Der große Wahnsinn

 

Vorwort

Dies ist die Geschichte meines Vaters Friedrich Albrecht, der das Pech hatte in eine Zeit hineingeboren zu werden die vielleicht wie keine andere, den Charakter, Mut und Verstand eines jungen Menschen auf die Probe stellte. Zugleich ist es ein Stück Zeitgeschichte, das ich auf derSuche nach meinen eigenen Wurzeln entdecken durfte.

Heute im Jahre 2006 bin ich schließlich 80 Jahre geworden. Wer hätte das gedacht? Nachdem was wir alles erlebt haben. Mit wir meine ich nicht nur mich, sondern auch all die lieben Menschen, die mein Leben begleitet haben. Ob nun über eine längere Zeit oder nur kurz. Ich meine auch uns alle, als Deutsche, denn als solcher habe ich mich immer gefühlt und somit fühlt man sich auch verbunden mit allem was Deutschland ist oder war. Auch mit den schlechten Dingen die passiert sind. Oder gerade mit diesen, denn sie prägen sich ein, in die Seele, nicht weniger wie die guten Dinge.

Auch darum, oder gerade dann ist es schwierig darüber zu reden. Lieber möchte man nur das Positive sehen oder sich einreden es habe noch Gutes an dem und jenem gegeben. Ich weiß, dass das eine allgemeine menschliche Schwäche ist, was mich gemeinhin beruhigt, was jedoch grundsätzlich natürlich fatal bleibt, denn so neigt die Menschheit eben dazu ihre Fehler immer zu wiederholen.

Ersparen sie mir hier zahllose Beispiele aufzulisten und den Fehler vieler Biographen meiner Zeit zu machen, so nebenbei darauf die Aufmerksamkeit zu lenken, dass auch Amerikaner und Juden nur schlechte Menschen sind.

Wir tragen es alle in uns, das Raubtier. Da nützen auch alle Regeln, Normen und Gesetze nichts. Es gibt nur zwei grundsätzliche Dinge, die die Menschheit verbindet: Liebe und Tod.

Darum gibt es nichts menschlicheres als den Krieg, denn er geschieht aus Angst vor dem Tod und aus Liebe zu sich selbst. Das glauben zumindest viele Menschen und der Glaube ist das bewegende Moment im Leben des Einzelnen.

Aber, na gut, ich bin kein Philosoph, wenn sie jedoch einen fragen würden, bin ich sicher, er würde ihnen eine irgendwie so geartete Antwort geben.

Wenn man schon so viele Jahre gelebt hat, dann kann man, meine ich, es wagen solche Weisheiten von sich zu geben, denn ich bin überzeugt, das Lebenserfahrung oft mehr Klarheit vermittelt als so manche Studierstunde.

Liest man dann den Lebensbericht des einen oder anderen, so zeigt man gerne Betroffenheit, Mitgefühl oder ist sogar entsetzt über die handelnden Personen, aber allzu schnell bezieht man die Lehren, die daraus folgen sollten nicht auf sich persönlich. Ich weiß wovon ich reden, denn es ist mir in dem einen oder anderen Maße ganz gewiss auch so gegangen, wenn ich meinen eigenen Lebensbericht, mir selbst immer wieder gedanklich vorgelesen habe, erst recht. Die Versuchung sich selbst als schön, gut, gerecht, unschuldig, klug usw. zu betrachten ist einfach zu groß und die Verdrängung der dunklen Seiten der eigenen Vergangenheit hilft eben zumindest oberflächlich immer, um in der Gegenwart besser weiter leben zu können.

Doch ich glaube, wie man an meinen Söhnen sehen kann, bin ich nicht so ganz daran gescheitert ihnen meine schließlich doch reifende Einsicht zu vermitteln, das vieles was ich in der Zeit des Nationalsozialismus erlebt habe, ziemlich schlimm war. Vielleicht war es sogar gut, dass ich im Gegenteil emotional nicht in der Lage war, sie aktiv zu Antifaschisten zu erziehen, da der Versuch bewusster Prägung all zu oft ins Gegenteil umschlägt. Dass sie sich ihre Antworten auch durch Diskussion und Bildung holen mussten und bei so manchem Streitgespräche habe auch ich dabei immer noch etwas dazu gelernt.

Ich hoffe also ihnen nun auch eine viel objektivere Schilderung meines Lebens geben zu können, als es mir möglich gewesen wäre, wenn ich beispielsweise zeitnah ein Tagebuch geführt hätte.

Einleitung

Wo soll ich anfangen? Natürlich könnte man auch alles nur in ein paar wenige Sätze packen. Ich will es mal versuchen um ihnen zu zeigen, wie einfach das Leben auch beschrieben werden kann und oder wie viel bzw. wenig bei vielen gewöhnlichen Menschen, zu denen ich mich eigentlich auch zähle, hiervon übrig bleibt. Insbesondere dann, wenn alle jene verstorben sind, die das Leben begleitet haben und nichts schriftlich erhalten wurde. Es ist darum nicht umbedingt schlechter, nein manchmal ist es sogar viel poetischer, wenn man sein Leben in wenigen Zeilen zusammenfasst. Wie sie gleich sehen werden, bedarf es oft nicht so vieler Worte um zumindest ein Ausschnitt meines heutigen Lebensgefühls zu vermitteln, der authentischer nicht sein könnte.

Ich hatte das Glück oder Pech, das erste Schuljahr in vier Schulen zu verbringen.

1940 Schulende – 1943 Soldat, ich glaubte an den Sieg!

Ich komme mit ein paar Schrammen heil aus Krieg und Gefangenschaft nach Hause zurück.

In der Gefangenschaft habe ich Tischtennis spielen gelernt, 60 Jahre bin ich dann dem Sport treu geblieben.

Meine Eltern sind währenddessen in Rengsdorf im Westerwald gelandet

1948 fange ich auf dem Rasselstein in Neuwied, in einem Kaltwalzwerk zu arbeiten an und lerne meine spätere Frau Lieselotte, kennen und lieben.

1952 haben wir geheiratet. Zwei gut geratene Söhne haben wir bekommen und sind jetzt 54 Jahre verheiratet. Es waren gute Jahre und ich hoffe, dass es noch ein paar mehr werden.

Sehen sie, so einfach ist das. Doch ihnen ist sicherlich sofort aufgefallen, das ich ein paar wichtige Details weg gelassen haben könnte, die ich mit Hilfe dieses Buches zum Teil auch erst bei mir selbst finden musste oder die bis dahin immer so privat waren, dass ich noch nie darüber gesprochen habe, zumindest nicht öffentlich.

Doch die stichwortartige Auflistung sollte sie darauf neugierig gemacht haben, was dahinter steckt, vor allem welche Gefühle und Gedanken. Mein jüngster Sohn jedenfalls, den ich mit den Einzelheiten gefüttert habe und der für mich hier dankenswerterweise als Ghostwriter fungiert, war es jedenfalls und er hat daher stellvertretend für sie die Rolle übernommen mich zu löchern und auszufragen. Dabei gestattete ich ihm fürwahr einige dichterische Freiheiten, andere gestattete er sich ungefragt selbst. Aber ich habe es ihm verziehen, war ihm manchmal sogar dankbar und auch sie sollten es ihm für dahin nachsehen.

Was dabei heraus gekommen ist, ist so viel Wahrheit wie ich ertragen konnte und so viel Genauigkeit wie ich erinnern durfte. Denn wichtig ist, nicht nur die Wahrheit, sonder auch, dass man die Seele seiner selbst und die seiner Mitmenschen schützt. Wie furchtbar auch die Schuld des Einzelnen sein kann, sie hat Vergebung verdient. Dies ist kein christliches Motiv allein, es sollte ein universelles sein. Denn nur dann kann die Menschheit mit sich selbst weiter leben.

Kapitel 1:

Anfang

Meine Kindheit und Schulzeit war geprägt von vielen Ortswechseln.

Mein Traum war es immer einmal Sänger zu werden, denn ich hatte früh als einziger meines Alters das Talent in Koloratur zu singen. Aber für eine solche Ausbildung hatten wir natürlich kein Geld.

Opa Albrecht, damit meine ich natürlich meinen Vater, hat es wieder mal geschafft. 1941 hat er seine Familie um sich versammelt und es geht nach Neurath an den Niederrhein. Opa hat auf einem Gut Arbeit angenommen, er bekommt sie aber nur mit der ganzen Familie. Adolf, mein jüngerer Bruder ging noch zur Schule, Anneliese, meine ältere Schwester und ich arbeiteten vom Frühjahr bis zum Herbst in der Rübenernte im Akkord.

Ende 1942 meldete ich mich freiwillig zur Waffen SS. Ich war 17 als ich eingezogen wurde, es ging nach Krakau in Polen. Ich glaubte an den Sieg!

Das erwähnte ich bereits, ich weiß. Es ist aber keineswegs unwichtig, obwohl wir noch auf die sozialisierenden Hintergründe im Detail kommen werden, wenn sie durch diese kurze Beschreibung unserer einfachen Lebensumstände nicht bereits deutlich genug geworden sind. Der Glaube ist ein wichtiges Element im menschlichen Universum. Woran auch immer? Der Glaube versetzt Berge! Dieses Sprichwort ist so wahrhaftig wie die meisten Sprichwörter, auch wenn das heutzutage etwas und zu Unrecht wie ich finde belächelt wird.

Normal war 4 Wochen Ausbildung. Wir waren jedoch nach einem halben Jahr immer noch in Krakau. Eigentlich war die Ausbildung eines Infanteristen nach 6 Wochen beendet, dann kam man in den Einsatz, wir nicht. Wir bekamen aber auch nicht gesagt woran das lag. Die Stimmung in der Truppe war mies aber alle wollten an die Front. Wobei mir heute nicht mehr so ganz klar ist, was uns geritten hat. Heldenmut? Übermut? Unwissenheit? Ungeduld? Vermutlich naive Unwissenheit oder Träume von einer Welt, die nichts mit der realen Welt zu tun hatte. Ich selbst hatte den Traum einmal Herr über die im Osten eroberten Gebiete zu sein. Wie ein kleiner König. Ein Kindertraum. Aber Letztlich spielte bei uns allen von allem etwas mit denke ich.

Auch Krakau an der Weichsel war im Krieg eine gefährliches Pflaster.

Die Stadt wimmelte von Partisanen. Von unserem Zug wurde einer aus dem Hinterhalt erschossen. Es gab eine Landplatz wo kriegswichtiges Material gelagert wurde und einen Sprengplatz für die Munition. Auf beides hatten die Partisanen es abgesehen. Sie schwammen in der Nacht über den Fluss oder kamen leise mit Booten. Dabei versuchten sie auch immer die Wachen zu erschießen. Sie hatten es vor allem auf die SS abgesehen, die Wehrmacht, die ebenfalls in Krakau lag, ließen sie in Ruhe. Viele Kameraden kamen so zu Tode, darum waren wir froh, als endlich der Marschbefehl kam. Noch einmal wurden wir über unsere Wiese gescheucht, dann ging es ab in den Güterzug. Wohin? Wieder nicht Russland, wir landeten in der Nähe von Prag.

Auch unser Kompaniechef in Krakau, hatte ein unerfreuliches Erlebnis zusammen mit seiner Frau. Auf einem Spaziergang begegnete er sechs Polen im Wald. Sie umstellten ihn und nahmen ihm die Pistole ab, deren Ladung sie ihm darauf vor den Augen seiner Frau in den Leib schossen. Die Frau, die die Täter hysterisch mit ihren Schuhen bearbeitete, ließen sie leben und tatsächlich gelang es im Anschluss beiden sich bis zum Exerzierplatz zu schleppen. Er überlebte den Angriff, doch als wir abzogen blieb er in Krakau. Was aus ihm geworden ist, weiß ich nicht.

In Prag ging unsere Ausbildung weiter. Als Pioniere wurden wir im Brückenbau, an Sprengungen und an fast allen Waffen ausgebildet.

Man weiß inzwischen ja von einigen Massakern, die im Krieg an Zivilisten verübt wurden, in Serbien oder Italien, wo beispielsweise ein Kino voll mit Soldaten in die Luft gesprengt wurde. Partisanen waren kämpfende Zivilisten, die meist Anschläge wie oben beschrieb aus dem Hinterhalt verübten. Wenn diese besonders viele Tote zur Folge hatten wie in diesem Kino, gab es dafür aus Rache und Abschreckung, Bestrafungsmaßnahmen an zumeist Unschuldigen, denn die Verantwortlichen stellten sich natürlich nicht und wurden in den seltensten Fällen geschnappt. Ein tragischer Kreislauf, der aber eben eine ebenso tragische Logik hatte. Die toten Zivilisten wurden auch von den Partisanen für ihre „gute“ Sache in gewisser Weise in Kauf genommen.

Ich persönlich habe zum Glück nichts dergleichen mit erlebt, keine Massaker und ich sah auch niemals ein KZ. Selbst als wir in Krakau direkt in der Nähe lagen, erfuhren wir, die wir in der Ausbildung waren nichts davon. Ich bin mir heute nicht ganz im Klaren darüber, ob es daran lag, dass ein geschickte Geheimhaltung unsere Treue nicht erschüttern sollte oder ob wir in fanatischer Naivität alle Anzeichen dafür übersahen. Aber wenn ich es erfahren hätte, wie hätte ich reagiert? Ich kann es wirklich nicht sagen.

Kapitel 2:

Ausbildung und Krieg

Sommer 1944 Invasion. Einen Tag danach mussten wir antreten. 6.000 Mann, ein Regiment. Wir bekamen einen Namen:

Drei Regimenter, meines hieß „Schill“, nach einem General aus dem 30jährigen Krieg, wurden hier zusammengefasst.

Den Divisionsnamen erfuhr ich erst später, welche Bedeutung er hatte ist mir nie klar geworden. Jedenfalls hatten nur SS Divisionen Namen, Wehrmachtsdivisionen trugen lediglich Nummern.

Nun jedenfalls war meine Überraschung groß, das Regiment fuhr nach Frankreich ohne mich. Man hatte entdeckt, dass ich so ein guter Soldat war, das ich auf die Schule zum Unteroffizier gehen musste. Es gab allerdings keinerlei Informationen darüber durch meine Vorgesetzten. Wir bekamen halt nur Befehle, aber keine Begründungen. Im Nachhinein war es jedenfalls mein Glück, fast alle meine Kameraden sind an der Küste gefallen. Das Glück sollte mich, muss ich wirklich sagen während des Krieges noch häufiger begleiten, wie sie beim Lesen sicherlich zugeben werden.

Für mich folgten darauf also weitere drei Monate harte Ausbildung auf dem Lehrgang. Dann Übernacht Abmarsch in die Slowakei, Partisanen Einsatz!

Wir jagten mit 6.000 Mann etwa 60.000 Partisanen vor uns her, bis die Russen uns schließlich entgegen kamen.

Ich erinnere mich hier an ein besonders unangenehmes Erlebnis, das mir jedoch erneut Glück bescherte. Auf dem Marsch lief ich mir einen Fuß wund und konnte nach einer Rast meiner Einheit nicht mehr folgen.

Alleine humpelte ich über die Straße hinter ihnen her, rechts und links nur undurchdringlicher Wald, aus dem ich jeden Augenblick erschossen werden konnte. Wer behauptet er habe im Krieg keine Angst gehabt, der ist ein Prahler. Es gab viele Augenblick, da hatte ich Angst, dieser war einer von ihnen und er dauerte sogar eine halbe Stunde an, bis plötzlich ein Motorrad mit Beiwagen hinter mir auftauchte und mich mit nahm. So erreichte ich sogar vor meiner Einheit die Stadt, in der wir dann stationiert wurden. Dort kam ich in ein kleines von Nonnen geführtes Krankenhaus wo mein Fuß behandelt wurde. Ich musste einige Tage bleiben, die mich möglicherweise davor retteten, wie einige Kameraden, in jenem Minenfeld um zu kommen, in das meine Einheit später lief. Als ich wieder zu ihnen stieß fehlten viele.

Acht Tage haben wir dann in Pressburg gelegen, darauf ging es Richtung Ungarn zum Plattensee.

Wir kamen durch den Ort Raab, wo im Bahnhof ein Sonderzug voll mit Blitzmädchen stand, die man offenbar bereits aus Budapest evakuiert hatte. Wir machten uns einen Spaß daraus, durch den Zug zu laufen und die kreischenden Mädchen, die teilweise noch im Nachthemd da standen zu erschrecken.

In Ungarn errichteten wir Panzersperren gegen die anrückenden Russen und waren eigentlich schon auf eine Konfrontation vorbereitet.

Dort erlebte ich auch einmal ein Zusammentreffen mit Angehörigen einer so genannten Strafkompanie, wie sie alle Seiten hatten. Dort mussten straffällig gewordene Soldaten dienen, die aus allen Heeresteilen kamen. Sie wurden meist ziemlich unbewaffnet an die Front geworfen und waren sehr gefürchtet, da sie nichts mehr zu verlieren hatten. Sie konnten nur überleben, wenn sie sich ihre Waffen vom Feind erkämpften.

Zumindest vom Hörensagen wussten wir, das diese Kompanien voller Gauner und sogar Schwerverbrecher waren, die auf die Zivilbevölkerung losgelassen, natürlich nicht gerade eine Zierde in deutscher Uniform abgaben.

So erlebte ich eben beispielsweise einige Angehörige einer solchen Truppe in einer ungarischen Kneipe, die ich mit zwei Kameraden besuchte.

Dort war alles friedlich bis zur Ankunft von etwa zwanzig Strafkompanielern. Eine Kapelle spielte Zigeunermusik und die Insassen tranken ihr Bier. Einer der Neuankömmlinge jedoch forderte von den Musikern ein bestimmtes Stück, das sie entweder nicht kannten oder nicht spielen wollten. Jedenfalls brachte ihn das so in Rage, dass er die Bassgeige dem Musiker mit solcher Wucht über den Kopf schlug, das dieser darin stecken blieb. Darauf folgte ein Tumult, in dem die ganze Kneipe kurz und klein geschlagen wurde.

Wir drei konnten nichts dagegen tun und uns nur selber in Sicherheit bringen.

Einige Tage später wurden wir zu unserer Überraschung wieder Übernacht verladen und es ging Richtung Deutschland an die Oder. In Guben kamen wir an, da kam uns die Wehrmacht schon entgegen gelaufen, auf der Flucht. Sie kamen aus Vogelsang, ein großes Bauerndorf, dort hatten sie alles stehen und liegen gelassen und der Russe schoss nun mit unseren eigenen Flak auf uns. Wir nahmen die Wehrmacht gleich wieder mit uns und eroberten das Dorf zum Teil zurück. Aber nur zum Teil, auch die Russen hielten zahlreiche Häuser und schließlich wusste niemand mehr wo wir und wo der Feind war. Ich erinnere mich noch an ein besonders brutales Erlebnis. Vor einem dieser Häuser stand ein so genannter Paniawagen, ein Pferdewagen wie ihn die Russen viel verwendeten um etwas zu transportieren.

Ich und ein Kamerad ging in das Haus. Auf dem Herd brieten noch Koteletts in einer Pfanne. Aber von den Russen war nichts zu sehen. Wir stiegen in den Keller und dort fanden wir sie. Satt und friedlich schliefen sie auf dem Ofen. Mein Kamerad nahm eine Handgranate und warf sie hinein, dann liefen wir rasch wieder hoch.

Ich muss dazu erwähnen, dass wir ein Verbot hatten, Schusswaffen zu gebrauchen, wegen des Mudition smangels.

Die Explosion erfolgte und nachdem sich der Rauch verzogen hatte, schauten wir nach, was die Granate bewirkt hatte. Sie waren verschwunden, wir stiegen durch den Keller und suchten sie. Schließlich fanden wir sie auch, sie hatten sich schwer verwundet in einen hinteren Kellerraum geschleppt und lagen dort auf Pritschen.

Der Kampf um diese Dorf zeigt letztendlich, welchem Irrsinn die Männer auf beiden Seiten verfielen. Wie konnten diese Russen zum Beispiel in Seelenruhe essen und sich schlafen legen, wenn doch der Feind nur ein Haus entfernt war? Oder ein anderes Beispiel ist sicherlich die Tatsache, dass wir von unserer Stellung aus die Russen auf dem Dorfplatz tanzen sehen konnten. Hätten wir gedurft, hätte eine MG-Salve genügt sie alle zu töten, doch der Muditionsmangel rettet in dieser Situation ihr Leben und unser Gewissen, wenn wir denn noch eins hatten. Einer jedoch, der sich zu nah an uns heran wagte wurde doch erschossen, als wir ihn fanden trug er stolz ein Hitlerparteiabzeichen, dass er offenbar gefunden hatte, an der Brust. Es gab keine Ideale mehr, alles war nur noch ein großer Wahnsinn.

Die Russen verwendeten schließlich ihre Stalinorgeln und den Granateinschläge um uns herum war kaum zu entkommen.

Die Infanterie lag in Gräben und die SS etwas sicherer in den Häusern, doch trotzdem erwischt es mich! Ein Splitter im rechten Oberarm. 1 cm tiefer und der Knochen wäre durch gewesen. Ich hatte erneut Glück und noch mehr denn die Verletzung wäre eigentlich nur etwas für ein Feldlazarett gewesen. Ich weiß nicht mehr genau warum, aber ich erinnere mich daran, dass es mir mit Hilfe einer Sanitätertasche trug, gelang von Ost nach West mit einem Transport Schwerverwundeter raus zu fahren. War das eine feige Flucht? Ich kann mich heute nicht mehr erinnern ob ich überhaupt darüber nachgedacht habe. Die Schreie der Kopf- und Bauchschüsse im Wagon werde ich nicht vergessen. Ich konnte ihnen trotz meiner Sanitätstasche nicht helfen, denn darin hatte ich nur eine gefundene Speckseite. Wer starb wurde auf der Strecke raus geschmissen.

Mit dem Zug kamen wir einen Tag nach der Bombardierung in Dresden an. Der Anblick der zerstörten Stadt wird mir ebenfalls immer im Gedächtnis bleiben, vor allem aber die brennenden Berge von Toten.

Bis heute glaube ich nicht, dass die offizielle Zahl von 80.000 Toten stimmen kann, denn die Stadt war voller Flüchtlinge gewesen. In den Strassen standen die aus dem Osten geflüchteten Bauern mit ihren Wagen und konnten weder vor noch zurück. Sie alle kamen um doch niemand konnte sie zählen.

Danach ging es nach Halle in Westfalen und dort bekam ich einen Marschbefehl nach Hagen, das ich als Heimatlazarett angab.

Dort kam ich in die Hallen-Schule, wo ich ein halbes Jahr als i-Männchen gesessen habe. Anneliese besuchte mich im Lazarett und ich lies mich nach Rengsdorf verlegen.

Auch Rengsdorf war ein einziges Lazarett. Im Hotel Eul lag ein Generalstab, ich wurde als Ordonanz eingeteilt und fahre von Rengsdorf bis Wiesbaden mehrere Male den Rhein rauf und runter. Der Amerikaner kamen näher, alles war in Auflösung. Ich bekam unterdessen einen Marschbefehl nach Limburg an der Lahn. Nach zwei Tagen hatte ich es erreicht und kam gerade recht, um 20 Verwundete in der Horst-Schem-Schule zu übernehmen. Wir marschierten Richtung Gießen. In meiner Gruppe war alles vertreten, aber ich war der einzige, der eine Waffe hatte. Es war ein qualvoller Zug, aber der Mensch kann viel ertragen. Es gelang mir schließlich einen Wagen und Pferde zu organisieren. Der fuhr uns bis nach Siegen. In Siegen stiegen wir dann auf einen Lastwagen.

In der selben Nacht wurde Hagen bombardiert und sehr viel zerstört. Vier Wochen zuvor stand ich in der Stadt an der gleichen Stelle an der Volme. Man kannte die Stadt nicht mehr wieder. Die ganze Innenstadt war ein einziger Trümmerhaufen. Ich ging mit meinen 20 Mann durch diese zerstörte Welt und suchte nach meinen Verwandten. Auch das Haus am Bahnhof war ein Trümmerfeld, doch an der Wand stand geschrieben: „Alle leben!“

Wir gingen also Richtung Lüdenscheid Hellersen, ein großes Lazarett und wurden dort aufgenommen.

Acht Tage später war der Amerikaner da. Ich ging mit 8 Kameraden aus dem Lazarett heraus. Nach 2 Kilometern, hatten wir schon 6 Verwundete, die gingen wieder zurück.

Ich war alleine und ging in Richtung Altena. Ich traf unterwegs eine Wehrmachtseinheit. Auf dem Marktplatz in Lüdenscheid ging es dann in Gefangenschaft.

Kapitel 3:

Gefangenschaft

Meine Gefangenschaft ist ein Kapitel für sich und sie beginnt in Remagen, an jener später durch die Verfilmung berühmt gewordenen Brücke.

Mehrere Millionen Landser lagen im Rheintal. Es war eine unglaubliche Menschenansammlung. Es gab nichts mehr zu essen, nur Trockenfutter und Wasser aus dem Rhein.

Zwei Monate lag ich an der Remagener Brücke in einem Erdloch, im Lager für politische Gefangene.

Uns gegenüber gab es ein Lager für „Blitzmädchen“, junge Frauen die für das Militär Telekommunikations-dienste, wie man heute sagen würde, geleistet hatten.

Die konnten oder mussten uns dabei zuschauen, wie wir in die Latrine unsere Notdurft verrichteten.

Es ist so, ein Mensch kann, wenn er noch jung ist, viel ertragen. Doch es gab auch genug, die es nicht überlebt haben. Wir lagen Loch an Loch, wobei es zum Rhein hin keinen Zaun gab. Offenbar hielt man den großen Fluss für Sicherheit genug. Ich selbst traute es mir nicht zu, aber ich denke bestimmt versuchten es einige gute Schwimmer, so zu entkommen. Vielleicht auch einige andere, aus Verzweiflung versucht man viel. Denn zur Not, die man ertragen musste kam die Angst hinzu und auch hier zeigte sich erneut das Menschen in Angst und Überlebenskampf zu Teufeln werden. Was ich damit meine zeigt eine kleine Geschichte:

Wer dort Wasser wollte musste sich in langen Schlange vor dem Hahn anstellen. Es dauerte Stunden, bis man etwas bekam. Wenn er beim Rücktransport davon ein wenig verschüttete, zum Beispiel in ein Loch, wo ein anderer darin saß. Schrie dieser oft um Hilfe. Wenn es genug gab und die gab es immer, die glaubten der Wasserträger wollte dem Insassen tatsächlich schaden, dann wurde er gejagt und in die Latrine geworfen, wo er jämmerlich ertrank. Sie taten es meiner Ansicht nach nicht aus Gerechtigkeitsinn, sondern aus purer Langeweile oder der Lust am Töten. Gefangene töteten Gefangene, Deutsche töteten Deutsch. Eine unglaublich böse Geschichte, die mir vor Augen führte wozu Menschen und das grundlos im Krieg in der Lage waren.

Das ähnliche böse Dinge in den KZ’s geschahen, erscheint mir, obwohl ich dies niemals, wie bereits erwähnt mit eigenen Augen sah, heute durchaus glaubhaft.

Der Transport der Gefangenen durch das Rheintal war eine Todesfahrt. Dabei bin ich wahrscheinlich durch Rengsdorf mit dem Lastwagen gekommen. Später wurden wir auf den Zug verladen, es ging nach Bolbeck ein Ort in Frankreich. Dabei standen auf jeder Brücke die Menschen und warfen Steine in die offenen Güterwagen und sie trafen immer. Die Bewachung, alles Schwarze schossen jedoch gnadenlos die Werfer von den Brücken herunter. Es war eine paradoxe Situation. Die Sieger mussten ihr eigenes Volk erschießen um Anarchie und Lynchjustiz zu verhindern. Der Wahnsinn, der die Welt ergriffen hatte war noch lange nicht beendet. Das Lager Bolbeck, bestand aus 20 Wehrmachtslagern und einem SS-Lager mit etwa 250 Mann. Ein Jude war als Lagerkommandant eingesetzt.

Es war wie beim „Kommis“. Er schikanierte die Truppe wo er nur konnte. Morgens antreten. Er ging durch die Zelte, alles musste exakt an Ort und Stelle liegen. Wenn er irgendetwas fand, musste die Zeltbesatzung 24 Stunden auf einer Stelle stehen, ohne Essen und Trinken. Mir ist so etwas zum Glück nicht passiert. Der Jude hatte die Angewohnheit beim Abschreiten der Männer, immer einen Landser zu schlagen. Eines Tages kam er an den Verkehrten. Der Landser schlug zurück, es war ein Boxer. Er schlug ihm das ganze Kinn kaputt.

30 Tage Bau für den Landser, der Jude musste ins Lazarett.

Eines Tages wurden wir versetzt in ein anderes Lager, Etretade ein kleines Seebad am Atlantik in der Nähe von Cherbourgh. In diesem Lager ging es uns sehr gut.

Die ganze Stadt war von Gefangenen belegt. Strassenfeger, Schornsteinfeger, Friseure, alles wurde von Gefangenen gemacht.

Ich hatte ein gefährliches Erlebnis mit einem Amerikaner. Er hielt mir seine 12mm Pistole an den Kopf. Mir blieb nichts übrig, als ihn nieder zu schlagen. Ich war noch mal davon gekommen.

Ich nahm ihm die Pistole ab und ging damit zur Kommandantur. Nachdem sie verstanden hatten, das ich nicht vor hatte sie zu erschießen, stellten sie fest, dass die Pistole gar nicht geladen war. Der Amerikaner war besoffen gewesen und hatte zuvor bereits die ganze Küche mit seiner Pistole in Angst und Schrecken versetzt.

Solchen Verrückten, konnte man im Krieg immer wieder über den Weg laufen und nicht immer ging es so glücklich aus wie bei mir.

In diesem Lager gab es auch allerlei sportliche Wettkämpfe unter den Gefangenen, so sah ich auch zum ersten Mal eine Tischtennisplatte sah und interessierte mich gleich dafür. Es gab auch eine Boxstaffel und hier meldete ich mich freiwillig. Ich war allerdings der einzige Anfänger, die meisten Mitglieder waren bereits vor dem Krieg diesem Sport verbunden gewesen und trugen sogar entsprechende Titel, wie „Sachsenmeister“ oder „Westfalenchampion“. Ich wurde ein halbes Jahr von so einem Altmeister trainiert, was mir später wie sie lesen werden auch noch mal zu gute kam. Jedenfalls zogen wir mit dieser Staffel dann von Lager zu Lager und trugen Kämpfe aus. Ein einziges Mal ging ich K.O. dabei, aber ich habe auch einige Kämpfe gewonnen.

November 1946 wurden wir den Franzosen übergeben. In Lothringen feierten wir Weihnachten. Ich hatte Otto kennen gelernt. Er stammte aus Mainz, war 1.95 m groß und ein prima Kerl. Wir gingen zusammen in die Grube 550 m tief. Man muss das mal mit gemacht haben. Auf allen Seiten Steine.

Wir hatten uns vorgenommen, so wenig wie möglich zu arbeiten, darum hatten wir Probleme mit den Franzosen.

Das ging bis zu Handgreiflichkeiten. Nachdem sie nach zwei Wochen heraus fanden, dass wir nichts gearbeitete hatten. Doch wir ließen uns nichts sagen, sondern jagten die zwei Steiger an der gesamten Schüttelrutsche entlang durch den Schacht. Das machte Spaß, aber wir zwei bekamen dafür natürlich 30 Tage Bau und eine Glatze geschnitten. Bau bedeutete, dass wir in einem feuchten Keller auf Stroh übernachten mussten und am Tag weiterhin graben durften. Wir dachten an Flucht und nach drei Wochen war es soweit. Mit fünf Mann gingen wir einfach am Schacht vorbei in die Büsche. Die Grenze war nur zwei Kilometer weg, aber wir verliefen uns und wurden von Zollbeamten geschnappt. Das heißt nur vier wurden geschnappt, einer kam durch. Es war wirklich dumm gelaufen, wir waren so nah an der Grenze, dass wir sie sehen konnten und nur zufällig kamen zwei Grenzer daher. Wir versteckten uns zwar noch in einer Tannenschonung, aber es nützte uns nichts, denn sie ergriffen einen von uns, ließen sich unsere Namen nennen und dann, ich werde es nie vergessen, standen sie tatsächlich auf dem Weg und riefen nach uns: „Otto!, Fritz!, Hans! Kommt raus!“ Sie sprachen natürlich alle Deutsch. Da sich niemand erhob, gingen sie mit dem Unglücklichen vor der Flinte durch die Schonung und stöberten nach und nach alle auf. Jeder bekam dabei einen Schlag mit dem Gewehrkolben in den Rücken. Ich wurde als Letzter gefunden, weil ausgerechnet Otto auf mich trat und es gelang mir dem Kolbenschlag durch ein Hohlkreuz zu entgehen, nicht aber der weiteren Gefangenschaft.

Zurück kamen wir in das Hauptlager „Sankt Avolt“, das viel größer war und nicht mehr ins Bergwerk. Allerdings gab es zunächst wieder 30 Tage Bau und eine Glatze.

Eines Tages musste ich in die Villa des Bergwerkdirektors, ein alter Mann. Wir sollten die Treppe im Haus mit Stahlspänen abreiben. Die junge Frau empfing mich in einem Nachthemd. Sie holte mich in ihr Schlafzimmer, eine Frau von etwa 40 Jahren. Was dort passierte, könnt ihr Euch denken, an der Treppe ist nichts gemacht worden. Im Grunde war die ganze Versetzung wie eine Belohnung, denn wir kamen nun in eine Fremdarbeiterküche in einer Kaserne mit ein paar hundert Männern aus 10 Nationen, die wir bekochen mussten. Es war eine interessante Arbeit. Wir hatten viel Spaß an der Sache, vor allem wegen der französischen Mädchen, die mit uns dort arbeiteten. Immer wenn der 2,14 m große Koch und sein Gehilfe die Küche verließen waren wir hinter den Weibern her. Dabei versuchte jedoch jeder zugleich den Erfolg des anderen zu verhindern. Nur Otto gelang es an das schönste der Mädchen heran zu kommen. Er machte ihr sogar ein Kind und wurde fortan nichtmehr als Gefangener sondern als Fremdarbeiter eingestuft. Die Französin hat er später auch geheiratet. Vermutlich musste er das. Ob er jemals nach Mainz zurückgekehrt ist? Ich habe es nicht in Erfahrung gebracht, obwohl es vermutlich nicht schwer gewesen wäre. Denn trotzdem ich seinen Nachnamen nicht mehr erinnere, weiß ich noch, dass seine Familie in Mainz Kastell eine Ziegelei besaß. So viele wird es da nicht gegeben haben.

In dem Lager gab es hauptsächlich zwei Gruppen, die Marokkaner und die Italiener. Jede Gruppe bekam spezielles Essen. Die Afrikaner Maisgerichte, die Italiener natürlich Nudeln.

Eines Tages kam es zu einem Aufstand der Farbigen, sie hatten die etwas bessere Küche für die Italiener bemerkt und versuchten in ihrem Groll nun alles kurz und klein zu schlagen. Sie nahmen sich die Sitzbänke und stürmten unsere Küche. Wir hielten dagegen, mit Küchenmessern, Kartoffelstampfern und ähnlichem Gerät und es gelang uns tatsächlich sie zurück zu schlagen.

Fortan konnte jedoch keiner von uns mehr einen Schritt alleine über den Hof machen.

Eine besondere Anekdote ist auch die Geschichte von dem „dünnen Mann“. Ein Zivilist, der für unsere Bewachung zuständig war. Jeden Tag begleitete er uns auf der Fahrt von den Baracken zur Arbeit.

Er hatte so dünne Beine, wie ich sie noch nie bei einem Menschen gesehen hatte. Auch sonst war er offenbar ein armer Hund. Wir hingegen hatten Geld, Lagergeld natürlich, mit dem wir aber alles kaufen konnten, außer Fluchtfahrzeugen. Also machten wir ihn oft mit Wein voll und wenn er dann einschlief, nahmen wir seinen Karabiner und gingen damit auf die Jagd.

Jede Woche kam zudem ein fahrendes Bordell, mit acht Frauen. Vor dem Gebäude stand dann eine Schlange von 100 Metern. Wenn einer vorne raus kam, stellte er sich gleich wieder hinten an, es war zum Schreien.

Immer einer von uns durfte wenn die Damen da waren den Heizer machen, leider ist es mir nie gelungen den Job zu bekommen. Denn wenn die Weiber eine Pause machten, trieben sie ihr Vergnügen mit dem Glücklichen.

Nach ein paar Wochen wurden wir versetzt, in die Nähe von Metz. Wir mussten ein Dorf aufbauen. Drei Wochen haben wir nur rum gestanden, denn es war kein Material da. Morgens gingen wir auf ein Feld und machten ein Feuer. Darum standen wir den ganzen Tag herum und rieben uns die Hände warm.

In der Baracke schliefen wir, etwa 60 Mann, zusammen mit den Bewachern und den Köchen. Ich hatte mir wieder zwei Mann an die Seite genommen, denn ich wollte erneut die Flucht versuchen.

Merkwürdiger Weise musste ich immer wieder neue Kumpanen gewinnen, meine alten Mittausreißer fanden sich immer mit ihrem neuen Schicksal ab

In einer dunklen, regnerischen Nacht, sind dann bestimmt 40 Mann abgehauen. Die Bewacher spielten im Vorraum Karten und bemerkten nichts davon. Vielleicht waren sie auch froh uns los zu sein. Die ganze Nacht sind wir gelaufen und am Tag haben wir uns versteckt.

Wir sind dann mit drei Mann durch Metz gelaufen, vorbei an den Kasernen, ohne das man uns anhielt. Die Wachen standen stocksteif davor, während wir französisch radebrechend vorbei schlenderten.

Am Tag haben wir in Schrebergärten, wo wir die Hütten aufbrachen und wo natürlich im Winter niemand war, geschlafen und in der Nacht sind wir dann weiter gelaufen.

Wir kamen auch bis an die Grenze von Luxemburg. Aber wir waren völlig kaputt.

Ich habe überlegt, wo können wir uns verstecken?

Es war 7 Uhr morgens, in der Kirche war Messe. Ich habe mir gedacht, das ist ein gutes Versteck. Als die Kirche aus war, kam der Pastor zu uns. Er nahm uns mit in sein Haus. Wir bekamen ein Frühstück, dann konnten wir uns zum Schlafen legen. Mittags gab es ein gutes Essen.

Abends brachte uns der Pastor über die Grenze nach Luxemburg. Am Tag haben wir in einem Heuschober geschlafen. Wir liefen wieder einen ganzen Tag und die Nacht, bis in die Stadt. In der Stadt fielen wir auf und wurden von der Polizei verhaftet. Das kam so: Wir waren alle drei Raucher, hatten Tabak aber kein Feuer mehr. Im Park in Luxemburg sprach ich einen alten Mann wegen Feuer an. Er gab mir Feuer, wir setzten uns auf eine Bank und rauchten. Aber nach 5 Minuten kam die Polizei. Vermutlich hatte er uns also angezeigt. Wir trugen natürlich noch unsere Uniformen, die obwohl sie herumgedreht waren noch erkennbar blieben. Ein Lager am Stadtrand nahm uns auf. Es war ein ehemaliges weibliches Arbeitsdienstlager.

Wir wurden interniert und somit war unser Weg nach Hause erst einmal gestoppt.

3 Wochen haben wir uns ausgeruht, dann sind wir wieder ausgebrochen. Hinter dem Lager fuhr jede Nacht ein Güterzug ins Ruhrgebiet und holten Kohle nach Frankreich, auf diesen wollten wir aufspringen. Doch das Schicksal spielte uns dieses mal einen Streich. In dieser Nacht kam kein Zug. Im Schneegestöber kämpften wir uns an der Bahnlinie entlang bis Wasserbillig. Wer einmal ein paar Kilometer über Bahnschwellen gelaufen ist, der weiß wovon ich rede. Dort sind wir in einen Zug gestiegen der unter Dampf stand und kaum waren wir drin, als dieser auch schon abfuhr in Richtung Trier! Aber er hätte genauso gut wieder zurück nach Frankreich fahren können.

Kapitel 4:

Heimkehr

Doch endlich ging es in die Heimat!

In Trier sprangen wir aus dem Zug raus. Wir freuten uns und gingen in das nächste Haus und sprachen mit den Leuten. Wir durften baden und etwas ausruhen, anschließend gingen wir ins Kino. Abends nahmen wir Abschied, denn jeder hatte ein anderes Ziel und fuhr mit einem anderen Zug davon. Ich stieg in einen Zug nach Hagen. Nach Rengsdorf, wo meine Eltern waren konnte ich nicht, wegen der französischen Besatzung. Im Zug musste man aufpassen, es wurde immer kontrolliert. Erst in der französischen Zone, dann in der Englischen Zone, aber es ging alles gut. In Hagen bin ich dann auch gut angekommen und am Abend zu Tante Mariechen im Eilpererfeld. Sie ist erst erschrocken, als ihr Kind, das mir die Tür geöffnet hatte zu ihr rannte und rief, dass ein Mann in Uniform vor der Tür stehe. Weil sie dachte ich wäre Onkel Josef, der war als vermisst gemeldet. Denn sie lebte jetzt mit Onkel Franz zusammen. Wir haben später vermutete, das Onkel Josef als überzeugter Kommunist, der er vor dem Krieg war, auch übergelaufen sein könnte. Jedenfalls hörten wir das das viele getan hatten, aber er tauchte nie mehr wieder auf. Wer als Gefangener bei den Russen sich als Kommunist hervortat, konnte manchen Vorteil daraus ziehen und kam auch wohl eher wieder zurück. Ich denke jedoch, dass vielleicht auch einige einfach die Chance nutzten um ein neues Leben zu beginnen. Jedenfalls war sie im doppelten Sinne selig, als sie mich erkannt.

Mein nächstes Ziel war Münster, bei den Engländern holte ich mir einen Entlassungsschein. Den musste man haben, um Lebensmittelkarten zu bekommen.

Arbeit in der Kohlengrube war hingegen nicht zu bekommen, die waren alle zu überlaufen.

Darum ging ich in der Nähe von Neuss, in einem Dorf Namens Karst auf einen großen Bauernhof. Ich habe da als Mann für alle Fälle alles gemacht, im Frühjahr gesät und im Herbst geerntet. Im Prinzip war ich der Verwalter des Hofes und zudem der einzige junge Mann dort. Es gab jedoch noch ein „Schweizer“ Ehepaar, die hatten die Kühe unter sich und einen Pferdeknecht. Der Hoferbe, ein Herr Platen, hatte nur Pferde im Kopf. Er war ein bekannter Springreiter, der für Deutschland schon bei Olympia geritten war und ehemaliger Hauptmann bei den Kossaken. Das waren russische Reitereinheiten, die im Krieg mit uns Deutschen kämpften. Er führte sie an, vermutlich noch von deutschen Unterführern unterstützt. Alle Kossaken, die von den Russen später erwischt wurden hat man als Landesverräter erschossen. Allerdings hielten sich die Kossaken eben nicht für Russen, sondern für ein eigenes, von diesen unterdrücktes Volk.

Um diese wilden Reiter im Griff zu haben musste man sicher ein harter Mann sein, jedenfalls erlebte ich ihn mit seinen Tieren immer wieder als besonders brutal. Er kaufte im ganzen Land abgemagerte, unterernährte Pferde günstig auf, was in der Nachkriegszeit keine Seltenheit war und päppelte sie im eigenen Stall wieder auf. Dann verkaufte er sie wieder teuer. Wenn er seine Pferde zu Springpferden ausbilden wollte, nahm er sie dabei besonders hart ran. Wollten sie nicht wie er, mussten sie über Eisenstangen springen und bekamen auch schon mal seine Wut zu spüren, wenn er ihnen die Holzlatten über den Kopf schlug. Solche Praktiken waren aber offenbar in der Szene, bis in die Neunziger Jahre des 20. Jahrhunderts, wie wir alle erfahren mussten gang und gebe. Für den Erfolg ist skrupellosen Menschen eben oft jedes Mittel recht. Bei so genannten Sportlern, die sehr in der Öffentlichkeit stehen erfährt man dies ja immer wieder. Aber sonst im Leben ist das wohl auch nicht anders. Der Ehrliche ist halt immer der Dumme.

Im Sommer 1948 bin ich mit dem Chef nach Aachen zum Turnier gefahren. Er war ein sehr guter Reiter und gewann eben auch den „großen Preis“ von Aachen. Den er sich allerdings mit einem punktgleichen Amerikaner teilen musste. Dabei musste ich auf die Pferde aufpassen und sah leider nicht viel von der Stadt.

Ich hatte eine Freundin auf dem Hof, die wurde mir zu aufdringlich. Sie war die Köchin und ein sehr stämmiges Weib von etwa 30 Jahren. An mir, der ich erst 22 Lenze zählte, hatte sie trotzdem rasch einen Narren gefressen.

Als ich eines Tages im Nachbardorf zum Tanz ging, trank ich etwas zu viel Rübenschnaps, dessen Wirkung ich einigermaßen unterschätzt hatte. Im Kopf war ich noch völlig klar, aber alle Gliedmaßen, vor allem die Beine, wollten mir nicht mehr gehorchen.

Zum Glück war die Köchin auch etwas später zum Fest gekommen und nahm sich nun meiner an.

Sie schleppte mich tatsächlich eigenhändig bis zum Hof, der etwa 2 km entfernt lag, zurück und verfrachtete mich in meine Kammer. Ich erinnere mich noch, zu ihr gesagt zu haben: „Nun, könne sie es gut sein lassen und zum Tanz zurückkehren,“ doch ich vermute sie tat es nicht.

In dieser Zeit war es auch, dass ich in die einzige schwere Schlägerei meines Lebens verwickelt wurde und das kam so: Wieder gab es im Nachbardorf, ich glaube es war diesmal ein anderes, Tanzmusik am Samstag Abend. Dort fiel mir schnell ein sehr attraktives Mädchen auf, die wohl die „Dorfschöne“ war. Sie fand offenbar auch Gefallen an mir und so konnte ich mehrmals mit ihr tanzen. Das gefiel jedoch den jungen Burschen aus dem Dorf gar nicht. Als ich einmal das Zelt verließ stellten sie sich mir mit fünf Mann in den Weg. Es war mir rasch klar worum es ihnen ging und auch, dass sie nicht mit sich reden ließen. Da ich jedoch wie beschrieben in der Gefangenschaft die Ausbildung zum Boxer durchlaufen hatte, scheute ich die Auseinandersetzung keineswegs.

Ich schlug also ganz schön rein, doch die Burschen standen natürlich immer wieder auf. Schließlich wurde mir die Sache zu heiß, denn gegen die Überzahl kam ich auf Dauer nicht an. Ich machte dass ich weg kam und musste später feststellen, das ich nur noch Fetzen am Leib trug, derart hatten sie mir zugesetzt.

Im Winter 1948 ging ich weg vom Hof und bin endgültig nach Rengsdorf übergesiedelt.

Als ich in Rengsdorf ankam, ließen die Franzosen mich in Ruhe. Ich fing auf dem Rasselstein an zu arbeiten, im Blechwerk. Ein 6 Stunden Tag.

Es war schwere Arbeit, aber sie wurde gut bezahlt.

Mama kannte ich zu der Zeit schon, 1951 verlobten wir uns. 1952 haben wir geheiratet. Wir haben es glaube ich, nicht bereut. 1953 kam unser erster Sohn. Mama wäre bei der Geburt beinah gestorben. Sie bekam eine Embolie. Erst vierzehn Jahre später kam unser zweiter Sohn. Auch bei ihm gab es Schwierigkeiten, er konnte nicht schlucken. Darum lag er wochenlang in Bonn in einer Spezialklinik.

Aber alles geht mal vorüber.

Heute bin ich Rentner. Ich habe gerade eine schwere Krankheit überstanden und ich hoffe das ich noch die 80 Jahre erreiche.

Das war’s.

PS: 2002 haben Mutter und ich, goldene Hochzeit gefeiert.

Es war eine tolle Feier, mit allem drum und dran und Kirche.

PS2: Vor etwa 10-15 Jahren erhielt ich einen Anruf von jemandem der auch im Lager Bolwerk gewesen war, ich kannte ihn nicht, aber er hatte irgendwie meinen Namen in Erfahrung gebracht. Er wollte auch eine Buch über diese Zeit schreiben und sich noch einmal melden, das tat er aber nicht.

Mein Vater starb im Jahr 2015, mit 89 Jahren und meine Mutter folgte ihm 2018 nach. Leider hat sie trotz meiner mehrfachen Bitten, sich nicht mehr dazu durchringen können, auch ihr Leben in Worte zu fassen. Aber vielleicht gelingt mir das, ja aus der Erinnerung irgendwann. Denn erzählt wurde immer viel in unserer Familie.

 

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