral schlug im selben Momment ein Zündholz an und die Fackel entzündete sich.

„Hier sie lässt sich verriegeln,“ sagte Sorl daraufhin und schob einen schweren eisernen Riegel von Innen vor die Regalwand.

„Sehr gut,“ antwortete Daral.

„Schnell dass sie auch den Lichtschein nicht sehen.“

Schon rannten sie die Treppen hinunter, die sie im Wendekreis schnell immer weiter nach unten führte.

Es gab keine weitere Tür auf ihrem Weg und nach etwa vier Stockwerken, so schätzte Sorl, erreichten sie die Kellergeschosse des Palastes.

Als sie kurz darauf endlich offenbar auch das Ende der Treppe erreicht hatten, standen sie in einem kreisrunden Raum, der nicht breiter war als ihre ausgestreckten Arme.

Die Fackel erhellte moosiges Gestein von dem dünne Rinnsale Wasser liefen und im Boden versickerten.

„Wir müssen schon unter den Klippen des Megath sein,“ murmelte Sorl.

Daral nickte und leuchtete mit der Fackel in ein kleine Nische.

Erschrocken entfuhr Sorl ein Schrei, denn er blickte in die teuflische Fratze einer kleinen Statue die dort stand.

Daral gluckste.

„Nur aus Stein, euer Hoheit.“

Sorl schnaubte verärgert und sah sich verwundert um.

Aber nirgends war eine Tür oder so etwas ähnliches zu entdecken.

Plötzich stutzte er.

Im steinernen Fußboden zeichneten sich die Umrisse einer Luke ab.

Sorl bückte sich nieder und untersuchte sie, konnte aber keinerlei Griff oder Bügel finden.

Er warf Daral einen fragenden Blick zu.

Die Aposger lächelte geheimnisvoll.

„Walbas erzählte mir, das Schloss ist alt, älter als euer Geschlecht.

Die Fundamente stammen noch aus Elfenzeiten.

Daher sind geheime Gänge oft mit altem Zauber geschützt.“

Sie deutete auf die kleine Statue.

„Es ist vermutlich ein Türwächter.“

Sie kauerte vor dem Kobold nieder und begann sich mit ihm in Kwendar, der Sprache der Elfen, zu unterhalten.

Zu Sorls Verblüffung, vernahm man plötzlich eine kehlige, hohle Stimme die offenbar der Statue gehörte, antworten und während er noch immer gebannt in die Nische starrte und sich ihm die Nackenhaare aufstellten, als sich die steinernen Augen ihm zuwandten, suchte Daral am rand der Bodenluke nach irgendetwas.

Sie grinste Sorl an, denn offenbar hatte sie gefunden was sie suchte als es ihr nun tatsächlich gelang, die Steinplatte zur Seite zu bewegen.

„Was war das für ein Kwendar Dialekt?“

Wollte Sorl wissen.

„Ich lernte ihn bei den Dryaden in Helarion.“ Antwortete Daral.

Sorl schnaubte, dann ergriff ihren Arm.

„Sagt mir, warum ihr das alles tut für mich?“

Sie schüttelte ihn ab.

„Sicher nicht, weil ich euch besonders mag.“ Zischte sie.

Er nahm ihr die gespielte Abneigung nicht ab und griff ihren Arm erneut.

„Warum dann?“

Sie seufzte.

„Weil ihr und auch ich Teil einer Prophezeiung seit.“

Er lachte laut auf.

„Einer Prophezeiung? einer Prophezeiung! Was soll das heißen?“

Sie erwiderte seinen strengen Blick in dem sie ihre silberne Locke aus der Stirm strich.

„Walbas sagt, dass ein Kind eures Geschlechtes, der Friedensbringer der Welt sein wird.“ Sie funkelten ihn finster an.

„Allerdings kann ich auch nicht glauben, dass ausgerechnet ihr das sein sollt.“

Sie lachte, doch verstummte rasch ob des schaurigen Echos im Raum.

Er brummte finsteren Blickes:

„Und warum seit Ihr Teil dieser Prophezeiung?“

Sie verzog den Mund.

„Weil es dort auch heißt, die Drachen kehren zurück.“

Er hob fragend die Augenbrauen und sie fügte hinzu:

„Mein Interesse bezieht sich nur auf Euer Schwert.“

Er blickte sie noch verblüffter an.

„Ihr überrascht mich immer mehr. Sagt mir, wo haben wir uns schon einmal gesehen, ich bin sicher…“

Sie nickte und presste den Mund dabei zusammen.

„Ihr und einige andere adlige Burschen seit vor ein paar Wochen nach einem Wirtshausbesuch in unseren Tempel am Osttor eingedrungen. Ich trat euch damals in den Weg, bevor ihr den heiligen Wein auch noch austrinken konntet.“

Sorl lachte, dann strich er sich peinlich berührt über das inzwischen stoppelige Kinn. Ihm wurde bewußt, dass er sich seit zwei Tagen weder gewaschen noch rasiert hatte.

„Ihr wart das Mädchen, das mich angeschrien hat? Kein Wunder, dass ihr so feindselig seit. Ihr seit jünger als ich dachte und doch wirkt ihr so erfahren und… wie war das mit meinem Schwert?“

„Ich hatte im Gegensatz zu Euch, weise Lehrer und mein Leben war nicht wie das Eure, auf Samtkissen gebettet.“

„Ich habe den Verdacht, das Euer Leben auch nicht das war, was man gemeinhin von einer Aposger erwarten würde. Seit ihr überhaupt ein Pristerin?“

Sie sog die Luft hörbar ein und antwortete:

„Das versuche ich Euch die ganze Zeit zu sagen, ich bin eine Gorifor, die Letzte wenn man Walbas glauben kann. Ich rette Euch, aber vorallem auch Euer Schwert, denn ich brauche es im kampf gegen die Drachen.“

Er wollte etwas erwidern, doch sie legte ihm rasch die Hand auf den Mund.

„Da war ein Geräusch von oben! Sie kommen! Genug also der Reden, später werde ich Euch die ganze Geschichte ausführlich erzählen, jetzt müssen wir weiter.“

Sorl schluckte seinen Ärger nur mit Mühe herunter.

Sie leuchtete mit der Fackel und stieg voran die Leiter hinab, die in die Dunkelheit führte.

Sorl folgte ihr.

Er zählte zwölf Tritte abwärts bis sie erneut Boden erreichten.

Die Luft schien hier noch modriger und dichter und das schwächer werdende Fackellicht zeigte ihm eine weitere quadratische, völlig türlose Kammer.

„Und wohin soll uns das hier bringen?“

Sorl knirschte verzagt mit den Zähnen.

Die Aposger wies nur stumm auf die ihm gegenüber liegende Wand.

Er schaute genauer hin und jetzt entdeckte er eine ganz schmale Spur von Licht die einen Durchgang abmalte.

„Verdammt, es war keine Mauer, es war ein Vorhang.“

Er griff danach und zog ihn zur Seite.

Staub rieselte und irgendetwas flatterte auf.

Der Prinz schrak leicht zusammen.

Doch der durch nebliges Außenlicht nur unzureichend erhellte Gang barg Fledermäuse, die rasch dem Feuer auswichen und sich in eine der vielen kleineren Höhlen zurückzogen.

Sie mussten sich ein wenig bücken um in ihn zu gelangen, doch dann konnten sie auch hier aufrecht gehen.

Die Luft war plötzlich erheblich frischer und hatte einen leicht salzigen Geschmack.

„Wohin führt dieser Gang?“ Fragte Sorl.

„Er führt direkt hinab zu einer verborgenen Bucht zwischen den Wellenbrecherfelsen des Megath12. Etwa fünf Schiffslängen vom Hafen.“

„Und was dann?“

„Dort ist eine verborgene kleine Buch und es wartet, so Aposg will, ein Beiboot der Rewihls’ Glück auf uns.“

„Das ist ein Schiff?“

Daral nickte.

„Wer ist der Kapitän und warum helfen sie uns?“

Dazu kann ich nichts sagen, aber ihr habt keine Wahl, als darauf zu vertrauen.“

„Also gut, wenn es stimmt bin ich euch zu großem Dank verpflichtet.“

Sie rannten los und tatsächlich wurde der Gang bald schon zu einem durch Felsstufen abwärts führenden Tunnel und nach kurzer Zeit, immer heller und deutlich, vernahmen sie nun die Geräusche der an den Felsen brandenden Gicht.

Plötzlich war der Boden voller Sand und schon im nächsten Augenblick stolperten sie durch einen Höhlenausgang tatsächlich ins Licht einer kleinen Bucht.

Erschöpft sanken sie in die Knie und schützten ihre geblendeten Augen während sie die kühle Seeluft tief in ihre Lungen sogen.

Dann sahen sie das Schiff, das vor der Bucht sanft auf den Wellen schaukelte.

Erleichtert atmete Sorl auf.

„Den Göttern sei Dank, verzeiht mir Priesterin, aber ich habe nicht wirklich daran geglaubt.“

Daral, die hinter ihm stand, schien etwas antworten zu wollen, doch er hörte im selben Moment nur ein ersticktes Röcheln von ihr.

Erschrocken blickte er sich um und nur durch einen blitzschnellen Reflex gelang es ihm dem mächtigen Schwertstreich auszuweichen, der ihn bestimmt tödlich getroffen hätte.

Rasch sprang er hoch und sah sich umringt von etwa einem Dutzend abgerissener Gestalten.

Daral lag tot oder bewusstlos im Sand.

Der Anführer der Halunken, ein dicker Kerl mit breiter Bauchschärpe und einer hässlichen Narbe auf der Stirn, rief laut: „Los ergreift den Jungen,“ und augenblicklich wurde Sorl bedrängt.

Er konnte jedoch noch gerade sein Schwert ziehen und werte wütend die erste Angreifer ab.

Doch war ihm schnell klar, dass er gegen diese Übermacht, es waren wenigstens zehn Angreifer, wenig Chancen hatte.

Den Weg zurück in den Felstunnel hatten sie schlau verstellt, nur auf die Klippen konnte er vielleicht gelangen, aber von dort blieb ihm lediglich ins Meer zu springen.

Was bei der heftigen Brandung gleichbedeutend war mit Selbstmord.

Fieberhaft überlegte er, während die Angreifer ihn von allen Seiten zu umgehen versuchten.

Weiter und weiter wich er auf die Klippe zurück.

Schlag um Schlag, bemüht gleich mindestens drei Klingen abzuwehren.

Lange noch würde er das nicht schaffen können.

Dann geschah es, sein Schwert zerbrach.

Nach einem Augenblick des Entsetzens griff er jedoch hastig über den Kopf nach Menadir.

Bloß genügte die zusätzliche Zeit, die er dafür benötigte, den vordersten Angreifern ihn mit einer heftigen Attacke nieder zu werfen.

Ein Faustschlag traf sein Kinn und er schlug hart mit dem Kopf auf das Gestein.

Bevor er die Besinnung verlor, merkte er noch, wie Menadir, das er bereits halb aus der Scheide gezogen hatte, ihm vom Rücken glitt und ohne dass er, aber zum Glück auch keiner der Halunken, es verhindern konnte, über die Klippe hinab rutschte und dem Meer entgegen fiel.

Das letzte was er denken konnte war: „Ihr werdet es auch nicht bekommen“ bevor ihn ein weiterer Schlag hart an der Schläfe traf und er die Besinnung verlor.

~

Als Sorl wieder zu sich kam dachte er zunächst, alles um ihn herum würde sich bewegen. Doch dann merkte er, dass diese Bewegung wohl in seinem Kopf statt fand und ganz allmählich in stechenden Schmerz überging.

Oh ihr Götter, womit hatten sie zugeschlagen?

Die Erinnerung kam zurück.

Hatte diese kleine Hexe ihn doch verraten? Nein…nein er erinnerte sich an sein letztes Bild, das er vor Augen hatte.

Da waren diese Halunken gewesen und Daral lag nieder gestreckt im Sand. Sie waren beide verraten worden.

Der Schmerz wurde stärker und schien sich auf alle Gliedmaßen auszudehnen.

Langsam versuchte er sich zu bewegen. Er befand sich in völliger Dunkelheit,…nein da war ein durch Gitterstäbe flimmernder Nachthimmel irgendwo hoch über ihm. Wasser tropfte und ein fauliger Gestank machte sich nun deutlich bemerkbar.

Die Bewegung gelang, aber nur unmerklich und zugleich vernahm er ein leichtes Klirren, das ihn zusammen zucken ließ.

Die Erkenntnis traf ihn hart aber er musste es sich eingestehen. Seine Flucht war misslungen, aber sie hatten ihn nicht getötet. Warum?

Eine Antwort fiel ihm nicht sofort ein.

Dafür war er in ein finsteres Verließ geworfen worden, dem Anschein nach um darin in rostigen Ketten zu vermodern, was dem Tode gleichkam nur übermäßig grausamer.

Es erfasste ihn ohnmächtige Wut darüber das sein Onkel, denn wer sonnst sollte dahinter stecken, zu so etwas fähig war.

Als die Erschöpfung den Schock im weiteren Verlauf der Nacht, die er mit seiner Verzweiflung verbrachte, überwunden hatte, schlief er ein.

Wachte aber nur wenige Stunden später mit dem Tageslicht wieder auf, dass den ganzen Schrecken seines neuen Heimes nur durch einen handbreiten Schlitz beleuchtete.

Die Kammer war jeweils etwa drei Schritte breit und lang. Auf dem Boden verstreut lagen offenbar die Knochen früherer Bewohner.

Direkt vor ihm war eine kleine Eisenluke. Eine Schale mit Essen hatte jemand hindurch geschoben.

Die Reichweite seiner Ketten um Hals und Hände war gerade weit genug gehalten, um diese Schale zu erreichen.

Wütend stieß er sie mit dem Fuß um.

Wo war er, er musste sich noch irgendwo unter der Burg befinden.

Aber lieber würde er verhungern, als seinen Feinden lange dieses Schauspiel seiner Niederlage zu bieten.

Schließlich war er ein Prinz von Adrohn.

Doch während er das dachte, wollte die Verzweiflung ihn erneut beinnah überwältigen.

Dann begann er zu rufen, zunächst laut und fordernd, dann immer flehender.

Vielleicht den ganzen Tag hindurch, doch niemand antwortete ihm.

Niemand kam.

Am dritten Tag begann er zu essen und wieder nachzudenken, doch nur zwei Gedanken schienen ihn zunächst zu beherrschen.

Seine Lage war hoffnungslos und was konnte er tun?

In der nächsten Nacht jedoch kamen sie, rissen ihn aus dem Schlaf und holten ihn.

Nun würde sie ihn richten, das war ihm klar, während er mit einer Kapuze über dem Kopf fort geführt wurde.

Elthor wollte alle Konkurrenten um den Thron auslöschen.

~

Als Daral zu sich kam, spürte sie Sand zwischen den Zähnen und ein dumpfes schmerzhaftes Hämmern im Hinterkopf.

Vorsichtig tastete sie mit den Fingern diesen ab während sie sich stöhnend aufrichtete.

Ihre Hand erfühlte etwas Feuchtes, das ihr Haar verklebte.

Ein Zeit lang hielt sie in der Hocke inne und ließ den Schmerz langsam abklingen.

Sie blinzelte in die Abenddämmerung.

Sie musste einige Stunden hier gelegen haben.

Fröstelnt zog sie den Umhang enger um ihren Priesterrock.

„Was war geschehen?“

Die Erinnerung kam nur zögernd zurück.

Eigentlich konnte sie sich an nichts erinnern, nur an einen dunklen Schatten, der so rasch hinter ihr aufgetaucht war, das all ihre geschulten Reflexe nutzlos blieben.

Sie betrachtete die Spuren im Sand. Hier hatte ein Kampf statt gefunden eindeutig und dei Angreifer mussten sie für tot gehalten haben, dachte sie.

Sorl war jedenfalls entweder gefangen oder sie hatten seine Leiche fortgeschafft.

Ein Gefühl von Zorn stieg in ihr hoch, denn obwohl sie den Prinzen zunächst nicht besonders gemocht hatte, so war er ihr in der kurzen Zeit ihrer Flucht, stellte sie zu ihrer eigenen Überraschung fest, doch näher gekommen.

Wer hatte diesen Überfall veranlasst?

Das Schiff jedenfalls war verschwunden, war es wirklich die Rewihls’Glück gewesen?

Hatte sie etwas damit zu tun?

Sie spürte wie ihr jede Bewegung einen leichten Schwindelanfall verschaffte.

In jedem Fall sah es nach Verrat aus und das bedeutete, dass es möglicherweise auch um die anderen Pläne von Walbas nicht gut stand.

Sie stöhnte als ein weiterer Schmerz ihren Kopf durchzuckte. Ich muss zu einem Heiler, dachte sie, aber zunächst wollte sie sicher sein was passiert war.

Offenbar hatte Sorl sich eine Zeit lang wehren können, nach den Spuren zu urteilen, die bis auf die Klippen zu liefen.

Dort lag auch sein Schwert, zerbrochen. Sie stieg hinauf. Vielleicht war er gesprungen um ihnen zu entkommen, oder sie hatten ihn gestoßen?

Sie warf vorsichtig einen Blick über den Klippenrand.

Erst sah sie nichts, doch dann, im Licht der im Meer versinkenden Sonne glitzerte etwas an einem aus dem Fels vorspringenden Ast, etwa zwei Armlängen unterhalb.

Ihre Augen wurden groß.

„Menadir,“ flüsterte sie.

~

Wilde Schreie, Tod und Verderben warn um Elarell, während sie ihr Pferd immer weiter trieb, die Lanze längst abgebrochen im Leib eines elenden Bergriesen, der sich ihr als erstes schweres Hindernis in den Weg gestellt hatte.

Fieberhaft suchte sie, zugleich wild um sich schlagend, gefolgt von immer weniger werdenden getreuen Elfen, nach dem Hoheitszeichen ihres Onkels.

Wo war er?!

Er der das Unheil über Adrohn gebracht hatte, ihn nur ihn wollte sie finden.

Sie konnten seine Armee nicht vernichten, zu wenige waren sie und die Überraschung machte sie todbringend für viele, doch nicht genug von ihnen.

Gut organisiert und voll unbändiger Kampfeswut schlugen sie zurück, diese Geschöpfe aller Alpträume und die Heerscharen wilder Nordmänner und Trolle.

Tapfer kämpften ihre Elfen und auch die belagerten Althearner unter der Führung des alten Hauptmans Helm Garitor, versuchten mit letzter Kraft einen Ausfall, als sie ihr Banner sahen.

Doch die Entscheidung war längst gefallen, das wusste sie.

Außer, wenn sie ihn fand, vielleicht war das ihre einzige Chance das Schicksal des Tages und damit auch Adrohns noch zu wenden.

Den Kopf der Schlange muss man abschlagen, dann nutzen ihr tausend Giftzähne nichts mehr, dachte sie.

Wenn Elthor wirklich der Kopf war? Ging ihr noch immer ein Anflug von Zweifel durch denn Sinn.

Sie selbst blutete inzwischen aus zahlreichen Wunden und ihr Pferd strauchelt ein ums andere Mal, als sie ganz plötzlich seine Zelt vor sich auftauchen sah.

Mit letzter Anstrengung trieb sie ihr Ross voran, es bäumte sich auf, als ein Wald von Speeren sich ihm entgegen reckte, doch brach es hindurch und mit ihr noch eine handvoll todesmutiger Elfenritter.

Dann sah sie ihn, einen großen bärtigen Mann in glänzender Rüstung um ihn eine Phalanx von Armbrustschützen.

Elarell lächelte grimmig, und hob das Schwert. „Tod Dir Elthor! Du Verräter!,“ schrie sie. „Stirb durch die Hand der Tochter deines Bruders!“

Ihr Pferd machte, durch ein zuvor geflüstertes Kommando getrieben, einen weiten Satz und fast hatte sie ihr Ziel erreicht, da traf sie von der Seite ein so heftiger Schlag an der Schulter das sie aus dem Sattel gerissen wurde.

Sie stürzte zu Boden, wie andere neben ihr, zwischen Pferde und Fußvolk geschleudert und Schmerz und Panik überschlug ihre Empfindung mit einer Welle von Todesschreien.

„Nein!“ Schrie sie.

~

Von dem Hügel auf dem die beiden prächtigen Reiter nebeneinander auf ihren Pferden saßen, konnten sie den Schlachtverlauf genau beobachten.

Die alten Mauern und Türme der Hauptstadt, wie sie zerbrachen und im Feuersturm untergingen.

Der aufsteigende Rauch in den letzten Stellungen der Verteidiger und ein undefinierbares Gewirr von menschlichen und unmenschlichen Lauten zwischen dem Klirren der Waffen.

Auf der flachen Ebene vor der Stadt waren die letzten Elfenkrieger in verzweifelte Überlebenskämpfe verwickelt und der letzte Ausfallversuch der Althearner war blutig zurückgeschlagen worden.

Nachdem der überraschende Angriff auf sein Zelt gescheitert war, hatte Fürst Elthor rasch sein Pferd bestiegen und war auf den Hügel geritten.

Nun blickte er mit zufriedenem Gesicht zu seiner in wehende Gewänder gehüllten jungen Frau.

„Was sagt ihr dazu Herrin, wir werden siegen.“

Ydiare lächelte.

„Und ihr werdet König mein Gebieter.“

Ein etwas einfältiges Grinsen bemächtigte sich des bärtigen Gesichtes.

Die hellen Augen seiner Königin, die in Wahrheit die der Feenkönigin Dionel waren, funkelten den Toren triumphierend an.

Wie einfach es doch war diese Menschen nach ihrem Willen zu lenken.

Wenn sie erst einzige Herrscherin in Adrohn war, dann würde niemand mehr etwas zu Lachen haben, auch nicht dieser Wurm neben ihr.

„Was soll ich jetzt mit ihr tun?“

Sie blickte ihn einen Moment verwirrt an, bevor ihr klar wurde wen er meinte.

„Tötet sie, warum zögert ihr mein Gebieter“, sagte sie süßlich.

„Sie ist euren Interessen im Wege. Alle müssen sterben die Euren Anspruch anfechten könnten.“

Doch bei diesen schroffen Worten, die ihr zu schnell heraus gerutscht waren, biss sich Ydiare auf die Zunge, denn Elarell war schließlich ein Mitglied von Elthors Familie.

Sie durfte die Wirkung ihres Traumzaubers der darauf angelegt war, dass er alles was sie ihm befahl für etwas Reines und Gutes hielt nicht selbst untergraben.

Was konnte diese kleine Endar schon anrichten? Sicher sie hatte ausgezeichnet gekämpft mit ihren Elfen, aber jetzt stellte sie keine Gefahr mehr da, vielleicht würde sie ohnehin an ihren Wunden verbluten.

Laut sagte sie darum: „Entscheide wie du meinst mein Lieber, du bist der König.“

Elthors kurzzeitige Falten auf der Stirn glätteten sich rasch.

„Ich bin froh das du so denkst,“ sagte er „wenn sie überlebt, werde ich sie wohl nach Chapasan schicken und sie dort in die Obhut der Priester Hangins13 geben.“

„Wir könnten sie zu gegebener Zeit mit deinem Sohn Sleigh verheiraten, dann würdest du die Familie wieder versöhnen.“

Elthor nickte offenbar angetan.

„Eine sehr gut Idee, meine Liebe,“ murmelte er.

Dionel lächelte in sich hinein. Sollte dieser arme Narr nur Pläne schmieden, ihren eigenen würde er nicht mehr lange im Wege stehen.

Ein schlanker Ritter trieb sein Pferd zu ihnen hin. „Vahram sei ewig Herrin,“ sagte er und würdigte den neuen König keines Blickes.

„Wir werden jetzt die Stadt einnehmen.“

Ydiare nickte. „Gut und durchkämmt jeden Winkel wie besprochen, bringt mir das Schwert und tötet die Kinder.“

Den letzten Teil hatte sie so leise gesprochen, dass Elthor, wie sie hoffte, es nicht gehört haben konnte.

Der Ritter, der in Warheit der Drache Pon war, gab ihr zu verstehen, das er wusste was sie meinte und trieb sein Pferd den Hügel hinab.

„Dieser Kerl ist wirklich sehr unfreundlich,“ brummte Elthor, „wenn ihr nicht so an ihm hängen würdet…“

Dionel schenkte ihm ein falsches Lächeln.

„Bloß eine kleine Marotte von ihm, ihr müsst ihm verzeihen mein König.“

Elthor schnaubte, doch hatte er das Gefühl, das sein Ärger in ihrer Nähe sich immer schneller verflüchtigte als das früher der Fall gewesen wäre.

„Von welchen Kindern sie wohl gesprochen hatte und welches Schwert?“

Er wollte sie fragen, doch seine Herrin hatte sich bereits abgewendet um ihr Augenmerk auf den letzten Sturm der Truppen in die Stadt zu richten.

Ein andermal, dachte er.

Ich frage sie ein andermal.

Dann hatte er die Sache bereits vergessen.

Überhaupt war er sehr vergesslich geworden in letzter Zeit.

Warum hatte er seinen Bruder doch gleich vom Thron stürzen müssen?

~

Am Ende des Tages war alles entschieden.

Die Truppen Elthors hatten die strategisch wichtigen Positionen in der Stadt eingenommen.

Wilde Horden plündernder und mordender Trolle durchstreiften die Straßen und Häuser ohne das ihnen jemand Einhalt gebot.

Flüchtlingsströme entfernten sich auf den großen Handelsstraßen von der Stadt, verfolgt von blut- und beutegierigen Eroberern.

Daral stand tief in den Schatten eines Hauses gebeugt und beobachtete die Szenerie angespannt.

Das wertvolle Schwert hatte sie fest in ihren Mantel gewickelt.

Ihr Gesicht war schwarz wie Ruß und sie musterte zähneknirschend das schreckliche Treiben in den Gassen.

Plötzlich kam ein halb nacktes junges Mädchen aus einer Seitengasse dicht neben ihr gelaufen.

Ihre Miene drückte Entsetzen und Todesangst aus.

Verfolgt wurde sie von zwei abgerissenen Burschen, von denen der eine jetzt mit einem langem Spieß die Kleine brutal von den Beinen holte.

Sie fiel direkt neben Daral mit einem Stöhnen in eine schmutzige stinkende Schlammlache.

Die Kerle waren sofort über ihr ohne den Schatten an der Hausecke zu bemerken.

Daral verzog angewidert das Gesicht doch sie reagierte sofort.

Ihr Dolch blitzte zweimal kurz auf und die Angreifer des Mädchens lagen mit durchgeschnittener Kehle im Staub.

Weinend und schluchzend kam das Mädchen auf die Beine und blickte ihre Retterin dabei mit großen ungläubigen Augen an. „Danke,“ stammelte sie.

„Keine Ursache,“ antwortete Daral. „Sieh zu, dass du ein Versteck findest.“

Die Kleine nickte, sprang auf die Beine und verschwand in der nächsten Gasse.

Warum hatte sie das getan? Daral versuchte die Gefühle in sich zu ergründen.

Sie hatte gelernt sich zu beherrschen, Seit sie mit Walbas in den Süden gekommen war.

Die Monate in denen sie die Regeln des Aposg gelernt hatte, nicht nur zur Tarnung, sondern auch zur Bildung einer inneren Stärke, hatten sie ebenso geprägt, wie ihre Zeit bei den Tewir in Adoner und in Helarion.

Sie hätte die Vergewaltiger nicht töten müssen, sie hätte sie auch nur vertreiben können.

Doch eben hatte sie zum ersten Mal verspürt, welcher Druck auf ihrer lag, welche Erwartung.

Jedenfalls außerhalb ihrer Träume.

All das geschah viel zu schnell.

Sie musterte die Umgebung, des ihr vertrauten Klippenviertels.

Nur wenige Schritte entfernt sah sie auf einen etwas größeren Turmbau an der Inneren Mauer, die hier dicht an den Häusern verlief.

„Das ist es“, murmelte sie. „Ich hätte es fast nicht erkannt, bei all diesem Rauch und Staub.“

Sie blickte noch einmal zur Gasse in welcher das Mädchen verschwunden war.

Ihre ärgsten Sorgen sind erst einmal vorüber, dachte Daral, meine nicht.

Sie überzeugte sich davon, dass gerade keine Horde von Trollen in der Nähe war und überquerte den Platz zum Turm hin mit raschen Schritten.

Hier klopfte sie dreimal hastig gegen das Holz.

Sofort wurde eine Sichtklappe geöffnet und nach einem kurzen prüfenden Blick auf sie, hörte man wie schwere Riegel entfernt wurden.

Rasch trat sie ins Innere. Walbas stand ihr gegenüber.

„Endlich,“ brummt er und ließ sie an sich vorüber.

Ich habe mir schon Sorgen gemacht? Rewihl ließ uns ausrichten, dass ihr nicht gekommen seit.“

Daral schnaubte.

„Es war ein Hinterhalt am Strand, ich konnte nicht verhindern, dass sie Sorl…,“ Sie stockte, „Ich weiß nicht was mit ihm passiert ist.“

Dann seufzte sie. „Zum Glück hielten sie mich offenbar für tot oder unwichtig und ließen mich liegen, darum konnte ich das hier retten.“

Sie zeigte das Bündel vor in das sie das Schwert gewickelt hatte.

Walbas beachtete es nicht sondern betrachtet sie zunächst besorgt.

Sie bemerkte seinen Blick und sagte:

„Ich war bereits bei Ifane und sie hat mir einen Trank gegeben und den Verband an meinem Kopf. Bei diesen Worten zog sie die Kapuze herunter.

„Außerdem sieht es schlimmer aus als es ist,“ sagte sie gequält lächelnd.

Walbas nickte langsam und wickelte nun das Schwert aus.

Daral beschrieb wo sie es gefunden hatte.

„Gut, in diesen Zeiten etwas Glück zu haben ist viel wert.“ Sagte Walbas knapp.

Er blickte ihr in die Augen.

„Das Schwert ist wichtiger als der Prinz.“

Sie nickte. „Aber, sind nicht beide Teil der Prophezeiung?“

„Vielleicht,“ antwortete er, „so sicher wie wir tun, sind wir Aposger da gar nicht.“

Er lächelte grimmig. „Außerdem, ihr Drachentöterin, seit keine wahre Aposger und…“

Er sah ihren Blick.

„Aha.“ Sagte er nur noch und fügte nur hinzu:

„Also, dann kommt mit nach oben, Meloragh, die Gräfin von Elberak, wartet bereits.“

Sie stiegen eine steinerne Wendeltreppe empor und betraten einen geräumigen und sehr wohnlich eingerichteten Raum auf der mittleren Turmebene.

Eine hoch gewachsene in einen schwarzen langen Waffenrock gekleidete Gestalt stand an einem langen Rohr, das aus dem Fenster Richtung Meer blickte.

Bei ihrem Eintreten wandte sie sich zu ihnen um.

„Es liegen verdammt viele Schiffe da draußen,“ sagte sie mit einer klaren und melodischen Stimme, die Daral gleich für sie einnahm.

Sie begrüßte Daral mit einem forschenden Blick.

„Ihr seit also die Hoffnung der Menschheit,“ sagte sie mit einem ernsten Zwinkern um die Augen.

„Ich bin Meloragh, Tochter von Vedras, dem König der Munir.“

Walbas reichte ihr, deren Gesichtszüge wirklich sehr elfisch, ihre Hautfarbe aber von einem Hauch Blaugrau war, das Schwert.

Meloragh hob eine Augenbraue, als sie die Waffe nun in Ruhe betrachtete.

„Es ist Menadir, kein Zweifel.“ sagte sie und fuhr fort:

„Es ist eines der sieben Schwerter der Deniqui und das Erbe meines Vaters.“

Walbas nickte.

„Daral konnte es retten, aber der Prinz wurde leider gefangen, vielleicht sogar getötet.“

Meloraghs Miene wurde ernst als sie die junge Frau erneut musterte.

„Es ist keine günstige Lage in der wir uns befinden, aber ich bin euch sehr dankbar, das ihr diese Waffe retten konntet, sie durfte nicht in die Hände der Feenkönigin fallen.“

Sie machte eine bedeutungsvolle Pause in der sie nachzudenken schien.

Dann sagte sie:

„Wir müssen sie in Sicherheit bringen, bevor Dionels Schergen auch an Eurer Tür klopfen Herr Walbas. Was sicher nicht lange auf sich warten lassen wird.“

Walbas nickte. Daral blickte zwischen den beiden hin und her, dann fiel ihr plötzlich etwas ein.

„Herr, sind die Zwillingen in Sicherheit?“

„Ich hoffe es,“ antwortete der Priester.

„Aloe ist mit ihnen bereits zu einem Ort unterwegs, wo sie mit Meloraghs Männern zusammentreffen sollen.

Sie werden sie zu einem Versteck in ihrer Grafschaft bringen.“

„Gut“ murmelte Daral.

„Ich werde die Stadt ebenfalls verlassen Priester.“

Sagte Meloragh.

„Sorl ist gefangen oder tot, Elarell führte heute morgen einen aussichtslosen Angriff auf die Belagerungsarmee und ist vermutlich ebenfalls tot.“

Daral setzte sich bei diesen Worten niedergeschlagen auf einen Schemel und blickte Walbas fragend an.

„Ja, es steht nicht zum Besten,“ antwortete der Priester.

„Seht ihr noch eine Möglichkeit die Stadt zu verlassen?“

Meloragh nickte.

„Meine verbliebenen Männer halten noch eines der kleinen Westtore, aber wir dürfen nicht mehr lange zögern, Ihr solltet mit mir kommen.“

Daral erinnerte sich, dass sie auf dem Weg nach oben im Turm, einer Hand voll Bewaffneter begegnet waren.

Walbas nickte.

„Wir sollten das Schwerter der Deniqui in den Gasfrogan, nach Fejan bringen. Dort befindet sich bereits Savandir, das Syril Sherg in Celeb-draugh fand. Ich erhielt diese Nachricht kurz bevor ich von Elberak hierher aufbrach.“

„Sehr gut“, antwortete Walbas.

„Dionel sucht beide und auch die übrigen fünf Schwerter der Deniqui, um den Machtstein der Drachenkrone wieder zusammenzufügen.“

Meloragh nickte und erwidert:

„Wir werden uns den Weg trotzdem frei kämpfen müssen, dass Dionel das Schwert so in die Hände fällt, können wir nicht riskieren.“

Meloragh blickte bei diesen Worten Daral an.

Daral hingegen blickte von ihr zu Walbas und sagte dann ohne groß darüber nachgedacht zu haben:

„Ich könnte es vielleicht alleine herausbringen.“

Sie stand auf und blieb vor einem Tisch am Fenster stehen.

Es lag eine alte vergilbte Karte des Königreiches darauf.

Daral erkannte die Umrisse des Notawenkorh, die Ebene von Chapasan, das Hythratonum und die Ostmark von Scered.

Der Norden der Karte, wo ihre Heimat liegen musste war blind.

„Ich bin die Gorifor,“ sagte sie mit ruhiger Stimme. „Ich werden diesen Weg alleine gehen müssen.“

Die Blauelfe nickte.

„Die Feenkönigin sucht dieses Schwert und sie führt auch dafür Krieg in diesem Land. Statt es zu verstecken, wo es eh nirgends sicher wäre, ist es immer besser es gegen sie zu benutzen?“

„Ihr seit noch jung und unerfahren.“ Antwortete Meloragh.

„Aber ich kenne meine Bestimmung, trotz meiner Jugend genau,“ brauste Daral auf.

Walbas trat beschwichtigend zwischen beide.

„Noch könnte es gelingen hier unbemerkt zu entkommen.“

Er rieb sich das Kinn.

„Was meint ihr Meloragh?“

„Und wohin wollt ihr mit dem Schwert?“

Sagte Meloragh.

„Wo wird es zur Entscheidung kommen?“

„In Helovar wird sich Arcad, der jüngere Bruder Elthors ihm entgegenstellen.“

Daral nickt. „Dann wird dort eine Drachentöterin gebraucht.“

Sie hatte unterdessen auf der Karte entdeckt was sie suchte und wies mit dem Finger darauf.

„Hier, an dieser Stelle im Wenkohr ist kein Weg eingezeichnet, es gibt dort aber einen,“ sagte sie bestimmt „und ich glaube es wird nicht viele geben, die ihn kennen.“

„Der Ipariqpass?“

Walbas war ihrem Finger gefolgt und nickte langsam.

„Das ist der alter Pilgerpfad zum Tempel der Sendile14,“ fügte er lächelnd hinzu und sagte dann:

„Du kennst ihn weil es unser Weg war, als wir aus Helarion kamen.“

Daral nickte stumm.

„Wir kamen durch die Ebene von Karage bevor wir über den Pfad durch die Berge nahmen, habe ich Recht?“

Walbas presste die Lippen zusammen.

„Du hoffst deinen Drachen dort rufen zu können?“

„Wenn die Schwarzen kommen, wird er ebenfalls dort sein.“

Walbas nickte und Meloragh gab ihre Zustimmung.

Also nahm Daral das Schwert wieder in ihre Obhut und schritt entschlossen zum Ausgang des Raumes.

Dann hielt sie plötzlich inne.

„Ich werde so schnell wie möglich die Stadt verlassen, aber meint ihr, ihr könnt noch etwas für den Prinzen tun?“

Sagte sie an Walbas gewandt.

Walbas lächelte

„Wir werde schauen was möglich ist, doch viel Zeit bleibt uns auch nicht mehr, fürchte ich. Aber nun beeilt Euch!“

Als Daral fort war sagte Meloragh:

„Ist sie wirklich die letzte Gorifor?“

Walbas schmunzelte. „Ihr habt das Drachenmahl gesehen denke ich.“

Die Gräfin von Elberak verzog den Mund.

„Wenn ihr ihr vertraut, tue ich es auch, aber es hängt alles davon ab.“

~

Tewiaks Weg führte ihn über den verschmutzten Platz des voll gestopften großen Tempelgeländes und er musste häufig Gruppen von Bewaffneten ausweichen die seinen Weg querten.

Ein Gwohlak15 tauchte plötzlich hinter einem halb zerstörten Haus auf und ein leichter Schauder überkam ihn.

Während er den Tempeleingang erreichte, hatte er nicht zum ersten Mal Zweifel ob Varahm all dies wirklich gut heißen würde.

Die schmale Fensteröffnung warf nur schwaches Tageslicht in das Innere des Heiligtums, worin jedoch viele Feuerschalen unentwegt brannten.

Der starke Geruch von Weihrauch und heiligen Kräutern überlagerte die stickige Luft darin.

Er gelangte an die große Tür zur Halle, zwei Männer in roten Roben standen davor.

Sie hielten gewaltige Hellebarden, welche sie bei seiner Ankunft augenblicklich kreuzten.

Der Paladin fixierte sie mit ärgerlicher Miene.

„Gebt den Weg frei, der Hochpriester erwartet mich.“

Einer der Wächter brummte etwas Unverständliches, dann hoben sie die Waffen wieder an.

Er stieß das Doppelportal auf und stand am Beginn einer gewaltigen Halle.

Die Kuppeldecke wurde von mächtigen Marmorpfeilern getragen und jede Nische schien mit Skulpturen oder Bildern geschmückte.

Die Halle war leer bis auf die Gestalt von Sedrin, dem Hochpriester des Varahm.

Sedrin, dessen große knochige Gestalt und die hohen Wangen eine beindruckende Würde austrahlten, empfing ihn mit ausgebreiteten Armen.

Der Paladin verbeugte sich und musterte dabei verstohlen die Frau an Sedrins Seite.

Es war Ydiare, die Gemahlin von Herzog Elthor und neue Königin.

Sie strahlt eine finstere Schönheit aus und ihre unter dem roten Haar, seltsamerweise grünen Augen blitzten ihn durchdringend an.

Er hatte sie schon einmal gesehen, vor einigen Jahren, doch seine Erinnerung stimmte nicht überein mit der Erschinung, die sie nun bot.

Die gerüchte darüber, sie habe sich völlig verändert, stimmten also.

Als ihre hohe Stimme ihn nun ansprach, zuckte er daher auch ungewollt zusammen.

„Paladin, ihr werdet die Diebin jagen und das heilige Schwert zurück bringen!“

Der Hohenpriester kam nun ebenfalls zur Sache und erläuterte den Auftrag der Königin, obwohl das aus Tewiaks Sicht kaum nötig gewesen wäre.

Nachdem Sedrin fertig war, nickte er daher zur Bestätigung knapp und spürte wie der forschende Blick der Königin dabei auf ihm ruhte.

Doch Sedrin war noch nicht fertig:

„Außerdem wirst du diese verräterische Aposger für Varahm, vor das Gericht des Höchsten aller Götter führen. Enttäusche mich nicht!“

Die Königin nickte mit undurchdringlicher Mine dazu, als sein Blick zu ihr hinüber glitt, dann wandte sie sich plötzlich um und verließ die Halle ohne ein weiteres Wort gesagt zu haben durch ein Seitenportal.

Sedrin lächelte süffisant und sagte:

„Unsere Kirche wird zu neuer Stärke zurück finden mein Sohn, wenn du mit hilfst ihre Feinde zu vernichten.“

Tewiak sah ihm fest in die Augen. Er sah die Angst des Hohenpriesters hinter der Fasade, während ie Königin im Raum war.

Was ging hier vor?

Er nickt dem Höchsten jedoch noch einmal zu und verließ dann selbst die Halle.

Eine Stunde später, nach dem er sich Kraft im Gebet geholt hatte, ging Tewiak gedankenverloren durch den berühmten Gang der Prophezeiungen.

Hier hatten in grauer Vorzeit unbekannte Künstler Abbildungen kommender Ereignisse verewigt, von denen nur wenige entschlüsselt waren.

Seltsame Tiere, Menschen mit sehr ungewöhnlichen Helmen, aus denen Schlangen kamen.

Schiffe ohne Segel und Vögel mit Rädern anstatt Füßen.

Niemand konnte sich vorstellen was die Propheten damit hatten sagen wollen.

Viele Priester hielt dies alles für Ein Irrbild Tokaias, der Göttin der Täuschung und des Todes.

Aber es gab auch Bilder von Gestalten und Dingen die es gab oder einmal gegeben hatte.

Plötzlich blieb Tewiak wie angewurzelt vor dem Bild einer Frau stehen, dass aus einem Tor aus Licht eine Schriftrolle und einen Stab gereicht bekam.

Hinter dem Tor stand eine undefinierbare Gestalt vor einer Art Lebensrad, das sie oder er wie ein Schiffssteuer durch tobende Stürme bewegte.

Dieses Gemälde sollte die Prophezeiung des Aposg darstellen.

Aus den in der Avesta stehenden Textstellen, leiteten die Aposger ihren Irrglauben ab.

Tewiak strich nachdenklich sich über den Bart.

„Wie auch immer, irgendeine göttliche Bedeutung musste die Prophezeiung haben, denn bisher hatten sich viele der Texte in der AVESTA als Abbild der Wahrheit erwiesen und er würde herausfinden, was die Wahrheit war, das hatte er sich geschworen.

Zunächst aber musste er den Auftrag erfüllen.

Sedrin hatte gesagt, dass eine Aposger-Priesterin mit dem jungen Prinzen geflüchtet war.

Man hatte sie in einen Hinterhalt gelockt, doch die dafür angeheuerten Meuchler hatten das Schwert und die bewusstlose Priesterin liegen gelassen.

Als sie ihren Irrtum bemerkten war sie natürlich verschwunden.

Die Königin vermutete, das sie versuchen würde, das Schwert nach Elberak zu Graf Arcad zu bringen, dem jüngeren Bruder Elthors. Er war vermutlich die letzte Hoffnung der Anhänger des alten Königs.

Tewiak lächelte grimmig. Er würde sie vorher einholen.

~

Am Morgen nach der Schlacht war Elthor traumschwer erwacht.

Sein ganzer Kopf hatte doppelte Ausmaße angenommen.

So zumindest war sein Gefühl.

Ein Blick hinaus über die halb zerstörte alte Hauptstadt des Königreiches, hatte seine Kopfschmerzen noch verstärkt.

Nun endgültig hatte er seine Ziele erreicht, war er der neue König.

Doch waren es wirklich seine Ziele?

Ein Frösteln durchlief seinen Körper und er starrte unwillkürlich auf seine Hände.

Aber das Blut, das an diesen klebte konnte man nicht sehen.

Das Blut seiner eigenen Familie.

Sie hatten es nicht anders verdient, flüsterte die Stimme.

Immer hatte er zurückgestanden, war er nur der zweite Sohn gewesen.

Aller Glanz des Reiches war auf Aplazal gefallen.

Er war immer der Stärkere, Geschicktere und Glücklichere gewesen, bis auf jenen Tag vor einer Woche in den Ruinen von Asthric.

Es war ein so süßer Sieg gewesen! Ein Schauer durchlief ihn und nur in seinen Träumen sah er die grausame Wahrheit.

Jedenfalls in jenen Träumen, die sich bruchstückhaft zwischen die fremde Stimme mischten, die ihn drängte, ihm schmeichelte und ihm stetig neue Gedanken einflüsterte.

So lange bis er nicht mehr wusste was richtig und was falsch war, bis er tat was sie wollte nur damit sie schwieg.

Er spürte wie die heiße Wut wieder in ihm aufstieg.

Jene Wut und Raserei, die ihn von Beginn des Krieges an erfasst hatte.

Sie vernebelte ihm den Blick auf die ganze Wahrheit, das wusste er.

Doch es war wie eine Krankheit, er konnte die Traumstimme nicht abschütteln und sie trieb ihn mehr und mehr in den Wahnsinn.

Er öffnete die Türen zur Balustrade ins Freie und schnappte nach Luft.

Von hier konnte er hinab in die Große Halle blicken und sah nun die Edlen des Reiches und in ihrer Mitte Ydiare, sein Weib.

Sie war es, sie war die Stimme in seinem Kopf.

Er wusste es und lächelte doch einfältig, als sie plötzlich zu ihm empor blickte, denn sie wusste um seine Gedanken.

Rasch kehrte er in seine Kammer zurück.

~

In der Versammlung am Nachmittag herrschte gespannte Ruhe, als der neue König mit unsicherem Schritt über die breite Treppe hinab in die Halle stieg.

Auch wenn er das Gefühl hatte noch einmal lange geschlafen zu haben, konnte er sich nicht recht erinnern was seine Träume bestimmt hatte, nur dass es erneut schrecklich war.

Es war jedoch nur noch ein Anflug von Unbehagen, den er aber entschlossen abschüttelte.

Alle Anzeichen der Kämpfe waren hier vollständig beseitigt worden. Man hatte sich bemüht zumindest den Anschein von Normalität zurück zu gewinnen in der gefallenen Königsburg.

Die Kommandeure, Ritter und Günstlinge des ehemaligen Herzogs von Coceon hatten sich versammelt um ihrem neuen König zu huldigen.

Ebenso fanden sich hohe Würdenträger, Beamte und bedeutende Kaufleute der Stadt, manche auch gegen ihren Willen, hier.

Elthor durchschritt das Spalier seiner Günstlinge, begleitet von Hochrufen.

Als er den Thron erreichte, zögerte er einen winzigen Moment, dann ließ er sich fast erleichtert nieder.

Die Farben des Hauses Coceon hingen in seinem Rücken von der Decke herab.

Unsicher fiel sein Blick zur Seite und er sah, das Ydiare da war.

Sie stand hoch erhobenen Hauptes da, eine mächtige Königin und funkelte die Männer und Frauen an, die nun der Reihe nach vor ihn traten und sich seiner, in Wahrheit aber ihrer Herrschaft unterwarfen.

Graf Orfin von Lorhen begleitet von seinem jüngsten etwas fettleibigen Sohn Leon.

Ein wr hingegen hagerer Mann mit Hakennase und er trug die schwarze Rüstung seiner gefürchteten Nordwaldritter.

Einige Drachenpriester, deren finstere Kräfte Elthor in der Schlacht mehrfach bestaunt hatte.

Allerdings wusste er, dass die Varaskonische Kirche diesen, durch die neue Königin nun unterstützten Kult, nur zähneknirschend duldete und sah auch die misstrauischen Blicke der Varahmanen, die neben dem Thronfeuern standen.

Er riss sich aus den Gedanken und blickte dem nächsten Adligen entgegen, der sich dem Thron näherte.

Der See-Baron Delion von Eorkvin, nach ihm dann Jorven Carh Handelsrat aus Ephat-Lyn eine zwiespältige Persönlichkeit, wie er auch als Herzog schon erfahren hatte, immer auf der Seite jener, die den Gewinn abschöpften.

Edarah Rhii die streitlustige Gräfin von Silnis.

Der Magier Heltrog, eine zwielichtige Person, aber Ydiare schien viel von ihm zu halten und Paraghor der König der Nordmänner von Tranoor.

Elthor lächelte, der Herr von Szeleun fürchtete die Macht seines südlichen Nachbarn und hatte sich rasch bereit erklärt den Feldzug zu unterstützen, natürlich auch der Beute wegen.

Um seine rauen Truppen bei Laune zu halten hatte Elthor einige Exzesse in der Stadt zulassen müssen.

Ein muskulöser Trollgear16 trat nun vor ihn.

Alleine sein Körperbau flößte den Umstehenden Respekt ein. Elthor selbst wirkte auch ein wenig verunsichert und doch war Mehrch-Gor, Fürst der Taraik, Clankönig aller Gobon-Trollstämme, sein wichtigster Verbündeter.

Denn durch seinen Einfluss dienten ihm fast alle Dundar des Reiches, ob es Riesen, Bolger oder etwa Froganten waren.

Er war etwas verstimmt, nicht auch Boghoz-kai, den Führer der Tovok-Trolle im Raum zu sehen, er hoffte das es etwas sehr Wichtiges war, das dessen Verspätung rechtfertigte.

Elthor sah fragend zu Ydiare hin, die das selbe zu denken schien, da ihre Stirn in Falten gelegt war.

Plötzlich trat jedoch ein neuer Schatten vor die Feuerschalen.

Pon, Ydiares erster Ritter und Anführer der Drachenpriester löste sich aus der Gruppe der selben.

Auch er beugte das Knie, sah aber nicht Elthor sondern Ydiare dabei mit stechendem Blick an.

Dann sagte er:

„Euer Auftrag ist so gut wie erfüllt Herrin.“

Jene die eigentlich Dionel war, nickte ihm in stillem Einverständnis zu.

Elthor Herz krampfte sich unbewusst zusammen.

Er wollte nicht wissen was dieser unangenehme Kerl damit meinte.

~

Walbas beobachtete getarnt in der Menge der Günstlinge genau was dort vor sich ging.

Was er von den Gerüchten, die in der Stadt kursierten bereits wusste, sah er nun bestätigt.

Ydiare war die wahre Herrin der Invasoren.

Der Herzog war ganz offensichtlich unter ihrem Bann.

Doch wie war das geschehen? Die früher so unscheinbare wirkende zweite Frau des Herzogs schien wie ausgewechselt.

Also stimmte es, was er von Meloragh erfahren hatte, dunklen Mächte waren hier am Werk.

Die Frau war besessen.

Von wem, darauf gaben die um sie schwärmenden Drachenpriester berede Auskunft.

Der Priester sah seine düstersten Befürchtungen bestätigt.

Die Prophezeiung schien sich zu bewarheiten, die schwarzen Drachen waren zurück, dieser eine, der an der Seite der Königin war. Seine Bewegungen, er war fast sicher, war ein Drache in Menschngestalt.

Er machte rasch ein Zeichen der Sühne.

Alles war so, wie es die AVESTA beschrieb, in jenem nur noch in Fragmenten erhaltenem Kapitel, das von der „Anderweltherrin“ sprach die Feuer und Schwert in das Friedenland brachte und das Tor zur Welt der Dämonen öffnete.

Mit trockenem Hals und einem unguten Gefühl im Magen verließ er den Palast, mehr jedoch noch als zuvor überzeugt, das die Aposger nun statt des Gebets, das Schwert ergreifen musste.

~

Dionel trat vom Tisch zurück, wo die Heerführer diskutierten und über der Karte von Arkur stritten.

Sie winkte Pon zu sich heran.

Dieser hatte sich bisher im Hintergrund gehalten, folgte ihrem Ruf aber sofort.

„Gibt es noch mehr Neuigkeiten?“

Flüsterte Dionel mit Ydiares zierlichen Lippen und fügt noch hinzu:

„Du hast also Alnor ausfindig gemacht?“

Pon nickte.

„Der Halur ist schlau, aber er ging uns trotzdem in die Falle und bald werden wir dann auch wissen wohin die Fee unterwegs ist.“

Dionel schmunzelte zufrieden.

„Gut, gut,“ murmelte sie. „So war dieser Krieg hier nicht umsonst. Schicke deine Besten.“

Pon nickte.

„Sie sind bereits unterwegs, er kann uns nicht mehr entkommen, meine Königin.“

Dionel schürzte die Lippen.

„Du solltest dich auch selbst um Sitar kümmern, Drache. Sie darf uns diesmal nicht entkommen.“

Pon nickte erneut und entfernen sich dann rasch.

Die Heerführer hatten ob der kurzen Auseinandersetzung der Königin mit dem scheinbaren Drachenpriester, von deren Inhalt sie jedoch nichts mitbekamen, ihre Unterhaltung unterbrochen und nahmen sie nun wieder auf.

Die Königin schenkte ihnen ein wölfisches Lächeln und trat zurück an ihrem Tisch.

„Last uns fortfahren meine Herren, wir waren dabei das Königreich zu zerschlagen, nicht wahr.“

Sie sah ihre erschrockenen Mienen und lachte.

„Natürlich nur, um ein viel Stärkeres neu zu errichten, ein neues Kaiserreich, wie fändet ihr das?“

Es gab ein zögerliches bis zustimmendes Gemurmel am Tisch.

Gut, dachte sie, nun hatte sie sie am Harken.

___________________________________________________________________________________

1 Uralter Kinderreim der, in Adrohn, Kindern gerne zum Schlaf gesungen wird.
2 Sand von den Gestaden des Scal, ein als magisch geltender Fluss in Andul.
3 Menadir: Genannt „Die Schnelle“ – eines der Sieben. Das Schwert der Munir – bei der Heirat von Meloragh mit Arcad, dem 3. Sohn des Königs Epheal, an das Haus Sherat als Geschenk des Seelenkönigs mit seiner Tochter an den König von Adrohn gegangen.
4 Warage: Südwestliche Grafschaft von Adrohn.
5 Helovar: Wichtige Grenzfeste zwischen den Grafschaften Warage und Karage am Fluss Lovare.
6 Achanai: Bergstadt auf dem Scheitelpunkt des großen Wenkohrpasses, der von Ost-Adrohn nach West-Adrohn führt.
7 Eleur: Kleine Hafenstadt in der Agrehlbucht.
8 Valtraon: Magische Stadt im Sumpfland.
9 Eskorlarn: Großer Gebirgszug im Norden von Arkur.
10 Für die Freundschaft zwischen Elfen und Menschen! Für Adrohn! Für den wahren König!
11 Die Aposger werden auch Pilger des Propheten genannt. Ein blauer Drache ist ihr heiliges Symbol diie „Blauen“ für die Aussöhnung zwischen Drachen und Menschen stehen, so erschien Aposg in Gestalt eines Blauen um seine Prophezeiung zu verkünden. Manche sagen auch Aposg sei nich Varahm sondern eigentlich ein blauer Drache gewesen.
12 Megath: Klippe auf der die Stadt Althear steht, daher früher auch Megathea
13 Hangin: Göttin der „schönen“ Träume und der Liebe.
14 Sendile: Göttin der List und Verschlagenheit.
15 Gwohlak: Ein Bolgerpriester (Bolger sind riesenhafte Humanoiden, die in kleinen Gemeinschaften in den Eskorlaren und in den Stropaden vorkommen. Sie kämpfen gerne als Söldner gegen Gold und sonstige Beute.).
16 Trollgear: Bedeutet in etwa adeliger Troll, Anführer oder Trollprinz.

KAPITEL 8:

ELBERAK

Ein Elfenturm im fremden Land
Ein Licht mir in der Wüste
Wäre ich nicht sichrer im eignen Hain
Um Freunde ich hier wüsste.
1

Die Tür sprang auf und Meloragh trat mit kurzen gedämpften Schritten hinaus auf den Freigang.

Arcad, der Graf von Elberak erhob sich nicht von der schmalen Steinbank, auf welcher er die vergangenen Minuten gedankenverloren verbracht hatte und begrüßte sie nur mit einem schmerzlichen Lächeln.

Die Blauelfe verschränkte die Arme.

„Was ist das für ein Empfang? Hast du dich entschieden, mein Lieber?“

„Schon lange meine Herrin, schon lange.“

Erwiderte der Graf, dabei aber offenbar noch immer im Gedanken.

„Wir hätten damals gemeinsam in die Wälder deines Vaters gehen sollen, dann müssten wir uns heute nicht mit meinem wahnsinnigen Bruder herumschlagen.“

Meloragh lächelte ihrerseits, denn diesen Wunsch hatte sie schon häufiger vernommen.

„Du wärst niemals aus deinem geliebten Elberak fort gegangen.“

Der Graf seufzte. „Ja, ich weiß, aber…“

Er lachte trocken ob ihres nun ernsten Gesichtsausdruckes.

„Also gut, wenn die Lage so schlimm ist wie es den Anschein hat und Elberak tatsächlich die letzte Bastion gegen Elthors Größenwahn ist, dann sollte ich mich meinem Bruder, dem neuen König, wohl besser gleich unterwerfen?“

Er beobachtete Meloraghs Miene, die sich nun merklich verfinsterte.

Doch dann lachte er und sie verzog das Gesicht.

„Du weißt nie wann es wirklich ernst ist!“

Aber trotz ihrer funkelnden Augen wusste er, dass sie es ihm nicht übel nahm.

Allerdings schien sie weniger Geduld mit ihm zu haben als sonst und er schob es auf den anstrengenden Flucht aus Althear, die sie hinter sich hatte.

Er sagte darum nun mit bewußt sanftem Tonfall:

„Nicht doch meine Geliebte Herrin, ich versuche nur dem Ernst der Lage noch etwas Humorvolles abzugewinnen, was ich für einen ganz positiven Charakterzug meinerseits halte.“

Sie holte kurz Luft, dann hellte sich ihr Gesicht wieder auf und sie antwortete:

„Entschuldige Geliebter, unsere Lage bringt es mit sich, dass ich manchmal am Ende meiner Geduld bin.“

Sie strich ihm nun jedoch sanft mit der Hand über die linke Wange und berührte dann sein Haar mit einm Kuß.

Es war das zärtliche Friedensangebot einer Munir und Elthor war froh sie wieder in seiner Nähe zu wissen.

Er seufzte.

„Du hast Recht, leider ist die Lage nicht zum Lachen, im Gegenteil. Das Königreich meines Vaters fällt in Schutt und Asche, mein Bruder zugleich Mörder meines anderen Bruders und Königs sitzt nun auf dem Thron dieses Königreiches und trachtet auch mir nach dem Leben.“

Er schaubte.

„Die Liste der schrecklichen Nachrichten ist mir bekannt, du brauchst sie nicht wiederholen.“

Sie nickte undr beugte sich über die Steinreling und warf einen Blick über die Mauern der Festung zur Stadt hinab.

Er blickte sie herausfordernd an.

„Ich denke schon die ganze Zeit darüber nach, aber was erwartest du, was erwartet Adrohn das ich tue?“

Bevor sie die Frage beantworten konnte fuhr er fort:

„Ich stehe allein da, soll ich mit meiner Hand voll Rittern, nach Althear reiten und meinen Bruder des Mordes anklagen und zum Verzicht auf den Thron auffordern? Während rund um Elberak sich ihm alles unterwirft?“

Er lachte trocken.

„Oder glaubst du er wäre tatsächlich zu einem Zweikampf um den Thron bereit?,“ fügte er spöttisch hinzu.

Meloragh schüttelte den Kopf.

„Nun, er hält dich auf jeden Fall für eine Gefahr, sonst würde er nicht einen Teil seines Heeres gegen dich schicken.“

Arcad verzog das Gesicht.

„Er will einen potentiellen Rivalen ausschalten, mehr nicht.“

„Ja, dann ist es doch um so wichtiger, das wir so lange wie möglich standhaft bleiben, auch als Zeichen für unsere Verbündeten.“

„Welche Verbündeten?,“ erwiderte Arcad mit hochgezogenen Augenbrauen.

Meloragh schnaubte.

„Die Elfen von Fejan, mein Orden und die Sentir..“

Arcad blickte sie an, dann nickte er zögernd.

„Du weißt selbst, es sind nicht genug die wirklich an unserer Seite stehen. Die Elfen sind wie du sagtst schon mit Elarell geritten und alle gefallen. Sie werden also nun eher ihre Wunden lecken als uns beizustehen.“

Meloragh wollte protestieren, doch er hob die Hand um ihr zu bedeuten, sie solle schweigen.

Dein Orden ist ein Haufen von Einzelgängern, ich bin mir nicht mal sicher ob sie alle sich, wenn es darauf ankommt, auf unsere Seite schlagen würden. Die Magie der Feenkönigin wird sie vielleicht stärker locken.“

Er lächelte grimmig.

„Die Sentir sind nicht mehr als eine Ritterschaft, die der Vergangenheit anhängt, auch auf sie können wir nicht wirklich setzten.“

„Zudem stellt sich die Frage, wie lange können wir gegen diese Übermacht standhalten? Du kennst die Gerüchte um Drachen. Es wäre niemals genug Zeit auch für verlässliche Verbündete uns rechtzeitig beizustehen.“

„Verflucht! Rief Meloragh

„Die Festung Elberak wurde noch nie eingenommen.“

„So gibt es immer ein erstes Mal,“ antwortete er.

„Und davor steht noch der Fall von Helovar und das bedeutet vermutlich, der Tod unserer Tochter, willst du das wirklich?“

Sie schwieg und er blickte sie durchdringend an.

Dann schüttelte Melorgah langsam den Kopf und sagte:

„Ich glaube trotzdem daran, dass es Hoffnung gibt, all dies zu verhindern! Ich habe dir doch von der Gorifor erzählt.“

Arcad befühlte seinen schmalen Kinnbart.

„Nun gut, eine Drachentöterin. Eine! Und dazu noch eine sehr junge.“

Seine Miene drückte den unmissverständlichen Zweifel aus.

„Du hoffst das es Hoffnung gibt, doch sag mir worauf sich dieser Glauben wirklich begründen könnte?“

„Wir dürfen den Mut nicht verlieren“, flüsterte sie.

Er blickte sie lange ernst an, dann nickte er ebenfalls.

„Du selbst bist die Hoffnung, die uns bleibt und diese Hoffnung ist stark.“

Sie antwortete nichts darauf.

Er richtete sich von der brüstung auf und fügte hinzu:

Sag mir was in Althear mit den anderen Mitgliedern meiner Familie geschehen ist? Soweit ich dich verstanden habe, wissen wir nicht einmal genau ob Sorl gefangen wurde oder ob er schon tot ist und das Gleiche gilt für Elarell und die Zwillinge.“

Einen Moment erkannte sie erneut wie ein finsteren Schleier über seinen Gesicht zog, als er sagte:

„Nur, dass meine Mutter tot ist, scheint sicher zu sein.“

„Wieso hast du das Schwert welches du meinem Vater damals als Brautgeschenk gabst nicht mit nach hier gebracht?“

„Ich wusste nicht ob mir die Flucht wirklich gelingen würde und denk doch, eine Gorifor, die Prophezeiung und das Schwert.“ Antwortete sie.

„Außerdem vertraue ich Walbas Urteil und denke auch wir müssen tun, was Elthor und Dionel am wenigsten erwarten würden.“

Arcad nickte.

Sie schwieg einen Augenblick, dann fuhr sie fort:

„Ich weiß, Du bist genau wie ich letztlich entschlossen zu kämpfen. Auch Du bist selbst die Hoffnung für dein Volk.“

Er schüttelte den Kopf.

„Vielleicht bin ich das, aber ob dein Plan aufgeht, erscheint mir sehr zweifelhaft.“

Sie stöhnte, dann sagte sie:

„Immerhin sind die Zwillinge, wenn es ihnen gelungen ist, an einem vorläufig sicheren Ort, den ich nicht einmal dir verraten darf.“

Er lächelte.

„Du hattest viel vertrauen in die Aposger. Was sagen deine Elfengötter dazu?“

Meloragh brummte:.

„Ihre Freiheit ist ebenso bedroht wie unsere, denn Elthor seinerseits hat die Diener des uralten Drachengottes zurück in diese Welt gerufen. Ebenso wie es in den Gesängen der Bäume und in Eurer Avesta prophezeit wurde.“

Er zuckte mit den Schultern. „Wir haben wohl zur Zeit auch keine große Wahl mit wem wir uns verbünden, da nehme ich auch ein paar alte Götter, sollten sie vorbeischauen.“

Sagte er und sein Blick wanderte über die Stadt hinaus zu den prächtigen Baumwipfeln, die Elberak auf allen Seiten umgaben.

Noch hatte die Stadt auf dem Berg, ihre berühmte Schönheit bewahrt, dachte er, weswegen die Elfen sie einst Sykaia jal Elberak, „Schöner Elfenberg“, nannten. Doch schon konnte man in den vergangenen Tagen und Wochen nach Norden hin, wenn klare Sicht herrschte, beängstigende dunkle Rauchwolken über der sich an den Wald anschließenden Ebene von Warage ausmachen.

Dort lag der Fluss Lovare, die natürliche Grenze der Grafschaft und dort standen die Grenztruppen Elberaks unter der Führung von Arcads ältester Tochter Tanystra, in der Festung Helovar gegen eine von Norden herannahende gewaltige Übermacht.

„Morgen werde ich mit meinen Rittern nach Helovar reiten,“ sagte er nun mit entschiedener Stimme.

Meloragh nickte. „Das solltest du tun.“

Dann stieß sie ihn sanft in die Rippen und wies auf die Torstraße hinab, wo nun ein einzelner Reiter in gestecktem Galopp zur Burg hoch ritt.

„Das ist der Bote,“ sagte Arcad und kniff die Augen zusammen, „er kommt von Tanystra.“

Er fluchte.

„Bei Vahram, die Schlacht hat also bereits begonnen.“

~

Als sie den Ratssaal der Burg Elberak betraten, waren alle wichtigen Personen der Grafschaft schon anwesend.

Arcad schaute in die besorgten Gesichter und fragte sich, wie lange sie zu ihm halten würden und ob nicht schon viele von ihnen damit liebäugelten, sich dem neuen König anzuschließen.

Vielleicht spinnen einige bereits Intrigen gegen mich, dachte er.

Cloestin, Priester der varaskonischen Kirche und Mitglied im Rat des Grafen, geleitete den Boten gerade in den Saal.

Als dieser den Grafenthron erreichte, verneigte er sich knapp und wirkte sichtbar aufgewühlt.

Arcad gab ihm das Zeichen zu sprechen.

„Mein Fürst ich bringe Euch neue Kunde aus Helovar.“

Der Graf nickte ungeduldig.

„Das hoffen wir, so sprecht.“

Meloragh stand hinter ihm und bemerkte den Kloß in ihrem Hals und schluckte ihn lautlos hinunter.

Arcad hatte es trotzdem bemerkt warf ihr einen kurzen Blick zu, dann sagte er zu dem etwas untersetzten Soldaten, den er als zuverlässigen Ritter seiner Tochter und unter dem Namen Dettrin von Javel kannte.

„Hat der Angriff begonnen?“

Dettrin holte kurz Luft und sagte dann:

„Die Truppen Elthors rückten schneller vor als erwartet Herr. Wir sind in Helovar fast eingeschlossen. Ich soll Euch ausrichten, wenn wir nicht bald mit Verstärkung aus Elberak rechnen können, werden wir wohl in nur wenigen Tagen überrannt werden.“

Ein Gemurmel setzte ein im Saal, in dem sich unterdessen weitere Edle und Würdenträger Elberaks eingefunden hatten und Arcad hörte Stimmen die gar nicht so leise flüsterten, das man sich dem neuen König unterwerfen solle, das es zwecklos sei zu kämpfen, das sie alle sterben würden.

Er tauschte kurz einen weiteren Blick mit Meloragh.

Sein Volk war im gleichen Zwiespalt, wie sie selbst.

Dann hob er die Hand, und gebot Ruhe im Saal.

Cloestin in der vordersten Reihe stieß zu seiner Unterstützung seinen Priesterstab laut auf den Marmorfußboden. Langsam erstarben die Gespräche.

„Gebt uns einen genaueren Bericht.“

Sagte Arcad nun wieder zu Dettrin gewandt.

Dieser nickte, ein schmaler Bart umrahmte sein etwas vom Wetter gegerbte Gesicht und er blinzelte bevor er begann:

„Die Truppen des Verräters, Baron Eloi von Sorwin lagern bereits seit zwei Wochen am anderen Seeufer und schleudern Feuergeschosse gegen unsere Mauern. Vor drei Tagen trafen schwarze Ritter aus Eorkvin bei ihnen ein, sie sind nun schon ungefähr dreimal so viele wie wir und gestern bevor ich los ritt brachten die Kundschafter zudem Nachricht von einem abgespaltenen Teil von Elthors Hauptheer, das aus Osten, von Achanai herunter zu uns unterwegs sei. Es soll ein gewaltige Truppe von zweitausend Coceon-Rittern, fünftausend Trollen, Ogern und Riesen sein unter der Führung eines dieser verfluchten Drachenpriester.“

Meloragh stieß ein betroffenes Schnauben aus und ergriff das Wort:

„Auch wenn die Zahlen sicher übertrieben sind, hört sich das nicht gut an. Wurden auch Drachen selbst gesichtet, Hauptmann gibt es irgendeinen Hinweis, das die Gerüchte stimmen?“

Dettrin nickte und fuhr fort:

„Gerüchte, Meine Herrin eilen ihnen ohnehin voraus, doch die Kundschafter sind sich nicht sicher. Vielleicht verbergen sie sich noch bewußt vor uns.“

Cloestin mischte sich nun ein:

Die Rede ist bisher nur von kleinen, aber die Drachenpriester selbst können Drachengestalt annehmen wie wir aus den alten Schriften wissen, und sie üben so Macht über die Dundar, die Bolger und die Sdarcs aus.“

Seine Stimme nahm bei diesen Worten einen leicht hysterischen Tonfall an und Arcad warf ihm daher einen ärgerlichen Blick zu.

Die Worte verfehlten ihre Wirkum nämlich keinesfalls.

Ein angstvolles Gemurmel erhob sich in der Halle.

Der Graf seufzte.

Als sich die Stimmen wieder gelegt hatten sagte er:

„Ich denke das wird wohl allen hier vor Augen führen,“ seine Stimme übertönte nun die Stille kraftvoll, „dass mein Bruder längst nicht mehr die Kontrolle über all das hat, wenn er sie je hatte.“

Niemand wiedersprach.

Der Graf blickte in die angespannten Gesichter und spürte das ihr Furcht größer war als ihr Mut, wie er es auch zweifellos selbst empfand.

Er machte einige Schritte nach vorne und breitete die Arme aus um seine Verbundenheit mit ihnen zu demonstrieren.

Dann sagte er:

„Hier sind fremde Mächte im Spiel, hdaher geht es nicht nur um einen Bruderstreit. Wir können uns daher nicht einfach ergeben und auf Frieden hoffen. Denn dieser Feind wird kennt keine Gnade kennen. Es geht ihm nicht nur um die Krone diese Königreiches. Wenn die Drachen tatsächlich mit ihm zurückkehren, kämpfen wir alle um unser Überleben!“

Er musterte scharf die Edlen in der vordersten Reihe.

“Meine getreuen Ritter, ihr wisst, ich habe mich nicht um diese Rolle gerissen. Doch soll ich etwa mit ansehen, wie Elthor durch seine Blindheit oder Bessenheit oder was auch immer, seine und meine Familie auslöscht und unser ganzes Volk gleich mit? Noch wissen wir nicht was ihn wirklich beherrscht oder antreibt, dies alles zu tun, doch ich weiß, ich…“

Er stockte, „…Wir müssen versuchen ihn mit allen Mitteln aufzuhalten!“

Er holte noch einmal Luft.

„Ich weiß auch dass ihr zweifelt, ich weiß dass ihr euch fürchtet. Aber wir haben keine Wahl, wenn wir uns nicht selbst dem Tod ausliefern wollen. Wir müssen uns jetzt entscheiden!“

Er ließ die Worte einen Moment im Raum stehen und die Stille wirkte beinah so erdrückend auf ihn, das er die folgenden Worte nur mit großer Anstrengung ausprechen konnte:

„Ich habe mich entschieden zu kämpfen, werdet ihr mir folgen?“

Die Menge murmelte Zustimmung, aber als er fortfahren wollte trat Cloestin plötzlich vor und sagte:

„Sollten nicht die Götter entscheiden, was der richtige Weg ist Herr?“

Arcad blickte ihn etwas irritiert an und wollte antworten, doch Meloragh hielt ihn am Arm zurück und kam ihm zuvor:

„Sicher habt Ihr den Göttern geopfert in den letzten Tagen,“ wandte sie sich an den Priester.

Cloestin nickte eifrig.

„Und was sagen sie Euch?“

„Sie sind seltsam unklar,“ gestand der Varahm-Priester.

„Tokaia spricht von zerbrochener Macht, die zu finden sei. Tanjl mit ihren dreizehn Köpfen von einer schwierigen Reise, möglicherweise ohne Wiederkehr und zuletzt und das ist am beunruhigendsten, kündet Velias Traumspiegel von falschem Spiel ihrer Kinder.

Cloestin lächelte und Meloragh spürte wie ein Frösteln sie durchlief, nicht so sehr wegen der angeblichen Prophezeiungen.

Mehr wegen der Augen des Priesters, sie waren hart.

Ein erneutes Raunen lief jedoch durch die Menge nach dieser Verkündung des Priesters.

Arcads Blick verfinsterte sich.

„Was ihr da sagt scheint mir mehr Klarheit zu haben, als ihr glaubt.“

Das dachte Meloragh auch, aber sie erkannte im selben Moment, dass Cloestin wohl die wahren Götterbotschaften genannt hatte, sie aber ganz anders auslegte.

Sie wusste, dass Cloestin, wie die meisten Vahramanen, Elfen und andere Halbmenschen nicht mochte, er stand auch ihr daher immer sehr kühl gegenüber, darum sagte sie nun:

„Ihr seit sehr offen Priester und es scheint so als habt ihr die Schuldigen an unserer Lage bereits erfasst, sehe ich das richtig?“

Der Graf nickte und sah dann den Vahramanen streng an.

Meloragh sah wie hinter der Stirn des Gottesmannes nur für einen ganz kurzen Moment ein Widerstreit tobte, dann lächelte er und trat vor.

Dicht vor der Menge stehend hob er seinen Stab mit Vahrams Wolkensymbol an der Spitze, zu einer dramatischen Geste über den Kopf.

„Ich lese daraus, dass große Schrecken dem Land drohen und das darum alle Diener des Varahm sich vereinen müssen um sich gegen jene zu stellen. die sie jetzt und schon immer verderben wollen.“

Er stieß den Stab, wie schon einmal zuvor, auf den Hallenboden und diesmal züngelte blau leuchtende Flamme aus ihm heraus.

Seine Gestalt wirkte im Licht der Flamme irgendwie größer und Respekt einflößend.

Die Menge wich mit einem Aufschrei vor ihm zurück.

Die übliche Effekthascherei, dachte Meloragh und sie glaubte die zweideutigkeit seiner Worte zu durchschauen, doch sprachen diese Menschenpriester nicht immer in Rätseln?

Cloestin rief nun mit imme rlauterer Stimme:

„Die Götter werden auf der Seite derer sein, die Graf Arcad folgen! Es ist unser heilige Pflicht!“

Erneut ging ein Gemurmel der Zustimmung durch die Reihen, das sich steigerte und sich schließlich in einhelligem Beifall und wie es schien übermütiger Entschlossenheit Bahn brach.

Ein Ritter nach dem anderen versprach nun Arcad lautstark seine Unterstützung und Gefolgschaft in diesem Krieg.

Der Graf nahm es zur Kenntnis und reichte Cloestin die Hand, der ein zufriedenes Gesicht machte.

„Ich danke euch Priester.“

Cloestin nickte, doch als der Graf sich wieder der Menge zu wandte huschte ein wie Meloragh fand, listiger Ausdruck über sein Gesicht.

Ich traue ihm nicht, dachte Meloragh, doch ich kann es nicht genau sagen warum, eigentlich habe ich ihm ja nie getraut. Doch diesmal ist das Gefühl stärker.

Sie schüttelte den Kopf.

Vielleicht sehe ich auch nur Gespenster, meine Nerven liegen natürlich bloß, dachte sie.

~

Schon drei Stunden später stand der Aufbruch der Ritter Elberaks bevor.

Sofort nach der Versammlung hatte Arcad seine Boten nach Gasfrogan, Zacynos der wie er hoffte noch freien, großen Hafenstadt im Süden, nach Thiernir wo der Nordgraf Bent residierte, der immer ein erklärter Freund Aplazals gewesen war und in viele weitere Städte Arkurs, wo man noch Verbündete vermutete, geschickt.

Vor allem hoffte er das sie auch die Anführer der Sentir ausfindig machen konnten.

Auch eine, in einen schwarzen Umhang gehüllte, elfische Frauengestalt ritt im Schutz der späten Regenwolken des Tages im Galopp Richtung Osten.

Arcad und Meloragh hatten sich schweren Herzens wieder getrennt.

Doch jeder von ihnen, so hatte die Blauelfe schwermütig beim Abschied gedacht, hatte seine Aufgabe zu erfüllen.

Die Phalanx der Ritter zog schweigend an der zahlreich erschienen Volk vorüber.

Viele Gesichter sowohl der Kämpfer als auch der Zuschauer waren hier Chai, wie man in Elberak die Halbelfen auch nannte. Die Stadt am Westrand des Königreiches lag praktisch direkt vor den Toren des „großen Waldes“, seit Jahrhunderten hatten sich hier Menschen und Elfen vermischt.

Arcad ritt, die silberne Rüstung unter einem grauen Mantel nur unzureichend verborgen, in Begleitung Cloestins und Dettrins an der Spitze.

Am Stadttor schlugen die Mitglieder der Volksgarde die Kriegstrommeln, aber gerade als der Graf unter dem Nordtor hindurch reiten wollte, drängte sich plötzlich eine flinke, schlaksige elfisch wirkende Gestalt durch die Reihen am Straßenrand.

Die überraschten Ritter im Tross versuchten vergeblich sie daran zu hindern, doch der Kerl wich ihrem Zugriff geschickt aus und erreichte so den Graf.

Hier zog er blitzschnell ein kurzes Rohr hervor, richtete es auf den Fürsten und bließ hinein.

Arcad schrie im Augenblick auf und fasste sich an den Hals, sein Pferd stieg erschrocken empor und während er versuchte es zu bändigen, sirrte ein zweiter Pfeifen durch die Luft. Arcad stöhnte auf und kippte von seinem Pferd in die hinter ihm laufenden Fußkämpfer.

Sofort brach im Tross und in der Zuschauermenge ein Tumult los in dem der Meuchler mit Leichtigkeit entkam.

Eine Stunde zuvor…

Arcad eilte schnellen Schrittes durch den Kreuzgang des hinteren Gartens zielstrebig in Richtung den Vogl- Volairen.

Hinter dem Gärtnerhaus bog er durch das Prinzentor in den Falkenwald ab.

Die uralten Statuen der dreizehn Glücksgöttinnen säumten hier einen Weg aus weißen Kieselsteinen.

Die friedliche Stimmung im Park hätte den Grafen unter anderen Umständen wie immer verzaubert, doch jetzt war sein Blick gehetzt und er strebte raschen Schrittes zum Rosenbrunnen, so das die sonst so zutraulichen Baumspringer erschrocken über dei Äste flohen.

Als er endlich den Rosengarten erreichte, erkannte er am Beckenrand des Brunnens die, in einen weiten Umhang gehüllte, schlanke Gestalt seiner jüngsten Tochter Sorenn.

Die jetzt im kalten Herbst kalen Wildrosenstöcke, einst ein Geschenk des Elfenkönigs Nerafin an seinen Vorfahren Frahnt von Elberak, vor über zweihundert Jahren, umrankten eine große mit Kwendar-Runen bedeckte Säule.

Auf diesem Bereich lag, wie er wusste, ein mächtiger Schutzzauber, der das Herz von Elberak vor dunkler Magie schützte und somit auch magische Lauscher fernhalten würde.

Wasser sprudelte aus steinernen Zisternen in ein, die Säule umrundendes, Steinbecken.

Sorenn, die ihm bisher den Rücken zugekehrt hatte, wandte sich um, als sie ihn nahen hörte.

„Sie ist fort Vater.“

Arcad blickte in ihr junges halbelfisches Gesicht, das ihrer Mutter so ähnlich sah.

„Ich weiß, wir haben entschieden, dass sie sich um deine Cousinen kümmern soll.“

Sorenn nickte.

„Sie sagte mir noch, dass sie den Absichten Cloestins misstraut und du darum vor ihm auf der Hut sein sollst.“

Arcad verzog die Lippen.

„Er war mir bisher ein nützlicher Berater. Selbst gestern in der Versammlung noch. Hat sie gesagt, was sie so beunruhigt an ihm?“

Sorenn nickte wieder.

„Sie weiß, dass er uns Halbblüter nicht liebt.“

Arcad nickte und betrachtete eine verwelcktes Rosenblatt.

„Morgen werden wir aufbrechen und unser aller Schicksal ist ohnehin ungewiss. Was sollte Cloestin von einem Verrat haben?“

Er sah das jetzt Tränen in ihren Augen standen und in diesem Moment lehnte sie den Kopf gegen seine Brust und lies diesen ihren Lauf.

„Die Stadt ist voller schrecklicher Gerüchte und es liegt eine dunkle Ahnung in der Luft. Das spüren besonders wir Chai. Die Drachen Vater, ich habe Angst.“

„Ich weiß.“ Sagte er und streichelte ihr Haar.

Da richtete sie sich plötzlich auf.

„Vater!“

Ihre Augen funkelten ihn an und er schüttelte den Kopf.

„Du übertreibst meine Liebe, es herrschte große Einigkeit heute im Rittersaal unter Chai und Menschen.“

Sorenn musterte ihren Vater lange, dann sagte sie.

„Ich habe trotzdem große Angst, was passiert wenn du fort bist oder…“ sie stockte. „…sogar im Kampf sterben solltest.“

„Sag so etwas nicht,“ murmelte er.

„Aber falls es passiert, wird deine Mutter sich um dich und Silera kümmern.“

Sorenn stand hastig auf.

„Aber ab morgen seit ihr beide fort!“

Er schritt zu ihr hin und legte nun den Arm um sie.

„Wenn es zum Schlimmsten kommt und du hast recht, die Gefahren sind in dieser Zeit nicht klein zu reden, dann solltest du versuchen nach Valtraon zu gelangen, zu Sul’rir dem Freund deiner Mutter, dort bist du sicher.“

Sorenn nickte langsam und Arcad nahm ihr Kinn in die Hand, das sie ihn ansehen musste.

„Auch Fejan, wäre eine Möglichkeit, aber du weißt auch nicht alle Elfen lieben die Chai.“

Er machte ein Pause in der sie ihn mit ihren graugrünen Katzenaugen erwartungsvoll anblickte.

„Vertraue in der Stadt nur Tunum, er ist ein Ordensbruder Sul’rirs, er wird dich und deine Schwester sicher in die Stadt der Wunderwirker bringen. Er wird wenn ich fort bin auf euch achten.“

Er streichelte schließlich über ihre linke Wange und ihr Haar und räusperte sich.

„Ich vertraue auf die Götter, dass dies nicht nötig sein wird.“

Sorenn nickte ernst sagte dann aber:

„Warum hast du nur mich hierher bestellte Vater und nicht auch Silera?“

Arcad schwieg einen Moment, dann sagte er:

„Ich habe auch schon mit ihr gesprochen, aber es gibt noch etwas, das ich dir alleine mitteilen muss und nur dir, für den Fall meines Todes.“

Sie schluckte, sagte aber nichts.

„Du trägst das Zeichen der Ulil auf der Haut, wie auch Deine Mutter.“

Sie nickte und fasste sich unwillkürlich an den linken Arm.

„Sie hat dir nie verraten was es wirklich bedeutet vermute ich?“

Sorenn rieb sich unwillkürlich die Stelle.

„Sie hat mir immer gesagt, es sei das Zeichen ihres Hauses, als Edle der Blauelfen.“

„Nein,“ Sagt er mit fester Stimme.

„Es ist ein Zeichen der Götter. Es weißt dich aus, als Trägerin des Drachenschwertes der Munir.“

„Aber,“ stammelte sie, „ich bin keine reine Blauelfe.“

Arcad nickte stumm, „das scheint die Götter nicht zu stören.“

„Das Schwert des Volkes deiner Mutter ist Menadir. Aplazahl trug es, aber es ist in Wahrheit das Erbe deiner Mutter. Als sie meine Gemahlin wurde, brachte sie es hierher und schenkte es meinem Vater als Brautgabe.“

„Niemand konnte damals wissen, das die Schwerte wieder eine solche Bedeutung bekommen würden. Man betrachtete sie als nicht mehr wie edle Sammlerstücke.“

Er machte eine kurze Pause, denn er sah wie sie mit den Neuigkeiten, die sie eben erfahren hatte, rang.“

„Deine Mutter konnte es vor wenigen Tagen in Althear retten und es ist in sicheren Händen, wie wir hoffen.“

Sorenn sah ihn wie benommen an.

„Nie hätte ich gedacht, das ich selbst Teil der alten Legenden werden könnte, die Du uns einst erzählt hast.“

Arcad lächelte.

„Du bist die Schwertträgerin der Munir, wenn Deine Mutter nicht mehr sein sollte. Es ist wichtig, dass Du das weißt.“

Er lächelte noch offener um sie auf zu muntern.

„Aber mach dir keine Sorgen, ich werde in einer Woche zurück sein, du kennst die Stärke der Ritter von Elberak, mit ein paar Drachen, werden wir doch spielend fertig.“

Er machte eine übertriebene kämpferische Grimasse, mit der er sie immer zum Lachen bringen konnte.

Doch dieses Mal ließ sie sich nur ein schwaches Schmunzeln entlocken, zu sehr wirbelten die Gedanken in ihrem Kopf durcheinander.

Zur selben Zeit…

Cloestin kniete vor der Statue.

Sein Gesicht war vor Anstrengung verzerrt und Tränen der Erschöpfung nässten den Stoff seiner kostbaren Robe.

Die alten grauen Haare klebten zerzaust an seinem Kopf und sein Mund formte unablässig Dankgebete zu Ehren Tokaias.

Plötzlich hörte man die widerhallenden unregelmäßigen Schritte einer Person die, die Halle der Götter eilig durchquerte.

Langsam wandte der Priester sich um. „Wen hatten die Schutzgeister dort passieren lassen?“

Dann erkannte er die Gestalt an ihrem ganz leicht hinkenden Gang.

Cloestin stand auf und blickte dem Ankömmling streng entgegen.

Bevor dieser noch etwas sagen konnte, rief er ihm zu:

„Ist alles vorbereitet Jorlof?“

Der so angesprochene nickte während er den Altar erreichte.

Der Mann, in einer verschlißenen Waldläuferkluft wirkte trotz seines offensichtlichen körperlichen Gebrechens sehr drahtig.

Auf dem Kopf trug er eine Elfenhaarmütze und um den Hals eine Kette aus Trollzähnen.

„Sobald der Graf tot ist und das Heer die Stadt verlassen hat, werdet ihr mit Euren Leuten an allen Stellen gleichzeitig zuschlagen.“

Der Waldläufer nickte und Cloestin lächelte ihn zufrieden an. „Hah, dann wird diese Elfenbrut nichts mehr zu lachen haben.“

Mit finsterer Miene sprach er weiter:

„Tötet so viele ihr könnt und die kleine Herrin Sorenn, dieses Bastardkind, übernehme ich persönlich.“

Er wandte sich zurück zum Altar und griff nach einem Tonkrug der darauf stand.

Wieder zu Jorlof umgewandt, reichte er ihm diesen mit den Worten:

„Trink das und gib es auch all deinen Männern, es ist von der Göttin gesegnetes Chimärenblut, es wird euch immun machen gegen die verteufelte Elfenmagie.“

Ein überraschter Ausdruck legte sich über das Gesicht des anderen Mannes.

„Das ist eine gute Sache Herr.“

Brachte er mit kehliger Stimme hervor und nahm den Krug voller Ehrfurcht an.

„Nun wird uns nichts mehr aufhalten.“

Cloestin nickte.

„Hast du auch die Häscher hinter den Boten hergeschickt, wie ich es dir angewiesen hatte?“

Jorlof nickte seinerseits.

„Ja, sofort nach ihnen und einen ganzen Trupp hinter der Gräfin her, sie werden sie schon erledigt haben.“

Cloestin klopfte ihm zufrieden auf die Schulter.

„Gut mein Bester, dann geht und trefft die letzten Vorbereitungen.

~

Der Schock und die Trauer dauerte einen ganzen Tag, die Ritter und die Priester saßen vor der aufgebahrten Leiche des Grafen und vor der Stadt hatte das Heer ein provisorisches Lager aufgeschlagen.

Alle saßen sie schweigend und wie erstarrt um ihre zu Pyramiden gestellten Waffen.

Der Meuchler war in der Menge verschwunden und auch bis zum nächsten Tag war die Suche noch vergeblich geblieben.

Doch ging bereits das Gerücht um, es sei ein Elf oder Halbelf gewesen.

Cloestin spendete Trost und überredete Baron Elkjal, den Anführer der Grafengarde schließlich, dass es nun, wo auch die Gräfin fort war, seine Pflicht sei und Arcads Wille gewesen wäre, dass er an seiner statt die Truppen zum Loware führte um Prinzessin Tanystra, zu unterstützen.

Cloestin musste ihn nicht lange überzeugte, da er es selbst zu gut wusste, dass jede weitere Stunde Trauer hier, Tanystras Verderben sein würde und auch der Untergang Elberaks.

Cloestin versprach dafür selbst die Stadt zu verwalten.

Er versicherte auch die Mörder des Grafen zu finden und zur Verantwortung zu ziehen.

Elkjal hielt also am Nachmittag des Tages eine kurze Ansprache an das Heer und dann gab er den Befehl zum Aufbruch. Nur eine kleine Besatzung zum Schutz der Grafenmamilie unter dem Befehl eines unerfahrenen jungen Ritters, ließ er zurück.

Der Prister stand auf den Zinnen der Stadtmauer und beobachtete zufrieden lächelnd den stummen Abzug des Ritter bis es außer Sicht kam, dann wandte er sich langsam zu seiner Stadt um.

Endlich waren sie fort, dachte er.

Er rief einen Diener zu sich heran und gab ihm das verabredete Zeichen.

In den folgenden Stunden rollten die Köpfe der verbliebenen Grafenrarde.

~

Meloragh trieb ihr Pferd den ersten Tag zur wilden Eile an, sie ritt über die südliche Steppe in Richtung Eleur und bog dann nach Norden ab um am Rand des Agrehl-Waldes entlang auf das Gebirge zuzuhalten.

Sie hatte die Verfolger schon früh bemerkt und ritt nun scharf in den Wald um sich abweichend vom Pfad zu verbergen.

Lautlos wartete sie auf ihrem schnellen Elfenhengst, der ihren Anweisungen aufs Wort folgte.

Was hatte das zu bedeuten?

Gab es Verrat in Elberak, wie sie es befürchtet hatte?

Ihr Magen krampfte sich zusammen bei diesem Gedanken.

Aber sie konnte jetzt nicht umkehren.

Torgast benötigte ihre Hilfe um die die Prinzessas von Adron weiter in Sicherheit zu bringen.

Schon sprengten die Häscher vorüber ohne ihre Spur zu entdecken.

Das waren Cloestins Leute, hatte sie sich also nicht getäuscht.

Ein Fluch verließ flüsternd ihre Lippen.

Sie wartete noch eine kurze Zeit, dann ritt sie zurück zum Pfad der sich hier gabelte und nahm den entgegengesetzten Weg direkt nach Süden, der später am Tostian-See entlang führen würde, auf die Stadt Eleuer zu.

Sie wusste, dass die Verfolger vermutlich rasch umkehren würden, wenn sie den von ihr magisch vorausgeschickten Spurwind verloren, aber sie vertraute auf die Schnelligkeit ihres Pferdes.

Mit der Mittagssonne tauchte der Tostian-See vor ihr auf, sie zügelte das Pferd und warf einen strengen Blick auf die lieblichen Hänge rund um den See.

Dort lag das Dorf Zull noch in Frieden als sie das letzte Mal hierher gekommen war und die Zwillinge vor sich auf dem Sattel sitzen hatte.

Sie hatte Torgast nach ihrer Fluch aus Althear rasch eingeholt und ihm, mit dem Rest ihrer Ritter, für die Zeit ihres Abstechers nach Elberak, bis zu ihrer Rückkehr Angweisungen gegeben, sich hier zu verbergen.

Doch jetzt, sah sie zu ihrem Leidwesen unnatürlichen Rauch von den Dächern der Häuser aufsteigen.

Sie trieb den Hengst energischer an und ritt in großer Eile den schmalen Pfad ins Tal.

Als sie das Dorf erreicht hatte, tänzelte sie in Angriffsbereitschaft mit gezogenem Schwert auf ihm, über den Versammlungsplatz des Dorfes.

Die Häuser wahren, wie sie zu ihrem Entsetzen erkannte, schwarz verbrannte und überall stank es bestialisch.

Sie biß sich auf die Lippen und hoffte innig, das es Torgast gelungen war die Zwillinge in Sicherheit zu bringen.

Da hörte sie plötzlich ein Geräusch und sie sah wie zwischen zwei Häusern einige finstere Schatten auftauchten.

Es waren Trolle, vermutlich jene, die das Dorf überfallen hatten.

Als sie nun ihrerseits die Blauelfe gesichtet hatten, hoben sie sofort ihre zweischneidigen Äxte zum Kampf und stürmten mit wildem Geschrei auf sie zu.

„Verfluchte Höllenbrut!“

Rief sie und ließ ihren Hengst empor steigen, dann hob sie die Hände und ließ einen Blitzzauber auf die überraschten Dundar nieder fahren.

Diese sprengten auseinander und nahmen eilig Deckung zwischen den nächstgelegenen Mauerreste.

Fünf von ihnen blieben dabei jedoch reglos liegen.

Sie durfte keine Zeit verlieren, rasch sprang sie ab und lief zum Haus in welchem sie die Zwillinge untergebracht hatten hinüber.

Sie riss die halb zertrümmerte Tür auf.

Das Haus war leer aber es gab zahlreiche Spuren von Gewalt.

Im zweiten Raum fand sie Leichen, aber die Zwillinge waren nicht darunter.

Sie atmete erleichtert durch, hob jedoch sofort ihr Halstuch vor das Gesicht.

Der Gestank war einfach unerträglich.

Der Überfall musste also schon mindestens einen Tag her sein.

Als sie wieder hinaus trat, zischte ein Pfeil dicht neben ihr in den Türpfosten.

Die Trolle hatten sich gegenüber, hinter einer Hausecke postiert.

Sie pfiff nach ihrem Pferd, das zum Glück selbst Deckung gesucht hatte und als es jetzt gehorsam nach vorne kam, sprang sie im Laufen auf und sprengte auf die Trolle zu, wobei sie eine magische Formel vor sich hin sprach, die, die auf sie zu zischenden Pfeile auf wundersame Weise zur Seite ablenkte.

Es gab ein kurzes Gemetzel, doch die nun nur noch kleine Gruppe der Trolle hatte keine Chance gegen die zornige Zauberin.

Als sie alle erledigt waren, atmete Meloragh schwer.

Lange nicht mehr hatte sie sich selbst in einem solcher Raserei erlebt aber sie wusste, mehr als ihre Wut auf die Mörder, war es ihr schlechtes Gewissen gewesen, denn, wenn Lorin und Amra tot waren, war das auch ihre Schuld, da sie geglaubt hatte, sie seien hier in Sicherheit.

Sie trieb den Hengst nun durch das ganze Dorf, immer in Achtung auf weiter sich noch irgendwo verbergenden Angreifer.

Wenn die Mörderbanden Elthors schon so dicht bei Eleur waren, dann konnte es sein, dass die Stadt selbst bereits erobert war oder sich dem neuen König unterworfen hatte.

Fieberhaft dachte sie nach, während sie das ganze Dorf weiter absuchte.

Als keine weiteren Angreifer auftauchten, sie aber auch nicht Torgasts oder eine sonstige bekannte Leiche fand, schöpfte sie Hoffnung und stieg wieder ab.

Sie musterte den nahen Waldrand.

Wo würden Torgast die Zwillinge hinbringen?

Da entdeckte sie plötzlich einen ganz schmalen Pfad, der in den Wald zu führen schien.

Torgast wusste das sie zurückkommen wollte, er würde so lange wie möglich auf sie warten und daher versuchen in der Nähe zu bleiben, da war sie sicher.

Da die Trolle noch im Dorf waren, war es ihnen wahrscheinlich gelungen vor deren Ankunft zu verschwinden.

Sie dachte nach.

In der Nähe waren die Tostian-Fälle, dort wo der Surn sich in den See ergoss, gab es Höhlen.

Ja sicher, Torgast der sich hier aus kannte, hatte wie sie sich nun erinnerte, sogar von ihnen gesprochen.

Sie musste herausfinden, ob sie sich dort verbargen.

Vorsichtig, mit dem Pferd hinter sich am Zügel, folgte sie nun dem schmalen Pfad.

Nach etwa einem Kilometer stieß sie auf eine Troll Leiche.

Jemand hatte dem Kerl von hinten die Kehle durchgeschnitten.

Hastig stieg sie darüber.

Als sie die Wasserfälle kurz darauf erreichte, wies nichts darauf hin, dass sich hier jemand aufhielt.

Sie ließ den Hengst trinken und schaute sich die feuchten Felswände genauer an.

Plötzlich ertönte eine vertraute Stimme hinter ihr.

„Du hast lange gebraucht!“

Meloragh fuhr herum und blickte in das Gesicht Torgasts, der sie anlächelte.

Sie atmete scharf aus.

„Sind sie am Leben, Gas?“

Zischte sie hastig.

Er lächelte noch breiter und nickte.

Im selben Moment sah sie auch schon, die goldenen Locken von Amra und Lorins dunklen Knabenschopf hinter einer gut verborgenen Pflanzendeckung hervor kommen, gefolgt von Aloe, deren Gesicht ausgezert und übernächtigt wirkte. Sie begrüßte alle drei erleichtert.

Als auch die zehn weiteren Ritter ihrer Garde aus den Büschen traten.

„Ein Bote Sul’rirs kam rechtzeitig um uns zu warnen.“ Sagte Amra

Meloragh nickt.

„Gut,wo ist er?“ Fragte sie.

Torgast schüttelte den Kopf.

„Die Trolle haben uns dann doch im Dorf überrascht und ihn getötet.“

„Verflucht. Hatte er noch mehr Informationen von Sul’rir für mich?“.

Torgast nickte.

„Ja, eine sehr wichtige sogar. Ich soll euch ausrichten, dass auch Valtraon nicht sicher ist. Denn Sul’rir glaubt, dass die Feenkönigin es bald wegen der Drachenträne selbst angreifen wird.“

Melorgahs Miene wurde ernst:

„Das habe ich befürchtet,“ murmelte sie.

Torgast fuhr fort:

„Er sagte noch, dass ihr Euch umbedingt um die Sicherheit des Feenkindes kümmern müsst, sie sei der einzige wirkliche Pfand in unsererr Hand gegen Dionel.“

Meloragh nickte nachdenklich.

„Sul’rir gab mir vor meiner Abreise aus Elberak über den Weitspiegel bereits kurz Nachricht darüber, und ich sagte ihm wo er Euch finden würde und das ich Euch selbst nach Valrtaon begleiten wollte.“

Sie seufzte, „Nun denke ich, wenn Elthors Truppen bereits soweit im Süden sind, dass es besser ist, dass die Prinzessinen das Königreich verlassen. Aber ich selbst kann Euch jetzt nicht mehr begleiten.“

Torgast antwortete:

„Macht Euch keine Sorge Herrin, ich bringe die Zwillinge wohin ihr es für richtig haltet.“

Meloragh nickte langsam und lief aufgewühlt im Kreis.

„Nun denn, es bleibt uns keine Wahl,“ sagte sie, „ich vertraue Euch Torgast, bringt sie nach Zacynos, das ist der nächste noch freie Hafen wie ich hoffe und es es gibt dort Helfer, die Euch dabei unterstützen werden mit einem Schiff nach Varaskon zu gelangen. Fragt nach den Raben. Aber seit sehr auf der Hut dabei wen ihr fragt.“

Torgast nickte, blickte dann nachdenklich nach Westen, wo das alte Kaiserreich lag.

„Gut“, antwortete er, „wir werden sofort aufbrechen Herrin.“

Die Blauelfe nickte.

„Ich habe die Trolle im Dorf erstmal erledigt, aber besser ist es, wenn ihr nicht länger wartet, denn der Ring um die letzten freien Städte zieht sich immer enger. Darum auch haltet euch abseits von allen großen Straßen bis Zacynos, denn zur Zeit ist es oft schwierig festzustellen wer Freund und wer Feind ist.“

Lorin kam jetzt zu ihr nahm ihre Hand.

„Wo werden wir hingebracht Tante?“

Meloragh seufzte.

„Nicht nach Valtraon, aber Ser Torgast bringt Euch in Sicherheit,“ flüsterte sie.

Sie biss sich auf die Lippen als sie erneut Tränen auf den Gesichtern der Zwillinge sah.

Sie kniete sich daher zwischen die beiden.

„Es wird alles gut, vertraut mir,“ flüsterte sie.

Doch sie spürte einen Stich ins Herz, bei diesen Worten, da sie wusste dass es vielleicht nur ein leerer Trost war.

Sie strich beiden über das Haar.

„Ich glaube bestimmt, dass euer Bruder und eure groß Schwester noch leben und ihr solltet auch daran glauben.“

Die Zwillinge nickten schluchzent.

Dann folgten sie Torgast um ihre Sachen für den Aufbruch zu holen.

Bevor sei Abschied nahmen blickte Torgast Meloragh noch einmal ernst an.

„Wie ist die Lage in Elberak Herrin?“

„Ich wurde verfolgt, habe sie aber möglicherweise in die Irre geführt.Trotzdem bin ich sehr beunruhigt. Ich werde auch tun was Sul’rir sagt, aber zuvor muss ich unbedingt noch einmal zurück und in Elberak nach dem Rechten sehen.“

So trenten sie sich und brachen in entgegengesetzte Richtung auf.

______________________________________________________________________________

1 Clauril von Wehrs-Hain in seinen „Oden an die Sterblichen“. Der berühmte Barde war einer der ersten reinen Elfen der viele Jahre unter den Menschen lebte um sie zu studieren.

KAPITEL 9:

COCEON

Wenn Drachen fliegen
wollen sie siegen
Wenn Drachen aber von Feen träumen
Werden sie sterben
Und die Welt wird sie beerben.
1

Seit Prinz Sleigh das Regime führte in der alten nordadhronischen Stadt Coceon2 war niemand mehr seines Lebens sicher.

Denn er führte sich in der Heimat auf wie ein Eroberer.

Seine Schergen durchstreiften zusammen mit den fremden, verbündeten Söldnern aus Tranoor, die Stadt und behandelten ihre Bewohner beinah wie rechtlose Sklaven.

Die Unruhe innerhalb der Bevölkerung nahm spürbar zu, doch niemand wagte es sich dagegen aufzulehnen, denn die Macht, die vom herzoglichen, oder musste man nun sagen königlichen Palast, ausging lag drückend über der gesamten Stadt.

Zunächst hatte man gejubelt, als ihr Herr sich zum neuen König von Adrohn ausgerufen hatte, denn es gab schon von Alters her eine große Rivalität zwischen den beiden größten Städten des Reiches.

Außerdem war die Bevölkerung lange Zeit vorher mit gezielten Gerüchten versorgt worden, die den alten König, Elthors Bruder, als verantwortungslosen Halunken diffamierten und ihm die Schuld an allen Sorgen des Landes zu schoben.

Doch dass der Krieg, auch wenn er die Tore der Stadt noch nicht erreicht hatte, so viele Fremde und so viele furchterregende Kreaturen in ihr Inneres bringen würde, hatte man nicht erwartet.

Man spürte das der Herzog ein Bündnis mit etwas Schrecklichem eingegangen war, dass er sich vielleicht sogar dem Willen fremder Mächte unterworfen hatte.

Aber natürlich traute man sich nur hinter vorgehaltener Hand darüber zu sprechen im Coceon dieser Tage.

Allen voran die Priester des Varahm.

Zum Unwillen des Volkes machten sie sich fast alle zu Lakaien der Fremden, denn diese halfen ihnen alle anderen Kulte in der Stadt unbarmherzig zu verfolgen und auszumerzen.

Personifiziert war die Furcht des Volkes insbesondere durch Ydiare, Elthors zweite Frau, deren Schönheit und Macht die Menge faszinierte aber auch etwas grausig beunruhigendes hatte.

Elthors erste Gattin Animon, Mutter von vier Kindern, Ulmine, Sleigh, Melian und Piragh, war erst vor fünf Doppelsonnen gestorben.

Doch für alle überraschend, konnte die stille Ydiare, die Tochter eines kleinen Landadeligen, seine Gunst gewinnen.

Zunächst hatte man sich für Elthor gefreut, dann seine neue Frau als naives junges Dummchen belächelt, doch schließlich ging vor wenigen Monden eine Verwandlung mit der jungen Herrin vonstatten, die alle erschauern ließ, die mit ihr zu tun hatten.

Ydiare war herrisch und besitzergreifend geworden und fortan tat Elthor offenbar nur noch was sie wollte.

Sleigh, Elthors ältester Sohn war selbst ein rücksichtslos und machthungriger Mensch, doch Ydiare jagte sogar ihm Furcht ein und er war froh wenn sie sich nicht im Palast befand.

Sein Vater stand tatsächlich vollkommen unter ihrem Einfluss und er beobachtete dies voller Misstrauen.

Andererseits hatte dies Coceon zu einer ungeahnten Größe geführt und er würde dereinst König werden.

Bei diesen Gedanken verflüchtigten sich seine Bedenken jedes Mal.

Wenn da nicht Ulmine wäre, seine gottesfürchtige Schwester, die beständig den Versuch machte ihm einzureden, dass er das Falsche dachte und tat.

Es waren keine guten Tage in der schönen Stadt Coceon an den Ufern des Vierstrom-Sees.

Auch wenn die Wintersonne schon mal ein anders Bild auf die golden glänzenden Dächer und zwischen die marmornen Säulen vergangener Größe malte.

Die Stadt und das Land um sie herum waren ein riesiges Heerlager und auch die Bauern litten unter der Willkür der, wie es aus dem Palast und von den Priestern hieß, für sie kämpfenden Ritter und Söldner.

Aber nicht für alle waren die Zeiten hart.

Denn jene, die dem Herrscher hörig waren, profitierten davon.

Jene die auf Beute und Gold aus waren, konnten in den noch geplanten Heereszügen Coceons auf reichen Lohn hoffen und so fanden sich vor allem viele in der Stadt ein, deren Handwerk der Krieg war, deren Gewissen nicht existierte und deren Überzeugung sich nach der des Stärkeren richtete.

~

Einer dieser Leute war auch Varo von Silnis, ein Tewir3 und Abenteurer.

Auch ihn hatte es in die Stadt gezogen, allerdings mit einem bestimmten Auftrag.

Er sollte dort ein sagenumwobenes Objekt finden.

Aposg Zepter4, den Stab der Weissagung.

Das war keine leichte Aufgabe, doch für einen Tewir, seines Schlages, eine Kleinigkeit.

Es hielt ihn nur von wichtigeren Geschäften ab.

Nur war er Sherg, dem Anführer der Sentir, etwas schuldig, seit jenem fatalen Abenteuer in Celeb-draugh und der Varaskonier hatte ihn zu seinem Leidwesen vor einer Woche aufgespürt und diese alte Schuld eingefordert.

Immer noch auf der Suche nach den Schwertern der Deniqui, hoffte Sherg nun auf das Artefakt um die verschollenen Exemplare aufzuspüren zu können.

Sherg hatte ihn gewarnt, das niemand auf diesen geheimen Auftrag aufmerksam werden durfte und ihm daher zusätzlich eine reiche Belohnung versprochen, ein Argument, was ihn schließlich überzeugt hatte.

Er war darum am Vortag nach Coceon gekommen und hatte sich in der Nacht in den Tempel des Vahram geschlichen.

Doch dann war das Unvorstellbare passiert. Jemand hatte sein Eindringen bemerkt.

Als er die Vitrine mit dem Stab gefunden hatte und gerade zugreifen wollte, wurde er zu seiner Überraschung von einer Gruppe aufmerksamer Tempeldienern gestellt und überwältigt.

Es war ein kurzer heftiger Kampf, den er aufgrund der Übermacht nicht gewinnen konnte, aber zu seiner Verwunderung hatten sie ihn nicht sofort getötet oder zum Ergötzen der Gläubigen ans Kreuz genagelt, gesteinigt oder dergleichen rituellen Tortur unterzogen, sondern zu seiner Schande, nur gefesselt und geknebelt und in eine finstere Kammer geworfen.

Dort lag er nun und dachte über seine Torheit nach.

Nach sicher einigen Stunden in feuchter Dunkelheit, glaubte er gewiss, das man ihn hier verfaulen lassen würde, als plötzlich die Tür geöffnet wurde und man ihn packte und in einen von Fackeln hell erleuchteten Saal schleifte.

Nachdem sich seine Augen wieder an das Licht gewöhnt hatten, sah er vor sich eine verschleierte Aposg-Priesterin stehen.

Sie gab mehreren Dienerinnen ein Zeichen und man nahm ihm die Fessel ab.

Varo grunzte erleichtert, dehnte und reckte sich, dann blickte er misstrauisch zu ihr auf, verwundert, dass niemand eine Waffe auf ihn richtete.

„Du wolltest das Zepter stehlen?.“ Sagte die Verschleierte mit geschmeidiger Stimme.

Er schwieg.

„Aber du bist nicht von Ydiare oder den Drachenpriestern beauftragt? Wer also hat dich geschickt?“

Er räusperte sich.

„Warum sollte ich Euch das verraten?“ Antwortetet er trotzig.

„Vielleicht weil es Dein Überleben bedeuten würde.“ Sagte sie kühl.

Dann fügte sie mit einem wundersamen Lächeln hinzu:

„Bevor Du darüber nachdenkst, wie du entkommen könntest, höre was ich Dir sage: Wir wussten dass du kommen würdest und zu Deinem Glück, ist es Aposgs Wille, das Du Erfolg haben sollst.“

Er konnte keine Gefühlsregung durch den Schleier erkennen und fragte sich ob sie ihn hinters Licht führen wollte.

„Es geht um die Schwerter der Deniqui“ Sagte sie dann mit ruhiger Stimme.

Varo verzog den Mund.

„Ihr wisst davon?“

Die Priesterin hob jetzt plötzlich den Schleier und er sah, dass ihr Gesicht eine strenge Schönheit ausstrahlte und er erkannte sie.

Es war Prinzessa Ulmine von Coceon, Elthors älteste Tochter.

„Ihr dürft das Zepter nehmen, wie ihr es geplant hattet, ich sah es in meinen Träumen. Bringt es nach Fejan oder dorthin, wo es gebarucht wird um die Drachen aufzuhalten.“

Varo nickte langsam, denn ihm war ein Gedanke gekommen.

„Ihr seit Aposger und Ihr wolltet es gleichzeitig stehlen,“ sagte er mit einem verschmitzten Lächeln, „ihr wart gar keine Wächterinnen.“

Am nächsten Morgen verließ er noch vor den Frühgebeten hastig die Stadt, auf seinem Clegh-Pony und machte sich auf den Weg nach Westen.

Aus einer seiner Satteltasche ragte dabei ein langes in Tücher gewickeltes Bündel.

~

Zur gleichen Zeit ließ sich Ulmine erschöpft am Rande des Wahrheitsbrunnen nieder.

Sie hatte nun fast alles getan, was sie noch vermochte um das Schicksal im Sinne des Einen zu beeinflussen, wie er es ihr in jener Erscheinung befohlen hatte, vor zehn Tagen, als sie eben hier auf dem Berg unterhalb der alten Wasserburg gebetet hatte.

Der blaue Vogel, dass elfte Abbild von Aposg war ihr erschienen und hatte zu ihr gesprochen, das erste Mal in ihrem Leben als seine Priesterin.

Sie hatte seine Anweisungen wortgetreu befolgt, obwohl es ihr schwer gefallen war diesem Strauchdieb von einem Tewir den wertvollen Stab der Weissagung zu überlassen, aber Aposg Worte waren heilig und das Artefakt durfte nicht in Ydiares Hände fallen.

Doch nicht nur seit dem musste sie sehr vorsichtig sein.

Wenn der Verdacht auf sie fiel, war sie verloren.

Sie hoffte innig, dass die Erscheinung am Brunnen ihr die ganze Wahrheit offenbart hatte.

Wenn es so war, dann glaubte sie gewiss, das sie so die finsteren Pläne der jungen Herrscherin an der Seite ihres Vaters, durchkreuzt hatte.

Sie war lange hin und her gerissen gewesen, denn schließlich war Elthor ihr Vater.

Doch hatte sie schon früh geahnt, dass, das was erseit einigen Wochen tat nicht richtig war und was er sagte auf den Lügen von Ydiare beruhte.

Nur hatte es einige Zeit gedauert, bis sie es sich eingestanden hatte.

Aber seit Aposg Erscheinung wusste sie was sie tun musste.

Denn nun war auch klar, dass jene Prophezeiung des Rades wie sie im Palast von Althear abgebildet war, der Wahrheit entsprach.

Wenn sie nicht schon zu spät kam, musste sie die Kinder Aplazahls, ihre Basen und ihren Vetter retten.

Wie ihr das gelingen sollte, wusste sie noch nicht, aber dafür musste sie ebenfalls unbemerkt Coceon verlassen.

Obwohl der Gedanke, insbesondere ihre kleine Schwester Piragh, in den Händen ihres verblendeten Bruders zurück zu lassen, ihr einen schmerzlichen Stich im Herzen versetzte.

Ihre Cousine Elarell, hatte versucht ihren Vater zu töten und war dabei gefangen genommen worden.

Sie hatte im Palast gehört wo man sie hin bringen wollte.

Sie seufzte, richtete sich auf und wischte die Tränen aus ihrem Gesicht.

Aposg forderte Opfer von den Seinen und sie sollte stolz sein zu jenen zu gehören, die seine Prophezeiungen hören durften.

Sie rief eine Dienerin herbei, die ihr wie bereits vorbereitet einen Umhang und einen Rucksack überreichte.

Mit einem verborgenen Hebel unter dem Heiligstein, der in der Mitte der Kammer stand, betätigte sie den Mechanismus, der augenblicklich in der Rückwand der Kammer einen Durchlass offenbarte.

„Verlasst alle den Tempel und versteckt euch,“ sagte sie noch zu ihrer Dienerin, „es ist wichtig, dass so viele wie möglich von uns überleben. Zur gegebenen Zeit werde ich zurückkehren und euch rufen.“

Sie wusste, dass sie das Leben ihrer Mitschwestern und Brüder noch mehr in Gefahr brachte mit ihrer Flucht, doch es blieb ihr keine Wahl.

Sie schritt durch die Öffnung und bestieg nach dem sie dem Gang dahinter etwa fünf Minuten gefolgt war, außerhalb der Mauern das bereit gestellte Pferd.

Als sie kurz darauf davon ritt, im Dunkel der Gassen, hallten die Hufe laut in der nächtliche Stille und ein Schatten drückte sich eilig in einen Winkel um sie scheinbar ungesehen vorüber zu lassen, doch dann sprang er aus dem Dunkel genau über ihr auf sie herab.

Ihr überraschter Aufschrei wurde rasch erstickt.

___________________________________________________________________________________

1 Die ASKINDRA: Drachenweissagung des „großen Worm“, Gebetsrolle aus den goldenen Jahren der 1. Horde.
2 Coceon: Alt-Adrohnisch auch Cozeon oder Kozeon geschrieben.
3 Tewir: Kleines Volk (Verwandtschaft unklar, kommt nur auf Arkur vor.)
4 Aposg-Zepter: Die Legende sagt, Aposg konnte damit Dinge sehen, die im Verborgenen sind. Daher seine Weissagungen.

KAPITEL 10

CHAPASAN

…denn die Ehrfurcht vor den Göttern
ist das Einzige was das Leben erhellt!
1

Die Höhle war gewaltig und wurde durch eine Vielzahl von Fackeln und heiligen Lichtern erhellt.

Uraltes Gestein glitzerte in diesem gespenstischen Schein.

In der Mitte der Halle erkannte Alnor den alten Priester, der vor der mit Wasser gefüllten Schale stand und darin zu lesen schien.

Das Orakom war ein gewaltiges Steinbecken auf dessen ausgewaschenen Grund das Erz vielfarbig glitzerte.

Hier, so hoffte er, war der Ort um Antworten auf einige seiner Fragen zu finden.

Der alte Druide Aitor sah mit einem so irritierten Blick auf, als habe er ihn gerade erst entdeckt.

„Ich habe selten einen Feenherrn zu Besuch,“ sagte er dann jedoch lächelnd, „aber ich habe dich bereits erwartet.“

Alnor nickte.

„Ihr wisst warum ich gekommen bin?“

„Die Legende spricht von jenem einen, der verstoßen wurde und doch sein Volk retten wird, Sohn des Targhal.“

Wieder nickte Alnor und zog dabei die Augenbrauen leicht zweifelnd empor.

„Ich bin gekommen um alles zu erfahren über die Macht der Deniqui.“

Der Druide verzog kaum merklich die Mundwinkel.

„Vielleicht kann das Orakom deine Fragen beantworten, aber es kommt darauf an, was du bereits weißt um diese wirklich zu verstehen.“

Alnor runzelte die Stirn, nickte aber ein weiteres Mal.

„Kommt hierher zu mir!“

Die Worte des Alten klangen wie ein Befehl und er folgte ihm ganz automatisch zum Steinbecken hin.

„Was weißt du über die alten Drachenlieder?“

Alnor holte tief Luft.

„Ich weiß das der Rat der Deniqui am Ende des letzten Drachenkrieges, die Götter um Hilfe bat, bei der Lösung der Frage, wie für immer der Frieden zwischen den Völkern zu gewinnen und das Streben nach Macht zu verbannen sei.“

Aitor nickte mit einem stillen Lächeln auf den Lippen.

„Und was gab ihnen Varahm der Höchste zur Antwort?“

„Wer den Feind besiegen will muss ihn zuerst in sich selbst erkennen.“

Flüsterte Alnor.

Der Priester betrachtet wie abwesend die Oberfläche des Orakom, auf dem nun leichte Wellen entstanden.

„So ist zumindest die Überlieferung,“ murmelte er.

„Er gab ihnen, den Königen der Völker, also eigentliche ein Rätsel auf“, fügte er dann wieder ganz Alnor zugewandt hinzu.

„Aber…“ Wollte Alnor gerade sagen.

Aitor machte jedoch eine rasche Handbewegung.

„Ich weiß was du nun denkst.

„Das Volk der Ukari war kurz zuvor fast ausgerottet worden und darum bat Unqual, ihr König die Götter noch einmal eindringlich, zumindest den Stein der Macht zu zerstören, der die Krone der besiegten „Schwarzen Horde“ zierte.

Doch was Varahm dazu sagte war:

„Nur wenn ihr euch selbst erkennt, erkennt ihr die wahren Wege zum Frieden. Zerstörung bringt nur wieder Zerstörung.

„Und danach schwieg er.“

Alnor nickte und schwieg ebenfalls.

Der Alte lächelte jedoch geheimnisvoll.

„Die Ukari wandten sich enttäuscht ab vom Herrn der Himmel und riefen darum ihren eigenen Gott, den Weltenschid Aulon um Hilfe an. Bis dieser endlich herabstieg vom „Goldenen Berg“ und den Stein der Macht zerschlug.“

Alnor scharrte nervös mit den Füßen.

„Dann kam es zu jener Geschichte, die jedes Kind kennt.“ Sagte der Druide.

Alnor bemerkte nun plötzlich ein leichtes Ziehen in seinen Gedanken, versuchte sich aber weiter auf das zu konzentrieren was der Priester sagte. als dieser die Stimme nun etwas anhob:

„Unqual rief die Könige der sieben Völker zusammen und Aulon der inzwischen aus der Krone sieben Schwerter geschmiedet hatte, für jedes der Hochvölker eines, auch für die besiegten Darachen, gab ihnen diese zum Symbol des Friedens, den sie bewahren sollten.“

„Dabei trug jedes der Schwerter im Griff einen Splitter des Machtsteines.“

Ergänzte Alnor und Aitor warf einen misstrauischen Blick auf den Feen, den seine Stimme hatte sich deutlich verändert.

„Ich spüre das du nicht mehr du selbst bist, mein Freund.“ Sagte er.

Alnor schüttelte heftig den Kopf, dann hob er die Hände an den selben und schnaubte verächtlich.

„Nein, nicht..“ Flüsterte er, als trage er einen inneren Kampf aus.

Seine Augen glühten plötzlich.

Dann zog er blitzschnell sein Schwert aus der Scheide und hielt es dem entsetzten Druiden an die Kehle.

„Du hast wahrlich Seherfähigkeiten. Gibt es die anderen Schwerter noch? Und wenn, wo sind sie!“ Sag es schnell!“

Die neue, fasst weiblich klingende, Stimme des Feen überschlug sich beinah.

Aitor nickte langsam und sagte mit furchtsamen Unterton:

„Ich fürchte die Götter haben keinen zweiten Versuch vorgesehen die Macht wieder auf ein Volk zu vereinen, das glauben zumindest die meisten der Weisen.“

Ein finsteres Lächeln überzog nun Alnors plötzlich Schweiß nasse Gesichtszüge.

„Da könntest du recht haben, sagte er, „aber wir werden es doch versuchen,“ fügte er mit zuckenden Mundwinkeln hinzu.

„Los sag mir was das Orakom darüber weiß!“

Seine Stimme klang schrill und erzeugte ein grausiges Echo in der Höhle.

Aitor zuckte zusammen und mit dann den Schultern.

„Ich kann dir die Antwort nicht geben, auch wenn ich es wollte. Vielleicht findest du sie in alten Prophezeiungen oder musst die Götter selbst befragen.“

Der Alte blickte Alnor dabei jetzt trotzig und beinah todesmutig in die Augen.

Der Fee lachte trocken.

„Ihr sprecht von den Prophezeiungen des Aposg? Was kümmern Euch und mich die menschengötter?!“

Aitor verzog das Gesicht.

„Aposg, ist nur einer von vielen Namen des Einen. Wir nennen ihn die große Mutter, anere Vahram. Ihr Feen habt eigene Namen.“

Alnor packten den Alten und stieß ihn fast über die Balustrade, die rund um das Orakom verlief.

„Sprich nicht in verdammten Rätseln!“ Schrie er ihn an.

„Nein,“ Aitor lächelte trotz der Schmerzen die ihm der Stoß offensichtlich zugefügt hatte, „ich spreche vom zweiten Drachenlied.“

Alnor schnaubte.

„Auch das ist bloß eine Legende Alter, ich brauche Gewissheit!“

Aitor konnte sich von ihm lösen und wankte nun zum Orakom. Sein Blick fixierte sein gegenüber in plötzlichem Erkennen.

„Wenn Du es wirklich willst Drache, dann lass mich deine Fragen dem Wahrheitsbrunnen übermitteln, dann sehen wir weiter“, sagte er ruhig.

~

Als Alnor eine Stunde später wieder in das helle Sonnenlicht des späten Nachmittags trat, war er noch ganz benommen von den Offenbarungen, die er aus dem Orakom erfahren hatte.

Er wischte gedankenverloren das frische Blut des Alten von seinem Schwert.

Drei der sieben Schwerter waren also auf Arkur.

Savandir und Menadir sogar in Adrohn. Gaydir in Gasfrogan.

Udir, das Feenschwert hatte Dionel, das wusste er ja bereits.

Über den Verbleib der übrigen drei Klingen jedoch konnte oder wollte das Orakom zu seinem Leidwesen, nur wage Auskunft erteilen.

Besonders rätselhaft war die Äußerung über Wardir gewesen.

„…es kehre aus der Zeit zurück“

Jedenfalls konnte das heißen, dass sie vielleicht für immer verloren waren oder zerstört.

Das mystische Brunnen sprach zudem von einem geheimnisvollen „Retter“, der geboren wurde um den Frieden der Völker weiter zu erhalten.

Es waren erstaunlicherweise genau die prophetischen Worte des Aposg die das Orakom gebraucht hatte:

„Ein Kind zweier Welten wird kommen, für ihn werdet ihr streiten.“

Aitor hatte ihn triumphierend angblickt und da hatte er, da hatte das was in ihm war, die Beherrschung verloren und den alten Narren erschlagen.

Der Fee stöhnte, sog die frische Luft ein, die auch den Schmerz in seinem Kopf ein wenig linderte, der ihn während des Aufenthalts im Tempel immer stärker befallen hatte.

Er wußte genau, das sie es war, die ihn zu diesem schrecklichen Verbrechen verleitet hatte.

„Dionel!“ Er spuckte ihren Namen förmlich aus.

Zuvor schon hatte sie hin und wieder den Weg in seine Träume gefunden. Doch seit dem schicksalhaften Geschehen, das zu seiner Verbannung führte, nur noch selten und mehr wie ein Hintergrundflüstern.

Doch hatte sie offenbar nur auf den richtigen Moment gelauert.

Er hatte versagt und konnte sich nun kaum erinnern nur noch das dieser plötzlich Druck im Kopf ihn beängstigt und zugleich wütend gemacht hatte, bis hin zur, für den Druiden, totbringenden Raserei.

Mit bitterem Beigeschmack wurde ihm klar, das der Tod des Orakom Wächters Dionel sehr von Nutzen war, denn nun würde niemand sonst mehr die Wahrheit erfahren können.

Er fasste sich erneut an den Kopf.

Diese verfluchte Stimme! Wie hatte er sich nur erneut so zu ihrem Werkzeug machen lassen können.

Und sie flüsterte auch jetzt weiter in ihm:

Finde die Schwerter!

Er nickte, sah den Brunnen auf dem Platz vor dem Tempel und ging gemessenen Schrittes hinüber um sich Abkühlung zu verschaffen.

Er musste sich beeilen, hier zu verschwinden, bevor der Mord am Priester entdeckt wurde. Aber seine unendschiedenen Gedanken verfolgten ihn.

Vor Aitors Tod hatte das Orakom ihm auch noch andere Fragen beantwortet.

Es sprach zu seiner größten Freude davon, dass sein Bruder Tulian am Leben sei und sich offenbar auch auf Arkur befinde.

Bei dieser Nachricht hatte er in der Höhle einen lauten Schrei der Überraschung ausgestoßen und noch immer zitterten seine Hände vor Erregung, bei dem gedanken daran.

Doch mit seiner Aufregung stieg auch eine unbestimmte Angst in ihm auf. Wußte es auch Dionel nun?

Trotzdem war es auch das Ende einer Schuld, die er geglaubt hatte ewig tragen zu müssen.?

Aber hatte er nicht heute eine schwerwiegende weiter auf sich genommen?

Vor seinem inneren Augen sah er seinen Vater, wie er am Tage seiner Rückkehr von der Eisebene vor ihn getreten war mit der Nachricht von Tulians möglichem Tod.

Schrecklich zornig war er geworden, denn er hatte zugleich auch das Schwert Feenlicht an Dionel verloren.

„Geh mir aus den Augen du Narr!“ Hatte er gerufen, Alnor hörte die Worte noch wie heute in seinen ohren klingen, und ihn und das Schwert zugleich verflucht.

Er war damals sehr gekränkt und betrübt gewesen, doch später hatte er seinen Vater wohl verstanden.

All das was geschehen war, hatte ihn auf einen Schlag zum erwachsenen aber auch gebrochenen Fee gemacht.

Es gab auch für seine damalige Tat keine Vergebung.

Also war er fort gegangen, in die Verbannung und einzig Diamante, seine kleine Schwester hatte Abschied genommen von ihm und geweint.

Noch heute, viele Jahre danach, stiegen ihm die Tränen in die Augen wenn er an ihr kindliches mit roten Zöpfen umrahmtes Gesicht dachte.

Er hatte sie sehr geliebt, doch jetzt war auch sie bloß ein Schatten der Vergangenheit.

Wie er selbst?

Sie musste inzwischen bereits Erwachsen sein und vermutlich die einzige Stütze des alten Vaters.

Wenn das Haus Iskort und alle Halur nicht längst im Staub unter den Füßen der Nindur lagen.

In seiner Bessesenheit, all das wieder gut zu machen und von der Hoffnung getrieben, Sitar könne jene sein, die das Feenvolk wieder vereinen würde, hatte er weit entfernt von der Heimat, keine Ahnung, ob er nicht vergebens kämpfte.

Dionel jedenfalls war ihm auf der Spur und mehr noch, sie schien ihr Bündnis mit den Drachen weiter zu verfolgen.

Doch wenn Tulian tatsächlich noch lebte, dann musste er ihn finden und dann würde das bedeuten, sie konnten in Ehre zurückkehren und es gab vielleicht wieder Hoffnung für Andul und für die Halur.

Nur, wollt er seinem Bruder wirklich unter die Augen treten?

Nein, vielleicht war es besser sich vor ihm zu verstecken, viel besser…

Alnor sank in sich zusammen.

„Du Tor, es ist die Zeit der Prophezeiung, ich spüre es.“

Hatte Aitor abschließend mit ersterbender Stimme gemurmelt.

„Wer du auch bist und was du auch tust, die Zukunft liegt im Glauben an die Wahrheit der Vergangenheit. Dieser Bürde kannst auch du nicht entkommen.“

Ihre Stimme in seinem Kopf wollte ihn gnadenlos martern.

Aber sie wich jedes mal wie entsetzt zurück, wenn er an Tulian dachte. Als sei sein Bruder noch immer sein Schild.

Warum bloß hatte er den alten Mann erschlagen?

Nur ganz langsam konnte er wieder seine eigenen Gedanken fassen.

Aber er wurde die Angst nicht los das es ihm nur gelang, weil sie es so wollte.

~

Daral hatte schon am Vormittag Asrit erreicht, das staubig und wie in der Zeit vergessen da lag.

Sie hatte sich mit Proviant versorgt und wollte rasch weiter, als sie plötzlich die Ankunft einer kleinen Karawane beobachtete.

Es war ein schwer bewachter Gefangenentransport aus Althear.

Ihr Herz hatte einen Sprung getan und sie war ganz in die Nähe einer der Wagen geschlichen aus dem kein Laut zu hören war und den die Ritter offenbar besonders scharf bewacht hatten.

Nachdem jedoch einige Humpen Bier durch ihre staubigen Kehlen geflossen waren hatte ihre Aufmerksamkeit weit genug nachgelassen.

Ihre Enttäuschung währte nur kurz, als sie entdeckte dass es nicht Sorl war, der dort im Wagen angekettet saß, aber, sie konnte es kaum glauben, es war seine Schwester, Prinzessin Elarell.

Seit sie das herausgefunden hatte, überlegte sie fieberhaft, was sie tun konnte um ihr zu helfen.

Sie wusste nicht wie lange ihre Wächter noch in Asrit verweilen würden und auch nicht was ihr eigentliches Ziel war.

Also konnte hier und jetzt ihre einzige Chance sein, ihr zu helfen.

Gedanken versunken kauerte sie hinter einer der großen Tempelsäulen, da kam ein großer Mann mit hastigem Schritt aus dem Eingang des Tempel gelaufen und hätte sie dabei beinah gestreift.

Doch war sein Blick wie nach Innen gerichtet und so bemerkte er sie nicht sondern steuerte, während er sein blankes Schwert das zu ihrem Entsetzen mit Blut besudelt war, am Brunnen hastig säuberte, rasch dem Marstall zu.

Sie hatte den Mann schon einige Stunden zuvor kurz gesehen, wie er in eine dunkle Kutte gehüllt genau wie sie, die Ankunft der Reiter beobachtet hatte.

Für einen kurzen Moment hatte sie dabei den Eindruck gehabt, er habe sie ausgiebig gemustert und war deshalb rasch aus seinem Blickfeld verschwunden.

Nun aus der Nähe hatte sie zu ihrer Überraschung festgestellt, das er kein Mensch war, denn seine Augen waren rotgolden und seine Statue hatte eher etwas Elfenhaftes.

Walbas hatte sie ihr beschrieben, das Volk aus Andul. War er also ein Fee?

Etwa ein Späher der feindlichen Feen-Königin, die nach den Worten des Priesters, die Drachen befreien wollte?

Sie hörte jetzt ein Pferd schnauben und blickte auf.

Aus dem Stall erschien der Fee erneut, dieses mal auf einem Pferd, dem er in offensichtlicher Eile die Sporen gab und an ihr vorbei und aus dem Nordtor von Asrit im raschen Galopp heraus sprengte.
____________________________________________________________________________________

1 Auszug aus: „Teleons‘ Pfad der Demütigung“, AVESTA Kapitel 23,

KAPITEL 11:

THIERNIR

… Spiegelei, Zauberei, eins, zwei, drei
wer weiß wie’s geht,
ist schnell dabei
Wer neben steht ist’s nicht gewesen,
schnell weg mit meinem Hexenbesen…1

Sitar betrachtete den tollpatschigen Zauberschüler schmunzelnd, während er wie so oft, auf ihrer bisher kurzen Reise, damit beschäftigt war seine magischen Künste an alltäglichen Verrichtungen auszuprobieren.

So geriet das Entzünden des Lagerfeuers, wie gerade eben, bei ihm nicht selten und so auch dieses mal, zu einem amüsanten aber ermüdenden Versuch.

„Gib her,“ sagte sie schließlich ungeduldig und nahm ihm die Feuersteine aus der Hand.

Es hatte den ganzen Vormittag hindurch geregnet und endlich hatten sie einen einigermaßen trockenen Platz unter dem Dach einer gewaltigen Zarpinie gefunden.

Das Nadelgewächs bildete dabei eine natürliche Höhle.

Sie sehnte sich nach einem warmen Feuer und etwas Schmackhaftem zum Essen.

Zwei Wochen waren sie nun schon unterwegs und schließlich hatten sie am späten Abend des gestrigen Tages den Waldrand des Gasfrogan erreicht und im Schutz der letzten großen Elfenbäume ihr Lager errichtet.

An diesem Morgen waren sie durch einen immer lichter werdenden Wald und durch zugleich dichter werdendes Buschwerk am Rand des Pfades geritten.

Der Fluss zu ihrer Rechten war unmerklich breiter geworden und floss jetzt im späten Herbstmond wasserreich und geräuschvoll der flachen Ebene von Karage entgegen.

Während der beiden ersten Wochen war die Gemeinschaft bereits sehr vertraut miteinander geworden.

Sitar war besonders von Tralzio dem kleinen drahtigen Faun-Magier fasziniert, der an den allabendlichen Lagerfeuern stets amüsante Geschichten über die alte Welt der Ukari und die Eigenschaft von Magie erzählte.

Vor einigen Tagen hatte sie ihn gefragt, ob er ihr auch die Magie der Feen erklären und sie ihre Anwendung lehren könnte.

Tralzio hatte sie daraufhin nachdenklich betrachtet, dann genickt und ihr versprochen, er werde es versuchen, aber sie müsse Geduld haben denn er sei schließlich selbst kein Fee und wisse das meiste auch nur aus alten Büchern und Schriftrollen.

Doch vielleicht könne er sie lehren, auf ihre eigne innere Wahrnehmung zu achten, denn die Magie der Feen sei eine Gabe, die jede Fee zu einem anderen Zeitpunkt des Lebens entdecke, manche aber auch nie, wie die großen Metur.

Sitar war erschrocken, doch Tralzio hatte sie beruhigt:

„Ich spüre das sie in dir schlummert und sie offenbart sich Dir sobald es an der Zeit ist.“

Er lächelte.

„Das ist allerdings allen Völkern zueigen,“ sagte er abschließend.

Nachdem er aber in den darauf folgend Tagen zunächst scheinbar keine Anstalten machte mit der Unterrichtung zu beginnen, war sie ungeduldig geworden, hatte sich aber nicht getraut ihn zu bedrängen.

Sein Schüler Gelyoc sah es ihr an und versuchte sie mit den Worten zu trösten, dass sein Meister immer zuerst seine Schüler ausgiebig studierte bevor erversuche ihnen etwas beizubringen.

„Das kann Jahre dauern“, hatte er geflüstert.

Sie hatte ihn daraufhin giftig angefaucht und er war lachend von ihr weg gesprungen um ihren kleinen Fäusten auszuweichen.

Sitar und Gelyoc waren auf diese Weise gute Freund geworden und sienahm ihm seine Neckerein nicht übel.

Als das Feuer nun endlich brannte, sah Sitar Gelyoc dabei zu, wie er über einen Baumstamm balancierte, der ein schmales Bachbett überspannte, als Tralzio sich unvermittelt zu ihr setzte und schmunzelnd sagte:

„Alles ist eine Sache der Konzentration, du musst deine Gedanken darauf konzentrieren, was du bewirken willst.“

Sie blickte ihn überrascht und fragend an und er fuhr fort:

„Dafür benötigt dein Geist eine besondere Vorstellungskraft, die auf uraltem Wissen wurzelt, das Wissen von den vier Kraftquellen, es handelt sich dabei um eine Art Gedankensprache mit dir selbst.“

Er lächelte über ihren wissbegierigen Blick, dann nickte er mit dem Kopf zu Gelyoc hinüber.

„Du würdest ihn gerne zu Fall bringen, nicht wahr?“

Sie schüttelte heftig den Kopf, blickte aber schuldbewusst zu Boden.

Er lachte leise.

„Also musst du im Gedanken ganz in jene Kraftquelle tauchen, die du dazu nutzen kannst.“

Sitar seufzte leise, denn es war nicht so leicht sich eine Vorstellung davon zu machen.

Tralzio fuhr fort:

„Ich lebe nun schon sehr lange unter den Menschen und verstehe, wie ihre Magie wirkt. Es ist keineswegs so anders, wie wir Ukari es tun und es unterscheidet sich auch nicht vollkommen von der Art der Feen oder der Elfen.“

Er lächelte.

„Das liegt wohl daran, das wir alle in einer Welt leben und die Kraftströme der Magie überall zu Tage treten können und das unsere Völker enger miteinander verwandt sind, als wir zugeben wollen. Allerdings ist es den Menschen hier auf Arkur, erst mit Hilfe der Drachentränen gelungen diese für sich zu entdecken. Einigen von ihnen jedenfalls.“

Er schmunzelte, ob ihres weiterhin gebannten Gesichtsausdruckes.

„Natürlich gibt es auch einige bedeutende Unterschied. Die Menschen prägen sich magischen Symbole und Zeichen ein und sprechen sie um die Magie auszulösen laut aus. Ich glaube hierdurch geht einiges an Kraft verloren, doch bewirkt dies zumindest in abgeschwächter Form, ebenfalls die Freisetzung der magischen Kraftquellen. Die Feen hingegen ziehen sowie ich es verstehe, diese Kräfte in ihre Gedanken und lenken sie unvermindert auf bestimmte Ziele. Wie lange und stark das geht, das unterscheidet auch die einzelnen Feen voneinander.“

Er machte ein ernstes Gesicht und sah sich um.

Er fand einen Stock und zeichnete ein Kreuz und vier ihr fremde Symbole an den vier Enden des Kreuzes auf den Waldboden.

Sitar betrachtete es interessiert.

HAL ( Sonne)

DUR I UR

( Luft ) — I — ( Wasser )

I

NIN ( Erde )

„Diese Symbole, HAL= Sonne, UR= Wasser, DUR= Luft und NIN= Erde stehen für die vier magischen Kraftquellen,“ sagte er, „versuche eine Kraft vor deinem inneren Auge zu rufen die sich aus einer dieser Quellen schöpft, ohne das du die Augen schließt und den Blick für dein Ziel verlierst.“

„Aber wie?“

Sagte sie kläglich.

„Wie könntest Du ihn zu Fall bringen, benötigst Du Hitze oder Licht?“

Sie schüttelte den Kopf.

„Also nicht HAL.“ Sagte er bestimmt.

„Willst Du einen Wind beschwören?“

Ihre Augen wurden groß, als sie begann zu verstehen.

„Nein“, sagte sie rasch.

„Dann bleibt Dir noch Wasser oder Erde.“

Sitar nickte und versuchte sich zu konzentrieren, schloss aber dabei die Augen unwillkürlich.

Rasch schlug sie, sie wieder auf.

Tralzio hüstelte belustigt während sie ein ärgerliche Grimasse zog.

„Versuch es noch einmal und richte deinen Blick auf dein Ziel und deinen Willen fest auf auf dein Vorhaben.

Man muss es lernen, aber es ist im grunde nicht schwieriger als etwas mit zwei Händen gleichzeitig zu tun.“

Sitar starrte angestrengt in Gelyocs Richtung aber es geschah nichts.

Tralzio lachte gutmütig entschuldigte sich aber sofort.

Sie brach ihre Konzentration ab und blickte ihn vorwurfsvoll an.

„Tut mir leid,“ sagte er, „aber ich sagte doch, man muss es üben, schau her.“

Er wandte sich nur kurz in Richtung seines Zauberschülers, schon hörte man von dort einen erschreckten Aufschrei und Sitar beobachtete zähneknirschend, aber schließlich doch etwas schadenfroh, wie Gelyoc durch ein kurzes Beben der Erde, die Balance verlor und in den etwa ein Meter tieferen Bach stürzte.

Fluchend und triefend nass, kam er wenige Augenblicke später daraus hervor.

Sitar hielt sich die Hand vor den Mund um sich nicht durch ihre Heiterkeit zu verraten.

„Ich möchte das auch können,“ flüsterte sie zu Tralzio.

„Irgendwann wird es kein Problem mehr für dich sein,“ gab der Ukari zurück, ich bin sicher das Du bald bereit bist.“

Sitars Augen wurden groß. „Ist das wahr,“ murmelte sie und fügte dann in verzweifeltem Ton hinzu:

„Aber warum kann ich es nicht selbst spüren?“

Doch Tralzio blieb ihr die Antwort schuldig, denn er war unterdessen aufgestanden und zu seinem zeternden Gehilfen hinüber gegangen um ihn zu beruhigen.

Sie versuchte es von da an jeden Tag, doch bereits nach wenigen erfolglosen Versuchen war sie meist so wütend und frustriert, dass sie manchmal mehrere Stunden nicht mit den anderen sprechen wollte.

Gelyoc spendete ihr noch öfter unerwünschten Trost, wobei er nicht selten versuchte sie mit kleinen an sich wunderbaren, magischen Kunststücken bei Laune zu halten. Sie liebte und hasste ihn dafür.

Ihr Elfenbruder Garfin, mit dem sie nun auch auf Reisen jeden Tag Fechtübungen machte und der ihr dazu hin und wieder Ratschläge aus Sicht seiner Elfenmagie gab war ansonsten mit anderen Gedanken beschäftigt und ihn hatte das endgültige Ende des großen Waldes mit düsteren Sehnsucht erfüllt.

Denn er zischte ihr, als sie nach dem Mittagsmahl wieder aufbrachen kurz zu:

„Wir werden nun bald die schmutzigen Menschstädte erreichen.“

Sie wusste, das er nicht gut über die Menschen dachte, vielleicht mit Ausnahme von Syirl Sherg, daher hatte sie sich sehr gewundert, welch zärtlichen Blicke er der Menschenfrau Elarell bei ihrem Abschied zugeworfen hatte.

Sie hatte jedoch nicht feststellen können, ob die Königstochter von Adrohn seine offenkundigen Gefühlswallungen für sie erwiderte.

Vielleicht, war er deshalb eben noch schlechter auf die Menschen zu sprechen als sonst.

Als Elarell ihnen in den Weg geritten war, am Abend nach der Brücke die aus dem Clangebiet der Fejan herausführte, hatte sie nur mit ihr mehrere Worte gewechselt und ihr das Armband mit dem Wappen des Hause von Sherat, dem Symbol des goldenen Klippentauchers, geschenkt.

„In ganz Adrohn, selbst in Coceon wird dir dieses Zeichen den Weg frei machen, denn auch der Verräter Elthor gehört diesem Herrscherhaus an,“ hatte sie gesagt.

Sie gab dann zum Abschied allen die Hand, dabei Garfin mit ebenso ernster, undurchschaubarer Miene wie den anderen.

War es möglich, das Elfen sich in Menschen verliebten und umgekehrt?

Warum nicht, dachte sie.

Sie hatte auch einige ihrer Elfenfreunde sehr gemocht und doch stammte sie aus einem anderen Volk.

Freundschaft war am Ende immer stärker als Blut, das hatte auch Ejane immer wieder gesagt.

„Wenn er sie wirklich liebt, muss er sich doch auch jetzt große Sorgen um sie machen, da er weiß, dass sie in die Schlacht gezogen ist,“ dachte sie.

Sie ritten inzwischen schon zwei Tage durch Menschenland ohne besonder Vorkommnisse und Sitar fragte sich gerade obe Garfins Gedanken auch jetzt wieder bei Elarell weilten, denn er führte sein Pferd direkt hinter ihr und wirkte etwas abwesend auf sie.

Der Regen, der zaghaft fiel, schien ihm kaum aufzufallen.

Syril Sherg ritt direkt hinter dem Elf und schüttelte den Regen hingegen reglmäßig aus seinem Umhang, als er Sitars Blick bemerkte, spornte er sein Pferd an und überholte Garfin, so dass er neben sie kam.

„Dieses Wetter hat uns gerade noch gefehlt,“ sagter lachend, „wir sollten eigentlich von der Straße runter, je näher wir der Stadt kommen. Andererseits, in den Wiesen rundherum kann man unsere tiefen Spuren noch nach Tagen sehen, also können wir auch gleich weiter bleiben wo wir sind.“

Tralzio der vor ihr ritt, wandte den Kopf und nickte.

„Wie nah sind wir an Thiernir?“

„Ich denke wir erreichen sie schon morgen, wenn nichts dazwischen kommt.“ Sagte Sherg.

Sitar überlegte.

Von der Menschenstadt Thiernir, hatte sie in den Jahren bei den Elfen häufig gehört.

Sie lag nah am Wald und die Menschen in diesem Landstrich waren auch den Bäumen verbunden wie die Elfen, nur auf andere Weise.

Denn das Geschäft mit dem Holz, dass sie für das ganze Königreich hier schlugen und auf großen Flössen den Djnn hinunter trieben war ihr Auskommen.

Die Elfen akzeptierten das, wenn sie es auch nicht mochten, solange sie den Clangrenzen mit ihren Äxten nicht zu nahe kamen.

„Sagt mir noch einmal, was euere Kundschafter über die Situation in der Grafschaft herausgefunden haben?“

Sherg rief diese Frage durch den herunterprasselnden Regen laut Garfin zu.

Der junge Elf fuhr aus den Gedanken und antwortet:

„Graf Bent war nie ein Freund von Elthor soviel ist sicher, aber es gibt Gerüchte über wilde Menschen aus dem Norden und Troll-Horden, die ins Land gerufen wurden. Elthor hat sich mit den Tranoori verbündet und man munkelt von einer Armee Hornhelme die von Tranoor aus nach Süden marschiert sind und auch schon in Warage gesichtet wurden.“

Er schüttelte den Kopf.

„Die Straße ist bislang für meinen Geschmack ungewöhnlich leer, ich denke wir müssen vielleicht mit dem Schlimmsten rechnen, aber ich hoffe in Thiernir selbst sind wir noch einigermaßen sicher.“

„Wenig Verkehr, bedeutet wenig Aufmerksamkeit,“ kommentierte Gelyoc vom Ende der Kolonne ungefragt und streckte seine Nase dabei gerade aus seinem Verpflegungsbeutel hervor.

Sherg lächelte.

„Gut erkannt Bursche, aber wir müssen trotzdem auf der Hut sein, denn ich glaube es kann nicht mehr lange dauern, bis die Straße mehr bevölkert sein wird, vielleicht mehr als uns recht ist, denn die Spuren deuten schon darauf hin.“

Er fügte noch hinzu:

„Vermutlich hat der Krieg die meisten Menschen vorsichtiger gemacht, aber geneu das macht sie auch gefährlicher. Elfen könnten nicht unbedingt gut gelitten sein und wir sehen wie welche aus.“

Die anderen stimmten ihm zu und so legten sie also die Elfencaps ab und zogen menschliche Umhänge über, welche sie extra zu diesem Zweck mitgenommen hatten und außerdem verschnürten sie alle auffälligen Waffen möglichst verborgen an den Sätteln der Pferde.

Garfin versteckte zudem seine spitzen Ohren unter einer schmucken Kappe.

Tatsächlich begegneten sie bereits eine Stunde später einer kleinen Patrouille von Rittern die ganz offensichtlich aus der Stadt Thiernier kamen, ihr Brustharnische zierte die gekreuzte Axt.

Ihr Anführer, ein grobknochiger, weißhaariger Mann, forderte sie zum Anhalten auf und fragte barsch aber auch mit sichtbar nervöser Miene, nach ihren Namen und ihrem Ziel.

Nachdem Sherg, der wie abgesprochen den Sprecher gab, die vorbereitete Tarngeschichte erzählt hatte und sich dabei selbst als Handelslherr Ulrak von Szeleun mit Tochter und Gefolgsleuten vorgestellt hatte, hatten die Bewaffneten sie und ihre, wirklich wie mit Waren prall gefüllten Satteltaschen, misstrauisch gemustert, dann jedoch die Geschichte geschluckt.

Der Anführer gab ihnen sogar noch eine gut gemeinten Warnung vor den zunehmend gefährlicheren Wegelagerern und marodierenden Trollen aus dem Norden mit auf den Weg.

Dann zogen die Ritter weiter.

Danach wurde die Straße immer belebter.

Viele einzelne Gruppen kamen ihnen entgegen, mit und ohne Fuhrwerke. Auf dem Fluss, welcher der Stadt nun mit ihnen parallel zur Straße entgegen floss, sahen sie Flösse aus großen zusammengebundene Baumstämme, auf denen Männer standen mit langen Stangen, die diese geschickt durch die nicht unwesentliche Strömung des Djnn zur Stadt lenkten.

Vor den Stadtmauern der Holzfällerstadt tauchte noch ein Ring von Ruinen auf, in denen allerdings auch Leute zu leben schienen.

Die Dächer waren meist zerstört oder gar nicht mehr vorhanden und die Menschen sahen ziemlich ärmlich und zerlumpt aus.

Sitar betrachtete sie mit offenem Mund.

„Sind das Ausgestoßene?“ Wandte sie sich an Sherg der neben ihr ritt. Der Varaskonier schüttelte langsam den Kopf, wobei eine strenge Falte sich um seine Mundwinkel legte.

„Nicht direkt“, sagte er, „sie sind einfach zu arm um sich richtige Häuser leisten zu können.“

Sitar blickte ihn fragend an.

„Armut, das ist eine Sache der menschlichen Gesellschaft, auf die wir nicht stolz sein können. Es ist sicher seit dem Zusammenbruch des Kaiserreiches noch schlimmer geworden, aber auch damals gab es nicht überall Gerechtigkeit.“

Sitar blickte ihn verwirrt an. „Was meint ihr damit?“

Er lächelte gequält. „Davon könnt ihr nichts wissen, aber es schmerz mich nicht wenig und es ist eine Ironie des Schicksals, das gerade in den Ruinen des großen alten Reiches heute das Elend haust.“

Vor den Mauern hielten sie die Tiere kurz an und Sitar betrachtete die wuchtigen Stadtmauern eine Weile bewundernd.

Es war ihr erste Menschenstadt, die sie zu sehen bekam. Garfin neben ihr verzog jedoch etwas abschätzig die Mundwinkel.

„Was ihr auch sagt Freund Sherg, die Menschen lieben offenbar Schmutz und Staub,“ brummte er mit spöttischem Unterton.

Sherg lachte trocken.

„Fürwahr, besonders Thiernir ist nicht gerade ein Ort der Paläste. Die Menschen sind einfache Arbeiter und so leben sie auch.“

Er blickte sich forschend um, niemand schien besondere Notiz von ihnen zu nehmen.

„Es sieht ganz so aus, als wenn hier alles so ist wie es sein soll,“ brummte er.

„Aber wir sollten trotzdem auf der Hut bleiben.“

Sie standen nun vor einer großen Brücke die den Djnn überspannte und offenbar von beiden Ufern aus wie ein Zugbrücke empor gezogen werden konnte.

So konnte man größere Schiffe in der Mitte hindurchfahren lassen.

„Eine erstaunlich praktische Konstruktion,“ sagte Tralzio und betrachte neugierig das eiserne Radwerk.

Auf dem der Stadt hier gegenüberliegenden Ufer, wo sie sich noch befanden, gab es eine größere Siedlung, einfacher aber offenbar gepflegter Hütten und ein gewaltiges Holzlager.

In künstlichen Buchten lagen Dutzende von Flössen, bereit zur großen Reise auf dem Fluss.

Ein kleiner Fischmarkt säumte den Anstieg zur Brücke, einige Stände waren auch noch auf Teienl der Brücke selbst aufgebaut.

Als sie nun gemeinsam mit anderen Reisenden durch das Stadttor und vorbei an den wenig aufmerksamen Wächtern ebenfalls mit dem Wappen der Grafschaft Karage, auf ihren Helmen, die Stadt betraten, sahen sie, dass die Straßen im Inneren voll gestopft waren mit Menschen und einer Vielzahl anderer Völker, offenkundlich unterschiedlichster Herkunft.

Hauptsächlich waren es menschliche Händler oder Holzfäller, aber auch zahlreiche Elfen und Halbelfen, die wie Sherg angab, hier wie überall in Adrohn, als Chai bezeichnet wurden.

Außerdem überraschend viele Hulari2 aus den nahe liegenden Hügelländern von Lyehn.

„Ungewöhnlich,“ knurrte Sherg, „dass die Torwächter trotz des nahen Krieges hier niemanden kontrollieren.“

Das Getümmel in das sie nun kamen, wirkte reichlich chaotisch und Sitars Staunen verwandelte sich bald in Unruhe.

Sherg versuchte sie zu beschwichtigten, als er ihre angespannte Miene sah.

„Die Stadt scheint voller Kriegsflüchtlinge, dass war zu erwarten, „aber sicherlich sind auch eine Menge Spione Elthors darunter, nur dient uns das auch gut zur Tarnung.“

Die meisten Häuser waren aus starken Holzbalken errichtet, die Straßen verliefen ziemlich gerade und offenbar fast alle entweder zum Fluss oder zur im Zentrum aufragenden Burg.

„Hier werden wir kaum groß auffallen,“ meinte Garfin zustimmend.

„Vielleicht nicht, vielleicht doch, ein Faun fällt heutzutage überall auf,“ murmelte Tralzio, dessen geflochtener Bart während der zwei Wochen etwas gewachsen schien und ein paar mehr graue Strähnen offenbarte, dachte Sitar.

„Auch Ukari altern also,“ überlegte sie aus keinem besonderen Grund, „nur Elfen erscheinen irgendwie zeitlos.“

„Warum ist das so?“ Sagte sie ungewollt laut vor sich hin.

„Nun, vielleicht weil wir Elfen die Natur mehr ehren als ihr Sterblichen.“

Sie fuhr erschrocken zusammen und blickte in Gelyocs grinsendes Gesicht.

Sie nahm ihre Reitgerte und hieb nach ihm.

Rasch trieb er sein Pony etwas von ihr weg obwohl das in der Menge auf den Gassen schwierig war.

„Du bist kein Elf!“ Zischte sie.

„Mein Meister hat Magie gemeint.“

Sagte er mit wissendem Gesichtsausdruck.

„Auch wenn die Stadtwächter hier nicht besonders aufmerksam sind, die Häscher Elthors könnten Magie anwenden um uns zu finden und die Feenkönigin sowieso.“

Tralzio vor ihm ließ sich nicht anmerken, das er das zuvor so gemeint hatte.

„Das ist noch kein Grund, meinen Gedanken zu lauschen!“

Sagte Sitar grimmig aber sie war nun hellhörig.

„Du glaubst, dass sie uns suchen werden?“

Der Halb-Troll nickte.

„Genau genommen nur dich.“

Er zog eine Grimasse des Mitleids.

„Darum wäre es sicher von Vorteil mein Lieber, wenn du ein wenig Gerüchte sammeln würdest“ verkündete Tralzio und sein Blick durchbohrte dabei seinen Schüler nachdrücklich.

„Höhr dich etwas um und halt eben auch Ausschau nach Spähzaubern.“ Gelyoc knirrschte mit den Zähnen und nickte.

„Kein Problem Meister.“ Seine Augen funkelten.

Man konnte spüren, dass er vor Tatendrang brannte.

„Aber benimm dich nicht zu auffällig,“ sagte Tralzio mahnend.

„Findest Du uns?“

Gelyoc winkte lässig mit der Hand und schon war er in der Menge verschwunden.

Sherg blickte Tralzio überrascht an.

„Er weiß doch gar nicht, wo er uns später finden soll.“ Der Zaubere lachte. „Du unterschätzt ihn mein Lieber, er wird uns finden glaube mir.“

Sitar hatte bereits während ihres ganzen Rittes durch die Stadt, die unterschiedlichsten Gestalten an denen sie vorüber gekommen waren fasziniert betrachtet.

Die Vielfalt des Lebens in dieser menschlichen Welt war für sie so überwältigend, das sie es kaum in Worte fassen konnte.

Garfin musste sie gelegentlich ermahnen, nicht zu offensichtlich zu starren um keine unnötige Aufmerksamkeit zu erregen.

„Es wird nicht leicht eine Unterkunft zu finden,“ sagte Sherg an der Spitze ihres Zuges schließlich.

Ich hörte aber, bei meinem letzten Aufenthalt hier von einem Wirt, der besonders elfenfreundlich ist.“

„Sie ist eine Chai,“ fügte er erklärend hinzu.

Garfin brummte etwas.

„Gut,“ antwortete Tralzio mit einem belustigten Seitenblick auf den Elf, „dann lasst es uns dort versuchen.“

Sherg führte sie und sie kamen über einen großen Holzmarkt der zum Hafenviertel hin, sich öffnete und schließlich ganz am Ende gelangten sie an ein altes Wirtshaus über dessen Eingang ein vergilbtes Schild mit der Aufschrift Zur schönen Chai hing.

Offensichtlich war die Besitzerrin selbstbewusst.

Die Vielzahl der für sie neuen Eindrücke, waren hier im Fluß-Hafenviertel, wie Sitar fand, noch einmal besonders intensiv.

Fremde Gerüche und Laute umfluteten sie so sehr, dass ihr fast schwindelig wurde.

Während sie vor der Tür des Gasthauses abstiegen, betrachtete sie bewundernd einen großen Steinbrunnen, der wie ein Denkmal in der Mitte der Straße stand.

„Das ist das Abbild der Wassergöttin Aiydia,“ klärte sie Sherg auf, „sie steht hier wohl hoch im Kurs und der Brunnen satmmt sicher noch aus varaskonischer Zeit.“

Die Statue der Göttin war aus reinem Miranstein3 in feinen Konturen gearbeitet und thronte als Wasserspeier über dem kunstvollen Becken.

Es war eindeutig das schönster Bauwerk, das Sitar in der Stadt bisher erblickt hatte.

Nun wollten sie gerade die Wirtsstube betreten, als eine kräftige elfisch ausschauende Frau mittleren Alters aber mit eher menschlich, stämmiger Figur, hinter drei johlenden Trunkenbolden her und an ihnen vorbei aus der Tür stürmte.

Garfin der voran gegangen war musste ihnen hastig ausweichen.

Nachdem die Wirtin, denn sie war es ganz offensichtlich, die Kerle auf die Straße hinaus gejagt hatte, rief sie ihnen noch einige üble Schimpfwörter nach.

Dann wandte sie sich der überraschten Gemeinschaft zu und musterte sie mit eindeutig kritischem Blick.

„Neue Gäste? Sagte sie.

„Klopft euch den Staub von den Kleidern bevor ihr über meine Schwelle kommt!“

Mit diesen Worten drehte sie sich auf dem Absatz um und stürmte ebenso schnell ins Haus zurück, wie sie gekommen war.

Sie folgten ihr durch eine Art Vorhang in die geräumige aber mit nur kleinen Fenstern ausgestattete und darum sehr finstere Ausschankstube, die mit flackernden Öllampen an den Wänden beleuchtet war.

Sie war an diesem frühen Nachmittag bereits überraschend gut besetzt und ein Gewirr von unterschiedlichen Sprachen, Gerüchen und Eindrücken schwappte ihnen entgegen.

Garfin führte die Gruppe bis zum Tresen und erkundigte sich bei der Frau, die sich inzwischen dahinter platziert hatte, nach Unterkünften.

Die Wirtin lächelte schief.

„Elfische Gesellschaften sind in letzter Zeit selten geworden.“

Sie musterte die Gruppe ein zweites Mal.

„Ihr seit gar ein ganz besonderes Gemisch was?“ Ihre Laune schien sich aber etwas zu bessern und sie lachte bei dieser Feststellung.

Dann wandte sie sich wieder zu Garfin. „Ich fürchte wir sind aber trotzdem voll belegt.“

Nachdem Sherg die Bitte allerdings mit einigen Kurent unterstrichen hatte, konnte sie sich doch noch an e freie Plätze in der Dachkammer erinnern und räumte einen von zwei nah am Tresen stehenden Tischen für sie, indem sie die dort sitzenden Halbtrolle, die wohl ebenso angeheitert wirkten wie jene Burschen, die sie kurz zuvor aus der Schenke geworfen hatte, mit energischem Geschrei an einen einzigen Tisch, wo sie sie mit anderen Ihresgleichen zusammenrücken ließ.

Die Vertriebenen waren darüber zu Sitars Verblüffung sogar nicht besonders erbost sondern stürzten sich bereitwillig gleich in das Gespräch mit ihren neuen Nachbarn.

Dann schickte sie einen Laufburschen nach draußen, der Tralzio, der bei den Tieren geblieben war, den Weg zu den Stallungen zeigen sollte.

Sie bestellten sodann einige Krüge Zuang4 und etwas zum Essen, während sie die anwesenden Zecher musterten.

Die meisten von ihnen schienen der mehrheitlichen Bevölkerungsgruppe der Stadt anzugehören, waren also Menschen.

Doch Sitar sah auch mehrere kleinwüchsige, bärtige Kerle, die in ihrer ganzen Art sehr Tralzio ähnelten, allerdings waren die Füße unter dem Tisch versteckt, so dass sie nicht sagen konnte ob es tatsächlich behufte Ukaris waren.

Außerdem erkannte sie einige wunderliche Froox5 und eine kleine Gruppe von bäuerlichen Hulari.

Diese Vertreter des Tewirvolkes trugen schwarze Arbeitswesten und sie sprachen besonders laut und mit hohen Stimmen.

Die zweitgrößte Gruppe war die der Halbelfen und in einer weit entfernten Ecke saß Tovok-Trolle die, wie Sitar auffiehl, ebenfalls alle anderen Gäste musterten und dabei ihre schweren Äxte drohend an den Tisch gelehnt hatten.

Sie trugen dicke Lederpanzer und ihre wilden Haare waren mit Silberspangen kriegerisch geschmückt.

Sherg und Tralzio, der inzwischen zu ihnen gestoßen war, flüsterten mitaeinander während sie diese Gruppe unauffällig beobachteten.

„Die sehen mir aus wie Kopfjäger,“ murmelte Sherg und Tralzio nickte. „Wir sollten sie im Auge behalten, einer von ihnen hat Zauberkräfte, das spüre ich bis hierher.“

An einem anderen Tisch, sah Sitar nun eine tief in ihren Mantel gehüllte, einzelne Gestalt sitzen, die sie faszinierend fand.

Sie rauchte eine lange Utemstange6 und trank etwas aus einem ungewöhnlich geformten Trinkhorn.

Garfin neben ihr betrachtete sie ebenfalls interessiert und es war offensichtlich, dass er diesen Genossen für nicht weniger gefährlich hielt wie die Tovoks.

Sitar gähnte, sie spürte nun doch, dass der Tagesritt anstrengend gewesen war und so stürzte sie sich hungrig auf die köstliche Kartoffelsuppe, die ihnen wenig später serviert wurde.

Gelyoc erschien ganz plötzlich und man sah ihm sofort an, dass er vor Neuigkeiten platzte.

Nach dem Tralzio ihm etwas zu Trinken hingeschoben hatte und ihn aufforderte leise zu berichten, sprudelte es aus ihm heraus.

Er erklärte, dass er sich zunächst ausgiebig auf den Märkten und in einigen einfachen Spelunken umgehört hatte und dabei hatte er herausgefunden, dass die Stadt vor Anspannung brodelte.

Der königstreue Graf Bent, war sofort nach Ausbruch des Krieges mit seinen Rittern nach Osten aufgebrochen um die Grenze gegen eine aus Silnis anrückendes cozeanische Truppe zu halten.

Als jedoch der König im Süden immer mehr Boden verlor, rebellierten seine südlichen Baronien Raven und Welhorg, wohl auch durch Elthors Intrigen und Bestechung dazu veranlasst.

„Bent sitzt nun mit seinen Rittern in der Burg Casaira fest, eingeschlossen von cozeanischen Truppen und sein Sohn Fergan, von dem offenbar die meisten Einwohner hier nicht viel halten, weil er sich angeblich mit schwarzer Magie beschäftigt und auch sonst ein wenig umgänglicher Geselle sein soll, sitz in der Burg von Thiernir mit den restlichen Edlen und kümmert sich nicht um die Not seines Vaters.

Manche Leute Glauben, dass er seinen Vater bereits verraten hat und zu Elthor übergelaufen ist.

Und von überall gibt es weitere schlechte Nachrichten und Gerüchte.“ Schloss Gelyoc.

Er holte kurz Luft und nahm einen tiefen Schluck aus dem Zangbeer-Becher.

„Graf Arcad von Elberak ist angeblich ermordet worden und seine Grafschaft wurde von einem riesigen Heer unter der Führung mindestens eines Drachenpriesters auf mindestens drei Drachen überrannt.“

Durch die Gruppe ging ein erschrockenes Stöhnen.

Tralzio schüttelte langsam den Kopf. „Drachenpriester?“ Wiederholte er.

„Es stimmt also, das sie wieder aus ihren Löchern kriechen.“

„Das bedeutet, alle Straßen südlich des Flusses Loware sind in der Hand des Feindes,“ murmelte Sherg, „und damit die Möglichkeit die Straße durch den Einschnitt zu benutzen. Die einzige breite Schlucht die das Wenkohr von West nach Ost zerschneidet. Wir müssen also weiter nördlich über das Gebirge herüber.“

Garfin und Tralzio nickten.

Sitar starrte sie an, ihre Müdigkeit war schlagartig von ihr abgefallen.

„Was bedeutet das?“

„Wir brauchen einen Bergführer oder mindestens eine gute Karte.“

Alle sahen Sherg an, der das gesagt hatte.

„Richtig,“ meinte Tralzio grimmig lächelnd, „wenn wir nicht alleine unserem Glück vertrauen wollen.“

Der Magier rief die Wirtin herbei und fragte sie, zu Sitars Verwunderung, ganz unumwunden ob es in der Stadt Führer über das Notawenkorh gäbe.

Sie gab bereitwillig Auskunft und Sitar bemerkte, dass die Halbelfe offensichtlich von ihm dabei verzaubert wurde, so dass sie zum Abschluss des Gesprächs lediglich eilfertig davon eilte, um die neue Bestellung Zangue aufzugeben.

Sie verabredeten, dass Garfin und Sitar im Gasthaus bleiben sollten, während Sherg, Tralzio und Gelyoc den Ort aufsuchen wollten, den die Chai ihnen beschrieben hatte.

Eine Kneipe im verrufensten Viertel der Stadt, dem Thiern-Hang.

Dort so hatte sie ihnen versichert würden jedoch die besten Waldläufer der Gegend verkehren.

~

Die drei Gefährten liefen entschlossenen Schrittes durch die Straßen.

Selbst am Abend, war die Stadt noch stark belebt, doch nur wenige der sehr schmutzigen Gassen waren mit Laternen oder Pechfackeln beleuchtet.

Besonders als sie nun in den ältesten Teil der Holzfällerstadt gelangten, häuften sich die dunklen Schatten in verwinkelten Ecken.

Die meisten der Häuser waren in sehr heruntergekommenen Zustand und die Straßen voller Unrat.

Langsam stieg der Weg an, in jenes berüchtigte Viertel wo, wie in vielen anderen Endar-Städten des Königreichs ähnlich, vor allem Bettler und Taugenichtse ihr Unwesen trieben.

Abgerissene Händler führten ihre Läden mehr schlecht als recht. Dirnen belästigten die Passanten häufiger als den meisten lieb war.

Vor Beutelschneidern musste man sich gewiss noch mehr in Acht nehmen.

Die Stadtwachen patrouillierten hier noch seltener als woanders in der Stadt und wenn Gelyocs Informationen stimmten, dann war wohl eher gar nicht mit ihnen zu rechnen.

Der Halbtroll lief ein wenig voraus und blickte sich an der nächsten Kreuzung zögernd um.

Die Straße mündete auf einen kleinen Platz um eine Art Anschlagtafel.

Zur rechten Seite sahen sie die hell erleuchteten Fenster einer Spelunke deren schief an einer rostigen Kette hängendes Türschild die von der Chai genannte Bezeichnung Alter Holzmann trug.

Die Tür stand halb auf und man konnte aus dem Inneren Musik und lautes Stimmengewirr vernehmen.

Als Sherg und Tralzio den Lehrling erreichten, wies er stumm auf zwei große Schatten, die neben der Tafel am Eingang wie Wächter verharrten.

Als sie den Platz jedoch betraten, schritten ihnen die Schatten in den Weg.

Sherg kniff die Augen zusammen und schnaubte sie an:

„Hoh, wer ihr auch seit, gebt den Weg frei, wenn euch eure langen Finger lieb sind!“

Die in dunkle Kapuzen gehüllten Burschen blieben wo sie waren. Nur sah man nun an der Seite, wo ihr rechter Arm sein musste rasch etwas aufblitzen.

Im selben Moment sprangen weitere Schatten hinter den Häuserecken seitlich von ihnen hervor.

„Ein Überfall!“ Rief Tralzio und fasste seinen Stab fester.

Schon im nächsten Augenblick waren sie umringt.

Wieselflink und offenbar in der Absicht sie mindestens um ihre Börsen zu erleichtern oder noch Schlimmeres, stießen die unbekannten Angreifer mit ihren Dolchen nach ihnen.

Nur die guten Reflexe der drei Kameraden verhinderten bei dieser ersten Attacke einen schnellen Erfolg der Strauchdiebe.

Sherg hatte sein Breitschwert nun auch rasch zur Hand und er schwang es in einer blitzschnellen, weiten Bahn, wie es offenbar keiner der Angreifer so schnell erwartet hatte.

Zwei streckte er dabei direkt vor sich nieder.

Tralzio hingegen hielt drei andere Angreifer mit einem Schutzzauber auf Abstand und trieb zwei weitere mit seinem blitzschnell herumwirbelnden Stab über die Gasse.

Einzig Gelyoc lag keuchend unter jenem Unglücklichen, der zwar nicht ebenso schnell wie er mit dem Dolch war, der ihn aber doch von den Beinen gerissen hatte, so dass er mit dem Kopf gegen die nächste Häuserwand geschlagen war.

Er versuchte nun stöhnend, seine Benommenheit abzuschütteln und die Last von sich zu wälzen.

Tralzio unterdessen fing zwei aus dem Dunkel geworfene Dolche mit dem Stab ab.

„Da sind noch mehr im Schatten!,“ rief er den anderen zu.

„Das ist kein zufälliger Überfall,“ keuchte Gelyoc während er sich unter dem toten Körper hervor kämpfte.

Aber er hatte es noch nicht ganz geschafft, da sah er plötzlich ein blankes Schwert auf sich hernieder schwingen und nur mit Mühe gelang ihm ein ungeschicktes Ausweichmanöver, was aber mit Bestimmtheit zu langsam geraten wäre, wenn nicht…

„Klirr!“ Vor seiner Nase schlug Metall auf Metall.

Ungläubig und zugleich erfreut starrte er die Klinge an, die ihm mit Sicherheit mindestens die Nase gerettet hatte.

Das Schwert des Angreifers wurde mit Wucht empor geschleudert.

Eine Gestalt trat vor ihm auf die Gasse und streckte den überraschten Halunken mit einer eleganten Attacke nieder.

Ein Schrei von Sherg riss seine Aufmerksamkeit im nächsten Moment von diesem Anblick weg.

Die übrigen Banditen flüchteten und Sherg kam heran gehumpelt.

„Verflucht,“ brummte er, „einer dieser Kerle hat mir sein Messer zwischen die Beinschiene gestoßen.

Er hielt ein Stück Stoff auf die blutige Stelle.

Tralzio stand unterdessen schwer auf seinem Stock gestützt und schien sich gerade erst aus einer tiefen Konzentration zu lösen.

„Die werden nun etwas rennen,“ murmelte er finster lächelnd.

Beide blickten neugierig die Gestalt an die noch immer über Gelyoc stand.

Der Helfer hielt sein Gesicht noch hinter der Kapuze eines dunkelblauen Umhangs verborgen, trat aber nun etwas zur Seite.

Gelyoc rappelte sich stöhnend auf.

„Er hat mir das Leben gerettet,“ sagte er zu den anderen und zu dem Fremden gewandt fügte er hinzu:

„Danke für eure Hilfe Fremder, das war wohl zur rechten Zeit.“

„Täusche ich mich oder seit ihr nicht zufällig hier?“

Sagte nun Tralzio und musterte den Fremden genau.

Die Gestalt nickte. Mit einer zu aller Überraschung weiblichen Stimme, sagte sie:

„Ihr habt recht großer Magier, ich bin euch gefolgt. Es bedarf keines Dankes für meine unbedeutende Hilfe, ich bin sicher ihr währet leicht alleine mit diesem Gesindel fertig geworden. Aber ich bekam mit was die Wirtin Euch sagte und dachte mir, ihr könntet gegebenenfalls etwas Unterstützung brauchen.“

Sie machte eine kurze Pause um ihre Worte wirken zu lassen. Dann ergänzte sie:

„Außerdem habe ich Euch ohnehin gesucht.“

„Schön,“ brummte Sherg.

„Und wer seit ihr?“

Die Wunde schien ihn reizbar zu machen und er fuchtelte mit dem Breitschwert vor ihrer Nase herum, die sie noch immer verhüllt hielt.

„Verzeiht,“ sagte sie.

„Aber die Gräfin von Elberak kann sich in diesen Zeiten nicht mehr so offen zeigen.“

Bei diesen Worten ließ sie die Kapuze in den Nacken fallen und blitzte ihn mit dunklen Augen an.

Tralzio, dem die Gestalt bereits irgendwie bekannt vor gekommen war, entfuhr ein freudiger Ausruf.

„Meloragh!“

Rief er.

Shergs verblüffter Gesichtsausdruck wandelte sich nun ebenfalls zu einem freudigen Strahlen, dann trat er auf sie zu und umarmte sie.

„Ich habe Euch doch tatsächlich nicht erkannt,“ polterte er.

„Verzeit mir meine groben Worte.“

Meloragh nickte..

Gelyoc musterte die Gräfin und Magierin neugierig.

Meloragh sagte nun ernst:

„Ich bin froh Euch gefunden zu haben auch wenn mein Herz schwer ist, ob der schlechten Nachrichten, die ich aus Elberak mitbringe.“

Sherg brummte:

„Wir hörten davon, entspricht es also wirklich der Wahrheit?“

„Ich befürchte es,“ antwortete Meloragh, „leider geriet ich selbst in ein Gefecht, bei dem Versuch nach Elberak zurückzukehren und konnte daher nicht wirklich klären ob mein Gemahl tatsächlich tot ist.“

„In jedem Fall ist Elberak durch Verrat in Feindeshand obwohl Helovar noch nicht gefallen ist.“

Fügte sie an.

„Doch ich musste weiter um Euch zu finden. Die Tewai ist nun noch wichtiger als zuvor.“

Sie machte eine auffordernde Geste.

„Wir sollten besser doch in den alten Holmann gehen und alles Weitere dort besprechen, es ist ein ganz passabler Ort und nicht ganz so gefährlich wie in diesen dunklen Gassen selbst.

Tralzio nickter: „Ich fürchte dieser Überfall war kein Zufall.“

„Ganz sicher,“ antwortete Meloragh

„Ein solch massiver Angriff auf so gut bewaffnete Fremde mitten in der Stadt, halte ich auch für ungewöhnlich, selbst hier im Thiern-Hang.“

„Also denkt ihr, es waren bezahlte Mörder mit einem Auftrag?“

Meloragh nickte.

Sie blickte zu den Leichen.

„Vielleicht finden wir noch einen Hinweis?“

Sie durchsuchten die Toten rasch, ohne jedoch etwas von Wert oder über einen möglichen Auftraggeber zu finden, dann schleiften sie sie in eine dunkle Hausecke und machten sie sich zum Eingang der Spielunke auf.

„Ich bin froh, dass ihr genauso gut mit dem Schwert umgehen könnt, wie mit der Magie.“

Gelyoc hatte endlich seine Zunge wieder entdeckt.

Meloragh schmunzelte: „Ich lernte es von Yarmital, dem berühmten Meister der Tanzenden Klingen, in meiner Heimat.“

Als sie ihn nun betrachtete, sah sie, dass er Blut im Haar hatte. Darum berührte sie seinen Kopf sachte und er stöhnte auf.

„Das ist eine hässliche kleine Wunde,“ sagte sie besorgt, „du solltest das besser behandeln lassen.“ Tralzio schaute es sich ebenfalls an und gab ihr recht.

„Geh schon einmal zurück zu Sitar und Garfin, der Elf ist soweit ich weiß ein hervorragender Heiler.

Gelyoc protestieren, erklärte sich dann jedoch widerwillig einverstanden und verließ die anderen um zur Unterkunft zurück zu gehen.

Als die übrigen drei nun die Spelunke betraten, schien niemand im voll besetzten Raum von ihnen weiter Notiz zu nehmen.

Hinter der Theke flitze ein dicker Wirt, nach seinem Aussehen unschwer als zumindest anteiliger Tovok-Troll zu erkennen, schwitzend hin und her.

Zwei schmutzige Bedienungen drängelten sich durch das Gewühl mit vollen Tabletts und unter lautem Fluchen über die sie ständig begrapschenden Gäste.

Der Raum war geschwängert vom Rauch des Hashjingrases, eines beliebten Tabaks aus Lyehn.

Im hinteren Bereich war noch ein kleiner Tisch frei.

Sie steuerten darauf zu und bemerkten, dass die meisten Anwesenden wirklich mehr wie Leute von außerhalb der Stadt aussahen.

Es waren tatsächlich einige Waldläufer und zahlreiche fahrende Händler anwesend.

Auch ein Tewir, saß direkt am Kaminfeuer und in seinem Rucksack steckte, wie den Ankömmlingen sofort ins Auge fiel, merkwürdig langes Bündel.

Vielleicht war er ein Spielmann?

Sherg stutze kurz, als würde er den Herren kennen, doch diese saß halb angewandt und der Varaskonier brummte daher nur etwas und folgte dann den anderen.

Als sie sich gesetzt und die Bedienung mürrisch ihre Bestellung aufgenommen hatte, wandte sich Tralzio an Meloragh:

„Grafin, wie schon draußen gesagt, sind wir efreut aber auch sehr überrascht Euch hier zu sehen.“

Sie nickte.

„Ja,“ sagte sie und lächelte düster. „Ich musste mich entscheiden. In Elberak so hoffe ich, kümmert sich Tunum um meine Kinder…“

Sie stockte kurz, „…wenn sich das Gerücht bestätigt, das Arcad tot ist.“

Ihr Miene wurde noch ernster mit einer Spur von vorweggenommener Trauer um die Augen.

„Sul’rir und ich selbst auch, denken das die Rückkehr des Feenkindes jetzt das Wichtigste ist.“

Tralzio hob die Augenbrauen.

„Sie ist sicher bei uns oder gibt es etwas, dass uns Sorgen machen sollte?“

Meloragh nickt.

„Da bin ich gewiss, doch werdet ihr ein weiteres Mitglied in Eurer Gemeinschaft nicht verschmähen oder?“

„Natürlich nicht,“ antwortete Sherg sattdessen.

„Als du damals in Nevlon nicht zur Versammlung kamst, wusstest du also bereits von Sitars Herkunft und dem Auftauchen von Alnor in Fejan?“

„Ja, ich traf Sul’rir in Zacynos bereits einige Wochen zuvor, nachdem er den König in Althear vor seinem Bruder gewarnt hatte. Er machte außerdem Andeutungen darüber das es eine wichtigen Mission gäbe, weswegen ihr nach Fejan wolltet. Ich wusste damals natürlich nicht, dass alles so schnell gehen würde, aber ich versprach ihm Euch zu helfen, wenn es mir möglich sein sollte.“

Sie seufzte.

„Niemand konnte wissen wie bald sich das alles bewahrheiten würde.

„Wo sollt ihr diesen Feenherrn wieder treffen?“

„In Worlen. Er verließ Fejan um Dionel nicht zu früh auf Sitars Spur zu bringen und will auf uns in Worlen warten. Sein eigentliches Ziel ist aber..“

Er blickte sich kurz um ob jemand in der Nähe sie hören konnte. „… ein verborgenes Tor in Arzekogas.“

Meloragh sah ihn nachdenklich an. „Ein weiter Weg. Wie wollt ihr nach Worlen gelangen?“

„Über das Kohr,“ antwortete Sherg für den Magier und dieser fügte hinzu:

„Kennst du einen sicheren und schnellen Pass?“

Meloragh nickte, „Ich kenne diese Land und auch den westlichen Teil der Berge gut.“

„WIe ich eben schon erwähnte hatten wir eigentlich gehofft, Coceon weiter südlich umgehen zu können, durch den Einschnitt,“ sagte Tralzio, „aber das erscheint durch die aktuelle Lage nicht mehr möglich.“

Sherg verzog das Gesicht nach dem ersten Schluck von seinem Bier.

„Uäää, was für ein Gebräu. Worlen erscheint nun weiter weg als gedacht und ich habe jetzt schon das Gefühl, wir kommen kaum voran.“

Tralzio nickte.

Sherg fügte hinzu: „Wenn der Überfall kein Zufall war und sie bereits hinter uns her sind, wird es umso schwieriger.“

Die beiden anderen gaben ihm recht.

Meloragh blickt sich dabei noch einmal in der Spelunke um.

„Ihr suchtet hier einen Führer, nicht wahr. Ich glaube jedoch kaum, das einer dieser Burschen hier als solchergeeignet ist.“

Ihr Blick blieb jedoch kurz an dem vermeidlichen Barden hängen.

Dann bemerkte sie:

„Ist es nicht auch möglich, dass die Auftraggeber der Angreifer nicht auch bereits wissen wo Sitar ist und dass der Überfall vielleicht nur ein Ablenkung war um euch von der Unterkunft fern zu halten?“

Sherg und Tralzio blickten sich betroffen an.

„Da könntet ihr allerdings recht haben.“ Brummte der Magier.

„Verdammt, da hätte ich auch drauf kommen können,“ knurrte Sherg und erhob sich rasch.

Die andern taten es ihm gleich, warfen ein paar Münzen auf den Tisch und verließen eilig die Gaststube.

Der vermeindlich Barde saß nur wenige Minuten länger am Feuer, dann stand auch er mit einer fließenden Bewegung auf, nahm seinen Rucksack und seine Waffen und folgte ihnen auf die Gasse hinaus, gerade rechtzeitig um noch zu sehen welche Richtung sie nahmen.

~

Garfin hatte nicht geschlafen, sondern nur in Konzentration verharrt, doch es nützte ihm nichts, denn die Angreifer waren offenbar durch magische Lautlosigkeit geschützt gewesen.

Als die Gruppe ins Zimmer stürmte waren seine Reflexe zwar gut genug sofort kampfbereit zu sein, aber die Übermacht war erdrückend.

Sitar wurde augenblicklich wach, doch da hockten zwei dunkle und massige Gestalten bereits auf ihrem Bauch und im nächsten Moment war sie geknebelt und gefesselt.

Mit Entsetzen musste sie mit ansehen, wie Garfin das Schwert entwunden wurde und ein Angreifer ihm seinen Speerschaft über den Kopf zog.

Stöhnend brach ihr Elfenbruder zusammen.

Die wenigstens zehn Angreifer, eindeutig Trolle, von denen ein übler Geruch ausging, unterhielten sich kurz in einer kehligen rauen Sprache, die Sitar nicht verstand, da sah sie plötzlich eine vertraute Gestalt in der Tür auftauchen.

Gelyoc! Dachte sie.

Sowohl er, als auch die Trolle waren, wie Sitar wahrnahm überrascht, doch ihr wurde sofort klar, dass nun auch der zauberschüler in Gefahr war.

Doch der verrückte Halbtroll ergriff keineswegs, wie sie sich in dem Moment wünschte, augenblicklich die Flucht.

Nein, als er die Situation überblickt hatte, stürzte er sich, zu ihrem Entzeten, mit einem lauten Kampfschrei auf die ihn in Größe und Breit weit überragenden Gegner.

Sitar stöhnte verzweifelt in den Knebel konnte aber nur tetenlos zusehen was weiter geschah.

Zwar gelang es Gelyoc die erste Verwirrung der Trolle dazu zu nutzen einen der Burschen, die sicher zu den ruchlosen Knechten Elthors zählten oder gar Häscher der Dionels waren, sein Messer in den Bauch zu rammen, doch danach wurde er, wie nicht anders zu erwarten war, von allen Seiten gepackt und schnell niedergerungen.

Während Sitar um sein Leben bangte, kam es jedoch überraschenderweise zu einem hitzigen Disput unter den Trollen.

Denn als einer von ihnen gerade mit seiner Axt dem jungen Magier den Gar durchschneiden wollte, war ihm ein andere in den Arm gefallen.

Schließlich wurde zu ihrer Erleichterung auch Gelyoc hastig gefesselt und geknebelt und dann wurden sie beide geschultert und im Laufschritt aus der Kammer und im Dunkel der Nacht auch unbemerkt aus dem Gasthaus getragen.

Gelyoc schien dabei ohne Bewusstsein und Sitar sah beunruhigt, dass sein Haar voller Blut war.

Doch noch mehr besorgt war sie um Garfin.

Ihn ließen sie zurück.

Sie hoffte inständig, dass das nicht bedeutete, das ihr Bruder tot war.

~

Tralzio, Meloragh und Sherg gingen schweigend und raschen Schrittes nebeneinander durch die dunklen Gassen von Thiern-Hang.

Doch eigentlich schwiegen nur Sherg und Meloragh.

Tralzio hingegen summte leise eine Melodie.

Der Varaskonier einen Schritt voraus, zog sich fröstelnd die Lederweste enger um den Leib und blieb an einer Kreuzung stehen.

„Was nun?“ Fragte er den Zauberer, der sein Lied unterbrach um ihn fragend anzusehen.

„Rechts oder Links?“

„Rechts!“ Murmelte Tralzio unwillig wegen der Unterbrechung.

„Ist es denn möglich, dass ihr euch nicht mehr erinnert wo …?“

Er stockte mitten im Satz und die beiden anderen folgten seinem Blick zur gegenüberliegenden Straßenseite.

Dort stand eine Gruppe dunkler Gestalten, die den Weg blockierten.

Sie trugen leichte Rüstungen mit grünen Umhängen.

An den Seiten Schwerter und Eisenhelme auf den Köpfen.

All dies entsprach dem Äußeren der Stadtwachen, die sie vereinzelt am Tage schon gesehen hatten.

„Was wollen denn diese Burschen von uns,“ knurrte Sherg.

Die Stadtwächter hatten sie bereits bemerkt und der Anführer, ein Mann mit langen grauen zu einem Knoten gebunden Haaren und einem schwarzgrauen Vollbart, trat aus dem Schatten auf sie zu und gebot ihnen stehen zu bleiben.

Rasch hatten seine Männer einen Halbkreis gezogen und richteten ihre Waffen auf die drei.

Der welcher offenbar ihr Hauptmann war, trat vor.

„Im Namen Lord Fergans, ihr seit festgenommen! Legt auf der Stelle eure Waffen nieder!“

Sherg seufzte leise und Tralzio der wusste, dass der Kämpfer damit seine Anspannung vor dem Losschlagen zum Ausdruck brachte, hielt ihn kurz am Arm fest, als Meloragh ihnen einen kurzen Blick zu warf und dann vor trat.

„Das muss ein Irrtum sein Hauptmann, wessen beschuldigt ihr uns?“

Der Kommandant antwortete barsch:

„Tut was ich sage, oder wir müssen euch gebunden vor den Lord führen.“

Die Feindseligkeit in den Worten des Ritters überraschte sie, doch ehe Meloragh noch etwas erwidern konnte antwortete Sherg mit bedrohlichem Unterton in der Stimme:

„Niemand bindet einen Sentir,!“ und im nächsten Moment schüttelte er Tralzios Hand ab und zog sein Breitschwert aus der Scheide.

Meloragh wandte sich halb um, um ihn zu beruhigen, doch schon zog auch der Hauptmann sein Schwert und seine Männer hoben ihre Speere zum Angriff.

Tralzio war jedoch schneller. Sein Zauberstab hieb zwischen die Klingen und verhinderte so ihr Zusammentreffen.

„Hört auf…,“ rief er, doch dann zuckte er erschrocken zur Seite, denn von hinten zischte etwas an seinem Kopf vorüber und im nächsten Augenblick steckte ein Pfeil in der Stirn des Hauptmanns, der mit ungläubig großen Augen vorn über kippte und in Meloraghs Arme viel.

„Was zum Teufel…!“ Entfuhr es ihr.

Da zischten weiter Pfeile gegen die Stadtwachen, welche sich natürlich hinterrücks angegriffen fühlten und darum augenblicklich auf die drei Gefährten los gingen.

Der Kampf war kurz und blutig denn fast immer wenn Sherg, Meloragh oder Tralzio ihre Gegner gestellt hatten und zur Aufgabe zwingen wollten, vollendeten der geheimnisvolle Schützen aus dem Schatten durch tödliche Genauigkeit das Werk gnadenlos.

Als alle Wachen erledigt waren, blickte sich Sherg wild nach dem brutalen Helfern um.

“Kommt heraus ihr feiges Gesindel!“

Rief er.

Nach dem einige Minuten nichts geschah, kam aus dem Dunkel plötzlich eine einzelne Gestalt geschlendert.

Die Armbrust bereits wieder über die Schulter, neben das lange Bündel im Rucksack, gehängt.

Es war der Barde, den sie in der Spelunke gesehen hatten.

Sein Gestalt wirkte nun deutlch kleiner.

„Seit ihr des Wahnsinns, ihr Zwerg!“ Schrie ihn der Varaskonier an. „und wo ist der Rest von euch?“

Der Kleinwüchsige, sicher ein Tewir, zog die dicke Nase kraus.

Mehr von seinem Gesicht war unter einer Kaputze immer noch schwer zu erkennen.

„Wovon sprecht ihr, ich allein war es der heldenhaft euch aus der Patsche half. Hätte ich nicht eingegriffen, so läget ihr tumben Riesen, zweifellos, nun dort anstelle jener, aber genauso mausetot.“

Er warf nun die Kaputze zurück und blickte kühn in Shergs verdutztes Gesicht.

„Außerdem, erkennt ihr mich nicht Herr der Sentir? Wir schlugen uns einst in einem gemeinsames Abenteuer und ihr gabt mir zuletzt einen Auftrag. Um Euch das Kleinod zu überrbringen, welches Gegenstand dieses Auftrags war, war ich auf dem Weg zu Euch. Welch Zufall Euch hier zu begegnen.“

Sherg zog die Augenbrauen empor und betrachtet den Tewir genauer.

„Varo! Ihr seit es!“ Rief er erstaunt aus.

Meloragh und Tralzio machte ein ebenso überraschtes Gesicht.

„Nun,“ sagte die Gräfin „so sind wir euch wohl zu Dank verpflichtet Herr, aber ich bin nicht sicher, ob uns die Wachen wirklich angreifen wollten.“

Varo grinste finster.

„Glaubt mir, sie wollten euch töten und ich musste befürchten, das ihr es vielleicht zu spät bemerkt. Schaut: “

Varo ging auf den am Boden liegenden Kommandanten zu und öffnete seinen Mantel.

„Er trägt auf seinem Waffenrock das Wappen Coceons.“ Brummte Tralzio.

Sherg kratzte sich nachdenklich am Kopf und Magier fixierte erneut die dunklen Gassen, da sie nun, sich rasch nähernde Schritte vernahmen.

„Rasch bevor noch mehr von ihnen kommen.“

Verkündete Tralzio.

„Ihr habt recht Magier, aber last euch mich kurz vorstellen, soviel Zeit muss sein. Meine voller Name laute Tami Varo, ich bin ein Fährtenleser und so manches Andere, aus Silnis, der schönen Stadt an den Hängen des Glanuk.“

Meloragh nickte ihm zu.

„Gut, ihr kamt zur rechten Zeit, doch unter anderen Umständen würde ich vielleicht zu dem was hier geschehen ist mehr Worte verlieren, nur wir haben es wirklich eilig, jetzt mehr denn je.“

Tralzio und Sherg stimmten ihr zu.

Sherg wies auf das Bündel in seinem Rucksack.

„Habt ihr also tatsächlich den Stab dabei?“

Sagte er ungläubig.

Varo lächelte.

„Das Unvermutete ist meist am sichersten. Man hält mich so oft für einen Barden.“

„Dann kommt rasch mit uns. Das ist eine wirklich gute Nachricht, aber wir fürchten nun um die Sicherheit unserer Kameraden.“

„So ist es“, sagte Tralzio, „wir können das später noch genauer besprechen. Erst einmal könnt ihr uns ja begleiten wenn ihr wollt, bevor wir noch mehr Zeit verlieren.“

Varo nickte und sie nahmen gemeinsam den Weg zum Gasthaus wieder auf.

Als sie Garfin fanden, war er noch bewustlos.

Meloragh gelang es ihn wieder zur Besinnung zu bringen, doch seine Kopfprellung war so schwer, dass sie unbedingt schnellstens einen guten Heiler finden mussten.

Der Kampflärm hatte leider zu spät die Wirtin und ihre Diener geweckt, die Garfin gefunden und auf einen der Wirtshaustische gebettet hatte.

Niemand konnte die Angreifer genau beschreiben und der Elf selbst war noch zu benommen um mehr als die Worte: „Troll… Überfall, sie wollen ins Wenkohr…, entführt,“ herauszubringen.

Aber aus dem Wenigen verdichtete sich für die andern doch der Verdacht, dass die Gruppe der am Abend in der Wirtstube anwesenden Trolle etwas damit zu tun hatte.

„Verdammt!“ Fluchte Tralzio, „nun sind wir kaum unterwegs, schon haben wir Sitar verloren. Wir können beinah froh sein, dass sie offenbar nicht den Auftrag hatte sie sofort zu töten.“

Meloragh und der Varaskonier nickte. „Aber warum? Wir müssen sie sofort verfolgen, denn wir können nicht wissen, ob sie bloß damit warten bis sie sicher sind, dass sie niemand dabei stört.“

„Was ist mit Garfin? Er kann so nicht mitkommen“, meinte Sherg.

Tralzio ging zur Wirtin und wechselte mit ihr ein paar Worte und einen Beutel mit Münzen, dann kam er zu den anderen zurück.

„Sie hat bereits nach einem Heiler geschickt. Mehr können wir nicht tun im Moment. Er muss uns einfach folgen.“

„Aber es könnte gefährlich sein ihn hier alleine zurückzulassen.“ Antwortet Sherg.

„Mitnehmen können wir ihn auch nicht,“ erwiederte Tralzio bestimmt.

„Er brauch zwei Tage Ruhe wenigstens, bevor er wieder auf ein Pferd kann.“

Meloraghs Blick fiel, nun plötzlich zum ersten Mal auf das Schwert, dass Sherg auf dem Rücken trug.

Sie erbat es von ihm und betrachtete es genauer.

„Ist es möglich, dass dieses Schwert…“ Sherg nickte.

„Es ist eines der Sieben.“ Meloraghs nahm das Schwert zur Hand und zog es aus der Schneide.

„Die Zeichen darauf sind eindeutig.“

Garfin stöhnte leicht, als wollte er etwas beitragen, doch er sank stattdessen, offenbar doch zu schwach, zurück auf den Tisch und schloss die Augen.

„Es ist Savandir,“ bestätigte Sherg, „ich fand es vor etwa sieben Jahren, unter dem Berg Celeb-Draugh bei Ettrion. Es war einst das Schwert des Kaisers.“

Die Blauelfe strich liebevoll mit ihren schlanken Fingern über die Klinge.

„In Althear sah ich Menardir, das Schwert meines Vaters, das dieser einst dem König von Adrohn zum Geschenk gab. Man hatte es nach der Schlacht auf Asthric zurück in den Plast bringen können und es wäre bei der Flucht der Königsfamilie fast verloren gegangen.“

Sherg hob die Augenbrauen.

„Die Geschichte müsst ihr uns genauer erzählen. Fast verloren sagt ihr, also in wessen Besitz ist es nun? “ sagte er.

„Tragt ihr es selbst bei Euch?“

Meloragh schüttelte den Kopf.

„Walbas der Priester gab es Daral, der letzten Nachfahrin der Gorifor.“

Sie sah in die erstaunten Gesichter der anderen.

„Ja, ihr Haar ziert eine silberne Drachen-Strähne.“

Die Gräfin von Elberak lächelte grimmig.

„Warum sollen wir nicht die Waffen benutzen um damit die Feenkönigin zu bekämpfen.“

Sherg brummte.

„Aus dem selben Grund, entschied ich Savandir mit mir zu nehmen, anstatt es in Fejan zu verstecken.“

„Aber geht es nicht eigentlich darum die Schwerter zusammenzubringen, wegen der Machtsteine?“

Sagte Tralzio.

„Eben dafür brachte ich doch den Stab zu euch.“ Ergänzte Varo.

„Richtig“, antwortete der Varaskonier, „aber das will auch die Feenkönigin. Solange wir nicht alle haben, sollten wir sie einsetzten und voneinander getrennt halten.“
„Hmm, vielleicht,“ antwortete Tralzio, „doch im Kampf können sie auch an den Feind verloren gehen. Was wir auch tun, es könnte ein Fehler sein.“

Der Varaskonier strich sich nachdenklich über den Bart.

„Wo ist eigentlich Gelyoc?“ Unterbrach Tralzio sie nun plötzlich, er sah etwas verlegen aus, dass ihm das Fehlen seines Schülers noch nicht früher aufgefallen war.

„Ah ja, er hätte schon vor uns hier sein müssen. Aber, er scheint ebenfalls verschwunden. Haben Sie ihn auch mitgenommen?“ Sagte er zu Garfin gewannt.

Der Elf, inzwischen wieder etwas mehr bei Sinnen, nickte schwach.

„Ich sah ihn hereinstürmen, kurz bevor ich niedergeschlagen wurde,“ flüsterte er.

Die Wirtin kam nun erneut herein und in ihrer Begleitung zwei Träger des Heilers nach dem sie geschickt hatte.

Sherg erhob sich und sagte nun entschlossen. „Lasst uns endlich aufbrechen, bevor diese Bastarde zu viel Vorsprung gewinnen.“

Tralzio sah ihn einen Moment an. „Was ist mit Eurer Wunde Sentir?“

Der große Kämpfer schüttelte das verwundete Bein.

„Sie ist nur ein Kratzer und außerdem würde ich auch mitkommen wenn ich nur noch ein Bein hätte.“

Tralzio schmunzelte.

Schließlich begleiteten sie Garfin noch zum Haus des Heilers um sicher zu sein, dass er hier gut aufgehoben war.

Ein untersetzter Mensch in fortgeschrittenem Alter, der einen ziemlich vertrauenswürdigen Eindruck machte.

Sherg drückte ihm eine stattliche Menge Münzen in die Hand und nahm ihr das Versprechen ab den Elf zu pflegen und darüber in der Stadt Verschwiegenheit zu wahren.

Dann gingen sie eilig hinaus, in das noch facettenreiche Grau des frühen Tages.

Varo, hatte sich inzwischen um die Pferde gekümmert und nun saß nun bereits draußen auf der Gasse auf seinem eigenen scheckigen Clegh-Pony.

„Diese Trollbande wird zu Fuß nicht weit kommen,“ rief Sherg während sie endlich auf ihre Pferde sprangen.

„Hah,“ lachte Varo grimmig, „täuscht euch nicht, sie sind gute Läufer und es könnte auch sein, dass sie vor der Stadt irgendwo eigene Ponys oder sogar Jagdwölfe versteckt haben.“

Tralzio musterte den Tewir. „Ihr werdet uns also begleiten?“

Er blickte ihm fest in die Augen.

“Was macht euch so sicher, das wir damit einverstanden sind?“

„Ihr habt wie ich mir zu erwähnen erlaube, keinen besseren kenner des Landes zur Hand. Wenn die Entführer eurer Freunde es ins offene Gelände schaffen seit ihr ohne ortskundige Hilfe im Nachteil?“ Antwortete Varo mit einem Schmunzeln auf dem Lippen.

„Außerdem,“ er blickte zu Sherg, „Seit ihr mir noch meinen Lohn schuldig. So lange lasse ich Euch nicht aus den Augen.“

Sherg lachte rau.

„Das hat Zeit. Ihr seit ein schlauer und wie wir sehen durften auch zielsicherer Bursche. Was gerade in unserer Situation gefragt ist. Tragt den Stab uns also noch etwas hinterher.“

Die drei tauschten einen kurzen Blick aus, dann nickte Tralzio. „Wir haben ohnehin keine Zeit eine besser überlegte Entscheidung zu treffen, seit also willkommen Tewir, aber haltet Euch zurück damit, nur auf eigene Rechnung zu handeln.“

„Ich werde mich bemühen,“ lachte Varo.

„Also dann, vorwärts!“ Rief Sherg ungeduldig und gab seinem Pferd einen Klaps.

Wenig später sprengten vier Reiter durch die morgendlichen Gassen Thiernirs und schließlich durch das Südtor der Stadt wo einer der verschlafenen Torwächter ihnen erstaunt nachblickte.

„Das ist doch schon die zweiten Gruppe so früh heute morgen,“ murmelte er seinem Kameraden zu, der jedoch lenkte seine Aufmerksamkeit auf einen Trupp von Rittern die gerade jetzt aus Richtung der Burg herbei geritten kamen. Sie gestikulierten wild.

„Und das waren offenbar nicht die Letzten,“ brummte er seinem Kameraden zu.

__________________________________________________________________________________

1 Hexenreim, aus der Sammlung merkwürdiger Zaubersprüche der Magierin Olimpe Zivalos
2 Hulari: elfische Bezeichnung für Tewir
3 Miran: Silberstein, kommt nur in einzelnen Bergen vor, die tief im Gasfrogan liegen. Oft in Narim-Gebieten.
4 Zuang: Ein starkes dunkles Bier, dass nur in der Holzfällerstadt gebraut wird.
5 Froox: koboldhafte Wesen, deren Wurzeln auch im Gasfrogan lagen, die sich aber eher selten zu den Elfen hingezogen fühlten, sondern wegen ihres verschlagenen Charakters, sich unter den Menschen wohler fühlten.
6 Utemkraut: Gewonnen aus der großblättrigen Utemtopflanze, welche die Tewir auf ihrer Hügelheimat bevorzugt anpflanzen.

KAPITEL 12

ERVENREK

Es war eine wilde Jagd,
die Röcke flogen,
keiner sprach ein Wort.
Im Hörner Klang der Pfeile,
flogen sie voran,
tödlich war ihr Fang.
1

Varo ritt voran, denn er wusste die Spur, welche die Gruppe der Bergtrolle auf ihren Clegks hinterlassen hatte, wie versprochen rasch zu finden.

Das Waldstück abseits der Straße, wo die Entführer die Tiere zurück gelassen hatten, auf denen sie nun ihren Vorsprung hielten, hatten sie schnell entdeckt.

Die Fährte verließ jedoch wenig später bereits die breite Straße am Südufer des Djnn und bog auf die weite Karage-Steppe ab.

Durch stark bewachsenes Buschgelände mussten sie auf dem zunächst sehr schmalen Pfad ihre Pferde fast im Schritt führen und Varo, Tralzio sowie die Verfolgten auf den kleinen und wendigeren Ponys, waren nun klar im Vorteil.

Der Fluchtweg allerdings lag um so deutlicher vor ihnen allen und führte nach Südosten, auf den Lauf des Erven zu und somit in Richtung des großen Ervensees, wie Meloragh nüchtern feststellt.

„Was die Chai im Wirtshaus gesagt hat, scheint der Wahrheit zu entsprechen!“

Sherg trieb sein Pferd direkt an den Schweif von Tralzios Pony heran das dieser ihn verstehen konnte.

Der Magier nickte.

„Sie reiten jedenfalls nicht auf direktem Weg nach Coceon. Vielleicht wollen sie uns in die Irre führen? Ich glaube aber dass sie am Ervensee in Richtung Notawenkohr abbiegen werden. Von dort gibt es eine alte Straße, welche die Grassteppe auf schnellstem Weg bis zum Gebirge durchquert.“

„Da wir noch immer nicht ihre Leichen gefunden haben, könnten sie auch den Auftrag haben die Gefangenen irgendwo abzuliefern, vielleicht in Ervenrek, die Festung liegt in dieser Richtung.“

Meloragh schüttelte zweifelnd den Kopf.

„Nein,“ murmelte sie, „ich weiß nicht in wessen Auftrag sie handeln, aber irgendetwas ist merkwürdig an diesen Trollen.“

Tralzio, der das schnelle Reiten nicht gerade gewöhnt war, mühte sich sichtlich das Pony nicht ausbrechen zu lassen, während ihm dicke Schweißperlen auf der Stirn standen.

Meloragh beobachtete den Tewir der scharf voraus ritt.

Eines gewissen Misstrauens gegen ihn konnte sie sich nicht erwehren, denn sein Auftreten im Thiern-Hang war doch zu mysteriös gewesen und außerdem war sie noch keinem Wichtel begegnet, der irgendeine Aufgabe aus reiner Hilfsbereitschaft erfüllte.

Nein, dieser Tewir hatte ganz bestimmt seine eigenen Interessen, über die Belohnung hinaus, die er für die Beschaffung des Stabes noch einzufordern hatte.

Andererseits kannte er sich vermutlich am besten hier aus und schließlich hatten sie einen kundigen Führer gesucht.

~

Sitar spürte während des anhaltend scharfen Rittes, all ihre Muskeln und war froh, dass sie nun endlich am Ufer dieses großen Sees, den sie bereits einige Zeit entlang geritten waren, ihre Flucht unterbrachen.

Trotz der Müdigkeit und der Schmerzen in ihren gefesselten Handgelenken, musterte sie ihre Entführer nun genauer.

Zwei hagere Trolle in schwarzen Lederwesten kamen derweil auf sie zu geschritten und halfen ihr vom Pony.

Dann stießen sie, sie unsanft vor sich her zum Wasser.

Dort wartete ihr Anführer, ein etwas größer gewachsener, breitschultriger Kerl mit einem gewaltigen schwarzen Schwert an seinem Gürtel.

Auch Gelyoc, der gerade wieder zu Bewusstsein gelangt war, wurde zum Ufer gezerrt.

Sein und Sitars Blick trafen sich.

Aus seiner Sicht war der Gedanke bestimmt nicht schön, aber irgendwie war sie froh darüber, nicht alleine in den Händen dieser finsteren Gesellen gefallen zu sein.

Ein dickleibiger Kerl mit geflochtenem Schnauzbart, dessen doppeltes Kinn sein wulstiges Gesicht noch unvorteilhafter machte, stand neben dem Anführer und stützte sich auf eine breite, zweischneidige Axt.

„Ich sagte dir doch Grimok, nur die kleine ist die, die wir gesucht haben, der andere…“ Er zeigte mit einem fetten, beringten Finger auf Gelyoc. „…der da ist nur ein wertloser Knabe und wir hätten ihn sofort erledigen sollen anstatt ihn auch noch mit zu schleppen.“

Seine Aussprache des Endar war sehr bruchstückhaft und der Angesprochene, den er Grimok genannt hatte warf ihm einen finsteren Blick zu und zischte ihn dann ungehalten an:

„Sei endlich ruhig! Ich habe entschieden beide mitzunehmen. Wer kann diese Menschen schon genau auseinander halten und so vermeiden wir es einen Fehler zu machen und Zimoke wird uns dankbar sein.“

Der Dicke spuckte irgendetwas Ekliges an dem er gekaut hatte neben sich ins Gras.

„Ich bezweifle, das der da ein Mensch ist. Vielleicht hat er sogar Dundurblut in sich, aber wir werden in jedem Fall langsamer voran kommen mit zwei von denen, anstatt mit einer Gefangenen. Ich bin dafür, dass wir den Kerl jetzt gleich ersaufen und…“

Im selben Moment verstummte er, da Grimok ihn mit seiner kräftigen rechten Hand am Hals packte und schüttelte.

„Du hältst jetzt dein Maul Yorl, oder ich stopfe es dir voll Seeschlamm!“

Erst als Yorl, der deutlich weniger kräftiger wirkte als Grimok, röchelnd nickte, ließ dieser ihn wieder los.

Er murmelte etwas in seinen Trollbart und watschelte dann zu einer kleinen Gruppe hinüber, die er offenbar zu seinen Freunden zählte um mit ihnen die Köpfe zusammenzustecken und unfreundliche Blicke herüber zu werfen.

Grimok, der groß und muskulös war, vorallem aber durch seine breite Nase auffiehl, wandte sich nun den Gefangen selbst zu, während er aus einer Brusttasche einen dicken Rauchstab zog, ihn genüsslich anzündete und Sitar den Rauch ins Gesicht blies.

Die Trolle, die sie festhielten lachten, als sie kräftig husten musste.

Der Anführer musterte Sitar und Gelyoc daraufhin unter zusammengezogenen Augenbrauen.

„Eure Gestalt ist sehr ähnlich,“ brummte er, „und in der Dunkelheit der Stube, … aber jetzt ist es klar.“

Er blickte Sitar grinsend an, wobei seine spitzen Eckzähne bedrohlich hervorragten.

„Du bist das Mädchen, das unsere Trollgaer haben will.“

Er biss ein Stück von seinem Rauchstab und spukte vor ihr aus.

Warum also sollte ich diesen Kerl am Leben lassen, immerhin hat er Zulk verletzt, auch wenn er tatsächlich ein wenig mit uns verwandt scheint.

Er blickte nun Gelyoc abschätzend an.

Sitar schluckte, doch bevor sie antworten konnte beugte er sich zu dem Halbtroll vor, dessen Hände ebenfalls noch gefesselt waren , und packte ihn am Kinn.

Dabei grinste er nun breit.

„Dieser Yorl ist ein Dummkopf, er hat keinen Sinn für Geschäfte. Wir könnten dich immerhin gewinnbringend als Rudersklaven an die Nordmänner verkaufen.“

Er lachte und stieß Gelyoc daraufhin mit solcher Wucht seine Faust in den Bauch, dass dieser schmerzhaft aufstöhnte und auf den Hintern fiel.

„Ich hasse Halbblüter.“ Brummte er grimmig.

Gelyoc stöhnte, rappelte sich jedoch mit zusammengebissenen Zähnen schnell wieder auf.

Der Anfüher zog die Augenbrauen empohr.

„Sieh einer an, ich dachte mir doch, das er einiges verträgt. Außerdem ist es wahrscheinlich, dass die mit denen ihr zusammen wart uns verfolgen und mit zwei Geiseln haben wir einen doppelter Schutzschild,“ brummte er.

„Gebt ihnen endlich was zu essen und dann setzt sie wieder auf die Ponys, wir müssen sehen, dass wir weiter kommen.“

Während man ihnen Brot und Wasser gab, kamen sie dicht neben einander zum sitzen.

„Du bist ein Dummkopf,“ flüsterte Sitar Gelyoc zu.

„Ich weiß,“ gab er zurück, „aber ich wette du bist froh wenigstens nicht der einzige Dummkopf hier zu sein.“

Sie funkelte ihn wütend an, doch dann liefen ihr Tränen über die Wangen.

Gelyoc kniff die Lippen zusammen.

„Glaubst du, Garfin ist tot?“ Schluchzte sie leise.

„Ich hoffe es nicht,“ murmelte er, „die anderen werden bestimmt rechtzeitig zurückgekommen sein, sie hatten mich ja bloß einige Minuten vor geschickt.“

Sie nickte stumm.

„Wer ist diese Zimoke?“ Gelyoc zuckte mit den Schultern.

„Keine Ahnung.“

Sitar machte ein verdrießliches Gesicht, murmelte aber dann:

„Ich bin wirklich froh, dass du hier bist.

„Ich auch,“ gaben seine Augen zurück und er flüsterte:

„Sie sind uns bestimmt schon auf der Spur, mein Meister wird alles tun um mich, äh und natürlich auch dich zu retten.“

Er zwinkerte.

„Und sonst wird mir schon was einfallen, ich kann schließlich auch ein paar Tricks, wie du weißt. Aber wir sollten auf den richtigen Augenblick warten.“

Sie lächelte gezwungen und er war froh sie ein wenig beruhigt zu haben.

Doch im nächsten Moment wurden sie erneut unsanft hoch gezerrt und getrennt zu ihren Ponys geschleppt.

Sie ritten noch einige Zeit am See entlang und dabei erfuhren sie, dass die Trolle ihn in ihrer Sprache Riggan’dar, den dunklen Teich nannten.

Als sie schließlich einen breiten Zulauf von Osten erreichten, sahen sie ganz plötzlich eine Gruppe von etwa zwanzig Reitern rasch auf sich zu kommen.

Sitar spürte wie ihr die Furcht die Knie hoch kroch ohne genau zu wissen warum.

Die Trolle schienen jedoch nur wenig beunruhigt.

Als sie die Gruppe eingeholt hatten, sah man dass sie allerdings wirklich Furcht einflößend aussahen.

Es waren Menschen, in schwarzen Lederrüstungen und mit leichten Fellmänteln darüber. Ihre Gesichter hatten sie fast vollständig mit Ruß bemalt und auf dem Kopf trugen sie Helme mit spitzen Zacken.

Ihr Anführer, ein knorriger breitschulterig Kerl, der nun den Trollankommandant ansprach, hatte ein gewaltiges Schwert in einer Scheide auf dem Rücken stecken und auch die anderen waren offensichtlich bis an die Zähne bewaffnet.

„Ho Trollmänner, woher des Weges?!“ Rief der Schwertmann.

Grimok antwortete:

„Gut euch zu sehen Mensch, wir sind bloß auf einem kleinen Beutezug und bereits auf dem Weg zurück nach Fehlarg. Doch ihr kommt zur rechten Zeit, denn wir werden verfolgt.“

Der Anführer der schwarzen Reiter grinste schief und zeigte dabei einige bedenkliche Zahnlücken. Sitar spürte unterdessen bei den Trollen um sie herum plötzlich das Gefühl von aufkommender Nervosität, die ihrer eigenen um nichts nach zustehen schien.

Ihre Wachen stellten sich unauffällig so, das sie den Reitern die Sicht auf die Gefangenen versperrten.

„Seht zu, dass ihr voran kommt, wir werden mit euren Verfolgern schon fertig.“ Sagte der Anführer jetzt.

Grimok gab rasch das Kommando und ihre Gruppe setzte sich wieder in Bewegung, die düsteren Ritter zurücklassend, welche ihre Pferde nun langsam wendeten und auf der Spur der Trolle zurück ritten.

„Wenn die andern ihnen wirklich dicht auf den Fersen waren, dann hoffte sie nur, dass sie auch auf der Hut waren und mit weiteren Feinden rechneten, sie hoffte es sehr.“

Ein Ruf schallte vom See herüber, den ihre Vorhut wohl schon erreicht hatte und riss sie aus den Gedanken. Sie waren gerade um eine Biegung der Uferstrasse gelangt und vor ihnen tauchte eine kleine Holzhütte auf, die an einem Steg lag an welchem ein großes Floß befestigt war.

Als sie den Steg erreichten sah Sitar zu ihrem Entsetzen, dass ein Mann eine Frau und zwei Kinder fürchterlich zugerichtet und offensichtlich tot vor der Hütte lagen.

Sie fing von Gelyoc einen nervösen Blick auf.

Die Trolle neben ihr grunzten und Grimok verzog ebenfalls das Gesicht, als sei er angewidert von solch sinnloser Gewalt.

Der Troll der jetzt plötzlich zu ihrer Rechten ritt und der wie sie gehört hatten von den anderen Jargs genannt wurde, trug wie sie jetzt aus der Nähe sah, eine mit fremden Symbolen bestickte Weste, und brummte:

„Diese verfluchten Hum, jetzt können wir das Floss selber steuern.“

Die Trolle stiegen ab und untersuchten die Leichen und schließlich auch die kleine Hütte. Einiges an Lebensmitteln und sonstigen Dingen schleppten sie daraus hervor und verstauten es in ihren Satteltaschen.

Gelyoc konnte scheinbar unbemerkt sein Pony neben das von Sitar lenken, während die meisten Trolle nun damit beschäftigt waren die Fähre zu untersuchen und in die richtige Position zu bringen.

„Ich glaube sie bringen uns nach Coceon,“ flüsterte er.

„Zumindest geht es über den See nach Osten, aber hätten sie nicht dem Fluß einfach folgen können? “

Gelyoc nickte.

„Ja, aber vielleicht wollen sie auch die verfolger in die Irre führen.“

Sitar nickte. „Ist das Gebirge schon nah?“

Der junge Halbtroll hob die Augenbrauen „Es ist heute zu bedeckt, aber bei klarem Wetter müssten wir es sehen können.“ brummte er.

Er warf einen raschen Blick zu Jargs hinüber, der sehr nah zu ihnen auf seinem Pony thronte und nun offenbar unruhig am Ufer entlang nach Süden blickte.

„Dieser Troll glaube ich, ist ein Magier,“ murmelte er, „und er scheint mir zudem der Schlaueste von allen. Als ich eben am Schluss der Gruppe ritt, hörte ich ihn zu Grimok etwas sagen, was mich verwirrt hat.“

Sitar musterte Jargs interessiert.

„Ich habe nicht alles verstanden, aber sie stritten darüber, dass es eine wichtige Prophezeiung gäbe, die zu erfüllen sie verpflichtet seien und Grimok spie aus, als er die Trolgear Zimoke erwähnte. Dabei sagte er so etwas wie die Sache sei doch reiner Wahnsinn.“

Sitar blickte ihn überrascht an, sagte dann aber nur: „Was bedeutet eigentlich Trollgear?“

„So etwas wie Anführerin oder Adlige“

Er machte ihr nun rasch ein Zeichen ruhig zu sein, denn der Erwähnte trieb jetzt sein Tier zu ihnen hin.

Sein Gesicht war mit schwarzen Streifen rechts und links der breiten Nase geschmückt.

Er schaute die beiden Gefangenen ernsthaft an und sagte:

„Wenn wir den See überquert haben, sind wir erst mal sicher.“

Sitar und Gelyoc blickten ihn aufgrund dieser Offenbarung überrascht an.

Doch bevor Gelyoc etwas sagen konnte hörte man vom See her einen Ruf nach Jargs.

Er nickte ihnen zu, stieg ab und ging gemessenen Schrittes zum Ufer hinunter.

„Sherg erwähnte gestern kurz, dass wir hier nah an der Baronie Erven sind, die Burg Ervenreck liegt am Ostufer eines Seeabflusses im Süden. Möglicherweise fürchten sie königstreue Truppen und auch diese schwarzen Ritter. Wenn ich es recht bedenke, verhielten sich ebenfalls so, als wären sie in Feindesland,“ zischte Gelyoc.

„Hoffentlich hast du recht,“ murmelte Sitar.

Wenig später befanden sie sich alle auf dem großen Floss.

Nach einer halben Stunde, die Sitar wie eine kleine Ewigkeit vor kam, tauchte aus dem letzten Frühnebel das andere Ufer auf, die weiten südlichen Gras-Ebene von Karage und dahinter sah sie nun die Bergkette des nördlichen Wenkohr.

~

Varo hob die Hand zum Zeichen, dass sie anhalten sollten. Die anderen zogen ebenfalls an ihren Zügeln und brachten ihre Tiere neben ihm zum Stehen.

Sie hatten das Ufer des Sees erreicht und dort nur einige Minuten weiter südlich erkannte man deutliche eine kleine Gruppe von Reitern, die in ihre Richtung unterwegs waren.

„Das sind keine Troll,“ bemerkte Sherg.

Varo nickte.

„Auf die Entfernung schwierig festzustellen um wen es sich handelt,“ murmelte er.

„Aber es bedeutet sicher nichts Gutes.“

„Wir sollten dort im Wald Deckung suchen“, meinte Tralzio, als er und Melorgah heran gekommen waren.

Die anderen nickten.

Sie erreichten rasch den kleinen Mischwald, durch den der breite Pfad hindurch führte, die Bäume standen weiter auseinander als im Elfenwald, das Licht fiel heller durch ihre Wipfel hindurch und bildete lange Schatten.

Sie trieben ihre Tiere mit großer Eile voran und achteten nicht besonders auf das dichte Buschwerk am Rand der Straße.

Bis sie plötzlich auf eine Lichtung ritten und Varos Pony vor einer mitten darauf liegenden reglosen Gestalt hoch stieg.

Mit einem Fluch auf den Lippen purzelte der überraschte Tewir von seinem Reittier herab.

Sherg dicht hinter ihm, riss sein Pferd geschickt zur Seite und zog dabei bereits sein Schwert aus der Scheide.

Doch im selben Moment vernahmen sie das Sirren von Bogensehnen aus allen Richtungen und Sherg stürzte im nächsten Augenblick mit einem Aufstöhnen von seinem Pferd.

„Verdammt!“

Rief Tralzio und wollte sich gerade über den Hals seines Ponys hinab beugen, als ein schweres Etwas von oben auf ihn herab sprang und ihn ebenfalls aus dem Sattel riss.

Meloragh, die die Situation schneller erkannt hatte, wollte ihren Hengst rasch wenden, als über ihr, eine Hand aus den Bäumen herab, die Kapuze ihres Mantels packte und sie mit so starkem Zug vom Pferd zog, das nun zuletzt auch sie stürzte und ihr Pferd im wilden Galopp davon lief.

In den Augen des jungen Ritter konnte Tralzio finstere Entschlossenheit lesen, als er nun das Messer an Varos Kehle legte.

Sie waren umringt von weiteren fünf Ritter in braungrünen Jagdröcken und in den Bäumen saßen sicherlich noch einmal so viele.

Ihre Hände waren mit starken Riemen auf den Rücken gebunden und in Shergs Schulter steckte ein Pfeil.

Die Wunde blutete heftig und der Varaskonier musste, wie der Magier deutlich sehen konnte, die Zähne zusammenbeißen um nicht laut zu stöhnen.

„Wer seit ihr und wo wollt ihr hin, Halbling!?“

Der Tewir verzog das Gesicht aufgrund dieser Schmähung und funkelte den menschlichen Krieger finster an.

„Wir verfolgten eine nicht zu übersehende Gruppe Trollkrieger. Seit ihr etwa mit diesem stinkenden Abschaum verbündet, dass ihr sie vorüber lasst und uns so feige in den Rücken fallt.“

Tralzio musste trotz der ernsten Situation schmunzeln. Der Tewir hatte soeben einige Pluspunkte bei ihm gemacht.

Die freche Antwort schien auch den Ritter zunächst zu verblüffen, doch dann verdunkelte sich seine Miene zunehmend und Tralzio befürchtete, er würde dem Tewir im nächsten Moment die Kehle durchschneiden.

Stattdessen aber hielt er sich sichtbar widerwillig zurück und zischte dann:

„Für eine solche Beleidigung ist schon so mancher seine Zunge los geworden.“

„Und für Dummheit, wurde schon so mancher Soldat aus dem Dienst geworfen“, konterte Varo scheinbar unbeeindruckt.

Der Ritter, verzog verächtlich die Mundwinkel wandte sich von ihm ab und musterte nun auch die anderen Gefangenen mit finsterem Blick. Sein Gesicht spiegelte trotz seiner Jugend schon reichlich Erfahrung wieder und er war ganz offensichtlich der Anführer der Truppe.

Er gab einem der um ihn herum stehenden Männer ein Handzeichen und dieser beugte sich sofort zu Sherg hinunter und begann damit seine Wunde zu versorgen.

„Ihr kommt also direkt aus Thiernir?“

Er war aufgestanden und zu Tralzio hinüber gegangen, den er nun ansprach.

Der Magier nickte.

„Spricht der Tewir die Wahrheit? Warum verfolgt ihr die Trolle?“

Tralzio nickte noch einmal.

„Die Tovok-Halunken haben zwei unserer Kameraden entführt“

Die Augenbrauen des Ritters hoben sich etwas.

„Entführt?, wiederholte er mit spöttischem Unterton.

„Hattet ihr Damen dabei?“

Tralzio wollte gerade darauf antworten, als Meloragh ihm ins Wort fiel. Sie war sehr gestürzt und darum hatte sie während der Unterhaltung bisher, mit ihrer Benommenheit zu kämpfen gehabt.

„So ist es, Baron Arfen, allerdings wurde diese nicht entführt. Ihr seit offenbar schon zu lange auf der Jagd in diesem Krieg, das ihr nicht mehr Freund von Feind zu unterscheiden wisst? Schaut auf mein Wappen. Eures, Turm und See hängt in der Halle von Ervenreck unter denen meiner anderen Vasallen.“

Der so angesprochene blickte überrascht zu ihr hinüber. Seine Augen verengten sich zu Schlitzen, dann weiteten sie sich vor Überraschung und er stand ruckartig auf.

„Bindet sie sofort los!“

Seine Leute taten wie ihnen geheißen wurde.

Als Meloragh sich nun stöhnend und mit einem Lächeln auf den Lippen aufrichtete, machte Arfen eine so förmliche Verbeugung vor ihr, dass man den Eindruck gewinnen musste er würde gleich vorn über kippen.

Sherg stöhnte nun ebenfalls, als ihm, der als einziger nicht aufgestanden war, unterdessen der Pfeil aus der Schulter gezogen wurde. Die Spitze blieb jedoch zu seinem Ärger darin stecken.

Er fauchte den Krieger, der ihn versorgte wütend an.

Auch Baron Arfen warf dem Mann, der dafür verantwortlich war einen strafenden Blick zu, dann wandte er sich an Melorgah.

„Wie konnten ich das übersehen, der ummauerte Baum von Elberak. Verzeiht mir Gräfin, aber Ihr seht aus wie eine einfache Waldläuferin.“

„Das war meine Absicht Baron.“

Arfen nickt, dann sagte er besorgt.

Seit ihr auf dem Weg in die Heimat?“

Er kratzte sich am Kinn.

„Ich bin sehr froh euch wohlbehalten zu sehen, aber ich fürchte mir sind keinen guten Nachrichten zu Ohren gekommen.“

Meloragh nickte und antwortete:

„Mir auch Baron aber bevor wir weiter uns austauschen, sollten wir gemeinsam von der Straße.“

Arfen blickte sie schuldbewusst an.

Meloragh lächelte grimmig.

„Vor einer halben Stunde sahen wir von Süden eine Gruppe Männer rasch auf diesen Wald zu halten, das könnt nicht ihr gewesen sein, also…“

Sie wurde von einem Schrei unterbrochen und Arfen fuhr herum.

„Reiter!“

Rief jemand aus den Baumkronen und schon im nächsten Augenblick preschte eine Gruppe von etwa zwanzig schwarzen Rittern mit gezogenen Waffen auf die Lichtung.

Für einen kurzen Moment schienen sie überrascht nicht nur auf die Gruppe der Verfolger der Trolle zu treffen, doch der Kampf war bereits unvermeidlich.

Tralzio und Meloragh sprangen sofort zu Sherg und zogen ihn hinter einen Baumstamm.

Baron Arfen der mit ihnen war, wehrte zwei Angreifer ab, die sie von ihren Pferden herab attackierten.

Die Luft war erfüllt vom Sirren der Pfeile aus den Bäumen, denen auch Schmerzensschreie der getroffenen Reiter folgten, doch deren Rüstungen hielten die meisten Pfeile ab.

„Wie viele Mann habt ihr noch dort oben?!“, rief Meloragh, wobei man ihrer Stimme die Erleichterung, nicht alleine den Reitern gegenüber zu stehen, anmerkte.

„Genug um mit diesem Gesindel fertig zu werden“, antwortete Arfen, während er einen der Reiter geschickt fintierte und dem anderen sein Messer zwischen die Beinschiene in den Schenkel rammte.

Der Ritter stöhnte auf und wandte sein Pferd ab. Rasch sprang nun Meloragh auch nach vorne. Mit einer Handbewegung und einem Zauber fällte sie den ersten Reiter aus dem Sattel, der dabei entsetzt aufschrie und am Boden reglos liegen blieb.

Nur eine viertel Stunde später war alles vorbei.

Die Hälfte der schwarzen Ritter lag tot auf dem Waldboden, die andere Hälfte war geflohen, doch es waren auch fünf Soldaten Arfens gefallen und drei weitere verletzt.

Mit finsterem Blick wendete der Baron eine der Leichen der Ritter auf den Rücken. Er spuckte neben den Körper auf den Boden und als Meloragh ihn fragend anblickte, wies er auf den toten Soldaten, der bei ihrer Ankunft bereits auf der Lichtung gelegen hatte.

„Schon seit Wochen bringen diese coceanischen Meucheler unsere Grenzwachen um, endlich haben wir sie mal erwischt.“

Tralzio und Sherg tauschten gleichzeitig einige hitzige Worte aus und Melorgah blickte sie daher nun erstaunt an.

Der selbe Krieger, welcher zuvor bereits den Varaskonier behandelt hatte, kniete auch jetzt vor ihm und wirkte gegen die massige Gestalt Shergs geradezu kleinwüchsig.

Tralzio zuckte zu Sherg hin mit den Schultern und wiederholte seine vormaligen Worte noch einmal, so das sie Meloragh auch verstand:

„Mit dieser Verletzung kannst du nicht weiter mit uns reiten, sei vernünftig…“

Sherg warf ihm einen entnervten Blick zu, doch bevor er etwas erwidern konnte zuckte er mit schmerzverzerrtem Gesicht zusammen und der Krieger, der gerade dabei war ihm einen Verband anzulegen blickte ihn strafend an.

Dabei sagte er: „Die Pfeilspitze muss raus, ihr kommt mit uns oder kehrt nach Thiernir zurück Herr.“

„Verdammt,“ murmelte Sherg und stieß resigniert die Luft aus.

„Ausgerechnet mir muss das passieren.“

Arfen hob die Arme.

Dann wandte er sich an Meloragh um ihr mitzuteilen, das sie alle Reittiere einschließlich ihres Hengstes wieder eingefangen hatten.

„Nun Herr,“ hob er schließlich an, „Syr Sherg,“ brummte der Varaskonier dazwischen.

„Oh,“ der adrohnsche Edelmann lächelte, „ihr seit ein Sentir?“

Sherg nickte fügte aber nichts weiter hinzu.

Meloragh fügte an:

„Meine weiteren Begleiter sind Tralzio, er ist wie ich selbst auch ein Ordensmagier aus Nevlon.“

Arfen warf dem Faun einen respektvollen Blick zu.

„Jener dort.“

Sie wies zu dem Tewir hinüber, der ganz damit beschäftigt war sein Pony zu versorgen.

„Nennt sich Varo, ein Tewir in Syr Shergs Diensten“

Einer von Arfens Leuten brachte nun Waldgurken, Brot und Trockenfleisch aus ihrem Proviant und der Baron von Ervenrek forderte sie mit dieser Malzeit zu beeilen.

Meloragh schüttelte jedoch den Kopf.

„Habt Dank, aber wir müssen sofort wieder in den Sattel, denn wie wir euch ja bereits sagten, verfolgen wir eine Gruppe von Trollen, die zwei weitere Kameraden von uns entführt haben.“

Aber sie ließen sich schließlich überreden und nahmen von dem Essen auch etwas mehr, um es in ihren Verpflegungstaschen zu verstauen.

Arfen blickte sie, als sie nun bereit waren, nachdenklich an.

„Die Trolle von denen ihr sprecht müssen gerade vor uns den Posten hier passiert haben. Wir fanden unseren Mann tot auf. Vielleicht waren sie es auch. Wir würden euch daher gerne helfen, doch jenseits des Sees endet unser Gebiet, wir haben genug damit zu tun es gegen fremde Übergriffe diesseits zu sichern.“

Meloragh nickte.

„Es ist Euer gutes Recht so zu handeln. Wisst ihr noch mehr über die Lage im Norden?“

„Ihr meint aus Coceon?“

Er schüttelte den Kopf.

„Niemand weiß etwas genaues, es gibt nur tausend Gerüchte.“

Seine Miene wurde ernst.

„Eines besagt allerdings auch, dass Herzog Elthor ebenfalls ermordet werden soll.“

Meloragh atmete scharf ein und nickte.

„Es würde mich nicht wundern.“

„Wie gesagt,“ fügte der Baron mit betrübter Miene hinzu, „nur ein Gerücht. Aber in jedem Fall gibt es bestätigte Meldungen von Kämpfen um die Burgen Helovar und Welhorg. Hier hörte man von riesigen Heerscharen und dass der König in Achanai gefallen sei und Althear in Elthors Hand. Aber das dürftet ihr bereits wissen oder?“

Tralzio nickte für die ernst versunken dastehende Blauelfe.

Arfen räusperte sich.

„Ihr kommt aus Thiernir, wisst ihr vielleicht was über meinen Grafen?“

Tralzio nickte.

„Nur, dass er angeblich mit seinen Rittern in der Burg Casaira fest sitzt. Die Stadt wirkt hingegen so, als gäbe es keinen Krieg. Sein Sohn Fergan regiert sie und schickte uns gleich seine Stadtwache auf den Hals.“

Arfen blies verächtlich die Luft aus.

„Dieser falsche Hund, daher beantwortet er meine Botschaften nicht?“

Er stand auf und zeichnete mit seinem Schwert etwas in den Waldboden.

„Hier ist der See, dort meine Burg Ervenrek,“ kommentierte er seine Zeichnung.

„Dort der Ravenwald und der Tempel von Fehlarg. Seit einer Woche melden meine Späher, das sich dort Truppen versammeln, das Tempelgelände, eigentlich nur noch Ruinen, wurde offenbar von Drachenpriestern übernommen. Ich glaube sie bereiten einen Angriff von Süden auf Thiernier vor.“

Er seufzte.

„Auch Baron Hoster von Raven hat die Seite gewechselt, fürchte ich.“

Während er das schilderte hatte seine Stimme einen bitteren Beiklang bekommen.

„Das hört sich nicht gut an,“ pflichtete Meloragh, die noch immer sehr unglücklich ausschaute ihm nun bei.

„Elberak ist verloren und Thiernir wird sich unter Fergan sicher ergeben.“

Sie blickte den Baron fest an. „Was wollt ihr nun tun?“

Er erwiderte ihren Blick stolz.

„Wir werden morgen Nacht einen Angriff auf Fehlarg reiten.“

Er wischte mit dem Fuß das Gemälde auf dem Waldboden fort.

Meloragh und Tralzio richteten sich ebenfalls auf.

„Ihr solltet einen Boten nach Wehrs Hain schicken, die Fejan sind auf unserer Seite, bereits tausend Elfenreiter sind unter der Führung von Prinzessin Elarell zur Unterstützung des alten Königs nach Althear geritten. Es gibt eine große Beratung aller Elfenclans und wir hoffen, dass sie in den Krieg eingreifen. Wenn ihr das Euer Gebiet halten könnt bis dahin.“

Arfen blickte den Magier überrascht an.

„Seit wann kümmern sie sich um menschliche Angelegenheiten?“

„Weil es hier um mehr geht, als nur einen Bruderkrieg unter Menschen, um mehr als nur um den Thron von Adrohn!“ Zischte Meloragh.

„Ihr werdet es sich schon selbst geahnt haben, es sind finstere Mächte im Spiel, mindestens sind es aber mächtige Feen und Drachen, es ist darum wichtig sich starke Verbündete zu suchen um gegen diese stand halten zu können.“

Arfen hob die Augenbrauen und warf einen Seitenblick zu Tralzio: “ Feen? Drachen, Faune?“ Sagte er, erkannte aber dass sie es ernst meinte und gab ihr die Hand.

„Ihr könnt mit mir rechnen Herrin,“ sagte er ernst.

Sie lächelte, zum ersten Mal seit sie wiederholt die schlechten Nachricht vom möglichen Tod ihres Gatten vernommen hatte.

„Gut, aber wir müssen jetzt wirklich los, denn jene die uns entführt wurden sind sehr wichtig für diesen Krieg.“

Sie blickte traurig zu Sherg.

„Wir müssen nun auch euch zurück lassen Varaskonier,“ ein Lächeln huschte über ihr Gesicht, „denn mit eurer Verletzung könnt ihr nicht schnell genug reiten.“

Sherg nickte mit zerknirschtem Gesicht.

„Sobald ich wieder dazu in der Lage bin, werde ich euch folgen und spätestens in Worlen, sehen wir uns wieder.“

Meloragh wirkte nachdenklich, während einer der Krieger Arfens die Pferde herbei führte.

Varo saß bereits auf seinem Pony und Tralzio stieg auf das seine.

Der Tewir schnallte seinen Rucksack mit dem Stab ab und reichte ihn an Sherg hinunter

„Den Stab solltet ihr jetzt nehmen,“ er schmunzelte, die Belohnung könnt ihr mir irgendwann einmal geben.“

Sherg wollte etwas erwiedern, doch Varo hob die schmale Hand.

„Ich sah das Heer in Coceon und die Drachenpriester dort. Auch mein Volk ist daran interessiert zu überleben.“

Meloragh schien unterdessen einen Entschluß gefasst zu haben und ging noch einmal vor Sherg in die Hocke.

„Das Schicksal geht zuweilen seltsame Wege,“ begann sie, „ihr seit vermutlich zwei bis drei Tage außer Gefecht, wenn es gelingt die Pfeilspitze problemlos heraus zu bekommen. Am besten ihrkehrt zurück nach Thiernir zu Garfin und bleibt mit ihm zusammen bis ihr beide wieder reise- und kampffähig seit. Dann könntet ihr unserer Spur folgen, wenn ihr wollt oder ihr übernehmt einen anderen Auftrag.“

Der Varaskonier sah sie fragend an..

„Ich mache mir Sorgen um die Zwillinge, die jüngsten Töchter des Königs. Ich habe sie mit Torgast nach Zacynos geschickt, aber ich befürchte inzwischen, das die Stadt schon in Elthors Hand sein wird. Auf meinen Ritter ist Verlass, aber mir wäre wohler, er bekäme weitere Unterstützung.“

Sherg nickte langsam.

„Was glaubt ihr wo sie sich jetzt befinden?“

„Von dort wo ich sie gestern verließ müssten sie die Hafenstadt in 4 Tagen erreichen, also werdet ihr dort nach ihnen suchen müssen, wenn sie nicht schon ein Schiff nehmen konnten. Ich gab ihnen den Rat die Hilfe der Gilde der Ralocs in Anspruch zu nehmen.“

„Ihr könnt Euch auf mich verlassen,“ antwortete Sherg.

Meloragh lächelte.

„Den Stab der Weissagung hingegen sollte Garfin nach Fejan bringen und mit seiner Hilfe versuchen im Gasfrogan-Wald das Elfenschwert Gaydir zu finden.“

Sherg lächelte gequält und ergriff Meloragh am Arm.

„Ihr werdet Eurerseits alles tun um Sitar zu befreien?!“

Einen Moment blickten sie sich in die Augen, dann nickte die Blauelfe und stand auf.

„Natürlich, auch ihr könnt Euch darauf verlassen,“ sagte sie und mit diesen Worten verabschiedete sie sich von Sherg und auch Varo und Tralzio grüßten noch einmal und im nächsten Augenblick jagten sie, nun nur noch zu dritt, auf den Spuren der Trolle davon.

Die Reiter waren bereits aus dem Blickfeld verschwunden, da wandte sich Arfen an Sherg: „Wer ist es, den die Trolle entführt haben?“

„Ihre Namen lauten Sitar und Gelyoc, er ist Tralzios Magierschüler und sie ist eine Fee.“ Antwortete der Varaskonier und schmunzelte über das Erstaunen welches sich aufgrund dieser Worte im Gesicht des Barons wiederspiegelte.

„Ich hörte Gerüchte über eine Feenkönigin,hielt es gemeinhin für ein Ammenmärchen“ sagte er und blickte der Staubwolke nach, die die entschwindenden Reiter markierte, „ist sie der Grund für all dies?“

Sherg nickte.

~

Varo ritt voran auf die Überreste eines Steges zu, der auch das Ende des Weges markierte und dessen zersplitterte vordere Balken auf dem ruhigen Wasser des Sees trieben.

Meloragh und Tralzio zügelten ihre Pferde dicht neben ihm.

„Das war zu erwarten.“

Der Zauberer grinste schief

„Was nun? Kein Floss, kein Rüberkommen.“

Varo blieb ihm die Antwort schuldig, glitt jedoch aus dem Sattel und holte mit raschem Griff aus seinem Rucksack eine Lekole,ein für Tewir typisches Zupfinstrument, hervor. Dann begann er zu singen:

…und der Held, der zog das Schwert,
unerschrocken ging er los,
das Ungetüm zu zwingen,
doch die Waffe war nichts wert
und so wollt’s ihm nicht gelingen…
lala, lala, lala…

Alle drei brachen in Gelächter aus, bis der Ernst der Situation sie schließlich wieder verstummen ließ, aber die Anspannung hatte sich etwas gelöst und Meloragh lächelte Varo dankbar an.

„Ich glaube Tewir, da habt ihr den rechten Nerv getroffen. Die Geschehnissen haben uns bisher so voran gehetzt, dass bisher kaum Zeit gelieben ist uns miteinander vertraut zu machen.“

Sagte sie.

Varo lächelte zurück und nickte.

„Ich nehme an, ihr habt eine Lösung parat hierfür?“ Rief er ihr nach.

Denn die Blauelfe war inzwischen zur Fährhütte hinüber gegangen und untersuchte die Spuren.

„Hier wurden offenbar Leichen durch das Gras geschleift,“ rief sie zu den anderen hinüber.

„Merkwürdig“, murmelte Tralzio und wieder zu Varo gewandt, „wisst ihr ob es einen anderen Weg auf die andere Seite gibt?“

„Sicher, ganz um den See herum, über Ervenrek, dort gibt es eine Brücke über den südlichen Zufluss.“

„Das würde uns eine Menge Zeit kosten,“ brummte Meloragh und zu Tralzio gewannt: „Eine Luftbrücke oder nutzen wir den Wind?“

Doch sie sah, das der Ukari-Magier bereits in tiefer Konzentration am Ufer stand.

Rasch schritt sie zu ihm hinüber.

„Du denkst an etwas anders wegen der Pferde?“ Er nickte stumm

„Wir werden sie drüben noch brauchen.“

„Teilen oder senken?“

Tralzio blies die Luft hörbar durch die Zähne.

„Teilen wird schwierig, zumal wir nicht genau die Entfernung kennen, aber für die Pferde ist es besser, wir kämen schneller durch.“

„Vielleicht bleiben wir noch hier die Nacht und gehen am frühen Morgen, dann können wir besser sehen, was uns drüben erwartet.

Varo, noch immer vor sich hin singend, stieg ab.

„Ich schau mir auch mal die Hütte an, vielleicht kann man sie ja benutzen, ich glaube es wird regnen heute Nacht.“

Die beiden andern blickten sich verblüfft an, als plötzlich ein dicker Regentropfen auf Tralzios Nase fiel.

~

Sitar dachte an den Geruch des großen Waldes, die wunderbare Farbenpracht der Eiskristallblumen auf den verborgenen Quelltümpeln im Herzen von Fejan und das rege Leben der Elfen, vor dem Hereinbrechen der meist schneereichen Winter unter den Clanbäumen.

Unsanft wurde sie aus den Gedanken gerissen, ihr Pony, das im strömenden Regen dem eintönigen Trab der anderen folgte, war in einem Schlammloch gestolpert und hatte sich nur mit Mühe gefangen.

Gelyoc war es, der direkt vor ihr ritt und seine gebückte Gestalt ähnelte durch den Regenvorhang jener der Trolle zum verwechseln.

Fröstelnd zog sie das alte Cap, das sie unterdessen von Jargs erhalten hatte enger um den Körper und wischte sich eine nasse Haarsträhne aus dem Gesicht.

Wenn sie noch lange weiter ritten, dann würde sie trotzdem nass bis auf die Haut werden und zudem sterbenskrank.

Dieser Troll gab ihr Rätsel auf, er war viel freundlicher als die anderen und schien sie nicht zu verachten.

Als Grimok einmal wütend geworden war, weil sie nicht mehr im Sattel sitzen konnte und eine zusätzliche Rast notwendig war, hatte er verhindert, dass der Anführer sie schlug.

Diese Missachtung seiner Autorität hatte dieser zu ihrer Überraschung zähneknirschend geschluckt und darum glaubte sie wie inzwischen auch Gelyoc, dass Jargs offenbar eine besondere Stellung in der Gruppe hatte.

Doch Sitars meiste Gedanken galten ihren Freunden.

Wo waren jetzt wohl Tralzio und die anderen? Waren sie den schwarzen Rittern entkommen?“

Jedenfalls nachdem, die Trolle so rasch das Floss bereit gemacht hatten und sie noch vor der Nacht übergesetzt waren, war ihre Hoffnung darauf, die Freunde könnten sie bald einholen, wieder stark gesunken.

Erneut beschlich sie auch der Gedanke, was aus ihnen würde, wenn die Gefährten sie gar nicht verfolgten, denn schließlich gab es bisher keinen Beweis dafür.

„Sicher, Gelyoc wollte nichts davon wissen und auch die Trolle schienen ihre große Eile darauf zu begründen, aber ein letzter Rest an Zweifel blieb und er nagte an ihr, denn immerhin war es auch möglich, dass auch die anderen in Thiernir überfallen worden waren, oder das sie anderen, wichtigeren Aufgaben nachgingen.“

Das Gebirge war ein dunkler Schatten am Horizont, das konnte sie trotz des Regens erkennen und sie spürte wie dieser ihr Herz düster umklammert hielt.

Aber zu ihrer rechten Seite tauchte nun auch eine zweite dunkle Linie auf und sie hatten ihren Kurs ganz leicht dorthin verändert.

Als sie Jargs, der jetzt einmal kurz sein Pony zu ihr zurück fallen ließ um nach dem Rechten zu sehen, danach fragte, meinte er knapp: „mani gu sey tilon ravent“

Nachdem sie darauf nichts zur Antwort gab, ergänzte er schmunzelnd : „Wart ihr niemals im wilden Wald von Raven?“

Sitar schüttelte den Kopf.

Jargs lächelte.

„Natürlich nicht. Ich trug euch ein altes Sprichwort meines Volkes vor. Raven, so heißt es, war einst Bestandteil des großen Waldes, den die Elfen wie ihr wisst Gat-fro-gh-al nennen. Vor vielen tausend Jahren, als dieser noch fast die gesamte Halbinsel Arkur bedeckte. Dort gibt es eine uralte adjn tonur, eine Stätte der Elfen Geister.“

Sitar machte große Augen „Du meinst einen Friedhof der Elfen?“

Er nickte und lächelte, während Sitar in den Sinn kam, dass das ihr zumindest lieber war als die Gesellschaft anderer Geister.

„Und dort wollen wir hin?“ Harkte sie nach.

Jargs nickte und machte dabei ein so betrübtes Gesicht, das die Halur beinah lachen musste.

„Für gewöhnlich nehmen wir nicht diesen Weg, sonder folgen der alten Straße weiter bis zum verborgenen Felstor von Urmong, doch diesmal haben wir dort etwas zu erledigen, wir gemeinsam.“

Sitar die sich doch ein wenig über seine plötzliche Gesprächigkeit wunderte, beschloss die Gelegenheit auszunutzen.

„Und dann, wo bringt ihr uns danach hin und wer ist euer Auftraggeber? Warum habt ihr uns überhaupt entführt?“

Der schlaksige Troll verzog das Gesicht, als sei ihm gerade erst aufgefallen, dass es seine Gefangene war, mit der er sich so angeregt unterhielt, doch dann bekamen seine rötlichen Augen einen traurigen Ausdruck.

„Wir Trolle sind unser eigenen Herren,“ murmelte er. „…auch wenn es manchmal nicht so ausschaut.“

Die Spitze der Karawane hatte in dem Moment angehalten, der Regen schien etwas zu versiegen um zum ersten mal an diesem Tag, die Sonne durch die Wolken schauen zu lassen.

So sah man, das eigentlich ein milder Spätherbst über der weiten Grasebene von Nord-Karage lag.

Doch es blieb nur die Laune eines Augenblicks, denn während Jargs ihr die eigentliche Antwort auf ihre letzte Frage schuldig blieb, und stattdessen sein Pony anspornte um wieder zur Spitze des Zuges zu gelangen, verfinsterte sich der Himmel erneut und der Regen setzte stärker als zuvor wieder ein und brachte eine Stunde später sogar kalten Sturmwind von Osten mit sich, der Sitars ganze Verzweiflung wieder zurück brachte.

Als sie schließlich endlich wieder eine Abzweigung erreichten, hielt der Trupp kurz an, aber nach einer lautstarken Besprechung an der Spitze des Zuges, die Sitar und Gelyoc nur bruchstückhaft mitbekamen, und die weil sie einem ihm fremden Dialekt des Trollgen gesprochen wurde, nur Gelyoc zum Teil verstand, ging es schließlich in vermehrtem Tempo weiter Richtung Süden.

~

Tralzio machte eine Geste der Entspannung und schon schlugen die Wasserwände, die er im See hatte entstehen lassen hinter ihnen mit Getöse zusammen und begruben den magischen Weg mit den frischen Hufspuren auf dem Seegrund unter sich.

Sie standen in ausreichender Entfernung auf einer kleinen Anhebung, um von der nun verursachten Überschwemmung des Ufers nicht betroffen zu werden.

Varo betrachtete das unnatürliche Naturschauspiel offensichtlich mit einer großen Portion Respekt, die ihm deutlich ins Gesicht geschrieben stand.

„Es kann sehr von Vorteil sein mit einem Magier zu reisen,“ murmelte er jedoch mit leicht spöttischem Tonfall.

Meloragh die neben ihm stand lächelte.

„Mit Zweien mein Bester, mit Zweien ist es noch besser.“

„Oh verzeiht Herrin,“ gab er schmunzelnd zurück, „ich wollte euch nicht beleidigen.“

„Also los!“ Sie sprangen wieder auf die Reittiere und jagten, weiter auf der kaum zu übersehenden Spur der Trolle nach Osten.

~

Am Morgen des dritten Tages, seit sie den Fluss überschritten hatten, gelangten sie, an den Rand des Waldes von Raven.

Die schmalen Stämme und nur kleinen Kronen, überraschten Sitar etwas und der Gedanke, dass dieser eher niedrige Wald einmal zu Gasfrogan gehört haben könnte, schien ihr kaum vorstellbar.

Ist das der Einfluss der Menschen?, dachte sie.

Der Pfad aus der nun endlich hinter ihnen liegenden Grassteppe, führte direkt in den Wald hinein und wurde etwas breiter.

Vieles deutete darauf hin, dass hier zu Friedenszeiten vermutlich Händler und Reisende unterwegs waren, denn sie kamen an einigen ausgebrannten Wagen und toten Tieren vorüber.

Außer einer ebenfalls zerstörten Raststätte, die sie passierten, wirkte der Wald jedoch wenig zivilisiert.

Sitar wurde bewusst, das ihre Entführer sehr nervös wirkten und andauernd aufmerksam den Waldrand beobachteten.

Plötzlich sahen sie vor sich eine Reihe kleine Gestalten über die Straße huschen und im gegenüberliegenden Dickicht wieder verschwinden.

Die Trolle zügelten ihre Ponys und zogen die Waffen. An der Spitze hörte Sitar wie Grimok und der dicke Yorl erneut laut miteinander stritten.

Jargs hingegen steuerte sein Pony zwischen Geyloc und Sitar.

„Frägs!“ Sagte er leise. „Wir hatte gehofft, der Krieg würde sie tiefer im Wald halten, aber das gegenteil ist vermutlich der Fall.“

„Was um alles in der Welt sind Frägs?“ Brummte Gelyoc.

Der Trollmagier schenkte ihm einen seltsamen Seitenblick ließ sich aber doch zu einer knappen Erklärung herab:

„Die Menschen nennen sie auch Waldkobolde.“

Er fügte an:

„Sie sind klein, aber verschlagen und sehr aggressiv und vor allem treten sie nur in großen Horden auf.“

Sitar warf einen ängstlichen Blick in die Richtung, wo sie die huschenden Gestalten gesehen hatten.

„Werden sie uns angreifen?“

Jargs nickte.

„Damit müssen wir rechnen.

All das,“ er wies auf die Straße hinter sich, „die Spuren der Verwüstung, hat schon auf sie hingewiesen.“

„Na prima,“ fiel Gelyoc ein, „da habt ihr ja wohl den gefährlichsten Weg ausgewählt der möglich war,“ er lachte trocken, „aber es war nett euch noch kennen gelernt zu haben.“

Jargs blickte ihn zerknirscht an.

„Was werdet ihr tun?“ Wandte sich Sitar unterdessen an ihn, doch ihre Frage wurde im nächsten Moment von Grimok beantwortet.

Der Anfüher brüllte laute Befehle und jeweils eine größere Truppe der Trolle ritt zur rechten und linken Seite der Straße in seitlicher Angriffshaltung weiter, während der Haupttross mit den Gefangenen sich in der Mitte hielt.

„Vielleicht trauen sie sich doch nicht an uns heran.“ Meinte Jargs und trieb sein Pony weiter vor um einige Worte mit einem anderen Troll zu wechseln.

So bewegte sich die Gruppe mit erhöhter Aufmerksamkeit tiefer in den Wald hinein, während die breite Straße zudem immer schmaler wurde und schließlich nur noch als Pfad bezeichnet werden konnte.

„Das ist doch merkwürdig,“ raunte Gelyoc Sitar zu, „wir sind hier mitten im Endar-Königreich Adrohn und doch wimmelt es von Gefahren.“ „Vielleicht hat das auch etwas mit dem Krieg zu tun,“ gab Sitar zurück.

Der Pfad vor ihnen versickerte im Wald und sie mussten anhalten.

„Hier stimmt etwas nicht, ich spüre das, da ist Magie im Spiel,“ murmelte Gelyoc.

„Glaubst du?“ Antworte Sitar mit ängstlicher Stimme.

Jargs stand jetzt neben Grimok an der Spitze der Trolle und sie tauschten leise Worte aus, während ihre Leute nervös um sich schauten und mit ihren Armbrüsten fest gespannt auf den Wald zielten.

Irgendwie wirkten die Anführer unentschlossen, fand Sitar und ihr Eindruck wurde bestätigt, als Jargs nach einiger Zeit wieder zu ihnen nach hinten kam.

„Hier verlief vormals die Straße zur Burg Raven, warum man die Straße nicht mehr sieht, ist uns ein Rätsel, aber wir können nicht umkehren, denn die Gefahren in unserem Rücken sind noch größer.“

„Von welchen Gefahren sprecht ihr?“ Grunzte Gelyoc und hielt ihm auffordernd die gefesselten Hände hin. „Lasst uns wenigstens mit kämpfen.“

Jargs seufzte und bleckte zugleich die spitzen Eckzähne.

„Ich spreche von den Verrätern am Menschen-König dieses Landes.“

Gelyoc blickte ihn überrascht an.

„Ich dachte ihr gehört zu denen?“ Sagte er trocken.

„Keineswegs,“ antwortete Jargs knapp, „uns geht es nur um Euch.“

„Um mich?“

Rief Gelyoc.

Der Troll schüttelte energisch den Kopf.

„Um die Fee natürlich. Ihr seit genaugenommen nur nutzloser Balast.“

Gelyoc blies die Backen auf:

„Aber…“ Jargs wedelte ungeduldig mit der Hand.

„Jedenfalls werden wir weiter reiten, wer oder was auch immer für diese Magie hier verantwortlich ist. Der Weg ist da, es ist nur ein Trugbild.“

Mit diesen Worten wandte er sich ab und mit ihm setzte sich die gesamte Truppe wieder in Bewegung.

„Ich glaube ihm kein Wort,“ murmelte Gelyoc zähneknirrschend.

Sitar warf ihm einen nachdenklichen Blick zu.

„Seine Worte machen mir Angst,“ flüsterte sie, „was haben sie mit mir vor?“

Der Wald wurde unterdessen immer dichter und nur noch ein Trampelpfad schlängelte sich scheinbar vor ihnen.

Ab und zu vernahmen sie laute Schreie, wie von wilden Tieren in den Bäumen und zunehmend hatten sie das Gefühl von dort auch beobachtet zu werden.

„Wenn ihr nicht Elthor dient oder Dionel, welche Absichten habt ihr mit mir?“

Wollte Sitar Jargs gerade fragen, doch dieser legte den langen Finger vor den Mund um ihr Schweigen zu gebieten. Dann wies er mit dem gleichen Finger vor ihnen in den undurchdringlich scheinenden Wald.

Sie hatten erneut angehalten und atemloses Schweigen lag über dem Trupp.

Grimok drängte sein Pony zu ihnen nach hinten durch.

„Dort vorne ist eine große Gruppe Frägs.“

Sagte er in seinem gebrochenem Endar und mit sorgenvoll gefurchter Stirn.

„Sie lauern auf irgendetwas.“

Sein Helm rutschte ihm in den Nacken.

Er lächelte schief.

„Sie sind auf der Jagd.“

„Ihr fürchtet sie?“

Sagte Sitar leise. Sein Lächeln verschwand und sie sah wie im die Zornesröte in die Wangen stieg und erkannte das er ihr unter anderen Umständen sicher an die Gurgel gesprungen wäre für diese Bemerkung.

Stattdessen wandte er sich wieder um und gab seiner Truppe ein Zeichen, dass sie absteigen und die Ponys vom Weg herunter in den Wald führen sollten.

Sitar bemerkte die konzentrierte Haltung Jargs neben ihr, der versuchte sein Pony zu beruhigte, das ebenfalls nervös wirkte und leise schnaubte.

Plötzlich brach Lärm über sie herein.

Die Blicke aller waren auf den Wegabschnitt vor ihnen gerichtet, wo sich ein entsetzliches tiefes Gebrüll mit vielstimmigem, hohem Kreischen mischte und rasch näher kam.

Der ganze Wald schien in Bewegung zu geraten.

Bäume und Büsche schwankten und brachen.

„Es ist etwas Großes,“ keuchte Gelyoc. Das Gebrüll nahm zu und formte sich zu einer riesigen, wankenden Gestalt, die plötzlich aus dem Dickicht hervor brach, verfolgt von unzähligen laufenden, krabbelnden, hangelnden, springenden und kletternden kleinen Wesen, die winzige Wurfwaffen schwangen und eine Vielzahl von Seilen nach ihr warfen.

Wie gebannt starrte Sitar auf die abscheuerregenden Züge der Beute, die bereits aus zahlreichen Wunden blutete.

Es war ein riesiger Mensch oder war es ein Troll?

Er besaß jedoch, Sitar sah es voller Entsetzen, drei Arme.

Der Mittlere der aus der Brust zu wachsen schien, hing allerdings schlaf herab.

Aus dem gewaltigen Maul ragten ihm zwei Fangzähne, das zerfurchte, knorrige Gesicht war eine Maske der Wut und Angst.

Einige der Frägs klammerten sich bereits an seinen Rücken und gerade jetzt sprangen weitere ihm von hinten in die Kniekehle, dass er den Halt verlor und in den Schlamm des mit altem Laub übersäten Waldbodens stürzte.

Ein Verzweifeltes Röcheln entrang sich dabei seiner Kehle.

Die Trolle konnten kaum ihre Ponys halten, doch sie waren doch noch weit genug entfernt, um sich einigermaßen hinter den laublosen aber dicken Stämmen des Herbstwalds verborgen halten zu können.

Wie eine Meute hungriger Wölfe fielen die Frägs nun über den gefallenen Riesen her.

„Es ist ein Atabi, ein Dreiarm,“ flüsterte Jargs.

Dieser, obwohl gestürtzt, zerriss seine Angreifer mit seinen gewaltigen Pranken der äußeren Arme und zermalmte jene Unglücklichen, denen er habhaft werden konnte mit seinen spitzen Zähnen, dass das Blut spritze und ein fürchterliches Kreischen, Heulen und Jammern, die Jagdschreie der anderen noch übertönte.

Plötzlich viel ein gewaltiges Netz von den Bäumen über dem gefallenen Atabi und bewirkten im rechten Augenblick, das dessen Versuche, wieder auf die Beine zu gelangen, scheiterten mussten.

Unerbittlich stießen nun die kleinen spitzen Speere der Frägs von allen Seiten auf ihn herab und es wurden immer mehr.

Sitar blickte nur noch durch die Ritzen ihrer Finger zu jenem schrecklichen Schauspiel hinüber, bis das Stöhnen und Kreischen allmählich verklang und endlich schrillen Jubelrufen der siegreichen Partei wich.

Die Frägs hatten ihr grausiges Werk vollbracht und schleppten den Körper des offensichtlich toten Atabi mit Hilfe des Netzes davon.

Sie waren wirklich die Herren dieses Waldes, dachte Sitar.

„Was machen sie mit ihm?“ Flüsterte sie.

Jargs wandte sich mit ernstem Gesicht zu ihr um.

„Sie haben ihren Stamm mit Fleisch versorgt.“

Die Halur verspürte wie sich ihr Übelkeit auf die Zunge legen wollte.

„Gut das sie uns nicht bemerkt haben,“ brummte Gelyoc auf dessen Stirn einige Schweißperlen standen.

Er lockerte seine etwas unbequeme Haltung hinter einem eher schmalen Baum, der ihm bisher Deckung gegeben hatte und hätte wegen seiner gefesselten Hände beinah die Balance verloren.

„Aaaahhhh!“

Hastig schauten alle in die Richtung des Schmerzensschreis.

Ein Troll der am Baum neben Gelyoc gestanden hatte, sackte mit blutunterlaufenen Augen in die Knie.

In seiner Brust steckten mindestens zehn kleine Speere.

Gleichzeitig ertönten über ihnen nun, schrille hohe Pfiffe und eine große Schar von Frägs sprang aus den Bäumen in deren Kronen sie sich offenbar versteckt hatten und umzingelten die Trolle und ihre Gefangenen in einer solchen Geschwindigkeit, das ein Entkommen nicht möglich war.

Die Tovoks griffen zu ihren Schwertern und Kriegsäxten, doch schon hielt eine Überzahl von Frägs jedem Troll ein halbes Dutzend, noch blutiger Speere unter die Nase.

Sitar und Gelyoc erging es nicht anders und die Fee hielt die Luft an um nicht laut aufzuschreien.

Aber sie griffen nicht an, jedenfalls nicht sofort.

Stattdessen tauchte nun ein etwas größerer, sehr knorrig wirkender Fräg, mit auffallend buntem Gewand hinter den Reihen seiner Krieger auf und bellte in einer Sitar unverständlichen Sprache etwas zu den Trollen hinüber.

Grimok schob die ihn bedrohenden Speere zur Seite und trat nun ungehindert auf den Anführer der Frägs zu.

Seine dunklen Augen funkelten diesen wütend an, was Sitar für die Situation ungewöhnlich furchtlos vorkam.

Als er ihn erreicht hatte, sprach er einige kurze Worte, in eben der selben Sprache.

Hieraus entwickelte sich ein kurzer Disput, an dessen Ende die kleinen Angreifer tatsächlich die Waffen etwas senkten.

Ein erleichtertes Raunen ging durch die Reihen der Trolle, dem sich Sitar und Gelyoc gerne anschlossen.

Die Frägs hörten nun auf weitere Befehle ihres Anführers und zogen sich auf die Entfernung des Pfades zurück.

Grimok wandte sich gleichzeitig an seine Trolle und die Gefangenen um die Situation zu erklären:

„Sie haben unsere Reittiere als Geschenk angenommen, wenn sie uns ziehen lassen. Aber ich bin mir nicht sicher ob wir ihnen trauen können.“

Erklärte er.

„Da wir aber ihr Gebiet nicht heute noch verlassen können, bleibt uns nichts übrig, als ihre Gastfreundschaft anzunehmen. Leider bestehen sie auf eine Zeremonie.“

Sitar schluckte hörbar und fing sich dafür einen grimmigen Blick von ihm ein, der ihr zeigte, dass sich der Anführer der Trolle bei diesem Gedanken ebenso unwohl fühlte wie sie.

„Die Frägs sind sonst nur viel weiter im Norden, an den Steilhängen des Korh anzutreffen, die Straße durch den Wald war bisher immer frei,“ sagte Yargs in nachdenklichem Tonfall neben ihnen und fügte hinzu:

„Der Krieg hat sie angelockt, sie fürchten die menschlichen Jäger nicht mehr, da es keine mehr gibt.“

Es blieb ihnen schließlich nichts übrig, sie mussten die zweifelhafte Einladung der Frägs annehmen und ihnen durch den dichten Wald und auf unübersichtlichen kleinen Pfaden zu ihrem Lager folgen.

Gelyoc und Sitar und der gesamte Trupp der Trolle waren nun alle in ein und der selben Lage, wie Sitar feststellte.

Der Unterschied zwischen Gefangenen und Entführern war für den Moment aufgehoben, sie waren alle den Frägs ausgeliefert, denn ihre schiere Anzahl schien zu erdrückend, als das an Flucht zu denken gewesen wäre.

Als könnte er Gedanken lesen ließ Yargs sich erneut zu den beiden zurückfallen und blickte sie mit seinen dunklen Augen durchdringend an.

An Gelyoc gewandt sagte er im Flüsterton:

„Ich weiß ihr besitzt einige Zauberkräfte, wenn ihr auch noch sehr jung seit.“

Gelyoc erwiderte seinen Blick und nickte unmerklich.

„Glaubt nicht,“ und er sah nun auch Sitar an, „das ihr alleine entkommen könnt.“ Mit diesen Worten schnitt er jedoch zu ihrer Überraschung ihre Fesseln durch.

„Es wird euch auch nichts bringen auf die Gnade der Frägs zu hoffen, sie sind zu keinem solchen Gefühl in der Lage. Es ist also besser ihr haltet Euch weiter an uns.“

Gelyoc wollte offenbar eine verächtliche Erwiderung geben, doch Sitar legte ihm rasch die Hand auf den Mund und nickte Yargs zu.

„Wir werden die Situation nicht ausnützen, außer es geht um unser Überleben.“

Ein schlaues Lächeln huschte über das Gesicht des Trolls. „Ihr seit eine sehr schlaue kleine Fee,“ fügte er hinzu, „wir werden sehen.“

Dann beschleunigte er seine Schritte wieder um zu Grimok nach vorne zu gelangen.

Es war bereits Abend, als sie das Lager der Frägs erreichten und sie befanden sich nun deutlich näher an den Bergen.

Die einfachen Hütten des Fräg-Clans waren auf kräftigen Slink-Baumstumpfen errichtet worden und bestanden aus Stroh und getrocknetem Lehm. Das Zentrum des Dorfes war eine Art Lehmmulde, umgeben von einem Wehrhügelring verstärkt durch einfache Palisaden. Ein schmutziger Regenteich zierte den Platz in der Mitte und der beißende Geruch, den dieser Ort verströmte und so seine Funktion offenbarte, nahm den Neuankömmlingen fast den Atem.

Mit großem Jubelgeschrei wurden die erfolgreichen Jäger begrüßt.

Doch als man außer dem erbeuteten Atabi, die noch lebenden und bewaffneten Fremden erblickte, hob auch ein erstauntes und ängstliches Gemurmel unter den nicht bewaffneten Fräg-Familien an.

Sitar erkannte Kinder und viele Frauen. Es waren so viele, dass bei ihr und wie sie registrierte ebenso bei den Trollen eine starke Beklommenheit aufkam.

Wie sollten sie jemals aus diesem Lager entkommen? Grimok hatte ihnen noch nichts über seinen Plan verraten.

Mit einem sehr mulmigen Gefühl beobachtete sie wie ihre Ponys nachdem sie zum Absteigen aufgefordert wurden in Richtung eines großen Ferchs abgeführt wurden

Würden die Frägs sich wirklich damit zufrieden geben?

Der Lärm der vielen Frägstimmen brach plötzlich ab, als ein dumpfes Trommeln einsetzte, begleitet von jenem seltsamen Pfeifen, das sie schon im Wald beim Angriff auf den Atabi vernommen hatten.

Dann sahen sie den Anführer der Frägs, wie er von einer Baumplattform herunter laute Anweisungen von sich gab und rasch wandten ihm die meisten Frägs ihre Aufmerksamkeit zu.

Die Frauen zogen sich zurück, in die zusätzlich am Boden errichteten Zelte und auch alle älteren Frägs und die Kinder ließen sich wieder an ihren Feuern unterhalb der Hütten nieder.

Die meisten Jäger kümmerten sich nun um den toten Riesen und schleppten ihn mit Hilfe des großen Netzes zu einer gewaltigen Grube hin, aus der ein heißer Dampf aufstieg.

Der Häuptling kam nun von seinem erhöhten Standort herab und wies sie in Begleitung mehrerer Krieger an zu einem leeren Feuerplatz zu gehen.

Ar-ko-tan, hieß der Häuptling, wie Grimok ihnen mitteilte und er setzte sich mit vier seiner Krieger zu ihnen.

Grimok unterhielt sich mit ihm, was so ablief, dass der Koboldanführer Fragen an den Troll richtete, die dieser dann mit merklichem Zögern oder weil er erst über die Bedeutung der Worte nachdenken musste, beantwortete.

Jargs übersetzte gelegentlich, wenn er es für angebracht hielt oder Grimok ihn dazu aufforderte.

Die Unterhaltung entsprach eher einem Verhör.

„Wohin wollt ihr?“

„Durch das Notawenkorh.“

„Warum geht ihr so weit im Süden von euren Feuern?“

„Wir haben unsere Gründe.“

So ging es etwa einige Minuten lang.

Dann wagte es Grimok ebenfalls einige Fragen zu stellen:

„Wieso jagt euer Stamm so nah an den Menschenstraßen?“

„Die Menschen fliehen vor dem Krieg und verlassen ihre Häuser, leichte Beute.“

Antwortete der Häuptling.

Sitar und Gelyoc konnten nicht mehr zuhören, als Jargs es aufgab zu übersetzen.

Niemand schien weiter auf sie zu achten und so nutzten sie die erste Gelegenheit seit ihrer Gefangennahme um etwas von den anderen weg zu kriechen und miteinander ihr Lage zu besprechen.

„Wir sitzen ganz schön in der Klemme,“ brummte Gelyoc und fuhr gleich fort:

„Diese Trolle stehen vielleicht wirklich nicht im Dienste Elthors, aber sie führen irgendetwas im Schilde, was sicherlich genauso wenig gut für uns ist. Warum in Varahms Namen haben sie uns entführt?!“

Sitar nickte langsam, während sie gedankenverloren das Treiben im Fräglager beobachtete.

„Jargs sprach von eigenen Interessen, aber ich kann mir beim besten Willen nicht vorstellen was sie mit uns vorhaben.“

„Es hat etwas mit einer Prophezeiung zu tun. Ich konnte Jargs so etwas zu Grimok sagen hören,“ sagte Gelyoc.

Sie zuckte mit den Schultern.

„Wie auch immer, jedenfalls hat die Sache mit den Frägs ihre Pläne gründlich verhagelt,“ zischte er mit schadenfroher Miene.

Sitar warf ihm einen säuerlichen Blick zu.

„Nur leider sitzen wir mit ihnen im selben Boot.“

Nachdenklich fügte sie hinzu:

„Ich weiß nicht wie es dir geht, aber ich hoffe jedenfalls, dass wir gemeinsam von den Frägs weg kommen, Jargs und seine Gesellen sind mir allemal lieber, als diese blutrünstigen Kobolde.“

„Sicher,“ brummte Gelyoc, „stimmt schon. Aber wir sollten bereit sein, auch auf eigene Faust die Flucht zu ergreifen, wer weiß ob sie nicht noch auf die Idee kommen uns an die Frägs auszuliefern, um ihre eigene Haut zu retten. Diesem Jorl treue ich alles zu.“

„Abgemacht,“ antwortete Sitar mit einem schiefen Lächeln.

Nach zwei weiteren Stunden, das Feuer war bereits stark herunter gebrannt, ließ der Fräganführer und seine Begleiter sie endlich alleine.

Auch Grimok stand ohne ein Wort auf und ging zum zweiten Trollfeuer hinüber, wo Jorl und seine Kumpanen saßen.

Jargs sah dass Sitar und Gelyoc noch nicht schliefen und wandte sich ihnen zu.

„Wenn man dem Wort des Anführers trauen kann bleibt es dabei, sie lassen uns gehen, im Gegenzug für unserer Ponys.. Außerdem müssen wir innerhalb von zwei Tagen ihr Gebiet verlassen haben.“

„Und dass ist ohne Reittiere vermutlich nicht möglich,“ warf Gelyoc in sarkastischem Tonfall ein.

Jargs nickte. „Es wäre vielleicht möglich aber…,“ er zögerte kurz und fuhr dann fort, „wir können es nicht.“

„Wie meinst du das?“ Entgegnete Sitar.

„Nun, wir haben in dieser Gegend noch etwas zu erledigen, darum sind wir ja überhaupt erst her gekommen.“

Bei diesen Worten blickte er Sitar unverwandt an. Es war ein Blick wie sie ihn schon mehrmals während ihrer gemeinsamen Reise, in ihrem Nacken geglaubt hatte zu spüren.

„Aha, rückt ihr also endlich damit heraus warum ihr uns entführt habt?“

Sagte Gelyoc nun unvermittelt aber Sitar warf ihm einen warnenden Blick zu und sagte.

„Vielleicht erfahren wir warum sie uns nicht einfach umbrachten in Thiernir, wie unseren Freund Garfin, nicht wahr?“

Jargs verzog die Mundwinkel.

„Es war nicht unsere Absicht ihn so schwer zu verletzten, tot ist er aber sicher nicht, Jorl konnte sich noch zurückhalten. Aber unser Auftrag war zu wichtig, er durfte nicht vereitelt werden, auch wenn dort in Thiernir einiges schief lief.“

Sitar wirkte nicht überzeugt aber Jargs fuhr fort:

„Es hat etwas mit der Geschichte unseres Volkes zu tun.“

Sitar und Gelyoc tauschten viel sagende Blicke und der Halbtroll grunzte:

„Euer Volk ist eine Horde von Mördern und Söldnern.

Statt wütend zu werden, wie Sitar es halb erwartet hatte, seufzte Jargs und blickte zu Grimok ans andere Feuer hinüber.

„Ihr hasst eure eigene Abstammung wie mir scheint Halbtroll,…“ Er stockte, …aber nicht ganz zu unrecht.“

Gelyoc schwieg überrascht.

Jargs fuhr fort:

„Es ist nicht leicht es in nur wenigen Worten darzustellen, viele unsere Brüder dienen Elthor wie sie auch anderen Menschenkönigen gedient haben, das ist wahr.“

Er spie zu Sitars Überraschung angewidert auf den Boden.

„Tauross verfluche sie!“

Eine Gruppe von Frägwachen passierte sehr nah ihr Feuer und Jargs verstummte während Gelyoc und Sitar gespannt den Atem anhielten.

Dann setzte er erneut an.

„Da wir jetzt unerwartet in dieser Situation sind, sollt ihr alles wissen, denn vielleicht kann ich damit verhindern, dass ihr versucht auf eigene Faust zu entkommen.“

Sitar zog die Augenbrauen empor, sagte aber nichts darauf.

„Ihr wisst es vermutlich nicht, aber wir Trolle sind ein sehr altes Volk, vielleicht sogar älter als die Elfen. Einst waren wir stark und einig unter großen Königen und herrschten über unser Land. Doch Zwietracht und Machtgier untereinander führten den Niedergang herbei und unsere mächtigen Feinde nutzten das aus um unser Volk zu unterwerfen und schließlich aus seiner angestammten Heimat zu vertreiben.“

Er holte kurz Luft und srach dann weiter.

„Hier auf Arkur, wo wir jetzt nur noch in verstreuten Clans leben oder als Knechte der Menschen, ist nicht unsere eigentliche Heimat. Doch schon sehr lange leben wir so, inzwischen ein Volk ohne Vergangenheit und Zukunft, ein verlorenes Volk.“

Er legte mit trauriger Miene eine bedeutungsvolle Pause ein um seine Worte auf sie wirken zu lassen.

Sitar und Gelyoc sagten jedoch nichts darauf und so fuhr er fort:

„Unsere wahre Heimat liegt weit entfernt über dem Meer.“

Seine Augen glänzten während er davon sprach.

„Vor ungefähr tausend Jahren, wurden wir aus dem Land das wir Dur Askorth, das „glänzende Feld“ nannten, vertrieben. Seitdem ging fast alles Wissen darüber verloren. Nur noch einige wenige Legenden und Geschichten existieren in unserer Erinnerung.“

Jargs machte erneut eine Pause und stocherte unentschlossen im Feuer herum.

„Und was habe ich damit zu tun?“ Sagte Sitar leise.

Jargs schnaubte.

„Du bist ein Nachfahre unserer uralten Feinde, mehr noch wir glauben das du jene bist die in einer unserer alten Prophezeiungen als die „Königin des Friedens“ bezeichnet wird.

Jene Tochter der Feen, die dem Volk der Trolle die Hand zur Versöhnung reichen wird und die uns die Rückkehr nach dem alten Land, das ihr H’dulia oder Andul nennt, ermöglicht.“

Sitar schnappte nach Luft.

„Also waren jene alten Feinde eures Volkes die Feen?“

Der Troll nickte und sah sich dabei angespannt nach den anderen Trollen um, die jedoch ihrer Unterhaltung keine Aufmerksamkeit schenkten.

Einige Zeit schwieg sie, dann sagte Sitar:

„Aber was hat das nun genau zu bedeuten?“

Jargs lächelte.

„Ihr habt von uns nichts zu befürchten, doch wir brauchen Gewissheit und darum müssen wir zu einer alten und für uns sehr heiligen Stätte, die eben in diesem Wald verborgen liegt. Raven-Gohr, ein Friedhof der Elfen, ich erwähnte ihn glaube ich bereits.“

Er machte eine Handbewegung, die alle Trolle an den beiden Feuern einschließen sollte.

„Wir sind keine Tovoks, unser Stamm nennt sich Gombar und wir sind die Bewahrer der alten Legenden.Die großen Stämme wissen zum Teil nicht mal, dass wir noch existieren und wenn, halten sie uns für verrückt. Wir mussten Euch darum, getarnt als Tovok-Söldner entführen, denn das Land wimmelt von den Schergen Elthors und wie ihr wisst gibt es noch andere, die großes Interesse daran haben eurer habhaft zu werden.“

Sitar nickte langsam konnte ihr Gefühle nun aber nicht mehr zurückhalten.

„Ich bin doch bloß eine einfache Fee,“ schluchzte sie, „ohne Volk und Heimat. Und nichts an mir ist besonders, nicht einmal zaubern kann ich. Wie kommt es bloß, dass alle, sogar die Feinde meines Volkes glauben ich sei eine Auserwählte?“

Sie ließ ihren Tränen nun freien Lauf und Jargs und Gelyoc warteten respektvoll und etwas betreten bis sie sich wieder einigermaßen gefangen hatte.

„Nun, da gibt es einiges, worauf auch wir gerne eine Antwort hätten.“

Sagte Jargs schließlich und lächelte ihr aufmunternd zu.

„Vielleicht finden wir diese Antworten nun gemeinsam, was meint ihr?“

Sitar nickte.

____________________________________________________________________________________

1 Jagdlied aus Vaskaron (Jagdlieder des Kaisers)

KAPITEL 13:

RAVEN-GOHR

…die Toten leben in einer fernen Zeit
doch sie sind bereit
wenn man nach ihnen schreit…
1

Zwei der Trolle hielten Wache und klammerten sich dabei verbissen an ihre Speere, während sie mit ersichtlichem Abscheu das blutige Treiben der Frägs in der Grube beobachteten.

Die Ponys hatten sie bisher noch ungeschoren gelassen.

Sitar blickte mitleidig zu ihnen hinüber.

Unter schweren schlafsuchenden Liedern starrte sie auf die Rücken der Wachen.

Gelyoc blinzelte ihr aus nächster Nähe zu, er konnte also ebenso keinen Schlaf finden.

Aber das war ja auch kein Wunder nachdem was sie alles im Verlauf des Tages erlebt und erfahren hatten.

Sprach Yargs die Wahrheit?

Und wenn, was bedeutete es für ihr Überleben, wenn die Trolle eigene Pläne mit ihr hatten?

Machte es überhaupt einen Unterschied, dachte sie beklommen.

Irgendein fremdbestimmtes Schicksal leitete ihr Leben und all ihre Schritte offenbar sowieso.

War es nicht egal wer gerade ihre Figur auf dem Spielbrett bewegte?

Sie verspürte eine Wut in sich aufsteigen, die sich nur schwer unterdrücken ließ.

Gelyoc, der ihr offenbar ihre Gefülslage am Gesicht ablesen konnte, kroch mit besorgter Miene näher zu ihr heran.

„Was glaubst du, haben die Trolle vor? Wenn die Frägs uns doch angreifen werden.“

Eine Gruppe von Frägfrauen kam gerade dicht an ihrem Feuer vorüber und reckte neugierig die Hälse zu ihnen hin.

Haare und Haut ihres ganzen Körpers waren mit getrocknetem Lehm bedeckt, so das ihre Erscheinungen im Feuerschein wie Erdgeister wirkten.

Sitar beobachtete sie mit zusammengebissenen Zähnen.

„Vielleicht werden sie schon heute Nacht versuchen uns zu töten,“ flüsterte sie schließlich tonlos.

„Aber egal was sie vorhaben, egal was die Trolle planen,“ sie funkelte Gelyoc in der Dunkelheit zornig an, „wir dürfen nicht länger zögern, endlich die Dinge in eigene Hände zu nehmen. Ich bin es leid, dass andere darüber bestimmen, was ich zu tun und zu lassen habe.“

Gelyoc starrte sie mit offenem Mund an. „Was hast du vor?“

Sie tippte ihm mit einem Finger gegen die Brust.

„Die Frage ist vielmehr was hast Du vor? Bist du nun ein Zauberer oder nicht?“ Fauchte sie.

„Ja aber…,“ er nickte zögernd.

„Kannst du also etwas tun, was uns unbemerkt hier entkommen lässt, noch heute Nacht?!“

„Vielleicht, aber wir wissen nicht wo wir genau sind?“

Sie kroch ganz dicht vor sein Gesicht.

„Wenn wir bei den Trollen bleiben, werden wir bestimmt von den Frägs gejagt und selbst wenn wir denen entkommen, dann planen diese Gombar oder wie sie sich auch immer nennen, vielleicht irgendein religiöses Ritual mit mir, auch wenn Jargs jetzt so freundlich tut. Vielleicht wollen sie mich auf diesem Friedhof opfern.“

Sie sah wie er erschrack.

Als sie eine Pause machte um ihr Worte wirken zu lassen und schielte dabei zu den Wachen, aber die kümmerten sich offenbar nicht um ihr geflüstertes Gespräch.

Sie hob die Schultern.

„Vielleicht meinen sie es ja auch gut mit mir, aber was wenn ich ihre Erwartungen nicht erfüllen kann, denkst du sie werden uns dann einfach laufen lassen? Wenn wir in ihrer Gewalt bleiben, haben wir kaum eine Überlebenschance“, fügte sie jetzt mit fester Stimme hinzu.

Er nickte langsam.

„Aber wohin sollen wir gehen?“

„Wir müssen versuchen selbst den Weg in die Stadt zu finden, in der Alnor auf mich wartet,“ antwortete sie und blickte ihn weiter eindringlich an.

„Ihr Name war Worlen oder?“

Er zögerte, dann flüsterte er, nicht ohne sich vorher zu vergewissern, das wirklich niemand auf sie achtete.

„Gut, es gibt da ein paar Zaubertricks die ich sicher beherrsche, die könnten uns vielleicht helfen“

Sie blickten sich beide noch einmal nervös im ganzen Lager um.

Außer den beiden Wachen schienen jedoch wirklich alle am Feuer zu schlafen.

Es waren zwar noch immer zahlreiche Frägs um die Grube herum unterwegs, doch ihr Lagerplatz lag ziemlich am Rand der großen Lichtung, die Bäume des umgebenden Waldes hingegen waren nah.

„Wir wissen nicht ob im Wald auch Frägwachen sind, aber vielleicht rechnen sie nicht damit, dass wir etwas versuchen. Folge mir einfach.“

Sie verständigten sich mit den Augen und bewegten sich langsam und unmerklich zu den Schatten der Bäume hin. Dann zog Gelyoc ein kleines Säckchen aus seinem Gürtel und ließ daraus ein feines weißes Pulver auf seine Hand rieseln.

„Das ist Kiemenpulver eines Welgfisches. Gut dass sie uns bisher nicht durchsucht haben,“ murmelte er.

Sitar nickte.

„Komm.“

Sitar beobachtete ihn gespannt, während sie ihm nun weiter nachkroch.

Gelyoc nahm während der Fortbewegung mit der anderen Hand etwas Erde vom Boden und vermischte sie mit dem Pulver, dann strich er mit beiden Händen über ihre Wangen und sagte dabei:

„Sei eins mit dem Land“

Sitar die durch die Berührung überrascht, den Atem anhielt um nicht zu schreien, beobachtete wie er das gleiche Ritual an sich selbst vollzog.

„Und nun?“ Sagte sie.

„Nun lass uns gehen“, flüsterte er und lächelte dabei grimmig.

„Niemand wird uns wahrnehmen, wenn er sich nicht selbst mit magische Kräfte darauf konzentriert.

Sitar blickte ihm sichtlich beeindruckt nach und beeilte sich dann seinen ausgreifenden Schritten in den Wald zu folgen.

Er hatte sich dabei aufgerichtet und legte offenbar keinen Wert mehr darauf ungesehen zu bleiben.

Sie tat es ihm nach und tatsächlich schien zunächst niemand ihre Flucht zu bemerken.

Sie passierten sogar einige Male ganz dicht, in den Bäumen sitzende Wachposten der Frägs, welche natürlich doch da waren, jedoch offenbar nicht wahrnehmen konnten, dass sie sich unter ihnen vorbei bewegten.

Das Gelände, sie liefen durch den dichten Wald ungefähr Richtung Osten, war sehr unwegsam und stieg nun stetig ab, wurde dabei zugleich morastiger und ein fauliger Geruch schien in nebligen Schwaden durch die stockfinstere Nacht auf sie zu zu kriechen.

Als sie eine kleine weniger bewaldete Kule erreicht hatten blieb Gelyoc zum ersten Mal stehen. Von hier hatten sie einen von Zweigen verhangene Aussicht auf das Lager, das auf einer Anhöhe lag.

Sitar und Gelyoc tauschten einen lauernden Blick aus, als Geräusche von dort nach unten drangen.

Die Feuer flackerten unruhig und sie glaubten nun laute Stimmen zu vernehmen.

„Sie haben bemerkt, das wir fort sind,“ sagte Gelyoc.

„Glaubst du?“ Gab sie unsicher zurück.

Er nickte und wies auf die sich hastig bewegenden Schatten auf dem Hügel.

Plötzlich schwoll der Lärm an und sie sahen nun das Aufblitzen von Waffen und hörten deutlich Schmerzensschreie.

„Ein Kampf,“ murmelte Sitar bedrückt, „was sollen wir jetzt tun?“

Gelyoc brummt entschlossen.

„Wir müssen rasch weiter, bevor die Frägs mit den Trollen fertig sind und sich auf die Suche nach uns machen können,“ er grinste, „es konnte uns eigentlich nichts besseres passieren.“

Sitar nickte und doch verspürte sie deutlich so etwas wie Mitleid mit Jargs und seinen Gesellen und zögerte dabei einen Moment weiter zu gehen.

Gelyoc musste sie mit sich ziehen.

„Komm schon, wir können uns keinen Aufenthalt leisten, sie oder wir!“

Sitar nickte und gab sich einen Ruck.

Sie eilten weiter, soweit die Dunkelheit es zuließ und es ging nun weiter bergab.

Sitar hatte den Eindruck, dass sie einem sehr schmalen Pfad folgten, war sich aber nicht wirklich sicher.

Darum rief sie Gelyoc nun atemlos zu:

„Weißt du überhaupt wo es hier hingeht? Ich finde es stinkt immer abscheulicher, als wenn ein Sumpf in der Nähe wäre!“

Und im Moment wo sie das rief, spürte sie plötzlich wie die Erde unter ihr nachgab.

Mit einem Aufschrei stolperte sie vor, stürzte über die eigenen Beine und landete der Länge nach in einem weichen fauligen Etwas.

„Uhhhhrrggg!!“ Sie hörte etwas glucksen und unter ihrem Gewicht nachgeben, so das sie beinah sofort noch tiefer versank. „Hilf…!!!“

Jemand fasste ihren Arm und zog sie kräftig nach oben.

„Pass gefälligst auf wo du hin trittst,“ zischte Gelyoc.

Sie löste sich hastig aus seinen Armen und funkelte ihn wütend an, während sie zugleich spürte wie die Nässe augenblicklich durch ihre Beinkleider kroch.

„Kannst du mir verraten wie ich das machen soll, bei der Dunkelheit?!“

„Wir haben tatsächlich einen Sumpf erreicht,“ knurrte er zurück.

Sie lachte trocken.

„Was du nicht sagst, bist du sicher, dass es hier überhaupt einen Weg gibt?“

Gelyoc zuckte mit den Schultern.

„Es ist der einzige Weg, oder willst Du lieber zurück? Er ließ sie stehen und stapfte weiter.

„Vielleicht ist es der Weg zu diesem Elfenfriedhof, von dem Jargs gesprochen hat? Rief Sitar ihm noch nach, konnte aber nicht erkennen, ob er ihr zustimmte.

Der Weg, wenn es denn einer war, wurde noch schmaler und der Boden beidseitig des Pfades verwandelte sich mehr und mehr in eine Wasserfläche, nur noch von kleinen Inseln unterbrochen.

Zahlreiche kleine Echsenwesen streiften nun hin und wieder ihre Beine und Insekten aller Größe summten manchmal plötzlich um ihre Köpfe.

Ständig mussten sie aufpassen, nicht erneut in Wasserlöcher zu treten, die nun den Weg selbst, immer wieder unterbrachen.

Ganz langsam nur schienen dabei die Schatten der Nacht sich zu heben, so dass sie wenigstens die größeren Umrisse vor sich erkennen konnten und Sitar wunderte sich sehr, dass es Gelyoc bis hierher überhaupt gelungen war, den Weg zu finden.

Doch plötzlich blieb er abrupt stehen, so das sie fast gegen ihn gelaufen wäre und sich nur mit einem Fluch auf den Lippen, noch gerade so zum stehen brachte.

„Alter Chai! Was ist los.“ Keuchte sie.

Er schmunzelte wegen ihres Fluchs, wies aber atemlos vor sich in die Dunkelheit und da sah sie ihn auch, ein riesiger mit magischen Ziffern beschrifteter Torbogen. Sie starrten darauf und durch ihn hindurch.

Man konnte jedoch auf die Entfernung von noch gut hundert Metern keine Einzelheiten erkennen.

„Was, was ist das?“ Flüsterte sie.

„Du hattest vermutlich recht mit deiner Vermutung“, gab Gelyoc leise zurück, „das sind elfische Zeichen.“

Sie kniff die Augen zusammen um besser sehen zu können und nickte dann.

„Es muss der Eingang zu diesem Friedhof sein,“ flüsterte sie zurück.

Der Torbogen sah sehr alt aus und die Sprache entstammten offenbar einem ihr unbekannten Dialekt, aber es warn eindeutig Zeichen aus dem Kwendar.

Ein mulmiges Gefühl beschlich sie, so als habe sie diese Art Tor schon einmal gesehen und im selben Moment fiel es ihr wie Schuppen von den Augen.

Dies war nicht nur ein Eingangstor, es musste ein magisches Portal sein.

Genau so oder zumindest sehr ähnlich hatte das Portal was in Gyion aus den Fluten aufgetaucht war ausgesehen.

Sie war damals noch sehr klein gewesen, aber das hatte sie nicht vergessen.

Gelyoc wollte gerade weiter darauf zu gehen, aber sie hielt ihn energisch am Ärmel fest.

„Warte, das ist ein magisches Tor, es führt an einen anderen Ort, wenn du hindurch gehst bist du verschwunden.“

Gelyoc lachte überrascht auf.

„Woher willst du das wissen?“

„Ich habe schon einmal ein solches Tor benützen müssen“, flüsterte sie.

„Ich bin also ziemlich sicher.“

„Und nun,“ sagte er und blickte sie etwas ratlos und fragend an, „kannst du denn die Schriftzeichen auch lesen?“

Sie schüttelte den Kopf während sie sich die Umgebung genauer anschaute.

„Wieso hatte Jargs diesen Ort einen Friedhof der Elfen genannt?

Da, als sie danach Ausschau hielt, entdeckte sie, sie beinah sofort. Eine Vielzahl verwitterter Steine, die eine Art Ring um das Tor zu bilden schienen.

Das Tor stand auf einem flachen Hügel, der offenbar in früherer Zeit dem Sumpf abgetrotzt, nun aber fast nicht mehr erkennbar war.

Auf einem der ihr am nächsten liegenden Steine waren ebenfalls mit Moos überwucherte Zeichen zu erkennen.

Ja, da waren drei Worte, die sie kannte: folin…. nami hulor. Das bedeutete: „ Wege…viele Tote.“

Sie erschauderte.

Dieser Ort hatte eine unheimliche Ausstrahlung und sie verspürte das augenblickliche Bedürfnis ihn zu verlassen.

Als sie sich jedoch wieder zum Halbtroll umwandte, sah sie wie Gelyoc erneut Anstalten machte, sich dem Torbogen zu nähern.

„Was tust du?!“ Sagte sie mit, zu ihrer eigenen Überraschung, beinah hysterisch klingender Stimme.

„Wenn das ein magisches Portal ist und Jargs das wusste, dann wollte er möglicherweise mit uns hindurch,“ presste er hervor.

Er hat vielleicht recht, war es dass was er mit ihr vor hatte? Der Gedanke war ihr wie ein Blitz gekommen.

Gelyoc zögerte trotzdem noch etwas und sie blies die Anspannung durch die Backen nach draußen.

„Was glaubst du, wo es hin führen könnte? Vielleicht direkt nach Andul?“

Er schüttelte den Kopf.

„Nicht alle Tore führen nach Andul,“ sagte er, „und doch…so ganz falsch ist es vielleicht nicht,“ sagte er dann, „ich habe in Nevlon zufällig gehört, wie Lord Farafil so eine Andeutung machte, als gäbe es irgendwo in Adrohn noch ein wenig bekanntes Tor, doch sagte er auch, es sei zu gefährlich es zu benutzen. Warum habe ich nichtmehr gehört.“

Er nickte mit dem Kopf zum Tor. „Diieses hier würde ja passen auf die Beschreibung.“

Sitar blickte ihn zweifelnd an.

„Alle Tore zu durchschreiten kann gefährlich sein, das hat mir schon Alnor gesagt, aber sie bieten auch die Möglichkeit zu entkommen.“

Gelyocs Augen blitzten.

„Hat nicht Jargs davon gesprochen, das die Trolle nach Andul zurückkehren wollten?“

„Ja, aber…“ Sie kam nicht weiter, denn nun hörten sie plötzlich Lärm der aus der Richtung des Weges den sie gekommen waren zu ihnen drang.

Schließlich auch näher als ihnen Lieb war Heisere Schreie und das Klirren von Waffen.

„Verflucht sie kommen!“

Rief Gelyoc.

Er blickte sich hastig nach einem Versteck um, doch wenn sie sich hier verbergen wollten, gab es offenbar keine Möglichkeit, außer sich in ein Sumpfloch fallen zu lassen.

Sie blickten sich hilflos an.

„Was sollen wir tun?“

Sitar verspürte wie die Furcht ihr durch die feuchten Kleider kroch, denn nun sahen sie bereits die Umrisse von drei oder vier Trollen auf dem Weg auftauchen und direkt dahinter kam eine Heerschar von Frägs.

Sitar schaute genau hin und nun erkannte sie auch wer es war. Grimor lief vorneweg, dicht gefolgt von Jargs und zwei weiteren Trollen aus ihrer Gruppe die sie als Fedrot und Zalinte kannte.

Sie bewegten sich zum Teil merkwürdig.

Es wirkte als seien sie verletzt.

Gerade in diesem Moment stürzte Zalinte und sank mit grässlichen Stöhnen zu Boden, der sie augenblicklich zu verschlucken schien.

„Wir,… wir sollten hindurch gehen,“ hörte sie Gelyoc in ihrem Rücken sagen.

„Was?“

„Wir sollten es tun, es ist unsere einzige Chance, egal wo es hinführt.“

Sitar biss sich auf die Lippen und blickte in Gelyocs angespanntes Gesicht auf seiner Stirn erkannte sie Schweißperlen.

„Das kann nicht dein Ernst sein,“ sagte sie heiser.

Doch er nickte wild.

Sie wandte sich hastig wieder nach hinten und sah einen weiteren Troll stürzen.

Diesmal war es Fedrot, den muskulösen Körper gespickt mit Frägpfeilen.

Grimor und Jargs hasteten nun mit verdoppelter Anstrengung auf sie und das Tor zu.

Jargs Mund schien das Wort „wartet“ zu formen.

Doch das Kriegsgeheul der Frägs war zu laut, als dass Sitar ihn wirklich verstand.

Sie spürte nun eine Bewegung neben sich und wandte sich halb wieder um.

„Wohin auch immer es führt, wenn wir bleiben werden wir sterben!“

Gelyoc blickte sie eindringlich an und fasste ihre Hand.

„Komm!“

Sitar spürte wie die Angst ihr die Kehle zu schnürte und sie blickte ein letztes Mal zwischen Gelyoc, dem Tor und den heranstürmenden Trollen hin und her.

Im selben Moment hatte nun die Spitze der Fräghorde beide gestellt und Grimor wandte sich um und hackte mit seiner Axt wild auf sie ein.

Doch immer mehr überfielen ihn und jetzt auch Jargs, der einen Augenblick zu lang gezögert hatte ob er seinem Anführer beistehen oder lieber weiter fliehen sollte.

Der Troll-Magier warf Sitar dabei einen verzweifelten Blick zu und sie verspürte wie sich etwas in ihrem Magen verkrampfte.

Gelyoc drängte sie unterdessen weiter.

„Schnell, lass die Trolle, wir können nichts tun!“

Was sollte aber die Frägs abhalten sie auch durch das Tor hindurch zu verfolgen?

Ging ihr plötzlich durch den Kopf.

Doch dann geschah etwas, was die Situation im Bruchteil einer Sekunde veränderte.

Die Frägs hatten im Kampfeseifer offenbar bis hierhin überhaupt nicht darauf geachtet wo sie sich befanden.

Nun schienen die meisten von ihnen auf das Tor erst aufmerksam zu werden und hielten plötzlich mit erstauntem, ehrfürchtigem Blick darauf, mitten im Kampf inne.

Jargs nutzte die Chance gedankenschnell schüttelte seine Angreifer ab und sprang fast in einem Satz bis zu Sitar und Gelyoc hin.

Seine Augen waren vor Anstrengung weit aus den Höhlen getreten und er blutete aus vielen kleinen Wunden.

„Rasch,“ keuchte er mit flatterndem Blick, „Gebt mir eure Hand!?“

Grimor, der sich ebenfalls los gerissen hatte, kam jetzt keuchend heran gestürmt, als er jedoch plötzlich einen dumpfen Ton von sich gab und mit einem stolpernden letzten Schritt auf die Knie sank.

Sitar sah wie Jargs sich zu ihm hin beugte um ihn zu stützen.

„Jargs!“ Hörte sie Grimor zu Jargs mit erstickender Stimme flüstern.

„Du musst die Prophezeiung erfüllen, du bist auserwählt, schnell…“

Sie war überrascht als sie den Schmerz in Jargs Augen sah, als er jetzt mit zusammengebissenen Zähnen antwortete.

„Ja, mein Trollgear Herr.“

Dann sank Grimor vornüber, im Rücken einen Wald von Speeren der Frägs und Jargs wandte sich eilig wieder um, während ein halbes Dutzend Frägs, aus ihrer Starre erwacht vorwärts sprangen und auch sie jeden Moment erreicht haben würden.
Sitar zögerte nicht mehr länger.

Sie streckte Jargs die Hand hin, sie konnte ihn nicht sterben lassen, denn irgendeine innere Stimme sagte ihr, dass sie ohne ihn auf der anderen Seite des Tores vielleicht verloren waren.

Nur was sollte das Bedeuten, was Grimor zuletzt gesagt hatte. Erfülle die Prophezeiung.

Sie zog ihn und Gelyoc zog sie, mit hindurch.

Augenblicklich verstummte der Lärm und sie waren im Nichts.

~

Die Landschaft war deutlich verändert.

Die drei Torgänger waren in eine andere Wirklichkeit geschritten, oder besser gestolpert.

Zwar waren sie offenbar noch immer in einem Wald.

Doch der Boden war trocken und die Luft wesentlich besser.

Die Bäume waren viel größer und sie trugen ungewöhnlich großflächige Blätter, die wie kleine Dächer über ihnen hingen.

Solche Bäume hatte Sitar noch nie gesehen.

Es war auch hier dunkel aber das rührte von der Dichte des Blattwerkes.

Durch die wenigen Lücken strahlte die Sonne des Tages und ein eigenartiger Duft hing in der Luft.

Jedoch kam er nicht von fauligem Sumpfgas, sondern von den zahlreichen gelben Blüten eines großen mit langen spitzen Dornen bewehrten Strauches, der das Tor von dieser Seite umrankte.

„Wo sind wir?“

Sitar blickte Jargs fragend an während sie einen ängstlichen Blick zurück auf das Portal warf.

Jargs löste sich aus ihrer Hand und schien sofort zu begreifen was sie befürchtete.

Er machte darum eine beschwichtigende Geste mit seiner anderen Hand.

„Sie können nicht hindurch, dieses Tor kann nur von den Deniqui durchschritten werden.“

Sitar und Gelyoc blickten sich irritiert an, während sich der Gombar hastig umsah.

„Wie meint er das“, flüsterte Gelyoc, „die Deniqui sind doch sieben Völker des Bundes gegen die Drachen.“

Jargs lächelte und sagte: „Ja, wir drei gehören zu dreien dieser Völker.“

Er sah sich bei diesen Worten suchend um und entdeckte einen schmalen Wasserlauf.

Sofort ging er zu ihm hinüber um seine Wunden zu kühlen und auszuwaschen, danach trennte er einige Stoffstreifen von seinem Gewand und verband die großeren der Wunden.

Sitar gesellte sich zu ihm und half ihm dabei.

Etwas oberhalb davon sahen sie die Quelle des Baches aus einem flachen Hügel entspringen.

„Kommt, trinkt einen Schluck um euch zu stärken,“ sagte Jargs

„Wir müssten hier im Wald von Delaiy sein, im Feen-Königreich Charathor auf Andul. Ich hoffe nur, dass wir auch in der richtigen Zeit sind. “

Gelyoc und Sitar warfen sich erstaunte Blicke zu.

„Was meint ihr damit, zu welcher Zeit?“ Sagte Sitar..

„Ihr glaubt, dass das Tor uns tatsächlich nach Andul gebracht hat?“, fuhr Gelyoc dazwischen, während er sich zweifelnd umblickte.

Jargs nickte offenbar auf beide Fragen.

„Ja, ich bin sicher das es so ist. Jedenfalls heißt es in unseren alten Legenden:

„…in Raven-Gohr steht das Tor der Vorväter und wer durch dieses in der Zeit zurück schreitet wird das längst verlorene finden oder für immer verschwinden.“

Er grinste schief.

„Ein Zeittor,“ murmelte Sitar mit offenem Mund.

„Was bedeutet das, dass wir in der Vergangenheit oder in der Zukunft sind?“

Er blickte sie irritiert an.

„Natürlich in der Vergangenheit.“

Sie schluckte und warf ihm einen merkwürdigen Blick zu.“

„Ich glaube ihr wollte mit uns ohnehin hierher… und was habt ihr hier vor?“

Der Troll schaubte unglücklichen.

„Wenn ich das selbst so genau wüsste. In jedem Fall hoffe ich etwas zu finden.“

Gelyoc brummt:

„Nun ist mir klar, warum Farafil, das Tor für zu gefährlich hielt. Können wir überhaupt wieder zurück Troll?“

„Ich hoffe es,“ antwortete Jargs und richtete sich schwerfällig und stöhnend auf. Aber zunächst müssen wir schauen, ob wir dass finden was ich suche, schaut dort ist eine Lichtung.“

Die beiden folgten seiner ausgestreckten Hand und tatsächlich konnte man durch die Bäume hindurch einen schwachen Schimmer erkennen, als gäbe es dort eine Lichtung. Jargs wollte sofort darauf zu, doch Gelyoc hielt ihn energisch am Arm fest.

„Halt Troll, erst einmal erzählt ihr uns die ganze Wahrheit.“

Jargs setzte eine unschuldige Miene auf, dann lächelte er.

„Gut du hast Recht, setzt euch also und hört zu.“

Sie suchten sich ein paar mit weichem Moos überwucherte Steine und blickten ih gespannt an.

Er holte kurz Luft und presste einen der Verbände fester auf eine größere Wunde.

Dabei verzog er das Gesicht schmerzhaft.

„Also, wie ich euch ja bereits gestern Abend sagte, lebte unser Volk vor vielen hundert Jahren noch auf Andul. Wir waren ein stolzes und kriegerisches Volk und teilten uns das Land mit den ersten Feen. Zunächst ging das friedlich aus, doch immer öfter kam es dann zu Auseinandersetzungen und schließlich zu blutigen Kriegen zwischen uns und was die Feen hierbei mit ihren Zauberkräften bewirkten, glichen wir mit Mut und Kampfkraft aus.“

Er blickte Sitar zu ihrem Erstaunen wohlwollende an.

„Sowohl wir als auch die Feen waren auch untereinander zerstritten, manche suchten den Frieden, andere wiederum wollten ihre Feinde immer nur vernichten. Eines Tages verbündete sich der Nindur-Feenkönig Elamgar mit den schwarzen Drachenfürsten von Tamorg hier auf Arkur und lotste ein Drachenheer über das Meer, gegen unsere damals an der Ostküste von Andul liegende Hauptstadt Mintrol. Der Schlag war erfolgreicher als alle anderen zuvor, da er in einer Friedensphase erfolgte, wo meine Vorväter keinen Angriff erwartet hatten. Unsere größte und schönste Stadt wurde nach hartem Kampf in Schutt und Asche gelegt und wir Trolle mussten uns vollständig ergeben.“

Sitar schluckte und Jargs fuhr fort:

„Elamgar „der Schreckliche“ stellte meine Vorväter sodann vor die Wahl, das Land Andul für immer zu verlassen, oder alle zu sterben. Es blieb ihnen also nichts übrig als zu gehen. Die Überlebenden wurden zu diesem Portal hier geführt und gezwungen hindurchzugehen. Als es alle passiert hatten sprach Elamgar selbst den Spruch der Versiegelung, der uns eine Rückkehr nach der Heimat nur möglich machen sollte, wenn ein anderer Feenkönig jemals einem aus dem Volk der Trolle die Hand dazu reichen würde, was er natürlich nicht annahm, dass es jemals geschehen werde. Nur dann sollte es uns möglich sein und nur durch dieses selbe Tor, wieder zurückzukehren.“

Sitar und Gelyoc starrten ihn entgeistert an, denn beide dachten offenbar das selbe.

„Darum wolltet ihr das wir warten und ich Euch die Hand reiche,“ flüsterte Sitar.

Er nickte stumm.

Sitar hielt sich den Kopf, denn in ihm schwirrten die Gedanken, das ihr schwindelig wurde.

„Ihr glaubt also, dass der Fluch nun von eurem Volk genommen ist, aber ich verstehe nicht warum? Schließlich bin ich doch noch keine Tewhai und werde es vermutlich auch niemals werden.“

Er blickte ihr tief in die Augen.

„Ihr seit es eures Blutes wegen. Wenn es noch eines Beweises bedurfte, so nehm meine Anwesenheit hier.“

Er schmunzelte.

„Ihr seit die rechtmäßige Erbin der Feenkrone und ich und mein Volk werden Euch für immer in Dankbarkeit verbunden bleiben und euch in diesem Anspruch stets unterstützen.“

Er stand bei diesen Worten auf und verneigte sich tief vor ihr.

„Es mit delin tewaih e’galat.“

„Als Trolgear meines Volkes schwöre ich Euch die Treue!“ Fügte er feierlich hinzu.

Sitar zögerte, verneigte sich dann aber auch zu ihm, obwohl ihr das sehr seltsam vor kam.

„Dieser Fluch auf eurem Volk, war also auch der Grund, dass ihr mich entführen musstet?“

Jargs nickte.

„Ich bitte Euch um Vergebung, doch als wir erfuhren, das ihr hier auf Arkur seit, mussten wir den Versuch wagen.“

Er stockte, „auch weil wir, wie ich schon erwähnte, hofften dabei gleich ein Artefakt aus der Vergangenheit zu bergen, welches uns und auch euch helfen wird Euren Feenfeinden und den Drachen entgegen zu treten.“

Gelyoc hob fragend die Augenbrauen.

„Nur, dass ihr nicht euer ganzes Volk hinter euch habt, machen die Tovoks nicht gemeinsame Sache mit dieser Nindur-Königin,“ schnaubte er, „und außerdem wer weiß ob wir jemals wieder hier weg kommen, um jemanden davon zu erzählen.“

Er ließ ein resigniertes Lachen hören, wofür er sich einen strafenden Blick von Sitar einhandelte.

Jargs nickte jedoch ernst und richtete sich wieder auf.

„Meine Tovok Brüder tun es vielleicht aus den gleichen Gründe. Sie glauben Dionel werde ihnen die Hand reichen. Doch sie ist nicht die wahre Königin, sie haben sich geirrt,“ sagte ermit fester Stimme und rgänzte:

„Wenn wir nun noch hier finden was ich suche, sollten wir so schnell wie möglich zurück gehen, ihr habt nämlich leider Recht mit Euren Befürchtung Magierschüler.“

Gelyoc nickte und Jargs fuhr fort:

„Es ist nie ungefährlich, Einfluss auf die Vergangenheit zu nehmen, aber wenn wir schon mal hier sind, kann es nicht schaden sich davor noch ein wenig umzuschauen, denn in den Legenden meines Volkes heißt es auch:

…nutze die Zeit um sie zu verstehen und ich habe die Hoffnung das mir das gelingt.“

Schon schritt er entschlossen auf die Lichtung zu, das sie sich beeilen mussten ihm zu folgen.

Was sie auch hastig taten.

Gelyoc holte ihn zuerst ein und am Arm fest.

„Aber ihr habt uns noch immer nicht erzählt, wases ist dass ihr sucht?! Sagte er barsch.

Sitar fasste Gelyoc ihrerseits am Arm.

„Ich denke ich weiß es,“ flüsterte sie.

„Es ist ein Schwert, nicht wahr?“

Der Troll nickte und Gelyoc ließ ihn mit offenem Mund los.

„Eines der sieben?“

Jargs blieb ihm die offensichtliche Antwort schuldig und wandte sich wieder nach vorne.

Kurz darauf hatten sie die Lichtung erreicht.

Als sie nah genug waren erkannten sie, das darauf eine kleine Holzhütte stand, die sich an einen Hügel drängte.

Vorsichtig schlichen sie näher, aber immer noch verborgen von am Rande der Lichtung wachsenden dichten Gebüsch.

Als sich plötzlich die Tür der Hütte mit einem Ruck öffnete und eine große hässliche Gestalt daraus hervor kam, gingen sie rasch in Deckung.

„Ein Oger“ flüsterte Jargs, „ein Metur oder auch Großfee, so etwas gibt es nur auf Andul, falls ihr bisher noch gezweifelt haben solltet, das ist der Beweis wo wir sind.“

Der große Kerl vor der Hütte warf ein paar Holzscheite in das Feuer, das auf dem Platz davor noch geglimmt hatte und stocherte dann mit einem Spieß darin herum, bis das Feuer wieder entfacht war.

Plötzlich sahen sie wie eine schimmernde Kugel aus einem Gesträuch von der anderen Seite der Lichtung heraus, direkt ins Feuer flog.

Es gab eine kleine Explosion und der Oger hielt sich schützend die Hände vor das Gesicht, bekam aber unvermeidlich den glühenden Ascheregen ab der ihn über den ganzen pelzigen Körper verstreut traf.

Er brüllte laut auf und hüpfte dann vor Schmerz wild mit den Armen rudernd herum

Wie gebannt beobachteten die drei im Gebüsch nun wie eine Schar elfenähnlicher Wesen, aber mit zarten durchscheinenden Flügeln auf dem Rücken, aus den Sträuchern beim Feuer hervor sprangen und lachend um den an seinen Kleidern und Haaren brennenden Oger herum flatterten.

Dieser schlug und griff nach ihnen als er sie sah, doch sie wichen ihm immer wieder blitzschnell und geschickt aus und trieben ihren Schabernack, begleitet von spöttischem Gesang über sein Äußeres.

„Nymphen,“ flüsterte Jargs.

Ihr Tanz schien ihn auf irgendeine magische Weise schwindelig zu machen, das er schließlich stürzte und schon hatten die Nymphen ihn gepackt und mehrfach durch das Feuer geschleift.

Sitar musste sich die Hand vor den Mund halten um nicht vor Schreck aufzuschreien.

Er war zwar ein unansehnlicher Kerl, aber hatte er solch bösen Schabernack verdient?

Endlich schaffte er es sie abzuschütteln und sofort war klar, dass die Situation für seine Peiniger nun gefährlich wurde.

Er rappelte sich auf, wild jaulend, wegen mancher Brandflecken im Pelz aber nun zudem noch rasend vor Wut und entschlossen seine Angreifer in Stücke zu reißen.

Auch die Nymphen hatten das erkannt, sie stoben augenblicklich auseinander und flohen zurück in den Wald.

Er würde keine von ihnen einholen können, denn mit ihren langen Beinen waren sie so rasch aus seiner Reichweite, dass Sitar sich nicht vorstellen konnte, wie er das machen wollte.

Doch dann sah sie, zugleich mit dem wütenden Oger, dass es nicht allen Nymphen gelungen war Reis aus zu nehmen.

Eine besonders hübsche mit rot blondem Haar, hatte sich einen Fuß zwischen zwei Holzscheiten eingeklemmt und war gerade vor seine Füße gestürzt.

Als Sitar nun in ihr erschrockenes Gesicht sah stockte ihr der Atem.

„Die sieht ja aus wie ich,“ flüsterte sie entsetzt.

Gelyoc neben ihr schien es auch gesehen zu haben und atmete tief in seine Faust.

„Das ist nicht möglich,“ murmelte er, „Sie sieht dir vielleicht bloß ähnlich.“

Sie erkannte in seiner Miene aber das er nur noch nicht auszusprechen wagte was sie beide dachten.

Doch die Erkenntnis verschlug ihr fast die Sprache.

„Wir sind in der Vergangenheit, dieses dort ist meine Mutter,“ flüsterte sie heiser vor Erregung.

„Alnor erzählte es mir, er sagte, sie sei eine Nymphe gewesen,“ fuhr sie fort.

„Ihr Name war Galat, weswegen er mich bei unsrer ersten Begegnung E’galat, Tochter der Galat nannte.“

Als sie sich nun eilig wieder dem Geschehen zu wandte, verspürte sie wie sich beim Anblick der Gefahr in der hier ihre Mutter schwebte, etwas in ihrem Magen verkrampfte.

Unterdessen hatte der Oger die wild strampelnde Nymphe nämlich mit seinen großen Pranken ergriffen und grinste sie zufrieden an.

„Endlich,“ hörten sie ihn sagen, „Endlich habe ich mal eine von euch Plagen erwischt. Tja, Pech für dich.“

„Er spricht einen alten Dialekt des Hochquendur,“ flüsterte Sitar erstaunt. „Ich verstehen es, weil die Elfen von Fejan es noch bei den Götterritualen benutzen.“

Jargs nickte. „Das Quendar war einst die einheitliche Sprache aller Deniqui.“

Sie wandten ihre Aufmerksamkeit wieder dem Geschehen zu.

Der Oger lachte gerade laut und brüllte:

„Damit es euch allen eine Lehre sein wird, den alten Umfren nicht mehr zu quälen und um eurer Eitelkeit und Selbstüberschätzung endgültig entgegen zu wirken, werde ich den anderen mit dir ein Beispiel geben, was ihnen allen passieren kann, wenn sie damit fortfahren sollten mit mir ihre üblen Spielchen zu treiben.“

„Was hat er mit ihr vor?“ Flüsterte Gelyoc.

„Was glaubst du?“ Antwortete Jargs, „aber zu seinem Pech ist es kein Zufall, dass wir gerade jetzt durch das Zeittor gekommen sind und das mit ansehen, da bin ich mir ganz sicher,“ sagte er mit einem Seitenblick zu Sitar hin.

Umfren unterdessen stolzierte mit der Nymphe fest im Griff auf einen am Haus angebauten Schuppen zu.

Von dort holte er einen alten Stoffsack und zog ihn seinem wild zappelndem Opfer über den Kopf, so das ihr glänzendes Kleid und ihre Flügel schließlich vollständig darunter steckten.

Ihr Kopf schaute, das schöne Gesicht kaum ihren Ärger verbergend, aus diesem einfachen Rock noch hervor.

„So,“ brummte der Oger, „dies ist mein magischer Knechtsack, den ich speziell für eine von euch aufgehoben habe. Er ist mit einem Dienerfluch belegt, der als Strafe für alle Unbill die ihr mir in den letzten Wochen bereitet habt, dich nun für ewig dazu verpflichtet mir treu zu dienen.“

Er grinste zufrieden während Galat ihn zerknirrscht anstarrte.

„Du bist also durch ihn ewig an mein Haus gebunden und wirst als meine Magd von nun an, dich Tag und Nacht um mein Wohlergehen kümmern müssen.“

Er lachte erneut schallend während Galat noch einmal verzweifelt versuchte sich den Sack wieder auszuziehen, was ihr aber einfach nicht gelingen wollte, obwohl er sie jetzt nicht mehr festhielt.

Plötzlich sprang sie von ihm weg und wollte mit dem nächsten Satz in den rettenden Wald, doch es zog etwas sie wie mit unsichtbaren Händen zurück und sie wurde wieder vor seine Haustür geschleudert.

Umfren lachte noch lauter.

„Siehst du, es gibt kein Entrinnen.“

Galat schüttelte ungläubig den Kopf, dann brach sie in Tränen aus.

Sitar hinter dem Baum schluckte.

„Welch schreckliche Strafe,“ murmelte sie.

„Nicht ganz unverdient, musst du zugeben,“ raunte Gelyoc, was ihm einen eisigen Blick ihrerseits einbrachte.

Umfren betrachtet unterdessen die weinende Nymphe mit verschlagenem Ausdruck, dann sagte er:

„Aber damit du siehst, dass ich kein Ungeheuer bin und weil dich schließlich nur eine Teilschuld an dem trifft, was ich auch durch deine Genossinnen erleiden musste, sollst du in einem, zugegeben sehr unwahrscheinlichen Fall, von diesem Fluch erlöst werden.“

Er grinste listig und sagte während sein Opfer offenbar den Atem anhielt:
„Nur wenn drei Personen von eindeutig unterschiedlichem Blute, am gleichen Tag an meine Tür klopfen und mich um die Freigabe deiner Schuld bitten sollten.“

Galat schluchzte laut auf während er mit wieder boshaftem Lächeln fort fuhr:

„Das wäre jedoch noch zu leicht, wer weiß wo deine Nymphen ihre Ohren haben, darum füge ich noch eine weitere Kleinigkeit hinzu. Ganz frei sollst du nur dann werden, wenn es sich dabei um einen Jüngling, eine Sagengestalt und jemanden von königlicher Abstammung handelt.“

Er lachte erneut, offenbar köstlich amüsiert über diese aus seiner Sicht vermutlich absolut unerfüllbaren Bedingungen.

Galat warf ihm einen hoffnungslosen Blick zu.

„Dann muss ich dir wohl ewig dienen,“ flüsterte sie traurig.

„So ist es,“ brummte er zufrieden, „genau so ist es meine Liebe.

„Du wirst dich bestimmt daran gewöhnen und wer weiß, vielleicht haben wir noch viel Freude zusammen.“

Daraufhin drückte Umfren, Galat einen alten Besen in die Hand und schubste sie in seine Hütte.

„Auf, auf frisch ans Werk Magd!“

Er folgte ihr fröhlich pfeifend und offenbar mir sich und der Welt wieder im Reinen.

„Wir müssen sie befreien.“ Sitar hatte sich zu ihren Gefährten umgedreht, die sie mit belämmertem Gesicht anblickten.

„Ihr habt gehört, er hat sie mit einem Fluch belegt,“ sagte Jargs, „nur die Erfüllung der von ihm benannte Bedingung könnte sie davon befreien.“

„Außerdem,“ fügte Gelyoc hinzu, „was können wir daran schon ändern und das Schwert hat dieser Kerl sicher auch nicht. Wir sollten uns vielmehr beeilen zurück durch das Tor zu kommen, je länger wir hier verweilen, desto schwieriger werden wir in unsere Zeit zurückfinden.“

Jargs nickte, „so ist es, aber…“ Er überlegte, „Ich denke immer noch, dass wir vielleicht eben aus einem bestimmten Grund genau in diese Geschichte der Vergangenheit geraten sind. Die Legenden sagen auch, …. dass es die Aufgabe der Torgänger sei, dem Zeitfluss in sein Bett zu helfen….“

„Ihr und Eure Legenden“, knurrte Gelyoc.

„Und was soll das bedeuten?“ Flüsterte Sitar.

„Ich weiß es nicht genau, aber ich denke, dass wir hier eine Aufgabe zu erfüllen haben, dass es einfach kein Zufall ist, das wir dieses Geschehen um eure Mutter, falls sie es wirklich ist, miterleben.“

Sitar atmete tief durch. „Genau und ich glaube ich weiß auch was unsere Aufgabe ist,“ fügte sie mit entschlossener Miene hinzu.

Jargs und Gelyoc blickten sie fragend an.

„Überlegt doch mal, was dieser Oger für Bedingung für ihre Freigabe stellte, die er natürlich für unerfüllbar hält?“

„Ein Jüngling, eine Sagengestalt und eine Person von königlicher Abstammung,“ murmelte Gelyoc, ohne das sich dabei in seinem Gesicht irgendeine Erkenntnis abzeichnete.

„Ich verstehe nicht,“ brummte er.

Jargs Augen hingegen weiteten sich und er lächelte Sitar mit spitzen Zähnen an.

„Aber ich,“ sagte er, „Ihr glaubt, das wir das sind?“

Sitar nickte heftig. „Ich bin die Prinzessin, ihr Jargs seit die Sagengestalt, denn auch wenn dies Vergangenheit ist, gibt es auch zu dieser Zeit wohl schon lange keine Trolle mehr in Andul, man kennt euch höchstens noch aus alten Sagen und du Gelyoc bist natürlich der Jüngling aus fremdem Land.“

Sie blickten sich alle drei schweigend an, dann sagte Jargs.

„Sie könnte recht haben, es würde unsere Anwesenheit in dieser Zeit einen Sinn geben. Vielleicht ist es der Wille der Götter, dass wir Galat aus den Händen ihres Peinigers befreien.“

„So ein Unsinn“ murmelte Gelyoc, „ich sehe nicht, was es uns bringen soll, außer Ärger, wenn wir ihr helfen.“

Sitar blickte ihn finster an.

„Tue es mir zu liebe,“ sagte sie schließlich und fügte hinzu:

„Wir sollten uns auch an die Reihenfolge halten, die er nannte, sonst sucht er vielleicht hernach noch nach einer Ausrede, sie nicht freizugeben.“

Jargs nickte. „Das ist ein schlauer Gedanke.“

Gelyoc zögerte immer noch, doch dann nickte er ebenfalls und seufzte.

„Also gut, wer weiß wozu es gut ist und wenn ich euch nicht davon abhalten kann. Dann bin ich wohl sogar als Erster an der Reihe.“

Sitar kicherte. „Stimmt.“

Gelyoc richtete sich auf und stapfte zur Tür der Hütte.

Als er daraufhin anklopfte, öffnete Umfren mit einem ärgerlichen Schnaufen die Tür und blickte verdutzt in Gelyocs fröhlich lächelndes Gesicht.

„Seit gegrüßt werter Herr, ich bin Gelyoc ein Jüng…,“ Er stockte kurz. „Jüngling aus fremdem Land und komme um euch um die Freigabe Eurer Magd zu bitten.“
Umfren schnaubte noch einmal, blickte wild rechts und links von der Tür und rief.

„Hah! Das ist ein durchschaubares Spiel ihr Nymphen. Wo habt ihr den Knaben denn aufgetrieben?! Den alten Umfren könnt ihr nicht täuschen!“

Dabei wollte er Gelyoc mit seiner Pranke wegscheuchen, als sei er ein durch Zauber erschaffenes Trugbild.

Gelyoc wich ihm jedoch geschickt aus und lächelte.

„Seit ihr von Sinnen werter Herr? Ich bin alleine und komme von weit her nur um der Knechtschaft eurer Magd ein Ende zu bereiten. Gabt ihr nicht Euer ehrenwertes Wort darauf?“

Bei dieser Ansprache hörte man im Hintergrund etwas reißen und Gelyoc, sah genau wie der verblüffte Oger, das der Sack den Galat am Leibe trug an manchen stellen deutlich Risse bekommen hatte.

Die Nymphe strahlte ihren vermeidlichen ersten Retter dabei über die Schultern des Großfeen freudig an.

„Wohl wahr,“ knurrte Umfren ärgerlich, doch nach der ersten Verwunderung breitete sich ein verschmitztes Lächeln auf seinem Gesicht aus.

„Nur kann ich sie Euch noch nicht freigeben, da nun erst ein Drittel der Bedingungen erfüllt ist, die ich dafür stellte.“

Wieder fuchtelte er mit der Hand vor Gelyocs Nase herum.

„Also schert Euch des Weges, der euch wohl auch nur durch puren Zufall hierher geführt haben mag.“

Mit diesen Worten schlug er nun wirklich die Tür vor Gelyocs Nase zu.

Als dieser zu den anderen zurückkehrte, berichtete er was sie nicht bereits mitbekommen hatten und dann wünschten sie gemeinsam Jargs viel Glück.

Jargs stapft wie zuvor der Halbtroll, ebenfalls gemächlich auf die Hütte zu.

Nachdem er schließlich als Zweiter an die Tür geklopft hatte, riss Umfren die selbe förmlich aus den Angeln und blickte wutschnaubend, aber im gleichen Moment erneut verdutzt in das Gesicht des hageren Trolls.

Seine Worte blieben ihm fast im Halse stecken:

„Ich habe Euch doch gesagt ihr sollt euch…,“ brachte er noch hervor, dann machte ihm die eigene dicke Zunge eine Strich durch die Rechnung.

„Ein, ein, ein Troll?!“ Stammelte er.

„Guten Tag werter Herr, aus Zeit und Vergangenheit komm ich daher, um Euch um die Freigabe Eurer Magd zu bitten. Gern wäre ich mit ihr alsbald zurück in die Legenden geritten.“

Jargs schmunzelte ob der Poesie seiner eigenen Worte und er konnte beobachten wie Galat im Raum hinter dem, wie versteinert da stehenden und im Gesicht langsam rot anlaufenden Oger, fasziniert die sich weiter vergrößernden Risse ihres Zwangsleibchens betrachtete.

Dann jedoch bekam Umfren endlich wieder seine Zunge in den Griff.

„Das ist Hexerei, ihr könnt kein echter Troll sein?!“

Er befühlte zweifelnd Jargs charakteristische Nase.

Dieser schüttelte ihn ab.

„Ob echt oder Sage, werter Herr das steht hier nicht zur Frage. Euer Spruch ist wohl erfüllt. Und weil ihr seht, das alles geschieht, solltet ihr vielleicht jetzt aus freien Stücken eure Gefangene heraus schon rücken. Das wäre ein für wahr edler Zug.“

„Niemals!“ Schrie Umfren. „Genug! Ihr seit gewiss der Letzte gewesen, dem ich die Tür öffne!“ Knurrte er und schon flog dieselbe auch vor Jargs Nase zu.

„Das habe ich befürchtet“, sagte Jargs als er zu den anderen zurück ging.

„Was machen wir, wenn er Sitar gar nicht öffnet?“

„Das nützt ihm nichts, denn es sollte schon reichen, wenn man klopft und die Bitte laut vernehmlich ausspricht. Er selbst hat es in seiner naiven Torheit so formuliert,“ antwortet Sitar und wollte sofort los.

Doch Gelyoc hielt sie fest.

„Pass auf, gib dich nicht als Galats Tochter zu erkennen, vor allem nicht ihr selbst, wir wissen nicht welchen Einfluss das auf die Zukunft haben könnte.“

Sie überlegte, dann nickte sie und schritt zur Tür.

Als sie diese erreichte, lag plötzlich eine völlige Stille über der Lichtung und sie hatte für einen Moment das bedrückende Gefühl, dass selbst die Vögel den Atem anhielten.

Sie hob die Hand, wollte gerade klopfen und holte bereits Luft um die Worte zu sprechen, da schoss aus dem Schuppen ein dunkler Schatten auf sie zu und stülpte ihr einen Sack über den Kopf, der ihr alle Worte erstickte und sie von den Beinen riss.

Der Schatten hob sie hoch und trug sie schneller als Gelyoc und Jargs reagieren konnten ins Hausinnere.

„Verdammt!“ Rief Gelyoc.

„Ich habe fast so etwas befürchtet,“ brummte Jargs.

„Was sollen wir jetzt tun?“

„Wir,…wir, er blickte gebannt zur Lichtung, „wer ist denn das?“

Bevor Jargs den Satz zu Ende sprechen konnte starrten beide verblüfft zum Haus, vor das nun ein prächtiger schwarzer Hengst getrabt kam, der einen groß gewachsenen Mann in grünem Jagdkleid, mit langen Schaftstiefeln und einem mit Federn geschmückten Hut im Sattel trug.

Rasch verbargen sie sich wieder im Gebüsch.

Der Halur-Fee, denn ein solcher war er zweifellos, hielt eine elegante Armbrust im Anschlag und rief, als er vor dem Haus ankam, mit tiefer, wohlklingender Stimme:

„Kommt hervor aus eurer Räuberhöhle und gebt dem König frei die Magd, der ihr die Freiheit so eben dreist vor seinen Augen raubtet. So etwas duldet er nicht im ganzen Feenreich!“

Umfren wohl zum letzten Zorn gereizt, riss seine Tür auf, bewaffnet mit einem großen Speer und bereit damit dem tollen Spiel dem er sich ausgesetzt vermutete, endgültig ein Ende in seinem Sinne zu bereiten, da traf ihn bereits hart, der scharfe Bolzen und nagelte tot ihn augenblicklich an die eigne Tür, kaum hatte er dabei noch Zeit, die Augen über diese unvorhergesehene Wendung der Geschichte zu verdrehen.

Jargs und Gelyoc stöhnten auf aber trauten ihren Augen kaum, als der Jäger nun rasch abstieg, entschlossen das Haus betrat und schon wenige Augenblicke später auf seinen starken Armen die glücklich befreite Galat hinaus trug. Dann stieg er mit ihr aufs Pferd und sie ritten davon.

Gelyoc und Jargs holten tief Luft.

„Das, das….war ja einfach unglaublich. Wieso konnte er sie befreien, er hat doch wohl Sitar gemeint als er ihn dazu aufforderte?“

„Schon,“ antwortete Jargs und zuckte die Schultern, „aber mit Umfrens Tod, war wohl ohnehin der Fluch gelöst.“ Gelyoc nickte und fügte schmunzelnd hinzu:

„Und sie sahen sich ja so ähnlich.“

„Hatt er denn wirklich Galat erwischt?“ Sie blickten sich beunruhigt an.

Dann begaben sie sich rasch zum Haus und sie fanden zu ihrer Erleichterung Sitar, strampelnd in ihrem Sack.

Umfren hatte sie in der Eile und zu ihrem Glück rasch hinter die Tür geschoben.

So sah der Jäger beim Eintreten nur Galat und hielt sie für das Opfer, was sie im Grunde ja auch war.

Sie befreiten Sitar eilig und berichteten ihr was geschehen war.

„Zum Glück hat er tatsächlich deine Mutter mitgenommen,“ lachte Gelyoc, „wer weiß was sonst mit dir geschehen wäre.“

Jargs brummte: „Offenbar lief die Sache so, wie sie die Geschichte schreiben wollte.“

Sitar nickte.

„Und dieser Jäger war mein Vater, der König.“

Sie machte ein betrübte Gesicht.
„Zu gerne hätte ich ihn auch gesehen.“

Nun untersuchten sie Umfrens Hütte ausgiebig ohne etwas von Wert zu entdecken, nahmen seinen Leichnam von der Tür ab und legten ihn auf seine Schlafstätte.

„Wir sollten nun so schnell wie möglich zum Tor zurück,“ sagte Gelyoc erneut doch Sitar schüttelten den Kopf.

„Was! Wieso nicht?!“ Stieß er verblüfft hervor.

Auch der Troll sah sie fragend an, während er aber selbst nachdenklich noch einmal das Innere der Hütte betrachtete.

„Gelyoc hat sicher Recht, wenn wir noch länger in der Vergangenheit bleiben, dann werden wir noch mehr ein Teil von ihr und das ist bestimmt nicht gut. Wir sollten das Schicksal nicht zu seher herausfordern. Es wäre ja schon fast schief gegangen.“

Er seufzte. „Aber das weswegen ich eigentlich hierher wollte, haben wir noch nicht gefunden.“

„Aber werden wir durch das Tor überhaupt in unsere Zeit zurückkehren können?“

Jargs zuckte mit den Schultern auf Gelyocs Frage.

„Wir müssen es versuchen oder wisst ihr einen anderen Weg?“

„Wir könnten einfach hier bleiben.“

Gelyoc und Jargs blickten Sitar erstaunt an und ihre Verblüffung wurde noch größer als sie sahen, was die Fee gerade tat.

Sitar wühlte in einer alte Holztruhe des Ogers.

Sie holte gerade ein großes, mit Lumpen umwickeltes Bündel daraus hervor, dass sie ihnen triumphierend entgegen hielt.

Man erkannte sofort, das es ein Schwert sein musste. Jargs tat einen freudigen Ruf der Überraschung und trat eilig näher heran.

Er nahm ihr das Bündel ab und wickelte es aus.

Sofort kniete er nieder und hob die Hände zum Himmel.

„Nur deine Worte sind die Wahrheit, großer Tauross,“ murmelte er. „Ich dachte schon die Prophezeiung könnte nur zum Teil erfüllt werden.“

Sitar nickte zufrieden. „Es ist das Schwert das ihr gesucht habt?“

„Ja, dies ist Wardir, oder in eurer Sprache „Sonnenglanz“, das verlorene Schwert der Trollkönige von Andul.

In der Prophezeiung heißt es:

„…du findest das Haus des Schwerträubers in Andul nur, wenn du durch die Zeit gehst und all ihre Rätsel löst.“

Und als ihn die beiden anderen breit lächelnd anblickten, fügte er hinzu:

„Ich hätte niemals gedacht, das dies das richtige Haus ist, doch diese alte Truhe trägt tatsächlich das Wappen von Mintroll der alten Königsstadt.“

„Und wenn du das Schwert deinem Volk zurück bringst, werden dir alle Stämme folgen?“ Fragte Sitar.

Jargs schüttelte den Kopf, „Sicher nicht sofort, aber so wird es zumindest leichter sein sie zu überzeugen.“

„Also gut,“ brummte Gelyoc, „da nicht zu erwarten ist, dass sich in dieser Zeit auch für mich noch irgend eine Prophezeiung erfüllt, sollten wir jetzt endgültig zurück zum Tor.“

Die anderen nickten und Sitar öffnete die Tür der Hütte um hinaus zu gehen. Doch beinah sofort stieß sie einen spitzen Schrei aus.

Die Hütte war umstellt von finster ausschauenden Zentauren-Kriegern.

Ihr Anführer, dessen Oberkörper vor fettiger Kriegsbemalung glänzte und dessen Unterkörper der eines mit Muskeln bepackten schwarzen Hengstes war, ließ mit einem breiten Grinsen sein sehr pferdeähnliches Gebiss sehen.

„Ergebt Euch Halurgesindel!“ Rief er und seine Leute zielten mit gespannten Bögen auf ihre Köpfe.

Es war eindeutig keine Bewegung mehr möglich ohne durchbohrt zu werden, doch schon schob Jargs Sitar beiseite und stellte sich mit gezogener Klinge vor ihr auf.

„Wagt es nicht Nindur-Abschaum!“ Rief er mit bedrohlicher Stimme:

„Hier steht Jargs von Mintroll, Nachfahre der großen Könige der Dundar.“

Einen Augenblick schienen die Zentauren verblüfft und beeindruckt, doch dann ließen einige ein belustigtes Wiehern hören und schon die Pfeile mit tödlicher Prezison auf sie zu.

„Das hat nicht geklappt!“ Quickte Gelyoc.

Doch zugleich sahen sie wie der Troll blitzschnelll das alte Schwert zog und zu ihrer beider Überraschung zahlreiche Geschosse mühelos abwehrte.

Doch hätten Weitere ihr Ziel gefunden wenn nicht Gelyoc, der nun ebenfalls gedankenschnell handelte, zugleich einen Schildzauber gesprochen und vor sie geworfen hätte, an dem der Rest der Pfeile unschädlich abprallte.

Aber die Pferdemenschen waren zu viele.

Sie griffen weiter wütend an und Jargs wie Gelyoc, der nun zusätzlich seinen Dolch gezogen hatte, waren bald von jeweils einem halben Dutzend umringt, während Sitar von den Speeren zweier Krieger rasch an die Hauswand gedrängt wurde.

„Rühr dich nicht Nymphe!“ Wies sie einer der beiden grob zurecht und so musste sie mit ansehen, wie Jargs trotz heftiger Gegenwehr, schwer getroffen und ihm schließlich das Schwert aus der Hand geschlagen wurde.

Gelyoc versuchte sich mit den schwachen Zaubern die er beherrschte zu schützen, doch die Waffen der Angreifer waren schneller als der Lehrling der Magie und so brach auch er bald schon unter den heftigen Angriffen der Zentauren zusammen.

Sitar spürte wie ihr die Tränen in die Augen stiegen und die Verzweiflung sie beinah lähmte.

„So durfte es nicht enden,“ doch dann plötzlich verspürte sie noch etwas anderes.

Eine unbändige Wut stieg in ihr auf.

Es waren auch Zentauren gewesen, wie sie von Alnor wusste, die ihre Mutter getötet hatten oder töten würden.

Ihre wahre Mutter, die sie gerade zum ersten Mal in ihrem Leben gesehen hatte.

Ein magisches Wort kam ihr in den Sinn, dann ein weiteres, schließlich hörte sie sich die fremden Worte rufen und spürte wie eine ungeheure Kraft aus ihrem Inneren aufstieg, sie empor hob und aus ihr hervor strömte.

Etwas brach sich Bahn in ihr, geboren aus der Todesangst, der Verzweiflung, all ihrem Zorn über die eigene Hilflosigkeit aber auch aus der Liebe zu ihrer Mutter.

Sie war eine Fee, mehr noch eine Königin der Feen! Sie war eine Macht!

Diese Erkenntnis überwand eine unsichtbare Blockade in ihrem Kopf und erfüllte sie mit Angst aber zugleich auch mit ungeheurer Freude.

Und all dies geschah mit ihr in wenigen Sekunden, in denen sie sich plötzlich aus ihrer Hilflosikeit befreit und mitten im Gefecht sah.

Sie hörte von den Zentauren Schreie des Entsetzens und der Überraschung, wie durch einen Schleier der Wahrnehmung um sich herum, und es dauerte schließlich nur wenige weitere Augenblicke, bis sie bereits erschöpft zu Boden sank und sich erstaunt um blickte.

Etwa sechs Zentauren lagen schrecklich zugerichtet auf der Lichtung verstreut. Der Rest hatte panisch die Flucht ergriffen.

Was war geschehen?

Schon war Gelyoc neben ihr, er blutete stark am linken Arm, aber er zog sie aus dem Gras.

„Das war phantastisch,“ flüsterte er. „Du hast sie hinweggefegt, wie Strohhalme. Solch eine Zauberkraft habe ich nicht mal von Tralzio gesehen.“

„Aber ich, weiß nicht wie?…“ stammelte Sitar verwirrt, „es war ein unglaubliches Gefühl, eine unglaubliche Stärke gewesen, die sie gespürt hatte und nun eine entsetzliche Müdigkeit.“

Sie taumelten gemeinsam zu Jargs, der noch auf dem Boden lag und untersuchten ihn.

Ein Huf hatte seinen Brustkorb getroffen und er röchelte und spuckte Blut.

„Es ist vorbei…,“ murmelte er. „Nehmt Wadir und bringt es meinem Volk.“

Er hatte Gelyocs Hand fest gepackt und seine Augen fixierten Sitar.

Beiden sahen, dass seine Verletzungen zu schwer waren, er würde nicht mehr aufstehen können.

Sitar schluckte schwer und wieder liefen ihr die Tränen über das Gesicht und auch Gelyoc erging es nicht anders, wie sie voll ungeahnter Zuneigung feststellte.

„Wir werden es tun, das verspreche ich dir,“ sagte sie mit zitternder Stimme und der junge Magier nickte ebenfalls.

Dann stöhnte Jargs noch einmal mit schmerzverzerrtem Gesicht auf.

Seine Augen flatterten, doch er flüsterte mit offensichtlich letzter Kraft die Worte:

„Sucht Zimoke und bringt ihr das Schwert, sie ist unsere letzte Druidin und…,“ er stockte, „… außerdem meine Schwester.“

Sitar atmete schwer und schluckte den Klos hinunter, der ihr im Hals steckte um rasch die entscheidende Frage zu stellen.

„Wo… wo finden wir Zimoke?“

Jargs Körper zitterte unter seinen Schmerzen, doch er öffnete noch einmal die Augen.

„Geht ins Wenkohr über den Bergpfad den mein Volk Imortir, in eurer Sprache „Hornsteig“ nennt. Achtet darauf den „Schneegrad der Sieben“ zu eurer Linken zu lassen und sucht nach einem verborgenen Felstor, dem Nor-throl, ein Tunnel durch die Südflanke des Gebirges, der Euch direkt ins Gombar Tal führt…“

Er stockte kurz, dann fasste er sich an das linke Handgelenk. „….und nehmt diesen Armreif“, er nahm ihn ab, „als Zeichen, dann wird meine Schwester wissen das ihr die Wahrheit sagt…“

Schließlich erstarrte sein Blick und Sitar wusste, dass sie heute endgültig aufgehört hatte ein Kind zu sein und wenn sie jeh zurück kommen würde, dann wusste sie, war Jargs nicht umsonst für sein Volk gestorben.

Sie verspürte zudem zum ersten Mal in ihrem Leben so etwas wie große Verantwortung.

Doch es blieb nicht viel Zeit sich diesem Gefühl hinzugeben, denn die Zentauren, das ahnte sie, würden nach dem ersten Schock bestimmt zurückkehren.

Sie warf einen kurzen Blick auf den Armreif, der ihr schon zuvor bei Jargs aufgefallen war.

Er war ein flaches, golden schimmerndes Schmuckstück mit einem matten grünen Stein in der Mitte.

Jargs hatte einmal am abendlichen Feuer darüber gesprochen: „… dies ist Eisjade, ein Stück vom Herz eines Sibilion-Baumes auf Andul. Ein seltenes Erbe aus alter Zeit. “

„Lass uns gehen,“ sagte sie zu Gelyoc.

Der Halbtroll dachte ebenso und warf ihr einen ernsten Blick zu.

„Wir sollten ihn wenigstens dort unter den überhängenden Stein legen.“

Sitar nickte und rasch trugen sie den Leichnam an die Stelle, die mit einem dichten Pflanzenvorhang überwuchert, eine fast ideale natürliche Ruhestätte darstellte.

„Nun, ist er in der alten Heimat,“ murmelte Sitar.

„Ja und wir müssen zum Tor!“

Er hatte das kostbare Schwert bereits gepackt und zog sie mit sich in den Wald.

Sie rannten so schnell sie konnten, die Strecke war ihnen auf dem Hinweg nicht besonders weit vorgekommen, aber jetzt erschien sie ihnen endlos.

Und plötzlich vernahmen sie Hufschlag und die brechende Zweige hinter sich.

Eben so musste es ihre Mutter erlebt haben, dachte Sitar, während sie rannte, das ihre Lungenflügel brannten.

Dabei jagten ihr Gedanken durch den Kopf, die davon flüsterten welche Macht sie noch vor Minuten ausgeübt hatte und dass sie stehen bleiben und sie alle töten könnte.

Doch Sitar drängte diesen Wahnsinn in sich zurück, wer wusste schon ob sie solche Kräfte noch einmal hervorbringen konnte.

Dann erreichten sie endlich die Lichtung mit dem von Dornen umrankten Torbogen.

Wohin würde er sie bringen? War es die Rettung, war es der Tod, dem sie entgegen liefen?

Kurz drehte sie sich um, und erhaschte einen Blick auf mehrere Zentauren, die nun ebenfalls die Lichtung erreicht hatten.

Sie waren so verflucht schnell, es gab keine Zeit zum Überlegen.

Also sprangen sie durch den Torbogen und Sitar verspürte den beinah schon vertrauten Ruck und sie tauchten in Dunkelheit, Stille und eine ungewisse Zukunft.
____________________________________________________________________________________

1 Bekannteste Aüßerung von Hepistor, einem berüchtigten Tokaia-Priester aus Szeleun.

Werbeanzeigen

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s