Das Geheimnis der Meistersänger

 

Ein Kommissar Alban Bär Krimi – Teil 1

KAPITEL 1: VERSCHWUNDEN

Er lief ohne Ziel unter der Brücke, am Ufer der Dreisam entlang, diese hatte er schon mindestens drei Mal passiert.
Der viel zu volle Fluss hielt seinen Weg klaglos mit und seine Turnschuhe mitsamt den Strümpfen waren schon durchgeweicht vom Überqueren des überschwemmten Ufers. Die Gedanken in seinem Kopf kamen dabei ebenfalls nicht zum Stillstand. Sein Blick war zwar ohne Furcht, aber doch voller Verzweiflung. Was er nicht glauben wollte, war doch geschehen. Warum nur hatte er es nicht verhindern können. Er hob den Kopf und fing mit dem Gesicht die sporadisch fallenden Regentropfen, die Lichter Freiburgs glitzerten weit über ihm.

Er hatte gedacht alles auffangen zu können, aber indem er nur in eine Richtung sah, lief alles neben ihm vorbei. Was tue ich hier nur, dachte er, den Fluss betrachtend. Im Sommer radle ich hier am Ufer entlang, Leute sitzen im Gras oder sitzen im Strandcafè, jetzt sollte ich nicht hier sein. Er seufzte tief auf, wandte sich wieder in Richtung der Stadt. Seiner Stadt, wie er fühlte.

Aber die Nacht war kalt und unbarmherzig, ein Schatten schlich sich langsam näher an ihn heran. Er machte eine plötzliche Bewegung und der Schatten duckte sich ins Gebüsch.
Er fröstelte, etwas war hier draußen, sie hatte ihm diese seltsame Nachricht hinterlassen, die er nicht verstanden hatte: „Ich habe das Tor entdeckt, von dort kommen sie in der Nacht. Wenn ich nicht zurückkehre suche Professor Orphelius noch einmal auf. Du musst es tun!“
„Was zur Hölle musste er tun?“ Diese verfluchte Schriftrolle, die sie in der Bibliothek gefunden hatte, er konnte ihr die Sache einfach nicht ausreden.

Er wusste, dass es auch zwecklos war, schließlich besaß sie denselben Dickkopf wie er. Musste wohl am selben Sternzeichen liegen, dachte er in einem dumpfen Anflug von Humor. Wie auch immer, er musste ausharren. Fragte sich nur wie lange. Er ging schnellen Schrittes in Richtung Innenstadt, wo er wohnte. Er meinte auch zu fühlen, dass jemand neben bzw. hinter ihm ging. ABER, das ist doch Unsinn, dachte er. Und doch …
Und überhaupt, wo finde ich diesen komischen Professor wieder? Dachte er leicht verdrossen.

Der Schatten verfloss mit dem Licht der Laterne, als er zur Brücke empor stieg.
Die Straßen waren in der späten Stunde wie leer gefegt. Nur einsame Radler kreuzten behäbig.
Er erreichte das Haus, doch blieb abrupt stehen, als er eine Gestalt sah, die vor der Tür auf ihn zu warten schien. Es war Professor Orphelius. Martin Gruber schritt rasch auf den Ägyptologen zu.
Der Gelehrte blickte ihm mit einem gehetzten Ausdruck in den Augen entgegen.
„Da sind sie ja endlich,“ stieß er mit einem leisen Zischen zwischen den Zähnen hervor.
Seine Gestalt war leicht gebeugt aber kräftig, er stand sicher kurz vor dem Ruhestand, wirkte aber so vital, als könne er noch viele Jahre Ausgrabungen leiten. Seine Haut war vermutlich eben durch solche Unternehmungen in überwiegend südlichen Gefilden, gebräunt und verlebt. Seine Nase ragte gebogen wie eine Grabungsschaufel über dem sehr altmodischen aber zu ihm passenden Schnurrbart. Er sprach nun schneller.
„Wissen sie, wo ihre Freundin ist?“ Martin schüttelte den Kopf : „Das ist ja, dass Problem,“ antwortete er: „Ich schon,“ sagte Orphelius und dabei spielte ein finsteres Lächeln kurz um seine dicken Lippen: „Lassen sie mich rein?“

Martin stand nur da, und sah den anderen angespannt an. Er überlegte einen Augenblick und mit einer Kopfbewegung bedeutete er dem Professor ihm zu folgen. Seine hohe schlanke Gestalt bewegte sich schnell in den dunklen, hinteren Teil des Hauses. Dort befand sich ein geräumiges Gartenhaus, das Martin meist als Zufluchtsort für gestrandete Freunde anbot. Mit sicheren Handbewegungen schloss er auf, schaltete das Licht an und dimmte es sofort auf ein Minimum. „Kommen sie schon rein“ zischte er in einem etwas unfreundlichen Ton. Langsam wurde er sehr ungeduldig, doch wollte er dem Professor gerade das Gegenteil vermitteln. Er strich sich mit ruhigen Bewegungen eine lange schwarze Haarsträhne aus dem Gesicht: „Sie sagen mir jetzt etwas von Catherine und zwar schnell.“

„Haben sSie die Schriftrolle gesehen?“
Martin schüttelte ungeduldig den Kopf: „Nein, sie hat mir nur davon erzählt“ „Was genau hat sie ihnen erzählt?“ „Von der Entdeckung der achten und neunten Kunst, aber das kann doch nur ein Scherz sein,“ ereiferte sich Martin.
Der Professor schüttelte den Kopf: „Die Echtheit des Dokuments ist bestätigt. Der Anschlag der Meistersinger stammt zwar aus dem Jahr 1513. Dort sind 5 Philosophen, Tubak, Thales, Sokrates, Pythagoras und Priscianus, als Sinnbild der sieben freien Künste abgebildet. So dachte man bisher, doch die genaue Untersuchung des Pergamentes durch Catherine, hat ein viel höheres Alter ergeben, ein Biblisches.“ „Martin lief ungeduldig im Gartenhaus auf und ab: „Aber warum sollten sie ein so altes und wertvolles Papier benutzen?“ Orphelius blickte ihn durchdringend an, als er bei diesen Worten direkt vor ihm stehen geblieben war: „In voller Absicht, denn hinter den Meistersingern, steckte ein alter Totenkult, dessen Ursprünge zurück bis ins alte Ägypten reichen. Catherine und ich kamen dem schon bei unseren letzten Ausgrabungen in Alexandria auf die Spur. Doch das volle Ausmaß dessen wurde uns erst vor wenigen Tagen und mit der Entdeckung auf dem Schriftstück klar.“
„Nun rücken sie endlich heraus mit der ganzen Wahrheit,“ sagte Martin schroff.
Orphelius nickte und strich sich dabei über seine Harkennase: „Auf dem Dokument sind für das bloße Auge zunächst nicht sichtbar, zwei weitere(,) weitgehend unbekannte Philosophen abgebildet, Hesomias und Ivulim Beir. Unter ihren Namen stehen klar und deutlich die Schriftzüge artis magica und artis resurrectio.“
Martin schüttelte langsam den Kopf: „Catherine hat es mir erzählt, aber ich kann es immer noch nicht glauben, die Kunst der Zauberei und die Kunst der Totenbelebung?“ Der Professor nickte.

„Das ist einfach unglaublich,“ meinte Martin fast atemlos. „Ich wollte es ja fast nicht glauben, als sie mir ihren Verdacht neulich erzählte,“ er sah den Professor zusammenzucken: „Neulich? Wann genau?“ fragte er Martin lauernd ins Gesicht sehend. Der zuckte nur ruhig mit den Schultern: „Na(h), kurz nach Catherines Geburtstag, da teilte sie sich mir mit. Ich hielt das für eine klare Spinnerei, aber Catherine war felsenfest davon überzeugt, dass die Verbindung zu den Meistersingern größer ist, als bisher angenommen. Es hat was mit den Regularien zu tun, nicht war? Sie wurden nicht befolgt, schätze ich. Das ergibt ein ganz anderes Bild.“ Beide Männer starrten sich an, als hätten sie eine ganz neue Erkenntnis gewonnen: „Ich stellte meine eigenen Recherchen an und seither ist alles ein wenig anders“, sagte er in die lähmende Stille hinein, er hatte den letzteren Teil des Satzes etwas mehr betonter ausgesprochen. Der Professor sprang auch gleich darauf an: „Sie haben also auch das Gefühl, dass man sie verfolgt?“ meinte er deutlich leiser. Martin sagte nur: „Verfolgt würde ich nicht unbedingt sagen. Etwas ist anders eben!“
Plötzlich nahmen sie ein Geräusch an der Tür wahr.
Beide schraken zusammen: „Gibt es einen anderen Ausgang?“ Flüsterte Orphelius und Martin entging nicht der leichte Anflug von Panik in seiner Stimme: „Es stimmt also“, zischte er. „Catherine, hatte recht, doch sagen sie mir endlich, was dass zu bedeuten hat? Gibt es jemanden, der etwas gegen ihre Entdeckungen haben könnte? Verflucht, das ist doch alles Zeug aus der Vergangenheit!“ Orphelius packte ihn am Arm. „Sie haben ja keine Ahnung, junger Mann, der Teufel ist hinter uns her.“ Sein Blick verriet Martin, dass er das nicht zum Scherz sagte. Es rüttelte nun heftig an der Türklinke.
Eine Stimme drang durch das Holz und ein Auge schielte durch den schmalen Schlitz zwischen Tür und Türrahmen. Martin öffnete sie und die Gestalt des fettleibigen Hausmeisters fiel fast gegen den Professor, der erschrocken zur Seite sprang.
„Sie!?“ Pollmeier blickte Martin verdutzt an: „Was machen sie hier so spät in der Nacht?“ „Das geht sie garnix an,“ antwortete Martin und zog den Professor mit sich aus dem Verschlag. „Räumen sie lieber mal auf hier.“ Mit diesen Worten ließen sie den überrumpelten Hausmeister stehen und gingen zurück zum Haus.
„Ich muss gehen,“ sagte Orphelius, als sie wieder an der Haustür angelangt waren.
Martin hielt ihn fest: „Was soll das heißen, sie müssen mir helfen Catherine zu finden!“ Widerwillig, so schien es Martin, wandte der Professor sich aus seinem Griff: „Sie ist selbst Schuld, sie hätte die Grenzen nicht überschreiten dürfen.“
Er entfernte sich mit raschem Schritt, während Martin wie angewurzelt dastand.
„Suchen sie das Symbol des Zauberers, das ist vielleicht der einzige Weg sie zu retten,“ hörte er ihn noch sagen, bevor er um den Zaun verschwunden war.

„Welche Grenzen?“
Martin war jetzt wirklich langsam auf 180! Doch er ließ den Professor ziehen.
Pollmeier, der hat mir noch gefehlt, wer weiß, was der gehört hat, diese Schnüffelnase macht doch alles, was er riecht, zu Geld, dachte er beunruhigt. Er ging hoch zu seiner Penthousewohnung, schenkte sich einen trockenen Martini ein und legte sich aufs Bett, schaltete dann seinen PC an. Als er sein Mailfach öffnete, verschluckte er sich fast. Eine Mail, mit einer Warnung: Lassen sie ihre Nachforschungen ruhen, wir können sie nicht ständig beschützen!Auf dem Bildschirm war das Symbol eines grünen Kreises zu sehen. Im Innern war er quer unterteilt in schwarz und weiß. Der grüne Kreis, woher kenne ich den nur? Überlegte Martin fieberhaft. Dann klickte er die nächste Mail an: Hat man sie schon gewarnt? Die Ratten verlassen das sinkende Schiff, sie auch? Vertrauen sie nicht unbedingt scheinbar guten Farben, las er und dann kam doch tatsächlich eine von Catherine: Liebling, ich bin …und dann folgte eine Reihe von Buchstaben, die scheinbar völlig wirr angeordnet waren. Es war ein Code; wo sie war, was er mitbringen sollte. Jetzt(,) war er total ruhig, er wusste, was zu tun war! Und keine Meistersinger, keine Zauberer würden ihn aufhalten können! Jetzt war es zu spät, aufzubrechen, er musste auch noch Vorkehrungen treffen. Dabei würde Pollmeier eine Rolle spielen!

Am nächsten Morgen war er früh auf. Er fuhr mit dem Rad zur historischen Institutsbibliothek in der Quäkerstr. Er war sich sicher, das Orphelius sich dort verstecken würde.
Bevor er zu Catherine ging, musste er das Dokument an sich bringen und einen Blick in den Symbolikband werfen, den er selbst für sie, gerade letzte Woche zurückgebracht hatte. Er hatte es aufgeschlagen auf ihrem Schreibtisch gesehen, da war er sicher.
Die Tür stand offen, was ihn nicht wunderte, aber kaum hatte er den Flur betreten, hörte er einen Schrei. Hastig stürzte er zum Hauptraum. Ein Fenster klirrte und als er den Raum betrat, sah er sofort die Gestalt des Professors in einer sich ausbreitenden Blutlache. Er sah sofort, dass er tot war. Schnell sprang er zum Fenster und blickte über den dahinter liegenden Hof. Niemand war mehr zu sehen: „Verdammt!“ entfuhr es ihm, doch dann holte er erst mal tief Luft. Er musste eine Entscheidung treffen. Da klingelte das Telefon auf dem Tisch des Bibliothekars. Er erschrak kurz, hauchte dann aber ein knappes Ja, in den Hörer „Hier Pollmeier sind sie es Herr Gruber?“ Klang es mit offensichtlich belegter Stimme durch den Hörer: „Ja?“ „Gut,“ sagte die Stimme am anderen Ende der Leitung.
Klack. Im nächsten Moment hörte er die Polizeisirenen.

Jetzt sah er das Buch, welches aufgeschlagen neben der Leiche lag.
Kompendium der Symbolik Band 3 – Magische Zeichen. Rasch hob er es auf, lief erneut zum Fenster und sah, wo der Mörder lang gelaufen sein musste. Das war auch sein Fluchtweg. Es gab noch eine Person, die er jetzt finden musste. Elsa!
Sie war Catherines beste Freundin, mit Sicherheit wusste sie etwas, was ihm helfen konnte den Code zu entschlüsseln.

Er musste sich erst mal sammeln, lief gemessenen Schrittes Richtung Feierling Biergarten. Dort war natürlich noch nichts los, aber das war ihm gerade recht. So konnte er genau überlegen, was jetzt zu tun war. Der Anblick des toten Professors ging ihm durch den Kopf; ein unschöner Anblick, wie er sarkastisch feststellte. Und ja Elsa. Wie kam er an die ran? Elsa war eine ewig Ggestrige, so hatte er sie jedenfalls immer gesehen. Ihr Motto war: Früher war alles besser…wobei sie das -Früher- nicht genau titulierte. Elsa wohnte im Vaubanviertel, also machte er sich auf den Weg zu ihr. Er lief lieber, so fühlte er sich sicherer. Was war mit dem Buch? War es so wichtig? Er hatte Fetzen des Buches in des Professors Hand entdeckt. Rang er darum? Irgendwas störte ihn am Titel des Buches. Aber er kam einfach nicht darauf. Mit der Zeit bemerkte er, dass er verfolgt wurde. Ein hochgewachsener dunkelhaariger Mann war hinter ihm her. Er scherte sich nicht darum. Auf einmal durch fuhr es ihn. Band 3 …. die magischen Zeichen kamen in Band 2 vor, und warum zum Teufel verfolgte eigentlich Julien, Catherines Bruder ihn?

Er blieb stehen und kramte das Buch unter der Jacke hervor. Tatsächlich es war das Falsche! Da es unbeschädigt war, musste der Mörder es noch rasch ausgetauscht haben und das Richtige hatte er vermutlich mitgenommen. Er fluchte laut und ärgerte sich über sich selbst.
Der Professor tot, das Buch gestohlen, wie sollte er jetzt herausfinden, wo Catherine war? Er setzte sich wieder in Bewegung. Elsa war seine letzte Hoffnung. Doch da trat ihm Julien in den Weg, den hatte er für den Moment völlig vergessen, und packte ihn am Kragen: „Wo ist sie?“ Wurde er wütend angeschrien. Er hatte diesen hochnäsigen Kerl nie gemocht. Seine schmierigen dunklen Haare hingen im in die Stirn. Er machte sich los und trat einige Schritte zurück: „Ich hab keine Ahnung,“ sagte er trocken. „und wenn ich es wüsste, würde ich es dir als Letztes auf die Nase binden.“ Julien öffnete den Mund und sein Gesicht verzerrte sich vor Wut. Da zuckte er plötzlich zusammen und seine Augen drückten die größte Überraschung aus. Martin fing ihn auf, als sein Körper schlaff wurde und ihm entgegen fiel. In seinem Rücken steckte ein kleiner Pfeil.

Was …? Dachte Martin entsetzt und zog den schlaffen Körper Juliens an sich. In einer ersten Reaktion hatte er ihm den Pfeil abgebrochen, dass er nicht mehr zu stark zu sehen war. Dann lachte er laut und meinte: „He Alter, du sollst tagsüber noch nicht trinken …“ und zog ihn in einen dunklen Hauseingang hinein, der offen stand. Den Pfeil zog er mit einer schnellen Bewegung aus Juliens Körper. Wer weiß, für was ich den noch brauche, dachte er, und steckte ihn, in ein Taschentuch verpackt, in seine Manteltasche. Er legte den Leichnam in eine dunkle Ecke und setzte sich neben ihr auf den Boden. Langsam setzte sein Denken wieder ein. Er fühlte, wie er innerlich kalt und kälter wurde. So als ob er in eine tiefe Dunkelheit sinken würde. Sein Verstand arbeitete wie immer messerscharf, aber dafür so empfand er es, schalteten sich viele andere Emotionen aus. Er stand auf und sondierte seine Umgebung. Vorne an der Ecke war eine öffentliche Telefonzelle, dort begab er sich jetzt schnellen Schrittes. Martin wählte zielsicher, sich aufmerksam umsehend, eine Nummer. „Wer singt, wenn keiner mehr singen kann?“ sprach er kurz hinein und gab den Standort der Telefonzelle durch. Ruhig ging er wieder zurück, in den Hauseingang. Er setzte sich hin und wartete. Etwa 20 Minuten später trat ein Mann auf die Telefonzelle zu, Martin pfiff eine Melodie, der andere pfiff zurück. Er erkannte Silvio, ein alter Freund von ihm. Sie umarmten sich kurz, Martin zog ihn in den Hausflur.. „Du lebst gefährlich, der Professor tot, Catherine verschwunden, Julien hinüber und Pollmeier ist seit gestern Nacht verschwunden, und du weißt und schnüffelst zu viel“ Silvio untersuchte den Toten gründlich: „Gehen wir, ich werde meine Leute informieren, dass der hier verschwindet. Übrigens … die Meistersinger sind nicht gewillt, dir das Buch zu lassen!“ Martin horchte auf … „Das Buch Silvio, es ist das Falsche und doch das Richtige. Schau dir mal Kapitel 3, Absatz vier, Vers 9 an … dann weißt du, was ich meine, achte auf den grünen Kreis“ Martin und Silvio stiegen in dessen Mercedes. Marin presste das Buch an sich, fühlte den Pfeil … er wusste genau, beides durfte er nicht aus den Augen lassen. Sie fuhren in Richtung Günterstal. Martin sah irritiert Silvio an, der lächelte nur: „Elsa, ist bei uns“

Irgendwie kam er sich vor wie in einem billigen Horrortrip(p). Wenn der Preis so heiß war, das sie vor Toten im Dutzend nicht zurück schreckten, wo war er noch sicher?
Er war auch kein Kind von Traurigkeit, seine Vergangenheit war nicht die eines Musterknaben, dass konnte Silvio bezeugen. Doch er hatte gehofft, damit für immer abgeschlossen zu haben. Dass Catherine, die süße, intelligente, bezaubernde Catherine ihn liebte, war ihm die Stütze gewesen, endlich zurück in ein ehrbares Leben zu finden.
Doch nun war sie entführt, verschleppt, vielleicht umgebracht worden und eine dubiose Organisation steckte dahinter. Was konnte er dagegen unternehmen, ohne die Hilfe seiner alten Freunde? Silvio grinste ihn an.
„Der Boss ist sehr gespannt auf deine Geschichte.“ Sagte er, während der Wagen mit halsbrecherischer Geschwindigkeit Richtung Günterstal preschte.

Sie fuhren in die Einfahrt einer mondänen Villa ein. Wie aus Geisterhand öffnete sich das große schmiedeiserne Tor, der Wagen rollte leise hinein. Er spürte, wie sich eine gewisse Spannung in ihm löste. Ich müsste mich jetzt irgendwie unbehaglich fühlen, in meiner Situation wäre es durchaus angebracht. Aber er fühlte sich eher ruhiger. Nirgendwo war er sicherer als hier, das wusste er plötzlich. Er stieg aus und sah einem Mann, etwa Ende vierzig entgegen, der sich (auf) mit gequältem Gesicht auf einen Stock stützte.
Er lächelte Martin mit nachtschwarzen Augen offen an: „Martin, du und deine Freunde, stecken ganz schön in der Scheiße!“ sagte er und griff nach Martins Hand, die dieser ihm entgegenstreckte. Martin nickte nur und verbeugte sich tief vor dem um viele Jahre älteren Mann. Er blieb in gebeugter Haltung, wartete bis sein Gegenüber ihm signalisierte, sich aufzurichten: „Komm rein mein Sohn und erzähl mir, was ich wissen muss.“ Er tippte ihm auf die Schulter und Martin richtete sich langsam auf. Ihm war sehr bewusst, dass er mit dieser Anrede einen Ritterschlag erhalten hatte. Die Männer in ihrer Umgebung entspannten sich sichtlich.

Einige Stunde später verließ ein äußerlich völlig anderer Mann die Villa. Auch innerlich hatte Martin nun wieder Mut gefasst. Es war zwar absurd sich auf den Boss zu verlassen, aber was blieb ihm übrig. Mit der Tarnung, die er nun erhalten hatte, konnte er vielleicht näher an die Organisation heran kommen, die dahinter steckte.
Zunächst musste er aber endlich Elsa finden. Und er wusste, dass er Elsa nicht so leicht finden würde. Aber hatte ihm nicht jemand beim hinausgehen, einen Zettel zugesteckt? Er kramte ihn hervor und las. Du hast Elsa verpasst, aber sie wird sich bei dir melden.

Martin hielt sich im Moment im Colombi Hotel auf. Er war mit 2 großen Koffern und einer Reisetasche mit dem Taxi vorm Hotel vorgefahren. Der Fahrer war ein Mann vom Boss, er hatte ihm noch ein paar Extrainstruktionen verpasst.
„Sie werden sofort nach dem Eeinchecken sich zum Essen im Hotel begeben. Dort werden sie mindestens eine Stunde verbringen. Merken sie sich, wohin sie alles im Zimmer stellen!“
Martin hatte alles brav verfolgt, jetzt war er wieder im Zimmer, das(s) einen gediegenen Charme ausstrahlte. Er blätterte in seinem neuen Ausweis: „Ich bin Andreas von Tannstetten“ murmelte er und sah in den Spiegel. Er war erblondet, stark erblondet. Außerdem hatte er eine Stoppelfrisur, du lieber Himmel, ob ich da noch bei Catherine Chancen habe?
„Was bin ich von Beruf? Professor für Geschichte, na, wenn das nicht passt!“
Er hörte ein Geräusch an seiner Tür. Nanu, hat man mich schon aufgespürt?

Mit raschem Schritt war er da und riss die Tür mit einem Ruck auf.
Ein Junge taumelte erschrocken zurück: „Ähm, sorry Mister …“ Stammelte er, dann rannte er den Gang hinunter. Martin fasste sich schnell(,) nach dem ersten Erstaunen. Sprang in den Gang und rannte hinter ihm her. Der Kerl erreichte, das Treppenhaus knapp vor ihm, doch in der Hast stolperte er und es hatte kurz den Anschein, als falle er die breiten Stufen herunter, wenn nicht im selben Moment ein stämmig gebauter bärtiger Herr die Treppe hinauf gekommen wäre, der ihn wie eine Wand abfederte und zurück prallen ließ. Aber auch diesmal reagierte er flink, rollte sich ab und sprang an ihm vorbei die Treppe hinunter. Der Mann blickte ihm nach, ohne ihn aufzuhalten.
Als Martin jedoch an ihm vorbei und hinterher wollte, verstellte er ihm den Weg.
„Sind sie Herr von Tannstetten?“ Sagte er mit dunkler aber angenehmer Stimme. Wütend starrte Martin sein Gegenüber an: „Wer sind sie, warum halten sie mich auf!“ Rief er.
Der Bärtige zog einen Polizeiausweis und hielt ihm den unter die Nase: „Kommissar Bär, ich muss mit ihnen reden.“

Auch das noch! Dachte Martin völlig entnervt. Er sammelte sich und ging wieder in Richtung seines Zimmers. Er hörte, dass der Mann hinter ihm herging, wohl in der Hoffnung, mit ihm ins Zimmer gehen zu können. Doch Martin enttäuschte ihn, indem er kurz und bündig sagte: „Einen Moment“ und schlug ihm die Tür vor der Nase zu. Er hörte noch ein scharfes ausatmen, aber das kümmerte ihn nicht wirklich.
Martin nahm seinen handlichen Koffer an sich, der den Labtop mit allen wichtigen Daten beinhaltete, die seine jetzige Person ausmachten. Wohin mit ihm? Mitnehmen? Und wenn da lassen, wohin? Er beschloss, ihn mitzunehmen. Fürs Erste. Nach dieser Begegnung, was will der eigentlich von mir, werde ich alles auswendig lernen müssen. Er öffnete die Tür: „Gehen wir einen Kaffee trinken?“ Er schloss die Zimmertür ab und ging zur Treppe. Gleichzeitig spürte er den Widerwillen des Kommissars, wenn er den wirklich einer war, nicht alleine mit ihm reden zu können. Nach kurzer Zeit befanden sie sich in der Hotelbar.

Bär kam direkt zur Sache: „Herr von Tannstetten, sie haben eine Einladung für die historische Konferenz, die morgen an der Universität startet?“ Es klang eher wie eine Feststellung, als nach einer Frage. Martin nickte langsam.
„Und sie werden dort einen Vortrag zur, wie es in der Einladung so schön heißt: …unterschätzte(n) Rolle der Sekte der Meistersinger im Mittelalter usw. … halten?“ In Martins Kopf explodierten die Fragen. War das ein dummer Zufall? Er hatte geglaubt, der Boss habe sein neues Alterego frei erfunden. Er spürte den Blick des Polizisten bohrend von der Seite, während der auffällig geräuschvoll seinen Kaffee schlürfte. Ausgerechnet dieser Polizist. Bär war bekannt in der Stadt, ein Schnüffler ersten Ranges. Sollte er sich ihm offenbaren? Er atmete erst mal innerlich durch. Nein, was konnte er schon wissen? Also nickte er entschlossen, räusperte sich und sagte: „Ja, so ist es.“ Der Kommissar strich sich nachdenklich über den Bart: „Hatten sie vielleicht in letzter Zeit Drohbriefe oder Anrufe?“ Martin schüttelte verwirrt den Kopf: „Sie haben also nicht gestern auf dem Polizeirevier Innenstadt angerufen und gemeldet, dass sie sich wegen des Vortrages bedroht fühlen?“ Martin schluckte. Im wurde langsam klar, dass er sich hier schnell um Kopf und Kragen reden konnte. Hatte der Junge an der Tür ihn nicht so seltsam angeblickt, als sei er für ihn von den Toten auferstanden?
Er musste sich ganz schnell eine Ausrede einfallen.

„Ich wüsste nicht, wann ich angerufen haben sollte.“
Er sah Bär fest in die Augen, und nahm eine entspannte Haltung ein: „Ich sprach mit meinem Bruder darüber, dass ich mir vorstellen könnte, dass sich bestimmte Leute über meinen Vortrag, nun sagen wir mal … echauffieren könnten. Aber er meinte, so wichtig wäre diese Materie nun auch wieder nicht. Ich musste ihm zweifelsohne beipflichten.“ Martin lachte den Beamten freundlich an: „Ach, sie haben einen Bruder?“ fragte Bär scheinheilig nach, er schien überrascht. Martin setzte hart die Kaffeetasse auf den Tresen ab: „Kommen sie, sie wissen genau, dass ich einen Bruder habe. Genauer gesagt, einen Zwillingsbruder, der mir aufs Haar gleicht. Ihre Scheinheiligkeit hat schon etwas Seltsames an sich, Herr Bär!“ Er betonte den Namen ein wenig auffallend. Prompt zuckte sein Gegenüber leicht zusammen. Aha, hab ich dich. Du bist nicht Bär. Denn der hätte sofort gewusst, dass ich, Tannstetten, einen Zwillingsbruder habe. Martin dachte kurz an seinen wirklichen Bruder.

Dann stand er abrupt auf: „Entschuldigen sie mich kurz, ich mus mal wohin,“ sagte er und ging in Richtung der Toiletten davon. Im Augenwinkel sah er noch, wie Bär einem anderen Mann in der Bar einen Wink gab. Als er die Eingangslounge erreichte, sondierte er die Lage. Sollte er versuchen sich aus dem Staub zu machen? Das wäre das Ende seiner Tarnung. Er blickte sich kurz um und erschrak. Bär und der andere flüsterten miteinander und blickten beide wie ihm, schien aufgebracht in seine Richtung. Er hatte den Kommissar mit seiner wirren Geschichte über Zwillingsbrüder nicht täuschen können, das war ihm klar und scheinbar war auch noch irgendetwas anders passiert, dem echten Tannstetten, vermutete er mal. Er grinste dümmlich in die Richtung der Polizisten, als er plötzlich durch eine laute Frauenstimme aus seinen Gedanken gerissen wurde.
„Hallo! Professor! Da sind sie ja, ich warte schon die ganze Zeit draußen auf sie, haben sie unseren Ausflug vergessen?“ Eine sehr merkwürdige Gestalt kam auf ihn zugelaufen. Sie trug ein blaues Kleid und gelbe Leggins darunter. Die Füße steckten in grünen Sandalen und ein Strohhut bedeckte den mit grauen Locken umrahmten Kopf.
Das wettergegerbte Gesicht darunter, sowie die gesamte Gestalt hätte sicherlich gut als Sam Hawkins in den Winnetou-Filmen mitspielen können, nur das die sanften weiblichen Augen nicht so recht zu einem harten Westmann gepasst hätten.
„Ähm, meinen sie mich?“ „Natürlich, wo haben sie nur wieder ihre Gedanken.“ Die Person fasste ihn energisch am Arm und zog ihn mit sich auf den Ausgang zu. Martin sah, wie sich nun auch die Polizisten in Bewegung setzten.
„Wo ist ihr Auto, sagten sie? Ähm Frau…?“ Sie schüttelte ungläubig den Kopf: „Ihr Gedächtnis braucht jetzt auch ein wenig Frischluft, nicht wahr. Ich heiße Pefferle, für sie Eleonora und jetzt kommen sie, sonst wird es dunkel bis wir in Todnau sind.“
Sie gab wieder das Tempo vor und sie stürzten gemeinsam vor das Hotel, vor dem direkt neben dem etwas zerknirscht drein schauenden Empfangsboy, eine rote Ente stand, die jemand über und über mit Prielblumen beklebt haben musste.
Die Alte stürzte darauf zu und schob Martin auf den Beifahrersitz. Schneller als er ihr zugetraut hätte saß sie auch schon neben ihm am Steuer und fuhr mit quietschenden Reifen los.
Im selben Moment kamen auch Bär und sein Kollege aus der Tür gelaufen und Martin winkte ihnen freundlich lächelnd zu: „Bye, bye, Polizei,“ murmelte er vergnügt.

Er sagte erst mal nichts. Lass die Lady mal kommen. Anscheinend muss sie mich kennen. Aber diese Idee mit dem Zwilling, die hat eigentlich was. Er sah Eleonora Pefferle von der Seite an. Um ihren Mund spielte ein kleines sympathisches Lächeln. Auf einmal sah sie ihn an. Ihr Blick wurde jetzt ein wenig härter. Und in Martin kam schon wieder mal ein altvertrautes Gefühl hoch. Was, um alles in der Welt, ist jetzt schon wieder los?
Wenn Leute so schauen, hecken sie etwas aus. Aber er versuchte sich trotzdem zu entspannen. Was gar nicht so einfach war, denn die Herrscherin der Prilente, legte ein rasantes Tempo vor. Und das auf einer kurvigen Landstraße im Schwarzwald. Sollte ich sie doch kennen? In den Akten stand nichts. „Ach herrje, mein Koffer im Hotelzimmer“ entschlüpfte es ihm: „Ist er wichtig?“ hörte er sie fragen: „Wenn sie Kleidung als wichtig empfinden, dann ja“. Aber das Wichtigste hatte er dabei. Seinen Laptop, auf dem dieser vermeintliche Bär ständig geschielt hatte.

Eleonora hielt ruckartig an einer Parkbucht an: „Was denn nun? Meine Gesellschaft oder weitaus unangenehmere, außerdem mochte ich den ollen Koffer sowieso nicht. Ich war froh, ihn endlich loswerden zu können. Und die Kleidung, naja!“ Sie warf ihm einen schrägen Blick zu. Irgendetwas in ihnen blitzte auf. Martin meinte ein Dejà Vu zu erleben. Diese Augen …

„Elsa! Du bist es.“ „Was glaubst du denn.“ Antwortete die vermeintliche Eleonora und zog sich die graue Perücke vom Kopf. „Aber wie, warum, …“ Stammelte er: „Weil die Polizei, die Mafia und diese seltsamen mittelalterliche Kultanhänger und Hexenverbrenner hinter mir her sind.“ „Hinter dir auch?“ Sie nickte. „Eigentlich hinter mir, weil ich vor deiner Geliebten bereits wusste, worum es geht, bei der ganzen Sache.“ Sie zog die Perücke wieder auf und verbarg ihr feuerrotes Haar darunter. „Wieso lässt du dich wieder mit der Unterwelt ein?“ Martin senkte den Blick: „Ich wusste nicht wen ich sonst hätte um Schutz fragen können“ „Sie können dich nicht schützen vor den Sängern.“ „Wer denn, die Polizei?“ Sie schüttelte den Kopf: „Die noch weniger, obwohl Bär einiges drauf hat. Irgendwann werden wir ihn vielleicht brauchen.“ Sie ließ den Motor wieder anspringen: „Aber erst mal, wirst du jemanden wiedersehen wollen, nehme ich doch an.“ Er musterte ihre faltige Maske, in der ihre Augen ihn anlachten: „Sie ist bei dir?“
Elsa sagte nichts, fuhr aber los und lächelte viel sagend.

© Alle Texte und Ideen sind geistiges
Eigentum von Ludger Christian Albrecht (Luc A.)

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