Drachentränen & Feenkrone 2

2. BUCH:

Inhaltsverzeichnis:

Prolog
1. Nor Throl
2. Il Lorgone
3. Eleur
4. Helovar
5. Pelat Veront
6. Ahgrelos
7. Valtraon
8. Torwyn
9. S’gorondir
10. Helarion

Prolog

Fliegen ist Freiheit, Siegen ist Kraft,
doch nur in der Niederlage liegt das Verstehen
und nur die Vergebung
findet ein friedliches Wiedersehen
1

ALTHEAR 2

Limelei, die Konigin von Adrohn, lächelte, als ihr Sohn Arcad sich an sie schmiegte und die Ohren spitze, um der Geschichte, die er schon so viele Male gehört hatte, erneut zu lauschen.

Es war die Geschichte von der weinenden Drachenkönigin, ganz aus Silber.

„Als die Entscheidung im großen Drachenkrieg nahte…,“ begann sie,

„blieb nur eine letzte Streitmacht der Deniqui 4 zurück um sich den mächtigen Goldenen, den erhabenen Silbernen und natürlich den schrecklichen Schwarzen zu stellen. Die Goldenen wirkten mächtige Magie, die Silbernen kämpften mit großer Eleganz, die Schwarzen standen für finsterer List. Niemand der vereinten sechs übrigen Völker glaubte mehr an einen Sieg, doch es kam zur letzten Schlacht von Unalgur, vor den Hängen der hoch aufragenden Stropaden.“

Arcads Mutter hielt einen Moment inne, um die Spannung etwas zu steigern, bevor sie fortfur:

„Die Drachen waren, so schien es, unbezwingbar in ihrer Macht und Stärke, doch Varahm, der Gott welcher war der Eine und doch viele Namen trug, entschied, dass die Zeit seiner ältesten Kinder 5 gekommen sei. Dass die Niederlage ihr Schicksal war aus dem sie Lernen sollten.“

Die Königin blickte Arcad tief in die Augen.

„So kam es das die Drachen in die Verbannung des Eisland Hevar gehen mussten und die Gelehrten sagen uns, erst wenn sie eines Tages in Frieden wiederkehren, dann werden auch die Götter erneut sichtbar unter uns weilen, denn sie zogen sich von diesem Tag an in den Walhal, ihren Götterpalast zurück.“

Limelei lächelte ihren Sohn an. „Das wird der Tag des großen Glückes sein.“ 6

Arcad schwieg ehrfürchtig, während man durch das offene Fenster nun deutlich die Rufe und das Holz auf Holz von seinen älteren Brüdern Elthor und Aplazal im Burghof vernahm.

Seine Mutter schmunzelte ob seiner kindlichen bemühungen die Welt zu verstehen.

Ihr jüngster Sohn wippte jedoch schon wieder ungedultig mit den Füßen und sie wußte, das er wie immer die ganze Geschichte hören wollte.

Daher fuhr sie ernst fort:

„Als die Drachen also fast den Sieg errungen hatten und viele der Deniqui bereits fliehen wollten, gab Varahm, Aguar, dem Anführer der goldenen Drachen, den Befehl zum Verrat. Er gebot ihm, Imel, die silberne Königin zu töten. Aguar beugte sich Varahm und damit unterwarf jener das Geschehen endgültig seinem göttlichen Willen. Nach dem Tode Imels ergaben sich die Silbernen und Goldenen in ihr Schicksal und die Deniqui warfen in einer letzten Anstrengung auch die schwarze Horde endlich nieder und der Ritter Sigal, erster menschlicher Drachentöter, erschlug Ont’c, den schwarzen Drachenfürsten, im Zweikampf.“

Sie machte wieder eine kurze Pause, bevor sie weiter sprach:

„Als die glücklichen Sieger auf dem Schlachtfeld Imels gewaltigen Körper fanden, lebte sie noch, starb aber vor ihren Augen und verlor im Moment des Todes fünf silberne Tränen. Die Deniqui fingen sie in ganz besonderen Gefäßen auf und nahmen sie als Trophäen ihres Sieges mit sich in ihre Städte.“

Arcad konnte sich wie immer an dieser Stelle nicht recht vorstellen, wie man die Tränen hatte auffangen können ohne dass sie vertrocknet waren, darum blickte er seine Mutter fragend an.

„Du vergisst die Magie in ihnen,“ Sagte sie lächelnd doch ihre Mine verdunkelte sich als sie anfügte:

„Einige Priester sagen jedoch, sie seien auch die Saat unseres Untergangs.“

„Aber sie waren doch der Anbeginn der Zauberkraft der Menschen, Mutter!“

Rief Arcad.

Limilei nickte.

„Die Magier glauben es und sind selbst der lebende Beweis.“

Ein Geräusch verkündete das Öffnen der Tür zur Halle und sein Vater, König Epheal, betrat die selbe.

Der Herrscher von Adrohn musterte seine Königin und den jüngsten Sohn, der zu ihren Füßen lag und sich an sie schmiegte.

Sein Gesicht verzog sich zu einer Grimasse der Unbill.

Einen kurzen Moment hatte es den Anschein, als wollte er etwas Harsches sagen, doch als sich sein Blick mit dem seiner Königin traf, sagte er bloß:

„Deine Brüder warten auf Dich Arc, lass mich mit Deiner Mutter allein, wir haben etwas zu besprechen.“

Arcad stand auf, nickte und verließ die Halle ohne Worte.

Die Geschichte dies sie ihm erzählte, hatte er jedoch im Geiste immer dabei und sie sollte ihn noch sein ganzes Leben begleiten.

~

…er nahm ein Bad im heißen Blut des Ungetümes,
und als er hervor stieg wart er unbezwingbar
sein Haar trug die Farbe des Drachenblutes
sein Schwert wart darin getränkt...7

ESTROR

Ein einsamer Reiter kam über das Eskorlarngebirge8 und erreichte die Felsen vor der nördliche Küste.

In der Ferne glitzerte das Meer tief schwarz, mit weißen Schaumkronen.

Dies war das nördliche Ende von Arkur, hier zu seinen Füßen lag der Ort, welcher dem letzte Kind des Drachenblutes Schutz geben sollte.

Der kleinwüchsige Reiter, sein Name lautet Hamfast vom Flußberg, vom Volke der Tewir, stieg ab und betrachtete nachdenklich das Meer und die kreisenden Seevögel.

Er hoffte sehr, das Walbas Recht hatte und das Kind hier besser aufgehoben war, als in Adoner, wo sie die ersten drei Jahre, nachdem der Priester sie unter seinen Schutz genommen hatte, aufgewachsen war.

Doch es ging auch um ihre Ausbildung. Hamfast seufzte.

An der Küste lag die Stadt Estror9 und dort standen die berühmten hohen Leuchttürme in deren Kronen die Leuchtfeuer stets rot glühend brannten, zur Abwehr der schrecklichen Wasserdämonen die mit den Winterstürmen kamen und in den alten Zeiten auch zur Warnung vor den noch schrecklicheren Seedrachen.

Dies war, so hoffte Walbas, weit genug fort von ihrem Heimatland Tarmorg um vorerst sicher zu sein.

Er war ein wenig erschöpft ob des raschen Rittes und doch erfüllte ihn ein gewisser Stolz.

Das Vertrauen des Priesters in ihn war nicht umsonst gewesen, bald würde er den Auftrag erfüllt haben.

Sein Blick wanderte zurück zu seinem von Schweiß nassen Pony.

Es trug die Kiepe mit dem Kind, dass seit der halben Strecke schlief.

Der bereits ungewöhnlich volle dunkle Schopf des Mädchens, der daraus hervor lukte, war wie man sofort sehen konnte, durchzogen von einer einzelnen breiten, silbernen Strähne.

Das Drachenmal wie er wohl wusste.

Er ging langsam zum Pony zurück und schwang sich dann mit neuer Entschlossenheit wieder in den Sattel.

Er hatte Hunger und freute sich auch aus diesem Grund, bald das Ziel erreicht zu haben.

Aber noch waren die kleineren Stadttürme von Estror im Nebel der Küste nicht wirklich gut auszumachen.

Sein eigentliches Ziel war ein Dorf an der Küste, etwas vor der Stadt.

Dort würde er die Tochter des Drachenblutes zu jener Frau bringen, die Walbas ihm genannt hatten.

Eine elfische Magierin deren Name er kaum aussprechen konnte.

Er zuckte mit den Schultern.

Warum all dies notwenig war, wussten die Götter

Er selbst glaubte nicht daran, dass die Drachen noch einmal zurückkehren würden, es eine wirklich alberne Idee.

Hatte sie die Deniqui nicht für alle Ewigkeit verbannt, wofür brauchte man dann eine Drachentöterin?

Er zuckte mit den Schultern und beugte sich vor um seinem Pony eben das Kommando zum Aufbruch zu geben, da traf ih ein Schlag an der Schulter.

Er fuhr schmerzhaft zusammen und ein erstickter Schrei entrang sich seinem Mund.

Die spontane Bewegung war jedoch sein Glück, denn er gewahrte im selbsen Augenblick, dass ein Pfeil an ihm vorbei sauste.

Es war ein ebensolcher, wie der, den er nun in seiner Schulter stecken sah und er musste die Zähne zusammenbeißen, als der Schmerz kam und der Schock nachließ.

Hastig wante er sich im Sattel herum und sah, dass aus dem Wald hinter ihm, eine Gruppe von Trollkrieger hervor stürmte.

„Was bei den Füßen der Haarnasen!“ Fluchte Hamfast und versuchte sein Pony in Bewegung zu setzten, doch schien ebenso erschrocken wie er selbst.

Zwei der heranstürmenden Umorik wie man sie bei den Tewir nannte, waren stehen geblieben und zielten nun erneut mit ihren Bögen auf ihn, während die übrigen drei, zum Glück schienen es nicht mehr zu sein, ihn schon fast erreicht hatten.

Hamfast stöhnte und wandte sein Pony, das nun endlich gehorchte, schnell und geschickt um und trieb es den Trollen entgegen.

Diese blieben überrascht stehen, denn sie hatten offenbar nicht erwartet, dass er sich ihnen zum Kampf stellen würde.

Das nütze der Tweir aus, zog mit einem Schrei auf den Lippen, sein Schwert und hieb auf den ersten Troll ein, den er erreichte.

Er war ein geübter Ponykämpfer und trotz des Pfeils in seiner Schulter focht er entschlossen.

Schnell setzte er zwei der Angreifer außer Gefecht, doch streiften ihn auch die Axt des dritten am Rücken.

Trotzdem gewann er Zeit und musste eine schnelle Entscheidung treffen.

Es war kaum zu hoffen, das er sie alle besiegen konnte daher entschloß er sich zur Flucht.

Er wendete sein Pony und sprengte im halsbrecherischem Galopp den Bergpfad hinab.

Die Angreifer blieben zurück, nachdem ihn zwei weitere Pfeile nur um haaresbreite verfehlt hatten.

Er war entkommen.

Der Ritte war anstrengend ob seiner Verwundungen und als er endlich den Talgrund erreicht hatte, atmete er erleichtert auf, hielt an einer Quelle an und versicherte sich, dass das Kind unbeschadet geblieben war.

Erst dann begutachtete er die eigene Wunde. Der Pfeil steckte nur im Fleisch und ließ sich zum Glück mit Spitze herausziehen.

Rasch verband er die Schulter, doch er fühlte sich schwach ob des Blutverlustes.

Warum hatten sie ihn angegriffen, war sein Auftrag verraten worden oder waren es nur Straßenräuber gewesen.

Trolle standen immer im Verdacht für Dionel zu kämpfen, er musste weiter, bevor sie sein Spur fanden.

Er wagte daher den ganzen Tag nicht abzusteigen, sondern ritt auf der Straße nach Estror weiter.

Die einzig Sicherheit lag dort, so hoffte er, doch am Abend spürte er dass ihn die Kraft fast verlassen hatte.

Treib aber sein Pony gerade darum immer heftiger an und ritt im wilden Galopp auf die Siedlung zu, wo er allerdings als er erste Bauern sah, abstoppte und stöhnend vom Pony glitt.

Er war am Ziel. Denn es war der kleine Weiler, den seine Bewohner, wie er erfuhr Hangtal nannten, wo seine Ankunft für einigen Aufruhr sorgte.

Doch man brachte Reiter und Kind, das inzwischen aufgewacht war und sich neugierig umsah, gleich zu Jormil der Heilerin.

Diese, eine hochgewachsene Frau, nahm sich beider an. Den Tewir, oder Slim10, wie die Halblinge in dieser Gegend genannt wurden, drückte sie dankbar die Hand und er erkannte, das sie jene war, die Walbas ihm beschrieben hatte:

Algrake, Magierin des Ordens von Nevlon und Priesterin der Aposger, goldene Drachenmaid.

~

Der Angriff auf den Tewir beunruhigte Algrake etwas, doch da in den Tagen darauf nichts geschah, verbuchte sie es als Zufall und hoffte, das ihre Drachenmagie sie anderfalls rechtzeitig warnen würde,

Doch das Kind wuchs die folgenden Jahre im Dorf unbehelligt auf und Algrake gab ihr einen neuen Namen:

Daral, was im Estrog so viel bedeutete wie: Silberschwinge

~

Aber, all dies blieb keineswegs unbemerkt.

Die Späher hatten seine Spur nicht verloren, doch durch Algrakes Schutz, hatten die Schwarzen ersteinmal keine Möglichkeit zum Angriff.

Aber Mereas konnte warten, was würde ihnen auch eine einzige Gorifor nutzen, selbst wenn sie vom Blute Sigals war.

Heimat ist die Suche nach Licht
Träume brauchen Dunkelheit
Auch die Drachen träumen
Irgendwann kehren sie heim
Dann will ich nicht zuhause sein.

(unbekannter Dichter)

HEVAR

Das Eisland war Nichts.

Seit Jahrzehnten schon waren sie im Nichts gefangen.

Doch nun endlich rührte sich die große Kraft.

Endlich entstand aus dem Nichts etwas.

Die wilde Hoffnung kehrte zurück in die schwarzen Herzen der Horde.

Es würde die Zeit der Rückkehr in die schöne Welt kommen.

Der Plan, den Mereas, einziger Sohn des großen Ont’c,11 geträumt hatte,

würde nun endlich wahr werden.

D’ionel die magische Feenkönigin hatte, in Gestalt einer betörenden Drachenmaid zu ihm gesprochen.

Darum schickte er seine besten Jäger durch jenes Tor, das sie geöffnet hatte.

Sie erkundeten gerade, wann der richtige Zeitpunkt gekommen war und mit Hilfe der Feen

die Bruchstücke des alten Machtsteines finden und das Tor dann weiter öffnen für die Rückkehr der Horde.

Dann würde sie niemand mehr halten können, in dieser armseligen Wüste aus Eis.

Auch wenn die goldenen Verräter und alle anderen, niederen Drachen ihr Exil bisher klaglos ertrugen.

Auch wenn zahlreiche Vertreter seines eigenen Stammes inzwischen schwach und verweichlicht waren.

Die Freiheit würfde sie alle beflügeln und unter seiner Fahne neu vereinen.

Mereas war sicher, dass, wenn sie erst wieder vom Blut der Feen, Elfen und Menschen gekostet hatten, ihre alte Stärke in ihnen erwachen würde und die ihnen angeborene Sehnsucht danach zu herrschen.

Die Jäger, an ihrer Spitze sein Sohn Avarel, würden erfolgreich sein, da war er sich ganz sicher.

Hinzu kam, die Schwäche der Feen, der Kampf zwischen Nindur und Halur, war sein Trumpf, D’ionels Bündnis mit ihm, war ein Verrat an ihrem eigenen Volk.

Der dunkle Wurm schlug vergnüglich mit dem großen Schuppenschwanz.

Seine Stimmung hatte sich merklich gebessert.

Bald würden sie die Schöne Welt12 erneut in Besitz nehmen und über sie herrschen, so wie es ihnen einst Varahm3 versprochen hatte.

Er hoffte nur, dass die Götter erkannt hatten, das ihre mächtigstes Volk genug gebüßt hatte.

Und wenn doch, so würden sie sich nicht noch einmal ihrem Willen unterwerfen.

Er fauchte wütend.

Seine Ungeduld war ebenso ohnmächtig wie seine Zuversicht groß war.

Denn noch waren sie gefangen.

~

Atom der Ältere schwieg, obwohl ihn die ewige Furcht seiner Söhne und Töchter betrübte.

Das sein mächtigster Sohn Pentharu sterben würde, hatte er geträumt und er wusste nicht wie er aus diesem Opfer Zuversicht gewinnen sollte.

Er wäre verzweifelt gewesen, wenn sein Glaube an eine bessere Zukunft der Drachen nicht stärker gewesen wäre.

Das die Schwarzen sich rührten, war das Schicksalslied, welches er schon lange im Voraus hatte erklingen hören.

Nun war dieser Moment da und konnte zu einer bösen Zeitenwende führen, wenn er nichts unternahm.

Denn die Götter hüllten sich dazu offenbar in Schweigem.

Mereas, der große schwarze Worm würde sie in seiner unendlichen Überheblichkeit ohnehin nicht fürchten und auch den letzten Resten der verstreuten kleinen goldenen Horden kaum beachten.

Vorallem war seine kluge Tochter Nimasil offenbar seiner Aufmerksamkeit entgangen, ebenso dass die kleinen Blauen bereits lange vor seinen schwarzen Jägern einen Weg der Rückkehr gefunden hatten.

Atom lächelte still in sich hinein. Die Blauen waren seine größte Hoffnung, doch er wusste auch um ihren angeborenen Leichtsinn.

Wenn sie Entdeckt wurden und es zum Kampf kam, konnte alles verloren gehen.

Daher durfte er noch keine weitere Hilfe schicken, denn schließlich wollten sie alle zurückkehren in die Schöne Welt, aber nur in Frieden.

~

Die Götter schufen die vergangenen Dinge einst neu…
…und wenn sie in die Welt zurückkehren,
sind sie es wieder. 13

ELBERAK   14

Graf Arcad von Elberak15 lachte, als seine Töchter Sorenn und Silera zu ihm kamen und ihn ein weiteres Mal darum baten, ihnen die alte Geschichte des untergegangen Kaiserreiches zu erzählen.

Natürlich erinnerte ihn das an sich selbst, wie er als Kind seiner Mutter Limelei an den Lippen gehangen hatte.

Egal ob es die Geschichte über die Drachentränen, das Schicksal der geheimnisvollen Tochter der letzten Kaiserin, die Magie der Elfen oder die Schwerter der Deniqui waren, er hatte sie alle geliebt.

Im Gegensatz zu seinen Brüdern und offenbar erging es seinen Töchtern, auch wenn sie unterschiedliche Mütter hatten, ebenso.

Er betrachtet noch einmal den, im Schleier16 des Jahres 1543 nach Vahram17, erblühenden Garten, holte tief Luft und begann seine Erzählung, während Silera und Sorenn auf dem Bauch im Gras des Burgparkes von Elberak lagen und ungeduldige Laute von sich gaben.

Schließlich begann er:

„In Varaskon18, dem sogenannten „alten Land“ im westlichen Arkur, gründeten einige Männer etwa fünf Jahre nach dem Untergang des alten Kaiserreiches, also im Jahre 1488, einen geheimen Bund, der sich nach der früheren Leibgarde des Kaisers, die Sentir19“ nannte.

Ihr Begründer war Graf Ferbal Sherg, Herr von Showil, der Burg und Stadt an der Ostküste von Varaskont20.

Dieser Bund verpflichteten sich dem Ziel, die Rückkehr des wahren Kaisers zu ermöglichen und damit der Wiedererrichtung des alten Kaiserreiches, das sich, in den Jahren des Zerfalls, in seine einzelnen Fürstentümer und Provinzen aufgelöste hatte.“

Sorenn und Silera tuschelten miteinander und Arcad warf ihnen einen gespielt strengen Blick zu, bevor er fort fuhr:

„Am Anfang vom Ende des Kaiserreiches stand, wie ihr ja wisst, eine große Tragödie. Terzias, der auch im Volk geliebte Kaiser des Hauses Haronn, war nach einer Reise von der Sterninsel in einen Sturm geraten und mit vielen mächtigen Männern seines Hofes im Meer versunken. Seine noch kindliche Frau Ilitia blieb somit alleine auf dem Thron zurück.“

Die Mädchen stöhnten leise auf, als sie mit dem Schicksal der jungen Kaiserin, was für sie natürlich das Interessanteste der ganzen Geschichte war, mit litten.

„Der Kronrat, bestehend aus den 5 höchsten Fürstenhäusern des Reiches, setzte daraufhin die junge Kaiserin, die sie als labil und zu unerfahren einschätzten, ab. Sie ernannten aus ihren Reihen, Jarizias aus dem Hause Nureln zum neuen Regenten, bis das Kind, denn Ilitia war schwanger und gebar noch im selben Jahr ihren Sohn Limzas, sein Erbe würde antreten können. Doch Jarizias, einmal damit bekleidet, berauschte sich schnell an der Macht und scharte zahlreiche Günstlinge und Anhänger um sich.“

Die beiden Schwestern ließen empörte Laute von sich hören und kicherten dann herzlich darüber.

Arcad schmunzelte über die Fröhlichkeit seiner Töchter und freute sich, das sich beide so gut verstanden, obwohl sie nur Stiefschwestern waren. Silera, die Ältere, war wie auch Tanystra seine Älteste, Tochter seiner ersten, verstorbenen Frau Themila.

Sorenn, seine Jüngste hingegen, war das Kind von Meloragh, jener Blauelfe und Magierin, die die Zeit seiner Trauer beendet hatte.

Arcad merkte wie seine Gedanken beim Anblick seiner jüngsten Tochter abschweiften. Doch ihrer Stimme war es nun auch, die ihn zurück zur Geschichte holten.

„Erzähl weiter Vater!“

Arcad fuhr darum lächelnd fort:

„Als Ilitias Sohn Limzas, nun 5 Jahre alt war, ereignete sich ein überraschender und tragischer Überfall auf Burg Cetial wo er mit seiner Mutter lebte. Die Burg wurde von Beuterittern21 gestürmt und beide fand man am Tag danach erschlagen vor. Ob jemand den tödlichen Überfall befahl, kam nie wirklich zu Tage, doch die Gerüchte verstummen natürlich bis heute nicht. Denn, somit war der Weg frei für Jarizias die Krone tatsächlich zu übernehmen. Viele Unterstützer Ilitias und Gegner Jarizias ließen in den dann folgenden Jahren ihr Leben oder flohen aus dem Machtbereich des neuen Herrschers. In der Geschichte des Kaiserreiches hatte es ohne Zweifel schon zahlreiche Tyrannen gegeben, doch Jarizias war der schlimmste von allen, aber er sollte auch der letzte sein.“

„Geschieht ihm recht!“, rief Silera, wie sie es wohl immer tat an dieser Stelle.

Arcad nickte. „Als sein Sohn, Heitor II. die Krone übernehmen wollte, er war noch verschlagener und brutaler als sein Vater, aber überdies unfähig die Staatsgeschäfte in Ordnung zu halten, brach der offene Widerstand im Reich aus. Einige verbliebene Anhänger Ilitias erhoben sich und das Volk selbst war so unzufrieden und wütend, das sich der Streit um die Krone schnell zu einem allgemeinen Aufstand ausweitete der das varaskische Kernland Jahre lang verwüstete und schließlich damit endete, dass Heitor II. in der berühmten Bauernschlacht von Eshkor erschlagen wurde. Seine Widersacher, die sich unter dem Namen „Varasken“ verbündet hatten, waren eine Gemeinschaft von Anhängern der alten Kaiserlinie, und Bauernbaronen aus dem Haadnn Küstenland. Der spätere erste Ta-Rul22, Fenil Taromas, auch genannt „das Holzbein“ , führte sie zum entscheidenden Sieg.“

Silera und Sorenn zeigten kein Erstaunen mehr, wie sie es noch getan hatten, als sie die Geschichte über den Aufstand der Bauern zum ersten mal gehört hatten.

Sie hatten längst alle Fragen dazu gestellt und warteten nun, wie Arcad genau wusste, gespannt auf ihre Lieblingsstelle.

Er blickte darum tief in ihre ungeduldigen Augen und fuhr in würdevollem Ton fort:

„Das ehemals riesige Kaiserreich, das sich mit seinen Vasallenstaaten, fast über ganz Arkur23 erstreckte, von den rauhen Westklippen der Insel Louhr, bis zur Küste des Nachbar-Kontinentes Walcorz, zerfiel. Der Reststaat umfasste nun und bis heute, nur noch das Stammland Varaskon, die lange Küste von Argonath und das Inselreich Louhr. Luceria und Therolis zählt der Rat der Varasken dieser Tage zwar noch offiziell dazu, sie sind aber in Wahrheit längst eigenständige, wenn auch schwache Königreiche. Der Osten, hauptsächlich unser heutiges Adrohn24, löste sich wie ihr ja wisst, völlig ab und stieg zum mächtigsten Nachfolger des alten Reiches auf. Das aus dem Westreich hervor gegangene so genannte Varaskonien, ist bis in unsere Tage ein zerrissenes Land. Zahlreiche Interessenkonflikte, der an der Macht beteiligten Kräfte, ließen es nie zu alter Größe zurück finden. Zudem zeigten sich schließlich auch die meisten neuen Anführer, nun vom Volk gewählt und Tar-Rule genannt, als Macht besessenen Despoten und die Varasken-Kämpfer entwickelten sich zu Söldnern und zu willigen Werkzeugen der Macht.“

Silera und Sorenn machten ein ungeduldiges Gesicht und Arcad musste lachen.

„Ja, ja schon gut, ich komme ja gleich dazu.“

Er räusperte sich, als ein Diener eilig und nur mit kurzem Gruß an ihnen vorbei durch den Garten hastete.

Abgelenkt sah er ihm einen Augenblick nach. Was trieb ihn wohl zu solcher Eile?

„Also kommen wir zum Anfang der Geschichte zurück“, sagte er.

„Während langer Jahre hielten die Sentir sich im Verborgenen und hüteten zugleich auch ein Geheimnis. Das Geheimnis nämlich, um ein zweites Kind der Kaiserin, dass sie heimlich gebar und von dem, außer wenigen Vertrauten offenbar niemand etwas gewusst hatte. Es war eine Mädchen. Das Kind eines Ritters edlen Geblütes, der das Herz der jungen Kaiserin im Exil nach dem Tod ihres Gatten gewonnen hatte, dessen Name bis heute aber niemand kennt. Keiner sollt auch von diesem Kind erfahren, daher ließ Ilitia es schon sofort nach der Geburt, wohl etwa ein Jahr vor dem Überfall, in die Obhut eines kleinen, geheimen Tempels bringen.“

Arcad lächelte ob der nun glühenden Backen seiner Töchter, die wie immer gerne noch mehr über dieses Geheimnis erfahren würden. Aber ihr Vater schüttelte lachend den Kopf.

„Es ist nur eine Legende,“ sagte er, doch fügte an.

„Aber eure Großmutter Limilei hat stets behauptet, das Haus Sherat stamme in direkter Linie von dieser Tochter der wahren Kaiserin ab, also dürft ihr mich gerne ab heute Exellenz nennen.“

Silera und Sorenn sprangen lachend auf. „Vater ist ein Kaiser,“ riefen sie im Chor und „Danke Vater, morgen musst du uns nochmal die Geschichte von dem ersten Drachentöter erzählen!“

Dann liefen sie lachend über die Wiese zum Bach hin, während ihnen Arcad nachdenklich nachblickte.

Vielleicht würde es ihr Schicksal sein, die Wahrheit dieser alten Legende zu ergründen. Der heraufziehende Krieg im Lande Adrohn, würde sie vielleicht sogar dazu zwingen, zumindest eine von ihnen, die Tochter der Magierin, dachte er, konnte ihrer Bestimmung wohl nicht entgehen.

~

…Magie hat ein eigenes Wesen
hätte sie Keines,
sie bliebe doch nicht ewig verborgen.
…also ist es der Götter Wille,
dass wir sie sehen,
die magischen Zeichen in der Stille. 25

NEVLON 26.

Der Faun Tralzio war nicht besonders erfreut darüber, doch das Manuskript des Garioll27 sprach eine eindeutige Sprache.

Der Ukari28 wie sich sein Volk selbst auch nannte, nahm die bereits stark heruntergebrannte Kerze und führte sie noch einmal dicht über das uralte Dokumentt, das ausgebreitet vor ihm lag.

Dann warf er einen Blick zu Syril Sherg, dem Anführer der Sentir und nickte.

„Es ist eindeutig dort zu finden. Wenn ihr das Schwert bergen wollt, so müsst ihr nach Celeb-Draugh gehen.“

Sherg verzog das Gesicht, dann lief er ein paar Schritte mit angespannter Mine im Raum hin und her, bis er abrupt stehen blieb.

„Ich werde selbst gehen, die Sache ist zu wichtig.“

Direkt zu Tralzio gewannt ergänzte er:

„Wenn ich nicht zurückkehren, müsst ihr es Condraht und am Besten auch Sul’rir sagen. Dieses Schwerter zu finden ist, auch wenn es nur eines von Sieben ist, vielleicht der Schlüssel zu allen.“

Tralzio schnalzte mit der Zunge und strich sich über den grauen Zyrlotenpelz, der seine untere Körperhälfte bedeckte, dann nickte er.

„Mein Wort Sentir, die Bedeutung ist mir so offensichtlich wie Euch, denn mehr noch als die Waffen selbst müssen wir die Machtsteine vor den Nindur finden.“

Er lächelte.

„Aber ich vertraue auch darauf das Ihr es schafft.“

Sherg nickte. „Ich werde die Besten ausgewählen, darauf könnt ihr Euch verlassen und wenn wir es gefunden haben, bringe ich die Waffe zu Euch, damit wir sicher gehen können.“

Dann wandte er sich um und verließ den Turm des Ukari und auch den Wald von Nevlon in Richtung der Stadt Notves29.

~

Zwei Tage später, inzwischen hatte er Boten ausgesandt, erreichte er in Notves den verabredeten Treffpunkt.

Dort wartete bereits der Elf Merasil, die Trolle Barglus und Dillgor, sowie die beiden menschlichen Sentir Ritter Carun von Fisill und Tarjas von Shrile.

Am frühen Morgen des nächsten Tages stieß schließlich ein junger Tewir Namens Gart Varo noch zu ihnen.

Die Gemeinschaft verschwor sich der Aufgabe, die Sherg ihnen noch einmal eröffnete und dann brachen sie auf, zur Insel Louhr wo in den Bergen nahe der Stadt Ettrion, die alte Ukari-Feste Celeb-Draugh lag.

~

Unterdessen hatte Tralzio weitere Aufzeichnungen studiert.

Es gab noch viel mehr Geheimnisse die ihn seit Jahren um trieben.

Zu aller erst war da die Vergangenheit seines eigenen Volkes und jene der Drachen, die eng miteinander verboben war.

Doch viele der alten Geschichten und Rätsel hatten ihren Ursprung in etwas, was noch im Dunkel lag.

Aber sie standen an einer Zeitenwende, da war er sicher und für die Zukunft, die voller düsterer Prophezeiungen war, war es wichtig, dass er in diese Dunkelheit ein wenig Licht brachte.

Darum musste er alles studieren, was er finden konnte. Das war der Grund, warum er sich dem Magierorden in Nevlon angeschlossen hatte. Hier hatte er die Ruhe und Abgeschiedenheit.

Doch leider waren viele Aufzeichnungen verloren gegangen in den Wirren der Zeit.

Trotzdem wusste er inzwischen mehr.

Er ließ daher noch einmal die wichtigsten Erkenntnisse vor seinem inneren Auge vorüberziehen:

Als die Ukari die Bühne der Welt betraten, gab es nur die Drachen.

Zunächst kamen sie gut miteinander aus, doch dann wurde es ein blutiger Kampf um die Vorherrschaft und sein Volk, die Faune wurden fast völlig ausgerottet.

Sie mussten sich fortan verstecken und ihre einst glorreichen Städte zerfielen in Schutt und Asche unter dem Drachenfeuer.

Jahrhunterte führten viele der Überlebenden ein Leben als Einzelgänger in den weiten Wäldern.

Sie wurden zu Baumgeistern oder Waldschatten.

Jene, so sagten es die Schriften, hatten ihre Lebenskraft nur ihren gewaltigen magischen Fähigkeiten zu verdanken, weit größere als sie Tralzio oder auch sonst einer der nachkommenden Ukari noch beherrschte.

Doch diese Kräfte waren zugleich abhängig von einer einzigen geheimnisvollen Quelle, die sich tief im Untergrund des Wenkohr-Gebirges befinden sollte, der Legenden nach in einer der alten Ukari Städte.

Dort sei sie in einer letzten Zuflucht ihrer alten Könige verborgen.

Eines Tages entschieden diese, sich dort in einen ewigen Schlaf zu begeben und erst zurückzukehren, wenn die Welt frei von den Schuppenbestien wäre.

Tralzio trat ans Fenster und sah nachdenklich über die Baumwipfel von Nevlon.

Wenn es ihm gelänge, diese Kraftquelle wieder zu entdecken, wäre es vielleicht möglich eine Waffe zu besitzen, die der Kraft der Drachen widerstehen könnte und auch der Magie der Dunkelfeen.

Es gab kaum weiter Überlieferungen. Auch wenn Tralzio selbst schon älter als mancher Elf war, wusste er nicht viel mehr als das was auch in der AVESTA, der heiligen Schrift der Mensch stand.

Sinngemäß…, las man auch dort, dass die letzten Ukarikönige in einen ewigen Schlaf gingen damit ihr Wissen die Zeit überdauern würde. Doch wo war ihre „Schlafkammer“, die am gleichen Ort sein sollte wo die alte Kraftquelle sei?

Die AVESTA sprach eben hier, … von einem Ort im Wenkohr und von einem Schlüssel für den steinernen Lebensbaum, die Quelle der Kraft, um die Könige zurück ins Leben zu rufen.

Dieser Schlüssel, so hies es weiter, sei ein gewöhnlicher Gegenstand aus Netrell30
der seine wahre Bedeutung nicht jedem preisgab.

Das seltsamste an diesem Auszug aus der Schrift jedoch war, dass dort eindeutig stand, dass kein Ukari, sondern nur ein Auserwählter aus einem anderen Volk den Schlüssel verwenden und den Zauber damit rückgängig machen könne.

~

…die Feen leben für ihre Träume,
die Elfen für ihr Wissen,
die Drachen für ihre Kraft
und nur die Menschen alleine leben für ihre Hoffnung…31

SHOWIL

Syril Sherg blickte beunruhigt auf die Botschaft, die Teralfin, Herr der Elfen von Fejan aus dem Gasfrogan Wald, ihm hatte zukommen lassen.

Von Notves aus war die Gemeinschaft des Schwertes zur Küste geritten und wartete in Silvon auf das nächste Schiff nach Westen.

Dort erreichte sie der Bote des Elfenkönigs.

Teralfin unterrichtete Sherg darüber, dass es nun ernstliche Anzeichen dafür gäbe, dass sich die Drachen32 auf eine Rückkehr in die Welt vorbereiteten.

Es seien Gerüchte im Umlauf, dass das Tor zur Eiswelt geöffnet worden sei.

Dionel, die Königin der Traumfeen33, sei dafür verantwortlich.

Sherg war bestürzt, obwohl auch Tralzio bereits solche Befürchtungen geäußert hatte. Daher war er nicht begeistert, dies nun auch bestätigt zu bekommen. Denn es geschah zur Unzeit.

Die Deniqui34 waren zerstritten und die alten Schwerter der Macht35 vergessen, verloren oder verschollen.

Dass er und Tralzio den Ort wo das Endar-Schwert Savandir verborgen sein sollte, hofften gefunden zu haben, wusste zum Glück noch niemand.

Zumindest glaubte er das.

Doch die Zeit drängte nun umso mehr, denn um die Drachen besiegen zu können, würden alle Schwerter der Deniqui benötigt, alle sieben magischen Klingen mit den Bruchstücken des Machtsteines, die das Zeichen der sienblättrigen Ulil trugen und die Völker mussten stark und geeint sein, wie damals im letzten Drachenkrieg.

Stattdessen waren die alten Bündnisse vernachlässigt, die Linie der Schwertträger erloschen oder unbekannt und bei den Menschen gab es kein Kaiserreich und keinen Drachentöter mehr.

Teralfin, Clankönig der Elfen von Fejan sagte in seiner Botschaft auch, dass die Vermutung nah lag, bereits einige Drachen die Verbannung verlassen hatten, unter ihnen aber auch Verbündete waren.

Sherg fragte sich was das beuten konnte. Waren die Drachen selbst uneins. Das wäre eine kleine Funke Hoffnung.

Nachdem der Bote sie wieder verlassen hatte war die Stimmung der Gruppe sehr gedämpft gewesen. Das die Lage so ernst war, hatten sie nicht erwartet.

Es war darum äußerste Eile geboten bei der Suche nach dem Schwert, denn Sherg hoffte nicht zuletzt auch darauf, das es ihm den Weg zum rechtmäßigen Nachfolger des letzten Kaisers zeigen würde.

Das Schiff trug sie am nächsten Tag bis nach Gol Waron, der alten kaiserlichen Residenz und jetzigen Hauptstadt der Republik Varaskon.

Dort nahmen sie erneut eine Nacht Quatier, da sie hofften hier einen Segler direkt nach Louhr zu bekommen.

Wie überall in Varaskon hatten die Sentir verborgene Helfer und so fiel es Sherg nicht schwer einen Unterschlupf für seine Gruppe zu finden.

G’waron war trozallem ein gefährliches Pflaster, daher bewegten Sie sich nur mit großer Umsicht.

Trotzdem bekamen sie am nächsten Morgen in ihrer Unterkunft überraschenden Besuch.

Ein Priester, der sich als Walbas von Althear vorstellte, ein Anführer des Aposg-Kultes36.

Er verkündete, den Baron zu suchen, welcher die Sentir führer, mit einer wichtigen Botschaft.

Sherg, obwohl überrascht, dass der Fremde wusste wo er sie hatte finden können, gab sich, nach dem er den Fremden hatte überprüfen lassen, zu erkennen und so fragte ihn Walbas, ob die Sentir noch immer auf der Suche seien nach dem Erben des alten Kaiserreiches?

Sherg bejahte dies und daher berichtete der Prister, dass die Aposger eine Aufzeichnung entdeckt hatten, die beweise, dass Ilita, die letzte Kaiserin, tatsächlich ein zweites Kind geboren habe.

Und dass sie dieses Kind, ein Jahr vor ihrem Tode, durch eine Amme zu einem Aposg Tempel habe bringen lassen.

Diese Nachricht hatte große Verblüffung ausgelöst, doch Sherg unterbrach ihn ungeduldig, denn dies entsprach alles nur der allgemein bekannten Legende, an die die Sentir schließlich glaubten.

Darum fragte er misstrauisch welchen neuen Beweis es denn nun tatsächlich gäbe?

Walbas verneigte sich knapp, lächelte und antwortete darauf, das es sich wohl um einen zerstörten Tempel im südlichen Gasfrogan handle, dessen Existenz nun zum ersten mal in einer alten Abschrift erwähnt wurde und in welcher auch eindeutig eine Prinzeri mit Namen Esomia e’Ilitia erwähnt wird.

„Sie soll dort seit ihrem ersten Lebensjahr gelebt haben“, fügte Walbas an.

Begleitend zu diesen Worten zog er ein Pergamentrolle hervor und überreichte sie Sherg mit dem Kommentar:

„Dies ist ein Abschrift, Herr.“

Sherg öffnete die Rolle, überflog sie und erfuhr dort weiter:

Dass Esomia, als sie 14 Jahreswenden zählte, ohne ihre Herkunft erfahren zu haben, mit Eloam dem damaligen Grafen von Sherat verheiratet worden sei, der sich wenige Jahre später zum König von Adrohn erhob.

Sherg wurde sofort klar, der Erbe des Kaiserthrons und rechtmäßige Schwertträger, musste somit in diesem Adelsgeschlecht zu finden sein.

Vielleicht Ferid, der älteste Sohn von König Aplazahal, überlegte er.

Doch Sherg, obwohl er ob dieser Nachrichten große Freude verspürte, blieb skeptisch

Er warf noch einmal einen genauen Blick auf die Abschrift. Doch er fand keinen Hinweis auf eine mögliche Fälschung. Es war eindeutig ein Bericht des ehemaligen Abtes, in welchem er erwähnte das Ilitia offenbar noch selbst die Anweisung gab, ihre Tochter zu verheiraten um die Kaiserlinie zu sichern.

Nach den Beweggründen gefragt, warum er ihm gerade jetzt das wichtige Dokument überbringe, halb in der Erwartung, der Priester fordere eine hohe Belohnung, gab Walbas zu Shergs Überraschung zu, dass es den Aposgern weniger um das Kaiserreich gehe oder um die Erhebung des Königs von Adrohn, sondern um die heilige Prophezeiung der AVESTA 37:

Syril Sherg kannte natürlich diese Prophezeiung. Es ging um eine Passage aus Kap. 9. genannt die „Gesänge des Aposg“:

…dunkle Schwingen kommen aus der Nacht, fünf Tränen sind die Quelle magischer Macht, und das Reich des alten Volkes ersteht in neuer, finsterer Pracht…

Und weiter:

…doch wieder die Dunkelheit, wird auf Erden wandeln, mein Licht und Blut für ewigen Frieden.

Ein starkes Kind, ein Erbe alter Könige, wird die Völker neu verbinden.

Sherg wusste, das die Aposger mit dieser Prophezeiung den Afilur oder „Jenen der den Völkern den Frieden bringt“ erhofften.

Er blickte den Priester nachdenklich an.

Nun wurde ihm klar, dass sie dachten, der Nachkomme der alten Kaiser und der in der Avesta prophezeite Friedensbringer, sei ein und die selbe Person.

Sie speißten schließlich gemeinsam zu Abend und Walbas berichtete noch von einer weiteren und ganz neuen Offenbarung.

Diese war dem Priester, so behauptete er, erst wenige Tage zuvor zugetragen worden und hatte ihn vor allem dazu bewogen, Sherg sofort zu suchen.

Es war eine Botschaft, die eine junge Priesterin in Adrohn erhielt, als ihr Varahm im Gebetes selbst erschienen war.

~

Sherg ließ die Worte dieser Prophezeiung am späten Abend, als die Gemeinschaft sich bereits auf der Weiterreise befand und er an der Reling eines Schiffes die dunklen Wolkenbahnen beobachtete, noch einmal vor seinem inneren Auge vorüber ziehen:

Sucht die verborgene Blume des Reiches.

Denn findet ihr sie nicht, bevor der Doppelmond sich trifft,

dunkler Schatten ihre Bestimmung zerbricht.

Walbas der zu Beginn seines Besuches auch kurz über den bereits ausgebrochenen Bruderkrieg in Adrohn berichtet hatte, glaubte diese Prophezeiung sei ein eindeutiger Hinweis das die Zeit des Afilor gekommen sei.

Darum, so Walbas, müssten die Sentir handeln.

Er war auch überzeugt, dass mit der Blume des Reiches, die siebenblättige Ulil38, das Zeichen der Deniqui gemeint sei und was noch wichtiger war, er sprach von der ältesten Tochter des Königs, Ellarel von Sherat, ein 12jähriges Mädchen, die dieses Zeichen auf der Haut trage.

Das waren gute und schlechte Nachrichten zugleich, dachte Sherg.

Ferid, der älteste Sohn Aplazals, des Königs von Adrohn, war seit ein paar Jahren verschollen. Wenn es also sein Schwester war und dafür sprach schließlich auch die weibliche Formulierung der Prophezeiung, war die Aufgabe beinah zu leicht um wahr zu sein.

Sie war in Althear in scheinbarer Sicherheit, aber wenn es Krieg gab, würde natürlich auch die Erbin in Lebensgefahr geraten.

Sherg dachte über all diese Informationen angestrengt nach, denn das Zeichen der Ulil, so hieß es in alten Schriften, trugen die Erben des Schwertes, jene Nachfahren der Deniqui, die die Drachen besiegt hatten, tatsächlich auf der Haut. So lange hatte sie eben nach diesem Zeichen gesucht.

In jedem Schwert, auch in Savandir, war dieses Zeichen im Griff eingelassen und nur jene die es auch auf der Haut trugen, konnten die magischen Schwerter in ihrer vollen Stärke einsetzen.

Sieben Völker gleich sieben wie Blütenblätter geformte Schwerter, die einen gekrümmten Drachen im Zentrum umrahmten. War dies wirklich gemeint mit der Blume des Reiches?

Er spürte wie Zweifel und Hoffnung in seinem Herzen einen Kampf aus fochten.

Bis die beiden, am Himmel von Alwahre ihre Bahnen ziehenden Monde Ios und Ior sich wieder trafen würde es noch etwa 7 Jahre dauern. Doch das war nicht wirklich eine lange Zeit.

Darum wusste er, dass sie sich beeilen mussten das Schwert zu finden und nicht nur dieses eine, sondern möglichst alle Deniqui-Schwerter.

Immerhin, die Götter, so schien es, waren auf ihrer Seite, hätten sie sonst diese neue Prophezeiung geschickt?

Er atmete tief durch, dann ging er zurück in die Kabine um sich schlafen zu legen.

Hohe Türme, goldener Glanz!
Alles nur Mummenschantz
Heilige Statuen, seelige Worte
Auf Ewigkeit verdammte Orte. 39

SZOMBAT

Vom Balkon der Spiegelhalle bot sich Niomal ein atemberaubender Blick auf die nördlichen Stropaden40 und den Götterkessel41.

Direkt unter ihm waren die Dächer der heiligen Stadt Szombat42 zu sehen, die im Sonnenlicht funkelten und es gegen die Wände des Kessels zurück warfen.

Nicht nur dieses Schauspiel hatte die Stadt am nördlichen Rand des Argonath berühmt gemacht, sondern auch seine ungezählten Tempel.

Der schönste und größte von ihnen war zweifellos der Tempel Varahms, mit seinen verzierten Türmen, gewaltigen Doppelkuppeln und der Halle der Spiegel, die die wertvollsten Artefakte der varaskonischen Kirche barg.

Die Sicht war heute auch über das Meer hinaus so klar, dass der Hohenpriester beinah glaubte, die Sterneninsel43 weit draußen im Natruokolwa44 erkennen zu können, auch Tarasa45 und die nördliche Küstenlinie der Insel Louhr46.

Zufrieden dachte Niomal an seine Pläne, die sich wie es schien so wunderbar ineinander fügen wollten.

Während er nun Wolken über den Gipfeln der Stropaden-Nordwand aufziehen sah, lächelte er finster vor sich hin.

Zunächst würde es zwar so ausschauen, als verrate er die Kirche, doch schließlich würde die Macht der Drachen und Feen auf ihn übergehen und all dieses unmenschliche Gezücht, dass der Hölle entstammte, würde vernichtet werden oder zumindest aus Arkur vertrieben.

Er war es, der die Stimme Varahms vernommen hatte, er war der Auserwählte. Sein Blut, Sohn und erster Diener.

Als der Geflügelte47 vor einigen Wochen zu ihm gekommen war, hatte er sich zunächst gefürchtet, doch seine Gebete hatten ihm Stärke verliehen.

Varahm würde ihn leiten und ihm Kraft schenken.

Wie einst dem Helden Sigal, als er den großen Drachen im Götterkessel tötete und damit die Armee der Geflügelten über die Stropaden zurück trieb in das verfluchte Land Tamorg, dass nun Kargoll hieß und nur noch die Knochen der Bestien barg.

Seine Augen glühten bei diesem Gedanken in einem Eifer, den er von sich selbst nie gekannt hatte.

Endlich würde er die Macht besitzen, um die Kirche wieder zu altem Glanz zu führen und nebenbei alle jene Sekten und Götzendiener vernichten, die sich in den letzten Jahrzehnten in Varaskon breit gemacht hatten.

Dann wenn er erst Herr der Drachen sein würde.

Ein Ruf erklang aus dem Inneren der Halle.

Niomal wandte sich nur unwillig von dem Naturschauspiel und seinen Gedanken ab.

Ein Diener kam hastig zu ihm gelaufen. „Herr, der Bote aus Kargoll ist wieder da.“

Niomal nickte.

„Schön“, flüsterte er, „so sei es.“

Dann folgte er dem Diener zurück in die Halle, in welcher bereits eine hochgewachsene Gestalt schweigend wartete.

Auch Avarel Pon lächelte zufrieden als er den törichten Menschen auf sich zukommen sah.

Mit Hilfe von Dionels dunklen Träumen, war er ein leichtes Opfer gewesen, dachte der Drachenfürst.

~

…ein Volk so kurz nur auf der Welt,
kein Elf muss dieses fürchten.
und später hier:
was hat die Götter nur getrieben,
sie werden uns wohl nicht mehr lieben...48

WEHRS-HAIN 49.

Merasil, Sohn des Dragas, wusste dass es nicht die Elfen waren, denen die Zukunft gehörte.

Es war das junge Volk, jene die ihre wenige Zeit besser nutzten.

Sein Volk war zu sehr verwurzelt mit der Welt, hatte zu viel zu verlieren.

Obwohl er selbst wohl eine Ausnahme war, konnte er sie trotzdem gut verstehen.

Die Zeit, wie sie auch immer voran kam, brachte Wandel mit sich und dieser war nicht immer zum Guten.

Die Alten, und in den Augen der Menschen waren sie alle alt, sahen dies oft mit einem Schleier der Wehmut.

Sie hatten den Drang ihrer Jugend längst vergessen, ihre frühere Neugierde und Ungeduld.

Diese Eigenschaften waren in ihren Augen nun Untugenden.

Die Wahrheit jedoch, so hatte ihn sein Freund Sul’rir, der menschliche Zauberer gelehrt, lag in der Vielschichtigkeit der Welt verborgen. Nur wer die Unterschiede der Völker verstand und sie achtete, konnte sie in die Zukunft führen.

Die Zeit der Schrittmacher des Lebens, wurde durch die beiden Monde Ios und Ior bestimmt, die Alwahre umkreisten und durch Ila, die Sonne, beleuchtet.

Es galt die Augen dafür zu öffnen, was die Götter verschwiegen.

Auch wenn ihn nur wenige der anderen Elfen verstand, wusste er inzwischen, dass er von den Menschen viel lernen konnte, zumindest von einigen von ihnen.

Vielleicht lag darin auch die letzte Überlebenschance seines Volkes, sie durften sich nicht länger dem Fortschritt verschließen.

Das Wort alleine ging ihm genüsslich über die Zunge.

Sul`rir hatte ihm gezeigt, was Fortschritt war.

Aus Magie wurde ein Werkzeug der Veränderung und erschuf so ganz neue Wahrheiten.

Er konnte sich darum freuen wie ein Kind, wenn er Sul’rir in Valtraon besuchte, in jener Stadt der Wunder, die der menschliche Zauberer geschaffen hatte.

Dort gab es inzwischen Dinge, die die Welt unwiderruflich verändern würden.

Er ließ den Kopf zurück an den Mast des Schiffes sinken, das ihn, Sherg, den Anführer der Sentir und die anderender Gemeinschaft des Schwertes, rasch über das Westmeer trug, als der Schatten einer grauen Schleiermöwe über ihm vorbei zog.

Wenn, ja wenn, sie die zarte Pflanze der Erkenntnis schützen konnten, vor der Dummheit und Zerstörungswut die sie in allen Zeiten zu zertrampeln drohte.

Vor allem aber, vor der Gefahr, dass die Kräfte die sie entfesselt hatten, von jenen genutzt wurden, die nichts Gutes damit im Sinne hatten.

Doch Merasil spürte, das darin auch seine Bestimmung lag, das er und eine kleine Schar Auserwählter, wie Sul’rir sich ausdrückte, in einer Zeit diesem Schicksal begegnete war, in der es sich entscheiden konnte.

Das war kein Zufall.
…ein armes Herz,
voll Hass und verzweifeltem Mut,
stirbt einsam in der Kälte
verglüht in der Drachenglut… 50

TEMSA’NUA

Alnor kam nur sehr langsam voran, davon dass er sich durch diese gefährliche Eishöle kämpfen musste, hatte Dionel nichts gesagt.

Der Boden gab unter ihm nach und spitze Bruchstücke fielen fortlaufend von der Decke herab.

Folge dem Traum und du wirst das Artefakt finden.

Vielleicht war dies alles nur seiner Fantasie entsprungen?

Nein.

Alnor schüttelte den Kopf, es war eine Vision und sie hatte ihm den Weg gezeigt.

Zunächst der geheime Pfad zum Asdir, dem „heiligen Riesen“, wie sie in Tulan den großen Berg mitten im Wald von Dawahru nannten.

Dann die alte Kammer der Tropfen und in ihr die Dimensionentür nach Hevar.

Das Eisland, der Ort der Verbannung des Drachenvolkes.

Alles hatte gestimmt.

Nur war ihm zu spät aufgefallen, dass sie ihm nicht verraten hatte, wie er diese Eiswüste wieder verlassen konnte.

Sie hatte ihm auch gar nichts von der Beschwerlichkeit des Weges in Hevar gesagt.

Nur Glück und Freude hatte der Traum ausgestrahlt.

Aber das war ihre Absicht gewesen, das wurde ihm nun klar.

Er wischte entschloßen die beunruhigenden Gedanken beiseite, die sich ihm aufdrängen wollten.

Es würde schon einen Rückweg geben, dachte er.

Denn wenn er das Feenlicht finden konnte, dann würde er die Achtung seines Vaters zurückgewinnen.

Und er würde nicht mehr im Schatten seines älteren Bruders Tulian stehen.

Er atmete tief durch und schritt voran.

Der Weg wurde nun plötzlich hell und breiter und er verließ die Höhle und stand kurz darauf auf einer Eisplatte, die mit dicken hölzernen Pfählen bestanden war.

Rasch verbarg er sich hinter einer diesr Pfähle und beobachtete den Ort genauer.

Er war erleichtert und all seine Zweifel waren wie weg geflogen.

Ja, so hatte Dionel ihn beschrieben.

Ein Ort Namens Temsa’nua.

Er sah aus wie ein alter Kultplatz und tatsächlich, zwischen zwei der Pfähle gespannt, hing ein Schwert in einer goldenen Scheide.

Dies musste Feenlicht sein.

Alnor konzentrierte seinen Geist und er spürte deutlich seine Nervosität.

Irgendwo musste sich auch der alte Drache verbergen, von dem Dionel gesprochen hatte, jedenfalls gähnte im Hügel hinter der Kultstätte ein großes Loch, vielleicht der Eingang zu seiner Drachenhöhle.

~

Tulian versuchte sich sehr zu beeilen, doch er fürchtete, dass es schon zu spät war.

Nur beiläufig hatte Dionel es erwähnt, aber sofort wusste er, dass es einer ihrer teuflischen Pläne sein musste und Alnor, sein jüngerer Bruder, war ihr natürlich auf den Leim gegangen.

Er musste sie bedrohen um die Informationen aus ihr heraus zu bekommen und war dann sofort aufgebrochen, doch nun wusste er, dass auch er einen Fehler begangen hatte.

Auch er hatte ihre Pläne nicht wirklich durchschaut, nun hatte sie es geschafft, dass beide Söhne aus dem Hause Ithur durch ihre Dimensionentür gegangen waren und das war vermutlich ihre eigentliche finstere Absicht gewesen.

War ihre Liebe also auch geheuchellt?

Er ärgerte sich über sich selbst, aber dafür war es nun zu spät, denn wie Dionel ihm lächelnd in ihrem Seherspiegel gezeigt hatte, als er sie dazu gezwungen hatte, war Alnor bereits auf dem Weg zur Höhle des Ont’c, der untote Geist des alten Drachenfürsten bewachte das Schwert, er hatte keine Wahl, wollte er seinen Bruder nicht dem Tode ausliefern.

~

Alnor blickte zum Objekt seiner Begierde empor, das Schwert war wundervoll verziert, der Griff trug die goldene Ulil und den Machtstein am Knauf.

Es erschien ihm in diesem Moment wahrlich wie ein Artefakt der Götter.

Die Pfähle hingegen, so erkannte er nun, bildeten teuflisch verzogene Drachenmäuler ab, aus deren Augen ihn eine bösartige Aura anzuspringen schien.

Es war ein sehr gefährlicher Ort, das wurde ihm mehr und mehr bewusst und doch genügte offenbar ein Handgriff und er befände sich in Besitz des Schwertes.

Er konnte einfach der Versuchung nicht widerstehen.

Als er aber nun die Hand hob und das Feenlicht nehmen wollte, spürte er sofort wie nacktes Entsetzen von ihm Besitz ergriff, denn zwischen den Pfählen erschien plötzlich, im Moment seiner Bewegung, ein Lichtmuster.

Es war ein Netz aus offensichtlich magischen Lichtfäden, die sich mehr und mehr verdichteten und aus dem Hintergrund, dem Dunkel des Loches, ertönte plötzlich eine sehr laute Stimme:

„Wage es nicht!“

Alnor wich zurück und sah überrascht, wie ein hochgewachsener Mann in vollkommen schwarzer Lederrobe aus dem Höhleneingang auf ihn zu schritt. Sein lang gezogenes Gesicht war sehr bleich und hatte nichts feenhaftes oder menschliches, die rot glühende Augen funkelten aus einem Totenschädel.

Alnor kannte solche Gestalten aus den Abbildungen der alten Schlachten, die in der Halle des Ruhmes in Wahran’din hingen. Es war ein Drache in humanoider Gestalt und hinzu kam, dass es ein toter Drache war.

Das Wesen wirkte wie ein mächtiger untoter Drakon51, der ihm hier Einhalt gebot.

„Ich bin Ont’c, Feenwurm!“ Dröhnte der Zombie mit gräßlich hoher Stimme und Alnor lief es kalt den Rücken hinunter.

Ont’c war der Name des im Drachenkrieg erschlagenen Fürsten der Schwarzen Horde, hatten die Volgks also auch ihre Toten mit in die Verbannung genommen?

Er wusste nicht, was er gehofft hatte oder was Dionel ihn hatte glauben lassen.

Doch nun war klar, dass er dieses Monstrum besiegen musste, um an die Waffe zu gelangen.

Die Gestalt erreichte unterdessen das Netz der Energiefäden und grinste boshaft.

Dabei schien auch plötzlich ihr Körper beträchtlich zu wachsen.

Sie dehnte sich aus und reckte die Arme in die Höhe, die schneller als Alnor es begreifen konnte, zu gewaltigen Schwingen wurden.

Der ganze Mann verwandelte sich, wie Alnor zu seinem Entsetzen sah, nun tatsächlich, in ein riesiges, allerdings ebenfalls untotes Reptil, von dem an manchen Stellen das Gerippe durchschien und nur die Augen starrten ihn dabei unverändert intensiv an.

Zuletzt schließlich aus einem schuppigen, gehörnten Schädel, den ein riesiges, Zahn bewährtes Maul zierte.

Es gab keinen Zweifel mehr, Dionel hatte ihn in eine tödliche Falle gelockt.

Dies war nicht der altersschwache Drache, von dem sie gesprochen hatte. Wie hatte er bloß so leichtgläubig sein können?

Während er zurück wich versuchte Alnor seine Nerven zu beruhigen und all seine Konzentration auf seine stärksten Schutzzauber zu richten, denn nur so, konnte er sich vielleicht wirkungsvoll verteidigen.

Da richtete sich der Skelettdrache bereits hoch auf und ließ einen Feuerodem, das beherrschte er auch im Tode gut, auf ihn herabfahren der sofort mit gewaltiger Wucht gegen seine in letzter Sekunde errichteten magisches Schilde prallte.

Alnor lief und sprang er nun aus dem Pfahlkreis in die fragwürdige Deckung einer kleinen Eiskuppe.

Noch einmal so ein Angriff und er würde nur noch ein Häufchen Asche sein.

Fieberhaft überlegte er, welche Kräfte er anwenden konnte um dem Monster wirkungsvoll zu begegnen, da teilte sich der Drachenkörper plötzlich vor seinen Augen und wurde zu sieben völlig gleich aussehenden Ebenbildern, die ihn alle triumphierend anbrüllten.

Alnor stöhnte und zischte zwischen zusammengebissenen Zähnen, einen Fluch auf alle Götter.

Doch dann fiel sein Blick wieder auf das Schwert und ein Funke Hoffnung erfasste ihn.

Im nächsten Moment sprang er auf, lief auf das Schwert zu und verstärkte er seine Sprungkraft magisch.

Er flog zum Schwert empor, ergriff es, landete hinter dem Kreis der sieben Drachen und zog es aus der Scheide.

Sogleich erglühte die Klinge blau und weiß und Alnor spürte wie eine Woge der Freude ihn ergriff und die Waffe ihn augenblicklich, als kenne sie ihr Ziel, voran zog auf jenen der Drachen zu, der wohl der Wahre war.

Er wusste es im Moment da die Kraft des Schwertes ihn führte.

„Komm nur du Schlangenwurm!“ Rief er triumphierend und fühlte sich nun von einer Woge unglaublicher Zuversicht getragen.

Das Manöver verschafft ihm wirklich einige Augenblicke Luft, denn die Drachen waren verblüfft und wichen ihrerrseits zurück und dann verschwanden plötzlich alle Ebenbilder.

Aber als Alnor dem Untier nun sogar zum Rande der Lichtung nach setzte, wild entschlossen und vor Übermut beinah lauter brüllend als der Drache zuvor, spürte er plötzlich eine Bewegung in seinem Rücken.

Er blickte sich hastig um und sah wie sich etwas durch den eisklirrenden Wald, der sich in einer Senke zur Rechten befand, zum Platau hoch kämpfte.

Mit gewaltigem Krachen schob etwas Riesiges, die Bäume und Sträucher wie Grashalme zur Seite.

Mit Entsetzen sah er: Es war ein zweiter Drache, dessen Schuppen rotgolden glänzten. Offenbar war er durch Ont’c oder den Kampfeslärm herbei gerufen worden. Natürlich gab es hier mehr als einen von ihnen.

Die Situation schien erneut ziemlich aussichtslos.

Ich muss weg hier, dachte Alnor, doch das Schwert in seiner Hand pulsierte und hatte zugleich eine beruhigende Wirkung auf ihn.

Er musste versuchen sich irgendwie aus dieser Situation zu entkommen, mit dem Schwert, denn dies war doch sein Plan gewesen.

Ein Anflug des Tirumphes überkam ihn.

Damit hast du nicht gerechnet Dionel, du Nindur Schlange, dachte er, oder war es Deine Absicht, dass ich für Dich das Schwert gewinne? Dieser verstörenden Gedanke, dämpfte sein Hochgefühl sogleich wieder.

Viel Zeit blieb ihm nicht eine Antwort darauf zu finden, denn schon war der zweite Drache so nah, dass er nicht mehr an ihm vorüber in den Wald springen konnte.

Eilig gab er sich magische Flügel und versuchte in die Luft zu entkommen, doch der zweite Koloss, ebenso gewaltig wie der erste, der nun auf die Lichtung durch brach, schien ihm den Weg abzuschneiden.

Dieser war deutlich nicht untot, was hatte das zu bedeuten?

Er versuchte auszuweichen, doch da traf ihn eine der gewaltigen Pranken des Ont’c so hart, dass er wie eine Fliege taumelte und mit voller Wucht gegen eine der Säulen geschleudert wurde, an deren Sockel er schließlich benommen liegen blieb.

Er hörte noch den schwarzen Drachen triumphierend brüllen, als der Schatten des Zweiten sich drohend über ihn beugte.

Das war es dann wohl, dachte Alnor und irgendwie kam ihm in den Sinn, dass sein Vater und sein Bruder doch recht damit hatten, dass sie ihn noch für einen törichten Knaben hielten.

Als ein solcher würde er nun sterben. Sein Kopf dröhnte von Schmerz und er kämpfte darum nicht die Besinnung zu verlieren.

Doch dann riss ihn unerwartet, ein ohrenbetäubender Schrei aus seiner von Angst und Hoffnungslosigkeit verursachten Starre.

Er zuckte zusammen, öffnete gequält die Augen und blickte mit Mühe hoch.

Der rote Drache war verschwunden.

Dafür sah er nun plötzlich eine in einen roten Mantel gehüllte Gestalt mitten im Pfahlkreis stehen.

„Tulian!“, murmelte er.

Es war tatsächlich sein Bruder.

Konnte das wahr sein?

Tulian stand mit erhobenen Armen da und focht mit dem Drachenfürsten.

Als er diesen mit einem mächtigen Zauber zurück schlug, warf er Alnor einen raschen, intensiven Blick zu, der Bände sprach und seine Lippen formten:

„Flieh du Narr!“

Alnor zog sich mühevoll an der Säule hoch und fand zu seiner Freude das Schwert noch neben sich.

Er hatte das Gefühl, alle Knochen gebrochen zu haben. Aber er musste seinem Bruder helfen, denn auch Tulian würde alleine gegen dieses mächtige Ungeheuer nicht lange standhalten können.

Schon sah er wie Tulian nun vom wild herum peitschenden Schwanz des Drachen getroffen und es wohl nur einem sichtbar um ihn herum glühenden Schutzring verdankte, dass er nicht zermalmt wurde.

das Gesicht seines Bruders war jetzt vor Konzentration verzerrt.

Dann führte er wieder einen heftigen Gegenschlag mit magischem Feuer und der gehörnte Drachenzombie brüllte getroffen und wütend auf.

Einen kurzen Moment hatte Tulian erneut etwas Luft und wandte sich wieder zu Alnor um.

Sein Gesichtsausdruck duldete keinen Widerspruch.

„Lauf endlich Bruder!“ Rief er ihm zu, ich habe die Dimensionentür wieder geöffnet, aber nur für kurze Zeit. Bring Vater das Schwert!“

Alnor schluckte, er las aus seinen Worten was er selbst längst erkannt hatte:

„Wenn du nicht fliehst, werden wir beide sterben.“

Doch Alnor zögerte noch immer, als im selben Moment ein Feuerball des Drachen, Tulian knapp verfehlte und dich neben Alnor einschlug.

Das Feuer versengt ihm einen Arm, er schrie auf und lief los.

Er lief und lief und als er die Dimensionentür erreichte, stieg er hindurch und erst als er in der Kammer der Tropfen erschöpft zu Boden sank holte er tief Luft.

Im nächsten Moment wurde ihm übel und er übergab sich, dann verlor er das Bewusstsein…

In den Schatten eines kurzen Traumes sah er ein Gestalt die ihn lächelnd betrachtete und sie nahm etwas aus seiner Hand.

Er wollte es nicht hergeben, aber er war kraftlos und unendlich müde.

Als er wieder erwachte, stellte er fest, dass der Zugang nach Hevar verschwunden war und zu seinem größten Entsetzen, war das Schwert, der Preis für all die Mühen, der Preis für das Leben seines Bruders, ebenfalls fort.

Oder hatte er das alles nur geträumt?

Wie sollte er jemals seinem Vater wieder unter die Augen treten.

Jetzt blieb ihm nur noch eines, um seiner Selbstachtung, er musste jene finden, die als Retterin der Feen prophezeit war. Es konnte nicht Dionel sein, da war er sicher.

Seine Träume waren nicht nur von ihr beherrscht worden.

Er hatte schon lange von einer unbekannten Schwester geträumt und er würde nicht ruhen, bis er sie gefunden hatte.

~

Was ist es was uns zwingt
Was ist es, was uns nieder ringt
Am meisten das Bruderblut in unseren Adern
Das heimliche Gift mit dem wir hadern. 52

WAHRAN-DIN

„Was ist geschehen?“ Nichts von Bedeutung Herr, ihr müsst euch schonen.“

Die Stimme des Gavanti klang unsicher.

„NICHTS, sagst Du!“ Antworte ihm eine Stimme wie ein Donnerhall.

Die Säulen des mächtigen Schlosses schienen zu wanken.

Sämtliche anwesenden Kweniri verkrochen sich ängstlich hinter den Schätzen und Reliquien des Thronsaals.

„NICHTS!“ Sein Gesicht wirkte streng, beinah versteinert, Glas splitterte noch in weiter Ferne, als seine gewaltige Stimme nun erneut den Raum ausfüllte.

Selbst Astragh, der Oberste der Wunderwirker, wich einige Schritte zur Seite, während Prinz Ugahris schrie:

„Diese Niederlage vor Iskort ist eine Schmach, wie konntet ihr mir das antun?!“

Die Stimmung war gedrückt und keiner wagte ein Wort zu sagen. Dann trat der alte Shemon vor.

„Herr, ihr solltet die Kräfte der Halur nicht unterschätzen. Sie werden sich nie unterwerfen. Wir sollten ihnen darum ein Angebot zur Verhandlung machen.“

Ugahris blitzte ihn aus dunklen Augen zornig an.

„Was wagt ihr mir vorzuschlagen?!“

Er schlug mit der Faust auf den Knauf des Thronsessels.

„Ihr sagt, sie verschanzen sich am Rand der Wälder. Aber dort werden sie nicht ewig bleiben können, denn der Dawahru birgt wie wir alle wissen seine eigenen Schrecken und die Dundur werden sich die Hände reiben.“

Er lächelte nun, offenbar ein wenig besänftigt und verwirrte seine Diener damit ein weiteres Mal.

„Ich hoffe es sind Boten zu ihnen unterwegs?“ Fauchte er und fuhr mit gefährlichem Unterton in der Stimme fort:

„Dann müssen sie sich unterwerfen!“

Er sog die Luft scharf ein, dann fuhr er fort er:

„Wenn es meiner Mutter endlich gelungen ist, das Kind der Galat zu töten, wird es ohnehin keine Hoffnung mehr für sie geben.“

Shemon schüttelte nun zum Entsetzen der anderen Diener den Kopf.

Der alte Mann riskierte bei Ugahris leicht reizbarem Gemüt sein Leben.

Doch der Zorn des Prinzen schien ein wenig verraucht zu sein, denn er forderte den Alten auf, seinen Einwand auszusprechen.

Shemon trat vor.

„Ugahris…,“ begann er, „Sohn der Dionel, unserer Königin und Tehwei, Du hast zwar gesiegt in der Schlacht um Wahran Din und darum zurecht Anspruch auf die Krone, für das Geschlecht der Nindur, erhoben. Aber du wirst nur lange herrschen, wenn du wieder Frieden stiftest unter den Feen. Denk an die Prophezeiung. Es war ein Fehler alle Halurfürsten aus dem Tehlang zu jagen.“

Unter den Zuhörern breitete sich eine angespannte Unruhe aus. Ugahris faltete die Hände vor dem Gesicht und blinzelte den alten Mann gefährlich finster an.

„So, so ein Fehler,“ murmelte er.

Seine Stimme hatte sich sofort wieder zu einer hohen Tonlage empor geschwungen.

„Geht mir aus den Augen! Vielleicht gab es die alten Regeln von denen ihr sprecht einmal, doch wir Nindur haben zu lange gewartet darauf, endlich wieder die Macht zu haben. Jetzt machen wir die Regeln neu. Meine Mutter ist die prophezeite Königin, niemand sonst! Wenn die verfluchten Halur, dies endlich anerkennen, können vielleicht einige von ihnen auf Gnade hoffen. Vielleicht.“

Er bleckte seine Zähne und wirkte dabei kalt entschlossen.

„Noch ist es nicht gelungen dieses verfluchte Kind auf Arkur zu fassen. Doch selbst, wenn es Alnor und seinen Helfern glücken sollte, sie ewig zu schützen und irgendwann nach Andul zurück zu bringen, was ich nicht glaube, dann soll sie niemanden mehr vorfinden, der unter ihrer Fahne kämpfen könnte. Niemanden!“

Er lachte schallend und schlug dem Bannmeister der bisher starr neben dem Thron gestanden hatte, auf die Schulter.

„Aber Alnor ist ja längst in den Fängen meiner Mutter und mein verfluchter Vater ist tot. Worauf hoffen diese Harren also noch?“

Er grinste zufrieden.

„Sobald das Abkommen mit den Metur geschlossen ist, werden sie meine Truppen unterstützen und dann…,“ er hielt kurz inne und Astragh schluckte für alle hörbar beim Gedanken an die furchterregenden Großfeen, „…werden wir die letzten Reste der Halurstreiter zermalmen.“

Der Alte nickte zögerlich. „Sie haben sich nach Yl-Thulon zurückgezogen Herr, und dort unter der Führung Mergals von Iskort neu formiert. Die festung wurde noch niemals eingenommen.“

„Und wenn schon,“ donnerte Ugahris, „was können sie schon ausrichten gegen die Kräfte der Metur!“

„Nichts,“ murmelte Astragh, „ihr habt natürlich Recht, Herr.“

„Also,“ brummte der Prinz, „dann bringt es zu Ende.“

Astragh nickte, hob die Hand zum Gruß, drehte sich auf dem Absatz um und verließ hastig den Saal gefolgt von seiner Garde der Wunderwirker.

Ugahris lehnte sich nun scheinbar entspannt auf dem Thron seiner Mutter zurück. Dionel würde bestimmt bald ihren Erfolg melden und wenn dieses Bastard-Kind erst einmal nicht mehr am Leben war, würde der Widerstand schnell erlahmen.

Dann, wenn sich auch die stolzen Fürsten von Iskort ihm unterwerfen würden, nur dann würde er vielleicht über Frieden mit sich reden lassen.

~

Nicht sehr weit entfernt, über das Adjir’Djai, das Wasser der Macht, in welchem die Insel schwamm auf der Wahran Din, der gewaltige, uralte Palast des Tewhos erbaut war, sammelten sich die letzten Truppen der Halur vor den Mauern der Stadt Yl-Thulon im Fürstentum Iskort.

Mergal, musterte den kläglichen Haufen seiner Kämpfer skeptisch.

Zwar hatten sie die letzte Schlacht aus dem Hinterhalt und gegen, sich in überheblicher Siegesstimmung befindende Nindur, gewinnen können, doch wusste der Halur-Fürst, dass es ein nutzloser Sieg war.

Vor allem machte ihn zornig, dass er das Volk seines Landes, vor der Willkür der mordenden und plündernden Dundur und Metur, nicht mehr schützen konnte.

Er musste sich hier in den Wäldern mit seinen Rittern verschanzen und auf den letzten Ansturm warten, während in ganz Iskort die einfachen Halur litten und starben.

In diesem Moment hätte er am liebsten alle Verantwortung, die er als Fürst und Führer der Halur, seit König Thargals Tod trug, abgelegt und sich Ugahris und seiner Schlange von einer Mutter ergeben.

Dann würden sie vielleicht ihre schrecklichen Verbündeten zurückrufen.

Mergal schüttelte sich in der morgendlichen Kälte.

Nein, er wusste es besser, er musste aushalten denn welche Hoffnung gab es sonst für die Halur? Wenn es noch eine gab, so war diese vielleicht das Kind der Galat.

Auch wenn nur wenigeder Halur und auch er selbst nicht recht an diese Legende glaubte.

Alnor, Thargals jüngster Sohn hatte die Hoffnung in ihre Herzen gepflanzt und war aufgebrochen sie zu finden.

Aber er war schon lange fort und niemand wusste ob es ihm gelungen war.

Diese unbekannte Tochter Thargals, gezeugt offenbar auf dem Königsritt, am Tag der heiligen Hochsonne, trug das königliche Blut beider Feengeschlechter in sich. Nur sie, so stand es in der heiligen Schrift, war die wahre Erbin der Macht. Jene, die die Feen wieder vereienen konnte.

Wenn es sie tatsächlich gab.

Doch auch Dionel schien es zu glauben und wollte sie finden und töten lassen, wie die Gerüchte bezeugten.

Hatte Alnor sie gefunden und vor ihr schützen können?

Mergals Gedanken wanderten zu Tulian, Alnors Bruder. Er war der größte Feldherr der Halur gewesen.

Er war es, der nun hier stehen sollte um die Armee anzuführen.

Doch vor einem Jahr war er aufgebrochen, um seinen Bruder zu suchen und seitdem hatte man auch von ihm nichts mehr gehört.

Doch kurz nach dem Sieg in Warahn’Din hatte Dionel sich damit gebrüstet beide getötet zu haben.

Thargal hatte es das Herz gebrochen und er hatte sich verzweifelt selbst in die Schlacht egstürzt und war von Nindurpfeilen durchbohrt gestorben.

Mergal spie auf den Boden und seine Mine verfinsterte sich dabei noch mehr.

Diese teuflische Nindur-Hexe hatte den Sieg errungen und noch schlimmer war, dass sie dabei Feenlicht führte, das lange verschollene Drachenschwert und damit pralte, das die Götter es selbst, ihr als Auserwählte, überbracht hätte.

Er hatte es mit eigenen Augen gesehen.

Das, so fürchtete er, war der Anfang vom Untergang der Halur…

~

Sinnbild, Zerrbild, Zauberei!
Finstre Träume sind vorbei
Feenspiel und Mondgespenster
vertreibt der gute Wind
Schlafe süß mein Kind. 62

COCEON

Dionel berührte den Spiegel.

Ihr Entschluss stand fest, sie hatte sie in Alnors Träumen gesehen, soch es wr ihm gelungen sie zu warnen.

Daher blieb ihr nur selbst hinüber zu gehen nach dem Anderen Land und Besitz zu nehmen von einer Endar, deren Geist schwach und lenkbar war.

Denn dort, im Menschenland, so wusste sie, verbarg sie sich, jene Halur die ihre Pläne noch durchkreuzen konnte.

Irgendwo in jenem Land, welches sie Adrohn nannten, hielt sich die letzte Hoffnung der Halur versteckt.

Außerdem war, sie verspürte wie eine Welle des Zornes sie übermannen wollte und unterdrückte diese nur mit äußerster Selbstbeherrschung, Tulian ebenfalls nicht tot, wie sie gelaubt hatte.

Er war dem Bannzauber irgendwie entronnen und nun ebenfalls im Menschenland.

Auch das hatte der Spiegel ihr verraten.

Ihre Hoffnung ihn niemals wieder zu sehen, war also nicht in Erfüllung gegangen.

Warum nur?! Wie war es ihm gelungen das Eisland zu verlassen?

Auch wusste sie nicht, was er nun vor hatte.

Aber was auch immer, die verfluchten Halur waren trotzdem erledigt.

Würde er ihr erneut in die Quere kommen, wie sein einfältiger Bruder, dann würde sie mit Pons Hilfe, sie endlich doch erledigen.

Ein widerkehrendes Gefühl der Hochstimmung löste ihren Zorn in Luft auf.

Es war egal, was Tulian oder Alnor tat, sie würden sie nicht mehr aufhalten können. Erst recht nicht, wenn sie sich endlich des Kindes bemächtigt hatte.

Sie lachte laut auf und fauchte ihr Spiegelbild an.

„Es ist an der Zeit“, flüsterte sie.

Der Spiegel kräuselte sich erneut wie ein Teich, als sie nun eine Brise Scalsand53 in ihn hinein warf.

Im nächsten Augenblick wurde er klar und das Abbild einer in reiche Gewänder gekleideten jungen Menschenfrau nahm in ihm Gestalt an.

Dies war ihr Opfer, eine törichte Menschen-Königin. Ihr Körper würde ihr gute Dienste leisten.

Dionel lächelte finster, dann stieg sie durch das magische Artefakt hinüber…

~

… auch Ydiare lachte, über ihr heiteres Spiel.

Mit geröteten Wangen verließ sie den Garten und verabschiedete sich von ihren Freundinnen.

Erst als sie die Kammer der Instrumente, die zu ihrem Schlafzimmer führte, durchqueren wollte, verspürte sie wieder den Schatten der sich seit Wochen um ihr Herz legte, wenn sie die fremde Stimme hörte, die aus dem Spiegel nach ihr rief.

Sie hatte niemandem etwas davon erzählt, denn die meisten Hofmitglieder, hielten sie bereits für einfältig genug.

Vielleicht entsprang diese dunkle finstere Stimme auch wirklich bloß ihrer Phantasie.

Sie wusste es nicht, sie war sich absolut nicht sicher.

Darum hatte sie beschlossen darüber kein Wort zu verlieren bevor sie es nicht selbst herausgefunden hatte.

Obwohl ihr Herz sie immer wieder eindringlich drängte und sich außer in solchen Augenblicken der Entspannung, wie an diesem Nachmittag beim Spiel im Garten, nun oft anfühlte als wolle es bersten.

Ulmine, die älteste Tochter von Animon, der ersten, verstorbenen Frau ihres Ehegatten, war ihr eine gute Freundin geworden und wenn, dann würde sie sich ihr anvertrauen, das hatte sie beschlossen.

Doch Ulmine war stark und auch oft streng, darum zögerte Ydiare noch. Zu kindisch fürchtete sie vor ihr dazustehen.

Eigentlich wollte sie auch selbst so stark sein. Es war gerade auch diese Sehnsucht danach eine andere zu sein, die der Spiegel in ihr rief.

Sie wusste es und doch…

Jetzt stand sie erneut vor dem magischen Spiegel, wieso hatte Elthor ihr bloß das Zimmer neben dieser schrecklichen Kammer gegeben, er war schuld an allem was geschah.

Ydiare schluckte, überrascht über ihre eignen bösartigen Gedanken.

Aber sie verspürte in letzter Zeit öfter einen ihr unerklärlichen Grimm auf andere, was gar nicht ihrer Natur entsprach.

Auch dies hatte mit der Stimme im Spiegel begonnen, dachte sie voller Entsetzen.

War es das? Nein, sie war fasziniert und angezogen von dieser Stimme, die Macht, Stärke und Schönheit versprach.

Etwas was sie niemals besitzen würde, was sie sich aber sehnlichst wünschte.

Eine wirkliche Herrscherin zu sein eine strahlende Königin!

Ydiare machte heute noch ein paar Schritte mehr auf den Spiegel zu.

Soweit hatte sie sich noch nie vor gewagt.

Obwohl sie die Stimme schon oft gelockt hatte es zu tun.

Vielleicht war es ihre Erregung und Aufgeräumtheit nach dem Spiel, vielleicht konnte sie einfach ihre Neugierde nicht länger im Zaum halten oder sie wollte der Stimme endlich nachgeben.

Sie nahm all ihren Mut zusammen und berührte ihn.

Einen Augenblick lang geschah nichts, doch dann spürte sie erschrocken, wie etwas nach ihrem Geist griff.

Nein!, hörte sie sich schreien, doch es war nur eine stummer Schrei in ihrem Herzen.

Schon hörte sie die vertraute Stimme erneut in ihren Gedanken. Es war ein zufriedenes Raunen, mit einer Spur Verachtung.

Endlich, murmelte es in ihr, endlich!

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1 Osoril: Barde von Ettrion in seinen „Leidvollen Drachengesängen“.
2 Althear: Hauptstadt des Königsreichs Adrohn (früher auch Megathear).
3 Varahm: „Höchster, erster“ Gott, gab im Jahr 0 auf dem Berg Imrik, die heilige Schrift, genannt AVESTA, an die 13 Tanjl (Götterboten), dass sie seine Worte in alle Winde verbringen sollten.
4 Deniqui: Name, den sich die Völker Alwars gaben, die sich im 2. Drachenkrieg zu einem Bündnis gegen die Volgks (Drachen) zusammentaten. (Bezeichnung ist aus dem Quendar und mein sinngemäß = Drachen(Deni) bezwinger(qui).
5 Volgks oder Deni: Selbstbezeichnung der ältesten Geschöpfe (durch den Schöpfer Varahm erschaffen) Alwahres, also der Drachen.
6 Text: Aus der AVESTA, Kap. 9 „Die Prophezeiungen“, Vers 3 „Rückkehr der Götter“.
7 Simtor von Kargoll: Text aus „Mein Bericht über den ersten der Gorifor (Drachentöter)“.
8 Eskorlarn: Nordöstlicher Gebirgszug auf Arkur.
9 Estror: Hauptstadt der nördlichen Grafschaft Vrenon (Die ehemals nördlichen Provinzen des Kaiserreiches tragen noch die alten feudalen Bezeichnungen im Volksmund, obwohl die Herrschaft des Adels mehr schlecht als Recht funktioniert)
10 Slim oder Tewir: Halblingvolk auf Arkur
11 Ont’c: Drachengott und zugleich Synonym für jeden von den Göttern berufenen (meist eigene Interpretation) Anführer der Horde
12 Entgegen der Ebene des Exils (Hevar), galt den Drachen Alwahr (auch Alwa oder Awai) als „Die schöne Welt“.
13 Jel Askorman: Philosoph der 2. Varaskonischen Kaiser-Dynastie
14 Elberak: Die Bezeichnung bedeutet auf elfisch (Quendar) „schöner Elfenberg“. Die Stadt war in ihren Anfängen eine auf einem Hügel im alten Gasfroganwald gelegene Elfensiedlung und ist bis heute die menschliche Stadt in Adrohn mit den meisten elfischen Bewohnern.
15 Arcad: Jüngster Sohn des Königs von Adrohn, Graf von Elberak.
16 Schleier: Vierter Monat nach dem Szombatischen Kalender des Hjon, zugleich 1. Frühjahrsmonat.
17 Nach var.: Zählung des Szombatischen Kalenders, nach der Verkündung der AVESTA durch Varahm, den höchsten Gott der Varaskonischen Kirche, denn er gilt somit auch als Gott der Sonne (Ilar), in der Gestalt des Propheten Aposg auch Zeite-Erlöser genannt oder Ilarjan (Sonnenherr).
18 Varaskon: Südwestlicher Teil des Kontinenntes Arkur, Kernland des Varaskonischen kaiserreiches und der heutigen Republik Varaskon.
19 Sentir: Bezeichnung im Altvaraskisch = Die Sennenmannen, Bauernkämpfer mit sensenartigen Hellebarden.
20 Raskont: Umgangssprachliche Bezeichnung des „alten“ Varaskon auf beiden Seiten des Malles-Stromes, Showil liegt eigentlich etwas zu weit nördlich um dazu zuzählen, an der Küste des Talling-gom (Tewirland).
21 Beuteritter: Manchmal verarmte varaskonischer Ritter, oft aber nicht mehr als marodierende Bauern.
22 Rul: Vom Volk gewählter Führer.
23 Kontinent: Die Welt Alwar umfasst die Kontinente Arkur, Warcorz, Arzekogas, Learn und Feahr (Osten), sowie Askorth, Farnte und Junos-Iven (Westen); und unzählige Inseln
24 Adrohn: Königreich umfasst den südöstlicher Teil des Kontinent Arkur und ein kleiner Teil von Warcorz
25 Sul’rir von Valtraon, aus seiner: Rede vor dem alten Purpurorden von Valtraon, Vorgänger der Wunderwirker.
26 Nevlon: Waldstück, das einst zum großen Gasfrogan gehörte. Heimat des gleichnamigen Magierordens.
27 Garioll: Ukari aus Anrophia. Seine Schriften waren lange verschollen
28 Ukari oder Faun: altes Volk (nach der Überlieferung die „Ersten“, also Urväter der humanoiden Völker) – Besonderheit: Sie sind Halbtierwesen – häufigste Erscheinungsform: Zentauren (Pferd), Zyrloten (Hirsch), Mantikoren (Katzen), Minotauren (Stiere), Anitauren (Vogel).
29 Notves: Kleinere Stadt im Zentrum des Königreich Therolis
30 Netrell: Ein legendäres, sehr seltenes Metall, das härter wie Stahl und durchscheinen ist. Daher glauben manche Magier, es bestehe aus purer magischer Energie. Vorkommen sind nicht mehr bekannt. Jüngste Waffen stammen aus der Hochzeit der Ukari.
31 AVESTA, Kap. 3 „Garten der Schöpfung“
32 Schwarze Drachenhorde: Volk der Schwarzen Drachen. Insgesamt gibt es 9 Drachenvölker. (9 Horden)
33 Traumfeen: Ein Feenvolk, auch Nindur genannt.
34 Deniqui: An der Verbannung der Drachen beteiligte Völker (Feen, Elfen, Seelen(Blauelfen), Menschen, Trolle und Ukari)
35 Schwerter der Macht: Magische Waffen, von Aulon (Gott der Stärke) geschmiedet aus dem Machtstein der Drachen. Diesen teilte er auf alle Völer auf und schmiedete die Bruchstücke in die Schwerter derselben.
36 Aposger/Apostaner: Die Aposger glauben nach der Prophezeihung des Aposg, dass es nur einen Gott gibt, der in der Gestalt des Propheten Aposg das erscheinen eines Friedensbringers vorhersagte.
37 AVESTA: Heilige Schrift der varaskischen Kirche = Schöpfungsgeschichte und Götterkosmos.
38 Ulil: Zeichen der „siebenblättrigen Blüte“ auf den Schwertern mit dem Machtstein. Die Darstellung ist jedoch eigentlich die Abbildung eines gebäugten Drachen im Kreis von sieben Schwertern. Die Schwerträger, tragen dieses Zeichen auch auf der Haut (erbliche Tätowierung)
39 Eigune Zilarim: Zitat aus ihrer „Streitschrift für die Republik“
40 Stropaden: Gebirge im Westen von Arkur
41 Götterkessel: Nördliches Bergland in Argonath unter den Gipfeln der Stropaden-Nordwand.
42 Szombat: Hauptstadt der varaskonischen Provinz Argonath
43 Sterneninsel (Watouli): Der Sage nach die Krone der Meeresgöttin Watou
44 Natru-Kolwa: Nordmeer
45 Tarasa: Elfisch, Tatze des großen Seedrachens (Insel)
46 Louhr: Mehr als eine Insel, eine eigene Provinz von Varaskon, aufgeteilt in Valouhr und Galouhr mit der Hauptstadt Ettrion
47 Geflügelte: Drachen
48 Gorafinel, aus seiner „Klage an die Götter“
49 Wehrs-Hain: Clansitz des Fejan Clans der Waldelfen von Gasfrogan
50 Klagelied aus der Sammlung „Sepilars Sturmpfeifen“
51 Drakonier/Drakon/Drak = bei den Menschen auch Drachenprister genannt, sind Menschen, die sich durch „Drachengift“ (Speichel der Fitia, der Drachenlilie) in echsenartige, drachenähnliche Wesen verwandeln.
52 Zitat von Claurig, Barde der Sängerzeit 1407-09 aus Nelettin.
53 Uralter Kinderreim, der in Adrohn Kindern gerne zum Schlaf gesungen wurde.

KAPITEL 1:

NOR THROL

…die Macht erwacht
in unschuldiger Nacht
böse und finster
hat sie sich in uns breit gemacht…
1

Unruhig schritt Dionel in der kleinen Kemenate auf und ab.

Die Sache lief nicht so, wie sie sich das vorgestellt hatte.

Zwar war Elthor, der neue König von Adrohn nicht mehr als ihre Marionette, aber dieses verfluchte Halur-Kind war wie vom Erdboden verschluckt.

Ihr schöner Plan hatte doch wunderbar funktioniert, bis diese Trolle ihr überraschend in die Quere gekommen waren.

Warum hatten sie Sitar in ihre Gewalt gebracht? Wer waren sie?

Sie trat auf den Balkon des Turms und blickte auf die Dächer der Stadt Coceon und auf den großen Vierstrom-See hinab.

Dieses Land war ihr gleichgültig, nur Andul war wichtig und die Krone, die sie trug, die sie verteidigen würde wie eine Löwin, für die Nindur und für Ugahris ihren Sohn.

Ihre Augen verengten sich zu Schlitzen, während sie an ihn dachte, kam ihr Tulian in den Sinn.

Sie hasste ihn noch immer, obwohl er tot war.

Mehr als damals, als er sie noch geliebt hatte und sie aufgab, weil sein Vater es von ihm verlangte.

Er hatte vor seinem Tod nicht erfahren, das Ugahris sein Kind war und er hätte es von ihr auch nie erfahren.

Sie hatte damit gerechnet, dass er seinen Bruder Alnor zu retten versuchen würde und ihn damit in die tödliche Falle gelockt.

Es war eine bitter süße Rache gewesen.

Ein finsteres Lächeln huschte über ihr Gesicht.

Nun gebrauchte sie die Hülle seines Bruders, steuerte seinen verlorenen Geist durch seine Träume, nach ihrem Willen.

Das machte ihre Rache noch süßer und es hätte ihr auch, so der Plan, E’galat ausgeliefert, wenn nicht diese verfluchten Dundar dazwischen gekommen wären.

Sie schlug mit der flachen Hand auf das Balkongeländer, was ihren Zorn etwas besänftigte und schon schlich sich wiede Genugtun in ihr Empfinden.

Bald würde es so oder so ein Ende haben mit dem Volk der Lichtfeen.

Vielleicht waren die Truppen der Nindur und Metur bereits in diesem Augenblick dabei die Knochen der letzten edlen Halur auf Andul zu zertreten.

Dann würde ihnen auch die Tochter der Galat nichts mehr nützen.

Niemand würde ihren endgültigen Anspruch auf den Thron der Tewhai mehr anfechten können.

Sie hörte wie die Tür der Kemenate sich öffnete und blickte sich fast nachlässig um.

Eingetreten war ein untersetzter kräftiger Tovok-Trollmann mit ungewöhnlich langem Haar, das er aber zu einem schweren zottigen Kriegszopf geflochten trug.

Es gab nicht viele Völker auf Arkur, denen sie vertraute, überwiegend hielt sie, sie alle für stumpfsinnig und dumm, ob Endar, Trolle, Elfen oder was auch immer.

Sie waren jedoch leicht zu beeinflussen und zu lenken und noch viel leichter zu verwirren.

Einige wenige Exemplare aber waren anderes, vor jenen musste sie auf der Hut sein oder sie auf Umwegen geschickt für ihre Zwecke nutzen.

Die Trolle waren ein altes Volk, aus Andul vertrieben vor vielen hundert Jahren und zum Größten Teil hatten sie sich den Menschen unterworfen und genau das war ihr bisher sehr nützlich gewesen.

Trotzdem gab es auch unter ihnen schwer einzuschätzende Anführer.

Zu diesen zählte sicherlich Ashorg.

Dieser Trollgear betrat eben den Raum.

„Ihr habt gerufen Herrin?“

Dionel nickte.

„Ich habe einen Auftrag für Euch, Tovok.“

Der Muskel bepackte Troll, der mit einem mit braunen Schnallen bewährten Lederrock bekleidet war und auf dem Kopf eine Slinkfellmütze2 trug, zeigte kaum eine Regung, sonder schien darauf zu warten, dass sie fort fuhr.

Sie schmunzelte, denn diese Art von Diener, die wenig Worte machten und keine Fragen stellten, waren ihr am liebsten, aber sie ließ sich von ihm nicht täuschen.

„Habt ihr den Tempel der Widerständler niedergebrannt?“

Sie wusste es schon, denn sie hatte von ihrem Balkon aus das Feuer gesehen.

Ashorg nickte.

„Wir haben alle Aposger gehängt, nur ihre Anführerin ist uns leider entkommen.“

Dionel stieß einen wilden Fluch aus.

Sie konnte Elthors Familie nicht vertrauen, Sleigh war zwar ein williges aber auch ein sehr dummes Werkzeug und er hatte seine jüngste Schwester Piragh, die er sich mit Gewalt zu seinem Weib gemacht hatte im Griff.

Doch Ulmine, die Priesterin des Aposg-Ordens war die Gefährlichste der drei und sie war jetzt sehr wütend darüber, das Ashorg nicht ihren Tod oder zumindest ihre Ergreifung meldete, sondern ihre Flucht.

Wenn Elthor irgendwann demnächst von Pon getötet wurde, musste sie sich auch seiner Kinder entledigen.

Wieder etwas was nicht so lief, wie sie es geplant hatte.

Nur mit Mühe widerstand sie dem Wunsch den Trollgaer vor sich anzuschreien, stattdessen lächelte sie finster.

Sie wusste, das es ihr nicht leicht gelingen würde ihn einzuschüchtern, denn Ashorg war ein besonderer Trollfürst, er war ein Bluthund und ein berühmter Hexer unter den Seinen.

Schon oft hatte er ihr wertvolle Dienste geleistet.

Wenn also etwas bei diesem Auftrag schief gelaufen war, so lag es bestimmt nicht an ihm.

Sie riss sich also zusammen und sagte schließlich mit bleierner Stimme:

„Es gibt noch anderes für dich zu tun, reite nach Süden und nimm genügend Männer mit um mit einer kleinen Horde von deines Gleichen fertig zu werden, die das Feenkind entführt haben, von dem ich Dir bereits erzählt habe. Bring sie mir und töte die anderen.“

Ashorg hob fragend die Augenbrauen.

„Sie wurde von Trollen entführt?“

Dionel nickte.

„Sie nennen sich Gombar und sind wohl auf dem Weg ins Wenkohr, wie ich durch einen meiner Späher weiß, vermutlich zwischen Raven und Silnis. Ihr Ziel ist aber Worlen. Du musst verhindern dass sie es erreichen.“

Dionel jedenfalls blickte ihn durchdringend an.

„Habt ihr verstanden Trollgear?“

Ashorg nickte, grüßte und verließ dann ohne ein Wort den Turm.

Die Feenkönigin blickte ihm finster nach.

Sie würde sich sich nicht alleine auf diese Dundar verlassen.

~

Sitar musste die Augen zusammen kneifen, denn so hell stach die Sonne vom Himmel.

Doch da sie auf das Schlimmste vorbereitet gewesen war, war sie jetzt froh, dass sie doch rasch vertraute Konturen wahrnehmen konnte.

Sie waren zurück.

Der Friedhof der Elfen lag unter einer durch die Wintersonne ausgelösten Dunstglocke, wirkte aber wesentlich freundlicher, als noch in der Nacht, als sie ihn durch das Tor verlassen hatten.

Doch Möglicherweise empfand sie auch nur so, weil sie ziemlich erleichtert war sofort zu wissen wo sie sich befanden.

Gelyoc neben ihr stöhnte und hielt sich den verwundeten Arm. Von den Frägs war zum Glück nichts mehr zu sehen.

Waren sie wirklich nur so lange weg gewesen, wie ihr Abenteuer in Andul gedauert hatte?

Oder befanden sie sich nun zwar wieder am rechten Ort, aber doch zu einer anderen Zeit?

Das galt es schnell herauszufinden.

Merkwürdig war allemal, dass auch weder Fräg- noch Trollleichen zu sehen waren.

Sitar sah sich zu Gelyoc um.

„Mein Magen knurrt,“ sagte sie lächelnd.

Der Halbtroll nickte.

„Wir müssen so schnell wie möglich eine Straße finden und eine Ortschaft um Proviant zu bekommen.“

Sitar blickte sich zweifelnd um.

Der Wald im Westen war sehr dicht und dort lag der Sumpf und das Gebiet das vermutlich vor Frägs wimmelte.

Im Osten ragten, bereits sehr nah, die unwirtlichen Felsen des Notawenkorh empor. Wo sollte da eine Straße oder ein Ort in Reichweite sein?

„Wir werden unser Versprechen halten und Jargs Clan suchen.

Und das heißt, wir gehen über das Gebirge,“ entschied sie, „nur, bitte nach dem Essen.“

„Jargs hat davon gesprochen, das es dort einen verborgenen Tunnel zum Tal der Gombar gibt“ antwortete Gelyoc, „nur haben wir keine Ahnung wie wir zu diesem Hornsteig oder dem Felstor gelangen von dem er sprach.“

Während er so überlegte, musterte er angestrengt den Rand der Lichtung und ließ dann seinen Blick hinauf an die Hänge wandern.

Er stutzte überrascht.

Blickte noch einmal genauer hin.

Tatsächlich, dort schien es als seien Stufen an der Felswand, weit oberhalb von ihnen zu erkennen.

Er versuchte sie nach unten zu verfolgen und lief nun zielstrebig auf den äußeren Rand des Friedhofs zu.

Freudig wandte er sich dann zu Sitar um.

„Hier her, hier ist tatsächlich so etwas wie ein alter Pfad, wie mir scheint, fast zugewachsen, aber ich bin beinah sicher er muss zu diesem Aufstieg dort oben führen.“

Sitar die gerade ein paar Beeren entdeckt hatte, folgte seinem ausgestreckten Arm mit den Augen und nickte.

„Wir sollten es versuchen, zur Straße zurück ist es sicher gefährlicher. Wir wissen ja nicht wo die Frägs stecken.“

Sie reichte ihm mit vollem Mund eine Handvoll der roten Beeren die sie gepflückt hatte.

„Hier nimm, sie sind sehr süß.“

„Hmmpf, lecker, brummte er“ Während sie sich nun durch den Pfad aufwärts kämpften, über den ein scheuer Slink2 rasch davon huschte, teilten sie sich den Rest von dem was Sitar gefunden hatte.

~

Als die drei Reiter die Straße erreichten, schlug ihnen der unverwechselbare Geruch von Verwesung entgegen.

Die toten Körper von Trollen und Waldkobolden lagen ineinander verschlungen auf der Kreuzung verteilt.

Varo hatte sie den geraden Weg über die Grassteppe geführt, in der Hoffnung, einige Stunden zu gewinnen und den Trollen auf der Straße nach Silnis den Weg abzuschneiden.

Doch wie es aussah, war ihnen jemand zuvor gekommen.

Warum hatten die Trolle überhaupt diesen Umweg nach Süden gewählt?

Tralzio hatte sich während des ganzen Rittes diese Frage gestellt, ebenso vermutlich wie die anderen beiden.

Sollten sie ihnen folgen?

Oder darauf setzen, dass es vielleicht nur ein Ablenkungsmanöver war und sie früher oder später wieder Richtung Silnis schwenken würden?

Sie hatten eine Entscheidung treffen müssen.

Nun standen sie über den Leichen und Varo drehte einige von ihnen zweifelnd auf die Seite.

„Die tragen die Hoheitszeichen von Coceon,“ murmelte er, „aber irgendwie kommt mir das seltsam vor.“

Er folgte einigen Spuren auf der Straße, dann wandte er sich zu den anderen um.

„Das hier können nicht unsere Trolle sein, die kamen nämlich von Norden, als sie von den Frägs angegriffen wurden und den Spuren nach zu urteilen, war es auch eine viele größere Truppe.

Meloragh seufzte, wusste aber nicht so recht ob aus Erleichterung oder Verzweiflung.

„Dann sind sie vielleicht doch nach Süden geritten und wir haben uns falsch entschieden?“

Varo nickte.

„Oder über die Berge, da gibt es bestimmt Trollburgen.“

Varo schüttelte den Kopf.

„Es gibt dort welche“ murmelte er, „aber nur von kleinere, wilden Troll-Clans, die sicher nicht im Sold von Elthor stehen.“

„Hmm, und dieser zweite Trupp Trolle, Soldaten aus Silnis, wollten sie sich vielleicht mit ihnen treffen, zur Übergabe der Gefangenen, oder haben sie gar nichts miteinander zu tun?“

Meloragh blickte Tralzio fragend an.

Der Magier zuckte mit den Schultern.

„Auf jeden Fall hatten es diese hier ziemlich eilig weiter zu kommen, sie nahmen sich nicht die Zeit ihre toten Kameraden zu bestatten.“

Er verzog wegen des allmählich unerträglichen Gestanks die Lippen und nestelte aus seinem Umhang ein Tuch hervor, das er vor den Mund presste.

„Du glaubst also, die Trolle haben hier gesiegt?“ Sagte Meloragh.

„Zweifellos“, antwortete der Tewir an der Stelle des Ukari.

„Die Spuren zeigen, dass sie nicht geflüchtet sind, sondern die übrigen Krieger geordnet abzogen.“

„Ist es außerdem normal, das Frägs auf dieser Königsstraße Soldaten Coceons angreifen?“

„Wohl eher nicht,“ brummte Varo, „irgendetwas muss sie gegen die Trolle aufgebracht haben, dieser Trupp hat ihr Gebiet nur gestreift, aber das hat ihnen offenbar nicht gefallen. Das ganze ist mir ein Rätsel,“ schloss der Halbling kopfschüttelnd.

„Ganz sicher war es die Gruppe mit Sitar, die sie aufgescheucht hat.“ Meinte Meloragh.

„Und was machen wir jetzt Gräfin?“

Tralzio blickte dabei angestrengt nach Süden, wo die Straße im dichten Wald von Raven verschwand.

„Wir reiten nach Süden, ich habe so eine Vermutung, dass diese Trolle, genau wie wir, auf der Suche nach dem Trupp sind der Sitar und Gelyoc entführt hat, im Guten oder im Bösen,“ sagte Meloragh entschieden.

Varo war schon wieder auf sein Pony gestiegen und nickte ihnen zu.

„Kommt, sagte er, dann sollten wir uns beeilen.“

Die anderen stimmten zu und schon preschten sie die Straße hinunter nach Süden.

Eine Stunde späte sprang der Tewir erneut von seinem Pony und untersuchte die Spuren am Rand der Straße. Unterwegs waren sie weder Frägs noch sonst jemandem begegnet.

„Hier sind sie in die Berge abgebogen,“ sagte er nach kurzer Untersuchung zu seinen Gefährten gewandt.

„Dieser Weg führt über einige Höhensteige, soweit ich weiß, bis zu den Hochseen des Westkohr und nach Sorwin, der am höchsten liegenden Festung Adrohns. Von dort führt der Trimm, ein schmaler Bergpass direkt über die einzige Verbindung zum Ostkohr.“

„Ich weiß nicht warum, aber vielleicht haben Sie Spuren gefunden oder einen Späher hat es ihnen berichtet, wodurch sie wussten dass die Entführer von Sitar und Gelyoc diesen Weg gewählt haben.“

„Ein Späher Dionels,“ knurrte Meloragh. „Dann weiß Sie, das ihre Rivalin schutzlos unterwegs ist.“

„Wohin führt diese Straße nach Süden denn weiter?“ Fragte Tralzio nachdenklich, während sein Pferd Gras am Straßenrand fraß.

„Nach Raven und dann weiter nach Helovar an das Nordufer des Lovare.“

„Aber dort tobt bereits der Krieg oder?“

Meloragh nickte.

„Meine Sieftochter Tanystra befehligt auf Helovar die elberakschen Verteidiger. Bevor ich Elberak verließ, erhielten wir die Nachricht über einen Großangriff von Elthors Truppen auf die Festung.“

„Es ist also eher unwahrscheinlich, dass sie doch weiter nach Süden gezogen sind,“ überlegte Tralzio.

„Wenn sie überhaupt noch am Leben sind und wenn die Fee und der Halbtroll auch noch leben,“ antwortet Varo.

Meloragh machte ein entschlossenes Gesicht.

„Vielleicht kehren die Trolle aus Silnis auch bloß um, oder sie hatten ohnehin ein anderes Ziel?“

Varo schüttelte den Kopf. Er hatte die Abzweigung während des Wortwechsels weiter ausführlich in Augenschein genommen und war, das Pony am Zügel, noch ein paar Meter weiter der Straße gefolgt.

„Es gibt da eine Legende, über einen alten Friedhof der Elfen, wir sind ungefähr dort, wo ich den Weg dorthin vermuten würde. Dort unten beginnt es zudem sumpfig zu werden und meine Nase nimmt auch einen Hauch von Moorluft war.“

„Dieser Pfad…,“ er wies nun auf eine schmale Abzweigung die offenbar direkt auf die steil in die Höhe wachsenden Felsen zu lief, „könnte also dort hin führen.“

Er sfasste die Zügel seines Ponys. „Ich habe auch erneut Frägspuren unter den anderen entdeckt, etwas älter zwar und zudem….,“ er lächelte schief, „… ein Elfen-Stiefelpaar.“

Tralzio grunzte freudig überrascht „Das ist mal eine gute Nachricht, dann sind sie am Leben!“ Rief er. „Also los!“

Meloragh warf ihm einen strengen Blick zu.

„Wenn die Trolle nicht Gefallen an ihren Stiefeln gefunden haben.“ Sagte sie mit einem finsteren Gesichtsausdruck.

Nach wenigen Metern wurde der Untergrund tatsächlich sumpfig und nun sahen auch die beiden Magier die deutlichen Spuren, die auf ein Gelände zu liefen, das sich vor ihnen öffnete, wie ein großer Steingarten.

„Hier gab es wieder einen Kampf.“

Verkündete Varo sofort und sprang erneut vom Pony um sich die Sache näher anzusehen.

Da stieß Meloragh bereits einen kurzen Schrei der Überraschung aus.

Die beiden anderen blickten zu ihr hin und folgten ihrem ausgestreckten Arm.

„Ein Tor…,“ flüsterte Tralzio.

„Dann stimmen die Legenden also,“ brummte Varo. „Dieser Ort ist Raven-Gohr, der Friedhof der Elfen und das dritte magische Tor3 auf Arkur.“

„Wohin führt es?“

„Es heißt, ins alte Trollland, wo das auch immer liegt.“ Varo lächelte. Aber das ist nur ein Märchen, dass sich die Trolle erzählen über ihre Herkunft.

„Also führt es nach Andul?“

Tralzio schüttelte den Kopf.

„Ich glaube kaum, dass es noch funktioniert, dann wüsste es der Orden.“

„Aber wenn doch und wenn sie es durchschritten haben?“

„Dann endet unsere Jagd hier,“ meinte Meloragh mit düsterer Miene.

Varo verfolgte wieder die Spuren auf dem Boden.

„Es gab einen Kampf…,“ murmelte er erneut, „…aber später wurden die Leichen offenbar fort getragen.“

Sein Blick blieb nachdenklich an den Bergen haften.

Sie sahen alle etwas Glitzern in der Felswand.

„Dort gibt es einen Aufstieg…,“ brummte er, „…wie ich bereits vermutet habe…“ Er zögerte und kniff die Augen zusammen „…und jemand steigt gerade hinauf.“

Konzentriert musterte er jetzt den Rand der Lichtung und ging schließlich auf einen Strauch mit roten Beeren zu. „Infalas4 Trauben,“ murmelte er, „wenn man zu viele ist, verursachen sie ziemlich üble Krämpfe. Hier hat jemand davon gegessen.“

Meloragh überschattet die Augen und starrte die Felswand hoch.

„Du glaubst sie sind dort auf dem Weg nach oben?“

Varo nickte, während er ein der Trauben genüßlich kaute.

„Und zwar nach unseren Trollen, hmm aber lecker sind sie.“

Meloragh blickte ihn verwirrt an.

„Dann laufen sie vermutlich in einen Hinterhalt?“

Varo nickte langsam und mit undurchdringlicher Miene und Tralzio meinte:

„Dann ist es schon geschehen.“

~

Gelyoc verspürte es schon länger, dieses Drücken im Magen.

Ab und an musste er innehalten und den zunehmenden Schmerz mit zusammengebissenen Zähnen heraus lassen. Hatte er zu viele von diesen verfluchten Beeren gegessen?

Sitar jedenfalls konnte man nichts anmerken.

Denn sie sprang wie eine junge Bergziege, munter vor ihm den Pfad hinauf.

Schließlich überwand er seinen Stolz und rief ihr nach, sie solle innehalten, damit sie eine Pause machen konnten.

Als sie sich um wand, stand sie vor der untergehenden Sonne auf den Stufen und ihr Haar leuchtete wie im Feuerkranz.

Sie ist wirklich hübsch, dachte er für den Moment, selbst nach elfischen Maßstäben, doch dann sah er plötzlich einen dunklen Schatten hinter ihr auftauchen.

Der Schatten sprang von einem überhängenden Felsen. Es geschah so schnell, dass Gelyoc kaum einen Gedanken fassen konnte.

Es war ein Mantikor oder ein Philok, soviel erkannte er und er begriff im Bruchteil der selben Sekunde, dass sie keine Chance hatte auszuweichen, sondern von dem Tier mit in die Tiefe gerissen würde.

Er schrie ihr eine Warnung zu aber dann geschah etwas Unglaubliches. Während er hastig und verzweifelt bemüht war das Trollschwert von seinem Rücken zu ziehen, wich Sitar so schnell aus, wie es weder Gelyoc noch ganz offensichtlich das angreifende Tier erwartet hatte.

Der löwenartige Schatten sprang ins Leere und hatte Mühe nicht selbst den Hang hinunter zu stürzen.

Aber der geschmeidige katzenartige Körper fing sich und stand schon den Bruchteil eines Augenblicks später, drohend auf dem Felssims neben dem Pfad.

Dunkle tödlich glitzernde Augen blitzten die Fee an.

Gelyoc hatte Sitar jedoch im selben Moment erreicht, das Schwert fest in der Hand und einen Zauber im Kopf zurechtgelegt.

Der Mantikor fauchte böse und schwenkte einen Stachel bewerten Schwanz was eine kleine Steinlawine auslöste.

„Du bist ein Diener der Nindur.“ Sagte nun Sitar zu Gelyocs Verblüffung, mit völlig ruhiger Stimme zu dem Wesen. „Du kommst zu spät, ich habe meine Heimat betreten und damit den Quell meiner magischen Kräfte gefunden.“

Gelyoc blickte verwirrt und überrascht von ihr zu dem Angreifer hinüber und er sah in ihren Augen nun ein Glitzern und eine Entschlossenheit, die er von ihr nicht kannte.

Der Mantikor starrte sie weiter böse an, doch dann antwortete er mit dunkler schnarrender Stimme, so das Gelyoc zusammen zuckte.

„Du wirst trotzdem sterben und nicht wieder nach Andul zurückkehren, denn Ydiare, meine Königin will es so.“

Sitar lächelte, wie Gelyoc verwirrt feststellte, obwohl er selbst aufgrund der zähnefletschenden Bestie wie gelähmt war.

„Pass auf!“ Zischte sie zu ihm.

Dann sprang sie ohne weiter Vorwarnung auf den Löwen zu und im Sprung verwandelte sie sich in eine feurige Riesin.

Der Metur-Fee kreischte auf und versuchte auszuweichen, doch Sitar die Farisa erfasste ihn am Schwanz und wirbelte ihn mit voller Kraft gegen die Felswand.

Gelyoc sah ihn bereits zerschellen, doch da verwandelte er sich ebenfalls im letzten Moment in einen kleinen Vogel der mit versengtem Schwanz haarscharf vor dem Fels abdrehte.

Das neue Geschöpf ging zuerst in den Sturzflug und dann wieder stieg es hoch hinauf, wuchs dabei an und wurde schließlich zu einem großen Velrok5 ,der im nächsten Augenblick, einen Eisstrahl aus seinem Schnabel hinab auf den Pfad mit Sitar und Gelyoc schoss, der beide mit solcher Wucht traf, das es sie von den Beinen holte und in einen tödlichen Nebel von Kälte hüllte.

Gelyoc stockte der Atem, während er verzweifelt versuchte das eisige Gefühl, das ihm in die Glieder fuhr abzuschütteln.

Sitar lag benommen und in ihrer ursprünglichen Gestalt auf dem Sims.

Sie hatte ihre Kräfte entdeckt, aber sie wusste offenbar noch nicht sie sinnvoll zu kontrollieren, genau wie es Yargs gesagt hatte.

Gelyoc fluchte: „Wo war das Schwert verdammt!“ Er musste etwas unternehmen, denn schon sah er den weiß gefiederten Eisvogel, im Sturzflug auf sie herab stoßen.

Doch die Arme versagten ihm, er war von bleierner Kälte durchdrungen und sein Gehirn, so hatte er das Gefühl, war mindestens auf die Größe einer Haselnuss geschrumpft, das keine Gedanke mehr Platz darin fand.

Verzweifelt marterte er sich und versuchte die Isume der Elemente zu erreichen… Hitze, Hitze.“ Doch dann landete der Rok, nun erneut verwandelt, als Mann vor der bewusstlosen Sitar und Gelyoc auf dem Sims.

Er hatte eine grünlich weiße Haut und elfenähnliche Züge, jedoch saßen die zu Schlitzen verengten Augen ungewöhnlich weit außen und die Pupillen leuchteten goldrot.

Mehr noch als die Kälte zuvor fuhr Gelyoc nun eine furchtbare Angst in die Glieder die das Wesen zweifellos ausstrahlte.

Es war ein Ding mit gewaltiger Macht, das wurde ihm sofort klar und diese Macht stammte nicht von dieser Welt.

Der Großfee, wie Sitar ihn genannt hatte ging langsam auf die Bewusstlose zu und schien den neben ihr stehenden Halbtroll nicht zu beachten.

Gelyoc nutzte diese mangelnde Aufmerksamkeit und konzentrierte sich noch stärker und endlich spürte er die vertrauten Isume und griff nach ihnen wie ein Rudernder auf hoher See nach dem verlorenen Ruder.

Der Wärmezauber ließ augenblicklich das Gefühl zurück in seinen Körper fließen. Sofort hob er das Schert vom Boden auf und trat zwischen Sitar und den Fremden.

Die Halur kam zu seiner Erleichterung offenbar im selben Moment ebenfalls wieder zu sich.

„Wer bist du und warum greifst du uns an?!“ Rief Gelyoc dem Wesen zu.

Er richtete die Schwertspitze dabei direkt auf dessen Brust was eine Veränderung im Blick des Angreifers bewirkte, denn auf der Schwertschneide Wardirs leuchtete genau jetzt eine blass blau geschwungene Schrift, in Trollgon auf.: Sonne der Dunkelheit Ende, las Gelyoc.

Eine Antwort schuldig bleibend, wich das Wesen zurück und Gelyoc, der spürte wie seine weichen Knie stabiler wurden, schöpfte Hoffnung.

Dieses Troll-Schwert, musste also tatsächlich etwas Besonderes sein, ging ihm durch den Kopf während er die auf der Schneide tanzenden Symbole beobachtete.

Die Magie, welche von ihnen ausging, hatten eine beruhigende Wirkung auf ihn.

„Ihr werdet nicht entkommen.“ Sagte das Wesen.

Dann vollzog es plötzlich eine rasche Handbewegung, und verwandelte sich zu Gelyocs Entsetzen erneut, doch nun in die Gestalt einer Flugechse, die hastig auf die überhängenden Felsen sprang und von dort segelte sie im nächsten Augenblick hinab über die Klippe und außer Sicht.

„Er ist weg! Er ist weg!“ Keuchte Gelyoc, mit schwerem Atem, mehr zu sich selbst als zu Irgendjemandem.

Sitar stöhnte neben ihm und er beugte sich zu ihr runter, noch immer auf der Hut, dass der Angreifer nicht im nächsten Moment vielleicht als Felsenbär oder als sonstiges Ungeheuer wieder auftauchen könnte.

Sitar zitterte am ganzen Körper und Gelyoc erweiterte seinen Wärmezauber auch auf sie.

Langsam kam sie zurück ins Leben.

„Er ist fort.“ Wiederholte er noch einmal, nun deutlich ruhiger.

Sie nickte. „Aber er wird wieder kommen,“ murmelte sie.

„Er ist ein Asiwa, ein Metur und er handelt im Auftrag der Nindur-Königin. Er war auf der Jagd nach mir.“

„Aber woher weißt du das?“ Gelyoc sah sie forschend an.

„Ich weiß es eben.“

„Du meinst, du konntest seine Gedanken lesen?“ Sie nickte.

„Kommt er aus Andul?“ Wieder nickte sie und fügte an:

„Vielleicht habe ich bisher noch immer ein wenig gedacht, alles sei nicht so schlimm. Doch dieser Angriff war endgültig der Beweis dafür, dass sie hier sind, hier bereits so dicht in meiner Nähe, wie Alnor es behauptet hat. Sopgar Dionel selbst ist hier. Ich bin mir sicher.“

Gelyoc gluckste nervös und blickte an den steilen Wänden hoch.

„Wir sind ein verflucht leichtes Ziel so am Berg,“ brummte er.

Sitar nickte. Sie warf einen Blick auf das Troll-Schwert, das Gelyoc immer noch fest umklammerte.

„Aber vielleicht greift er uns nicht mehr an, solange wir das Schwert haben, ich glaube er ist vor Wardir zurückgewichen,“ sage Gelyoc.

Sitar lächelte stumm.

„Woher wusstest Du, dass du diese Kräfte hast? Ich meine…“,

Gelyoc grinste, „..nur weil wir Andul betreten haben?“

Sitar nickte.

„Es war die Berührung mit dem Land meiner Geburt. Ich habe es unterschwellig dort schon gespürt, seit wir durch das Tor geschritten sind. Wie als wäre etwas in mir erwacht, eine fremde Sprache. Etwas hat sich entschlüsselt. Träume die ich bereits seit frühester Kindheit hatte, deren Bedeutung ich aber nie verstand.“

„Der Angriff der Zentaueren, du erinnerst dich? Danach dachte ich bereits, das Land verleiht mir die Kraft, aber es funktioniert auch hier.“

Sie lächelte ihm zu, blickte aber zugleich angespannt den Pfad hinauf.

„Aber was sollen wir nun tun, der Asiwa wird uns sicher weiter verfolgen und darauf lauern, dass wir einen Fehler machen.“

„Wir sitzen in der Falle,“ brummte Gelyoc.

Noch während er das sagte war er auf den nächsten Felskamm gestiegen um den fortlaufenden Weg zu übersehen und sprang nun hastig zurück.

„Verdammt! Ein ziemlich großer Trupp Trolle kommt den Pfad hinunter.“

„Trolle?, flüsterte Sitar, bist du sicher?“

„Ja und sie tragen schwere Rüstungen…“ Er spähte vorsichtig noch einmal über den Kamm.

„Schnell! Wir müssen uns verstecken.“

„Schön,“ raunte Sitar, „nur wo?“

Sie blickten sich verzweifelt um.

Der Pfad war hier an der Angriffsstelle wohl etwas breiter und die Felswand stark zerklüftet.

Gelyoc schüttelte den Kopf, „dort nicht,“ aber, er beugte sich über den Felsrand um nach unten zu schauen.

„Dort!“ Rief er.

„Das sieht wie eine etwas tiefere Spalte aus, die können wir erreichen und dieser Stein darüber gibt uns Deckung.“

Hastig stiegen sie vom Pfad ab über die Felsklippe, als sie auch schon schwere eisenbeschlagene Schritte hörten. Im letzen Moment erreichten sie die Spalte und zogen sich hinein in Deckung.

~

Ashorg und seine Krieger hatten den Lärm gehört und waren sofort umgekehrt.

Er glaubte nicht, dass diese Laute nur von etwas Tierischem stammten. Es klang für ihn eindeutig nach Magie.

Er hatte selbst einige Erfahrung darin und erkannte das Flirren, das in der Luft lag, auch wenn die Intensität, die er hier verspürt hatte ihn verblüffte.

Doch die gesamten letzten Tage hatte er vermutet, das es da etwas gab, was sie dicht begleitete und er vermutete, dass Dionel ihnen noch einen Späher hinterher geschickt hatte.

Vielleicht war es ein Dämon oder Drache sein, der ihre Beute vor ihnen entdeckt und nun angegriffen, vielleicht sogar getötet hatte.

Wenn es so war, dann mussten sie es herausfinden.

Aber konnte es sein, dass diese Fee hinter ihnen war?

Hatten sie wichtige Spuren übersehen?

Eine andere Möglichkeit war natürlich, das der Lärm vielleicht doch nur durch Riesen oder sonstige Bergbewohner ausgelöst worden war.

Immer wieder hatten sie bei ihrem Aufstieg hastig Köpfe hinter Felsblöcken verschwinden sehen oder unnatürlich rutschendes Geröll gehört.

Das Notawenkorh war außerdem bewohnt, das wusste er, doch es waren nur verstreut lebende wilde Bergtrollclans.

Gombar, eine unzivilisierten Unterart seines Volkes, die bei den Tovok-Hochclans verächtlich Langnasen genannt wurden.

Ashorg lies ein ärgerliches Grunzen hören.

Sie würden es sicher nicht wagen sie anzugreifen.

Während er das dachte erreichten sie bereits den Sims, auf dem eindeutig ein Kampf stattgefunden hatte.

Sie verteilten sich und untersuchten den Bereich des Pfades genauer.

Die Spuren deuteten nicht auf die Bergbewohner hin.

Brandgeruch lag in der Luft.

Ashorg blickte sich misstrauisch um.

Was war hier geschehen?

Magie war so präsent, dass er sie fast zu greifen glaubte.

Das war kein Wunder, denn nur wenige Meter unter dem Sims saßen Sitar und Gelyoc unter dem überhängenden Stein und hielten den Atem an.

Jedoch hatte der Halbtroll zudem einen Tarnzauber gewirkt und hoffte darauf, dass die Trolle über ihnen dies nicht wittern konnten.

Doch als Gelyoc nun den Blick wieder nach vorne richtete, packte ihn lähmendes Entsetzen. Auch Sitar sah es.

Über den dichten Kronen des Ravenwaldes schwebte eine ihnen bekannte geflügelte Gestalt die rasch näher kam.

~

Ashorg hörte den Schrei einer seiner Krieger und fuhr herum. Seine Augen weiteten sich als er den Schatten am Himmel sah.

Was war das?

„Pfeile!“ Rief er und sofort gingen die Trolle in Stellung.

Doch im nächsten Moment hob er die Hand um ihnen Einhalt zu gebieten, denn sie alle hörten die heisere, kehlige Stimme über sich erklingen.

„Dionel ile um denior perios fe!“

Ein geflügeltes Wesen schwebte über ihnen, aber Ashorg glaubte nicht, dass es ein Drache war.

Der Späher! Der Troll wusste es im Moment, wo er die Feensprache hörte und die Worte bruchstückhaft verstand:

„Die Königin befiehlt. Sucht die Halur!“

Hatte der Dämon ihre Beute gesehen, mit ihr etwa gekämpft? War sie noch in der Nähe?

Ashorg wusste, dass er jschnell eine Entscheidung treffen musste.

~

Starr vor Angst blickten Gelyoc und Sitar dem Asiwa entgegen, der tatsächlich erneut auf ihr Felsenversteck zu flog.

Sie hörten die überraschten Schreie über sich und die Aufregung der Trollkrieger, die doch bald erkennen würden, dass der Asiwa ihr Verbündeter war.

Sie konnten nicht fliehen, denn dann würden die Trolle sie kriegen oder der Großfee, oder beide.

Sie waren verloren!

Doch dann geschah im letzten Moment etwas völlig unvorhersehbares.

Das Ungeheuer schien im Flug anzuhalten, flog dann eine kreiselnde Schleife, stieß einen heiseren Schrei aus und stürzte sich schließlich im Sturzflug hinab in die Tiefe.

Sitar keuchte in einer Mischung aus Erleichterung und Panik auf, doch der Laut ging im Getümmel unter, das nun über ihnen entstand und sie hörten dort jetzt eine raue Stimme rufen:

„Mir nach!“

Im nächsten Moment hörte es sich so an, als ob die Trollkrieger eilig den Bergpfad abwärts stürmten.

Der Dämon hatte offenbar nicht sie entdeckt, sondern ein ganz anderes Ziel, das er im Sturzflug angriff, oder nicht?

Denn zu ihrer Verblüffung schien er plötzlich ins Trudeln zu geraten.

Sitar und Gelyoc blickten sich fragend an und gleichzeitig wurde ihnen klar, dass sie, egal was da gerade geschah, diese Chance nutzen mussten.

Rasch sprangen sie auf und kletterten zum Pfad hoch.

~

Meloragh spürte instinktiv die Gefahr, doch zugleich ware ihre magischen Sinne wie gelähmt.

Denn Etwas hielt ihre Entschlusskraft wie mit Eisenzangen gefangen.

Sie blickte entsetzt zum Himmel und da sah sie das Geschöpf vom Berg herab auf sie hinab stürzen.

Tralzio schien es genauso zu ergehen und auch er blickte beunruhigt nach oben.

Doch Varo der ein paar Meter voraus zwischen den Bäumen war, ließ die Armbrust langsam sinken und nickte grimmig.

Er hatte den Schatten längst bemerkt, bevor dieser zum Angriff über gegangen war, er hatte ihn gerufen, ihn von seinem eigentlichen Ziel abgelenkt.

Er wusste nicht welches Ziel das war, aber er hatte eine Ahnung, dass es die Entführten sein könnten.

Darum musste er augenblicklich handeln und hatte es getan.

Sehr genau legte er nun ein zweites Mal seine Waffe an, auf der Spitze des Bolzens eine zweite kleine silber-schwarz schimmernde Kugel, die er aus einem Gürtelbeutel gezogen hatte.

Das drachenhafte Wesen stieß nun die letzten Meter herab. Scharfe Krallen und das Maul bedrohlich geöffnet.

Da traf ihn die Silberkugel ins linke Auge und es geriet erneut ins Taumeln und schrie erbärmlich laut auf.

Er lud erneut nach und schoß noch einmal.

Und auch die zweite Kugel traf das Wesen un es stieß einen röchelnden Laut aus während es völlig die Kontrolle über seinen Flug verlor und auf den unteren Felshang vor ihnen prallte.

Sprachlos starrten Tralzio und Meloragh erst auf das nun reglos und offenbar tot vor ihnen liegende Wesen und dann auf Varo.

„Was war das?“ Murmelte Tralzio

Doch sie hatten kaum Zeit darüber zu debattieren, denn im nächsten Augenblick waren sie alle drei von schwer bewaffneten Trollkriegern umzingelt, die, die scharfen Spitzen ihrer Speere gegen sie richteten.

Varo lächelte schmallippig, denn wie es schien war er auch hiervon nicht überrascht.

Er wies mit einer Hand auf den Stab in seinem Rucksack.

~

Sitar und Gelyoc stiegen schnell empor.

Ihre Herzen rasten und ihre Gedanken überschlugen sich noch von dem Ereignis, dem sie nur knapp mit heiler Haut entronnen waren.

Erst nachdem sie sicherlich eine Stunde so bergauf gestiegen waren, immer weiter dem steilen Pfad folgend, der zum Glück auch keine sichtbare Abzweigung anbot die sie in Entscheidungsnöte gebracht hätten, fasste Gelyoc die Fee nun bei der Schulter und zwang sie so endlich stehen zu bleiben.

Sitar sah ihm mit keuchendem Atem in die Augen und nickte.

„Du hast Recht, wir sollten uns ausruhen,“ murmelte sie leicht heiser, „und darüber nachdenken wie wir den Hornsteig finden.“

Sie blinzelte in das neblige Abendlicht um die Umrisse der Felsriesen in ihrer Nähe zu mustern.

„Erst einmal brauchen wir eine Höhle oder einen Unterstand für die Nacht,“ sagte Gelyoc mit erschöpfter Stimme.

Wieder nickte Sitar, dann rief sie: „Dort!“

Der jungen Magier zuckte zusammen, als ein Echo von der gegenüberliegenden Felswand zurück kam und seine Hand griff zum Schwert.

Doch Sitar wies auf eine Öffnung nur drei Meter über ihnen im Fels, die offenbar leicht durch treppenartige Vorsprünge erreichbar war und bevor Gelyoc etwas dazu sagen konnte sprang sie bereits entschlossen den Fels hinauf.

„Komm!“ Rief sie, da ist der beste Unterschlupf den wir uns wünschen konnten.“

Der Einstieg war hinter verkrüppeltem Gesträuch verborgen kaum erkennbar, doch erschien es Gelyoc, als sei dies keine natürliche Höhle.

Er hielt einige Zweige zur Seite um eine Unebenheit im Gestein, die ihm wie ein Schriftzug vorkam, genauer betrachten zu können.

Tatsächlich erkannte er nun, dass es wirklich Schriftzeichen waren.

Sitar hatte sich bereits hindurch gezwängt und rief von drinnen:

„He, das ist keine Höhle, es ist vielleicht ein Gang!“

Als Geyloc sie erreichte, nickte er.

„Es ist Nor-throl, wir haben den Einstieg gefunden, von dem Jargs gesprochen hat.

Der Weg den wir hoch kamen, muss also der Hornsteig gewesen sein.“

Sitar lächelte ihn erfreut an.

„Wir brauchen so etwas wie eine Fackel.“ Sagte sie dann.

~

Ashorg blickte ungläubig auf die leblose Gestalt des Spähers und musterte den Kerl, der vor ihm auf dem Pony saß scharf.

Wo hatte er diesen Tewir schon einmal gesehen?

Er könnte schwören in Coceon.

Doch seine Männer warfen ihm nun unsichere Blicke zu, während sie angespannt alle drei Reiter in Schach hielten.

Ashorg hatte bei der Musterung der anderen beiden ebenfalls das Gefühl, das die Lage nach dem Tod des Dämons, nicht so eindeutig zu ihren Gunsten stand, wie es oberflächlich betrachtet, den Anschein hatte. Er spürte auch hier eindeutig Magie.

Darum gab er seinen Männern den Befehl die Waffen sinken zu lassen.

Diese dort waren ohnehin nicht die Beute, die sie suchten.

Doch wo war die Fee? Er hatte das untrügliche Gefühl, das er etwas übersehen hatte.

~

Tralzio hatte sich als erster von seiner Überraschung über das plötzliche Auftauchen der Trolle erholt und schmunzelte als er die Unsicherheit ihres Anführers sah.

Er tauschte mit Meloragh einen raschen Blick aus, als die Dundar nun ihre Waffen sinken ließen.

„Sehr vernünftig Hauptmann.“

Sagte der Magier dann zu Ashorg.

„Sollten wir Eure Jagdbeute erledigt haben, so war es nur, weil wir angegriffen wurden.“ Sagte er mit einem Seitenblick auf den Dämon.

Der Trollgear verzog leicht die Mundwinkel.

„Unsere Absichten Faun geht euch nichts an, ihr solltet vorsichtig sein, wo ihr euch herum treibt in Zeiten des Krieges. Wir haben einen anderen Auftrag, sonst würden wir Euch nach Coceon schaffen, denn ihr seht zweifelsohne wir Anhänger des alten Königs aus.“

„Nicht doch,“ lachte Tralzio und sein Bart zitterte vor Vergnügen.

„Wir sind freie Handelsleute und haben nichts mit diesem Krieg zu schaffen. Ihr könnt uns darum guten Gewissens ziehen lassen.“

Er warf einen raschen Seiteblick zu Varo, der seine Armbrust noch im Anschlag hielt.

Ashorg knurrte und einen winzigen Moment lang hatte es den Anschein als wolle er seinen Stillhaltebefehl aufheben.

Dann sagte er jedoch:

„Kehrt um! Ihr seit in coceanischem Gebiet, sonst werden wir Euch dazu zu zwingen.“

„Das geht nicht,“ murmelte Meloragh leise auf Elfisch und hoffte der Troll würde sie nicht verstehen.

Sie befürchtete, das Tralzios Täuschungsmanöver wenig erfolgsversprechend war.

„Wir müssen diesen Pfad nehmen, denn ich bin sicher sie sind dort hoch.,“ zischte sie Tralzio zu, ohne dass der Trollgear sie hörte.

Tralzio nickt unmerklich.

Ashorg musterte sie aufmerksam, dann zeigte er ein schiefes Lächeln, das jedoch seine offensichtlich Nervosität kaum verbarg.

„Ich erkenne Euch, ihr seit die Gräfin von Elberak!“ Rief er plötzlich.

Im selben Augenblick gab er das Zeichen, die Trolle rissen ihre Speere hoch und griffen an.

Doch die tödbringenden Waffen prallte samt und sondern an einer schimmernden Schutzkuppel ab, die diese ganz plötzlich umgab.

Ashorg fluchte, aber selbst mit magischen Kräften begabt, beschwor er einen Zerstörungszauber, der die Schutzkuppel sofort in grünen Rauch auflöste.

Dann warf er Blitze in den Kreis seiner Krieger und deren Rundschilde glimmten augenblicklich von magischen Schutz.

„Angriff!“ Brüllte er und jeweils vier Krieger stürzten sich auf einen der drei Gefährten.

Varo streckte zwei nieder, doch dann rangen ihn sechs andere Trolle vom Pony. Tralzio hielt zwei Angreifer auf Distanz, wurde schließlich jedoch gegen einen dicken Baum gedrängt.

Meloragh focht mit Ashorg selbst ohne das einer von beiden einen entscheidenden Vorteil erringen konnte.

Die magischen Schilde der Trollkrieger waren nicht unüberwindbar, aber sie hielten viel ab.

Der Ausgang des Kampfes schien klar.

Da erschütterte plötzlich eine gewaltige Explosion den Kampfplatz, deren Druckwelle alle Kämpfenden von den Füssen riss und für einen Moment betäubte.

Ein scharfer beißender Geruch stieg ihnen zugleich in die Nasen.

Benommen blickten Freund und Feind in eine Rauchkuppel, die den Berghang einhüllte.

Aus diesem drangen nun eine Vielzahl von gehörnten, tierischen Schatten angeführt von einer schamanisch wirkenden Gestalt, sprangen von den Felsen herab und umstellten sie.

~

Von den Krüppelbäumen um den Eingang herum, hatten sie Äste abgebrochen und damit ein Feuer entfacht, das ihr Bedürfnis nach Wärme erst einmal stillte.

Es gab eine kleine Terrasse, die man mit eindeutig in den Stein gehauenen Stufen erreichte. Hier bildete der Fels einen schützenden Überhang und trotzdem konnte der Rauch ganz gut abziehen.

Sie hatten kurz überlegt, sich dann jedoch dafür entschieden ein Feuer zu machen, denn es hielt wohl eher wilde Tiere ab und war in dem etwa eine halbe Stunde zuvor einsetzenden Schneetreiben kaum weit zu sehen.

Ihr Beschluss weiter in den Tunnel zu gehen stand fest, doch erst einmal mussten sie wieder etwas zu Kräften kommen.

Doch da sie gejagt wurden, durften sie auch nicht zu lange verweilen.

Schließlich löschten sie das Feuer wieder und brachen auf.

Ein Fackel benötigten sie nicht, denn das leuchtende Schwert wies ihnen den Weg.

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1 Utarsil: Was der Magier von Valtraon, zur Macht der Drachentränen, bei seinem berühmten Auftritt vor dem Elfenkönig Zinliam.
2 Slink: Eine Schneefuchsart, die im Kohr sehr häufig vorkommt.
3 Die 3 magischen Tore auf Arkur sind in Gasfrogan, Ravengor und Northrol. Weniger bekannt sind Celeb-draugh und S’kor on ukas.
4 Infalas-Traube: In Mengen giftig, wird auch als Heilpflanze (Wurzeln) gegen Wundfieber gerne verwendet.
5 Velrog: größter Raubvogel des Wenkohr

KAPITEL 2:

IL LORGONE

…als die hohe Welle über uns schlug
rief ich die Götter um Hilfe
doch das Tosen des Sturms
verschlang jede Stimme. 1

Rewihl betrachtete die dunklen Wolken am Horizont und mustert dann befriedigt die ersten Anzeichen von Wind in den Bugsegeln.

Wochenlang waren sie gezwungen gewesen, auf ihrer Flucht vor der Flotte des Herzogs von Coceon, der sich jetzt wohl König nannte, nach Süden zu fahren.

Doch die Rewihls‘ Glück hatte den Wettlauf gewonnen und war somit ihrem Ruf gerecht geworden, das schnellste Händlerschiff Adrohns zu sein.

Die Coceanischen Landratten verstanden nicht viel von der Seefahrt, wie sich schnell gezeigt hatte.

Ganz Adrohn war im Gegensatz zu Varaskon keine Seemacht.

Es gab kaum gute Kriegsschiffe.

In den Wirren des Clurak-Archipels war es seiner eingespielten Mannschaft daher gelungen auf jene, nur den besten Kapitänen bekannte, Route zur Chether Bucht zu steuern und die Verfolger abzuhängen.

Sie schlichen sich bei Nacht durch die Blockade der Kriegsschiffe vor der Hauptstadt und erreichten am Tag, als die Stadt fiel, die weiten unruhigen Wasser vor dem Megathfelsen.

Doch sie kamen zu spät um die königliche Familie zu retten, wie es ihnen der Aposger Priester Walbas aufgetragen hatte.

Rewihl war sehr betrübt darüber, denn er tat es nicht nur für das Gold der Apostraner, er hatte den alten König gemocht und seine Familie tat ihm leid.

Darum hatte er sich sofort zu der Rettungsaktion bereit gefunden, auch wenn das Risiko sehr hoch war.

Aber bei allen Wassergeistern, sie hatten immerhin eine wertvolle Beobachtung gemacht, denn im Schutz der Dunkelheit sahen sie ein anderes Schiff, dass überraschenderweise vor ihnen an der verabredeten Stelle vor Anker lag.

Zum Erstaunen Rewihls erkannte er selbiges Schiff, als das eines bekannten Korsaren von der berüchtigten Insel Sapaz.

Der größten, der südlich im Nathru-Quara liegenden, so genannten Affeninseln, da es dort von den Nulumars, den sogenannten „sprechenden Affen“ nur so wimmelte.

Sie beobachteten, wie ein Beiboot der Piraten eine gefesselten Person, wer es war, konnten sie nicht wirklich erkennen aber vermuten, vom Strand aus mit sich führte und sie auf ihr Schiff verfrachtete.

Rewihl beschlossen sofort, die Verfolgung aufzunehmen.

Erneut war es erwartungsgemäß schwierig durch die Küstenblockade, wohingegen man den Pirat erstaunlicherweise anstandslos passieren ließ.

Dies bestärkte Rewihl in der Annahme, dieser handele im Auftrag Coceons und er Gefangene musste daher eine wichtige Personen sein, es war ganz gewiss jemand aus der königlichen Familie.

In der unendlichen Weite des Nathru-Quara waren sie dann in eine tagelange Flaute geraten, durch die sie Kilometer für Kilometer Rudern mussten.

Der heutige Tag war ein Tag der Ruhe vor dem Sturm, der sich bereits ankündigte und Rewihl hatte seiner Mannschaft befohlen auszuruhen, denn auch die Verfolgten konnten bei dieser stillen See wenig voran kommen.

Aber er fragte sich, was ihr wahres Ziel war? Sie fuhren keinesfalls nach Sapaz, nein sie hielten direkt nach Süden auf die offene See hinaus.

Dort gab es aber nichts außer den Legenden von Seeungeheuern und Zauberinseln, die mal hier mal dort auftauchten. War es das, was sie suchten? Wussten sie um die wirkliche Existenz solcher Inseln?

Für Piraten waren sie natürlich schon immer ein ideales Versteck.

Ja, Rewihl war sich fast sicher, dass es sich so verhalten musste.

Was er tun wollte, wenn sie die Entführer einholten, war sich der Kapitän nicht recht im Klaren, einen offenen Kampf konnte er nicht riskieren, dafür war sein Schiff und seine Mannschaft nicht ausgerüstet, aber irgendetwas würde ihm schon einfallen, sobald klar war, was die Piraten eigentlich vor hatten.

~

Als Sorl wieder zu sich kam vernahm er erneut das Rauschen und dann verspürte er eine unangenehme Feuchtigkeit am ganzen Leib.

Er versuchte sich zu bewegen, aber da war etwas das seine Möglichkeiten einschränkte.

Er blickte sich resigniert im Halbdunkel welches ihm umgab um und stellte fest, dass er noch immer oder wieder angekette war. Aber zu seiner Überraschung war er keinesfalls alleine.

Die Geräusche anderer Menschen im Raum drangen gedämpft zu ihm durch.

Offenbar hatte er einen mächtigen Schlag auf den Kopf bekommen und die Besinnung verloren.

Wirre Träume hatten ihn geplagt. Aber auch wenn vieles aus diesen Träume nicht stimmte, so war zu seinem Leidwesen doch wahr, dass er noch immer gefangen war und zwar, wie er nun verwundert feststellen musste, offenbar im Bauch eines Schiffes.

Das eindeutige Schwanken konnte man kaum verkennen.

Er war außerdem nackt bis auf einen schmutzigen Lendenschurz, genau wie noch etwa dreisig oder vierzig andere Elende.

Hinter einem stabilen Eisengitter, was diesen Bereich von andern im Rumpf abtrennte, erkannte er jetzt mehrere bewaffnete Gestalten.

Schließlich bemerkte er, dass ihn der ihm am nächsten liegende Gefangene auf seiner linken Seite neugierig beobachtete.

Er schenkte ihm ein unglückliches Lächeln und dieser lächelte zurück.

Er war ein etwas kleinwüchsige aber sehr drahtige und dunkelhäutige Kerl, dessen Gesicht ein wilder Bart zierte mit schon einer Spur Grau darin.

Er nickte ihm nun zu und flüsterte:

„Wer bist du Junge?“

Sorl überlegte einen Moment, ein Zögern was den wachsamen Augen seines Nebenmanns nicht entging, dann sagte er:

„Meine Name lautet Tarvin, Tarwin aus Ekur.“

Der Ältere ließ ein geheimnisvolles Lächeln um seine Lippen spielen.

„Mm,“ brummte er dann jedoch, warst ziemlich lange nicht bei Bewusstsein nach dem sie dich an Bord geschleift haben. Ich bin Aros Petwas, früher Händler in Askalon. Kann dir leider nicht die Hand reichen, aber freut mich deine Bekanntschaft zu machen, Tarwin.“

Er wies mit dem Kopf zu seiner Linken.

Ein sehr großer bulliger Kerl mit dicken geflochten Zöpfen blickte mit grimmigen Gesicht zu ihnen hin.

„Das ist Rawulf, ein guter Mann aus Kargoll, wir hatten das Pech auf dem gleichen Schiff gekapert zu werden.“ Sagte Aros grinsend.

Sorl wandte den Kopf um und der Riese nickte zu ihm hinüber.

„Er kann nicht sprechen,“ ergänzte Aros, „sie haben ihm die Zunge raus geschnitten.“

Sorl schluckt.

Aros sa seine reaktion und lächelte. „Es gescha schon als er ein Kind war.“

Einer der Wächter vor dem Gitter schlug mit einem harten Gegenstand dagegen, so das Sorl zusammenzuckte.

Aros lachte leise. „Sie spielen sich gerne auf, diese Sklavenhändler.“

„Sklavenhändler!?“ Sorl erschrak und verspürte einen üblen Geschmack im Hals aufsteigen.

Aros nickte.

„So ist es Junge, unser Schicksal ist, wenn es nach ihnen geht besiegelt.“

Sorl warf einen raschen Blick nach allen Seiten, zwischen ihm und dem Mann zu seiner Rechten stand ein dicker Pfosten, so dass er ihn nicht richtig sehen konnte.

Er schloss kurz die Augen als ihn die nasse Kälte erneut zittern ließ und die Verzweiflung ihm den Hals zuschnüren wollte.

Als er sich wieder gefangen hatte, sagte er zu Aros:

„Wo bringen sie uns denn hin?“

Der Askaloner zuckte mit den Schultern.

„Keine Ahnung, wir sind schon ziemlich lange unterwegs, du warst der letzte Sklave den sie bisher an Bord brachten, seltsamerweise ganz alleine, wo war das?“

„Vor der Küste von Althear.“ Antwortete Sorl.

„Aber dort herrscht Krieg.“ Aros blickte ihn misstrauisch an.

„Sehr merkwürdig, dass sie sich dort hin gewagt haben.“

Er wandte sich erneut zu Rawulf um und sagte:

„Rawulf hier, ist ein erfahrener Seemann, er hat mir vorhin angedeutet, dass wir nun seit zwei Tagen nach Süden fahren, was wohl bedeutet aufs offenen Meer.“

Er gunzte.

„Noch etwas was sehr merkwürdig ist, denn in der Regel sollte man annehmen sie hielten sich küstennah, um Absatzmärkte ansteuern zu können. Aber vielleicht haben sie auch vor uns alle ins Meer zu kippen.“

Er lachte kehlig und fing sich wieder einen ärgerlichen Ruf von den Wächtern ein.

Er senkte darum wieder die Stimme blieb aber sehr mitteilungsfreudig.

Sorl lenkte es ein wenig ab und er war ihm darum dankbar.

Die nächsten Stunden verbrachte Aros also damit ihm seine eigene Gefangennahme in den übertriebensten Farben zu schildern.

Schließlich fragte Sorl: „Wer sind all die Sklaven? Waren sie auch auf Eurem Schiff“

Das Wort Sklave, das ihn mit einbezog, ging ihm nicht leicht über die Lippen.

Aros bemerkte es und spottete:

„Bist was Höheres gewesen was Junge, ich merke das sofort, du hast eine feine Haut und so eine gewählte Ausdrucksweise.“

Sorl schüttelte hastig den Kopf.

„Ich bin, ich meine ich war nichts besonderes.“

Doch er wusste dass es nicht sehr glaubhaft klang und Aros grinste.

„Ich war nur Knappe bei einem Baron, Baron Fertal von Franc, der dem alten König diente.“

„Mm,“ brummte der Varaskonier, „da hast Du wohl Pech gehabt? Aber da in Adrohn ohnehin alles auf den Kopf gestellt ist, bist du hier vielleicht noch besser dran, kommst bestimmt als Küchenhilfe in ein Dirnenhaus oder so.“

Er lachte und Rawulf schloss sich ihm stumm an. Sorl machte eine ärgerliche Miene.

Wie konnten diese Männer in ihrer Situation so gut gelaunt sein. Aros der offenbar erriet was Sorl dachte, schüttelte den Kopf.

„Hab dich nicht so ernst, es ist bloß Galgenhumor.“

Er räusperte sich.

„Nun, du wolltest etwas über die anderen Unglücklichen wissen? Also, viel weiß ich auch nicht, die Wachen ließen keinen lauten Austausch zwischen uns zu, aber die meisten wurden nach uns zu geladen, darum konnte man sich schon seinen Teil denken. Rawulf hier hat geschätzt, das es etwa auf der Höhe des Königreichs Luceria war.“

Rawulf bestätigte Aros Worte mit einem stummen Nicken.

„Ihre Aussprache des Varaskon, weißt du.“

Sorl musterte die Mitgefangenen, von denen einige unverwandt zurückblickten, andere hingegen ganz schicksalsergeben zu Boden starrten.

Sie wirkten auf ihn alle ziemlich unterschiedlich, was ihr Äußeres betraf und eher nicht wie Bewohner Adrohns.

Allerdings war er noch nicht weit außerhalb Althears herum gekommen, um das wirklich gut beurteilen zu können.

„Also, was glaubt Ihr wo sie uns hinbringen?“ Sagte er dann zu Aros gewandt.

Aros hob und senkte die Schultern wieder.

„Normalerweise würde ich auf Naukratis tippen, ein Hafen in Gokolin, wenn man den Gerüchten glauben kann sind dort immer viele Sklaven gefragt und keiner fragt woher sie kommen. Aber wie schon gesagt, dass wir so weit raus aufs Meer steuern, ist ungewöhnlich.“

So vergingen die nächsten Tage mit wenig Wasser und noch weniger Essen, unbequem angekettet und unzureichendem Schlaf.

Und die Nächte wo Sorl von zahlreichen grauenvollen Fantasien geplagt wurde und sorgenvoll Gedanken wälzte.

Sorl erschien seine Lage ziemlich hoffnungslos, vielleicht würde er als Sklave elend zugrunde gehen und seine Heimat nie mehr wiedersehen.

Aber wollte er das überhaupt?

Alle die, die er liebte, waren vermutlich tot. Zumindest musste er davon ausgehen, dass es so war, denn der Plan der Aposger für seine Rettung, war schließlich auch gescheitert.

Sein machthungriger Onkel war nun König und wenn er jemals zurückkehren würde, würde man ihn vermutlich sofort hinrichten.

Außer er käme an der Spitze eines Heeres. Aber wie sollte er das anstellen?

Auch das Schwert Menadir war verloren, er hatte es ins Meer geworfen.

Wo sein seit Jahren verschollener ältester Bruder Ferid, der eigentliche Erbe der Krone, war, wusste niemand.

Es gab noch seinen Onkel Arcad, Graf von Elberak, der jüngere Bruder seines Vaters. Er hatte immer zu Aplazal gehalten, doch vermutlich würde Elthor ihn ebenfalls beseitigen um jeglichen Thronanspruch von dritter Seite zu verhindern.

Es gab niemanden auf dessen Unterstützung der vielleicht letzte Prinz des Hauses Sherat hoffen konnte.

Und doch, Sorl ballte in der Dunkelheit die Fäuste.

Wenn es ihm jemals gelingen sollte diesem Martyrium hier zu entkommen, dann würde er zurückkehren und nicht ruhen, bis Elthor wieder gestürtzt war.

Er würde ihm das Königreich wieder entreißen, auch wenn er sich mit noch so vielen finsteren Mächten verband.

Sorl spürte wie ihm das Herz noch schwerer wurde und das Atmen nicht leicht fiel, bei diesen Gedanken, doch auch wenn er erst 15 Sonnen zählte, er schwor sich zu überleben und seine Herkunft nicht für immer zu verleugnen.

Auf dem Schiff gab es plötzlich Unruhe, was daraufhin deuteten konnte, dass etwas ungewöhnliches geschehen war.

Allerdings brauchte es einige Zeit, bis die Neuigkeit bis zu den Gefangenen im Rumpf durchgedrungen war:

Land!

Rawulf zuckte auf Aros fragenden Blick mit den Schultern, doch dann rief einer der Matrosen durch die Deckenlucke zu den Bewachern ein Wort herab, dass die Mienen seiner neuen Freunde erstarren ließ:

„Selai!“

„Was ist?“ Flüsterte Sorl. „Was ist Selai?“

„Das ist,“ Aros holte tief Luft, das… das kann nicht sein, das ist bloß eine Legende.“

Sorl grinste schief. „Offenbar nicht.“

Aros grinste schief.

„Wenn es diese Insel wirklich gibt, dann hätte ich auch darauf getippt, das es ein Piratennest ist.“

„Ein Piratennest?!“

Ein sehr dickleibiger Kerl direkt links von Rawulf angekettet, dessen Haare zu einem merkwürdigen Kranz gestutzt waren, hatte Aros offenbar zugehört und fuhr nun mit einem hysterischen Unterton in der Stimme dazwischen:

„Wisst ihr denn nicht wer auf dieser Insel lebt?! Die weißen Elfen, die Feiir! Sie werden uns an sie verkaufen, damit sie ihre dunklen Künste an uns ausprobieren!“

Sorl hatte im Schloss natürlich Volkskunde gehabt und sagte darum nun ganz spontan aber noch mit offenem Mund:

„Dort leben Dunkelelfen?!“

Aros wedelte energisch mit der Hand.

„Alles nur Märchen und Geschwätz alter Leute um kleine Kinder zu erschrecken.“

„Aber die Insel gibt es doch offenbar!“

Aros verzog den Mund.

„Vielleicht haben wir ihn nur falsch verstanden.“

Doch Sorl sah ihm an, das er das nur sagte um ihn zu beruhigen.

Als sie etwa eine halbe Stunde später von den Wachen rüde gestoßen, die Leiter durch die Deckluke ins Licht stolperten, hielt Sorl sich schützend die gefesselten Arme vor die Augen.

Er hatte einfach zu lange kein Tageslicht mehr gesehen, darum konnte er zunächst nichts erkennen, nicht das Schiff, kein Land und auch sonst nichts.

Doch Aros vor ihm hatte sich bereits daran gewöhnt und stieß nun einen leise erstickten Schrei aus.

Sorl zwang sich die Augen zu öffnen und wusste im nächsten Moment warum.

Die Insel war gigantisch.

Ein weiter Sandstrand zog sich die Küste entlang und dicht mit Urwald bewachsene Hügel bildeten ein eindrucksvolles Profil hinter dem hohe Berge im Inselinneren aufstiegen.

Direkt vor ihnen führte ein langer Holzsteg zum Ufer an welchem eine Stadt angesiedelt war, die fast zwischen den Bäumen zu verschwinden schien und doch in ihrer Pracht kaum zu übersehen war.

Schlanke Spitztürme schauten zwischen hohen Palmen hervor und golden glitzernde Kuppeln wurden mit schwebenden Brücken verbunden.

Auf den ersten Blick war klar, dies konnte keine Menschenstadt sein und was ihnen da auf der Landungsbrücke entgegen kam, dünne Gestalten mit langen weißblonden Haaren, das waren sicherlich keine Menschen aber auch keine Elfen wie er sie kannte.

„Feiir.“ Flüsterte Aros mit eisiger Stimme.

„Es stimmt also doch. Dies ist also ihre sagenumwobene Stadt Il Lorgon.“

~

Es geschah nun alles sehr schnell, die gesamten Gefangenen wurden ausgeladen und mussten am Pier Aufstellung nehmen.

Offenbar hatten die Piraten auch großen Respekt vor ihren Handelspartnern, denn die meisten von ihnen hielten sich weiter auf dem Schiff auf.

Nur der Anführer und einige Ausgewählte verhandelten mit den Feiir.

Sorl betrachtete die ungewöhnlichen Elfen fasziniert, während nun eine Abordnung der selben sich ihnen näherte.

Sie waren alle sehr groß gewachsen und trugen merkwürdige Stöcke an den Seiten, als wären es Waffen.

Ihre Haare durch seltsam geformte Helme verborgen, waren offenbar fast ausschließlich weiß.

Von einem der Verhandlungsführer auf ihrer Seite kam ein Zeichen und die Gefangenen wurden gepackt und man verband ihnen zu ihrem Unbehagen die Augen.

Ein beklemmendes Gefühl beschlich Sorl. Was würde nun geschehen?

Sie mussten dem Kommandos einer sehr melodischen aber völlig unbekannten Sprache folgen und wurden rasch vom Strand weg, über die hölzerne Stege und undefinierbaren Untergrund mitten in die Stadt geführt.

Sorl erkannte es an dem Stimmengewirr um sie herum und der Vielzahl der Gerüche.

Plötzlich ertönte ein neues Kommando und sie wurden angehalten und in fester Ordnung hintereinander aufgestellt.

Eine Hand griff nach ihm und Sorl hörte wie Aros mit einem Zittern in der Stimme flüsterte:

„Ich höre den Schmied, das kann nur eins bedeuten. Du musst jetzt tapfer sein Junge.“

Sorl hörte das dumpfe Hämmern nun auch und die Schmerzensschreie der Männer vor ihm.

Die Gedanken wirbelten ihm durch den Kopf wie brennende Feuerfunken.

Es gab keine Rettung, kein Entkommen mehr, sein Leben war verwirkt!

Er spürte wie eine Apathie von ihm Besitz ergreifen wollte, wie sein Gehirn versucht war sich abzuschalten und er kämpfte verzweifelt dagegen an.

Als eine raue Stimme ihn ansprach, schreckte er zusammen und spürte dabei die Tränen auf seinen Wangen.

Wut, über sich selbst, packte ihn.

Er versuchte sich zu fassen.

Die Stimme wiederholte was sie gesagt hatte.

Er verstand die Worte nicht, aber ihm war sofort klar, was sie bedeuteten.

Als man ihm die Augenbinde abnahm blinzelte er jedoch in ein schönes aber scharfkantiges Gesicht, das durch ein mit Edelsteinen verziertes Stirnband geschmückt war.

Im nächsten Moment wurde sein Kopf hart auf eine Holzbank herunter gedrückt und ein kalter Eisenring schloss sich eng um seinen Hals.

Der Schmid versetzte dem Verschluss einen schmerzhaften Schlag, so das Sorl aufstöhnte.

Man riss ihn sodann grob auf die Beine zurück und er wurde an einer, an seinem neuen Halsschmuck befestigten Kette zu einer Art Bühne gezerrt.

Dort standen die meisten seiner Mitsklaven bereits erneut aufgestellt.

Frierend, schmutzig und nackt.

Auch ihm wurde nun der Schurz heruntergerissen und er war somit in seiner Gänze, dem Blick einer großen Menge des Feiir Volkes preisgegeben, das offenbar gekommen war, um Sklaven zu erwerben oder einfach dem Schauspiel neugierig beizuwohnen.

Was nun geschah, erlebte er wie in Trance und die Schmach grub sich so tief in seine Seele, dass er spürte, das dieser Grimm ihn ewig antreiben würde sich zu rächen, wenn er jemals wieder frei kam.

Die Wut darüber, brannte in ihm wie Feuer und brachte ihn nun dazu das Geschehen bewusster wahr zunehmen.

Die Stadt war so fremdartig wie ihre Bewohner.

Überall glitzerte Gold und Silber und die Feiir vor ihm waren in reiche aber für menschlichen Geschmack, ungewöhnlich geschnittene Gewänder gehüllt und häufig mit glitzernden Steinen und Ringen geschmückt.

Manche trugen auch solche in Nase und Ohren.

Die allgemeine Pracht hätte jedem Adelshof von Adrohn zur Zier gereicht.

Die Dunkelelfen hatten zwar alle bleiche Gesichter und weißes oder was auch vor kam, wie er jetzt bemerkte, pechschwarzes Haar, aber ihre Tracht war kunstvoll genau darauf abgestimmt und unterstützte ihre fast schmerzhaft schönen Züge mit einer beinah magischen Eleganz.

Die Frauen erstrahlten in einer Aura von verzückendem Liebreiz bis hin zu etwas bizzar Abschreckendem, das sich schwer beschreiben ließ.

Die Auktion begann nun auf ein Zeichen eines in schwarz gekleidete Feiir, der um den hals eine rot-grün schillernde Perlenkette trug.

Ein breitschultriger Dunkelelf, der in der ersten Reihe stand, erwarb gleich mehrere seiner Leidensgenossen.

Auch Rawulf und Aros zählten dazu.

Sorl musterte betrübt wie sie abgeführt wurden, wobei ihm Aros noch kurz aufmunternd zuwinkerte und rief.

„Wir sehen uns wieder Junge!“

Sorl nickte, doch schon im nächsten Moment wurde er plötzlich an der Kette nach vorne gezogen.

Ein hochmütig dreinschauender Feiir mit einem langen fadenartigem Kinnbart musterte ihn skeptisch.

Er sagte etwas zu einer, mit faszinierenden Farben geschminkten jungen Elfe, die hinter ihm stand und diese nickte während sich ihr Blick mit dem von Sorl traf.

Noch nie hatte er ein schöneres und zugleich fremdartigeres weibliches Wesen gesehen, das wurde ihm sofort klar und er wurde sich gleichzeitig bewusst, dass er völlig nackt vor ihr stand.

Er musste errötet sein, denn ein verzauberndes Lächeln spielte nun um ihre, für eine Elfe sicher noch jugendlichen Lippen.

Sie und ihr Begleiter wechselten ein paar Worte, bevor dieser zu dem Autionär etwas sagte und dann wurde er von der Bühne geführt und ein Diener seines Käufers, er schien zu seinem ersten Erstaunen ein Mensch zu sein, humpelte auf ihn zu und legte einen groben Umhang um ihn.

„Wie heißt du?“ Brummte er dabei auf Endar. Das klang als habe er es lange nicht mehr benutzt.

Sorl zögerte einen Augenblick und die Augenbrauen des Dieners hoben sich fragend.

„Karvin,“ sagte er dann rasch.

„Komm mit Karvin!“ Sagte der Diener daraufhin mit unbewegter Miene.

„Du kannst dich glücklich schätzen, dass mein Herr dich erworben hat.“

Sorl funkelte ihn wütend an, war aber wirklich dankbar dass er nicht länger auf der Auktion hatte bleiben müssen.

„Wer ist sie?“ Fragte er darum den Diener, der ihn vor sich her trieb.

Dieser zog eine schiefe Grimasse.

„Sie?“ Er lächelte wissend. „Ihr Name lautet E’nondrie, das bedeutet, Licht des Mondes. Sie ist die Tochter des großen Sef’alin Sturmtrinker. Einer der sieben Zaubermeister von Lorgon.“

Sorl blieb mit offenem Mund stehen, doch der Diener gab ihm einen schmerzhaften Stoß in die Rippen und er taumelte fluchend weiter und schließlich mit dem Tross seines neuen Herren durch die überfüllte Stadt davon.

~

Der Sturm war so plötzlich da, dass sie kaum reagieren konnten.

Rewihl peitschte seine Mannschaft zum Äußersten um das Schiff und ihr aller Leben zu retten und doch schien es nur Glück oder der Wille der Götter zu sein, der sie am Leben hielt, während das Schiff wie eine kleine Holzschale auf den meterhohen Wellen tanzte.

Rewihl hatte schon viel erlebt, doch einen solchen Sturm noch nicht. Selbst hier draußen, denn so weit waren sie noch nicht raus, dass sie im Bereich der Legenden sich bewegten. Wo man von gewaltigen Luftgeistern und Seedrachen sprach. Oder vielleicht doch?

Auch war der Sturm so schnell über sie gekommen, dass es etwas von Zauberei hatte mit dem Ziel sie an der Weiterfahrt zu hindern.

Während der Kapitän sich an das Steuerrad klammerte jagten ihm solche verrückte Gedanken durch den Kopf und auch andere, die den Piraten galten.

Waren sie ebenfalls in diesem Sturm? Ein unbestimmtes Gefühl sagte ihm, das es nicht so war. Und wenn es ihnen jemals gelingen würde hier heraus zu kommen, dann würden sie das Schiff mit dem Gefangenen nicht wieder finden.

Plötzlich hörte Rewihl ein dumpfes Knarren über sich. Es war ein Geräusch, das er noch nie gehört hatte aber das er trotzdem sofort erkannte.

Er blickte voll düsterer Ahnung hoch in die Takelage und sah den Riss sofort, der sich am mittleren Mastbaum empor fraß. Es dauerte nur wenige Augenblicke, dann stürzte der Mast wie in Zeitlupe herab.

Er hörte die Entsetzensschreie seiner Mannschaft durch das Tosen des Windes hindurch deutlich.

Das ist der Anfang vom Ende der Rewihls’Glück dachte er.

~

Sie erreichten hinter dem Hafen nach wenigen Straßen ein gewaltiges Gebäude in der Mitte der Stadt.

Menschliche Diener, oder waren sie auch Sklaven, öffneten ein riesiges hölzernes Tor und ließen den Tross hinein.

Im Inneren gab es mehrere Gebäude, einige eindeutig Wirtschaftshäuser, Stallungen, eine große Scheune und ein beeindruckend großes mit Erkern und Winkeln verziertes Haupthaus.

Alles auf sehr weitläufigem Gelände, das man von außen hinter den dicken Mauern kaum vermuten würde.

Die Sklaven wurden sofort in Richtung eines schmalen, gedrungenen Hauses geführt, während der Hausherr und sein Gefolge, bis auf die Wachen dem Haupthaus entgegen steuerten.

Sorl schlurfte unglücklich hinter den fünf anderen neuen Sklaven her und als sie das Haus erreicht hatten trat ihnen ein gedrungener, stämmiger Elf entgegen.

Sorl fand seine Gestalt sehr ungewöhnlich im Vergleich zu den hoch gewachsenen Feiir die er bisher gesehen hatte. War er vielleicht ein Mischling?

Der Haushofmeister musterte die neuen Sklaven mit offensichtlich geringschätziger Miene.

„Nun gut,“ sagte er schließlich, mit tiefer kratziger Stimme, nachdem er sie der Reihe nach abgeschritten hatte.

„Jedes mal bringen diese Seeratten schlechtere Ware. Aber es ist mir noch immer gelungen aus solchen faulen Burschen wie euch, ordentliche Diener zu machen.“

Er nahm eine Liste zur Hand und rief ihre Namen auf.

Für jeden verkündete er zudem den Arbeitsplatz an welchem er sich von nun an zu verdingen habe.

Sorl spürte den eisernen Kragen drückend um seinen Hals und ließ den Blick suchend nach einem Ausweg im Hof herumschweifen.

Dabei hört er wie der Haushofmeister sagte:

„Zilote in die Küche, Merling Holzmühle, Kargis Hühnerstall, Jasuf in die Schmiede…“

Jedes mal wurde einer seiner Leidensgenossen von einem der Wächter fortgeführt.

Schließlich blieb Sorl bis ganz zuletzt übrig und erwartete zähneknirschend seinen Einsatzort.

Der Elf jedoch zögerte und warf einen überraschten Blick über die Schulter.

„Karvin, Frauenhaus!“

Sorl bemerkte wie sich hinter dem Haushofmeister, der nun ein verärgertes Gesicht machte, eine weibliche Gestalt aus dem Schatten löste und auf sie zuging.

„Nimm ihm die Fesseln ab.“ Sagte die dunkelhaarige, etwa mittelalte Elfe nun mit fester melodischer Stimme.

Sie trug einen schön geflochtenen Lederwams und an der Seite einen leicht gebogenen Stab im Gürtel, wie er sie bereits bei mehreren der Dunkelelfen bemerkt hatte.

Schwerter kannten sie offenbar nicht.

Der Haushofmeister tat zähneknirschend wie geheißen und Sorl rieb sich erleichtert die Handgelenke.

Dunkelgrüne Augen blitzten ihn an, während ihr schwarzes Haar in einem langen Zopf geflochten bis zu ihrer Taille hinab fiel.

„Mein Name laute Rale, Folge mir!“

Sagte sie knapp und zu seiner Verblüffung in deutlichem Endar, dann ging sie voraus in Richtung des Haupthauses.

Sorl atmete tief und versuchte mit ihr Schritt zu halten, was nicht so einfach war, da ihre langen Beine raumgreifend ausschritten.

Sie umrundeten das große Haus und zu Sorls Überraschung öffnete sich dahinter ein scheinbar endloser Park mit gewaltigen Pflanzeninseln, bestückt mit ungewöhnlichen Bäumen und Sträuchern, wie sie Sorl noch nie gesehen hatte.

Sie folgten einem mit Statuen bestandenen Kiespfad und gelangten nach einigen Schleifen und Windungen vorbei an verzierten Brunnen und verträumten Teichen, einem hölzernen Pavillon und Gehegen mit merkwürdigen aber friedlich grasenden Tieren, die auf der Schnauze ein prächtiges Geweih trugen und schneeweißes Fell hatten, schließlich an ein Haus, in dessen Inneres man hinein sehen konnte.

Sorl blieb vor Erstaunen einfach stehen. Das Haus bestand offensichtlich weder aus Holz noch aus Stein. Seine Führerin bemerkt schließlich sein Zögern und ein flüchtiges Lächeln huschte über ihr Gesicht.

„So geht es allen Hum,“ sagte sie mit einer weicheren Spur in der Stimme. „Das Haus ist aus Glas.“

Sorl blickte sie fragend an.

Sie sprach wie bisher, im gebrochenen Endar, doch dieses eine Wort war wohl aus ihrer Muttersprache entnommen.

Sie hatten inzwischen die Schwelle des Hauses erreicht und die Feiir schob vor ihm eine der durchsichtigen Wände zur Seite.

Dahinter war eine hölzern verzierte und mit grünem Tuch ausgeschlagene Eingangshalle.

„Ich bin Rale L’emurin,“ sagte sie jetzt schließlich, „erste Dienerin der Herrin des Mondes und das,“ sie wies auf einen glatzköpfigen Menschen, der soeben durch einen Vorhang aus einem der hinteren Räume gekommen war, „das ist Theobal Halgas, Großmeister der Sklaven des Frauenhauses.“

Der so benannte verneigte nur knapp sich vor der Dienerin. Er trug eine blaue Scherpe über dem nackten Bauch, dessen Nabel ein Ring zierte und weite rote Hosen bis zu den Knien. Seine Füße steckten in glitzernden Muschel-Sandalen.

Dann grinste er Sorl mit gebleckten ungewöhnlich gepflegten Zähnen an.

„Oho, Bursche, wir haben lange niemanden mehr zugeteilt bekommen, du kannst dich glücklich schätzen.“

Er lachte und zwinkerte mit einem Auge, das andere war hingegen von einer Klappe verdeckt.

„Die Herrin hat wohl, genau wie ich, wenigstens ein Auge auf dich geworfen was?“

Er lachte schallend.

Sorl brummte ärgerlich, doch Rale gab ihm nun unmissverständlich zu verstehen, dass er Theobal folgen solle, während sie selbst durch einen Vorhang im Nebenraum verschwand.

Sorl blieb schließlich nichts übrig als zu tun wie ihm geheißen wurde.

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1 Seemannsgarn aus „Die Fahrt nach Nirgendwo“ von Toran Halriq.

KAPITEL 3:

ELEUR

Wenn wir glauben was wir sind
Sind wir was wir glauben
Manchmal sind wir schon als Kind
Adler und nicht nur Tauben.
1

Sorenn hatte sich zunächst nach Zacynos gewandt, in der Hoffnung von dort ein Schiff zu bekommen und nach Silvon, der Hauptstadt des Königreiches Therolis zu gelangen, um dann weiter nach Nevlon gehen zu können, in den Schutz des Ordens der Magier ihrer Mutter.

Der Landweg war zu gefährlich, dass hatte sie von den Wächtern gehört, als sie und Silera in der Zelle der Burg von Elberak auf ihr Todesurteil warteten.

Die Festung an den West- und Südrenzen der Grafschaft, hatte der Verräter Cloestin längst unter seine Kontrolle gebracht und auch hier in der freien Hafenmetropole Zacynos konnte sie sich nicht vor seinen Spitzeln sicher fühlen.

Die Tränen stiegen ihr erneut in die Augen als sie an die Geschehnisse der vergangenen Tage zurück dachte.

Ihre Schwester Silera war wirklich tot und nur mit viel Glück war es ihr selbst gelungen diesem Albtraum lebend zu entkommen.

Wahrscheinlich war sie die einzige Überlebende des Hauses Warage, dachte sie, obwohl sie im Stillen hoffte, dass vielleicht ihre andere Halbschwester, Tanystra, die in Helovar kämpfte, noch am Leben war.

Wie hatte es nur dazu kommen können?

Ihrem Vater hatte die Krone nie etwas bedeutet, das wusste sie und er war stets zufrieden gewesen mit seiner Grafschaft und seiner Rolle als dritter Prinz des Reiches.

Ihr Onkel Elthor, so mussten sie vor Monaten erfahren, war es nicht. Aber warum?

Sorenn hatte mitbekommen, dass es Krieg gab, doch erst der Verrat Cloestins hatte ihr und Silera schmerzhaft deutlich, vor Augen geführt, das dies mit Tod und Verlust zusammenhing.

Das plötzlich ihr eigenes Leben bedroht war.

So war es einem Albtraum gleich, was nach dem Abzug der Ritter geschah.

Es kam zu einer erbarmungslosen Hatz gegen alle Elfen und Chai.

Wäre da nicht Tunum der Hofmagier gewesen, der sein eigenes Leben opferte um die Töchter seines Herren zu retten, sie wäre selbst längst ebenso tot wie ihre Schwester.

Ja, auch wenn sie eigene magische Talente besaß, es hätte ihr nichts genützt.

Sorenn schlang ob der Erinnerung fröstelnd den Umhang um sich, während sie auf einer Bank am Kai von Zacynos hockte und mit nur geringer Hoffnung die ankommenden Schiffe beobachtete.

Es gab zwar einen Stadtpalast der Familie in Zacynos, doch sie traute sich nicht ihn aufzusuchen.

Nervös strich sie sichzum wiederholten Mal das Haar aus der Stirn.

Sie trug die Kleidung eines einfachen Landjunkers, hatte sich die Haare selbst gestutzt und ihre fraulicher werdenden Züge mit Straßenstaub verwischt.

Was sollte sie bloß tun, wohin sich wenden?

Sie hatte auch nicht genügend Münzen oder sonst etwas womit sie eine Reise auf einem der großen Handelsschiffe bezahlen konnte, die hier im Hafen lagen.

Sie konnte es nur als blinder Passagier versuchen und dass war lebensgefährlich.

Ihre Gedanken schweiften während sie darüber grübelte erneut zurück zu jener Nacht ihrer Flucht aus Elberak, die sie seitdem, immer und immer wieder durchlebt hatte.

Mit unglaublichen Brutalität waren Cloestin und seine Männer vorgegangen.

Schon eine Stunde nachdem sie den Tod ihres Vaters erfahren hatten, hatte der neue Herrscher der Stadt befohlen die Prinzessinnen aus ihren Gemächern in den Kerker zu schaffen.

Sie waren völlig überrumpelt worden und hatten daher keinerlei Zeit gehabt zu fliehen oder sich zur Wehr zu setzten.

Silera, die Ältere von ihnen, war außer sich vor Wut gewesen und hatte versucht die Wachen davon zu überzeugen, ihr zu gehorchen.

Aber sie hatte keinen Erfolg damit gehabt. Cloestin hatte die Männer gut ausgewält.

Sie selbst hatte geschwiegen und gehofft.

Doch hatte sie im Grunde ihres Herzens, durch das Gespräch mit ihrem Vater am Vorabend, gewusst dass es für sie nur eine Rettung gab und das war Tunum.

Der Hofmagier und Vertraute ihres Vaters musste so schnell wie möglich von ihrer Gefangennahme erfahren, dann würde er alles versuchen sie zu befreien, da war sie ganz sicher.

Sie probierte es daher mit einer telepatischen Nachricht.

Eine Fähigkeit die er, der ihre magischen Talente im Geheimen fördern sollte, ihr beigebracht hatte.

Doch den ganzen Tag über, in dem sie im feuchten Verlies saßen, geschah zu ihrem größten Verdruss nichts.

Einzig hörten sie die Wachen schadenfroh darüber reden: „…dass es jetzt ein Ende mit den Halbblütern habe, dass sie alle einem göttlichen Opfer überführt würden… und das auch ihre ältere Schwester, Tanystra auf Helovar bald erledigt sei …“

Ihre Herzen gefroren und sie hatten sich schließlich verzweifelt aneinander geklammert um sich gegenseitig Trost zu spenden.

Am Abend dann wurden sie jedoch, zu ihrer Überraschung, in Ketten vor Cloestin gebracht.

Verächtlich blickte der neue Herr von Elberak auf sie herab.

Die ihn umlagernde Schar seiner Anhänger johlte und lachte, als sie die abgerissenen Garfenkinder sahen.

Cloestin gab unumwunden den Mord an ihrem Vater zu und sie waren erneut in Tränen ausgebrochen.

Dann verkündete er genüsslich ihr eigenes Todesurteil.

Am Mittag des nächsten Tages sollte es vollstreckt werden.

Doch bevor sie wieder weg geschafft wurden, hatte Sorenn sich verstohlen in der großen Halle umgesehen.

Das große Wappen des Hauses Warage, der Baum auf dem Berg, die alten Trophäen und Gemälde waren verschwunden oder zerstört.

Stattdessen war ein großes Standbild Tokayias errichtet worden, das finster wie ein zum Sprung bereiter Basilisk, auf die Anwesenden herab stierte.

Ihr war übel geworden vor Abscheu.

Schließlich hatte man sie beide zurück in ihren Kerker geführt und in dieser Nacht kam er.

Mit seinem Dolch tötete der Magier die Wächter und öffnete ihr Verlies.

Dann führte er sie durch einen verborgenen Geheimgang auf dem Weg durch den Garten des Burgpalas um von dort aus in die Stadt zu gelangen und weiter.

Es war scheinbar ihre Rettung, doch ein unvorhergesehener Zufall brachte doch noch die Katastrophe über sie.

Im Garten, welcher wild und unschuldig da lag, hatte ein Trupp von Cloestins Meuchlern ihr Hauptquartier aufgeschlagen.

Sie hatten den Sieg über die Chai etwas zu heftig gefeiert und waren schließlich einzeln an verschiedenen Stellen ihrem Suff erlegen.

Während die Ausreißer nun möglichst leise zwischen den verbliebene Bäume und Sträucher hindurch geschlichen waren, übersah Silera tragischer Weise das Bein einer in einem Busch liegenden Gestalt und der Lärm der entstand, als der Säufer ihrer gewahrte, hätte einen Riesen geweckt.

Nicht alle der Betrunkenen kamen schnell auf die Beine, aber genug, um ihnen den Weg zu versperren und die Wachen auf den Mauern zu alarmieren.

Silera starben im Pfeilhagel, Tunum streckte viele nieder, doch dann trafen Tempeldiener Tokaias ein und er wurde niedergerungen.

Sorenn wusste nicht ob er tot war.

Nur ihr selbst war es gelungen, da sie einige Schritte voraus gewesen war, im Durcheinander des Kampfes in die Deckung gewaltiger Federfarne zu gelangen die es zahlreich im Palastgarten gab.

Sie war in ihrer Panik jedoch ebenfalls gestolpert und nach dem schmerzhaften Sturz einen kleinen Abhang hinab, mitten in einem der verborgenen Fischtümpel gelandet, der von überhängenden Tropfweiden fast völlig verdeckt wurde.

Das war ein Glück für sie gewesen, denn sie kannte den Garten sehr gut und hatte ihr Wissen nun geistesgegenwärtig genutzt.

Obwohl die Gefahr sie kaum hatte klar denken lassen und die Tränen um ihre Schwester wie Wasserfälle ihre Wangen herab gelaufen waren.

Sie hatte verzweifelt überlegt und schließlich war es ihr eingefallen.

Es gab einen kleinen Bach, so war ihr eingefallen, der aus einer Grotte im Südteil entsprang.

Quer durch den ganzen Garten verband er alle Tümpel miteinander, um schließlich den Palastbereich durch ein sehr schmales Rohr, das unter der Mauer mit einem Gitter versperrt war, dessen Stäbe aber für ihre schlanke Gestalt weit genug auseinander lagen, zu verlassen.

Sie war dem Bachlauf so leise und schnell wie möglich gefolgt und so war es ihr tatsächlich gelungen zu entkommen.

Völlig durchnässt und verzweifelt war sie eine Zeit lang durch die Stadt geirrt, sich immer wieder rasch in eine dunkle Gasse flüchtend, wenn die Schergen des neuen Herren von Elberak vorbei gestürmt waren.

Die Stadt war in heller Aufruhr gewesen.

Hier und da gab es Kämpfe auf offener Straße und mehr als einmal war sie an Verletzten vorbei gekommen um die sich niemand kümmerte.

Viele davon waren Chai wie sie gewesen und Übelkeit überkam sie noch heute bei der Erinnerung daran, welches Leid Elberaki anderen Elberaki zugefügt hatten.

Schließlich war ihr doch endlich jemand eingefallen, zu dem sie hatte gehen können.

Elam Federhand der gräfliche Schreiber, Bibliothekar und ein alter Freund ihres Vaters lebte in der Sefalang2-Bibliothek am nördlichen Ilume-Ufer.

Sie hatte sich, als ihr diese Möglichkeit eingefallen war, sogar ganz in der Nähe befunden und sie hatte erneut Glück gehabt.

Elam war überrascht, aber auch erfreut sie noch am Leben zu sehen.

Auch er war ein Chai und hatte darum fürchten müssen, bald selbst in die Schusslinie der neuen Herrscher zu geraten.

Er hatte ihr rasch neue Kleider besorgt, außerdem Ausrüstung und Proviant für die Flucht.

Sie hatte gebettelt sich bei ihm verstecken zu dürfen oder dass er sie begleiten möge, doch der Bibliothekar hatte es abgelehnt seine Schätze zu verlassen und hielt die Bibliothek für keinen sicheren Ort.

Nach einigen Tagen war die Gefahr immer größer geworden entdeckt zu werden, die Schergen Cloestins durchkämmten bereits die Häuser in der Umgebung.

Sorenn war daher nichts anderes übrig geblieben, als auch von dort zu fliehen.

Es gelang ihr über einen Geheimgang, den sie zuvor nur ein einziges Mal betreten hatte.

Vor etwa einem Jahr, gemeinsam mit ihrem Vater. Es war ein Gang der von der Bibliothek direkt zum Palas der Burg führte.

So hatte sie erfahren, dass er auch einen Abzweig in den Ilume-Wald hatte der hinter der nördlichen Stadtmauer lag.

Als Elam sie den Weg hinaus noch ein Stück begleitete hatte, hatte sie ihn noch einmal danach gefragt, was sie im Jahr zuvor hier im unterirdischen Teil seiner Bibliothek gesehen hatte.

Es war ein Raum gewesen, in dem sich keine Schriftrollen befanden, wie sie es kannte, sondern glatte beschriebene Blätter, die aneinander gebunden waren und sich, zusammengehalten von einem Lederumschlag blättern ließen.

Bücher, hatte Elam dieses Schriftblätter genannt und Sorenn hatte sie wie Wunderwerke bestaunt.

Es ist ein Schatz aus einer anderen Zeit, hatte er damals gesagt.

Der Bibliothekar hatte nun ob ihrer Neugier gelächelt und sie beruhigt, niemals werde Cloestin diesen Schatz bekommen.

Doch Sorenn hatte in Wahrheit die Sorge in seinen Augen gesehen und bedauert, dass sie wohl niemals mehr die Gelegenheit würde bekommen, mehr über diese wundersamen Bücher zu erfahren.

~

Hauptmann Dettrin fühlte sich längst nicht mehr so wohl in jener glänzenden Rüstung wie in früheren Zeiten.

Sein knochiger, abgezehrter und zweifellos alter Körper, war in den letzten Jahren die meiste Zeit noch den weichen Lederwams gewöhnt gewesen.

Die beunruhigenden Nachrichten aus Elberak, waren zudem wenig dazu angetan seine Stimmung zu heben.

Er konnte es nicht wirklich glauben, aber Cloestins Boten sprachen davon, das dieser die Schuldigen für das Attentat gefunden hatte und es waren nach den Worten seiner Nachricht, die Chai.

Cloestin sprach von einem finsteren Komplott der Halbelfen gegen den Grafen und dass er sich der Sache annehmen werde.

Aber die schlimmste Nachricht war, dass die jüngsten Töchter des Grafen ebenfalls von den Chai ermordet worden seien.

Der alte General wusste, dass wenn diese Nachrichten unter seiner Truppe bekannt wurden, diese die Moral sichtlich untergraben und Menschen und Chai gegeneinander aufbringen würde.

Aber er konnte sie auch nicht verschweigen, zumindest Lady Tanystra, die wenn es stimmte nun die letzte Tochter des Grafen und somit neue Herrin über Elberak war, musste sofort davon erfahren.

Aber wie sollte er es ihr sagen?

Der zum ersten mal im Jahr gefroren Boden, knirschte unter den Hufen seiner braun gefleckten Stute und die Steigbügel mit der Silberverzierung klirrten, als er sich darin aufrichtete.

Sein Blick wanderte über das Flussdelta in welchem die Burg Helovar lag und darüber hinweg zu den im Nebel liegenden Gipfeln des Notawenkohr.

Zur Rechten die dunkle Masse der Rohul-Marschen und auf der Ebene vor den Mauern der Festung, die einst Graf Leopan von Warage gegen die Überfälle der Troglion, der Echsenmenschen die sich selbst S’edarcs nannten, erbauen ließ, waren die Zelte der Feinde inzwischen ohne Zahl.

Vielleicht war es auch sinnlos, die junge Gräfin damit zu beunruhigen, denn das Haus Warag würde ohnehin hier und jetzt untergehen.

Warum also das wenige an Hoffnung, das die frischen Truppen aus Elberak mitgebracht hatten, zerstören?

Der alte Mann zog fröstelnd den Mantel um die Rüstung und doch wusste er, dass es nicht etwa die Kälte war, die ihn so heftig frieren ließ, es war die Hoffnungslosigkeit, in welcher solch ketzerische Gedanken in ihm Wurzeln schlugen.

Er seufzte und beobachtete wie ein einzelner Späher auf einem gescheckten Pferd über die Brücke jagte und schließlich den Hügel auf dem er stand in kürzester Zeit erreichte.

Er bremste seinen Ritt so knapp vor Dettrin ab, dass dessen Ross leicht scheute. Der Hauptmann hob missbilligend die Augenbrauen.

„Was gibt es Mann?“

Der Reiter, wohl kaum zwanzig Lenze zählend, machte ein Zeichen der Ehrerbietung und holte tief Luft.

Dann stieß er gepresst hervor:

„Es steht schlecht um Helovar, Herr.“

Dettrin blickte in die sorgenvollen braunen Augen.

„Wo kommt er jetzt her?“

„Direkt aus dem Tal der tausend Wasser.“

Antwortete der Reiter noch immer leicht atemlos.

„Sie kommen also auch aus den Rohul3?“ murmelte der alte Soldat.

Der junge Ritter nickte.

„Es sind viele …, S’edarcs auf großen Ictiacs4 und außerdem weitere, tausende Lanzen aus Coceon.“

Dettrin nickte düster und schmunzelte innerlich über den zornigen Unterton des Mannes.

So viele gute Männer, wie dieser Junge, würden sterben, dachte er.

Ein Zittern ergriff seine gichtigen Knochen und Wut stieg in ihm auf, die die Verzweiflung überlagerte.

Doch zuvor würden sie kämpfen, kämpfen und der Armee dieses wahnsinnigen Thronräubers großen Schaden zufügen.

Das würden sie.

„Herr,“ sagte der Bote sichtlich verwirrt und trat nervös von einem Fuß auf den anderen, während er beobachtete, dass sein Anführer gedankenverloren ins Tal blickte.

„Herr, ich soll euch noch ausrichten, dass die Herrin Tanystra im Kommandozelt auf euch wartet.“

Dettrin nickte und hielt den Kempen, der gerade sein Pferd wenden wollte am Arm.

„Was sollen wir tun, deiner Meinung nach?“

Der Junge zögerte nur einen Moment, überrascht dass er gefragt wurde, dann sagte er mit leicht belegter Stimme, was dem scharfsinnigen Alten nicht entging:

„Angreifen Herr!“

Dettrin nickte langsam.

„Ja,“ sagte er dann, „das werden wir, das Warten ist das schlimmste.“

Er nickte ihm zu, zu gehen.

Ganz langsam wandte er seinen Blick von dem Geschehen vor den Mauern ab und wollte gerade sein Pferd zur Burg hin wenden, als ein hoher Schrei aus dem Lager zu ihm empor drang, der ihm das Mark in den Knochen gefrieren ließ.

Er erkannte die Stimme sofort.

~

Nach der Genesung Garfins, hatten sie sich entschlossen zunächst gemeinsam nach Süden zu reiten, die Spur der Gefährten war zu kalt und Sherg erschien die Möglichkeit einen Teil der königlichen Familie zu Hilfe zu eilen ebenso wichtig.

Auch wenn, wie er fürchtete, ihrer beider Genesung zu viel Zeit gekostet hatte.

Darum trieben sie jetzt ihre Tiere zu äußerster Eile an, während sie nach Süden sprengten, auf den das Land in Nord und Süd teilenden Lauf des Lovahre zu.

Sie hatten Welhorg bei Nacht umgangen und wollten noch vor dem Morgengrauen bei Senon die breite Furt erreichen um nach Warage überzusetzen.

Von Bauern und Flüchtlingen wussten sie, dass um Helovar eine Schlacht tobte und sie hatten keineswegs die Absicht zu dicht daran vorbei zu kommen.

Nein, ihr Ziel lag weiter im Süden, die Hafenstadt Zacynos, denn das war auch das Ziel der beiden verbliebenen Erben des Hauses Sherat.

Wenn Meloragh Recht hatte und sie schnell genug waren, konnten sie, sie vielleicht noch erreichen und sie unter ihren Schutz nehmen.

Eventuell konnte Garfin sie nach Fejan bringen und Sherg würde nach Peweront, zu seinem Sohn weiterreiten, um die Sentir zu mobilisieren und nach Adrohn zu führen.

Sie erreichten schließlich die Furt und jagten durch den Fluss.

Noch war Zacynos viele Tagesritte entfernt, darum spornten sie ihre Tiere weiter zu äußerster Anstrengung, wenn sie Elberak am Abend erreichen würden, war Zeit für eine kurze Rast unter Freunden.

Doch sie mussten auf der Hut sein, schließlich wussten sie nicht ob die Gerüchte über Graf Arcads Tod vielleicht doch stimmten.

~

Der Magier Moregh betrachtete finster den Verlauf der Vorbereitungen auf die Schlacht.

Der Geflügelte würde zufrieden sein mit ihm, mehr noch, war er es auch mit sich selbst.

Endlich konnte er seine ganze Macht und Größe zur Geltung bringen.

Er hasste die Menschen inzwischen, auch wenn er selbst mal einer von ihnen gewesen war, in einer Vergangenheit die so weit in ihm begraben lag wie der Anfang der Zeit.

Der einzig wahre Weg des Lebens war Ont’c zu dienen und ihm ähnlich zu werden.

Lange hatte er sich im Verborgenen gehalten und auch Sul’rir täuschen können.

Er lachte finster.

Mit der Macht der Feenkönigin hatte er nun endlich die Möglichkeit sie alle zu vernichten.

Er bewunderte ihre magischen Kräfte aber er verachtete die Feen nicht weniger als die Menschen.

Doch sie war ihm nützlich für den Dienst an seinem wirklichen Herren.

Er lächelte grimmig.

Noch war er ein Diener zweier Mächte aber bald schon würde er Fürst der Drachenpriester sein und seine Macht die ihre weit übersteigen.

Ont’c würde ihm außerdem noch mehr Macht verleihen, wenn er sich als würdig erweisen würde.

Er atmete die klirrende Winterluft zischend wie ein Reptil aus, das er ja bereits fast war.

Wenn Warage gefallen war, dann würde bald ganz Adrohn unter seiner Kontrolle sein.

Er grunzte verächtlich und strich sich das schon leicht ergraute lange Haar aus dem bereits schnauzenartigen Gesicht.

Dieser schwache König würde nicht lange regieren, denn Dionel hatte eigene Pläne, sobald es niemanden mehr geben würde, der das Schwert gegen sie erheben konnte.

Vielleicht war es auch bereits geschehen.

Vielleicht hatte sie den armen Toren, der seine eigene Familie verriet, bereits getötet?

Moregh schürzte zweifelnd über seinen eigenen Gedanken die Lippen.

Nein, noch nicht und außerdem musste es listig geschehen, so dass das Volk an eine Tragödie glaubte.

Dionel wusste was sie tat, da war Moregh sicher.

Er schüttelte die Gedanken ab um sich wieder auf das Geschehen zu konzentrieren.

Verschlagen lächelte er ob der aufkommenden Erinnerung an die Meldung seiner Späher am Vortag.

Sie hatten die Spur der geflohenen Königskinder in einer Höhle am Eleur-See gefunden und jagten sie nun Richtung Zacynos.

Es war nur noch eine Frage der Zeit, bald konnte er seiner Herrin ihre süßen kleinen Köpfe präsentieren und dann würde er in ihrer Gunst noch weiter aufsteigen.

~

Torgast spürte die Müdigkeit, die ihm in allen Gliedern steckte, doch er durfte nicht nachlässig in seiner Aufmerksamkeit werden, denn die Verfolger waren unnachgiebig.

Er bewunderte die beiden Mädchen inzwischen außerordentlich, denn auch sie hielten den Strapazen bisher unermüdlich stand.

Ebenso wie Aloe, allerdings war die Dienerin des Aposg inzwischen fast am Ende ihrer Kräfte.

Als sie vor zwei Tagen bemerkten, dass sie offensichtlich in eine Falle laufen würden, waren sie umgekehrt und nun wieder auf dem Rückweg nach Eleur.

Die Handelsstraße nach Zacynos und auch alle Schleichwege waren übersät mit Trollkommandos, Flüchtlingen und schleichenden Spähern.

Torgast zweifelte nicht daran, dass sie auch auf der Suche waren nach ihnen.

Irgendwie hatten Elthors Schergen wohl erfahren wer hier vor ihnen floh, oder sie ahnten es zumindest.

Die einzige Möglichkeit hatte darin bestanden umzukehren, denn das so hoffte er, würden sie zunächst nicht erwarten.

Aber wohin sollte er die Prinzessinnen bringen?

Sie konnten nicht zurück zur Höhle am See und auch Eleur war inzwischen von den Truppen Coceons eingeschlossen, vielleicht war es sogar bereits eingenommen.

Der Gedanke beunruhigte ihn doppelt, denn es bedeutete, das Helovar wohl ebenfalls gefallen war oder seine Verteidigung kaum mehr nutzte.

Einzig die Magierstadt Valtraon war nun noch in ihrer Reichweite und verblieb ihnen als letzte Hoffnung.

Sicher war es auch nicht leicht an Eleur vorüber zu kommen, aber welche Wahl hatten sie schon?

Es gab am sumpfigen Ufer von Valtraon, jedoch keine Möglichkeit für Hochsee taugliche Seegler anzulegen, das wusste er und früher oder später würde auch Valtraon, totz seiner magischen Waffen, sich den neuen Herrschern ergeben müssen oder in Flammen aufgehen.

Daher hatte Torgast inzwischen ein anderes Ziel.

Es war einen tollkühner Plan, aber vielleicht konnte er gerade darum gelingen, weil der Feind nicht damit rechnete.

Es gab einen Pfad durch die Zakrat-Sümpfe über den Asthric-Pass hinüber nach der Ebene von Chapasan. Wenn sie es schaffen würden dort hin zu kommen, dann gab es vielleicht eine Möglichkeit über die weite unbesiedelte Grassteppe des „Tempellandes“, Laraven oder sogar Worlen zu erreichen.

Aber das war ein sehr weiter Weg und nach einem Seitenblick auf seine Schutzbefohlenen, legte sich eine nagender Zweifel auf seine Brust.

Torgast atmete tief durch. Die Wahrheit war, dass er eigentlich nicht mehr wirklich daran glaubte, das sie entkommen konnten.

Er musste es sich eingestehen.

Trotzdem trieb er die Pferde voran, die schneller als gewöhnlich den Händlerkarren, der ihnen etwas Tarnung boten, über den paralel zu Seestraße verlaufenden Handelspfad, Richtung Eleur zogen.

Doch dann plötzlich, als habe seine schwindende Zuversicht sie herbeigerufen, war der Weg mit gefällten Stämmen versperrt und gespannte Trollbögen richteten sich von allen Seiten auf sie.

Aus dem Schatten der Bäume vor ihnen löste sich eine stämmige Gestalt auf einem Reitwolf.

„Flieht!“ rief Torgast dem Wagen zu, während er blitzschnell die Situation erfasste.

Er zog sein Schwert, durchtrennte die Halterungen der Pferde, gab ihnen ein Klaps und sprang auf den Rücken des stärksten von ihnen und mit diesem im Galopp dem Wolfreiter entgegen.

Amra und Lorin die müde im Wagen gesessen hatten, schrien laut durcheinander und tauschten entsetzte Blicke mit Aloe.

Die Priesterin hatte augenblicklich ihren Dolch gezogen und gab ihnen rasch zu verstehen, das sie hinten aus dem Wagen springen und in den Wald laufen sollten.

Dann kletterte sie selbst geschickt auf den Bock vor, sprang von dort hinab auf den Boden und rannte in die entgegengesetzte Richtung.

Lorin löste sich als Erste aus der Starre, die die Mädchen erfasst hatte.

„Sie will sie von uns ablenken! Rasch wir müssen tun was sie gesagt hat, zum Wald oder zum Fluss!“

Sie hörten inzwischen das Geschrei der angegriffen Händler und von Torgast und die rauen Antworten der Trollkrieger, während sie vom Wagen sprangen und anschließend in wilder Hast zwischen den Stangen des Bambuswaldes hindurch, zum Flussufers hin liefen.

Einen Augenblick hielten sie dort inne und fassten sich an den Händen.

Der Fluss war nicht wirklich breit, aber reißend und in diesem Monat sicherlich eiskalt.

Doch sie hatten keine Wahl.

Freiheit oder Tod.

Also sprangen sie hinein und bissen die Zähne zusammen.

An dieser Stelle stauten große Felsbrocken das Wasser etwas und boten ihnen Halt, so das es ihnen schließlich gelang sich an diesen entlang zu hangeln und ans gegenüberliegende Ufer zu kommen.

Als sie sich dort umwandten sahen sie überraschenderweise keine Feinde im Fluß.

„Wir haben Glück,“ keuchte Lorin, doch ihre Stimme zitterte vor Kälte.

„Schnell, damit sie sich nicht umsonst geopfert haben.“

Sie rannten weiter durch eine sanfte Hügellandschaft und stießen schließlich auf Felder und einen Hof.

Erleichtert stolperten sie in das offenbar ruhig daliegende und wie sie am Rauch, der aus dem Schornstein stieg sahen, bewohnte Haus.

Sie traten durch die Tür in die Stube und zwölf Nordmänner, die um einen Tisch saßen, blickten sie verblüfft an.

~

Langsam stand Sorenn von der Kaimauer auf. Sie musste endlich einen Entschluss fassen.

Sie konnte sich vielleicht mit Glück auf einer der großen Schiffe schmuggeln, aber diese wurden meist scharf bewacht, ebenso wie der Grenzfluss nach Therolis.

Doch wollte sie das wirklich?

Immer mehr überwog in ihr der Drang danach, nicht einfach davon zu laufen.

Alle Menschen, die sie geliebt hatte, waren tot oder sie musste es zumindest annehmen.

In ihren Adern alleine floss nun möglicherweise noch das Blut der Warage und sie war zudem die Tochter einer hochstehenden Blauelfe.

Sie hatte zudem das gleiche magische Talent wie ihrer Mutter.

Diese war einenTag vor Vaters Tod, nach Valtraon aufgebrochen, in jene Stadt wo auch sie einige Monate die Beherrschung der Magie gelernt hatte. Vielleicht war sie noch dort?

Bei Sul’rir, dem Erz-Magier..

Sorenn lächelte in sich hinein, als der Gedanke in ihrem Kopf Gestalt annahm.

Ihre Verfolger, wenn es welche gab, würden nicht damit rechnen, dass sie im Lande blieb und Sul’rir würde sie auch schützen wenn Meloragh nicht dort war.

Die Stadt selbst war etwas besonderes, mehr noch als viele wussten. Wenn es in Adrohn einen sicheren Ort gab, so war es die Stadt der Magier.

Ihr Entschluss stand fest, nun musste sie nur noch eine Möglichkeit finden, wie sie dort hin gelangen konnte, denn alleine zu gehen war viel zu gefährlich.

Doch sie hatte Glück, nachdem sie sich aufgerafft hatte und zu einer Kneipe im Hafenviertel gegangen war, um etwas über die Straße nach Valtraon in Erfahrung zu bringen und ihren Durst zu stillen.

Ihre letzten Kurent musste sie dafür opfern.

Zufällig bekam sie mit, als ein dicker Händler an einem der Tische, sich bei einem anderen darüber beschwerte, wie die Geschäfte unter dem Krieg litten.

„Es gelingt mir gerade Mal eine handvoll Söldner anzuheuern um mich auf die Reise nach Eleur und Valtraon zu begleiten…,“ hörte sie ihn sagen.

„Sie fürchten sich alle vor diesen hundegesichtigen Bastarden!“ Fügte er leicht verächtlich hinzu.

„…und meine Knechte, das ängstliche Gesindel, die sind mir auch beinah alle weggelaufen.“

Kurz entschlossen trat Sorenn an den Tisch.

„Verzeiht, dass ich zufällig Euer Gespäch hörte Herr. Wenn Ihr noch einen Knecht gebrauchen könnt, dann nehmt mich.“

Nachdem der Händler, dessen Schnurrbart sich in eleganten Schnörkeln an beiden Seiten drehte, sie überrascht gemustert hatte, sagte er, offenbar etwas misstrauisch:

„Wer bist du und wo kommst du her Bursche?“

Ihr männlicher Haarschnitt hatte ihn offenbar bezüglich ihres Geschlechtes getäuscht, was sie auch gehofft hatte. Sie überlegte schnell, dann antwortete Sie:

„Man nennt mich Ofrent von Calag, Herr. Ich muss es gestehen, mein Vater hat ein Landgut bei Elberak, doch ich musste fliehen, da es von Trollhorden nieder gebrannt wurde.“

Sie machte bei diesen Worten ein bedrücktes Gesicht.

„Ich habe noch einen Verwandten in Valtraon, darum suche ich jemanden der dort hin fährt. Ich könnte also Euch begleiten und für die Verpflegung arbeiten.“ Fügte sie hinzu.

Sie hoffte es war nicht zu gefährlich ihre Herkunft einzugestehen, aber der Händler hätte vermutlich ohnehin ihren Akzent erkannt.

„Mm“, brummte dieser und musterte sie, nun doch interessiert.

„Ihr seit etwas schwächlich wie mir scheint und habt wie alle Elberaker ein wenig Halbblut in Euren Adern was?“

Er zwinkerte den übrigen am Tisch mit einem Auge zu. „Das ist wohl eher der Grund deiner Flucht, was?“

Sie erschrak doch er begleitete seine Worte mit einem Lachen.

„Was sagst du Gortimer? Wenn sich jemand so freiwillig anbietet, da kann ich doch nicht ablehnen oder?“

Der Angesprochene, der links neben ihm saß und eine übermäßig große Nase und die schlitzförmigen Augen eines Cahapsi hatte, nickte und Sorenn blickte erleichtert zwischen beiden hin und her.

Sie hatte es geschafft, sie musste die Reise nicht alleine antreten, der Händler würde eine gute Tarnung abgeben.

Doch ungefährlich war es natürlich trotzdem nicht.

~

Garfin und Sherg erreichten die Pforten von Elberak bei Sonnenuntergang.

Die Straßen bis dort waren erstaunlich leer gewesen und als sie den Waldsaum des Ringwaldes passierten, stießen sie auf erste Spuren von Kämpfen.

Sherg betrachtete nachdenklich ein zerstörtes kleines Forsthaus, wie man sie im Ringwald oft sah.

Nirgends sonst in Adrohn kümmerten sich Forsthüter so liebevoll um den Wald.

Sie taten es den Elfen gleich denn viele von ihnen trugen elfisches Blut in sich.

Konnte der Krieg Elberak schon erreicht haben, gab es wirklich Verrat dort?

Es war sicher nicht ganz unwahrscheinlich und alle Spuren, Leichen am Wegesrand, umgestürtzte Händlerkarren, deuteten darauf hin.

So ritten sie also noch vorsichtiger und nicht ganz ohne Unbehagen und düsteren Ahnungen auf das vor ihnen aufragende Nordtor der Stadt zu.

Die Fenster und Türen der Häuser der Vorstadt waren verrammelt, kein Mensch, Halbelf oder sonstiger Bewohner war auf der Straße.

Aber ein leichter Verwesungs- und Brandgeruch zuog durch die Gassen.

Hatten sie bishahin noch Hoffnung gehabt, alles sei nicht so schlimm, mussten sie diese nun aufgeben.

Garfin lockerte nervös die Halterung von Savandir, das er in einer großen Schwertscheide auf dem Rücken trug.

Auch der Varaskonier schien beunruhigt und sprach aus was sie beide dachten:

„Hier stimmt was nicht.“

Als sie die große Falltür vor dem Stadttor erreichten, zügelten sie ihre Pferde.

Eine nicht kleine Truppe von Soldaten lagerte davor und ihr Anführer hob die Hand zum Zeichen, dass sie anhalten sollten.

„Wer seit ihr?!“ Fragte er barsch.

Sie ließen alle übliche Höflichkeit vermissen und dass die Gruppe ausschließlich aus Menschen bestand, was für Elberak sehr ungewöhnlich war, machte Sherg und Garfin zusätzlich misstrauisch.

„Syr Sherg, Edelmann aus Varaskon und Herr Garfin von Wehrs-Hain.“ Antwortete Sherg trotzdem wahrheitsgemäß und höflich.

Dabei stellte er allerdings fest, wie einige der Söldner insbesondere den Elf, feindselig zu mustern schienen und das sie begannen einen Kreis um sie zu bilden.

„Wir sind dem Graf bekannt und wollen mit ihm sprechen,“ fügte er noch hinzu.

Der Hauptmann der Wachen lächelte schief.

„Der Graf ist tot,“ sagte er mit zusammengebissenen Zähnen, „ermordet von den Spitzohren.“

Und im Anschluss an diese Worte bellte er einen Befehl und sofort erhoben drei der Wachen ihre Armbrüste und zielten auf die beiden Ankömmlinge.

Der Rest zog die Schwerter.

„Gebt sofort Eure Waffen ab, es ist unser Befehl, alle Elfen und welche die sie begleiten unter Arrest zu stellen.“

Er erschraken natürlich über die Bestätigung des Todes, des Grafen Arcad, doch versuchte Sherg es sich nicht anmerken zu lassen.

Er tauschte mit Garfin einen raschen Blick aus, dann gaben sie ihren Pferden einen Klaps, so das diese hoch empor stiegen und die dicht bei einander stehenden Wächter zur Seite springen mussten oder zu Boden geworfen wurden.

Im nächsten Moment wendeten sie und stoben tief über die Hälse ihrer Pferde geduckt die Straße zurück und in die Deckung der Vorstadthäuser, begleitet von hinterher surrenden Armbrustbolzen, die sie zum Teil nur um Haaresbreite verfehlten.

Nachdem sie glücklich außer Reichweite der Torwache waren und wieder den Waldrand erreicht hatten, zügelten sie ihre Pferde um sich kurz zu beraten.

Die Stadtwächter hatten offenbar Anweisung ihre Posten nicht zu verlassen, aber sie würden ihre Ankunft sicher melden und dann konnte es sein, das andere Verfolger geschickt würden.

Was sollten sie nun tun?

Der Graf, Meloraghs Gemahl, war also offenbar wirklich tot, ermordet und das sicherlich nicht von Elfen.

Aber wer hatte Elberak übernommen, was war mit den Kindern des Grafen geschehen?

Das Ganze war mit Sicherheit eine Verschwörung hinter der natürlich Elthor steckte, aber was konnten sie tun?

Sie beschlossen weiter zu reiten.

Es gab hier keine Möglichkeit einzugreifen.

Aber sie mussten ihren ursprünglichen Plan doch etwas ändern.

Wenn der Feind schon in ihrem Rücken stand, musste Tanystra in Helovar gewarnt werden aber zugleich war doppelte Eile von Nöten um die königlichen Erben zu schützen.

Denn wenn Elberak gefallen war würde es nicht lange dauern bis die korrupten Hafenstädte sich ebenfalls dem neuen Herrschern unterwarfen, wenn dies nicht bereits geschehen war.

Dann würde es für die Sentir schwieriger ohne Kämpfe an ihnen vorbei nach Helovar zu gelangen.

Sie würden dann um jede Stadt ringen müssen.

Auch für die Königskinder gab es dann nur noch wenige Fluchtmöglichkeiten.

Also beschlossen sie schweren Herzens sich zu trennen.

Der Varaskonier ritt nach Süden um so schnell wie möglich die Spur der Königskinder zu finden und Garfin nun wieder nach Nordosten auf den Lovare zu um Tanystra zu warnen.

~

Es war eine ungewöhnliche Erfahrung für Sorenn, jemandem zu dienen.

Bisher war sie stets nur selbst bedient worden. Doch sie gab sich alle Mühe den Ansprüchen des Händlers gerecht zu werden.

Da sie fast sein einziger Knecht war, musste sie vor dem Aufbruch zahlreiche Botengänge erledigen und verschiedene für die Reise noch wichtige Anschaffungen tätigen.

Am Abend war sie darum völlig erschöpft auf ihr Lager gesunken, das er ihr in seinem Kontor angewiesen hatte.

Der Händler, sein Name lautete im Übrigen Olmin Terzel war ein kräftiger etwas dickleibiger Mann mittleren Alters, der viel Ruhe und Gelassenheit ausstrahlte, aber auch einen deutlichen Zug von Entschlossenheit um die Mundwinkel hatte.

Im Hof des Kontors warteten am Morgen drei Planwagen und ganze sechs für die Reise angeheuerte therolische Söldner auf sie.

Diese machten auf Sorenn nicht gerade einen vertrauenswürdigen Eindruck.

Die Kontorarbeiter verluden gerade die letzten Waren und Sorenn musste rasch ihr Frühstück verspeisen, bevor sie Terzel zum Aufstieg auf den vordersten Wagen anwies.

Er selbst setzte sich neben sie und lächelte zufrieden.

„Nun Bursche, auf geht’s!“

Er gab den anderen Kutschern ein Zeichen und die Karawane rollte los, auf die Küstenstraße nach Osten.

Zunächst kamen sie gut vorann und es gab keinerlei Hindernisse oder irgendwelche Vorkommnisse am ersten Tag.

Am zweiten Tag sahen sie vereinzelte Flüchtlingen, die Richtung Zacynos unterwegs waren.

Hinter dem Dorf Valis, das beinnah vollständig zerstört war, trafen sie aber schließlich doch auf eine Straßensperre.

Als sie sich dieser näherten erkannten sie, dass es tatsächlich ein Trupp von Tovok-Trollen war, der sie dort mit finsterern Mienen erwartete.

Sie hatten das Banner Coceons an einer der geplünderten Hütten aufgehängt.

Terzel brummte angewidert und spuckte Tabak auf den Boden, den er tagsüber gewohnheitsgemäß kaute.

„Mm, so was habe ich mir fast gedacht, es gab ja Gerüchte in Zacynos genug, das diese Banden schon so weit hier im Süden sich herumtreiben und unser so genannter neuer König, lässt sie auch noch seinen Farben tragen.“

Er blickte den Anführer seiner Söldner auffordernd an.

Der Theroli trug eine leichte Rüstung mit Nasenhelm und war bisher schweigend neben der Kutsche her geritten.

„Nun könnt ihr zeigen was ihr könnt, ansonsten werden sie uns wohl nackt ausziehen.“ Sagte Terzel, mit dem ihm eigenen Galgenhumor.

Sorenn beschlich ein mulmiges Gefühl aber es handelte sich zum Glück offenbar nur um etwa ein halbes Dutzend Troll-Krieger.

Die Kräfte waren also ausgeglichen.

Allerdings trugen die Dundar schwere eiserne Rüstungen und waren mit Äxten oder Breitschwertern bewaffnet.

Zusammen mit ihren typischen, mit Hörnern bewähren Helmen und ihrer pockenarbigen fast schwarzen Haut, verlieh ihnen das zumindest in ihren Augen ein ziemlich furchterregend Aussehen.

Sie suchte mit den Augen rasch die Umgebung ab, konnte aber keine weiteren Trolle entdecken.

Nur eine Herde von breitschnautzigen Clegh-Ponys, die in der Nähe der Meeresklippe auf der das Dorf errichtet war, friedlich grasten.

„Ihr glaubt, sie wollen uns ausrauben?“ Flüsterte sie zu Terzel gewandt.

„Was sonst?“ Sagte der Händler mit leicht belustigter Miene.

„Du wirst sehen.“

Die Söldner des Händlers machten einen eher unentschlossenen Eindruck trieb aber ihr Rösser nun vor den ersten Wagen um eine Phalanx zu bilden.

Der Treck kam schließlich zum stehen.

„Wen haben wir denn da?“ Sagte ein hochgewachsener, etwas hellhäutigerer Troll, der offenbar ihr Anführer war.

Sorenn hatte im Stillen einen Zauber vorbereitet und beobachtete die Szene angespannt.

Der Wortführer, grinste bis über beide Ohren und zeigte dabei seine schiefen und spitzen Zähnen.

„Lasst uns durch, ihr Strauchdiebe,“ sagte der Söldnerführer daraufhin mit rauer Stimme.

„Mein Herr Terzel von Zacynos, wünscht diese freie Handelsstraße ungehindert zu passieren.“

Das Lächeln des Trollgear gefror und er fixierte den Söldner mit hartem Blick, dann brach er plötzlich in schallendes Gelächter aus, das eher wie ein hohes Röhren klang.

Sorenn lief es eiskalt den Rücken runter.

„Seit ihr des Wahnsinns Kerl. Ihr kommt um uns Eure Wahre abzuliefern. Euer leben nehmen wir aber auch, wenn ihr es freiwillig hergebt.“

Der Söldner schluckte und warf einen unsicheren Blick zu Terzel auf dem Wagen hin.

Die Trolle hatten offenbar keine Geschosswaffen, hoben aber drohend ihre Äxte.

Terzel rutschte unruhig neben Sorenn hin und her.

„Ich hätte nicht erwartet, dass wir schon so früh auf Schwierigkeiten stoßen,“ brummte er.

Er warf einen Seitenblick zu seinen Söldnern. „Diese gekauften Kerle haben keinen Mumm, da nützt alles Gold nichts.“

„Ich könnte vielleicht etwas tun, Herr?“ Murmelte Sorenn zurück.

Er zog erstaunt die Augenbrauen hoch. „Was kannst Du schon tun Bursche, du hast nicht mal ein Schwert.“

Sorenn richtete sich auf dem Kutschbock auf, all ihre magischen Sinne waren auf den Anführer der Trolle konzentriert. Dann sagte sie mit laut vernehmlicher Stimme:

„Lasst uns sofort durch!“ Terzel und alle anderen blickten sie überrascht an.

„Glaube kaum, dass ihn das sonderlich beeindrucken wird,“ murmelte der Händler.

Doch dann geschah etwas, was er nicht erwartet hatte, der Troll verdrehte plötzlich die Augen ganz merkwürdig nach Oben und flötete zur Überraschung aller:

„Wie ihr befehlt Herr,“ und machte Anstalten zur Seite zu weichen.

„Was sagst du da Korr!“ Rief der Troll neben ihm.

Korr schüttelte sich, als wolle er etwas los werden was ihm aber nicht gelang, dann funkelte er den Frager böse an und brüllte:

„Lasst sie durch sage ich!“

Er versetzte dem anderen dabei blitzschnell einen heftigen Hieb mit der flachen Seite seiner Axt auf den Kopf. Dieser gab ein verblüfftes Stöhnen von sich und klappte zusammen.

Terzel auf dem Wagen schnappte nach Luft und auch die anderen Trolle brauchten einige Augenblicke um sich von ihrer Überraschung zu erholen, dann sprangen sie von ihrem Lager auf und auf den Wagen zu.

Wo Korr weiterhin seine Axt schwang und sie auf den am Boden liegenden Kameraden herab sausen ließ.

„Töte ihn nicht Freund,“ sagte nun Sorenn mit ruhiger Stimme.

„Leg lieber ein nettes Wort für uns bei diesen dort ein, während wir schon einmal unserer Wege gehen, euer freundliches Bemühen stets wohlwollend in Erinnerung behaltend.“

Sie wies auf die übrigen heranstürmenden Trolle.

Der Angesprochene hielt inne, nickte heftig und verbeugte sich dann eifrig zu ihr hin.

„Sehr wohl Herr,“ rief er fast freudig erregt.

Daraufhin stieß er einen wildes Kampfgeschrei aus und sprang den anderen Trollen entgegen.

Beinah sofort schlug er, da er ganz offensichtlich der stärkste von ihnen war, zwei weitere seiner eigenen Männer zu Boden und es entstand ein wildes Gefecht.

Inzwischen war der Anführer der Söldner von seinem Pferd gesprungen und hatte den betäubten Troll den Rest gegeben.

„Sehr mutig.“ Kommentierte Sorenn böse.

Terzel, der sich inzwischen von seiner Überraschung erholt hatte, fauchte ihn und die anderen Söldner wütend an.

„Dann los helft ihm! Das ist die Chance sie zu erledigen.“

Die Söldner griffen nun an und auch Terzel und die anderen Kutscher erledigten einige der Trolle mit Pfeil und Bogen vom Wagen aus.

Nur kurze Zeit später war der Kampf vorüber und alle Trolle einschließlich ihres unglücklichen Anführers, lagen tot auf dem Dorfplatz.

Sorenn hatte das Geschehen ohne noch einmal einzugreifen verfolgt. Als es vorüber war, lächelte sie Terzel, selbstsicher an.

Dieser grinste.

„Du bist ein fähigerer Bursche, als ich annahm. Aber deine Herkunft hätte mich stutzig machen sollen, das elfische Blut, nicht wahr?“

Er lachte grimmig.

„Ich schulden dir etwas Ofren von Calag. Zumindest wäre der Ausgang ohne Euren Zaubertrick nicht so klar gewesen.“

Er lächelte.

Sorenn nickte. „Es ging auch um mein eigenes Leben, Herr.“

Er blickte ihr forschend ins Gesicht. „Sicher.“ murmelte er dann und wandte sich ab um sich um die Söldner zu kümmern.

Der Kampf war gewonnen und sie konnten den Weg fortsetzen, allerdings waren zwei der Söldner doch verletzt worden, so dass sie auf den Wagen mitfahren mussten und Terzels rasch wieder mürrische Miene, zeigte deutlich an, dass er auf der Straße mit weiteren ähnlichen Vorkommnissen rechnete.

Doch das folgende Nachtlager verlief Ereignislos.

Am nächsten Morgen erreichte die Straße eine kleine Anhöhe und gab den Blick frei einerseits zum Meer, wobei sie fast über die gesamte Bucht von Agrehl blicken konnten und andererseits landeinwärts auf den ruhig daliegenden Tostian-See an dessen Gestaden die schneebedeckten Dächer der Stadt Eleur glitzerten.

Auf dem See war die Zeit des köstlichen Eisfarns, dessen Ernte jedoch in diesem Jahr aufgrund des Krieges wohl ausfallen würde. Jedenfalls sahen sie keine Bauern auf den Feldern, obwohl die Pflanzen überreif standen.

Als sie nun den Hügel hinab steuerten und auf die nur leicht befestigte Stadt zu, sahen sie sofort die große Anzahl an Zelten dicht vor der Stadtmauer und es wehte ihnen ein unangenehmer, undefinierbarer Gestank von dort entgegen.

Terzel, dessen Laune sich zunächst merklich gebessert hatte, als abzusehen war, dass sie ihr erstes Ziel erreichen würden, stieß eine Fluch aus.

„Sie haben schon die gesamte Küste in ihrer Hand, was treibt dieser verdammte Graf in seinem Elberak?“

Sorenn unterdrückte ein scharfe Erwiderung und Terzel bemerkte ihren bösen Blick zum Glück nicht sondern fuhr fort:

„Ich sehe keine Kämpfe, also hat sich die Stadt dem neuen König unterworfen. Nun gut, was soll’s, sie brauch schließlich immer noch unsere Waren, genauso wie zuvor.“

Sorenn spürte wie sich ihr Magen zusammen krampfte. Es war längst zu spät um umzukehren und die weiterführende Straße Richtung Valtraon war mit dicken Baumstämmen versperrt, mit nur einem schmalen von menschlichen Rittern bewachten Durchgang.

Als sie sich den Zelten jetzt näherten, sahen sie, dass auch der Zugang zur Stadt abgesperrt war und auch hier Ritter im Grün Coceons, jeden, der die Stadt verlassen oder betreten wollte scharf kontrollierten.

Bevor sie auf die Straße zum Stadttor einbiegen konnten, wurden sie jedoch von einem kleinen Tumult aufgehalten.

Sie beobachteten, wie eine Truppe Nordmänner aus Tranoor drei gebundene Gefangene vor sich her zum Stadttor trieb.

Diese zogen offenbar einige Aufmerksamkeit auf sich, denn zwei von ihnen waren kleine Mädchen die sich im Gesicht sehr ähnlich sahen.

Als sie vorüber geführt wurden, kamen sie Sorenn sofort bekannt vor.

Trotz der zerrissenen Straßenkleider und ihrer verschmutzten Gesichter, glaubte sie zu ihre Verblüffung in ihnen ihre Cousinen Amra und Lorin zu erkennen, die Zwillingstöchter des toten Königs Aplazahl.

Sie erschrak und schaute noch einmal genauer hin.

Die Gefangenen blickten unglücklich und stoisch vor sich, während sie vorüber getrieben wurden und beachteten den Wagen mit Terzel und Sorenn kaum.

Sorenn erkannt jedoch jetzt auch den Mann der verletzt und in Ketten neben ihnen her geführt wurde, es war eindeutig Torgast, ein Ritter der Leibgarde ihrer Mutter und jetzt erinnerte sie sich daran, dass vor inzwischen etwa einer Woche, ihre Mutter mit ihrem Vater hatte darüber sprechen hören, dass sie bei ihrem Auftrag, dessentwegen sie die Stadt verlassen musste, Torgast treffen wollte.

Der Ritter warf ihr im selben Moment unter geschwollenen Augen einen wachen Blick zu. Ihr Herz setzte kurz aus, hatte er sie erkannt?

So war es wohl Torgasts Auftrag gewesen die beiden Prinzessinnen aus Althear in Sicherheit zu bringen oder war ihre Mutter auch bei ihm. War sie womöglich auch gefangen oder sogar tot?

Während Sorenn noch darüber nachdachte fuhr Terzel den Wagen vor das Stadttor wo er von den Wächtern angehalten wurde.

Sorenn folgte mit den Augen hingegen den Gefangenen und sah nun, dass sie zu einem großen Gatter gebracht wurden, in welchem sich offensichtlich schon zahlreiche Königstreue oder sonstige Widerständler befanden.

Dieses Gefängnis war direkt an die Stadtmauer errichtet worden und dicht daneben entdeckte sie nun auch die Ursache des zuvor wahrgenommenen Gestankes.

Auf groben Pfählen waren hier die Körper von bereits 12 Unglücklichen aufgespießt. Sie wandte sich ab und tauschte mit Terzel der es ebenfalls gesehen hatte, einen angewiderten Blick.

Dabei dachte sie fieberhaft darüber nach, wie sie ihren Cousinen irgendwie helfen konnte.

„Ich hoffe nur, dieses Pack bleibt nicht lange an der Macht,“ murmelte der zacynische Händler jetzt.

„Ich war noch nie ein Freund des Adels, aber Aplazahl war zumindest erträglich.“

Inzwischen hatten sie das Stadttor erreicht und nach kurzem Aufenthalt und der verlangten Auskunft über ihr Geschäfte in Eleur, ließ man sie zu ihrer Erleichterung passieren.

Die Kunde vom Kampf in dem kleinen Dorf hinter ihnen war wohl noch nicht bis hierher durchgedrungen.

Wer sollte sie auch überbringen, dachte Sorenn.

Die Straßen der Inneren Stadt spiegelten das gleiche Elend wieder, was sich auch vor dem Tor abspielte.

Entgegen der ansonsten wohl üblichen Geschäftigkeit in allen Gassen, waren sie jetzt fast menschenleer.

Nur vereinzelt drückten sich vermummte Gestalten zwischen den Häusern herum und hier und da sahen sie Trupps von Coceanern, während sie offenbar einzelne Häuser unter dem Wehklagen ihrer Bewohner, plünderten. Auch in den Gassen lagen Leichen, um die sich niemand zu kümmern schien.

„Was machen wir, wenn Sie Euer Kontor geplündert haben?“

Terzel blickte Sorenn grimmig an.

„Dann werde ich zum Stadthalter gehen und ihm meine Meinung sagen.“

Sorenn lachte, denn ihr war klar, das er das nicht ernst meinen konnte, doch die selbstironisch Art des Händlers gefiel ihr schon seit sie gemeinsam reisten. Auch wenn sich ihre Weg vielleicht schon hier trennen würden, hoffte sie doch, dass er nicht ein Opfer des Krieges wurde.

Sie erreichten nun den Teil der Stadt, der am Seeufer lag.

Wild kreischend umschwärmten hier die Zittermöwen Berge von Fischabfällen und die schaukelnden Fischerboote.

Der See wiegte sie beruhigend sanft auf seinen Wellen und erstreckte sich soweit das Auge reichte nach Norden und Osten.

Sorenn war mit ihrer Mutter mehrmals auf dem Weg nach Valtraon am Tostian-See vorüber gekommen und mochte ihn.

Seine klares dunkles Wasser war voller dicker Fische und eignete sich zum Baden, wo nicht gerade die Stadt ihre gesamte Notdurft in ihn ergoss.

Sie hatten in Eleur, das schließlich auch zur Grafschaft gehörte, immer im Palast des Barons und Stadthalters übernachtet, darum kannte sie den Mann gut. Vielleicht würde er ihr helfen?

Doch wenn die Coceaner die Stadt übernommen hatten, dann waren Lord Keliar und seine Familie vermutlich ebenfalls Gefangene oder sogar tot.

Der Baron galt nämlich immer als guter Freund ihres Vaters.

Sie konnte sich nicht vorstellen, das er die Seite gewechselt hatte.

Ihre Gedanken wanderten erneut zu den Gefangenen die sie vor der Stadt gesehen hatte.

Noch immer war ihr keine Möglichkeit eingefallen Torgast und den Zwillingen zu helfen?

Wie sollte sie das auch bewerkstelligen, denn sie war alleine und hatte Mühe sich selbst vor den Schergen des neuen Königs zu verbergen.

Aber sie durfte auch nicht einfach zusehen, wie die vielleicht letzten direkten Nachkommen des rechtmäßigen Königs getötete oder versklavt wurden.

Sie zermarterte sich den Kopf, während der Wagen weiter durch die Gassen rumpelte.

Bestimmt wusste Torgast ja auch etwas über den Verbleib ihrer Mutter.

Ihr Entschluss stand fest. Sie musste beobachten was mit ihnen geschah, egal welcher Gefahr sie sich dabei aussetzen würde.

Inzwischen erreichten sie das Kontor und Sorenn hörte wie Terzel erleichtert aufatmete, denn im Gegensatz zu vielen Häusern, die sie passiert hatten, gab es hier keinerlei äußere Spuren von Plünderung oder Brandschatzung.

Innerhalb der nächsten Stunden überzeugte sich Terzel im Gespräch mit seinem Verwalter davon, dass alles in Ordnung war, doch der Mann war trotzdem voller Sorge ob der noch immer unsicheren Situation in der Stadt.

Die Coceaner gingen wohl bisher vor allem gegen die Chai und stadtbekannten Königstreuen vor, aber man konnte ja nie wissen.

Wie Sorenn bereits vermutet hatte, war Baron Keliar im Lager gefangen gesetzt und der Verwalter wusste zudem den Namen des Anführers, der Besatzungsarmee.

Er sprach ihn voller unverhohlenem Abscheu in der Stimme aus.

Turelim „Einauge“, Graf von Louhr, er kam mit seinen Truppen direkt von Althear herüber.

Sorenn schluckte.

Der Graf war schon vor dem Krieg eine falscher Hund gewesen und für seine Kälte gegenüber seinen Untertanten bekannt. Es war ein treuer Vassall Elthors.

„Aber eigentlich machen die tranoorschen Nordmänner und die Trollreiter sowieso was sie wollen.“ Ergänzte der Mann, den Terzel Logrik nannte, zähneknirschend.

„Was glaubt Ihr, was sie mit all den Gefangenen tun werden, töten sie sie?“ Fragte Sorenn.

Der Verwalter zuckte mit den Achseln.

„Es heißt auch die Truppen ziehen bald ab, nachdem sie hier alles ausgeplündert haben. Ein Teil nach Valtraon, der andere Richtung Zacynos und nur eine kleine Besatzungsarmee soll hier bleiben. Noch ist der Krieg nicht endgültig entschieden und Eleur zu unbedeutend. Ich glaube nicht, dass sie die Gefangenen mitnehmen werden“.

Er machte eine ausgreifende Geste mit den Armen.

„Wenn sie nicht an Sklavenhändler verkaufen können, werden sie wohl töten.“

Sie schluckte und seine Worte hallten hol in ihren Gedanken wieder.

„Sie werden sie töten.“ Flüsterte sie.

Auch Terzel nickte und warf ihr einen seltsamen Blick zu.

Der Verwalter wusste auch, das ihr Vater tot war, aber ihre Schwester Tanystra hielt sich offenbar noch in Helovar.

Eine gute Nachricht, doch wie lange würde sie es schaffen die Festung zu halten. Es hieß ein gewaltiges Heer lagere vor den Mauern und es seien Drachen dabei.

In Eleuer gab es zudem zahlreiche Flüchtlinge aus dem Norden, die diese Berichte bestätigten.

Die Armee wovon sie sprachen, stand unter Führung des Magiers Moregh. Sorenn hatte erneut geschluckt, als sie das gehört hatte.

Moregh war ein fürchterliche Gegener und was dazu kam, er war ein mächtiger Magier, einer der abtrünnigen drei, der einst mit Sul’rir den Magierzirkel von Valtraon gründete, bevor er sein wahres Gesicht zeigte.

Er würde keine Gnade kennen.

Terzel erledigte inzwischen mit Logrik zusammen den Warenaustausch und sie besprachen die geringen Möglichkeiten Valtraon sicher zu erreichen.

Sorenn blickte unterdessen nachdenklich aus dem Fenster und verbarg dabei das ihr die Tränen in die Augen standen.

War also der Kampf um die Grafschaft ihres Vaters verloren und auch Tanystra dem Tode geweiht?.

Wütend hieb sie mit den Fäusten gegen das Glas, so das die beiden Männer sie überrascht anblickten, sich dann aber wieder ihrem Gespräch widmeten.

Nein, sie wollte noch nicht aufgeben, solange noch ein Funken Hoffnung bestand, Sul’rir un der Orden ihrer Mutter konnte es mit Moreg aufnehmen.

„Was ist los?“ Kam es nun von Terzel, der offenbar sein Gespräch beendet hatte und nun plötzlich direkt hinter ihr stand.

Er lächelte.

„Ich glaube, Du trägst dich mit mehr Gedanken als sie einem einfachen Landjunker anstehen würden.“

Er blickte ihr in die Augen und zwinkerte.

„Ich bin nicht dumm und habe Augen im Kopf. Auch dass du kein Bursche bist sondern ein Mädchen,“

sie erschrak, dann senkte sie den Kopf.

„Trotzdem kümmere Dich jetzt um die Warenliste und vergleiche diese mit dem was ausgeladen wird.“

Sorenn stand auf und nickte.

„Sofort Herr.“ Sagte sie und wischte die Tränen fort.

Dann zögerte sie kurz und blickte ihn an. „Ihr werdet mich nicht entlassen?“

Er brummte. „Ich schulde dir was, nicht wahr.“

~

Garfin ritt Tag und Nacht und erreichten im Morgengrauen des dritten Tages nach Elberak, das Südufer des Lovare.

Auf einer kleinen Anhöhe zügelte er das erschöpfte Pferd und blickte über die große Weite des breiten Flusses, der sich vor ihm nach Süden schlängelt.

Sie waren zu dem Entschluss gekommen, das Sherg die Spur dort aufnehmen musste, wo Meloragh die Zwillinge zurück gelassen hatte, also am Tostian-See.

Zwar hatte sie gesagt, Torgast wollte mit ihnen nach Zacynos, doch sie hatten die Truppenbewegungen im Land beobachtet.

Die direkte Straße dorthin vermuteten sie, war schon einige Zeit in feindlicher Hand. Entweder sie versteckten sich noch immer in der Nähe des Sees, oder sie hielten sich zumindest irgendwo zwischen Eleur und Valtraon, vielleicht auch in einer dieser Städte verborgen.

Valtraon war wohl der sicherste Ort, denn die Stadt der Magierschulen konnte wegen ihrer starken Schutzzauber von Elthors Truppen nicht so leicht eingenommen werden, hatten sie vermutet.

Aber man konnte dieses mal nicht sicher sein, zu viel Verrat und fremde Mächte waren im Spiel und der Erzmagier Sul’rir, der alte Hüter der magischen Schulen und des Sturmlichts, eine der wertvollen Drachentränen, war vielleicht nicht mehr mächtig genug, um die Eindringlinge fern zu halten.

Jedenfalls war Sherg aufgebrochen um vom See aus ihren Spuren zu folgen. Wenn er sie finden konnte, sollte er sie über den Pass von Asthric nach Chapasan führen um sich von dort auch nach Worlen durchzuschlagen.

Das war gerade entgegengesetzt des ursprünglichen Ziels, aber vielleicht am wenigsten das was die Verfolger erwarteten.

Garfin hoffte dass er erfolgreich war. Wenn er selbst es schaffte nach Helovar zu gelangen und auch von dort wieder fort, dann hatten sie verabredet sich in den Ruinen von Asthric zu treffen.

Bis spätestens am dritten Mondtag nach dem Lichtfest der glücklichen Tanjl.

Doch noch war er kurz vor Helovar und das erste Bild, was sich ihm im Flusstal bot war wenig ermutigend.

Vor der Burg lag eine riesige Armee in Stellung. Die Tochter des Grafen und ihre Truppen, waren ganz offensichtlich, hoffnungslos unterlegen.

Plötzlich hörten er Geräusche vom Fuß des Hügels an dem er sich befand, der wandte sein Pferd um und keinen Augenblick zu früh, denn eine Schar wild brüllender Trolle stürmte hinter ihm aus dem Wald und den Abhang hinauf.

„Verfluchte Späher,“ zischte Garfin durch zusammengepresste Lippen.

Er packte den Bogen und hatte so schnell wie es nur Elfen können einen Pfeil auf der Sehne.

Als die Trolle heran stürmten traf der erste Pfeil zielsicher und bohrte sich in den Kopf des vordersten Angreifers, der vor Schmerzen brüllte und zusammenbrach.

Dann zog er Savandir, gab seinem Pferd die Sporen und preschte mit einem Kampfschrei auf den Lippen auf die Trolle zu.

Es war ein kurzer, aber heftiger Kampf, danach beeilter er sich die Tore Helovars zu erreichen.

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1 Kinderreim aus Tasmikas „Sammlung für die Mägte“.
2 Berühmte Bibliothek von Elberak, mit größter Sammlung elfischer Schriften außerhalb von Gasfrogan.
3 Rohul: Rohul-Marschen, großes zum Teil unerforschtes Sumpfgebiet südlich des Notawenkohr.
4 Ictiacs: Riesenechsen, die von den Sedarcs als Reittiere benutzt werden.

KAPITEL 4:

HELOVAR


…ein Zeichen im Haar
euren Augen ihr traut
so erkennt ihr die Braut
die im Drachenblut war…
1
Das der Schnee so früh im Jahr fiel war außergewöhnlich, doch Daral bemerkte es kaum so sehr war sie in Gedanken versunken und folgte dem aufgeweichten Weg, mit ihrem Pferd, nur in langsamen Trab.

Sie war auserwählt, sie war der Wille des Aposg und Walbas hatte ihr, ihre Aufgabe noch einmal eindringlich beschrieben.

Aber sie fühlte sich mehr denn je hin und her gerissen.

Ihr Ziel war noch zwei bis drei Tagesritte entfernt und sie musste so schnell wie möglich dorthin gelangen.

Der Abstecher ins Chapasan-Tal, nach Torwyn war eigentlich nicht vorgesehen, aber es musste sein, die Wunden der Prinzessin mussten versorgt werden.

Doch je mehr sie sich von Althear entfernte, desto mehr verspürte sie, dass ihr Herz dort geblieben war.

Ob Sorl vielleicht doch noch am Leben war? Konnte er den Angriff überlebt und vielelleicht irgendwo als Geisel gefangengehalten sein.

Warum bedeutete ihr das soviel?

Sie hatte dieses Gefühl nicht mehr gekannt, seit sie Asrial in seiner menschlichen Gestalt geliebt hatte.

Die Schergen Elthors verkündete den Tod Aplazahls und seiner Kinder in jeder Stadt, aber dies entsprach nicht der Wahrheit.

Doch wusste sie nicht ob auch die Rettung der Zwillinge gescheitert war.

Ihre Gedanken verdüsterten sich zunehmend.

Nun hatte sie zudem den Mord in Asrit beobachtet und das Orakom, die Halle der Offenbarungen hatte sich danach von selbst verschlossen.

Ein weiters sehr schlechtes Zeichen.

Vielleicht war es wichtig, das Walbas auch davon rasch erfuhr?

Doch sie durfte nicht umkehren.

Jetzt, nachdem sie die Prinzessin befreit hatte, erst recht nicht.

Die Aufregung die in der Tempelstadt ausgebrochen war, hatte es ihr eigentlich für viel vernünftiger erscheinen lassen, keinen Versuch zu machen Erell zu helfen.

Es wäre klüger gewesen sich gleich aus dem Staub zu machen, auch wenn ihr diese Entscheidung schwer gefallen wäre.

Aber sie durfte die Prinzessin nicht einfach im Stich lassen.

Auch wenn alles was sie tat Aufmerksamkeit auf sich ziehen würde und das Schwert gefährden konnte.

Die leblose Gestalt Elarells, die hinter ihr auf dem Sattel saß, stöhnte leise und plötzlich schnaubte ihr Pferd ängstlich.

Daral riss sich aus den Gedanken und blickte durch den dichten Morgennebel mit zusammengekniffenen Augen die Spur zurück, die sie gekommen waren.

Da sah sie plötzlich einen Reiter auf dem Kamm des Abhanges den sie eine halbe Stunde zuvor hinunter geritten war auftauchen.

Verdammt, sie hatte fest geglaubt alle Verfolger abgeschüttelt zu haben.

Der Reiter beugte sich unverkennbar tief über ihre Fährte.

Rasch sprang sie vom Pferd und duckte sich hinter eine Schneekuppe.

Ein mulmiges Gefühl beschlich sie, als sie das Blitzen seiner Rüstung im Sonnenlicht bemerkte.

Wer konnte das nur sein?

Nichts Gutes war von ihm zu erwarten, da war sie sicher.

Rasch sprang sie wieder auf und gab ihrem Pferd die Sporen.

Es waren noch mindestens drei Stunden bis Torwyn und wenn sie das Haus eines dortigen Heilers noch vor dem Abend erreichen wollte, musste sie sich beeilen.

Die weite Ebene von Chapasan lag noch vor ihr.

~

Eine schlanke Gestalt in leichter Rüstung und mit versteinerter Miene stand auf den Zinnen der Burgmauer und blickte auf das gewaltige Heer, das seit dem Morgen gegen ihre Festung anbrandete.

Wenn sie sich nun herab fallen ließe und wie ein Vogel in das Reich der Götter übergehen könnte? Dachte sie.

Die Lage schien hoffnungslos und nun hatten sie auch noch vor knapp einer Stunde, die Leiche des alten Dettrin auf einer Bahre zurück aus der Schlacht gebracht.

Alle Überlebenden des Kampfes um die Flussbrücke, kaum zwei Dutzend zerlumpte, müde wirkende Ritter und Kempen, waren neben ihr her gegangen.

Ein letztes Geleit.

Sie hatten es egschafft die Brück über den Lovre hinter sich zu zerstören, aber gewaltige Bolger und Titanen schleppten am anderen Ufer bereits Baumstämme heran, womit der Feind in wenigen Stunden würde übersetzten können.

Sie hatte nicht mehr genug Reiter um sie wirklich daran zu hindern.

Ihre Boten wenn sie zurückgekehrt waren, hatten keinerlei Hilfe gewinnen können.

Die wenigen Aplazal treuen Barone war offenbar wie gelähmt und verunsichert oder wurde durch die Größe von Elthors Heer oder die Gerüchte, die es darüber gab, in Angst und Schrecken versetzt.

Tanystra schnaubte, sie konnte es ihnen nicht verdenken.

Die Hexenmeister und Drachenpriester, die die Truppen des Usupators lenkten taten mit ihren Drachen und anderen Schreckensgeschöpfen ihr übriges.

Die Grafschaft Warage so schien es, stand alleine gegen den neuen König und außerdem gab es Verrat in den eigenen Reihen.

Der letzte Beweis dafür, war der feige Mordanschlag auf sie gewesen, den ein Diener Cloestins am Morgen verübt hatte.

Sie spürte wie die Kälte schmerzhaft an der verbundenen Dolchwunde unter ihrer Rüstung zerrte.

Der Heiler hatte darauf bestanden, dass sie einige Tage ruhen sollte, doch Tanystra wusste das sie diese Zeit nicht hatte.

Ihre Soldaten benötigten ihre Führung, ohne sie würde die Verteidigung von Helovar noch rascher zusammenbrechen und da war noch etwas was sie spürte und aus dem gleichen Grund niemandem verriet.

Der Dolch war vergiftet gewesen und sie fühlte die tödliche Substanz, wie sie ganz langsam und doch unaufhaltsam den Weg zu ihrem Herzen fand.

Sie rieb sich müde die Augen und strich sich die schwarzen Haare aus der Stirn.

Vater war tot, ihre Schwestern, sie würde sterben.

Es wäre leicht, sich einfach zu ergeben, sich dem Tyrannen zu unterwerfen, damit den Tod Tausender vielleicht zu verhindern.

Tanystra spürte bei diesem Gedanken jedoch augenblicklich wie Zorn in ihr hoch kochte.

Eine unbändige Wut auf Elthor, der alles zu Nichte gemacht hatte, was gut und schön in Adrohn gewesen war und sie wusste noch immer nicht genau warum er es tat.

Vor nicht allzu langer Zeit, es waren kaum drei Sommer, hatte er zuletzt Elberak besucht und keinerlei Anzeichen von Machtgier gezeigt.

Er hatte mit ihrem Vater gescherzt und gelacht und sie waren gemeinsam auf die Jagd gegangen.

Was hatte ihn und die Welt so verändert?“

Sie schüttelte müde den Kopf.

Das war nun nicht mehr wichtig, wenn es schon keine Möglichkeit mehr gab zu überleben, dann sollte Coceon zumindest ein stolzes, tapferes Warage erleben, das sich bis zum letzten Mann, zur letzten Frau gegen das Unausweichliche stemmte.

Sie zischte leise durch die Zähne.

Dieser verräterische Priester, der Meuchler den er auch zu ihr geschickt hatte, hatte schnell die Wahrheit ausgespuckt bevor er mit durchschnittener Kehle in den Burggraben geworfen wurde.

Sie spürte frische Tränen auf ihren Wangen aber zugleich erfgriff sie eine neue Entschlossenheit, die sie noch einige Tage länger am Leben erhalten würde.

Vielleicht, so hoffte sie, lange genug um zumindest einen kleinen Sieg davon zu tragen.

Jetzt blickte sie zum Himmel, der sich schwarz zuzog und aus Norden offenbar schwere Gewitterwolken mit sich brachte.

Sie lächelte grimmig, das würde ihnen zumindest ein wenig Zeit bringen.

Es gab einen kleinen Hoffnungsschimmer, denn ein Vogel aus Wehrs-Hain hatte Unterstützung zugesagt.

Aber das war vor drei Tagen gewesen.

Die Elfen hatte bereits eine erste Vorhut entsandt, die Welhorg, 6 Kilometer westlich von Helovar, zurück erobert hatte und hielt.

Aber selbst diese etwa fünftausend Kämpfer starke Elfenarmee, die nun den Lovare hinauf marschierte, war Nichts gegen das riesige Heer, auf das sie von den Mauern herab schauen konnte.

Sie würden die Burg nicht rechtzeitig erreichen, das war sicher.

Plötzlich sah sie unter sich, wie die Wachen das große Tor erneut öffneten.

Sie beobachtet überrascht, wie zwei in regennasse dunkle Umhänge gehüllte Gestalten rasch hindurch ritten.

Es konnten keine Kundschafter sein, die waren alle längst wieder in der Festung oder mit Sicherheit tot.

Aber irgendetwas an der Gestalt von einem der beiden Reiter kam ihr sofort bekannt vor.

Sie eilte so rasch wie es ihre Verletzung erlaubte, vom Wehrgang hinab auf den kleinen Falkenturm und schaute immer wieder durch die aufeinander folgenden Schießluken während sie die Turmtreppe hinab stieg.

In selben Moment schlug der erste der Neuankömmlinge im Hof, die Kapuze zurück und hob das Gesicht zum Turm empor.

Tanystra pfiff vor Überraschung durch die Zähne und trat dabei durch den Turmaufgang in den Hof.

„Algrake“ sagte sie laut, „Vater Vahram sei Dank! „ihr seit es, Esmel!“

Die Magierin lächelte, als sie Tanystra und danach Garfin, der durch den Eingang zum Palas ebenfalls in den Hof trat, die Hand zur Begrüßung reichte.

„Ihr seit wahrlich Willkommen“ sagte Garfin mit ernster Mine aber einem frohen Gesichtsausdruck.

Die groß gewachsene Frau deren langes gewelltes dunkles Haar bereits mit grauen Strähne durchsetzt war, zog die ebenso grauen Augenbrauen empor und nickte.

„Nun, in diesen Zeiten werden wir von den Geschehnissen getrieben, wie wilde Tiere, hin und her. Aber zum Glück manchmal auch dorthin wo wir gebraucht werden.“

Tanystra lächelte gequält und erwidert:

„Auch ich freue mich Euch zu sehen, aber ich fürchte auch ihr, Erzmagierin, könnt uns nicht helfen diese Übermacht zu besiegen, die dort vor unseren Toren lagert“

Algrake machte eine wegwerfende Handbewegung.

„Ich komme direkt aus Welhorg und war zuvor in Wehrs-Hain.“

Sie wandte den Blick zu Garfin „Euer Fürst führt ein starkes 2. Heer zu Euer Entsetzung heran und die Vorhut unter Ulfilel dem Grünen braucht nur noch einen halben tag, bis sie die Reihen der Tovoks sichtet.“

Tanystra blickte sie überrascht an und Garfins Mine hellte sich sichtbar auf.

„Das ist eine wirklich gute Nachricht Magierin!“ Rief der Elf aus.

„Bei allem Respekt Esmel.“

Tanystra ließ sich nicht so leicht beeindrucken.

„Habt ihr nicht die Augen geöffnet, als ihr vor dem Tor wart. Dort steht eine so gewaltige Armee, das sie uns überrennen wird, bevor auch nur ein Elf Helovar erreicht hat. Aber selbst wenn sie es schaffen würden, würde dies nicht unseren Untergang lediglich verzögern? Nein, es ist zu spät.“

Algrake blickte in die zweifelnden Gesichter.

Ein aufmunterndes Lächeln glitt über ihr Gesicht.

„Wir werden sehen“, sagte sie schließlich. Der nächste Angriff wird wegen des Unwetters, das ich herauf beschworen habe nicht vor morgen früh stattfinden. Wir haben genug Zeit etwas zu essen und die Lage zu besprechen und außerdem lasst mich Euch meinen Begleiter vorstellen oder hat die übliche Gastfreundschaft im Hause Warage in Kriegszeiten so sehr gelitten?“

Die junge Gräfin musterte den Begleiter der Magierin, dem sie tatsächlich bisdahin kaum Beachtung geschenkt hatte beiläufig.

Algrake fasste Tanystra an der Schulter „Tany, als ich das letzte Mal das Land Eures Vaters beehrte, war das noch anders.“

Tanystra zuckte zusammen, aufgrund der Wunde unterhalb der Rippen und Algrake hob überrascht die Augenbraue.

„Ihr seit verletzt?“

„Ein Kratzer,“ wehrte die Waragi ab.

„Mehr als dass ist es schmerzhaft, wenn ihr meinen Vater erwähnt.“

„Verzeiht,“ sagte die Magierin und harkte ob der Verletzung nicht weiter nach, doch Tanystra wusste, dass sie, sie nicht täuschen konnte.

Algrake sagte darum auch. „Gut, verschieben wir das einen Moment, aber später werde ich mir die Wunde ansehen.“

Tanystra Züge entspannten sich etwas.

„Also kommt ersteinmal mit in die Burg.“

Sie gab dem Hauptmann im Burghof Anweisungen ihnen jede Veränderung vor den Mauern augenblicklich zu melden.

Zu Algrake gewandt sagte sie im Gehen:

„Nun, vielleicht könnt ihr oder Euer Begleiter, uns allen noch etwas mehr Hoffnung geben, als wir zu glauben wagen.“

Sie blickte an ihr vorbei auf die ihr unbekannte Gestalt an Algrakes Seite.

Der Mann, … war es einer?

Er hatte die Kapuze nun ebenfalls herab gezogen.

Sein Haar war seltsam hell, seine Augen braun bis golden.

Seine Statue die eines stämmigen Elf.

Aber seine Ohren waren nicht spitz.

Er erwiderte ihren Blick stumm.

Als sie die Innenräume betraten, rief Tanystra nach Getränken und kleinen Speisen für die Ankömmlinge.

Dann wandte sie sich zu ihnen um und sagte:

„Wie lautet also der Name Eures Begleiters und warum spricht er nicht für sich selbst?“

„Verzeiht, aber lasst uns erst etwas zu Kräften kommen, die Reise hierher war anstrengend, danach werdet ihr alles erfahren, was ihr zu wissen verlangt.“

Erwiderte Algarake.

„Nur soviel vorweg, sein Name lautet Tulian und er ist ein Feenherr.“

Die Gestalt verbeugte sich bei diesen Worten.

Tanystra und Garfin blickten sich jedoch überrascht an.

Tanystra führte aber zunächst alle in den Speisesaal, begleitet von den Donnerschlägen die durch die Mauern gedämpft herein drangen und die den Blitzen folgten, die vor den fernen Berghängen des Wenkohr nun zuckten, wie ein Zürnen der Götter.

Das Heer vor den Mauern hatte sich mit Sicherheit in seine Zelte verkrochen.

Als Algrakes Begleiter nun wie alle anderen auch seinen Umhang abgelegt hatte, musterte Garfin ihn noch einmal.

Er war, das sah er nun, eindeutig ein Fee, wie Sitar und jener Alnor. Letzterem sah er sogar ziemlich ähnlich.

Der Fremde schenkte Garfin jedoch lediglich einen abwesenden Blick und saß scheinbar teilnahmslos auf seinem Stuhl am großen Tisch des Speisesaals.

„Ist er bei Verstand?“ Flüsterte der Elf Algrake ins Ohr während sie, da die Vorräte in der belagerten Burg langsam knapp wurden, eine karge aber heiße Suppe gemeinsam einnahmen.

Algrake lächelte vielsagend.

„Schaut ihn euch genau an, ich fand ihn im Haus eines alten Freundes in Ettrion. Er erzählte mir eine wirre Geschichte, über ein magisches Tor und einen Helden, der ein junges Mädchen aus der Grotte von Celeb-draugh rettete, kommt Euch das irgendwie bekannt vor?“

Garfin prustete in die Suppe, dann stand ihm einen Moment lang der Mund offen.

Tulian blickte einigermaßen erschrocken zu ihm hin.

„Ich bin vor nicht allzulanger Zeit einem Mann begegnet, der ihm sehr ähnlich sieht. Sein Name war Alnor, ebenfalls ein Fee.“ Sagte der Elf nun laut.

Die Augen seines Gegenüber wurden groß und er öffnete zum ersten Mal den Mund und sagte:

„Ihr sprecht von meinem Bruder.“

Garfin schluckte.

„Wenn doch Sherg hier wäre“, brummt er. Er könnte die Geschichte besser erzählen. Es geschah als er und mein Bruder Merasil los zogen um eines der 7 Schwerter zu finden.“

Er blickte Tulian eindringlich an.

„Merasil erzählte es mir. Ihr wart verflucht und in einem Graat gebannt. Als Ihr befreit wurdet habt ihr geholfen das Feenkind Sitar zu retten.“

Garfin war augestanden und Algrake zog ihn mit sanfter Gewalt zurück auf seinen Stuhl.

„Habt etwas Geduld mit unserem Freund,“ sagte sie.

„Ich hatte es auch schon vermutet, Tralzio hat mir die Geschichte ja so ähnlich erzählt. Allerdings hatte ich auch gehofft, nach der letzten nachricht, die ihr von den Ereignissen um Sitar Eurem vater schicktet, Sherg selbst hier anzutreffen um sie bestätigt zu bekommen.“

Garfin schüttelte den Kopf.

„Wir ritten gemeinsam nach Süden, doch mussten wir uns trennen. Er ist, so denke ich, unterwegs nach Eleur um die Töchter des Königs zu finden und da Helovar von Elberak aus Gefahr drohte, musste jemand auch hier her kommen um Tanystra zu warnen.“

Algrake machte eine nicht deutbare Bewegung.

„Ich nahm ihn mit und habe ihm auch die Geschichte Sitars erzählt und es kam ein Teil seine Erinnerung zurück. Vielleicht habt ihr mit der Nennung seines Bruders noch mehr angestossen.“

„Wer ist dieser Alnor?“ Fragte Tanystra jetzt.

„Ein Fee, der uns die Nachricht brachte, dass Sitar, jene Fee die in Wehrs-Hein aufwuchs, die Erbin der Halur-Könige ist und das sie von den Nindur seit Jahren verfolgt wird dort nun in großer Gefahr war.“

Antwortete Garfin und fügte gleich hinzu:

„Inzwischen bin ich mir nicht mehr so sicher ob dieser Ratschlag gut war, denn sobald wir den Gasfrogan verlassen hatten wurden wir tatsächlich gejagt und Sitar sogar entführt, vielleicht ist sie bereits tot. Wenn es eurer Mutter, Tralzio und Varo nicht gelungen ist, die Entführer rechtzeitig einzuholen.“

Tulian richtete sich jetzt plötzlich auf.

„Wo ist mein Bruder jetzt?“ Sagte er an Garfin gewannt.

Der Elf zuckte mit den Schultern.

„Keine Ahnung. Seit er Fejan verlassen hat, ist er spurlos verschwunden.“

Die Augen Tulians füllten sich mit stummer Trauer und er sackte auf seinen Stuhl wieder zurück.

„Lasst ihn.“ Sagte Algrake als sich Tanystra aufrichten wollte um zu ihm hin zu gehen.

„Als ich ihn in Ettrion aufspürte, hielten ihn alle für verrückt und ich glaube er wäre es auch fast geworden. Jedenfalls scheint er noch immer verwirrt, durch seine lange Gefangenschaft im Graat. Sul’rir hat mir ein wenig mehr über die Stärke der dort wirkenden Bindemagie erzählt.“

Sie seufzte.

„Es ist eine fürchterliche Kraft, die einen Geist auch völlig auslöschen kann.“

Sie holte tief Luft.

„Und wenn wir schon dabei sind, ich erfuhr dort auch, das Condraht der Goldene, die Befreiung Sitar überlebt hat.“

„Condrath?,“ Garfin blickte Algrake irritiert an „Syr Sherg sah seinen toten Körper.“

Er musterte die Magierin eindringlich und diese nickte stumm.

„Er hat sich offenbar geirrt, zumindest für einige Zeit.“

Sagte sie mit trauriger Mine.

Sie zwinkerte ihren Zuhörern zu, doch auf diese wirkte ihre Worte ganz offensichtlich auch so faszinierend genug.

Sie lachte darum trocken.

„Nun, hm… vielleicht muss ich euch die ganze Geschichte erzähle, soweit ich sie selbst verstanden habe?“

Sie blickte kurz fragend in die Runde und begann dann:

„Also, Vedras,“ sagte sie zu Tanystra gewannt, „der Vater eurer Stiefmutter und Condrath, wussten davon, dass ein gewisser Alnor, ein aus Andul, dem Reich der Feen, verbannter Prinz der Halur-Feen, die Tochter der Galat, die prophezeite Erbin des hohen Feenthrones, vor den Häschern Dionels gerettet und heimlich versteckt hatte.“

Der Feemann gegenüber von Garfin gab einen klagenden Ton von sich und ließ Algrake kurz verstummen.

Dann gluckste sie und grinst.

„Unser Freund hier behauptet dieser Alnor sei sein Bruder“, wie ihr ja bereits gehört habt.

Sie räusperte sich.

„Also, um es kurz zu machen, Condrath erzählte mir, das Alnor die Tochter des Thewos auf einer Insel im weiten Fenal’Sinur, die man Gyion nennt, die ersten sieben Jahre ihres Lebens versteckt hielt.“

Garfin wollte etwas sagen, überlegte es sich jedoch anders.

Algrake fuhr fort:

„Doch schließlich wurde sie von Dionels Spähern dort aufgespürt und er musste sie überstürtzt erneut in Sicherheit bringen. Er wollte sie dazu durch ein magisches Tor nach Arkur versetzen. Auf die Insel Louhr zum Berg Celeb-Draug, in der Nähe der Stadt Ettrion, wo Condraths Haus steht. Zuvor hatte er mit Vedras und Condrath Kontakt aufgenommen und sie gebeten ihnen zu helfen, sobald sie durch das Tor kamen.“

Sie räusperte sich noch einmal und blickte in die ernsten Mienen der Zuhörer, dann sprach sie weiter:

„So also sind der goldene Drache und der Blauelf in die alte Bergfeste der Ukari hinab gestiegen wo Alnor und Sitar, durch das Tor kommen wollten. Sie hielten dieses Tor wohl für besonders geeignet, weil die Verließe dort schon seit Jahrhunderten verlassen waren.

Als das Tor sich öffnete, kamen sie hindurch, aber sie waren nicht alleine, mit ihnen kamen Metur, schreckliche Nindur Diener auf silbernen Drachen. Alnor kämpfte während des Übertritts offenbar verzweifelt mit mehreren von ihnen und er wurde zurück durch das Tor geschleudert, bevor sie eingreifen konnten.

Sie mussten die Drachen also so schnell wie möglich attackieren, bevor diese die offenbar bewusstlose Sitar in ihre Gewalt bekam.“

Algrake seufzte und blickte Tanystra an.

„Euer Großvater, war schnell, er traf einen der Metur mit einem Milras Pfeil und sprang sofort hinterher um ihm mit dem Deniqui-Schwert den Rest zu geben.

Aber der erste Hieb tötete das Wesen leider nicht. Vedras wurde gepackt und der Großfee, es war wohl ein Spiox, hauchte ihm seinen tödlichen Atem in die Lunge.“

Die Zuhörer erschauerten, doch lauschten sie weiter gebannt. Nur der fremde Fee saß scheinbar teilnahmslos und zusammengesunken auf seinem Stuhl.

„Die einzige Möglichkeit für Sitar und sich, einen solchen Schrecken zu entkommen, sah auch Condrath darin, ihn durch das Tor zurück zu werfen. Doch sein Drachenzauber dessen Vorbereitung zuviel Zeit kostete, kostete Vedras vermutlich das Leben.“

Algrake schaubte.

„Aber auch im Nachhinein, so hat er es mir mindestens geschildert, hätte er nicht gewusst wie er es hätte anders anfangen können, schließlich war dies auch beinah sein Ende. Denn auch Condrath und einer der Großfeen stürzten gemeinsam in das magische Tor, das noch immer offen stand. Der Kampf ging in den Zwischenebenen der Tore weiter und natürlich war der Dämon ihm dort noch mehr überlegen, aber es gab hier laut Condrath auch Möglichkeiten um ihn zu erledigen.“

„Welche?“ Brummte Taystra.

„Nach stundenlangem Kampf schaffte er es schließlich ihn durch ein Scheintor zu locken, durch dass er und beide Silberdrachen ins Nichts stürzten.“

„Allerdings war Condrath selbst so schwer verletzt, dass er es selbst fast nicht schaffte die Torwege wieder zu verlassenen. Schließlich fand er den Weg nach Hevar, ins Eisland, um dort zu den Höhlen der goldenen Drachenhorde zu gelangen. Denn nur Atorm, der Alte würde ihn von den schweren Wunden, die ihm der Kampf beigefügte hatte, heilen können, so dachte er damals.“

Algrake holte tief Luft und blickte in die Gesichter ihrer Zuhörer.

„Wusstet ihr etwa nicht, dass der Magier Condrath ein goldener Drache war?“

Sie lächelte mit breitem Gebiss.

„Mehr noch, er ist mein Bruder, denn auch ich bin eine Goldene und wir stammen aus dem selben Gelege.“

Garfin und Tanystra sahen sie verblüfft und etwas unbehaglich an.

Und als ihr niemand antworten wollte fuhr sie fort:

„Wir, also einige Goldene und Blaue, sind schon länger zurück aus Hevar als viele wissen. Allerdings nur als Wächter. Unsere Aufgabe ist und war es die Rückkehr vorzubereiten. Aber eine friedliche Rückkehr. Mit dem Einverständnis aller Völker.“

Sie seufzte.

„Ich fürchte, unsere schwarzen und silbernen Brüder sind da anderer Meinung und wir haben sie unterschätzt.“

Tanystra blickte sie eindringlich an, dann sagte sie:

„Ich denke, es ist unser Glück, dass ihr auf unserer Seite steht und ebenso Condrath, sollte er tatsächlich noch leben.“

Algrake schüttelte den Kopf.

„Leider erlag er seinen Verletzungen schließlich doch. Aber zunächst gelang es ihm noch zurückzukehren.“

Sie lächelte.

„Ihr werdet nun fragen, wie das mit seinem Körper war?“

Garfin schüttelte den Kopf.

„Meine Mutter erzählte mir einmal, dass einige Drachen eine andere Gestalt annehmen können.“

Die Magierin nickte.

„Nicht zu glauben,“ murmelte Garfin.

Algrake fuhr fort:

„Doch zunächst war es nicht so einfach, denn er schaffte es zwar durch das Tor und kam in Kirindur, dem Eistor heraus, doch dort lauerten bereits die grauen Molche des Mereas auf ihn und er wurde halb tot wie er war, leicht überwältigt und in die tiefsten Verliese des Ont’c, im Tempel des großen Drachengottes geworfen. Es sah, zweifellos und endgültig wie sein sicheres Ende aus.“

Tanystra fragte: „Was hat ihn gerettet?“

„Nichts, konnte ihn retten. Als ich in sein Haus kam, fand ich Tulian dort und er erzählte mir was geschehen war.“

Sie lächelte. „Ich konnte ihn mit einiger Mühe und Glück befreien, wie, das ist eine andere Geschichte, doch unter der Folter des Schrecklichen war er so schwach geworden, das er die Rückkehr nicht lange überlebte.“

Sie seufzte:

„Aber er verriet mir noch alles über den Pakt des Mereas mit der Feenkönigin, mit dem sich dieser leichtsinig geberüstet hatte, in der Annahme Condrath würde niemals überleben.“

Sie blickte abwesend durch ein Burgfenster nach draußen.

„Wir haben einen starken Magier verloren und die goldene Horde eine große Hoffnung.“

Auf ihrer Stirn erschienen tiefe Falten und sie wies durch das Fenster zum Himmel. „…und ich meinen Bruder.“

Im Raum herrschte Totenstille, dann sagte sie schließlich:

„Der Sturm verzieht sich, jemand geht gegen meinen Zauber zu Werke. Vielleicht erfolgt der Angriff nun doch schneller als gedacht, wir sollten uns darauf vorbereiten.“

„Noch eine Frage“, sagte Tanystra leise: Was geschah mit Vedras, dem Vater von Meloragh, meiner Stiefmutter?

Die Goldene blickte sie traurig an.

„Tulian barg den Körper von Vederas und brachte ihn in Condrahts Haus, doch der Blauelf erwachte nicht wieder.“

„Er liegt, soweit ich weiß, nun dort im Garten unter einer Dryadenstatue begraben.“

~

Wenig später stand Tanystra kurz vor der Schlacht alleine in ihrer Kammer und fühlte das Ende nahen.

Sie hatte ihren Knappen bereits fort geschickt aber es überraschte sie nicht, als es nun an der Tür klopfte und sie die dunkle Stimme von Algrake vernahm:

„Darf ich herein kommen Tany?“

Sie sparte sich die Antwort, denn die Magierin trat bereits ein.

Ihr Gesicht zeigte tiefen Ernst, als sie Tanystra nun in die Augen blickte.

„Du wirst sterben?“

Tanystra nickte stumm, aber ein Funke von stolzem Trotz schien ihre bis dahin leicht gebeugte Gestalt aufzurichten.

„Aber ich werde meinen Vater noch rächen,“ flüsterte sie und fügte hinzu:

„Weißt du ob meine Stiefmutter Meloragh noch am Leben ist?“

Algrake schüttelte den Kopf.

„Ich weiß nicht mehr als dir vermutlich auch der Elf erzählt hat, aber zumindest brüstet sich der Feind noch nicht mit ihrem Tod oder?“

Sie schwiegen einen Moment beide, der der jungen Gräfin von Elberak wie eine kleine Ewigkeit vor kam, dann sagte Algrake.

„Weißt du welcher Feind sich hinter der Fassade von Elthor wirklich verbirgt?“

Tanystra schüttelte den Kopf.

„Es gibt Gerüchte und Ich ahne das mehr als mein Onkel dahinter steckt.“

Algrake nickte.

„Es sind die Drachen. Die schwarze Horde wird zurückkehren, das Heer vor deinen Mauern führt einer ihrer gefährlichsten Diener an, Moregh, einst ein hoffnungsvoller Schüler Sul’rirs, nun ein Werkzeug der Feeenkönigin Dionel und des schwarzen Drachenfürsten Mereas.“

Tanystra blies resigniert die Luft aus den Backen.

„Elthor und seine nördlichen Barone sind also nur Marionetten?“

Algrake nickte.

„Ebenso diese Trollfürsten. Diese Dummköpfe glauben Dionel würde sie für Ihre Treue belohnen.“

Tanystra lief unruhig auf und ab.

Wenn Helovar fällt, wird es kein Halten mehr geben für Elthors Schergen, dann fällt das ganze adhronische Königreich.“

Sie lachte grimmig auf und blieb stehen und blickte Algrake an.

„Sie sind zu viele. Ihre Vorhut hat uns längst umgangen, täglich brüsten sie sich vor unseren Mauern damit, dass sie die Städte im Süden bereits in Schutt und Asche gelegt hätten und auch wenn nur die Hälfte davon stimmt…?“

Tanystra zuckte plötzlich in der Erregung ihrer Rede zusammen, weil ein stechender Schmerz in ihren Rippen pochte.

Algrake blickte sie besorgt an, dann zog sie eine Ampulle aus ihrem Mantel.

„Trink dies. Es ist Wolfklaue, eine Droge, aber vielliecht hilft es gegen das Gift.“

Tanystra trank es.

„Seit bedankt, aber im Kampf schützt es mich nicht.“

„Wer ist noch auf Eurer Seite?“ antwortet Algrake mit ernster Miene.

Tanystra zuckte die Schultern.

„Wir wissen nicht viel darüber ob es noch irgendwo sonst nennenswerten Widerstand gibt, die meisten Städte unterwerfen sich Elthor offenbar kampflos.“

Algrake nickte.

„Sie wissen nicht was wirklich vorgeht. Ihr müsst es ihnen sagen! Sendet Boten aus um die Menschen aufzuklären und auch die Trolle.“

„Die Dundar?“

Antworte Tabystra verächlich.

Algrake nickte.

„Es wird einige geben, die Euch zuhören.“

„Außerdem, ihr seit das Schild, ihr seit das letzte Banner der Endar in Adrohn, aber nicht in ganz Arkur.

Schickt Boten nach Varaskon und weiter.“

Die Gräfin von Elberak seufzte. „Nur wenn ich lange genug durchhalte,“ flüsterte sie.

Algrake nickte.

„Aber auch hier seit ihr jetzt nicht mehr alleine, denn die Drachen sind mit Euch.“

Tanystra hob erstaunt die Augenbrauen.

Algrake zeigte ein breites Grinsen und ihr Augen schienen dabei golden zu schimmern.

„Die Goldenen und ihre Brüder und Schwestern sind auf Eurer Seite.“

~

Noch in der Nacht erfolgt der Angriff.

Von den zerstörten Abwehrwällen vor der Burg nicht mehr aufgehalten, strömten Sdarcs und Trolle gegen die Mauern.

Während die Soldaten der Grafschaft Steine und Pech hinab warfen.

Als sich die Reihen der Verteidiger immer mehr lichteten und die Mauern wankten, saß Tanystra im großen Burghof schließlich still und abwartend auf ihrem Streitross.

Zusammen mit den letzten hundert Rittern Elberaks.

Algrake hatte ihr zusätzlich einen magischen Verband angelegt, so dass sie keine Schmerzen mehr spürte.

Es war kurz vor Mitternacht des dritten Tages des großen Angriffes, als die ersten Mauerteile der inneren Burg unter schweren Treffern der Steinschleudern fielen.

Da erteilte sie den Befehl das Tor zu öffnen und sie ritten mit gesenkten Lanzen und im vollen Galopp hinaus.

Auf ihren Lippen erschallte ein einziger Kampfschrei:

„Tod Elthor dem Brudermörder!“

~

Tulians Gedanken kreisten nur noch um eines: Alnor.

Was hatte die Zeit aus ihm gemacht?

Alnor hatte damals also überlebt, aber was genau war dann in Hevar geschehen?

Dionel, die seine Geliebte gewesen war und ihn lediglich benutzt hatte für ihre finsteren Interessen, nannte sich nun Königin aller Feen?

Tulian konnte es nicht glauben.

Die Elfen und Menschen hier mussten sich täuschen und doch erkannte er in ihren Augen, dass sie glaubten was sie ihm zu berichten wussten.

Sein Vater, seine Schwester Diamante, die Edlen der Halur, was war mit ihnen, was war in Andul, im Palst von Wahran’Din geschehen?

Er blickte aus dem Fenster des Turmes doch die Schlacht die sich dort draußen abspielte konnte seine innere Sicht nicht überdecken.

Wenn die Nindur so umfassend gesiegt hatten, welche Hoffnung gab es dann noch?

Warum sollte er weiterleben, warum sollte er nach Andul zurückkehren?

Wieder kam ihm Alnor in den Sinn.

Er habe eine Kind seines Vaters beschützt, eine Mesila, eine Erbin beider Feengeschlechter, hatte Algrake gesagt.

Ein Kind von dem niemand etwas gewusst hatte.

Aber, es war eben wie in der großen Prophezeiung, die davon sprach, dass eine Mesila, da einst die Königin aller Feen werden würde.

Seine Augen begannen zu leucht, denn er verstand.

Das war es was sein Bruder erhoffte und was Dionel zugleich fürchtete.

War es wirklich möglich?

Und sie war hier, irgendwo in diesem vom Krieg geschlagenen Land, schutzlos?

Denn Alnor war so hieß es, war verschwunden.

Tulian seufzte ob dieser Ironie des Schicksals.

Da erwachte er aus jahrelanger dunkler Verwirrung und sein Bruder, der stets schicksalhaft mit ihm verbunden war, schien greifbar nah und war es doch nicht.

Er riss sich aus den Gedanken.

Nun, da er den Verstand langsam zurück zu gewinnen begann, war es seine Pflicht ihn und ebenso das Kind, die Mesila.

Er hob die Faust gegen die schwarzen Massen vor der Burg und blickte nun klaren Auges zu ihnen hinaus.

„Dionel,“ flüsterte er, „dein Geliebter ist nicht tot, er kehrt zurück!“

Garfin kam in diesem Moment in die Turmkammer gestützt.

Er trug auf dem Arm eine leichte Rüstung, Helm und Schwert.

Ihre Blicke trafen sich und der Elf nickte und sagte:

„Seit ihr bereit an unserer Seite zu kämpfen, Fee?“

Tulian löste sich vom Fenster und schritt auf ihn zu.

„Nichts lieber als das Elf!“

Sagte er mit fester Stimme.

~

Terzel holte tief Luft.

„Was wollt ihr tun? Ihr seit ja des Wahnsinns. Wir müssen sehen, dass wir uns so schnell wie möglich hier aus dem Staub machen.“

„Aber es sind die Töchter des Königs!“ Schnaubte Sorenn empört.

„Ach was! Ein toter König, damit habe ich nichts zu schaffen, wir bringen uns nur noch mehr in Gefahr.“

„Mein Verwalter und ich,“ er nickte mit dem Kopf zu Logrik hin, „werden jetzt die wichtigsten Waren über den Tunnel zum See schaffen, von dort können wir die Stadt, wenn überhaupt, ungesehen verlassen. Es gibt dort einen verborgenen Pfad an der Mauer entlang.“

Sorenn blickte ihn wütend an, biss sich jedoch auf die Lippen.

Sie hatte natürlich auch nicht wirklich einen Plan, wie sie den Gefangenen helfen konnte. Sie seufzte ohnmächtig und wollte den beiden Händlern gerade aus der Stube folgen, da zupfte sie jemand am Ärmel.

Es war die Dienerin, die ihnen während der Unterredung das Essen aufgetischt hatte.

Sorenn hatte sie kaum beachtet, darum blickte sie, sie nun verwundert an.

Sie war stämmig und rotbackig und wirkte eher bäuerlich, nicht wie ein Stadtkind.

Doch ihre grünen Augen leuchteten intelligent.

„Ihr wollt den Gefangenen helfen junger Herr?“ Zischte sie mit fester Stimme.

Sorenn nickte vorsichtig.

„Dann folgt mir, ich kann euch zu Leuten führen die Gleiches im Sinn haben.“

Sorenn betrachtete sie einen Moment, überrascht aber vorsichtig.

“Was sind das für Leute?“ Sagte sie dann.

„Das werdet ihr erfahren wenn ihr mir folgt.“

Antwortete die Magd.

Sorenn kniff misstrauisch die Augen zusammen und machte Anstalten doch den beiden Händlern zum Warenlager zu folgen.

Ein gehetzter Ausdruck erschien in der Miene des Mädchens.

„Ihr müsst mir glauben und es bleibt Euch keine Zeit lange zu überlegen, denn die Coceaner werden bald hier her kommen.“

Sagte sie hastig und fügte noch hinzu:

„Mein Name ist Zulis, ich bin im Widerstand und unser Anführer ist Dilbar, der Sohn des Barons, ihr werdet ihn vielleicht kennen.“

Sorenn sah wie sie ob dieser Offenbarung ein wenig unsicher wirkte und vielleicht befürchtete sich doch der Falschen anvertraut zu haben.

Konnte sie um ihre wahre Identität ahnen? Sie sah andererseits nicht so aus, als stände sie im Dienst des Verräters Elthor.

Kurz entschlossen entschied sie das Risiko einzugehen. Was hatte sie schon zu verlieren?

Sie gab der Magd rasch die Hand und sagte knapp:

„Also führe mich zu Dilbar, ich kenne ihn tatsächlich.“

Die Magd wandte sich um, trat durch die Tür und Sorenn musste sich beeilen ihr zu folgen.

Als sie mit raschen Schritten den Hof überquerten, hämmerte plötzlich jemand heftig gegen das große Tor.

Sie schreckten zusammen und Zulis warf Sorenn einen wissenden Blick zu.

Die beiden Händler waren bereits im Kontor verschwunden, doch sie hörten von daher Terzels Kommandos.

Das Hämmern wurde lauter und energischer, was Zulis Befürchtungen zu bestätigen schien.

„Öffnet im Namen des Königs!“ Brüllte jetzt eine kräftige Stimme vor dem Tor.

Im nächsten Augenblick wurde das Tor mit einem großen Krach aufgebrochen, der auf magische Hilfsmittel schließen ließ.

Einige bewaffnete Knechte des Händlers stürzten sich schreiend den Eindringlingen entgegen, doch durch das Tor stürmte eine Dutzend tranoorische Söldner, in schweren Plattenpanzern und mit langen Spießen bewaffnet.

Während Sorenn die Szene noch fasziniert betrachtete, zog sie Zulis hastig in eine Seitentür hinter der beinah direkt, steile Stufen in die Tiefe führten.

Sie rannten die Treppen hinab, wobei Sorenns Gedanken nur kurz bei der Gefahr verweilten, die ihrem Weggefährten Terzel nun drohte, denn Sie musste sich zu sehr konzentrieren um auf den alten, abgetretenen Stufen nicht auszurutschen und Zulis war so schnell unterwegs, dass sie dabei Mühe hatte ihr zu folgen.

Als sie gerade daran dachte ihr hinterher zu rufen, sie solle langsamer laufen, stolperte sie in ein schmales Kellergewölbe, an dessen Ende vor einer dicke Mauer stand Zulis und lächelte ihr im Licht einer Fackel die dort brannte, fast wölfisch entgegen, währen in ihrer rechten Hand die Klinge eines Dolches funkelte.

Verflucht, war sie in eine Falle gelockt worden?

Sorenn hatte einen Anflug von Beklemmung und schluckte, während ihre Hand zum eigenen Dolch fand.

Ihre Gedanken rassten.

„Hatte diese Magd sie tatsächlich hier herunter gelockt um sie dann zu ermorden?“

Sie spannte die Muskeln an und ging in Angriffsposition.

Doch Zulis wandte sich sobald Sorenn den Raum betreten hatte um und der feucht schimmernden Wand zu.

Sie steckte dort den Dolch in eine kaum sichtbare Spalte und man vernahm wie irgendein Mechanismus hinter der Mauer einrastete.

Die Magd trat zur Seite und schob nun Sorenn ebenfalls aus dem Weg, während sich vor ihrem erstauntem Blick eine Tür in der Mauer abzeichnete.

Dahinter gähnte ein dunkler Gang, der gerade so hoch war, das sie gebeugt darin gehen konnten. Zulis trat ohne ein Wort hinein und winkte Sorenn ihr zu folgen.

„Ist dass der Tunnel von dem Terzel sprach“.

Zulis schüttelte den Kopf.

„Es gibt unter der Stadt viele Tunnel.“

Sorenn seufzte und schritt ihr hastig nach, bevor sie das Licht wieder verlor das die Magd mitgenommen hatte, denn der Gang schien wie sie nun sehen konnte rasch eine Biegung zu machen.

Als sie darin war, schloss sich die Tür hinter ihr auf scheinbar magische Weise von selbst.

Sie folgten dem Gang, der mal schmaler, mal breiter wurde, passierten einige weitere Kellergewölbe und erreichten schließlich einen kreisrunden Brunnenschacht.

Sorenn blickte hoch und erkannte vielleicht zehn Ellen über sich den Schimmer von Sonnenlicht, durch einen lückenhaften Brunnendeckel gefiltert.

„Und nun?“

Kam es Sorenn über die Lippen.

Zulis zeigte auf Trittstangen die bis auf halber Höhe in den Schacht geschlagen waren und dort vor einem schmalen Holzsteg endeten.

Sie kletterten hinauf und hier sah Sorenn den Eingang zu einer Röhre, durch die man allenfalls kriechen konnte.

„Wo führt das hin?“

Zischte sie.

Zulis, die, die Fackel vor dem Aufstieg gelöscht hatte, lächelte soweit Sorenn das erkennen konnte, geheimnisvoll, dann sagte sie:

„Nur noch hier durch, dann sind wir unter der „Seemöwe“ junger Herr.“

Bevor Sorenn darauf etwas erwidern konnte, ließ sie sich auf die Knie fallen und kroch voraus.

Sorenn blieb nichts übrig als ihr weiter zu folgen.

Als sie nach wenigen Metern Licht sah und sich aufrichten konnte, blickte sie zu ihrer Überraschung in die Gesichter von etwa ein Dutzend Gestalten.

Zulis stand jetzt bei ihnen und außerdem Dilbar, der allerdings älter wirkte als sie ihn in Erinnerung hatte und eine hohe große Gestalt mit grauem Bart, die sie freundlich anlächelte und die sie zu ihrer freudigen Überraschung ebenfalls kannte.

„Sul’rir?!“ Sagte sie laut und sie klopfte sich beim Aufrichten den Staub von der Hose.

„Oho, seht her die Tochter des Grafen von Elberak, verkleidet als gemeiner Bursche!“

Ein freundliches Gelächter brach aus.

Zulis lächelte und so wusste Sorenn, dass auch die Magd sie erkannt hatte.

Nachdem daraufhin Sul’rir und Dilbar, Sorenn mit den anderen im Raum bekannt gemacht hatten, herrschte freudige Erregung unter den Anwesenden, denn in Eleur war das Gerücht in Umlauf gewesen, die gesamte Grafenfamilie sei bei dem Verrat Cloestins ermordet worden.

Leider wusste niemand etwas bestimmtes über den Ausgang der Schlacht bei Helovar und Tanystras Schicksal, nur das Flüchtlinge davon sprachen, das die Übermacht vor den Mauern der Festung erdrückend sei.

Sul’rir sprach Sorenn sein Bedauern über den Tod ihres Vaters und ihrer Schwester aus, verriet ihr jedoch sogleich, dass er noch vor einigen Tagen über einen Kristall mit ihrer Mutter gesprochen habe.

„Sie befindet sich irgendwo im Notawenkohr und verfolgt einen wichtigen Auftrag“

Sagte er geheimnisvoll.

Sorenn war sehr froh über diese Nachricht und umarmte den alten Magier erleichtert, doch lieber noch hätte sie ihre Mutter hier in die Arme geschlossen.

Als sie dies Sul’rir sagte, nickte er verständnisvoll.

„Sie hatte zunächst andere Pläne, doch es war notwendig diese zu ändern. Ihre Fähigkeiten werden, dort wo sie ist dringender gebraucht. Obwohl, wir sie eigentlich überall brauchen könnten.“

Antwortete er schließlich mit einem Seufzer.

„Der Orden von Nevlon ist vielleicht das einzige Bollwerk gegen die Bedrohung unserer Zeit.“

Er blickte sie ernst an.

„Du bist Meloraghs Tochter und in Dir schlumern die gleichen Fähigkeiten, wie ich weiß. Der Orden braucht Dich, auch wenn Du Deine Ausbildung noch nicht beginnen konntest.“

Sorenns Augen wurden groß und sie wollte gerade etwas erwiedern, als Dilbar neben sie trat und sagte:

„Wir müssen mit unserer Besprechung fortfahren Meister.“

Sul’rir nickte und wandte sich wieder an die Versammlung.

Wie Sorenn nun erkannte, standen sie um einen ovalen Tisch, auf dem die Karte Adrohns ausgebreitet war.

„Algrake ist nach Helovar unterwegs,“ Sagte Sul’rir nun, „in Begleitung eines Feenprinzen Namens Tulian. Er ist wie auch Alnor ein Sohn des gestürtzen Feenkönigs Thargal und war er lange in der Gefangenschaft der schwarzen Drachen.“

Ein erstauntes Gemurmel setzte ein.

„Wir waren gemeinsam von Varaskon aus aufgebrochen und trennten uns erst kurz vor Eleuer, weil ich mich um die Lage hier kümmern wollte.“

Er räusperte sich.

„Ich sehe Erstaunen auf manchen Gesichtern. Daher ist es wichtig das ich hierzu noch einige Erklärungen gebe, aber wie einige bereits wissen, sind wir in einen viel größeren Konflikt geraten, als es zunächst den Anschein hat.“

Die Gesichter wandten sich ihm gespannt zu.

„Der unvermeidliche Krieg, der über uns herein bricht, geht nicht allein um die Krone Adrohns. Es ist ein Krieg der Feen, den sie in unser Land hineintragen. Die Nindurkönigin Dionel strebt nach der Herrschaft über die Welt. Sie will die Halur vernichten und sie braucht dafür die Hilfe der schwarzen Drachen.“

Sorenn die diese Zusammenhänge noch nicht kannte und hörbar auch andere Anwesende schluckten.

Sul’rir sah finster in die Runde.

„Ja, die Prophezeihungen über eine Rückkehr der Horde, scheinen sie als zu bewahrheiten. Aber zu unserem Glück haben wir auch Verbündete unter den Drachen und den Halur, zuerst Alnor und Tulian und vielleicht auch dem in Gasfrogan aufgewachsenen Feenkin Sitar, kommt hierbei eine wichtige Rolle zu.“

Nun brach eine lebhafte Diskussion aus und Sul’rir zog Sorenn etwas abseits der Gruppe um den jungen Baron und murmelte:

„Als ihr mit dem Händler kamt, gab Zulis mir gleich Bescheid, dass ihr es seit.“

Er lächelte. „Obwohl Eure Verkleidung sehr gut ist, aber die jungen Mädchen hier haben fast alle Bilder Eurer Familie.“

Sorenn nickte, sagte aber nichts, denn sie hatte das Gefühl das er noch nicht zu Ende war.

Der alte Magier strich sich auch nur kurz und mit ernster Miene über den Bart, dann fuhr er fort:

„Du hast auch gesehen, dass Deine königlichen Cousinen draußen im Gefangenlager sind?“

Sorenn nickte erneut.

„Ich hatte gehofft, Torgast, ein Ritter Deiner Mutter würde sie rechtzeitig in Sicherheit bringen können, aber das ist ihm offenbar nicht gelungen. Wir müssen daher etwas für sie tun, obwohl es, wie du gehört hast, viele und insgesamt größere Probleme gibt, mit denen wir es zu tun haben.“

Sorenn biß sich auf die Lippen.

„Wissen Elthors Leute, wen sie gefangen haben?“

„Ich vermute, nicht.“

Antwortete der Magier.

Sorenn nickte.

„Ich werde alles tun was ihr wollt Meister, um meine Cousinen zu retten und auch im Kampf gegen die Drachen.“

Sie lächelte schüchtern.

„Ich habe auf dem Weg hierher meine Fähigkeiten entdeckt.“

Sul’rir warf einen belustigten Blick zu.

„Das hatte ich gehofft, aber Du darfst Dich noch nicht überschätzen.“

Er nickte Dilbar zu, der ihm während er redete nun ein Zeichen gab.

Dann traten sie gemeinsam zurück an den Tisch.

Dilbar sagte:

„Nur noch so viel, ich komme gerade aus Varaskon zurück. König Aplazal selbst hatte mich als Boten noch dorthin geschickt, um den Tarul der Republik und seine Ratsherren davon zu überzeugen, das sie auf unserer Seite in den Krieg eingreifen müssen.“

Er seufzte.

„Leider ist es mir nicht gelungen, diese Narren sehen die größe der Gefahr nicht.“

Sul’rir schnaubte.

„Ich habe es eigentlich auch nicht anders erwartet. Auch die Priester des großen Tempels dort wollten meine Warnung nicht ernst nehmen, das Dionels Diener die heilige Phiole in Szombat würden zu stehlen versuchen.“

Eine Frau, die Sorenn als Kilar vorgestellt wurde sagte nun:

„Ihr glaubt, um genügend Magie zu gewinnen, werden die Feen versuchen alle Drachentränen zu finden um ihre magischen Kräfte damit zu verstärken und unsere zu schwächen?“

Sul’rir nickte und er ergänzte seine Gedanken mit den Worten:

„Ich befürchte darum, das Moreghs, unser abtrüniger Ordensbruder, der nun als Drachenpriester das Heer Elthors vor Helovar anführt, nächstes Ziel, Valtaraon ist. Dort soll er für Dionel die mächtigtse aller Tränen, das Sturmlicht holen.“

Er strich sich über den grauen Bart.

„Leider weiß ich noch nicht, wie sie es anstellen will die Kräfte der Tränen zu bündeln?“

Bei diesen Worten hielt er erschrocken inne, als sei ihm plötzlich ein Gedanke gekommen.

Die Anwesenden blickten ihn mit großen Augen an.

„Ich fürchte, soeben ist es mir eingefallen,“ sagte Sul’rir mit zerknirschtem Gesichtsausdruck:

„Die magische Bibliothek von Pelat Weront.“

Baron Dilbar und die anderen, die wie Sorenn zwischenzeitlich auch erfahren hatte Mitglieder der Gilde der Ralocs2 waren, betrachteten derweil eine Karte der Stadt, die sie über die des Königreiches ausgebreitet hatten und sie hoben nur kurz den Kopf, als Sul’rir und Sorenn nun erneut zu ihnen traten.

„Ich weiß Meister, richtete der Baron das Wort wieder an Sul’rir, ihr müsst so schnell wie möglich nach Valtraon, aber es gibt vorher noch eine wichtige Aufgabe für diese Nacht.“

Der Magier nickte und warf Sorenn einen bezeichnenden Blick zu.

„Die Prinzessinen.“ flüsterte Sorenn.

„Dilbar blickte sie ernst an.

„Sie und mein Vater, auch er soll morgen Abend hingerichtet werden.“

~

Amra haderte grundsätzlich mit ihrem Schicksal.

Niemand hatte sie oder ihre Schwester nach ihrem Willen gefragt.

Seit ihre Heimat, die Burg von Althear gefallen war, waren sie nur auf der Flucht gewesen, Tag für Tag.

Plötzlich Herausgerissen aus ihrem königlichem Leben am Hofe, wo sie umgeben waren von tausend schönen Dingen, Musik und angenehmen Düften.

Jeden Tag ein neues Kleid und viel Zeit in den Gärten und mit netten Spielen verbracht hatten.

Dazu eine Vielzahl von Dienern, die ihnen jeden Wunsch von den Lippen ablasen.

Und nun?

Aus der völligen Sorglosigkeit, waren sie in wenigen Stunden nur, brutal herausgerissen worden.

Der Tod des Vaters, die vor ihren Augen sterbende Mutter, die Trennung von ihrem Bruder gegen ihren Willen.

Von einem Fremden fort gebracht.

Tage lang unterwegs, zum Teil zu Fuß.

Laufen bis zur völligen Erschöpfung.

In Regen, Schlamm und der barbarischen Kälte des ehrannahenden Winters.

Dazu jeden Moment die Angst entdeckt und ermordet zu werden.

Ein Wechselbad der Gefühle zwischen Hoffen und Bangen.

Zwischen Schmerz und schmerzlichem Verlust.

Es war die Hölle gewesen bis hierher und nun hatte es sich nur als der Weg dorthin entpuppt.

Denn in der Hölle waren sie offensichtlich jetzt erst angekommen.

Wenn Amra in den Spiegel sah und dieser Spiegel war Lorin für sie, dann sah sie zwei Mädchen, die trotz ihrer erst sieben Sonnenwenden, keine sorglosen Kinder mehr waren.

Ausgemergelt wirkten sie und gezeichnet von ihren schrecklichen Erlebnissen der letzten Wochen.

Alle Unbeschwertheit schien wie weggeblasen.

Ihre Augen lagen tief in den Höhlen und waren stark gerötet, ihre Körper geschunden, ihre Haare verfilzt und keine Spur mehr von jenen glänzenden Mähnen, um die sie ihre Schwester Erell stets beneidet hatte.

So wie sie aussahen, hätte man sie sogar von jeder Bettlerpforte Althears zurückgewiesen.

Doch nun schien es, als wären all diese Strapazen auch noch umsonst gewesen.

Sie hatten nicht wirklich eine Möglichkeit gehabt zu entkommen, das war Amra inzwischen klar.

Es war einfach nur ein letzter Versuch des alten Priesters gewesen, das Haus Sherat zu retten.

Als Althear fiel war das Land bereits voller Feinde und diese wurden mehr je mehr die Macht des alten Königreiches schwand.

Es war nur eine Frage der Zeit gewesen, wann die Jäger sie stellen würden und wenn sich Torgast und Aloe nicht heldenhaft geopfert hätten, wären auch sie längst tot.

Aber auch so, war es reines Glück gewesen, dass die Cocanischen Ritter sie bis jetzt, nicht erkannt hatten.

Doch dies konnte jeder Zeit geschehen.

Nur, spielte das überhaupt noch eine Rolle?

Waren sie nicht ohnehin, in ihrer augenblicklichen Lage, dem Tode geweiht?

Denn was konnten sie tun, sie waren Gefangene und ganz alleine auf sich gestellt.

Niemand würde ihnen helfen.

Schon hatte es in der vegangenen Nach erste zarte Schneeflocken gegeben und wenn sie nicht erfrieren würden in diesem schmutzigen Lager unter freiem Himmel oder verhungern, da es kaum Essen gab seit den zwei Tagen, die sie nun hier eingepfercht waren, dann würden sie sicher von den rohen Wachen verschleppt und wie sie annahm in irgendeiner Hütte erschlage.

Sie kamen fast jede Nacht.

Darum hatten sie auch den Gedanken verworfen sich als königliche Prinzessinnen zu erkennen zu geben und auf eine edle Behandlung wenn auch weitere Gefangenschaft zu hoffen.

Von diesen barbarischen Rittern und Söldnern würden sie das nicht erwarten dürfen.

Nein, sie mussten ihre Identität verbergen, das war ihr einziger Schutz.

Immer wieder, wurden auch starke Männer aus dem Lager heraus geholt und in Ketten abgeführt.

Lorin hielt jene, die das taten für Sklavenhändler, von denen sie einmal am Tisch ihres Vaters hatte sprechen hören.

Amra betrachtete traurig die Sterne über der Siluette der Stadt, aber sie hatte keine Tränen mehr, die hatte sie längst alle verbraucht.

Einzig ihr Hass hatte sie bisher am Leben erhalten, ihre Verachtung für ihren Onkel.

Lorin rüttelte sie plötzlich am Arm.

Amra wandte sich zu ihrer Zwillingsschwester um.

„Dort Schwester schau,“ flüsterte Lorin.

Amra folgte dem ausgestreckten Arm, dann blickte sie Lorin erneut fragend an.

Das Lager versank im Schlamm, nachdem es am Vormittag etwa drei Stunden geregnet hatte und nun stieg die Feuchtigkeit in feinen Nebelschwaden aus dem Boden, so das man nicht sehr weit sehen konnte.

Fast konnte man den Eindruck gewinnen, man befinde sich bereits in den benachbarten Zakrat-Sümpfen.

Amra erkannte in den zusammengekniffenen Augen ihrer Schwester ein trotziges Funkeln, obwohl Lorin dabei eine zynische Grimasse zog.

Ihr Überlebenswille war noch wesentlich stärker ausgeprägt, als der ihre, das hatte sie schon oft festgestellt.

So ähnlich sie im Äußeren waren, so unterschiedlich waren doch ihre Charaktere.

„Siehst du die Königliche Garde mit fliegenden Fahnen herbeieilen?“

Flüsterte Amra nun mit spöttischem Unterton.

„Nein Schwester, ich sehe den Sklavenhändler.“

Amra kniff die Augen zusammen um besser durch die Nebelschwaden hindurch sehen zu können.

Tatsächlich sah sie nun den großen kahlköpfigen Mann, der bereits während der letzten beiden Tage durch das Lager gegangen war und sich dabei auch einige kräftige Kinder ausgesucht hatte.

„Das ist unsere letzte Chance,“ flüsterte Lorin, „lass uns aufstehen und wie kräftige Burschen ausschauen.“

Amra entfuhr ein kurzes trockenes Lachen.

„Was hast du vor?“

Zische sie mit einem Anflug von Panik in der Stimme.

Die Gruppe der Sklavenhändler hatte sie bereits fast erreicht.

„Wer hier bleibt wird sterben,“ antwortete Lorin mit einer Eiseskälte in der Stimme, die Amra frösteln ließ.

„Vielleicht wäre mir das lieber als Sklavin zu sein,“ murmelte sie.

Lorin schüttelte energisch den Kopf und als die Männer gerade achtlos an ihnen vorbei schreiten wollten stellte sie, mit einer blitzschnellen Bewegung, dem Vordersten ein Bein.

Er fiel mehr vor Überraschung, denn durch die Kraft des Mädchens, vorn über, der Länge nach in den Schlamm.

Sofort waren die Schergen des Händlers über ihr und sie und auch Amra wurde grob gepackt.

Wenn nicht der Gestürzte, ein Glatzkopf, der sich geschmeidig wie eine Großkatze sofort wieder aus dem Dreck erhoben hatte, und rasch dazwischen gesprungen wäre, hätte wohl ihrer beider letztes Stündlein geschlagen.

Doch zu Amras Überraschung hielt er die anderen Männer, die ihm gegenüber offenbar Respekt hatten, davon ab und musterte Lorin mit stechendem Blick aber auch dem Anschein von Belustigung in seiner Miene, während er sich den Schlamm aus den Kleider klopfte.

Amra versuchte ihre Angst herunter zuschlucken und eine trotzige burschenhaften Eindruck vorzustellen.

Der Sklavenhändler verzog nun das Gesicht zu einem hässlichen, zahnlückenhaften Grinsen.

„So! Sind hier also Burschen, die uns unbedingt begleiten wollen!“ Rief er mit rauchiger Stimme.

Ein grober Kerl der Amra mit einem dicken und vollständig tätowierten Arm umschlungen hielt antwortete schnarrend:

„Sie haben wohl Sehnsucht nach der Peitsche.“

Der Sklavenhändler und alle seine Männer lachten.

Der Glatzkopf trat auf Lorin zu und blickt ihr ins Gesicht.

Lorin blickte trotzig zurück.

„Das war Absicht,“ zischte er und lachte schallend.

„Ihr beide scheint aus härterem Holz, als es auf den ersten Blick scheint.“

Er gab seinen Männern ein Zeichen.

Schon wurden die beiden Königstöchter gepackt und in ihrer Mitte abgeführt, zusammen mit anderen, bereits zuvor ausgewählten Unglücklichen.

Amra und Lorin warfen sich verstohlen furchtsame Blicke zu und keine von beiden wusste zu denken, ob das eine gute Entscheidung gewesen war.

Als sie nun durch verschiedene Stadtviertel hinab zum Tostian-Kanal geführt wurden, wo die größeren Schiffe vor Anker lagen, bemerkten sie schnell, das die Stadt offenbar in großem Aufruhr war.

Soldaten kamen aus allen Gassen und bildeten geordnete Truppen. Offiziere brüllten Befehle.

Es war eindeutig, das Heer, welches in der Stadt lagerte rüstete sich zum Aufbruch.

Lorin zwinkerte Amra zu, während sie beide grob vorwärts gestoßen wurden und Amra verstand, dass der Sklavenhändler wohl tatsächlich ihre Rettung war.

Aber keine besonders Angenehme befand sie für sich.

Wenn sie jemals irgendwann groß sein würde und wieder zu Rang und Macht gelangen sollte, würde sie sich für all diese Schmach rächen, das schwor sie sich.

Inzwischen glaubte sie aber natürlich kaum noch an diese Möglichkeit.

Sie erreichten schließlich die überfüllten Hafendocks.

Hie gab es zahlreiche Schiffe, die aber bereits mit Rittern überfüllt waren.

Wohin wollte dies Armee?

Die kleineren Sklavengaleeren lagen weiter landeinwärts in Seitenkanälen, so das sie sich noch fast eine halbe Stunde bis dorthin durchkämpfen mussten.

Am Dock davor waren Käfige aufgestellt, die bereits mit anderen Sklaven belegt waren, aber der Dock an sich war fast leer.

Sehnsüchtig blickte Amra zum gegenüberliegenden Ufer des Kanals hinüber, wo sich der große Wald von Agrehl erstreckte.

War es möglich dorthin zu entkommen?

Betrübt betrachtete sie ihre Hand- und Fußfesseln, die man ihnen nach der Bezahlung der Wächter angelegt hatte.

Es würde ein Traum bleiben.

Ihre Besitzer legten nun Planken an ihr Schiff und öffneten die Käfige.

Die Sklaven von dort, ausschließlich kräftige große Männer, wurden zuerst hinauf geführt.

Amras Mut sank weiter.

Sie konnten nicht entkommen.

In wenigen Minuten würden sie im Bauch dieses Schiffes sein und auf dem Weg zu den Sklavenmärkten von Varaskon oder noch weiter entfernt von ihrer Heimat.

Sie spürte wie nun doch Tränen aus ihren Augen rollten.

Da gab es plötzlich einen fürchterlichen Krach.

Alle Hälse schwangen herum und blickten zur Stadt, über der in diesem Moment zwei große Feuerbälle empor stiegen.

„Ohhhhhhhhhh!“ Kam es aus Hunderten erstaunten Mündern.

Dann fielen sie mit Wucht hinab auf die Hafendocks und verwandelten diese in einem Augenblick in ein Inferno aus Feuer.

Der Schrei aus den Kehlen wandelte sich in ein panisches IHHHHHHHHHHHHH!

Auch die Sklavenhändler und ihre Gefangenen standen einen Moment wie versteinert da, dann brach Panik aus.

Die Sklaven liefen, sofern es ihre Fesseln erlaubten, in alle Richtungen und die Wärter mit ihnen, obwohl das Feuer nur den vorderen Teil des Hafens und die Truppenschiffe getroffen hatte.

Amra und Lorin wurden umgerannt und konnten sich nur mit Mühe aus dem Weg der wild um sich schlagenden Aufseher bringen, da geschah das nächste Wunder.

Ein schwarzer Pfeil bohrte sich wie aus dem Nichts in den Kopf des größten Aufsehers, der sofort wie ein Stein von der Planke viel.

Die Überraschung der anderen Wächter, schien für eine Sekunde in der Zeit fest gefroren, dann folgte dem ersten Pfeil ein regelrechter Hagel von Geschossen und streckte fast alle von ihnen ebenfalls nieder.

Schwarz vermummte Gestalten sprangen nun aus der Deckung der Hafengassen und erledigten mit scharfen Dolchen den Rest.

Im nächsten Moment wurden Amra und Lorin auf die Beine gezogen, man durchschnitt ihre Fesseln und einer der Retter rief ihnen zu, dass sie ihm rasch folgen sollten.

Irritiert wurde ihnen klar, das nur sie befreit worden waren.

Die anderen Sklaven lagen noch geduckt auf dem Kai.

Sie rannten ihrem befreier hinterher zum Ufer und dort sahen sie wie dieser ein kleines Ruderboot auf dem Kanal bestieg und ihnen eilig zuwinkte.

Lorin und Amra zögerten, doch dann kamen weitere Männer in ihrem Rücken heran und man stieß sie fast hinein.

Sofort legte das Boot ab und zwei kräftige Vermummte durchpflügten das Wasser und ruderten es zur anderen Seite hin.

Keiner der beiden richtet dabei ein Wort an sie.

Als sie nich wenigen Minuten das andere Ufer erreicht hatten, erschienen am Waldrand nun Gestalten und Lorin stieß einen Ruf der Überraschung aus, denn sie erkannte das Mädchen trotz der kurz geschnittenen Haare.

„Es ist Sorenn“, flüsterte sie Amra zu, „Sorenn von Elberak unsere Cousine.“

~

Nachdem sie mehrere Stunden wortlos durch den Wald nach Osten geritten waren, gab Sorenn endlich das Zeichen anzuhalten.

Sie hatten eine schwer erkennbare Lichtung erreicht mit Überresten uralter Ruinen.

Amra vermutete, als sie sich nun müde umsah, dass es wohl mal ein Druidenhain gewesen war.

Die Männer, die nun ihre dunklen Kapuzen von den Köpfen zogen, begannen damit ein lager zu errichten.

Amra erkannte nun das es genau zwölf waren.

Sorenn bedeutete den Zwillingen zu ihr zu kommen, als sie zwischen zwei zerfallenen Bogengängen auf alten Treppenstufen Platz nahm.

Als sie dem folgten, fielen aus dem klaren Himmel erneut Schneeflocken herab.

Amra und Lorin umarmten ihre Cousine nun und drückten ihre große Dankbarkeit aus.

Sorenn wehrte sie jedoch ab.

„Ich konnte euch befreien und ich bin sehr froh darüber,“ sagte sie, „aber auch ich bin eine Verfolgte und wir müssen nun gemeinsam überlegen was wir tun können zu Eurem Schutz. Hört mir also gut zu.“

Lorin und Amra nickten und Sorenn stellte ihnen daraufhin die beiden Personen vor, die neben ihr Platz genommen hatten.

„Das ist Gihlon, Anführer der Gilde der Ralocs. Seine Männer haben euch das Leben gerettet.“

Der knochige Mann, der einen schneidigen Kinnbart trug, ansonsten aber sehr elfisch wirkte, beugte leicht den Kopf.

„Nur mit Hilfe von Sul`rirs Feuer und dem Ablenkungsangriff des jungen Baron,“ sagte er, machte aber keineswegs ein bescheidenes Gesicht bei diesen Worten.

Sorenn lächelte.

„Es ist zu hoffen, das sie ebenso erfolgreich waren und das es Dilbar auch gelungen ist seinen Vater zu befreien.“

Die zweite Person war eine Frau, klein aber ungewöhnlich muskulös.

Ihre Wangen waren auffällig gerötet in der kalten Luft, doch ihre großen dunklen Augen wirkten auf Amra gleich einnehmend, erinnerten sie aber auch einwenig an die unglückliche Aloe.

„Ihr Name lautet Zulis,“ sagte Sorenn.

„Zulis wird heute Nacht noch mit den anderen umkehren sie hat noch einen ebenso wichtigen Auftrag auszuführen, doch Gihlon und vier Ralocs werden uns weiter begleiten, bis wir auf einem sicheren Weg sind.“

Lorin blickte zum Himmel empor und schien zu überlegen.

„Torgast hatte einen guten Plan,“ sagte sie schließlich. „Er hat ihn mir am Abend vor dem Überfall auf unseren Wagen, noch geschildert.“

Sie warf ihrer Schwester einen kurzen Blick zu und Sorenn nickte aufmunternd.

„Es gibt wohl einen wenig bekannten Pass über das Südkohr-Gebirge unterhalb von Asthric? Torgast bezeichnete ihn als Wildsteig oder so ähnlich.“

Zulis ließ einen leisen Pfiff der Überraschung hören und der Anführer der Ralocs brummte etwas in seinen Bart.

„Also?“ Sagte Amra.

Die beiden tauschten einen kurzen Blick aus und Gihlon antwortete:

„Es gibt tatsächlich eine schmale Steige am Grad von Sherat, immer an der Sumpfkannte des Zakrat und durch einen geheimen Tunnel. Auf der anderen Seite des Berges führt er dann hoch über dem Flußdelta von Althear wieder nach Norden und durchschneidet das Südkohr westlich. Ein langer und beschwerlicher Weg.“

Sorenn schnaubte. „Vermutlich ist er nicht mit Pferden begehbar?“

Gihlon nickte.

„So ist es junge Gräfin, dafür dürfte er jedoch fast sicher vor Feinden sein. Der Hauptpass hingegen ist ihre wichtigste Nachschublinie nach Helovar.“

„Wo genau kämen wir heraus?“

„Auf der Ebene von Chapasan, bei Asrit, kurz vor der Tempelstadt Torwyn,“ antwortete Zulis.

Sorenn brummte:

„Also führt er ins heilige Land, war dies Torgasts Plan?“

Wandte sie sich an Lorin.

Diese nickte.

„Wenn ich es richtig verstanden habe, wollte er uns durch Chapasan nach Worlen oder direkt nach Laraven zu den Klippenschiffern bringen, in der Hoffnung die westlichen Häfen sei noch frei. Um von dort über das Hythratonum zu gelangen, direkt in die Ostmark in seine eigene Baronie.“

Sorenn blickte in die Runde.

„Wie es scheint, ist dies ein guter Plan, denn die Häfen im Osten sind offensichtlich längst in Elthors Hand .“

Gihlon nickte.

„Aber der Weg ist weit.“

~

Sul’rir war hin und her gerissen.

Zum einen musste er so schnell wie möglich nach Valtraon, um dort vielleicht noch die Drachenträne vor dem Zugriff von Dionels Schergen zu retten.

Zum anderen lag ihm der Gedanke schwer auf dem Magen, dass sie womöglich plante in die magische Bibliothek von Pelat Weront einzudringen, denn nur dort lagen die Schriftrollen verborgen, die einen Zauber ermöglichten, der für die Vereinigung der Drachentränen notwendig war.

Aber wie konnte er beides zugleich verhindern?

Dazu gab es kaum eine Möglichkeit.

Er hat zudem hier genug zu tun und hatte im Augenblick nicht die Hilfsmittel um schnell genug mit den anderen Magiern von Nevlon Kontakt auf zunehmen.

Vielleicht kam auch Rontwal der Gedanke und er würde selbst Maßnahmen ergreifen, aber seine einzige wirklich Hoffnung lag in den Ralocs.

Gihlon hatte ihm versprochen alles zu versuchen, denn er vermutete, dass Dionel eine andere Diebesgilde oder Assasinen mit dem Diebstahl beauftragt hatte, dort, wo sie nicht mit Hilfe von Truppen sowieso in ihren Besitz gelangen konnten.

Gihlon selbst würde Sorenn begleiten, aber er hatte Zulis, seiner rechte Hand, mit einigen Männern den Auftrag erteilt nach P’weront zu gehen und umbedingt den Diebstahl zu verhindern.

Es gab auch noch eine Wage zweite Hoffnung, dachte Sul’rir, aber bisher hatte er noch nichts gehört davon ob den Sentir der Sturz der Regierung von Therolis gelungen war.

Diese Hoffnung auf die Kaiserlichen war wirklich sehr ungewiss.

Er seufzte, dann wandte er den Blick ab von der Stadt Eleuer, die er von jenem Waldhügel aus gut sehen konnte und ging zu den Pferden hinab, im Gedanken bei seiner Tochter Yres, die ebenfalls in P’weront war.

Sorenn und Gihlon, die er mit ihrer Gruppe und den befreiten Prinzessinnen, am zweiten Tag eingeholt hatte warteten gespannt auf ihn.

„Ich kann mir nicht recht erklären was in Eleur vorgeht,“ sagte er, „aber, es hatte den Eindruck als zögen die Truppen nach Norden ab, sie lassen in der Stadt nur eine kleine Besatzung zurück. Vielleicht ist der Krieg in Helovar doch noch nciht verloren.“

~

Sie gab ihrem Pferd die Sporen, denn sie wollte Eorkvin so schnell wie möglich erreichen.

Die Vision, die sie in der Vergangenen Nacht heimgesucht hatte, hatte ihr einen solchen Schrecken eingejagt, dass sie bereits lange vor dem Morgengrauen wieder im Sattel saß.

Die einstürzenden Türme der magischen Stadt Valtaraon, die Flammen zwischen den Häusern, die Schreie der Menschen und Elfen.

Noch immer waren ihre Hände schweißnass, wie beim Aufwachen.

Konnte es wirklich sein, dass die glitzernde Stadt der Magier unter ging?

Dass alle mächtigen Schutzzauber versagten?

Aber das Schlimmste war, dass das Sturmlicht geraubt wurde.

Sie hatte es in ihrem Traum genau gesehen.

All dies konnte nur geschehen auf Geheiß der schrecklichen Königin, jenem Bösen Geist der in Ydiare steckte.

Die Diebe würden versuchen das Sturmlicht mit der Drachenträne darin zu ihr zu bringen, da war sie sicher und so würde es auch den vier anderen Tränen ergehen.

Dionel war außerdem auf der Suche nach den Schwertern der Macht um sie den Drachen zurückzugeben. geschmiedet in einer neuen Krone.

Ganz deutlich hatte sie sie in ihrer Vison auf dem Haupte Mereas, des schwarzen Drachenfürsten, gesehen.

Das war das schrecklichste was passieren konnte.

Weiter trieb sie ihr Pferd mit sanften aber bestimmten Worten an.

Waren das dort bereits die Zinnen von Eorkvin, die im Morgennebel glitzerten?

Nein, das konnten sie noch nicht sein.

Sie erschrak!

Es waren Reiter mit Speeren, ein ziemlich großer Trupp und er hielt direkt auf sie zu.

Ein sehr unheiliger Fluch entrang sich den Lippen Ulmines, der Priesterin.

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1 Auszug aus dem Elitiri-Epos (lange verschollene Schrift aus dem Lande Kargoll), über das Geschlecht der „Drachentöter“.
2 Ralocs: Quendar für die Raben

KAPITEL 5:

PELAT VERONT

…nichts war wie es war
die Rauchwolken stiegen über die Türme
finster brodelte der Himmel
fern waren die Götter…
1

Langsam schritt Ydiar über den Gang zum großen Saal.

Sie war in der Frühe erwacht wie aus einem unendlichen Traum.

Aber sie konnte sich an nichts erinnern.

Elthor war aus Althear zurückgekehrt und hatte augenblicklich eine Versammlung der Edlen Coceons einberufen.

Ein Diener hatte an ihre Tür geklopft und sie mit leiser Stimme gebeten dazu zu kommen.

Sie hatte keine Ahnung worum es ging und die Tatsache, dass Elthor sie in Staatsangelegenheiten mit einbeziehen wollte war ihr neu.

Sie fasste sich zerstreut an die Stirn.

Wieso konnte sie sich nicht erinnern was vor ihrem Schlaf war?

Das letzte an das sie sich erinnern konnte, war dass sie vor Imelipor dem großen Wandspiegel im Raum der magischen Artefakte gestanden hatte, kurz vor dem Frühjahrsball.

An das Fest selbst hatte sie keine Erinnerung und auch an sonst nichts.

Auch die Kleider, die, die Zofen ihr heraus gelegt hatte, hatte sie mit befremden gemustert, es waren Winterkleider.

Irgendetwas hatte sich seltsam verändert im Palast und sie war den ganzen Vormittag noch nicht Animon begegnet und auch nicht einem der Kinder.

Als sie eine Dienerin nach ihnen fragte, hatte diese sie mit großen Augen angeblickt und nur ausweichende Antworten gegeben.

Sie war zwar gewohnt, dass man sie für einfältig hielt und kaum ernst nahm am Hof, dies war schon so seit Elthor sie zur zweiten Frau genommen hatte und es hatte sie wenig gestört, weil sie ihn doch so sehr liebte.

Als dann Melian zur Welt kam, hatte sie sich zudem fast ganz ihrer Tochter gewidmet.

Sie blieb plötzlich erschrocken stehen.

Wo war Melian?

Erst jetzt kam sie ihr in den Sinn.

Sie schluckte, was war bloß mit ihr geschehen? Wieso war ihr Kopf so leer?

Ihr Blick fiel aus dem Fenster.

Überrascht erkannte sie, draußen vielen die Blätter des Spätherbstes, es war also wirklich schon fast Winter.

Wie konnte das sein? Sie spürte wie sie ins Taumeln geriet.

Irgendetwas schreckliches war passiert mit ihr.

Die Erkenntnis überlief sie wie eine heiße Welle.

Der Spiegel, die Stimme aus dem Spiegel, flüsterte sie.

Dann sah sie plötzlich das Gesicht genau vor sich, es explodierte sichtlich in ihre Erinnerung hinein.

Sie schrie, schrie so laut sie konnte und lief zu einem der Rundbögen durch den sie hinab auf den Burggraben sehen konnte.

Dieses Gesicht! Dieses schreckliche Gesicht! Sie kletterte auf die Mauer und spürte den kalten Herbstwind in ihre Kleider fahren.

Melian war tot.

Sie wusste es plötzlich mit der Gewissheit einer anderen, der Mörderin.

Unbändige Verzweiflung ergriff sie und Hoffnungslosigkeit.

Sie blickte taumelnd in die Tief des Abrundes unter ihr und ließ sich fallen.

~

Sie liefen nun schon einen halben Tag, so schien es ihnen, durch den Berg.

Es gab keine Abzweigung, keinen Raum, keinerlei Veränderung des Gesteins.

Zweimal hatten sie Rast gemacht und länger auf anere Bewegungen im Tunnel gelauscht.

Aber nichts war zu hören gewesen, außer ihrer eigenen Echos.

Gelyoc war immer mürrischer geworden und selbst Sitar war für ihre Verhältnisse einsilbig.

Wo würde sie dieser lange Gang, der keinen natürlichen Ursprung haben konnte, hinführen?

Wieso ließen sich die Bewohner des Berges nicht sehen?

Mehrmals schon hatte Sitar daran gedacht umzukehren, doch sie war zu unentschlossen gewesen.

Schließlich hatte sie Jargs versprochen das Schwert seiner Schwester zu bringen.

Doch wo sollte sie selbst hin gehen? Wo waren ihre übrigen Gefährten?

Sie kannte sich nciht aus in diesem Land, es blieb ihr also nichts übrig sich an Gelyoc zu halten.

Er hatte behauptet, den Weg nach Worlen zu kennen, doch hier unter dem Berg führte mit Sicherheit kein Weg dorthin.

Wie würden die Trolle um Zimoke sie überhaupt aufnehmen.

Würden sie ihnen glauben oder sie vielleicht sogar gefangen nehmen, sie töten?

Was blieb ihnen übrig als Jargs Worten zu vertrauen und seinem Armband.

Sie warf einen Blick auf das Schmuckstück, dass sie nun um das eigene Handgelenk trug.

Vielleicht war es wirklich ein geheimer nur den Gombar bekannter Tunnel, der quer durch das Gebirge in ihr Tal führte, vielleicht aber auch nicht und er würde nach der nächsten Biegung vor einer Geröllmauer enden.

Sie betrachtete Gelyocs Rücken und wunderte sich plötzlich, das seine Haare unmerklich flatterten.

Verdutzt hielt sie an.

Wie konnte das sein? Doch nun verspürte sie selbst den Windzug.

Irgendwoher kam frische Luft und der Gang begann anzusteigen.

Sie konnte es nicht glauben und stieß einen Jauchzer der Freude aus.

Gelyoc grunzte.

„Wenn es nicht nur ein Bergloch ohne Weg ist.“

Sie wusste nicht genau, was er damit meine aber, nach einer weiteren halben Stunde wurde der Luftzug so stark, dass die Fackel ausging.

Das machte sie nervös, aber sie tasteten sich nun mit Gelyocs magischem Licht weiter voran.

Dann kamen Stufen, die immer steiler den Berg hinauf stiegen und die Kälte nahm zu.

„Wir werden erfrieren so weit oben,“ brummte der Halbtroll.

„Unsinn,“ sagte Sitar, „wir haben doch dein Feuer.“

Er blickte sie belustigt an. „Es ist magisch, nicht heiß.“

Im nächsten Moment erreichten sie einen schmalen Ausgang und stiegen auf einen schmalen Sims, hinaus aus dem Berg.

Der Anblick war atemberaubend.

Sie standen auf einem Felsvorsprung und blickt ringsrum auf die schneebedeckten Gipfel des Notawenkohr.

Das Bergmassiv erstreckte sich so weit sie sehen konnten in alle Himmelsrichtungen und war mit dicken Wolkenschichten umhangen, die manche Spitzen ganz verbarg.

Es war mit Abstand die beeindruckendste Landschaft, die Sitar jemals gesehen hatte.

„Wie hoch sind diese Berge?“ Hauchte sie und zog sich dabei den Elfencap enger um die Tallie.

„Keine Ahnung,“ antwortete Gelyoc „ich war noch nie hier.“

Sitar musste lachen und der Halbtroll grinsten.

„Ich glaube aber nicht, dass uns Jargs hier hinauf geführt hat nur um die Aussicht zu bewundern.“

Sitar nickte. „Nein, schau dort.“ Er folgte mit den Augen ihrem ausgestreckten, leicht zitternden Arm nach Osten.

Von dem Ausstieg aus dem Berg, an dem sie standen führten eisige Stufen hinab in einen engen Pass.

Man hätte das sicher kaum erkannt, wenn nicht in dicke Felle gehüllte Gestalten sich dort bewegt hätten.

Sitar ging sofort hinter der überhängenden Steinbrüstung in Deckung.

„Sind das Tiere?“ Flüsterte sie.

„Nein,“ schnaubte Gelyoc, „zumindest nicht nur. Ich denke es sind Trolle.“

„Glaubst du wirklich, glaubst du es sind die es sind Gombar?“

Sie versuchte die gestalten besser zu erkennen.

„Sie ziehen durch den Pass, der hinab zwischen die Berge führt, vielleicht liegt dort ihr Tal, weiter im Inneren des Wenkohr?“

„Mm, könnte sein.“

Plötzlich vernahmen sie ein lautes Krachen und blickten erschrocken zur Eiswand des Berges der auf der anderen Seite des Passes, ihnen gegenüber aufragte.

Dort sah man nun große Gestalten mit bläulich-weißer Haut, die sich brüllend über die Kannte der Wand beugten und begannen riesige Eisbrocken hinab auf die Trolle im Pass zu werfen.

Das Gebrüll der Wesen löste nun zusätzliche zu ihren Geschossen noch einige Lawinen aus, die, die Gruppe der Trolle im Pass mit tödlicher Geschwindigkeit erreichten und blitzschnell unter großen Schneemassen begruben.

„Großer Baum! Sie werden alle sterben. Wir müssen etwas tun,“ murmelte Sitar.

„Was können wir tun? Nichts. Wenn wir Magie einsetzten wird alles nur noch schlimmer. Außerdem wüsste ich nicht einmal, wie wir diese vereisten Stufen hinab kommen sollten, ohne uns den Hals zu brechen?“

Sitar sah hinab und schluckte.

„Aber irgendetwas müssen wir doch tun können.“

Rief sie verzweifelt.

~

Der Anführer der Sentir, hatte seine kleine Schar im Wehrhall zurück gelassen.

Wie sein Vater es ihm geraten hatte versuchte Elfric nun zuerst die Lage in der Hauptstadt des Königreiches Therolis auszukundschaften.

Er war sicher, das es zahlreiche Spione von Coceon dort gab.

Doch Sherg hatte ihm auch vertrauenswürdige Freunde genannt, die er um Unterstützung bitten konnte.

Er war ihm gelungen fünftausend Sentir-Ritter zusammenzubringen, die sich seinem Befehl unterstellten.

So viele aus all den geheimen Ausbildungslagern des Reiches waren gekommen, um endlich für ihre Sache zu Felde ziehen zu können.

Der Aufstand der Kaiserlichen hatte begonnen!

Doch seit Wochen hatte er keine Nachricht von seinem Vater.

Wo war er? Was geschah im Königreich Adrohn?

Er hatte ihm versprochen auf den Einsatzbefehl zu warten, aber er und seine Ritter brannten vor Ungeduld.

Nur mit Mühe hatte er ihre Euphorie in Zaum halten können und hoch fliegenden Pläne, wie den sofortigen Marsch auf Gwaron um den Tarul abzusetzen, eine Absage erteilt.

Sein Name, der Name seines Vaters half dabei, aber es war wichtig, dass die Nachrichten bald kamen.

Vor allem jene die sie alle hören wollten, dass tatsächlich der Nachfahre des Kaisers gefunden war.

Im Gedanken versunken stapfte er, sein Pferd am Zügel, durch die Vorstadt von P’weront und bemerkte die vielen bunten Wimpel erst, als ihm ein bemalter Geck den Weg versperrte.

„Winter-Mittmarkt der Herr!“ Rief dieser

„Einen Kurent für die Narrenkasse.“

Elfric kramte das Geldstück hervor und warf es in den Beutel des Gauklers.

„Wollt ihr vielleicht an einem oder mehreren der Turniere teilnehmen?“

„Was?“

Er schüttelte den Kopf und sah nun endlich die vielen Turnierzelte, die auf dem Marktplatz aufgebaut waren und dazwischen überall kleine Arenen in denen die Spiele stattfanden.

Hier ging das Leben weiter, als gäbe es den Krieg in der Nachbarschaft nicht, dachte Elfric leicht verstimmt.

Doch dann hellte sich seine Miene auf, da ihm klar wurde, dass sein kriegerischer Aufzug so in der Stadt vermutlich weniger Aufsehen erregen würde.

Als er weiter ging drang plötzlich ein unbeschreiblicher Lärm auf ihn ein, Waffenklirren und Geschrei aus vielen Kehlen.

Eine der Arenen war von fünf blauen Zelten umringt. Von seinem etwas erhöhten Standort konnte er über die Köpfe der sich um ein Absperrseil drängenden Zuschauer hinweg sehen.

Zwei große grobschlächtige Männer, mit nackten Oberkörpern und dicken Stricken in der Hand umkreisten sich.

Ihr Atem bildete in der Kälte zwei sich vereinende Dampfwolken.

Vor ihm beobachtete eine schlanke Gestalt in einem kostspieligem roten Mantel ebenfalls die Szene.

„Was ist das für ein Wettkampf?“ Fragte er den Mann.

Dieser drehte sich zu ihm herum und blickte ihn fragend an. Sein grauer Bart war mit verspielten Zöpfen bestückt und seine Augenbrauen stachen auffallen lang ab.

Er warf Elfric prüfend an.

„Das sind natürlich Lirgoten, also Schlingenkämpfer Fremder, wollt ihr mit mir wetten?“

Elfric erkannte das verschlagene Funkeln in seinen Augen.

Er lachte.

„Ihr kennt sicherlich beide Männer bestens, also wäre ich wohl verrückt mit euch zu wetten, da könnte ich euch gleich die Münzen geben.“

„Dann wählt ihr zuerst.“ Sagte der Graubärtige ungerührt.

„Mm, um wie viel?“

Elfric bemerkte, das auch alle anderen Zuschauer sich offenbar diesem Zeitvertreib widmeten.

Der Mann aus P’weront holte einen Askont aus seinem Beutel und warf ihn provokant in die Luft.

„Werdet ihr mithalten?“ Er musterte Elfric listig.

„Für einen so jungen Ritter, tragt ihr eine wirklich altmodische Rüstung,“ sagte er dabei beiläufig.

„Ich fürchte also, etwas zeitgemäßes könnt ihr Euch nicht leisten.“

Nun lachte Elfric, dem der Humor des Mannes langsam sympathisch wurde.

Er zog darum ebenfalls seinen Beutel hervor und zeigte ihm die gleiche Münze.

„Mein letztes Hemd,“ fügte er schmunzelnd hinzu.

Der P’weronter warf ihm einen schiefen Blick zu.

„Also gut, wen wählt ihr?“

Elfric überlegte kurz, aber er hatte noch Zeit und konnte sich den Spaß also leisten.

Die Kämpfer hatten inzwischen zwei oder drei Aufwärmrunden ausgemacht, wo sie offenbar absichtlich das Seil auf den Boden knallen ließen.

Doch nun machten sie sich zum ernsten Kampf bereit.

„Den dort.“ Elfric entschied sich für den etwas breitschultrigeren Mann, der einen glänzenden silbernen Gürtel trug und das Gesicht mit roter Farbe bemalt hatte.

„Eine kluge Wahl,“ spottete sein Mitwetter.

Dann erfolgte ein Gongschlag und blitzschnell gingen die beiden Kämpfer zum Angriff über.

„Übrigens, silberne Gürtel tragen die Anfänger.“

Bemerkte der Mann neben ihm so ganz nebenbei und es dauerte wirklich nicht lange, da war der Kampf bereits vorüber.

Der magere Bursche mit dem blaugrauen Tuch um den Kopf, der eine sehr abgerissene Hose trug, hatte Elfrics Kandidat schon mit dem dritten Angriff sein Seil um den Hals gelegt und ihn aus dem Ring geschleudert.

Enttäuscht blies Elfric die Luft zwischen den Zähnen hindurch, nahm es dem grinsenden P’weronter aber nicht übel und gab ihm die Münze.

„Wollt ihr vielleicht eine Revanche?“

Elfric schüttelte energisch den Kopf und lachte.

„Nein, nein, ich kann Eurem Sachverstand nicht das Wasser reichen.“

Er blickte sein gegenüber nun ernst an.

„Ihr seit, so scheint es, ein echter Geschäftsmann und wohlhabend dazu, wie sonst könntet ihr Euch solch edle Röcke leisten.“

Sagte er, denn er beabsichtigte, noch ein paar Informationen aus ihm heraus zu locken.

Der Händler lächelte geschmeichelt.

„Woher kommt ihr? Ich würde auf Omenes oder Szombat tippen, dort trägt man vielleicht noch diese alten Helme.“

Elfric lachte nun schallend, das der Graubärtige beschwichtigend die Hand hob.

„Ich sehe ihr regt Euch leicht auf, darum werde ich kein Wort mehr über Euer Äußeres verlieren und Euch zum Ausgleich anbieten Euch die Stadt zu zeigen, was sagt Ihr?“

Elfric nickte freudig überrascht ob dieses Angebotes.

„Ihr kennt nicht zufällig einen Herrn Namens Halfen Pados?“

Der Händler hob erstaunt die Augenbrauen.

„Den kenne ich in der Tat,“ sagte er schmunzelnd.

„Ich kann Euch zu ihm führen. Mein Name lautet im übrigen Lim Ulias, Herr Pados ist ein sehr guter Freund von mir.“

~

Von den Zinnen der Feste Coceons stieg ein dunkler Schatten in die Nacht.

Pon war erst am Vorabend zurückgekehrt, nachdem Dionel ihn gerufen hatte.

Der Großfee hingegen war zu ihrem Ärger noch nicht wiedergekehrt.

Doch auch ohne ihn glaubte sie zu wissen wo E’galat sich befand.

Das sie noch nicht tot war, ahnte sie, irgendwie war es ihr erneut gelungen zu entkommen.

Es war sehr ärgerlich, aber das konnte warten, vielleicht spielte es schon bald keine Rolle mehr.

Dann zögerte sie einen Moment bei einem beunruhigenden Gedanken.

Wenn es ihr wirklich gelungen war dem Metur zu besiegen, dann nur, wenn sie ihre magischen Kräfte bereits vor der Zeit entdeckt hatte, Konnte das sein?

Hätte sie vielleicht doch besser einen ihrer Silbernen dazu einsetzen sollen?

Sie schüttelte den Kopf.

Der Jäger würde zurück kommen, da war sie sicher, er gab nicht so schnell auf.

Nun aber musste sie ihre ganze Kraft zunächst einer anderen Aufgabe widmen.

Die Drachentränen! Valtraon war ihr nächstes Ziel.

Am Morgen hatte sie ihre menschliche Hülle verlassen und war in ihrer eigenen Gestalt hinaus auf den Turm gegangen um Avarel zu erwarten.

Als nun der Flügelschlag zu hören war verspürte sie das beruhigende Gefühl der Vorfreude.

Auch wenn Pon als Mensch schon ein beeindruckender Geliebter war, so faszinierte sie seine schreckliche Schönheit als Drache jedesmal aufs Neu.

Es überkam sie ein erotisches Kribbeln bei dem Gedanken, dieses Wesen immer wieder in sich gespürt zu haben.

Vielleicht war es ein Fehler, doch die Absichten und Gedanken der Drachen lagen in ihren Träumen , offen vor ihr wie ein aufgeschlagenes Buch.

Der Schwarze liebte sie nicht wirklich, er dachte sie nur zu benutzen, doch war sie es die ihn benutzte.

Dionel seufzte.

Macht faszinierte sie, doch sie hatte auch andere Gefühle.

Die Sehnsucht nach ihrem Sohn, Ugharis war manchmal in ihrem Herzen fast übermächtig geworden und hatte den Hass, den sie empfand wenn sie an Tulian, seinen Vater dachte oder an dessen Bruder, in letzter Zeit fast verdrängt.

Doch sie würde es beenden, sie würde die Krone der Feen für die Nindur auf ewig sichern.

Kein Preis war dafür zu hoch und dieses Ziel war nun zum greifen nah.

Der Drache landete mit harten Krallen auf den Zinnen.

„Hast du ihn getötet?“

Pon neigte den mächtigen Kopf und seine schwarzen Schuppen glänzten im Abendrot.

Seine feurig goldenen Augen funkelten tückisch.

„Sein Geist ist tot Herrin, seine sterbliche Hülle ist im Griff der Dämonen des feurigen Himmelsflusses.“

Dionel schmunzelte.

„Ich liebe deine poetische Ausdrucksweise.“

Sie stieg auf seinen Rücken.

„Dann lass uns nun unsere nächste Beute holen.“

Der Drache nickte und im selben Moment hob er bereits ab, hastig musste Dionel sich dabei an eine der Schuppen klammern, und sie stiegen der feuerrot glühenden Morgensonne entgegen nach Süden.

~

Nachdem sie etwa eine Stunde gewartet hatten, entschlossen sie sich doch hinab zu steigen.

Die Riesen hatten die halb verschüttete Karawane geplündert und mit Überlebenden, wie es schien, kurzen Prozess gemacht.

Ein leichter, unangenehmer Geruch von Tod stieg bereits zu ihnen empor.

Als sie nun vorsichtig die eisigen Felsen hinab und dann über das tiefe Schneefeld bis zum Pass stapften, fühlten sie sich elend und schutzlos.

Die Hoffnung, das die Riesen nicht zurück kehrten und das sie vielleicht doch noch Überlebende finden konnten, trieb sie voran.

Als sie den unteren Passweg fast erreicht hatten erstarrte Sitar einen Augenblick.

Sie wechselte einen fragenden Blick mit Gelyoc.

Er nickte, denn er hatte es auch gehört.

Ein Wimmern.

Durch den eisigen Wind war es kaum zu hören.

Sitar verdoppelte ihre Anstrengungen und erreichte den Passweg, wenn man ihn noch als Weg bezeichnen konnte, nach den Lawinen, als erste.

Der Anblick der sich ihr bot verschlug ihr jedoch die Sprache.

Ponys und Trolle lagen schrecklich zugerichtet, halb unter dem Schnee und unter zertrümmerten Wagen.

Schneehunde waren zerfetzt worden und Blut färbte den Schnee fast überall dunkel.

Man konnte nun erkennen, das der Passweg tatsächlich über den Kamm hinab in ein, noch hinter einer flacher werdenden weißen Kuppe, weiter führte.

Offenbar lag Gelyoc mit seiner Vermutung nicht falsch.

Als das Wimmern nun erneut und viel Lauter erklang schaute sich Sitar suchend um.

Gelyoc, der nun näher bei den umgestürzten Wagen auf den Weg kam, folgte dem Laut hinter einen von diesen.

Sofort rief er nach Sitar, die sich beeilte durch den hohen Schnee zu ihm vor zu kämpfen.

Als sie dann um den Wagen herum bog sah sie was er sah und schluckte.

Hier lag einer der Eisriesen.

In seinem Rücken steckten drei Speere, derentwegen er offenbar sein Leben ausgehaucht hatte.

Doch unter seinem massigen Körper schaute die Brust und der Kopf eines Troll hervor, der die Laute, die sie gehört hatten, von sich gab.

Als er sie sah, verstummte er vor Überraschung, dann sagte er mit flehenden Augen etwas in Trollgen.

Sitar und Gelyoc hatten während ihrer Entführung durch Jargs Gruppe diese Sprache täglich um sich gehört, so das sie nun genug verstanden und sprechen konnten um den Troll zu beruhigen.

Als sie näher an ihn heran gingen erkannt Sitar plötzlich, das es sich um eine weibliche Trollga handeln musste.

Ihre Gesichtszüge waren viel feiner als die der Trollger die sie kannte, ihre Statue, obwohl auch kräftig, wirkte schmäler.

Ihr Gesicht war bartlos und die Zöpfe eingerollt, was sie noch bei keinem männlichen Troll gesehen hatte.

Gelyoc, der sich unterdessen davon überzeugt hatte, das der Riese tot war, stapfte zu ihr.

Die Trollfrau öffnete den Mund und sagte erneut etwas.

Sie hatte geweint, bemühte sich aber nun darum tapfer zu wirken.

Sie widerholte die Worte, die sie bereits bei ihrem Erscheinen gesprochen hatte.

„Helft mir bitte!“ Verstand Sitar.

Ihre Miene drückte dabei, wie Sitar glaubte, eine hohe Stellung aus, ja Sitar war sich sicher, sie hatten es mit einer Anführerin zu tun.

„Keine Angst,“ sagte sie, „wir befreien dich.“

Die Augen der Trollga wanderten von Sitar zu Gelyoc und sie schien einen Moment verwirrt.

Der Halbtroll erwiderte ihren Blick und schaute dann Sitar an.

„Wir können ihn nicht ohne Magie bewegen. Wenn wir uns beide konzentrieren, geht es schneller.“

Sitar blickte ihn erschrocken an. Noch immer hatte sie sich nicht daran gewöhnt, das sie selbst über magische Kräfte verfügte.

Als sie jedoch nun in ihren Geist schaute, verspürte sie sofort wieder den Fluss der Energie in sich.

Doch sie zögerte, denn sie wusste, durch die Begegnung mit dem Metur, das sie sich damit verraten konnte.

„Nein!“ Sagte sie darum hastig.

„Du musst es alleine versuchen, ich darf sie nicht erneut auf unsere Spur locken. Der Dämon, er kann Feenmagie wittern.“

Gelyoc blickte sie zweifelnd an, dann nickte er. „Nun gut.“

Er konzentrierte sich, dann sprach er eine Formel laut aus. Der Körper des Riesen wurde plötzlich in die Luft gehoben, wobei die Trollga aufstöhnte und fiel mit einem Krachen einige Meter weiter wieder zu Boden.

Die Befreite versuchte nun vorsichtig ihre Beine zu bewegen und schien erleichtert, als es ihr gelang.

Doch als sie sich hoch stemmen wollte, verzog sich ihr Gesicht vor Schmerz und sie ließ sich wieder stöhnend zurück in den Schnee sinken.

„Ich kann mich noch nicht aufrichten. Meine Rücken.“

Sitar nickte, ging zu ihr hin und reichte ihr die Hand.

„Wir helfen dir,“ sagte sie und winkte Gelyoc auch heran. Mit ihrer beider Hilfe gelang es der Trollgear sich schließlich doch aufzurichten.

Aber es schien ihr weiterhin große Schmerzen zu bereiten.

Sie biss die Zähne zusammen und ließ sich bis zu einem halb versunkenen Wagen begleiten.

Dort lehnte sie sich an und betrachtete ihre Retter schwer atmend genauer.

„Ich danke Euch,“ keuchte sie.

„Wer seit ihr und was bringt Euch hier ins Wenkohr?“

Sie blinzelte.

„Dieser Pass ist eigentlich keinem Fremden bekannt.“

Sitar und Gelyoc wechselten rasch einen Blick, dann sagte Sitar schnell:

„Wir sind auf der Suche nach dem Stamm der Gombar, seit ihr eine dieses Volkes?“

Sie versuchte ein freundliches Lächeln.

Die Trollga blickte sie durchdringend an.

„Wer hat Euch gesagt, dass ihr uns hier findet?“

Sitar zeigte ihr das Armband von Jargs.

Die verwundete Trolgar zog scharf die Luft ein.

„Kennt ihr es?“ Fügte Sitar hinzu und spürte selbst wie die Spannung zum Greifen war.

Die Verletzte schwieg nickte jedoch langsam.

„Er ist also tot?“

„Woher…?“

Ruckartig hob sie den Kopf und funkelte Sitar finster an.

„Er würde dieses Kleinod niemals hergeben.“

Doch dann plötzlich hellte sich ihre Miene auf, als wäre ihr etwas eingefallen. Ihre braunen Augen richteten sich fest auf Sitar.

Die Fee und Gelyoc tauschten einen Blick aus und wussten für den Moment nicht was sie ihr sagen konnten, obwohl beide wohl das gleich dachten.

Die Gombar legte unterdessen den Kopf schief und die Stirn in Falten, so das Sitar lachen musste.

„Ich glaube ihr seit es,“ sagte sie dann unvermittelt.

„Jargs zog aus, um Euch zu finden. Niemand glaubte ihm, niemand…“

Sie flüsterte die letzten Worte. „…außer mir vielleicht.“

Sitar wurde wieder ernst und wusste das sie nun etwas sagen musste, sie war sich inzwischen sicher, das es Jargs Schwester Zimoke war, mit der sie es hier zu tun hatten.

„Er hat die Legende erfüllte,“ sagte sie schließlich und begegnete einem Blick der Trollgar, der eine Mischung aus Stolz und Trauer zu sein schien.

Sie nickte und zeigte auf das große Schwert, das Gelyoc auf dem Rücken trug.

„Wir haben Wardir und bringen es Eurem Volk.“

Dann ergänzte sie leise: „Es war sein letzter Wunsch.“

Zimoke stöhnte leicht, als sie nun versuchte sich etwas bequemer zu stellen, aber ihre Augen hatten sich bei Sitars Worten vor Staunen geweitet.

„Also ist es wahr, ihr seit die Feenkönigin, die unserem Volk die Hand reicht. Endlich können wir zurückkehren in unsere alte Heimat?“

Ganz unvermittelt schlug die die Hände vor das Gesicht und brach in Schluchzen aus.

Dabei sank sie auf die Knie.

Sofort war Sitar an ihrer Seite und nahm sie in den Arm.

Selbst Gelyoc machte ein gerührtes Gesicht.

„Ja, es ist die Wahrheit,“ flüsterte Sitar. Auch wenn ich noch nicht weiß wie ich das anstellen soll, dachte sie.

Plötzlich zerriss ein düsteres Heulen die eisige Luft, das sofort an den Bergflanken widerhallte und als vielfaches Echo zurück kam.

Zimoke schreckte hoch.

„Lietiri2, Schneewölfe!“ Rief Sie.

„Schnell, wir müssen hier fort.“

„Aber könnt ihr?“

Überraschend gewandt erhob sich die Trollgar und humpelte zu einem der Wagen, wo ein toter Troll über dem Bock hing.

Sie untersuchte den Toten hastig, dann zog sie ein krummes Horn unter dem Leichnam hervor.

Sitar erinnerte sich kurz vor dem Angriff einen Hornstoß vernommen zu haben, der jedoch abrupt abbrach.

Zimoke setzte es nun an die Lippen und blies hinein.

Dumpf dröhnte sein Klang durch den Pass.

„Das Shimhuorn3,“ sagte sie, „sein Ruf wird uns hoffentlich schnell Hilfe bringen. Aber wir müssen uns trotzdem beeilen und versuchen hier weg zu kommen. Sie riechen das Blut.“

Sie suchte noch einmal in dem umgestürzten Wagen und förderte ein Schwert zu Tage, das sie in die leere Schwertscheide schob, die an ihrem Gürtel hing.

„Ich glaube einige Ponys konnten den Karill4 entkommen, vielleicht können wir sie einholen.“

Gelyoc schnaubte zweifelnd. „Bei dem Schnee?“

Zimoke warf ihm einen scharfen Blick zu.

„Was seit ihr? Ein Dundir oder ein Ulen5?“

Sitar lachte und Gelyoc starrte sie verblüfft an.

„Sollte ich jetzt beleidigt sein?“

„Man hat es nicht leicht als Halbblut,“ flüsterte Sitar ihm zu.

Als Zimoke merkte, das niemand den Vergleich verstand, darum lachte sie jetzt ebenfalls und hob entschuldigend die Arme.

„Es tut mir Leid, ich sollte Euch nicht beleidigen, ihr seit meine Retter, aber wir sind hier den Schnee gewöhnt und lassen uns nicht von ihm daran hindern voran zu kommen.“

Gelyoc nickte zum Zeichen, das er ihr verzieh.

Also brachen sie auf, über den höchsten Punkt des Passes und hinab in ein endlos scheinendes, weißes Wellental, kaum durchzogen mit dem Grün der fast völlig darunter versteckten Nadelbäume.

~

Ulias hielt sich den Bauch vor Lachen.

„Er hat tatsächlich fünfhundert Sentir-Ritter im Wehrhall versteckt. Ich würde die Gesichter der Halunken, die sich da sonst immer herumtreiben, zu gerne einmal sehen. Die reiben sich die Augen.“

Pados nickte und klopfte Elfric, der einigermaßen verblüfft aussah auf die Schulter.

„Mit dieser Armee könntet ihr in der Tat den König von Therolis absetzen. Jetzt wäre ein guter Zeitpunkt, er wird während des Winter-Mitmarktes sicher wie gewohnt zwischen den Zelten lustwandeln. Vermutlich sind nicht einmal seine zehn Palastwachen in der Nähe. Das wäre doch schon einmal ein Anfang, für das neue Kaiserreich.“

Die beiden Pweronter konnten sich nun wirklich nicht mehr halten vor Lachen, während Elfrics Miene sich verfinsterte.

Am Morgen nach der Wette hatte er sich von Ulias durch die Stadt führen lassen. Zunächst durch das Viertel der Fischergilde, vorbei an den hohen Häusern der Aglathoren, wie Ulias die wichtigsten Handelsfamilien von P’weront bezeichnete.

Auffällig viele bewaffnete Frauen fielen Elfric hier auf und Ulias erklärte ihm, dass P’weront berühmt sei für seine Kimari. Ein Orden von Frauen, die als Meisterinnen des Ki-Kampfes galten. Auf seine Frage was das denn sei, ging Ulias jedoch nicht weiter ein.

Der Mitmarkt fand viermal im Jahr statt und war ein großes Vergnügen, aber auch ein Geschäft. Darum waren die Zelte und Arenen fast immer aufgebaut und wurden sonst für das normale Marktgeschehen genutzt.

Ulias lud Elfric schließlich in eine Wirtsstube ein, auf deren Eingangsschild in großen varaskonischen Lettern stand:

Zum letzten goldenen Drachen

Bei einem therolischen Wein erforschte Ulias schließlich, wie dieser wohl merkte, Elfrics Absichten in der Stadt und obwohl er nicht so viel preis geben wollte, gewann er im Gespräch mehr und mehr den Eindruck der Theroli sei seiner Sache wohlgesonnen. So wie es sein Vater ihm gesagt hatte.

Trotzdem blieb er misstrauisch, denn er hatte eine harte Ausbildung genossen und erkannte wenn Magie im Spiel war.

Bei Ulias war dies der Fall, wenn dieser es auch sehr geschickt zu verbergen wusste.

Da er, wie er ja wusste, Pados kannte, was an einigen Details, die er über ihn verriet sich auch bestätigte, erzählte Elfric ihm schließlich, dass er vor der Stadt einige Männer befehligt und mit diesen nach Adrohn wollte um dort in den Krieg zugunsten des alten Königs einzugreifen.

Ulias hatte es für einen Scherz gehalten, als Elfic jedoch den Namen Sentir erwähnte und dabei ein sehr ernstes Gesicht aufsetzte, verstummte der Magier rasch.

„Ihr seit also Syrils Shergs Sohn,“ sagte er dann, während er nachdenklich über sein Kinn strich, „eindeutig, das seit ihr.“

Er beugte sich etwas zu ihm vor.

„Es ist sehr gewagt von Euch, Euch alleine in die Stadt zu begeben. Sie wimmelt von Spitzeln, gleich welcher Seite. Insbesondere in Eurer sehr auffälligen Rüstung.“

Elfric schüttelte lächelnd den Kopf.

„Nicht auf dem Mittmarkt. Wie sonst hätte ich Euch unverdächtig ansprechen können?“

Ulias lachte und lehnte sich wieder zurück.

„Ihr seit entweder sehr schlau oder sehr naiv, da bin ich mir noch nicht sicher“

Elfric blickte ihn fragend an.

„Trotz des Mittmarktes zieht ihr Blicke auf euch, Ihr hättet Euch als Bauer verkleiden sollen.“

Elfric schmolte, „hättet Ihr Euch mit einem Bauern unterhalten?“

Ulias blickte Elfric eingehend in die Augen, dann stand er kurz entschlossen auf, warf ein paar Kurent auf den Tisch.

„Wie auch immer, also lasst uns zu Pados gehen.“

Sie verließen die Kneipe und durchquerten erneut den Mart, verließen ihn und stiegen in die höher gelegenen, vornehmen Viertel auf.

Die Gassen waren dort sehr eng und verwinkelt und sie mussten sich an manchen der ihnen entgegenkommenden Menschen, Elfen oder Tewir dichter vorbeidrängen als Elfric lieb war.

Schließlich kamen sie zu einem von einem verzierten Bogen überspannten Hofeingang, in den Ulias Torec hinein führte.

Der Hof war leer, sie überquerten ihn und stiegen an der dem Tor gegenüber liegenden Seite eine Treppe hinauf zu einer eisenbeschlagenen Tür.

Ulias klopfte an.

Zunächst tat sich nichts, dann hörten sie jedoch wie ein schwerer Riegel entfernt wurde.

Zu Elfrics Überraschung, aber offensichtlich nicht zu der von Ulias öffnete ihnen ein etwa sechzehnjähriges Mädchen, mit kurzem schwarzem Haar.

Sie trug kein Kleid, sondern eine Lederrüstung und einen Dolch im Gürtel. Sofort wurde Elfric an die Kimari erinnert, die er in der Stadt bereits gesehen hatte.

„Was? Aha Herr Ulias“, sie musterte Elfric unverholen, „wen bringt ihr da zu meinem Onkel?“

Ulias deutete zu Elfric Überraschung eine leichte Verbeugung vor dem jungen Mädchen an.

„Jemand den er erwartet Herrin Yres.“

Elfric musterte sie nun seinerseits genauer und bemerkte ihre strengen aber auf besondere Art schönen Züge.

Er nickte ihr freundlich zu.

Sie errötete zu seiner Überraschung etwas und dann drängte sie sich hastig und ohne ein weiteres Wort an ihnen vorbei, die Stufen hinab in den Hof.

„Eine wilde Stute, die es noch zu zähmen gilt. Aber Vorsicht, sie ist auch mit ihren jungen Jahren bereits eine hervorragende Kimari.“

Elfric verzog die Mundwinkel zu einem Grinsen.

„Das glaube ich sofort, aber lasst uns hoch gehen, ich nehme an dies ist Pados Haus?“ sagte er.

Ulias grinste zurück, während er durch die Tür trat und Elfric mit einem Wink zu verstehen gab ihm zu folgen.

Sie stiegen zwei Stockwerke empor und wurden schließlich von einem Diener in eine reich geschmückte Halle eingelassen, wo sie Pados mit ausgebreiteten Armen empfing.

Nach der freundlichen Begrüßung, sagte Ulias:

„Ich erwähnte unserem Sentir gegenüber eben, das er vielleicht die Kimari dazu gewinnen könnte Ihn zu unterstützen, da Otalis, Euer König, ist bei ihnen soviel ich weiß nicht sehr beliebt ist.“

Pados nickte und sein Gesicht wurde nachdenklich.

„Er steht unter dem Einfluß seiner Frau Metera, die eine Frömmlerin ist. Sie möchte die Frauen lieber in ein Kloster stecken als in Waffen.“

Er lachte.

„Yres hasst sie.“

Elfric zog die Augenbrauen empor.

„Außerdem gibt es zahlreiche Bürger, die sich wünschen, dass die Zeiten des alten Reiches zurückkommen mögen, denn sie hegen keine Sympathie für die Tarule in G’waron.“

Elfric blickte ihn überrascht an.

„Was sagt ihr da? Ich erhoffe bloß Geld für Waffen und Pferde. Wir können noch keinen Umsturz wagen, ohne das wir einen Kaiser vorzuweisen hätten.“

„Papperlapapp, ihr würde einfach zum Statthalter des Kaisers ernannt und schon hätten wir Varaskon in den Krieg verstrickt. Das solltet ihr wagen, mit Euren Fünfhundert könnt Ihr in Adrohn nichts erreichen. Ihr braucht ein viel größeres Heer und außerdem das Volk hinter Euch.“

Elfric stand die Verblüffung ins Gesicht geschrieben.

Ulias rieb sich lächelnd das Kinn.

„Es wäre zugegeben ein sehr kühner Plan, aber jetzt ist keine schlechtere Zeit als morgen, um ihn in die Tat umzusetzen. Gebt zu Ihr wisst nichts über Euren Vater, vermutlich sind Ser Shergs und Eure ursprünglichen Pläne längst gescheitert, vielleicht ist er gar tot?“

Elfric stöhnte und schüttelte den Kopf.

„Selbst wenn es uns gelingen würde, was würde das den Königstreuen in Adrohn nützen? Sie brauchen schnelle Hilfe. Außerdem hätte Varaskon vermutlich schneller als uns lieb ist ein Varaskenheer aufgestellt um die abtrünnige Provinz wieder zu unterwerfen.“

„Möglich,“ brummte Pados, „aber so schnell werden sie auch nicht hier sein. Ihr hebt nachdem ihr der neue König von Therolis seit, ein eigenes Heer aus, es gibt ihr genug Flüchtlinge aus Adrohn und marschiert nach Ahgrelos, bevor der träge Rat von G’waron überhaupt drüber nachdenkt und eure Sentir halten Pelat unterdessen.“

Elfric wusste nun nicht was er sagen sollte, die Sache klang einfach, aber sie entsprach nicht seinem eigentlichen Plan.

So sagte er lediglich:

„Otalis ist der rechtmäßig König, auch wenn er unbeliebt ist wie ihr sagt. Würden wir nicht auch viele Bürger gegen uns aufbringen?“

Pados nickte langsam.

„Sicher, vielleicht.“

Er verzog das ohnehin schon lange Gesicht.

„Darum wäre es sicher noch besser, er würde zu Euren Gunsten abdanken.“

Er lächelte, „aber auch das sollte nicht allzu schwer sein.“

Ulias nickte zustimmend

Elfric blickte beide erneut verblüfft an und war beeindruckt von der Zuversicht der beiden, ohne sie zu teilen.

Daher sagte er nur: „Wie wollt ihr das anstellen?“

Dabei dachte er, wenn ich nur meinen Vater um Rat fragen könnte.

Aber er erkannte, das er sich entscheiden musste und der Plan hatte seine Vorzüge, wenn er nicht allzuviel Zeit dadurch verlor.

Die beiden anderen Männer erkannten, das er sich dazu durch gerungen hatte und lächelten fast gleichzeitig.

„Schlagt ein König Elfric!“ Sagte Pados.

Der Anführer der Sentir hob die Augenbrauen, dann reichte er beiden entschlossen die Hand.

„Es wird keinen König mehr geben, wenn der Kaiser zurück ist. Stadthalter wird also fürs erste genügen.“

~

Sie hatten versprochen alles vorzubereiten während er nach Wehrhall zurückkehrte um seine Männer zu holen, aber auf dem Weg beschlich ihn bei der Sache doch wieder Zweifel.

Es erschien ihm einfach zu einfach, einen König zu stürzen und was würde geschehen, wenn es zu viel Widerstand gab?

Immerhin gab es kein Recht, auf das sie sich stützen konnten, außer einer wagen Hoffnung, dass die Theroli lieber einen starken Kaiser wollten als einen schwachen König.

Er zügelte sein Pferd und wollte gerade wenden um die Sache abzublasen, da sah er aus der Richtung der dunklen Baumlinie des Wehrhall drei Reiter auf sich zu sprengen.

Sie hatten sich offenbar erst gerade aus dem Umriss des Waldes gelöst.

Neugierig hielt er inne.

„Wer war das?“

„Waren es Ritter seiner Sentir oder Fremde?“

Er wartete, während ihm weiterhin durch den Kopf ging, wie naiv er möglicherweise den beiden alten Füchsen ins Netzt ihrer offenbar bereits fertigen Pläne gegangen war.

Aber Vater hatte ihm eindeutig den Namen des Händlers genannt und Ulias war ein Magier von Nevlon, wie sich herausgestellt hatte. Wie konnten diese Männer etwas Falsches im Schilde führen oder irrten sie sich auch einfach nur?

Er konner seine schlechtes Gefühl nicht abschütteln, verdrängte es aber fürs erste.

Denn die Reiter kamen unterdessen mit hoher Geschwindigkeit näher.

Nun erkannte er erleichtert die Rüstungen und Farben der Sentir.

Der vorderste war Tameon, einer seiner Unterführer.

Aber er saß irgendwie schief im Sattel.

Dann erreichte ihn der erste Ruf:

„Verrat!“ Ein Hinterhalt!“

Elfric fuhr der Schreck in die Glieder. Konnte es wahr sein?!

Da hatten ihn seine Männer auch schon erreicht.

Er erkannte dass es außer Tameon, Galec und Rul Felihrm waren und sah auch das sie offenbar alle drei Verwundungen hatten.

„Kommandant, wir wurden völlig überrascht,“ stieß Tameon atemlos hervor, nachdem sie abgestiegen waren und etwas verschnauft hatten.

„Irgendjemand hat unseren Aufenthaltsort verraten.“

Elfric hörte ihm wie versteinert zu.

„Wie viele Männer haben wir verloren?“

„Etwa fünfzig, bevor wir sie das Weite suchten.“

Antwortete der Unterführer.

„Es waren Gesetzlose und sie kannte sich gut aus im Wald. Bevor sie offen angriffen, fielen viele gute Kameraden durch ihre Pfeile aus dem Hinterhalt. Offenbar hatten sie bereits am Ort unseres Lagers gelauert und nur den rechten Zeitpunkt abgewartet.“

Elfric nickte düster.

Nur Fünfzig, schlimm genug, er hatte aber beinah noch Schlimmeres befürchtet.

„Ulias hat so etwas angedeutet, dass der Wald voller Schurken stecke.“

Sagte er mit schwer unterdrücktem Zorn in der Stimme.

Das liegt daran, dass es in diesem Land keinen starken König gibt, dachte er bei sich.

Verflucht sei Otalis!

Er hatte seine Entscheidung getroffen.

„Es wird Zeit das wir das ändern.“ Sagt er laut.

Tameon blickte ihn erwartungsvoll an.

„Was sollen wir änder Herr?“

Elfric erklärte den Dreien kurz was Pados und Ulias vorgeschlagen hatten und seine Männer waren zunächst überrascht, dann jedoch sofort begeistert.

„Eine guter Vorschlag, wenn ihr meine Meinung hören wollt Herr,“ sagte Rul Felhirm, “ wir haben im Übrigen die Angreifer verfolgt und ihre Höhle ausgeräuchert, eine alte Festung im Wald. Dabei gelang es einige wackere Kerle gefangenzunehmen.“

Er grinste.

„Ich glaube viele von ihnen sind Flüchtlinge aus Adrohn. Wir könnten sie mit ein paar Münzen sicherlich leicht für uns gewinnen und so unsere Reihen wieder auffüllen.“

Der Anführer der Sentir nickte.

„So in etwa hatte ich auch gerade überlegt. Lasst uns rasch zum Lager zurück reiten und die Sache besprechen. Pados schickt uns einen Boten raus, der uns den günstigsten Zeitpunkt für den Angriff auf die Stadt nennen wird. Also müssen wir ohnehin abwarten.“

Jetzt erst musterte er die Verbände seiner Männer.

„Ich sehe Eleme hat euch gut versorg, aber Tam, Dich hat es stärker erwischt schein mir?“

Der Unterführer lächelte gequält.

„In den Hintern, Kommandan, aber ich werd es überleben.“

Elfric nickte, gab das Zeichen zum Aufbruch, als sie alle wieder aufgestiegen waren gemeinsam ritten sie dem dunklen Saum des Wehrhall wieder entgegen.

~

Sitar, Gelyoc und Zimoke hatten Glück.

Sie holten tatsächlich vier der Ponys ein, nachdem sie eine halbe Stunde sich durch den Schnee gekämpft hatten und kamen fortan schneller voran.

Der Pass schlängelte sich in großen Schleifen hinab in ein immer deutlicher werdendes Tal.

Doch nun sank allmählich die Sonne herab und plötzlich tauchten auf den Hängen erste Schatten auf, die Sitar überdimensional groß vor kamen.

Zimoke warf ihnen besorgte Blicke zu.

„Die sind schneller wie wir,“ flüsterte sie und hielt an um noch einmal ins Horn zu blasen.

„Wenn wir nicht bald Hilfe bekommen werden sie erkennen, dass wir eine leichte Beute sind.“

Sie trieben die Ponys nach diesen Worten zu noch mehr Anstrengung an.

Der Angriff erfolgte jedoch schon kurz darauf und ohne Vorwarnung.

Ungefähr ein Dutzend Schneewölfe kamen pfeilschnell aus der Dunkelheit und zwei von ihnen rissen das vierte, freie Pony sofort zu Boden.

Panik überkam Sitar, als sie die Größe der Tiere realisierte und ihre im Mondlicht funkelnden gelben Augen sah.

Vor ihr sprang ein geradezu riesiger Wolf, Zimokes Pony an, das verzweifelt zur Seite ausbrach, aber nicht verhindern konnte, das es im tiefen Schnee von der Bestie förmlich überrannt wurde.

Zimoke hatte sich mit einem halsbrecherischen Manöver blitzschnell aus dem Sattel gerettet und im Schnee abgerollt.

Sitar sah sie hinter sich aufspringen und ihr Schwert ziehen.

Sie blickte sich wild nach den anderen Wölfen um und wusste, sie mussten etwas tun um Zimoke beizustehen.

Also trat sie ihrem Pony hart in die Flanken und drehte um, wobei sie im Augenwinkel sah, dass auch Gelyoc auf der anderen Seite so verfuhr.

Doch sie waren im tiefen Schnee zu langsam.

Ein harter Stoß erschütterte ihre Flanke und auch ihr Pony strauchelte und knickte mit den Hinterhufen ein.

Sitar schrie auf als sie im Bogen rückwärts aus dem Sattel in den Schnee flog.

Dann war bereits der angreifende Wolf über ihr.

Ein dunkler haariger Schatten, ein gewaltiges zahnbewehrtes Maul und ein grauenvoller Gestank der ihr solche Übelkeit erregte, das sie das Gefühl hatte sich sofort übergeben zu müssen.

Sie wr nicht in der Lage einen klaren Gedanken zu fassen, doch im selben Augenblick blitze etwas neben ihr metallisch auf und der Kopf der eben noch bedrohlich über ihr war, kippte zur Seite weg.

Gelyoc stand im nächsten Moment mit Gaydir in beiden Händen über ihr.

„Steh auf, schnell!“ Sie riss sich aus ihrer entsetzten Starre und packte sein Hand, die sie kräftig in die Höhe zog.

Eine Gestalt kam auf sie beide zu gelaufen.

Es war Zimoke, verfolgt von einem weiteren Wolf.

Gleich würde er sie eingeholt haben.

Sitar spürte ihre Reaktion mehr, als dass sie sie vollzog.

Sie fand die Energie in sich und diese schoss aus ihren ausgestreckten Händen auf den Wolf zu und traf ihn mitten im Sprung tödlich.

Nur knapp entkam Zimoke dem fallenden Kadaver.

Sie drehte sich keuchend um und starrte dankbar und beeindruckt zu Sitar hinüber.

„Schnell dort vorne!“

Rief sie dann und sie stürmten erneut los auf eine dunkle Barriere im Schnee zu, die wie Sitar nun erkannte nur wenige Fuß vor ihnen aufragte.

„nurim dur gombar!“

Rief Zimoke nun als Gestalten darüber sprangen in deren Händen Waffen blitzen.

Pfeile schossen haarscharf an ihnen vorüber und sie sahen, das zahlreiche Wölfe, die durch den magischen Angriff, den Sitar jetzt gegen einen weiteren von ihnen los gelassen hatte ohnehin verunsichert waren, innegehalten hatten, nun durch den Pfeilhagel getroffen wurden und laut und zornig auf jaulten.

Eine noch größere Schar von Gombarkriegern sprang über die Barriere und stürmten mit grimmigen Gesichtern an ihnen vorbei auf die Schneewölfe zu.

Sitar und Gelyoc hatten unterdessen wie auch Zimoke diese erreicht.

Es war, wie sich herausstellte, eine verschneite Palisade mit einem Tor in der Mitte.

Dahinter lag eine langgestreckte Festung in der es von weiteren Gombar wimmelte. Doch sie war in zwei Teile geteilt. Die Pallisade beherrschte nur einen schmalen Grad. und war mit dem rest der Feste nur über eine schlanke Eisbrücke, die einen gähnenden Gletscherabgrund überspannte, verbunden.

Fackeln beleuchteten den glitzernden Pfad in der heranbrechenden Nacht gespenstig.

Zimoke lächelte ein wenig noch außer Atem, als sie die beeindruckten Gesichter ihre Begleiter sah.

„Kommt Freunde!“ Sagte sie jedoch nur knapp.

„Folgt mir hinein in den Ilimor, unsere Heimstätte in der Verbannung. Meine Krieger werden mit den Wölfen schon fertig.“

~

Ulias hatte fast den Einsatz der Halbperiode des Erstmondes verpasst, wenn ihn nicht sein knurrender Magen daran erinnert hätte.

Er hatte den Kampf die gesamte Zeit beobachtet, während er seinen eigenen Gedanken nachhing.

Die Frauen kämpften mit farbigen Schleifen um die Arme und Ulias wusste, das diese von Männern unter den Zuschauern stammten.

Jedes mal, wenn ein Waffengang beendet war, kehrten die Kämpferinnen zu ihren Tunierzelten zurück und bereiteten sich in kürzester Zeit auf das nächste Zusammentreffen vor, solange bis sie genügend verdient oder das Interesse an diesem Mitmarktvergnügen verloren hatten.

Der besondere Reiz des Spiels, lag für die schaulustigen Männer jedoch darin, dass die Kontrahentinnen jeweils für einen unter ihnen kämpften.

Immer für den, dem es gelungen war, ihre Gunst mit einem Tuch, welches man für vier Kurent am Eingang erwerben konnte, zu erlangen.

Sieg oder Niederlage wurden dann dem Tuchbesitzer von einem Wettkampfrichter gut geschrieben.

Hatte er irgendwann drei Siege zu verzeichnen, so konnte er zehn Askont gewinnen.

Das Schwierigste daran war jedoch, dreimal die Gunst der gleichen Kimeri zu erlangen.

Denn diese waren äußerst wählerisch.

Yres, Pados Nichte, welche Ulias beobachtete, beispielsweise, hatte offenbar bereits einen hartnäckigen Gönner.

Einen wohlbeleibten Kaufmann mit dichtem schwarzen Vollbart, der lachend seinen prall gefüllten Beutel zeigte.

Das hielt jedoch einige andere Verehrer nicht davon ab sich immer wieder zum Knappen der Kimeri vorzudrängen um ihm, ihr Tuch anzubieten.

Schließlich erhörte sie einen besonders gut gekleideten Gecken, der sich vor ihr beinah in den Schlamm warf.

Sie gebot dem eifrig protestierenden Händler mit einer Handbewegung Ruhe und befahl dann ihrem Knappen das neue Tuch an ihren Helm zu binden.

Natürlich gewann sie auch den folgenden Kampf und der geprellte Händler jaulte wütend auf und verzog sich unter einem Schwall von Verwünschungen vom Turnierplatz.

Doch auch der neue Glücksritter konnte sich nicht sehr lange in seinem Erfolg sonnen, denn Yres hatte danach offenbar die Lust am Kampf verloren und ließ ihre Fahne einholen.

Sie verschwand in ihrem Zelt und Ulias lächelte in sich hinein, als er Garela kurzdarauf daraus hervortreten sah.

Es war offenbar seine Botschaft gewesen, die sie dazu bewogen hatte das Spiel abzubrechen.

Die Dienerin der jungen Kämpferin kam dicht an ihm vorüber und nickte ihm kurz zu.

Er warf einen Blick zum Himmel und sah nun, dass schneeschwere Wolken aufzogen.

Er hoffte sehr, dass Rontwal es schaffen würde noch heute Nacht in die Stadt zu kommen, denn was auch immer hier geschah würde leichter gehen, mit der Hilfe des Erzmagiers von Nevlon.

Er verspürte bei diesem Gedanken allerdings auch einen Anflug von Beunruhigung.

Denn damit würde eine lange Zeit zuende gehen, in welcher sich der Orden nicht offen in die Politik von Arkur eingemischt hatte.

Er lächelte. Jahrhunderte.

Schließlich gab er sich einen Ruck und verließ den Turnierplatz.

~

Am folgenden Abend stand Ulias verborgen in den länger werdenden Schatten der Dämmerung, direkt an einem der großen Lagerhäuser im Hafenviertel.

Die dunklen Umrisse des alten Gildenhauses von P’weront, lagen in seinem Blickfeld, ebenso wie die nun leer geräumten Stände des Fischmarktes.

Das massige Gebäude wirkte mit seinen dicken Holzbalken, die sich quer durch den Steinbau zogen, äußerst abweisend.

Während des Mitmarktes residierte der König hier, nur wenige Wachen standen jedoch vor dem Eingang, eher wie zufällig postiert.

Die über den kleinen Vorplatz führende Straße verlief von dort nicht mehr lange bis zum Osttor, von welchem Yres mit ihren Kimeri kommen würde.

Rontwal war tatsächlich eingetroffen und hatte Pados bereits in die Halle begleitet.

Sie wollten den alten König zunächst gemeinsam umzustimmen versuchen.

Ulias selbst kannte jeden Winkel des Hauses, einschließlich des Raumes, den man das magische Kontor, nannte.

Es war eine geheime Bibliothek von Schriftrollen, die seit ihrer Errichtung von Vertretern des Magierordens von Nevlon verwaltet wurde.

Dies war der größte Schatz von P’weront, vielleicht der größter aller Endar.

Darum wussten nur die Mitglieder des Ordens und einige wenige andere Personen davon, wie man in die Räumlichkeiten der Bibliothek gelangen konnte.

Für alle anderen war sie, dank starker Schutzzauber gar nicht existent.

Doch dies war für den Abend nicht wichtig, er hoffte nur, dass Tanat endlich kommen würde, damit er wusste was Rontwal und Pados erreicht hatten.

Vielleicht war es ja noch möglich ohne Kampf die Macht im Königreich zu übernehmen.

Als hätte sie seine Gedanken erhört, tauchte eine dunkle Gestalt an der Hausecke gegenüber auf und gab Ulias das verabredete Zeichen.

„Gut,“ dachte der Magier, „das Spiel kann beginnen.“

Er wollte gerade die Straße überqueren, als plötzlich vier Reiter im wilden Galopp aus der Gasse hervor sprengten an deren Ecke er gerade erst gestanden hatte.

Sie kamen so überraschend aus seinem Rücken, dass er dem Schlag der ihn hart am Hinterkopf traf nicht mehr ausweichen konnte.

Er stürzte zu Boden und sah im Fallen noch das sie die Wachen vor der Halle nieder ritten und drei von ihnen mit angelegten Armbrüsten hinein stürmten, dann schwanden ihm die Sinne, so sehr er auch versuchte dagegen anzukämpfen.

~

König Otalis stand gebeugt vor seinem Thron und machte keinerlei Anzeichen den beiden vor ihm stehenden Männern eine rasche Antwort zu geben.

Doch schließlich wandte er sich langsam ihnen zu und nickte.

„Der hohe Rat in G’waron hat also die Sache nicht ernst genommen und von mir erwartet ihr, das ich mich gegen die Entscheidung des Tarul stelle und mein Volk in einen Zweifronten Krieg führe?“

„Wenn ihr Euch auch nicht selbst em Krieg stellt, kommt er doch unausweichlich zu Euch. Glaubt ihr Elthor wird an den Sliwant-Brücken halt machen? Auch er wird die Chance wahr nehmen sein Reich auszubauen um selbst sogar die Kaiserkrone zu erlangen,“ erwiderte Rontwal mit Nachdruck in der Stimme.

Otalis schüttelte den Kopf.

„Wir haben einen Friedensvertrag und es gibt bisher keine Anzeichen von Übergriffen.“

„Ja, solange er noch in Adrohn beschäftigt ist, doch das dauert nicht mehr lange. Ihr müsst ihm zuvor kommen, sonst ist Therolis dem Untergang geweiht.“

Der alte König schritt nun die zeremonielle Strecke zwischen dem Thron und der Bank der Bürgervertreter ab.

Der Raum war prall gefüllt und ein Gemurmel war bisher jedem der heftigen Worte gefolgt, die ganz offen in der Halle ausgetauscht wurden.

„Selbst wenn die Gefahr so groß wäre, wie ihr sagt“, fuhr Otalis zu Pados und Rontwal herum, „so hätte ich keine Armee, die ich dem Widerstand in Adrohn zur Hilfe schicken könnte. Ihr verlangt unmögliches!“

Plötzlich öffnete sich die Tür der Halle und ein schlanker junger Ritter kam herein. Er ging raschen Schrittes zu Pados und flüsterte ihm etwas zu.

Der Händler räusperte sich. „Gerade bekomme ich die Nachricht, dass zwei Dinge passiert sind, die wir bereits befürchtet haben. In Szombat wurde die heilige Phiole gestohlen und Elthors Truppen haben Valtraon erobert und damit das magische Sturmlicht in ihren Besitz gebracht.“

Sofort erhob sich ein Tumult im Saal, den Otalis nur mit einiger Mühe wieder beruhigen konnte.

Als schließlich ein angespanntes Schweigen eingetreten war, schien der alte Monarch sichtlich mit sich zu ringen.

Dann erhob er den Kopf, blickte dem Erzmagier in die Augen und sagte klar und deutlich:

„Ihr habt mich überzeugt, Therolis wird das Schwert aufnehmen, denn…“

In dem Moment flogen die Türen der Halle erneut nun aber mit großer Wucht auf.

Drei maskierte Gestalten machten nur jeweils zwei Schritte in den Raum, doch das genügte.

Zwei Armbrustbolzen durchbohrten aus nächster Nähe die Wachen an der Tür und der dritte traf mit voller Wucht König Otalis mitten in die Brust.

Bevor noch die erstarrte Menge in Angst- und Wutschrei ausbrechen konnte, hatten sie auf dem Absatz kehrt gemacht und waren aus der Halle wieder entschwunden.

~

Der Schmerz überschwemmte seinen Geist wie ein Wasserfall, dann erst spürte er das jemand ihn festhielt und auf ihn einredet.

Ulias ruderte in sein Bewusstsein zurück, bis er die Stimme einer Person zuordnen konnte die zunächst verschwommen dann immer deutlicher vor seinem Gesichtsfeld erschien.

„Kommt zu Euch Magier!“ Tanads rundes, bärtiges Gesicht war nun deutlich zu erkennen.

Die Anspannung war ihm anzusehen.

„Ein Anschlag auf den König!“

Ulias richtete sich rasch auf und stöhnte dabei vor Schmerz, der ihn unvorbereitet am Hinterkopf traf.

„Sind sie noch dort?!“ Tanad nickte.

„Schnell, du läufst so schnell wie möglich zum Osttor, dort wartet Yres und die anderen Kimeri. Es ist das nächste Tor, sie sollen sie dort abfangen, falls sie uns entkommen. Ich werde sie beobachten.“

Bei diesen Worten heftete sich sein Blick auf den vierten der Reiter, der noch vor dem Tor bei den Pferden stand.

Das merkwürdigste daran war, dass die Wächter der Halle reglos neben den Stufen postiert blieben und keiner offenbar Anstalten gemacht hatte die Reiter aufzuhalten, obwohl man ganz deutlich Geschrei vom Inneren der Halle vernahm.

Ulias vermutete also das Magie im Spiel war und das ließ einen weiteren Verdacht in ihm aufkeimen.

Die Kammer der Schriften. Die verborgene Bibliothek!

Konnte auch sie das eigentliche Ziel der Attacke sein? Aus der Kleidung des Mannes schloß er sofort dass es Asassinen waren, wie Ulias sie aus Varaskon kannte.

Gefährliche, in Geheimbünden ausgebildete Meuchler, die nicht zu unterschätzen waren, erst recht wenn sie zudem Magie beherrschten.

Er überlegte rasch, während er sich im Schatten des Hause hielt.

Sie handelten sicherlich im Auftrag von jemandem sehr Mächtigem, das stand außer Frage. Aber wer konnte das sein?

Mann hörte inzwischen noch mehr Schreie aus der Ratshalle und soeben wurden die Türen nach Außen aufgestoßen und zwei der drei Eindringlinge stürmten heraus.

Sie sprangen gemeinsam mit dem Wartenden, augenblicklich auf die Pferde und galoppierten durch die Gassen der menschenleeren Stadt davon.

Ulias hielt sich zurück, denn es fehlte noch einer. War er tot? hatten sie ihn zurückgelassen oder hatte dieser einen anderen Auftrag?

Einem unbestimmten gefühl folgend hatte er beschlossen noch auf den letzten der Angreifer zu warten..

Doch jetzt strömten zahlreiche andere Personen aus der Halle und riefe um Hilfe.

Die starren Wächter rührten sich noch immer nicht.

Ulias stöhnte, wenn es ein Ablenkungsmanöver war und der Assasine es auf die Kammer der Schriften abgesehen hatte, war Rontwal sicher ebenfalls auf diesen gedanken gekommen und brauchte seine Hilfe.

Die Menschen riefen von einem Anschlag auf den König, das war schlimm, aber noch schlimmer konnte der Diebstahl einer der mächtigen Zauberrollen sein, die dort lagerten.

Er überquerte nun eilig den Platz und lief vorbei an den aus dem Gebäude strömenden, aufgeregten Menschen.

Als er die Stufen erreichte, kam ihm eine bekanntes Gesicht entgegen.

„Sind sie entkommen?“ Sagte Rontwal und packte Ulias an der Schulter.

„Einer ist noch drin,“ antwortete dieser und die Augen der beiden Magier von Nevlon trafen sich in der gemeinsamen Erkenntnis.

„Die Kammer?“

„Schnell in die Katakomben!“

Sie stürmten zur Treppe die zu den Gewölben führte.

Die Kammer der Schriften lag dort unten verborgen.

Sie erreichten den Gewölbegang und sahen das magische Licht am Ende sofort.

Es raste bereits auf sie zu und warf sie zu Boden.

Ulias stöhnte und drängte sich an die Wand um der Lichtkugel die augenblicklich umkehrte um sie erneut zu attackieren auszuweichen.

Rontwal war schneller, er warf ein magisches Netz aus Dunkelheit, das die Kugel einfing und ihr brennendes Licht erstickte.

Dann rannte er erneut voran, doch beide sahen nur noch eine schwarze Gestalt um die Ecke der Wendeltreppe huschen die von hier einen anderen Ausweg nach oben, durch den Ratstempel ermöglichte.

Die Tür der Kammer der Schriften war weit geöffnet und eine nichts Gutes verheißende Rauchwolke stieg daraus hervor.

Ulias stieß einen Fluch aus und folgte so schnell er konnte Rontwal, doch die Lichtkugel hatte sein linkes Bein böse verbrannt, so das er nicht wirklich schnell voran kam.

Als er schließlich die Kammer erreichte, sah er wie der Erzmagier über einer reglosen Gestalt stand.

Einen Moment lang hatte er die Hoffnung Rontwal hätte den Dieb noch gestellt, doch dann erkannte er die Gestalt des Schriftwächters.

Rontwal blickte ihn mit finsterem Gesicht entgegen.

„Er hat einen Ortsprung vollführt mit diesem Weinkelch.

Ein verflucht mächtiger Dieb,“ presste er mit zusammengebissenen Zähnen hervor.

Der Schriftwächter am Boden stöhnte.

Dieser Mistkerl muss ihm geholfen haben, er hielt den Kelch noch.

„Was hat er gestohlen?“

Fragte Ulias.

Rontwal zuckte mit den Schultern.

„Wir werden genauer nachsehen müssen.“

Eine Stunde später wussten sie, das die Mörder des Königs aus Szombat waren und dass sie die Schrift der Bündelung gestohlen hatten.

Einer der mächtigsten Zaubersprüche den die Magier von Nevlon kannten.

Mit dieser Schrift konnten die Kräfte verschiedner magischer Artefakte miteinander vereint und zu einer noch mächtigeren Kraft gebündelt werden.

Pados, der den Bericht Rontwals hörte, war sofort klar, wer nur dahinter stecken konnte, Dionel.

Fast noch schlimmer jedoch war, das die Kammer der Schriften durch dass, die trockenen Pergamente in rasender Geschwindigkeit erfassende Feuer, ausbrannte und all dieses jahrhundertelang gesammelte Wissen vernichtet ware.

~

Der Angriff kam lautlos aus den Schatten der Mauern.

Die Kimeri trafen auf ebenbürtige Gegner, doch waren sie deutlich in der Überzahl.

Als die Asassinen jedoch keinen Ausweg mehr sahen, machten sie blitzschnell ihrem Leben selbst ein Ende, so dass Yres danach sehr verstimmt zur Ratshalle kam um ihrem Onkel Bericht zu erstatten.

Sie hatte selbst einige Kratzer davon getragen und Tanad, sowie zwei ihrer Kameradinnen waren tot.

Auch die Nachricht vom Mord am König, verbreitete sich sehr schnell in der Stadt und viele Bürger versammelten sich spontan auf den Turnierplätzen des Mittmarktes.

„Kannst du noch reiten?“ Fragte Pados seine Nichte, die offensichtlich einige üble Wunden davon getragen hatte.

Sie bejahte seine Frage grimmig.

„Gut, dann reite hinaus zu den Sentir, sag ihnen, jetzt ist der Zeitpunkt die Stadt zu übernehmen. Der König ist tot, es lebe der Kaiser!“

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1 Der Elfenkrieger Elatis beschreibt in seinen berühmten Episoden „Briefe aus dem 1. Drachenkrieg“, eine Schlachtenpause.
2 Lietiri: Große weißgraue Wölfe, die nur im Notawenkohr vorkommen
3 Shimhuorn: Ein nur von den Trollen beherrschtes Instrument, das die Klänge der Berge, den Echohall auffängt und weiterträgt.
4 Karill: Blauhäutige Bergriesen
5 Ulen: Gombar Schimpfwort für Mensch

KAPITEL 6:

AHGRELOS

… einst verloren in der letzten Schlacht
aufgefangen von den Siegern
die schwindende Drachenmacht
gebunden im Zauber der glühenden Nacht
den Göttern zu willen, dir und allen Königen der Deniqui überbracht.
1

Es war äußerst riskant schon so früh am Abend zuzuschlagen, wo die meisten der Stadtbewohner noch unterwegs waren, doch Yres hatte sich das genau überlegt und schließlich auch Elfric und Ulias überzeugen können.

Niemand würde mit einem Einbruch um diese Zeit rechnen.

Die Hafenwächter waren noch nicht unterwegs und wenn alles gut ging, befanden sie sich wieder am Osttor, etwa eine Stunde bevor es geschlossen wurde.

Garelas Schatten huschte nun in jene Seitengasse wo das von ihnen ausgewählte Fenster lag.

Yres folgte ihr, sich immer auch im Halbdunkel der Gasse haltend.

Die drahtige Kimeri holte aus ihrem Umhang zwei kleine Schlüssel hervor und übergab sie Yres.

Sie warf ihr einen finsteren Blick dabei zu, der ihr vermutlich noch einmal das große Risiko verdeutlichen sollte, dass sie einging, wenn sie sich in den Tränenturm von Ahgrel begab.

Aber Yres nickte bloß und gab ihr ein Zeichen, dass er sich entfernen konnte.

Sie hoffte sehr, dass es ihr gelingen würde später am verabredeten Treffpunkt zu sein.

Yres steckte die Schlüssel in einen Gürtelbeutel und wandte sich wieder dem Gebäude zu.

Katzenhaft sprang sie im nächsten Moment zum Sims des untersten Fensters.

Zog sich daran hoch und verschwand in der Öffnung.

~

Elfric war mindestens so nervös wie sein Nebenmann, ein Theroli der in der kalten Winterluft auf dem Westturm der Stadtmauer stand und laut schnaubte.

Seine eigenen Sentir Ritter waren damit beschäftigt Verschanzungen zu bauen und Fallgruben auszuheben.

Nachdem das Königreich Therolis so leicht in seine Hände gefallen war hatte er eine provozierende Botschaft nach G’waron gesandt, die auch den gewünschten Effekt hatte.

Schon eine Woche später war eine Varaskenheer von der Hauptstadt der Republik aus auf die Grenzen von Therolis vorgerückt.

Wobei es offensichtlich wenig Rücksicht auf die eigene Bevölkerung nahm.

Es wurde, konnte man den Berichten vertrauen, auf dem Weg durch das Land Luceria, geplündert und gebrandschatzt was das Zeug hielt und eine Welle von Flüchtlingen, diesmal aus dem Westen, hatte darum Pelat weit vor dem Feind erreicht.

Doch zusätzlich hatte der Rat von Varaskon eine kleine Flotte in See gesetzt, die Pweronts Hafen bereits drei Tage nach der Proklamation Elfrics, als Statthalter des neuen Kaiserreiches, eine Hafenblockade vor der Stadt bescherte.

Die Bevölkerung, die von dem raschen Umsturz zunächst völlig überrascht wurde, war am Anfang feindlich den Sentir-Rittern gegenüber gewesen, obwohl die Bürgervertreter, zu denen auch Pados gehörte alle von den letzten Worten des Königs unterrichtet hatten.

Als dann aber mehr und mehr Nachrichten von den Grausamkeiten der Varasken Söldner, in die Stadt gelangten, kippte die Stimmung und vor allem viele Alte erinnerten sich nun an die guten Zeiten des untergegangen Kaiserreiches und hofften, dass sie vielleicht wiederkehrten.

Doch nützte das Elfric zunächst wenig, da das Abenteuer aufgrund der drückenden Übermacht, die heran rückte schnell beendet schien.

Er musste also erneut eine rasche Entscheidung treffen.

Flucht war unmöglich, denn dann gab man die Stadt der Rache der Varasken preis und würde in Therolis für immer das Vertrauen verspielen, dass sie sich gerade begannen aufzubauen.

Von den Rebellen aus den Wäldern hatten sich einige ihnen angeschlossen, doch ihre Kampfkraft und Treue war natürlich fraglich.

Trotzdem wollte der Hauptmann der Sentir die Stadt verteidigen und vor allem Zeit gewinnen, um ein großes Freiwilligenheer aufzustellen.

Außerdem hatten Rontwal und Ulias, mit denen er sich nach dem gelungen Unternehmen immer wieder beraten hatte, ihn überzeugt, dass es in diesen Zeiten um viel mehr ging als die wage Hoffnung das alte Kaiserreich wieder zu errichten.

Der Diebstahl der Zauberformel war viel bedrohlicher als alles andere.

Denn wenn es dem einzigen entkommenen Räuber gelang diese in die Hände seines Auftraggebers zu bringen, konnte das eine Katastrophe zur Folge haben.

Rontwal war sich inzwischen sicher, dass sie den Zauber verwenden wollten um die Kräfte der Drachentränen zu bündeln, die in verschiedenen Artefakten auf Arkur gefangen waren.

Zwei diese Artefakte waren offensichtlich bereits in den Händen der Feenkönigin und er war sicher, das sie auch hinter diesem Diebstahl steckte.

Wenn sie alle besitzen würde, konnte sie mit Hilfe der Formel, die Banntore zum Exil der schwarzen Drachen endgültig aufsprengen und sie damit vollständig befreien.

Das musste unbedingt verhindert werden.

Die Kimeri Yres und Garela waren darum dem Dieb auf der Spur und Elfric der zunächst skeptisch gewesen war, die junge Kämpferin damit zu beauftragen, hoffte trotzdem das es ihnen rasch gelingen würde ihn zu stellen.

Es musste auch damit gerechnet werden, dass andere Asassinen auch die übrigen Tränen stehlen wollten.

Die Seelenschale von Agrehl, war schließlich ebenfalls in Reichweite.

Vielleicht wollte der Dieb der Zauberformel direkt dorthin?

Das war ihre Spur und Hoffnung zugleich.

~

Nach kürzester Zeit hatte sie bereits das Fenster zum zweiten Stock erreicht.

Ein knapper, vorsichtiger Druck mit der Hand und es glitt lautlos auf.

Elegant schwang sie sich hinein und landete in der Dunkelheit.

Alle ihre Sinne richtetet sich nun auf den Raum, in welchem sie sich befand.

Die Stadt am südwestlichen Rand der Bucht von Agrehl, eigentlich Therolis zugehörig, war vor drei Tagen von Truppen Adrohns besetzt worden.

Wie Garela herausgefunden hatte sollte die Drachenträne daher in den nächsten Tagen nach Coceon gebracht werden. Hier bedurfte es also keines Asassinen mehr.

Trotzdem hatten sie seine Spur bis hierher verfolgt.

Yres vermutete, dass die Mörder von König Otalis die Zauberformel hier jemandem übergeben sollten.

Die Stadt, seit Jahren eine freie Handelsmetropole, Sitz vieler reicher Bürger und Handelsbarone, war wie verwandelt.

Die feindlichen Besatzer hatten sich auch hier gründlich ausgetobt und zahlreiche Gebäude waren niedergebrannt oder geplündert.

Der Sitz des Stadthalters war zur Garnison umgewandelt und vollgestopft mit trannoorschen Söldnern.

Man musste sich äußerst vorsichtig bewegen um nicht aufzufallen.

Trotzdem war das allgemeine Chaos auch eine Tarnung, die es Yres und Garela ermöglichte unterzutauchen und Informationen zu sammeln.

Dabei trafen sie mehr und mehr auf Freunde, obgleich die Bürger verzweifelt waren und wenig Hoffnung auf Elfric und die Kaiserlichen setzten, hatte sich die Neuigkeit aus Peweront auch hier schon herumgesprochen.

Wie überall fürchteten die friedliebenden Menschen den Krieg allgemein, der sie nun bereits eingeholt hatte.

Sie hatten bald herausgefunden wo die Träne aufbewahrt wurde und sie mussten natürlich sofort handeln.

Außerdem gaben sie den Plan nicht auf, auch den Meuchler des Königs von Therolis stellen zu können, um ihm die Zauberformel zu entreißen.

~

Mit wenigen Schritten durchquerte sie nun den finsteren Raum und erreichte die Tür.

Sie horchte kurz daran und bückte sich dann zum Schloss nieder.

Ein Griff in ihre Tasche förderte eine Hornspange hervor.

Wenig später vernahm man ein Klicken und das Schloss sprang auf.

Sie öffnete die Tür und lugte vorsichtig in den dahinter liegenden Gang.

Etwa zwanzig Schritte führte dieser von ihrem Standort aus bis hin zur Treppe nach unten, nur sechs Schritte die andere Richtung, bis zu einem toten Ende.

Es befanden sich drei Türen zur linken und zwei zur rechten Seite, bis zur Treppe hin.

Nur eine von ihnen war jedoch mit Eisen beschlagen und dort musste sie hin.

Sie lauschte noch einmal, vernahm jedoch keinen Laut.

Offenbar hatten die Wächter noch nichts bemerkt.

Schon hatte sie auch diese Tür erreicht und begutachtete das Schloss.

Sogleich entfuhr ihr ein leiser Fluch.

Da hatte also Garela gar nicht so Unrecht, als sie, sie vor Fallen gewarnt hatte.

Das Schloss war feinste Schmiedearbeit und mit einer dreifachen Sicherung versehen.

Das bedeutete genau, ein Schnapphebel, der vermutlich eine Glocke im Inneren des Raumes betätigte, eine Giftnadel und eine Auslöser für eine Falltür über ihrem Kopf, aus der sicher irgendein Gegenstand herab fallen würde.

Yres war jedoch schon des öfteren mit noch schwierigeren Fallen fertig geworden und außerdem liebte sie den Nervenkitzel den schwierige Aufgaben mit sich brachten.

Sie packte also einen kleinen Beutel hervor, den sie leise auf dem Boden ausbreitete.

Eine Menge praktische Geräte lagen darin.

Dann zog sie aus eine anderen Tasche ein paar besonders dicke Handschuhe heraus und streifte sie über.

Als nächstes schraubte sie aus mehreren Einzelstücken einen langen Holzstab, mit dem sie die Falltür über sich gegen den Boden zu stemmte, erst dann wandte sie sich wieder dem Schloss zu.

Als erstes musste es ihr gelingen den Schnapphebel abzufangen.

Sie führte die Hornspange in das Schloss ein und zusätzlich ein kleines Holzstück.

Das Schloss öffnete sich, der Bolzen fiel und das Holzstück fing, auf dem Gegenbolzen gestützt, ihn ab.

Kein Ton erklang im Inneren.

Im nächsten Moment jedoch verspürte sie wie die Nadel in den dicken Stoff ihres Handschuhs fuhr, ohne die beabsichtigte Wirkung und im selben Augenblick verschob der Druck der reagierenden Falltür den Stab einen Handbreit über den Boden, doch er hielt stand.

Yres blies erleichtert die Luft aus, verlor aber keinen Sekunde die Konzentration.

Die Schule der Kimeri war tadellos.

Allerdings hatte der Stab ein schabendes Geräusch verursacht, dass ihr ein wenig Sorgen machte.

Sie horchte den Gang entlang, aber von Unten war keine Bewegung wahrzunehmen.

Dann zog sie die Handschuhe rasch aus und öffnete die Tür.

Nun, so schien es, waren die größten Schwierigkeiten überwunden und Yres betrat auf leisen Sohlen den Raum.

Durch die beiden mit Läden verschlossenen Fenster schimmerte der silberne Schein des Erstmondes und warf etwas Licht auf die bis zum Bersten mit Karten und Schriftrollen vollgestopften Regale an den Wänden.

Yres Blick suchte und fand jedoch sofort, den außergewöhnlich, kleinen Schrank in der Nordecke, der mit einem dicken Doppelschloss zusätzlich gesichert war.

Sie schloss die Tür bis auf einen Spalt, um ein Ohr zusätzlich draußen auf dem Gang zu haben und trat dann entschlossen auf den Schrein zu.

Aus einer Tasche holte sie die beiden kleinen Schlüsselkopien hervor, die ihr Garela hatte anfertigen lassen und steckte sie nacheinander und vorsichtig in das Schloss.

Eine weitere Falle konnte sie zumindest nicht entdecken.

Die Schlüssel drehten sich und beide Schlösser sprangen auf.

Vorsichtig öffnete sie die Schreintür und warf einen Blick hinein.

Dort stand die Seelenschale mit der Träne darin.

Das schöne Motiv, das einen fliegenden blauen Drachen darstellte.

Genau so hatte Rontwal es ihr beschrieben.

Sie nahm sie und schloss den Schrank wieder.

Dann steckte sie den Schlüssel zurück in ihr Gewand und wandte sich der Tür zu.

Wie vom Blitz gerührt blieb sie stehen.

Jemand stand vor der Tür, sie war sich völlig sicher, denn ihre trainierten Kimeri-Sinne klingelten Alarm in ihrem Kopf und sie vernahm mit ihrem guten Gehör auch die leisen Atemzüge, sowie ein leichtes Schnarren auf dem Boden des Ganges.

Wer war dort draußen? Ein Wächter? Das glaubte sie nicht, er hätte sich vermutlich nicht alleine an sie heran geschlichen, sondern Alarm geschlagen.

Yres ging in die Hocke und legte den restlichen Weg zur Tür in unglaublicher Geschwindigkeit zurück.

Wer war dort draußen? War sie verraten worden?

Einerlei, sie spannte die Muskeln an, dann gab sie der Tür einen heftigen Tritt mit dem rechten Bein.

Diese schlug mit Wucht auf und schon sprang die Kimeri hindurch und stand in Kampfhaltung im Gang, Auge in Auge mit einer Gestalt, die eine Maske trug unter der zwei katzenartige gelbe Augen sie in der Dunkelheit grimmig anstarrten.

Das Messer kam wie aus dem Nichts!

Nur ihrer außergewöhnlichen Gewandtheit hatte sie es zu verdanken, dass der Stoß nicht ihr Herz durchbohrte.

Die Waffe blieb im Holz der Gangwand stecken und Yres war bereits auf dem Weg nach draußen.

Unmöglich sich auf einen Kampf mit dem Asassine einzulassen, wichtiger war es mit der Schale zu entkommen.

Doch auch der Angreifer war schnell und zugeschlagene Türen hielten ihn nicht lange auf.

Im Raum ihres Einstieg, stellte er Yres.

„Bleib stehen!“ Die Stimme klang überraschend jung und außerdem weiblich.

Sie sah ein, dass ihr offenbar nichts übrig blieb als zu kämpfen, doch sie misstraute der Tatsache, dass es so aussah, als hätte sie es nur mit einer Gegnerin zu tun.

Der Meuchler, der aus P’eweront entgekommen war, war ein Halime, ein Szombatischer Asassin gewesen.

Ulias hatte sie darum gewarnt, dass es weitere Angriffe geben konnte.

Sie kämpften zudem gerne in der Überzahl und dieses scheinbar günstige Missverhältnis stimmte an der Situation hier nicht.

Doch blieb ihr wenig Zeit länger darüber nachzudenken, denn schon flogen weitere Dolche auf sie zu und nur ein nächster Reflex rettete sie erneut vor einer bösen Verletzung.

Sie duckte sich unter dem Messer durch, dass sie ebenfalls nur haarscharf verfehlte.

Sie sollte sich glücklich schätzen, dass es nur eine war.

Jedenfalls noch.

Fieberhaft überlegte sie, wie es ihr gelingen konnte der Situation zu entkommen, während sie sich in grimmigem Schweigen im Kreis bewegten.

Plötzlich sprang die schwarz gekleidete Asassine erneut vom Boden ab und zwar so schnell, dass Yres nicht mehr ausweichen konnte.

Mit beiden Beinen traf sie die Kimeri und schleuderte sie mit voller Wucht gegen einen Schrank, das Yres für Sekunden die Luft weg blieb.

Im nächsten Moment war sie über ihr und die Kämpferin spürte die kalte Klinge eines Dolches an ihrer Kehle.

Das war’s dann, dachte Yres und schluckte.

Elfric wird sehr enttäuscht sein von mir, kam ihr als Erstes in den Sinn und es versetzte ihr zur eigenen Überraschung einen schmerzlichen Stich.

Die Angreiferin fasste mit sicherem Griff in ihren Gürtel und als Yres verhindern wollte, dass sie die Schale heraus zog, schnitt der Dolch in ihren Hals.

Sie erstarrte und gab ein Gurgeln von sich.

„Niemand nimmt die Beute der Raben.“ Zischte die Stimme über ihr.

Doch in dem Moment flog plötzlich die Raumtür mit einem lauten Krachen auf und sechs bewaffnete Gestalten stürmten herein.

Die Maskierte sprang blitzschnell auf, lief mit der Drachenträne unter dem Arm zwei Schritte zum Fenster und stürzte sich hinaus.

Yres kaum vom tödlichen Dolch befreit, sah sich einer Vielzahl von Schwertspitzen gegenüber.

Coceanische Soldaten, vermutlich die Wächter des Turmes hatten sie umringt.

~

„Wer ist euer Auftraggeber!“

Der Kerl der mit finsterer Mine vor ihr stand hatte diese Frage schon mindestens zehn mal gestellt, doch alleine der Knebel in ihrem Mund verhinderte schon, dass sie ihm Antwort geben konnte.

Die Frage stellte er offenbar auch mehr zu sich selbst und außerdem schien er davon auszugehen, das sie mit der Asassine gemeinsame Sache gemacht hatte.

Sie saß gefesselt und geknebelt auf einer Pritsche im Turmzimmer und der Anführer der Turmwachen ging vor ihr auf und ab.

Kaum eine halbe Stunde war vergangen schätzte sie und hoffte das Garela inzwischen darauf gekommen war, dass etwas schief gelaufen sein musste.

Doch auch das, was zuvor geschehen war beschäftigte sie noch sehr.

Wer war die Angreiferin gewesen? War sie wirklich eine Halime?

Warum sollte sie dann vor den Coceanern fliehen, schließlich handelten sie doch, wie sie gedacht hatten, im Auftrag ihres Königs.

Doch auch der Anführer der Wache schien über die Maskierte verwirrt und hatte offenbar jemanden geschickt, um wie Yres vermutete weitere Befehle zu erhalten.

Sie war trotz der scheinbar aussichtlosen Situation in der sie sich befand, gespannt ob die Szombatischen Drachenpriester, die Ulias für die Auftraggeber hielt, sich zeigen würden.

Wenn sie nichts damit zu tun hatten, dann gab es noch jemanden, der die Tränen vor ihnen bewahren oder zu eigenen Zwecken gebrauchen wollte und dieser Jemand war ihr ausgerechnet in die Quere gekommen.

Sie fluchte innerlich auf ihr Pech, aber immerhin ware die Schale dann zumindest im Moment vor der Feenkönigin sicher.

Dafür aber, musste sie um ihre eigene Sicherheit fürchten, wenn nicht gar um ihr Leben.

Was hatte die Maskierte gemeint, als sie von den Raben sprach?

Sie kannte ein solche Organisation von Dieben in Eleuer aber konnte das sein?

In dem Moment betrat ein magerer und gebeugte Gestalt in einem langen dunklen Umhang, die Kammer im Turm, wo sie saß und trat, nach einer kurzen Unterredung mit dem Anführer der Wache zu Yres hin.

Sie vernahm die Anrede Mehjar und nach seinem Äußerem war der Kimeri sofort klar, dass er ein Drachenpriester sein musste.

Er musterte sie eingehend und geringschätzig, ohne jedoch ein Wort zu sprechen.

Die Wachen verhielten sich ihm gegenüber fast ängstlich und er erteilte ihnen bevor er wieder ging einige gezischte Befehle, wobei Yres beunruhigt seine eindeutige Geste wie er sich mit dem Finger über den Hals strich, sah.

Garela war noch nicht gekommen, als die Wächter nun kamen, sie hoch zogen und mit sich hinaus in die Nacht schleppten.

Die Stadt lag in gespenstischer Ruhe, als sie dann, umringt von vier Wachen, wie sie glaubte, in Richtung Osttor marschieren musste.

Feiner Nieselregen fiel und wurde stärker.

Im Osten lagen die Klippen, vermutlich wollten sie sie außerhalb der Stadtmauer ins Meer stoßen.

Yres Fesseln waren durch die Bewegung nicht mehr ganz so fest, aber sie bezweifelte, dass es ihr gelingen würde frei zu kommen und diesem Schicksal noch zu entrinnen.

Sie spürte wie ihr Tränen über die Wangen liefen.

Ihre einzige Hoffnung war noch immer Garela.

Ihr Trupp wich jedoch plötzlich vom direkten Weg ab, offenbar um nicht gesehen zu werden, dachte sie.

Die besetzte Stadt war immerhin nicht ganz auf der Seite der Sieger und nach etwa zehn Minuten sagten ihr, ihre geschulten Sinne, dass sie verfolgt wurden.

Ihr Herz machte einen Sprung, vielleicht gab es doch noch Hoffnung.

Doch schon im nächsten Moment passierten sie einen Hauseingang, aus dem sich plötzlich ein langer Schatten löste.

Unter einer Kapuze, erkannte Yres den Drachenpriester und in seiner Begleitung waren noch zwei Gestalten in ähnlichen Umhängen.

Sie nahmen Yres zwischen sich und sie spürte einen spitzen Dolch in ihren Rippen.

„Bevor du stirbst Diebin, nenn uns deine Auftraggeber,“ zischte Mejahr, dicht vor ihrem Gesicht und dabei liefen ihm Regentropfen über die reptilienhafte Schnautze.

Sie standen nun hinter einer Mauer und blickten auf ein altes Haus, in welchem im oberen Stock ein Licht flackerte.

Er nahm ihr den Knebel aber nicht aus dem Mund.

„Nicke wenn es stimmt, wir haben die Andere bis hierher verfolgt. Ist das euer Quartier?“

Yres war einen Moment zu überrascht von der Wendung, fing sich aber rasch.

Sie nickte, obwohl sie keine Ahnung hatte wo sie waren, aber dankbar für jede Möglichkeit länger zu leben.

Mejahr sah sie mit funkelnden Augen an, dann gab er rasch einige Kommandos zu seinen Kumpanen.

Auch die Wachen standen noch ruhig neben ihr, aber Yres spürte ihre Anspannung, wie die eigene.

Die Begleiter des Drachenpriesters waren offenbar echte Halime, sie näherten sich jetzt auf seinen Befehl hin dem Haus.

War die Fremde wirklich dort? Yres wusste nicht worauf sie hoffen sollte.

Aber bevor die Asassine dieses nun erreichten, tauchten plötzlich anderer Schatten auf der Strasse auf und zugleich hinter ihren Wachen.

Schneller als Yres atmen konnte, sah sie die Soldaten keuchend zusammenbrechen.

Eine Hand legt sich von hinten auf ihren Mund und sie blickte, als sie den Hals wand, in Garelas grinsendes Gesicht.

Yres gab ein erleichtertes Gurgel in den Knebel ab, den ihr Garela jedoch sogleich aus dem Mund nahm.

„Danke,“ flüsterte Yres.

Vor ihnen auf der Straße spielte sich eine merkwürdiges Schauspiel ab.

Die drei Halime hatten sich den Neuankömmlingen zugewandt, einer von diesen, es waren fünf Maskierte, stand in der Mitte der Gasse, leicht vor den anderen.

Yres erkannte die Gestalt sofort und auch die Stimme, die nun erklang, mit diesem leicht spöttischen Schnarren.

„Sucht ihr mich?!“

„Sie sind auf unserer Seite,“ flüsterte Garela, „die Schale ist in Sicherheit.“

Yres atmete erleichtert durch. „Wer ist sie?“

Flüsterte sie zurück mit Blick auf die Maskierte zurück.

Auf den Dächern erkannte sie nun noch mehr Gestalten.

„Eine alte Bekannte,“ sagte Garela schmunzelnd, es sind Ralocs.“

Yres machte große Augen. „Die Raben, natürlich Zulis! Das ich sie nicht gleich erkannt habe.“

Sie befreite sich von Garelas Umarmung.

„Aber können sie es mit den Halimen aufnehmen?“

Während ihres raschen Wortwechsels war der Kampf auf der Straße entbrannt.

Garela und Yres tauschten einen kurzen Blick.

„Los, wir müssen ihnen helfen!“ Rief Yres.

~

Zulis hatte diese Zuspitzung der Ereignisse befürchtet und war froh, auf die Kimeri getroffen zu sein, vor allem auf Sul’rirs Tochter, denn nun hatten sie ein wirkliche Chance die Seelenschale gegen die Asassine zu verteidigen.

Sie gab Serakas auf dem Dach und Yar Goron hinter sich ein unmerkliches Zeichen.

Die beiden Raben reagierten sofort und sie sah die Dreizacken blitzschnell auf die Halime zufliegen. Doch noch im selben Moment waren zu ihrer Bestürzung die Asassinen verschwunden.

Entgeistert starrte Zulis auf den Punkt der Gasse, wo sie soeben noch gestanden hatten.

„Verfluchte Magie!“ Zischte sie und blickte sich eilig um, doch auch der Drachenpriester hatten sich offenbar aus dem Staub gemacht.

Yres und Garela kam zu ihr gelaufen.

Zulis begrüßte sie zähneknirschend.

„Sie werden auf eine neue Gelegenheit aus sein,“ sagte sie in ernstem Tonfall, „ich glaube nicht dass sie schon aufgeben.“

Yres stimmte ihr zu, während sie ihr die Hand schüttelte.

„Manchmal sollten wir besser unsere Masken unten lassen,“ meinte sie scherzhaft, „sonst erschlägt man noch versehentlich seine Freunde.“

Zulis nickt wandte sich jedoch sofort um und gab ihnen ein Zeichen ihr zu folgen, denn vom Osttor vernahm man nun Lärm, laute Befehle und das Geräusch einer sich nähernden Truppe Bewaffneter.

Die Kimeri folgten den Raben rasch durch schmale Gassen, verborgene Durchgänge, Kellergewölbe und Kanäle.

Schließlich kamen sie im Inneren eines Hauses an, wo Zulis endlich anhielt.

Yres entdeckte sofort die Seelenschale, die auf dem Tisch in der Mitte des Raumes stand.

Nachdem sie etwas verschnauft hatten, nahm Zulis die Maske ab und zeigte den beiden Kimeri ihr rotwangiges Gesicht und darin ein erstes Lächeln.

„Ihr handelt im Auftrag Elfrics von P’weront, wie ich vernahm. Was genau sind die Ziele der Kaiserlichen?“

„Eigentlich sind Ulias und Rontwal unser Auftraggeber und der Orden von Nevlon,“ antwortete Yres.

Zulis nickte. „Gut, umso besser und ich danke den Göttern, dass ich eurem Vater nicht

euren Tod melden muss. “

Yres blies die Luft aus den Backen.

„Da habt ihr wohl recht. Wie geht es meinem Vater, warum schickte er Euch nach Agrehlos?“

Zulis rümpfte die Nase. „Wir hatten den gleichen Plan. Es wird immer offensichtlicher was diese Feenkönigin vor hat.“

Yres und Garela sahen sich an.

„Ja, wie sich heute ja bestätigt hat, sind die Drachenpriester auf ihrer Seite“

Zulis machte ein ernstes Gesicht.

„Mit denen werden wir noch fertig, aber es sind auch bereits schwarze Drachen selbst in Arkur. Zumindest von einem, an der Seite Dionels wissen wir.“

Yres biss die Zähne aufeinander, als wollte sie diese Nachricht zerkauen.

„In P’weront ist es ihnen bereits gelungen die magische Formel zu entwenden. Wir verfolgten einen der Halime bis hierher.“

Zulis hob die Augenbrauen und spuckte auf den Boden.

„Sul’rir ist daher nach Valtraon zurückgekehrt, um das Sturmlicht zu sichern. Aber wir habe bisher keine Nachricht ob es ihm gelungen ist.“

„Wo wollt ihr die Träne jetzt hin bringen?“

„Ich denke, nur Nevlon kann diesen Schutz noch bieten. Gab Euch Rontwal nicht auch den Auftrag sie dorthin zu bringen?“

Yres schüttelte den Kopf. „Sollte sie nicht nach Valtraon, zu meinem Vater?“

Die Raloc rieb sich über das Kinn. „Es gab Gerüchte von einem möglichen Angriff auf Valtraon.“

Yres hob die Augenbrauen. „Aber nirgends sind die Schutzzauber stärker und die Wunder.“

„Trotzdem, es ist riskant, zumal Nevlon näher liegt und wir nicht durch Adrhon müssten.“

„Außerdem werden die Halime versuchen sie uns wieder abzujagen.“

Zulis lachte. „Wir werden also auf der Hut sein müssen, doch wenn sie sich nicht besser anstellen als heute Abend, dann fürchte ich nicht allzu sehr um uns.“

Yres blickte erneut zu Garela, die offenbar den gleichen Gedanken hegte und ihr zunickte.

Zu Zulis gewandt sagte sie darum:

„Vergiss nicht, dass noch die Zauberformel aus P’weront in ihrem Besitz ist. Unter den drei Angreifern heute Abend war auch jener, den wir verfolgten. Wir können den Drachenpriester nicht damit entkommen lassen.“

Zulis lächelt finster. „Gut, ich selbst werde die Träne nach Nevlon bringen, aber wir sind genug.“

Sie winkte Yar Goron in ihrer Nähe herbei. „Nimm noch fünf Raben und begleite die Kimeri.“

„Dann soll also die Jagd auf die Jäger beginnen.“ Sagte Yres.

~

Mejahr warf vor Wut den Mantel in die Ecke.

Auch Niomal und Chitai machten keine begeisternde Gesichter.

Wenn dass was sie unter der Kapuze auf dem Hals trugen überhaupt noch bei jemandem Begeisterung hervorrufen konnte.

Ihre aufgequollenen Lippen, durch das Drachengift zerstört, ihre rotädrige bleiche Haut, die wie Leder knapp über den durchscheinenden Schädel gespannt war und die gelblichen Drachenaugen, hatten wenig menschliches mehr an sich.

Sie waren gegenseitig für ihren Anblick inzwischen jedoch immun. Schon zu viele Jahre hatten sie die Veränderung erst erhofft, dann mit Gleichmut ertragen.

Die schuppigen Kämme auf den Rücken trugen sie sogar mit Stolz.

Der Drachengott, den sie wie Niomal einst sogar bekämpft hatten, hatte ihre Seele in Besitz genommen und sich somit als der Stärkere Gott erwiesen.

Stärker als die schwachen niederen Götter der Menschen, denen sie in einem früheren Leben gedient hatten.

Der Ont’c war nun die Kraft die ihnen inne wohnte und sie voran trieb.

Es gab nichts schöneres als ihm zu dienen und ihm in Gestalt seiner Kinder zurück in die Welt zu verhelfen.

Bisher war alles nach Plan verlaufen und beinah wäre auch die zweite Drachenträne leicht in ihre Hände gefallen, wenn nicht diese verfluchte Diebin dazwischen gekommen wäre.

Mejahr hätte kämpfen können und vermutlich wären die schwachen Menschen ohne Chance gegen seine übermenschlichen Kräfte gewesen, doch unverwundbar oder gar unsterblich war er noch nicht.

Auch wenn der Geflügelte es ihnen in Aussicht gestellt hatte.

Und auch töricht waren er nicht. Das Diebesgesindel hatte die Schale versteckt. Ein Kampf hätte wenig gebracht und die Aufmerksamkeit der Stadtwache war bereits geweckt worden.

Auch wenn der König von Adrohn an der Kette der Feenherrin lag, konnte man nicht allen Coceanern vertrauen.

Doch nun war es an der Zeit einen neuen Plan zu schmieden und die Diebe rasch wieder aufzuspüren.

Er vermutete, das irgendein Magier aus Nevlon dahinter steckte. Sie würden versuchen die Träne dorthin zu bringen.

Doch wo lag dieser verfluchte magische Wald?

Mejahr schnaubte, ein solches Versagen war nicht vorgesehen gewesen und er kannte sich in diesem Teil Arkurs überhaupt nicht aus.

Es blieb ihnen also nichts übrig als Kontakt aufzunehmen zu einem Geflügelten, auch wenn sie dann eingestehen mussten, dass sie die Träne verloren hatten.

Doch immerhin hatten sie die Zauberformel noch. Das war ein Trumpf mit dem sie die Diebe in die Falle locken konnten.

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1 Berühmte Verkündung des Sieges durch den Boten Serimil, an den Elfenkönig, nach dem entscheidenden Gefecht der Deniqui gegen die Schwarze Horde.

KAPITEL 7:

VALTRAON

Valtraon, du magische Stadt
An den Klippen des Agrehl, aus Zauber gemacht
Deine mächtigen Türme vertreiben jede fremde Macht
Magie über deinen Frieden wacht,
Bis dir der Tod auf Flügeln gebracht.
1

Sorenn stand neben Sul’rir und blickte zwischen den Bäumen hindurch auf die glitzernde Stadt am Meer.

Valtraon war offensichtlich frei.

Kein Heer lagerte davor, keine Horden von Trollen plünderten im Umland.

Waren also alle Gerüchte falsch gewesen, war vielleicht der Ausgang der Schlacht vor Helovar doch viel günstiger als behauptet verlaufen.

War Tanystra noch am Leben und hatte sie noch kämpfende Ritter?

Diese Gedanken spülten eine Woge von Wärme und Zuversicht in Sorenns Herz und die Erleichterung, vielleicht doch nicht alleine alle Verantwortung für die Zukunft des Königreiches zu tragen, war ihr offensichtlich anzumerken.

Der alte Magier neben ihr lächelte.

„Wir können noch nicht sicher sein,“ sagte er ruhig.

„Der magische Schutz der Stadt scheint intakt, aber meine Sinneswächter antworten mir noch nicht.“

„Eure Sinneswächter?“ Sagte Sorenn irritiert.

Sul’rir nickte ernst.

„Irgendetwas stimmt also vielleicht nicht,“ fügte er hinzu.

Sorenns gute Stimmung verflog sofort und sie stampfte ärgerlich mit den Füßen auf.

„Aber kann dieser Drachenpriester die Schutzzauber der Stadt gebrochen haben?“

Der Magier blickte angestrengt zum Himmel.

Dann lächelte er wieder.

„Jetzt,“ sagte er „sie antworten. “

Ich glaube wir können die Stadt gefahrlos betreten.“

~

Als sie durch die Straßen gingen rümpfte Sorenn, trotzdem sie vor Jahren schon einmal hier gewesen war, ein ums andere mal die Nase über die ungewöhnliche Bauart der valtraonschen Häuser, die aussahen wie kleine oder große Kugeln.

Der Krieg war auch hier spürbar, denn die Stadt war gefüllt mit Flüchtlingen, die sich unter ihrem magischen Dach zusammendrängten.

Die magischen Felder vor den Toren liefen bestimmt auf Hochtouren um den Hunger all jener zu stillen, die daran teilhaben wollten.

Die Pferde hatten sie in den Maarstallungen vor der Mauer abgegeben und rollten nun in einem pferdelose Wagen durch die Straßen.

Sorenn hatte zwar Valtraon in Begleitung ihrer Eltern schon ein paar mal besucht, doch beim letzten Mal war sie erst sechs oder sieben gewesen und darum erstaunte sie die verschiedenen seltsamen Einrichtungen, Gefährte oder Gerätschaften die man hier an jeder Ecke sah wieder aufs Neue.

Sul’rir, der seinen Lebenstraum hier verwirklicht hatte, indem er und einige andere Magiewerker, wie sie sich nannten, ihre Kunst in die Entwicklung von alltagstauglichen Hilfsmitteln umgesetzt hatten, zwinkerte ihr stolz zu.

„Die varaskonische Kirche, hält das natürlich alles für Teufelswerk, aber es gelingt ihr nicht seine Nützlichkeit zu bestreiten.“

Sorenn lachte.

„Das glaube ich gerne. Aber leider habt ihr nur Dinge entwickelt die friedlichen Nutzen haben oder?“

Der alte Zauberer nickt mit verschmitzten Mundwinkeln.

„Dazu hat sich unser Werker-Bund verpflichtet. Aber Du hast Recht, hätten wir uns tatsächlich daran gehalten, dass wäre uns nun zum Verhängnis geworden.“

Sorenn zog die Augenbrauen fragend empor.

Da erschien plötzlich eine schlanke Halbelfe, die eine braune Lederweste und eine ebensolche Kappe trug, direkt neben ihr in der Luft.

Sie flog auf einer Art dünnem Ast neben ihnen her.

Sorenn musterte sie fassungslos.

Die Elfe hingegen grüßte freundlich:

„Oberwerker Sul’rir, willkommen zu Hause.“

Der Zauberer lächelte.

„Sind die Verteidigungswerker bereit Carmellia?“

„Jawohl Herr, sowohl die Feuerwerfer undauch die Pfeilversprüher sind in ihren Stellungen.“

„Gab es bereits Attacken?“

„Schon einige Herr, aber weit vor dem Gelände. Die Laufburschen konnten sie alle erledigen.“

Sul’rir nickte offenbar befriedigt.

„Also gut, gebt den Unterwerkern bescheid, dass ich so bald wie möglich in den Lichtbogen des Thang komme.“

Nun nickte Carmellia leicht und bog ohne weitere Worte mit ihrem Flugstab nach rechts in eine Gasse ab.

Sorenn schnappte nach Luft.

„Ihr habt viele Wunderdinge entwickelt in letzter Zeit. Wie kommt es, dass im Königreich davon so wenig bekannt ist?“

Sul’rir schmunzelte erneut.

„Das ist auch unsere Absicht. Die Menschen sind noch nicht bereit für den Fortschritt, den wir hier entwickeln, fürchte ich, die meisten würden es für Hexerei halten.“

Er lachte, „was es natürlich auch ist. Der König von Adrohn selbst jedoch war darüber immer unterrichtet. Jedenfalls über das meiste.“

Er seufzte.

„Leider weiß Elthor es daher auch und ich fürchte er wird versuchen es sich zunutze zu machen. Die Feenkönigin und er dürften Genaueres zudem von Heltrog dem Verräter erfahren haben.“

Ein Schatten fiel über Sul’rirs Gesicht, bei der Erwähnung seines alten Mitsreiters.

„Er war einmal einer meiner besten Schüler.“

„Und die Menschen in der Stadt, die Elfen, Halblinge?“

Sul’rir betrachtete Sorenn nachdenklich.

„Die Flüchtlinge könnten ein Problem werden. Bisher haben wir vieles verborgen gehalten. Durch Täuschungszauber, Illusionen oder Unsichtbarkeit. Es gibt immer noch Leute in Adrohn und das sind nicht wenige, die gar nicht von der Existenz der Sumpfstadt wussten und einige von ihnen sind nun sicherlich unter den Flüchtlingen.“

„Haben sie es verkraftet?.“

Sul’rir verzog den Mund. „Es gab schon welche die durchgedreht sind.“

Sie fuhren unterdessen weiter und Sorenn sah das alle Häuser weiß gestrichen waren.

Hin und wieder tauchten seltsam geformte, schiefe Türme auf oder kleine Paläste in bunten Farben.

Dabei waren die Straßen breit wie Flüße, die Platz für mehrere Gefährte und Flugwagen boten.

Sorenn vermisste die engen Gassen, der Städte die sie kannte.

In einem der Paläste nah an der Stadtmauer hatten sie Amra und Lorin zurückgelassen, denn eigentlich hatten sie nicht vor lange in Valtraon zu verweilen, sonder rasch weiter durch den Sumpf Richtung Asthric zu ziehen.

Aber Sul’rir musste zunächst sicher gehen, dass die Drachenträne sicher war und er hatte ihnen ein Fluggefährt für die Sumpfreise versprochen.

„Unglaublich!“ Sorenn musste lächeln, denn diesen Ausspruch hörte sie von der hinteren Sitzbank inzwischen alle zwei Minuten.

Dort saß der erfahrene Meisterdieb Gihlon und konnte offenbar noch viel weniger fassen was er sah.

Sul’rir wandte sich zu ihm um.

„Das ist das Viertel der Türmer, sie sind uns eine große Hilfe.“

Sorenn betrachtete die am Straßenrand stehenden Gruppen oder vorbei laufenden Einzelwesen, die Gihlon diesen weiteren Ausruf entlockt hatten.

„Es sind magisch erschaffenen Wesen, die ganz unserem Befehl gehorchen. Fast sehen sie schon so aus wie echte Menschen.“

Sorenn nickte, denn nur an wenigen Merkmalen, wie fehlende Nasen oder Ohren, drei Armen oder einem Rad anstelle von Beinen, konnte man erkennen, dass es sogenannte Magiker waren.

Sul’rir lächelte als er ihren zweifelnden Blick auffing.

„Gut, wir üben noch,“ sagte er.

Gihlon schüttelte missbilligend den Kopf:

„Varahms Fluch!“ Rief er.

„Das kann nur Sünde sein!“

Sie erreichten aber kurze Zeit später die so genannte innere Mauer mit einem dreieckigen Tor.

Magische Glyphen waren um das Tor in die Mauer gemeißelt.

Sul’rir erklärte, darin seien Schutzgeister gefangen.

Hinter dem Tor war die Stadt verändert. Sorenn und Gihlon schnappten vor Überraschung ein weiteres Mal nach Luft.

Nun wirkten die Häuser plötzlich alt und ehrwürdig, wie in den Gassen Elberaks, die baumbewachsenen Alleen wie in der Provinzhauptstadt Zacynos und die schiefen bunten Dächer wie jene von Eleur.

Als Sorenn diese Vergleiche anstellte, lachte der alte Magier.

„Die Magie schuf, was ihr als Vorbild diente, es ist alles täuschend ähnlich nicht wahr.

Wir sind im Viertel der Asketen, im Gegensatz zu den Vandalen im äußeren Bereich, legen sie Wert auf zeitgemäßes Aussehen.“

Die Leute denen sie hier begegneten, sahen auch wirklich völlig normal aus und hätten in jede andere Stadt ihrer Heimat gepasst.

Sogar Pferde sahen sie, doch Sul’rir versicherte ihnen, dass es sich um Tier-Magiker handelte.

Schließlich erreichten sie ein prächtiges Haus, dass am Ende einer Allee stand.

„Das Thang,“ sagte Sul’rir, „hier befindet sich eine der sieben Tränen in einem Sturmlicht, es handelt sich um die so genannte Wellenträne.“

Das Gefährt hielt selbstständig davor und die Sitze schoben sich nach draußen.

Sorenn schrie überrascht auf, doch sie verstummt als ihr ein hochgewachsener Diener aus dem Eingang entgegen trat.

Noch niemals hatte sie einen so schönen Menschen gesehen.

Er verneigte sich vor ihnen.

„Seit gegrüßt Meister,“ sagte er zu Sul’rir, „die Versammlung erwartet euch.“

Sul’rir nickte und sie folgten ihm hinein.

Die Eingangshalle des Thang war ebenfalls voller Wunderdinge. Sprechende Truhen, rollende Hunde, lachende Säulen.

Gihlon ging neben dem Magier und schüttelte ob der Eindrücke erneut ununterbrochen den Kopf.

„Mit diesen Dingen könntet ihr die Welt beherrschen.“

Sul’rir musterte ihn einen Moment lang durchdringend.

„Vielleicht,“ sagte er dann, „aber das Problem liegt im Wort, das ihr gerade verwendet habt.

Es gelingt uns nicht einmal sie selbst vollständig zu beherrschen. Jedenfalls nicht außerhalb der Macht der Wellenträne.“

Gihlon blieb überrascht stehen.

„Das ist es also, die Drachentränen sind der Schlüssel dazu?“

Sul’rir nickte.

„Nun, genau wissen wir es noch nicht, aber es scheint so.“

„Und die anderen Tränen wirken genauso?“

„Vermutlich, ich habe vor langer Zeit in Nevlon die alten Drachenlieder studiert und kam zu dem Schluss, dass Imels verlorene Tränen offenbar eine Art Energiequelle sind. Aber warum das so ist, darfst Du mich nciht fragen.“

Sorenn nahm nun die andere Seite neben dem alten Magier ein, während sie eine lange Treppe hinauf stiegen.

„Aber dann müsste man die Tränen einfach nur bündeln und hätte unbegrenzte Macht?“ Meinte nun Gihlon.

Sul’rir seufzte.

„Das glaubt Heltrog auch und sicher auch Dionel. Ich denke aber, dass ist nicht so einfach, denn die Tränen stoßen sich eigentlich gegenseitig ab.“

„Was!?“

Kam es wie aus einem Mund von Sorenn und Gihlon.

Der alte Magier nickte müde, als habe er das bereits oft einmal zu oft erzählt.

„Ihre Kräfte wirken Gegensätzlich, so scheint die Natur unserer Welt zu sein. Oder zumindest der Magie in unserer Welt. Wer die Regeln der Magie kennt weiß, dass es so ist und zwar ganz egal ob es sich um menschliche oder elfische Magie handelt und offenbar auch bei Drachenmagie.“

„Ihr glaubt, so ist es mit allen sieben Magieschulen?“

Sul’rir nickte

„Ja, mein Sohn, das denke ich.“

Sorenn hielt den Magier am Ärmel fest.

„Wo sind die übrigen Tränen?“

Sul’rir seufzte.

„Im Gegensatz zu den Schwertern, kennt man ihren Aufenthaltsort und wir fürchten, dass die Drachen schon einige von ihnen, wenn nicht gar alle, bis auf die unsrige, erbeutet haben.“

Er holte eine Schriftrolle aus seinem Gewand.

„Das hier wird gleich im Thang auch Thema sein.“ Sagte er.

„Die Drachen sind wie wir vermuten zuerst wieder in ihrer alten Heimat zurückgekehrt, in Thamor, dem heutigen Kargoll. Es gibt eine Sekte von Drachenpriestern in Varaskon und wie sich herausstellte war auch Niomal, der Hohenpriester von Szeleun, ein hoher Vertreter der varaskonischen Kirche, ein Anhänger dieser Sekte.“

„Was tun sie?“ Fragte Sorenn.

„Die ersten Drachen die aus Hevar kamen, haben sie für ihre Zwecke missbraucht und tun es noch. Jener Priester in Elberak, von dem ihr mir erzähltet, der Euren Vater ermorden ließ zählte vielleicht auch zu ihnen.“

„Ihr meint Cloestin? Ich dachte er dient Tokaia?“

Sul’rir schüttelte den Kopf. „Die alten Götter haben keine Macht mehr. Aber Ont’c kommt gerne in ihrer Gestalt daher.“

Er ließ seine Worte wirken.

„Kennt ihr das Symbol Tokaias?“

„Ein schwarzer Drache,“ flüsterte Sorenn

„Dann wird mir vieles klar.“ Antwortete der Raloc.

Sul’rir fuhr fort:

„Also erbeuteten die Drachen mit Leichtigkeit zuerst die Himmelsträne in Szombat und die Feuerträne aus der Feuerglocke in Gol Waron. Dann wählte Dionel nicht ohne Grund Coceon als Ziel ihrer Ankunft in Arkur.

Dort war die Spiegelträne die Kraftquelle des Traumspiegels, der ihr ermöglichte über Elthor und sein Weib die Kontrolle zu gewinnen.“

Sorenn starrte Sul’rir fassungslos an.

„Dann ist alles die Schuld der Tränen?“

„Nun ja, man kann es so sehen. Vielleicht war es damals bereits ein Fehler der Sentir die Tränen mit sich zu nehmen, denn auch wenn sie zunächst ein Segen waren, wirken sie nun, wie eine letzte Rache Imels, der silbernen Königin.“

Er seufzte.

„Die am besten geschützten Tränen sind hier und in Nevlon. Sie waren es, muss man sagen, denn der Verräter Heltrog hat die Sturmträne des Ordens bereits mit einer List aus dem dortigen Luftbrunnen entwendet und Dionel übergeben, wie ich eben kurz nach unserer Ankunft leider erfuhr.“

„Habt ihr auch Nachricht von Zulis?“ Fiel Sorenn nun ein.

Sul’rir nickte. „Sie konnte die Totenträne in Agrehlos retten, doch die Drachenpriester sind ihr auf den Fersen.“

Er lachte trocken.

„Oder sie ihnen, wie man es nimmt.“

Er räusperte sich während sie einen Durchgang passierten.

„Sie bekam rechtzeitig Unterstützung durch Yres, meine Tochter.“

Er lächelte dünn.

„Ihr Auftrag war die Träne in Sicherheit zu bringen, aber stattdessen wollen sie die Jäger jagen. Eine Torheit!“ Stieß er hervor.

Er rollte mit den Augen.

„In den letzten Monaten habe ich alles versucht, allen unseren Verbündeten den Ernst der Lage zu verdeutlichen, doch viele von ihnen, besonders die Elfen, brauchen zum Denken manchmal so lange wie zum Leben.“

Sorenn lachte.

„Dann fehlt ihnen vielleicht nur noch?“

Sul’rir nickte.

„Das ist der Grund warum ich außerdem wollte, das ihr mit mir nach Valtroon kommt Sorenn.“

Sorenn blickte ihn irritiert an, doch bevor er es ihr das näher erläutern konnte, winkte er sie weiter.

Sie erreichten ein weiteres Portal und traten durch einen hohen Lichtbogen in den inneren Thang.

~

Unterdessen lief Amra im Bogenplast unruhig auf und ab.

Lorin saß hingegen teilnahmslos vor den Speisen und war mit ihren Gedanken beschäftigt.

Amra blieb nun wütend vor ihr stehen.

„Wir sollten längst weiter sein!“ Rief sie.

„Der Krieg wird uns hier einholen, ich spüre das.“

Lorin sah sie durchdringend an.

„Aber der Magier sagte, dass wir hier sicher sein würden.“

Amra stieß eines der Gefäße auf dem Tisch um, es fiel zu Boden und zersprang in viele Scherben.

„Waren wir irgendwo bisher sicher, Schwester?! Ich habe hier noch keine Ritter gesehen und keine Bogenschützen. Es gibt ein paar Magier, gut aber sie werden Elthors Truppen nicht aufhalten können, auch nicht mit dieser Drachenträne.“

„Was macht dich da so sicher, offenbar ist Sul’rir anderer Meinung.“

Antwortete Lorin, immer noch ganz ruhig.

Amra hielt inne und holte zugleich tief Luft.

„Ich habe einmal Vater zufällig belauscht, wie er mit einem Abgesandten von Valtraon sprach. Es ging um neue Waffen. Der Bote teilte ihm mit, dass die Waffen untauglich seien außerhalb der Stadt.“

„Aber innerhalb schützen sie uns, wie das Feuerwerk in Eleur?“

Amra nickte flüchtig.

„Aber ich fürchte, nur solange die Drachenträne an seinem Platz ist.“

„Das scheint ja so zu sein.“

Amra stöhnte und sie warf die grazilen Hände in die Luft, dabei fiel ihr Blick, von ihrem schlechten Gefühl offenbar gesteuert durch das Fenster an der Decke.

Ein Entsetzensschrei entfuhr ihr und Lorin folgte ihrem Blick.

Am Himmel sah man nun deutlich einen Vogel, der von Norden näher kam. Lorin erhob sich hastig.

Ihr Stuhl fiel dabei krachend zu Boden.

Die beiden Mädchen hielten den Atem an, während der Umriss des Geflügelten Wesens immer größer und deutlich wurde.

„Ein Drache,“ flüsterte Amra, ich habe es gewusst.

~

Sie betraten die innere Halle des Thang und Gihlon und Sorenn blickten sich ehrfürchtig um.

Es gab eine erhöhte Sitzreihe und ein Pult.

Daneben stand eine kleine Säule mit einer Phiole in der ein mattes bläuliches Licht brannte.

Doch dieses Licht setzte sich über dünne Adern die Säule hinab und von dort über ein zauberhaftes Muster am Steinboden fort, erklomm die Wände von allen Seiten und bildete so eine Lichtkuppel über ihnen.

Sorenn schnappte nach Luft und Gihlon grunzte bewundernd.

Auf den Rängen saßen fünf, in merkwürdig hautenge Anzüge gekleidete, Personen.

Zwei Frauen, drei Männer.

Sul’rir grüßte sie höflich.

„Dies ist der Rat der Zauberwerker,“ sagte er zu seinen beiden Begleitern „und hier seht ihr das Sturmlicht mit der Wellenträne.“

Er stockte, fügte dann an:

„Sie hat eine ganz besondere Eigenschaft wie wir inzwischen wissen.“

Nun stellte er ihnen die fünf sitzenden Gestalten der Reihe nach vor:

Die Männer waren Jasir, Mesalis und Nafimal und die Frauen stellte er ihnen als Altara und Espita vor.

„Wir waren einst sieben mit mir. Heltrog verließ unsere Werkstätten, denn er war nicht zufrieden damit nur für das Wohl der Menschen zu arbeiten. Zunächst dachten wir er wollte unsere Erfindungen nur verkaufen, aber er will offenbar mehr, seine eigene Macht damit mehren und hat sich nun auch noch die schlechtest möglichen Verbündeten dafür ausgesucht.“

Jasir, ein schlanker grauhaariger Mann stand auf und nickte ernst.

„Nun kehrt er vermutlich mit Feuer und Schwert zurück.“

Espita, die korpulente Frau neben ihm warf ihm einen verächtlichen Blick zu.

„Jasir, ihr zweifelt an unsern Verteidigungszaubern? Die ihr selbst mit ersonnen habt?“

„Gerade deswegen.“ Antwortete der so gescholtene.

„Ihr wisst so gut wie ich, dass Heltrog alle unsere Schwächen kennt, was also sollte ihn aufhalten?“

Die Frau widersprach und die anderen Werker stimmten ihr zu.

Sul’rir hob beschwichtigend die Hände und sofort verstummte die Debatte.

„Eines ist sicher, sagte er dann, das Sturmlicht kann hier nicht mehr ausreichend geschützt werden, darin muss ich Jasir leider zustimmen.“

Altara wies auf Sorenn.

„Aber, wir sind nicht ganz schutzlos. Valtraon kann sich gegen einen Angriff verteidigen.“

Sorenn blickte beide fragend an, „ihr glaubt Heltrog wird eine Armee hierher begleiten?“

Sul’rir schüttelte den Kopf, nein dass glauben wir nicht mehr, es wäre längst geschehen. Zunächst wusste ich auch nicht, was ich davon halten sollte, doch dann wurde es mir klar, ich denke das jemand anderes kommen wird, ein Diener der Feenkönigin, den wir weit mehr fürchten müssen oder sie kommt sogar selbst.“

Gihlon und Sorenn blickten sich schaudernd an.

„Nun, ich weiß es auch erst seit meiner geheimen Reise nach Szombat.“ Er machte eine bedeutungsvolle Pause.

„Einer der stärksten und schrecklichsten schwarzen Drachen ist bereits frei und er ist hier auf Arkur zusammen mit Dionel, sein Name lautet Avarel Pon, das bedeutet er ist der Auserwählte Prinz der schwarzen Horde.“

Er machte eine bedeutungsvolle Pause, wie um diese Information auf sie wirken zu lassen.

„Gegen ihn reichen unsere Schutzzauber nicht aus, zumal wenn er bereits zwei oder mehr Tränen mit sich führt.“

„Also, muss die Wellenträne von hier weg gebracht werden?“

Sul’rir nickte.

„Ich weiß es kommt sehr überraschend für Dich, aber Du bist die Tochter Meloraghs, ich habe dich in Deiner Kindheit immer wieder beobachtet und Du trägst die Begabung in Dir eine von uns zu sein.“

Er lächelte ob ihres sichtbaren Erstaunens.

„Heltrogs Platz ist frei, daher werden wir Dich aufnehmen in den Zirkel der Magiwerker von Valtraon, auch wenn du vielleicht noch nicht ganz soweit bist.“

Sorenn ließ einen Krächzer vernehmen, bevor sie in der Lage war etwas Verständliches zu sagen.

„Ich?!“

Sul’rir schürzte die Lippen.

„Die Wellenträne, ist eine Besondere, wie ich bereits erwähnte. Insofern, dass sie nicht nur wie alle Tränen ihrem Besitzer magische Kräfte verleiht, sondern sie strahlt diese Kräfte wie die endlosen Wellen des Meeres aus, ins ganze Land.“

„Sie ist also stärker als die anderen?“

„In gewisser Weise. Sie versetzte zum Beispiel zuvor gänzlich unmagischen Menschen, zumindest einige von ihnen, in die Lage, Magie zu wirken.“

„Auch die Träne in Nevlon wirkt ähnlich, aber ihren Nutzen suchten wir auf andere Weise“

Er lächelte.

„Hier in valtraon suchten wir die absolute Nützlichkeit der Magie zu erforschen, meine Brüder in Nevlon verehrten sie als Urkraft der Natur und wollten im Wald eins mit ihr sein.“

„Wenn sie in die Hände der Drachen zurück fällt, erlischt dann all Eure Zauberkraft?“

„Möglich.“

Gihlon räusperte sich ungeduldig.

„Also, gibt es nun eine Möglichkeit die Träne zu schützen oder zu verstecken?“

„Da kommt ihr ins Spiel Dieb.“

Der Magier neigte bei diesen Worten leicht den Kopf zu Sorenn hinüber.

„Und auch ihr Tochter der Munir.“

„Außer den Drachen selbst, können nur Nachfahren der Könige der Deniquie, die einstmals die Tränen erhielten, sie direkt anwenden. Frage mich nicht warum, aber wir glauben es liegt daran, weil sie diese aus der Hand Aulons erhielten, also liegt auf ihnen eine göttliche Macht.“

Sorenn, Tochter Meloraghs, Enkelin von Vedras, dem König der Munir, schnappte nach Luft.

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1 AVESTA, Kap. 13 „Gesang des Untergangs“

KAPITEL 8:

TORWYN

…was lange verschwiegen
vergessen, vermieden
was niemals verloren
aber in Schweigen geboren
steht bald schon, mit Schwert und Schild
vor unseren Toren.
1

Und während im Monat Nainr des Jahres 1566 nach szombatischer Zeitrechnung, am Zusammenfluss des Lovare mit dem Ravc-Flusses, vor den Mauern der belagerten Festung Helovar, die letzten Truppen des alten mit denen des neuen Königs von Adrohn aufeinander trafen, zog sich der Himmel über den eisigen Gipfeln des Notawenkorh bedrohlich zusammen und kündete einen weiteren Schneesturm an.

Doch Sitar und Gelyoc bemerkten davon nichts, denn sie folgten Zimoke in das Innere des Berges.

Trotzdem die Passfestung Ilimor, wie sie erfuhren, nur eine kleine Burg der Gombar war, waren die Ankömmlinge sehr beeindruckt über die Pracht und Größe der Steinhallen.

Durch kleine schmucke Höhlen gelangten sie schließlich, in einen größeren, gewaltigen Bogengang, in dem eine Schar von Trollen um eine mächtige Feuerstelle saß.

Über dieser stieg der Rauch durch eine pilzartige Kuppel nach oben und wurde von dort irgendwohin abgesogen.

Die Trolle am Feuer rauchten ungewöhnlich lange Grumgstengel, und bliesen dabei zusätzlich eine beeindruckende Wolke zur Höhlendecke empor, welche dort gleichwohl verschwand.

Der starke Geruch jedoch erfüllte den Gewölbegang und zusammen mit dem Feuer verbreitete er eine wohlige Wärme, die Sitar, nach der eisigen Kälte von Draußen, als sehr wohltuend empfand.

Bei den Trollen saßen jedoch noch andere Gestalten, von denen eine nun aufstand und ihnen entgegen trat.

Sitar und Gelyoc blickten sich überrascht an.

„Meister Tralzio!“, rief der Halbtroll.

„Aber wie?“

Der Zauberer wies auf die Gombar am Feuer.

„Wir hatten glaube ich die gleichen Retter,“ sagte er lächelnd.

Nun sahen sie auch eine ihnen unbekannte und halbelfisch wirkende Frau die am Feuer auf sie wartete und neben ihr eine kleinwüchsige Gestalt, die aber ganz offensichtlich auch kein Trollgar war.

Der Magier stellte ihn als Varo den Barden vor, der aufgestanden war und ihnen entgegen kam und nannte ihn einen Tewir oder Halbling, wie sie in Thiernir, der Holzfällerstadt bereits einige gesehen hatten.

Als sie das Feuer nun erreichten, stellte er ihnen nun Meloragh, die Gräfin von Elberak vor und die Blauelfe verbeugte sich so vor Sitar, mit den Worte:

„Ich bin sehr erfreut euch endlich kennen zulernen,“ und lächelte die Fee dabei freundlich an, „auch wenn es in gefahrvollen Zeiten ist.“

Sitar nickte geschmeichelt.

„Ihr seit keine Chai wie ich sie kenne, eure Haut ist anders?“

Meloragh lächelte über die Direktheit der jungen Fee.

„Ich bin eine Munir oder Blauelfe, wie die Menschen sagen.“

Sitar hob überrascht die Augenbrauen.

„Ich hörte in Fajan von der Gräfin von Elberak, doch ihr seit weit beeindruckender, als jede Legende über Euch.“

Nun lachte Meloragh und Varo fiel darin ein und sagte:

„Ich glaube wirklich Feen und Blauelfen begegneten sich nicht oft vor diesen Tagen. Nun aber ist ein guter Anfang gemacht.“

Alle lachten und Meloragh antwortete schmunzelnd:

„Erst Recht wenn dies im Beeisein eines Tewirs geschah.“

Und sie fügte hinzu:

„Nehmen wir es als gutes Ohmen in der Hoffnung auf den Erfolg Eurer Reise.“

Alle nickten.

In knappen Worten schilderte Tralzio daraufhin den Verlauf der Verfolgung, was mit Sherg und Garfin geschehen war und drückte seine Freude darüber aus, dass sie wohlbehalten waren.

Ja, den Drachen hatten sie ebenfalls gesehen und er war nicht sicher, ob sie ihn erledigt hatten.

Zimoke kam nun neben sie und wechselte rasch ein paar Worte mit einer weiblichen Gombar im Kreis der Krieger, die als Umhang das weiße Fell eines gehörnten Tieres trug.

Die spitzen Hörner glänzten gefährlich im Schein des Feuers, als habe sie sie mit irgendeinem Fett eingerieben.

„Das hast Du gut gemacht Osha,“ hörte Sitar sie noch sagen, ehe die Kriegerin mit dem Gefolge einiger anderer aus dem Feuerkreis, die Halle raschen Schrittes verließ.

Dann wandte sie sich ihnen zu:

„Die Götter sind uns heute offenbar wohl gesonnen, denn sie erretteten mich vom sicheren Tode, gaben mir das Schwert unserer Ahnen aus der Hand der Erbin des Feenthrons und der Trollgear Ashorg, Prinz der Lorhen-Tofoks, gerät in unsere Gefangenschaft.“

Sie zeigte eine breite Zahnreihe bei diesen Worten.

Die anderen am Feuer anwesenden Gombar ließen ein tiefes zustimmendes Raunen hören, das an den Höhlenwänden ein, wie Sitar fand, schauerliches Echo warf.

„Und was folgert Ihr daraus?“ sagte Tralzio, der damit seine bisherige leise Unterredung mit Gelyoc beendete.

Zimoke lächelte weiterhin.

„Entschuldigt, es sollte nicht so dramatisch klingen. Aber ich glaube unser Zusammentreffen könnte von großer Bedeutung sein.“

Der Magier nickte.

„Vermutlich noch von größerer als ihr glaubt. Sagt euch der Name Dionel etwas?“

Zimoke nickte. „Oh ja!“

In der Folge blieben sie weiter am Feuer sitzen und tauschten ihr Wissen über das Geschehen in Adrohn aus.

Über den Krieg, die Feenkönigin und die Macht der Schwerter und Drachentränen.

Nach einigen Stunden, während denen auch reichlich Speisen und Getränke gebracht und anschließend nocheinmal Gamgk geraucht wurde, wies man ihnen eine Schlafhöhle zu und Sitar war dankbar dort weiches Stroh und Felle vorzufinden.

Völlig ermüdet schliefen sie und auch Gelyoc rasch ein.

Am nächsten Morgen unterhielten Meloragh und Tralzio sich am Frühstücksfeuer leise, als Zimoke zu ihnen kam.

Der Blick von der Felsterrasse auf die schneebedeckten Wenkohr-Gipfel war beeindruckend.

„Ich habe über das Gesagte von gestern Abend nachgedacht.“ Begann sie.

„Ihr glaubt also, die Nindur wollen die Schwarzen Drachen befreien und suchen darum nach den Schwertern und den Drachentränen?“

Tralzio nickte.

„Noch schlimmer, einige der Geflügelten sind schon hier und sie sind es, die das Geschehen vor sich her treiben. Es ist Dionel längst entglitten, fürchte ich.“ Sagte er mit finsterer Miene.

„Aber ebenso groß wie ihr streben nach Macht, ist ihre Angst diese unter den Feen zu verlieren, darum will sie Sitar unbedingt finden, um sie zu töten.“

Ergänzte Zimoke.

„Habe ich das richtig verstanden?“

Talzio stimmte ihr zu.

Die Fürstin der Gombar stocherte im Feuer herum und kratzte sich die breite Nase.

Als Gelyoc nun genau in dem Moment gähnend zu ihnen kam, warf sie ihm einen belustigten Blick zu.

Der Zauberschüler grinste, als er aber den kalten Luftzug auf dem Sims verspürte zog er rasch und fröstelnd seinen Umhang um sich.

Er gewahrte das auch Tralzio ihn fragend anschaute und nickte als ihm klar wurde warum.

„Sie schläft noch Meister, es wird ihr gut tun.“

Tralzio zupfte nachdenklich an seinem Bart.

„Du bist erwachsen geworden Schüler, ich erkenne dich kaum wieder.“

Gelyoc setzte eine empörte Miene auf, lächelte aber sofort wieder, ob des Komplimentes.

Zimoke musterte ihn lange, dann sagte sie:

„Ihr seit kein reiner Gobon, menschliche Züge sehe ich und etwas Elfenblut. Noch nie sah ich einen Troll, mit solch ebenmäßiger Nase.“

Melorgah und Tralzio prusteten los und Gelyoc wurde rot. Er senkte den Kopf und flüsterte fast:

„Ich habe auch noch keine Trollgar gesehen, die eure Schönheit erreichte Anführerin der Gombar.“

Während Tralzio und Melorgah verblüfft ihr Lachen unterbrachen, bevor sie noch lauter, fortfuhren, lächelte Zimoke geschmeichelt und beugte auf Trollart den Kopf bis zu den Knien.

„Seit bedankt Herr Gelyoc, für diese netten Worte, doch könnte ich sicher Eure Mutter sein.“

Ihre Augen verrieten aber dass sie ihn mochte.

Da trat Sitar plötzlich hinzu und blickte die heitere Runde überrascht an.

„Was macht euch so froh gestimmt?“

Tralzio erklärte es ihr und die gute Laune steckte sie rasch an und alle fühlten sich nachdem sie einige Minuten später abgeklungen war ein wenig befreit, trotz der schweren Entscheidungen, die an diesem Tag noch zu treffen waren.

Nachdem sie zuende gefrühstückt hatten stand Zimoke schließlich auf und gab einem ihrer Leute einen Wink.

Er trat mit dem Schwert, welches Sitar und Gelyoc gebracht hatten, in der Hand näher und reichte es ihr.

Die anderen blickten sie gespannt an.

Sie wartete noch einen Moment, währen dessen sie tief Luft holte.

„Dieses Schwert und ihr Sitar, seit der Schlüssel für unsere Heimkehr in das Land unserer Väter.“

Sie erklärte Tralzio und Meloragh in knappen Worten, was Gelyoc und Sitar schon von Jargs wussten.

„Mein Bruder opferte sein Leben um die Prophezeiung zu erfüllen.“

Sie machte eine kleine Pause.

„Doch wir Gombar sind der einzige Clan der Dundar, der daran noch geglaubt hat. Die Gobons, Tofoks, die Urmiaks oder auch irgend ein anderer Clan, haben sich den Menschen unterworfen und die Freiheit seit langem vergessen, wie es scheint.“

Ihr Gesicht drückte bei diesen Worten eine tiefe Traurigkeit aus und man hätte die Stille in Scheiben schneiden können, nach diesen Worten der Anführerin, bis Meloragh sagte:

„Könnt ihr nicht versuchen sie zu überzeugen, nun mit dem Schwert als Beweis?“

„Es wäre ein Segen, wenn Elthor die Unterstützung der Trollhorden verlöre.“ Ergänzte Tralzio.

Zimoke runzelte die Stirn.

„Ich habe es bereits mit einem von ihnen versucht. Die ganze Nacht habe ich mit Ashorg gesprochen. Er ist ein großer Krieger und doch hält er meine Worte für Lüge. Er glaubt der Feenkönigin Dionel. Das Schwert habe ich ihm noch nicht gezeigt, denn ich will es mir für den Uw’Ang aufbewahren, der Rat der Trollgear vor Elthors Krönung.“

„Davon habe ich noch nicht gehört,“ sagte Tralzio.

Zimoke nickte. „Es wird ihn geben, denn die falsche Feenkönigin fordert unsere Treue. Das ist die einzige Möglichkeit mir Gehör zu verschaffen. Darum habe ich Boten ausgesant, zu den größten Gobon- und Tofokhäuplingen in Lorhen und Tranoor. Da Ashorg in meiner Hand und die Neugierde auf das Schwert so hoffe ich, groß genug ist, könnte es vielleicht gelingen und ich glaube dass es doch noch einige unter ihnen gibt, die, die Prophezeiung kennen.“

Sie lächelte.

Wenn ich sie überzeugen kann, wird auch der Krieg eine Wende nehmen, dass verspreche ich euch.“

„Wo wird diese Treffen sattfinden?“

Meloragh hatte das gefragt und sah sie gespannt an.

„Im Heerlager vor Coceon.“

Tralzio strich sich über den Bart.

„Es ist ein gefährliches Unternehmen, wenn sie Euch nicht glauben, verliert Ihr vielleicht auch das Schwert.“

Zimoke nickte, „Das Risiko muss ich eingehen:“

Sie reckte das Kinn vor.

„Aber es wird mir gelingen.“

Meloragh zog die Stirn in Grause.

„Aber warum sollten die Kriegsführer der Gobon und Tovoks überhaupt eurem Aufruf folgen?“

Zimoke sah sie ernst an.

„Sie müssen, soviel sind sie den Sitten unseres Volkes verpflichtet. Wenn eine Trollgear, gleich welchen Clans einen Uw’Ang einberuft, müssen sie kommen.“

~

Den restlichen Tag brachten sie damit zu ihre weiteren Pläne zu besprechen. Tralzio war ungewöhnlich schweigsam und als Meloragh ihn darauf ansprach, sagte er nur knapp:

„Kennt ihr die Bedeutung der Lebensbaumlegende für die Ukari?“

Die Blauelfe schüttelte den Kopf.

„Ihr sprecht nicht von jenem den Zimoke meinte, nicht wahr? Ich weiß nur, dass in der AVESTA heißt: Der steinerne Baum unter dem Berg ist der Ukari letztes Werk.

Der Magier nickte.

„Das ist nur eine von vielen Stellen. Die letzten Ukari sind irgendwo im Wenkohr dem endlichen Schlaf übergeben, ich weiß nichts über den genauen Ort aber die Quellen beschreiben ziemlich genau die Voraussetzungen, wie sie wieder zum Leben erweckt werden können.“

„Glaubt ihr das es dort ebenfalls eine Träne gibt?“

„Nein, dieser Baum ist offenbar nur ein Symbol der Kraft der Tränen, aber irgendetwas magisches muss er trotzdem haben, wenn nicht auch mit der Erweckung nur eine symbolische gemeint ist.“

Tralzio seufzte.

Gelyioc, der in der Nähe saß stellte die Ohren auf. Erfuhr er hier endlich mehr darüber, warum sein Meister diese Reise unbedingt unternehmen wollte?

Meloragh machte ein nachdenkliches Gesicht.

„Ihr habt auch den Schlüssel nicht gefunden?“ Sagte sie dann.

„Nein“, antwortete Tralzio, „aber Ich spüre das wir inzwischen nahe daran sind viele Geheimnis der alten Schriften zu lüften. Irgendwo hier im Wenkohr soll sich der steinerne Lebensbaum befinden, das Grab meiner Ahnen und vielleicht finden wir auch den Schlüssel zu Ihrer Erweckung, Ein Dolch aus Smitral direkt dort.“

Er sprach noch weiter, doch so leise, das Gelyoc nichts mehr verstand. Doch er grübelte über das gehörte nach.

Ein Dolch aus Smitral? Ein Dolch?

Sein Finger fanden zum Heft des Dolches an seinem Gürtel. Ach was, dachte er und wante sich anderen Gedanken zu.

Meloragh und Tralzio hatten inzwischen das Gespräch auch beendet und die Gräfin von Elberak berichtet nun über den Verlauf des Krieges in Warage und schlug vor Zimoke zum Hain zu begleiten, denn vielleicht war es so möglich, ein neues Bündnis zwischen Menschen und Trollen zu schmieden.

Aber sie war unentschieden, denn der Weg dort hin war nicht der direkte Weg zum Ostmeer, dem Hythratonum und zur Stadt Worlen, wo Sitar Alnor treffen sollte und sie wollte sich auch ungern von der Fee trennen.

Eine schwere Entscheidung und auch hier war Eile geboten.

Denn wenn Tanystras Festung fiel, konnte es zu spät sein, die Dundar zu ihren Gunsten umzustimmen, wenn dieses überhaupt möglich war.

Meloragh überlegte lang, dann sagte Varo plötzlich:

„Es gibt vielleicht eine Möglichkeit Zeit zu gewinnen. Eine Ablenkung von ihren Zielen.

Er grinste.

„Hätte ich eine Armee, würde ich Coceon direkt angreifen und das so schnell wie möglich.“

„Was!?“ Kam es beinah aus aller Munde.

Der Tewir nickte jedoch bestimmt.

„Mit einem solchen Angriff werden sie nicht rechnen. Ich weiß auch den richtigen Zeitpunkt.“

Er grinste erneut.

„Elthor will sich am 12. Sturmtag öffentlich zum König von Adrohn ernennen, er ist dan in Althear, mit seinen treuesten Rittern, das ist der Moment sie zu überraschen.“

„Mm“, sagte Tralzio, „aber mit welchen Truppen?“

Zimoke hatte als einzige nicht empört aufgeschrieen sondern bisher fasziniert zugehört.

„Euer Gedanke ist vielleicht gar nicht so dumm Tewir.“ sagte sie schließlich, „und das wird, wenn es gelingt die Trollgear bestimmt noch mehr davon überzeugen, dass die Götter auf unserer Seite sind.“

Tralzio blickte hingegen weiter skeptisch.

„Aber was soll das Ziel dieses Angriffes sein, wenn Elthor nicht dort ist, können wir Ihn nicht gefangennehmen oder töten und Dionel zu erwischen wird ebenso schwierig, da sie auf einem Drachen reitet.“

Zimoke schüttelte den Kopf aber sie lächelte zugleich geheimnisvoll, als sei soeben ein besonders kühner Plan in ihr gereift. Dann wandte sie sich wieder an Varo.

„Ihr kennt Euch in Coceon aus?“

Er nickte.

„Ich wähle meine besten Kämpfer aus, sie sind schnell einsatzbereit. Könnt ihr sie unbemerkt an die Stadt heran führen?“

Wieder nickte der Tewir.

„Morgen Abend werdet ihr schon aufbrechen können.“

Sagte sie mit einem zufriedenen Lächeln.

„Es reicht eine Hand voll,“ sagte Varo lachend, „ihr habt mich durchschaut Anführerin der Gombar oder soll ich Königin sagen?“

~

Drei Tage nachdem Varo mit etwa fünfzig Gombarkriegern über den Schneewindpfad, wie sie ihn nannten, aufgebrochen war, der die Hochebene entlang der Eisseen überquerte und auf direktem Weg nach Coceon führte, verließ auch die kleine Gruppe um Tralzio, Meloragh, Gelyoc und Sitar die Festung.

Zimoke und weitere zwanzig Gombarkrieger begleitete sie.

Sie ritten nun wieder auf kleinen Bergponys in Richtung auf den von den Gombar so bezeichneten Übersteig zu.

Einen schmalen Felsenkamm, der den Westwenkohr mit dem Hauptgebirge verband, die sich auf einer Seite bis zum Südmeer bei Altear erstreckte, verband.

Im Norden reichten die gleichen Berge sie bis nach Tranoor hoch.

Die Ponys hatten dichtes graues Winterfell und rot geblähte Nüstern.

Der Wind war, trotz des sich ganz langsam dem Frühjahr zuneigenden Kalenders, eisig und Sitar war sehr froh über den neuen Fellmantel der Schneehornkuh und die dazu passenden Stiefel, was Zimoke ihr beides geschenkt hatte.

Auch wenn der Geruch des Tierfells etwas streng war.

~

Die Befreiung war kein großes Kunststück für Daral gewesen.

Die Wächter hatte sie in der Nacht rasch überwältigt.

Die eigentliche schwere Entscheidung hatte sie zuvor treffen müssen.

Sollte sie den Fee verfolgen, oder Elarell retten und damit vermutlich die Spur des Fee verlieren?

Aber sie konnte nicht lange zögern und schließlich hatte in ihr der Gedanke an Sorl den Ausschlag gegeben.

Seine Schwester, die vielleicht letzte Erbin des Königshauses Adrohn musste überleben.

Elarell war sehr geschwächt, wie sie gleich erkannt hatte und erholte sich in den letzten Stunden ihrer gemeinsamen Flucht erst langsam.

Daral lachte innerlich über sich selbst.

Elarell wusste nicht wer sie war, sie musste sich daher fragen, warum die unbekannte Aposger sie gerettet hatte, so wie es Ironie des Schicksals, zuvor schon einmal Sorl ergangen war und die Prinzessin warf ihr daher misstrauisch Blicke zu.

Gesagt hatte sie fast noch kein Wort.

Sie wollte offenbar zuerst zu Kräften kommen, um ihren Fragen auch Taten folgen zu lassen.

Den Verfolger hatten sie seit Tagen nicht mehr gesehen, seit sie in Richtung Achanai abgebogen waren, doch Daral wurde das Gefühl nicht los, dass er sich nur sehr gut verborgen hielt.

Es war fast die einzige Äußerung gewesen, die Elarell getan hatte, nach ihrer Befreiung.

„Bringt mich nach Elberak, bitte.“

Daral hatte kurz darüber nachgedacht und sich dann spontan dagegen entschieden.

Sie trug sich mit einem anderen Plan, einem so überraschend richtigen Gedanken, das sie die Begegnung mit der Prinzessin bei sich inzwischen für eine Vorhersehung hielt.

Nach Elberak war es ohnehin zu weit, auch wenn es dort noch Verbündete gab, lagen viele Meilen zwisch hier und dort und es wimmelte vermutlich von Soldaten Elthors unterwegs.

Erells Wunden waren von einem Heiler in einem der Bergdörfer das sie passiert hatten besser versorgt worden als Daral erwartet hatte und sie hatten ein zweites Pferd erstanden, so dass sie in den letzten Tagen gut voran gekommen waren.

Die Aposger befürchtete nur, dass auch Achanai, die am höchsen über dem Meer gelegene Stadt Adrohns , die Krone des Wenkohr wie ihre Bewohner sie nannten, von coceanischen Truppen besetzt war und der Anai-Pass nach Warage hinüber versperrt war.

Wie sie dann weiter gelangen sollten, darüber grübelte sie bereits den ganzen Tag nach, als Elarells Stimme sie unerwartet aus den Gedanken riss.

„Last uns eine Rast einlegen.“

Daral blickte sich überrascht nach der Prinzessin um.

Sie waren seit dem frühen Morgen unterwegs und hatten erst die halbe Höhe zur Bergstraße erstiegen.

Sie betrachtete den Ort abschätzend, er schien sich mit einer vor Schneewind schützenden Baumreihe, aber ganz gut zu eignen.

Also stieg sie ab und band ihr Pferd fest.

Dann ging sie zu Elarell hinüber um ihr herunter zu helfen.

Doch als sie ihr die Hand reichen wollte hob die Prinzessin plötzlich den Fuß und stieß Daral diesen mit Wucht unters Kinn.

„Umpf!“ Die Aposger stürzte mit einem erstickten Schrei zu Boden und Elarell sprang auf sie herab.

Doch Daral rollte sich blitzschnell zur Seite und rappelte sich auf.

Nur um einer Elarell gegenüber zu stehen, die ihr Darals eigenen Dolch, den sie offenbar aus dem Halfter an ihrem Pferd gezogen hatte, herausfordernd unter die Nase hielt.

„Ich will jetzt wissen wer ihr seit und warum ihr das Schwert meines Vater in Besitz habt!“

Rief sie und ihre grünen Augen funkelten Daral gefährlich an.

Diese brachte sich etwas aus der Reichweite der Dolchspitze und rieb sich das Kinn.

„Hah, dazu musstet ihr mich nicht treten.“

Elarell kam ihr jedoch mit der Waffe erneut wieder bedrohlich nah.

„Ihr habt es gestohlen, gebt es zu, als in Althear alles zusammenbrach!“

Daral spuckte in den Schnee, machte dann eine plötzliche Bewegung doch der Angriff erfolgte genau andersherum. Schon war sie hinter der noch immer geschwächten Prinzessin und schlug ihr den Dolch aus der Hand.

Elarells Körper, für den die Anstrengung der letzten Minuten offenbar schon zu viel war, sackte zusammen und sie schlug die Hände vor das Gesicht.

Daral ließ sie los und setzte sich ihr gegenüber auf einen Baumstamm.

„Mein Name lautet Daral, ich bin eine Aposger und ich sollte es in Sicherheit bringen, nach Fejan oder vielleicht nach Nevlon. Mein Meister Walbas und eure Tante, Meloragh die Gräfin von Elberak gaben mir diesen Auftrag.“

Elarell hob verwundert den Kopf.

„Warum sollte ich Euch das glauben?“

Daral verzog die Mundwinkel.

„Vielleicht, weil wir Aposger an die Prophezeiung glauben.“

Sie sah in ihrer Miene, dass das für Elarell nicht sehr überzeugend klang, und fügte hinzu:

„Darum hatte ich auch bereits den Auftrag Euren Bruder, Prinz Sorl zu retten. Aber es gelang mir nicht. Ich kann Euch nicht einmal sagen ob er noch lebt, aber eure kleinen Schwestern Amra und Lorin zumindest, das weiß ich bestimmt, sind von Meloraghs Rittern noch aus Althear heraus geschafft worden.“

Daral sah, das Elarell sie unter halb geschlossenen Liedern musterte.

In ihren Augen glitzerte weiter der Zweifel.

Sie fuhr trotzdem fort:

„Es war zugegeben ein glücklicher Zufall, das ich Euch in Eurer Lage entdeckte und da habe ich mich entschlossen das wieder gut zu machen, was ich Eurem Bruder schulde und dafür den Auftrag, sagen wir, ein wenig abzuändern.“

Elarell war während dieser Worte aufgestanden und ihre Miene hatte sich etwas aufgehellt.

Trotzdem sagte sie:

„Ist das alles wahr was ihr sagt? Ich sehe in euch nur eine einfache Aposger Priesterin vor mir.“

„Ihr habt die geschulten Reflexe eine Kämpferin, wie ich eben erfuhr, aber wer seit ihr wirklich?“

Daral senkte etwas den Kopf und hob die Schultern.

„Wenn ich es selbst wüsste.“

Sie blickte Elarell in die Augen.

„Es ist ein Geheimnis was ihr noch für Euch behalten müsst. Ich bin eine Gorifor. Walbas glaubt, dass ich eine wichtige Rolle in diesem Krieg spielen kann, aber ich bin da selbst nicht so sicher.“

Elarell starrte sie nun mit offenem Mund an.

„Eine Drachentöterin,“ flüsterte sie.

Daral nahm den Helm ab den sie trug, die silberne Locke fiel ihr in die Stirn.

Elarell blis die Luft aus.

„Ein Drachenmal,“ flüsterte sie.

„Es tut mir Leid, mein Angriff, ich, ich…“

Sie kam ins stocken.

Daral winkte ab.

„Macht Euch keine Gedanken, ich verstehe, dass Ihr sehr verunsichert wart, aber Ihr solltet mir jetzt vertrauen, auch wenn ich noch jung bin und auch noch dazu eine Fremde.“

Elarell nickte.

„Von nun an werde ich das.“

In der Nacht schlief Daral wesentlich entspannter als sonst, doch trotzdem, hatte sie wieder jenen Traum, der sie schon so viele Nächte um den Schlaf gebracht hatte.

Ein Traum, von welchem sie nicht wirklich wusste, ob er nicht tatsächlich passiert war:

Immer saß sie dabei am Rande eines Tümpels, in der Nähe des Dorfes, wo sie aufgewachsen war,

auf einem Stein.

Sie ließ die Beine ins Wasser baumeln und beobachtete die Frösche und Schmetterlinge.

Sie war vielleicht eben siebzehnen oder achtzehn Jahre und trug das Haar noch lang.

Die silberne Locke hing ihr nachlässig in die Stirn.

Da sah sie am anderen Ufer plötzlich einen Mann stehen, der als er ihre Aufmerksamkeit gewahr wurde, lächelte und langsam näher kam.

Er war sehr freundlich und außerdem von betörender Anmu.

Daral legte daher ihre erste Scheu rasch ab und unterhielt sich fortan fröhlich und unbeschwert mit ihm.

Sie kehrt oft wieder an den Teich, ebenso wie er und sie verbrachten gemeinsam einen Sommer voller Lachen und Übermut miteinander.

Der junge Mann entwickelte dabei aus erster Zurückhaltung und einem großen Erstaunen wie ihr manchmal schien, eine feste Zuneigung zu ihr, die auch ihr Herz mehr und mehr ergriff.

Denn wenn er ihr noch immer fremd war, spürte sie endlich, dass es Liebe war.

Doch an jenem Tag, als sie es ihm sagen wollte, blieb er für immer aus.

Als sie also ein weiteres Mal nach diesem Traum erwachte, wusste sie, dass er nicht nur ein Abbild einer verborgenen Sehnsucht sein konnte.

Er war ihr auch eine Warnung.

Sie konnten daher nicht nach Nevlon gehen, dort war weder Elarell noch das Schwert sicher.

Wenn sie es überhaupt erreichten.

Denn hatte sie nicht am Abend zuvor über den Gipfeln des Wenkohr die Siluette eines Drachen gesehen, die ihr sehr vertraut vorgekommen war.

Von ihm war die Vision ausgegangen in ihrem Traum.

Sie spürte, er war es.

Die Schwarzen waren hier und es gab nur wenig Hoffnung sie zu besiegen, außer man hatte ein Schwert der Deniqui und wusste es zu benutzen.

Sie würde es nirgendwohin bringen oder gar verstecken, sie musste lernen es zu nutzen ihre Fähigkeiten, und ihre trainierten Kräfte mit der Waffe zu vereinen.

Elarell brauchte noch etwas Ruhe aber sie hatten keine Zeit dazu.

Das Königreich, die Menschen brauchten sie beide. Die Prinzessin war vielleicht die letzte noch lebende Erbin der Krone von Adrohn.

Sie musste kämpfen und Drala, so hatte es das Schicksal bestimmt, war ihre Waffe dazu.

Die Gorifor lächelte grimmig.

Warum war ihr das nicht schon längst klar geworden.

Die Vorhersehung kannte keine Zufälle.

Sie hatte sie und Elarell zusammengeführt damit sie gemeinsam diese Aufgabe annahmen.

Sie holte tief Luft und bließ diese in einer Atemwolke in den frühen Morgen.

Dann weckte sie die Prinzessin.

Nachdem Elarell sich den Schlaf aus den Augen gerieben hatte und sich zu ihr an das Frühstücksfeuer gesetzt hatte, sagte sie:

„Adrohn ist noch nicht verloren, wir können es gemeinsam retten.“

Elarell blickte sie einen Augenblick irritiert an, dann nickte sie.

Daral richtete sich lächelnd auf und stieg auf den Felsgrad, der neben ihrem Lagerplatz aufragte.

Dort konzentrierte sie sich und spürte nun deutlich den Geist ihres Geliebten.

Eine Welle der Euphorie durchströmte sie.

Trotz ihrer monatelangen Trennung war die Verbindung stark.

Er war zurück und sie spürte, dass er eine Entscheidung getroffen hatte.

„Asrial, ist mit uns…“ flüsterte sie.

~

„Was würdet ihr empfehlen Elf?“

Tanystra stand entspannter als es die Lage vermuten ließ an die Zinnen der Außenmauer gelehnt.

Garfin betrachtete skeptisch die Heermasse auf dem anderen Ufer, die sich nun erneut wie die Lava eines Feuerberges ins Wasser des Flußes und auf der anderen Seite wieder herauszuwälzten.

„Sie scheinen einen Frontalangriff vorzuhaben und rechnen offenbar damit das der Widerstand dieses Mal nicht lange genug stand hält.“

„Womit sie durchaus nicht falsch liegen könnten,“ sagte Tanystra mit schiefem Lächeln.

Doch die Tochter Arcads hatte offensichtlich noch mehr Hoffnung, als diese Worte auszudrücken schienen.

Sie lachte trocken als sie Garfins resigniertes Gesicht sah.

„Diese Burg wurde genau für diesen Fall gebaut und wir haben sie in den letzten Jahren noch erweitert. Man kann die Mauern mit relativ geringer Besatzung halten. Allerdings nicht gegen Angriffe die sie zerstören könnten.“

„Drachen zum Beispiel,“ brummte Garfin.

Tanystra nickte.

„Darum kümmere ich mich,“ sagte Algrake, die einige Schritte weiter über die Zinnen lehnte, mit einer, den anderen erstaunlich zuversichtlich klingender Stimme.

„Sie werden ihr kleines Wunder…“

Sie kam nicht weiter, denn der Turm wurde im selben Momment von einem schweren Schlag erschüttert, der alle von den Beinen riss.

Der Felsbrocken aus einem Katapult war gerade unterhalb der Mauerkrone eingeschlagen.

~

Der Tovok-Anführer Boghoz-kai schritt durch die Reihen seiner Krieger und grüßte hier und da seine Hauptleute.

Das Heerlager war fast so groß wie vor Althear und die Entscheidungsschlacht hatte nun, vor wenigen Wolkenbahnen, endlich begonnen.

Die Feste auf dem anderen Ufer würde ihrer Übermacht nicht für ewig stand halten können und doch war der Trollgear sehr beunruhigt.

Es war nicht nur die Tatsache, das für seinen Geschmack zuviel Magie im Spiel war.

Auch das Auftauchen der Drachen, hatte seine Männer eher verängstigt als ermutigt.

Längst gab es aber, zudem zahlreiche Gerüchte darüber, dass der neue König der Menschen verhext sei und auch alles Gold dass es zu erbeuten gab konnte den naturgegebenen Aberglaube der Trolle nicht unterdrücken.

Un nun auch noch dieses seltsame Botschaft aus dem Wenkorh.

Zimoke, die Trollgaer der Gombar bat ihn zu einem Uw’ang, welches wie er wusste einen tag vor Elthors Krönung in Coceon abgehalten würde.

Boghoz-kai hatt es zunächst nicht glauben wollen, die Gombar waren in seinen Augen ein versprengter Haufen wilder Bergtrolle, sie glaubten an alte Sagen und Legenden und folgten hornköpfigen Shamanen. Er hatte bisher nicht gewusst, dass sie Krieger in Elthors Armee hatten.

Doch der Bote hatte ihm das uralte Clanzeichen vorgelegt und er kannte Zimoke persönlich, sie war eine fähige Fühererin.

Es musste einen besoneren Grund dafür geben und das machte ihn neugierig, auch wenn seine Anwesenheit bei diesem Uw’ang nicht eigentlich von nöten war.

Schließlich erreichte er das innere Lager um das Hauptszelt des Drachenpriesters.

Die Gestalten die der Anführerer der Armee um sich scharte beunruhigten Bokohz-kai nicht weniger.

Kurz kam ihm der Gedanke ob dieser Krieg, den Trollen noch jene Freiheit brachte, die Elthor und Dionel ihnen versprochen hatte:

Die Rückkehr nach Andul in die Länder ihrer Ahnen.

Er schüttelte diesen Zweifel zusammen mit dem leichten Schneefall der sich auf seinen Zöpfen fing ab, dann betrat er das Hauptzelt.

Die anderen Anführer waren bereits um Moregh versammelt und auch aus ihren Mienen las der Tovok Besorgnis.

Die Coceanischen Ritter wurden von Plazidon von Sirm befehligt und der Baron der Grenzburg führte auch gerade das Wort, das der Drachenpriester Moregh aufreizend gelassen auf einer Art Holzthron über sich ergehen ließ.

Plazidon sprach:

„Warum halten wir uns so lange an dieser kleinen Burg auf. Die Ritter von Warage sind geschlagen, das restliche Land längst in unserem Besitz.“

Ein zustimmendes Gemurmel unter den Hauptleuten antwortete ihm.

Boghoz-kai reite sich ein während Plazidon mit rauer Stimme fortfuhr:

„Wir verschwenden Truppen. Es würde reichen sie noch einige Wochen einzukesseln, dann müssen sie sich ergeben.“

Moregh stand langsam auf.

„Vielleicht,“ sagte er mit seiner für ihn so typischen, schnarrend, reptilienhaften Stimme, die zu seinem Aussehen passte.“

„Aber wir können es uns nicht leisten ein Widerstandsnest im Rücken zu behalten und außerdem wird die Burg heute noch fallen.“

Plazidon schnaubte.

„Ihr kennt diese Burg nicht, sie wurde für lange Belagerung gebaut, ihre Mauern sind stärker als die Stadtmauern Althears und…“

Moregh zischte ihn mit einem gefährlich Blitzen in den Augen an und der Ritter verstummte beim Anblick des finsteren Gesichtsaudrucks des Drachenpriesters.

Moregh sprach bedrohlich leise:

„Ihr alle geht jetzt sofort auf eure Posten und befolgt genau die Anweisungen die ich euch gegeben habe!“

Sein Hals zuckte dabei seltsam vor und die Bewegung glich der einer Schlange, die im nächsten Moment ihre Beute verschluckt.

„In zwei Tagen ist die Krönung Eures Königs Baron,“ sagte er dann mit einem süffisanten Lächeln, „fändet ihr es nicht auch angebracht ihm dieses gewonnene Schlacht und den Kopf von Tanystra von Warage als Geschenk zu präsentieren?“

Plazidon nickte langsam, dann salutierte er und verließ gefolgt von seinen Leuten das Zelt.

Die anderen bis auf Boghoz-kai und den Magier Heltrog, folgten seinem Beispiel.

Moregh tauschte mit dem Zauberer, einen vielsagenden Blick, dann wandte er sich mit fragender Miene an den Trollgear.

„Und Ihr, Fürst der Tovoks? Was ist Euer Begeher? Auch ihr solltet an der Spitze eurer Truppen stehen.“

Der letzte Teil des Satzes hatte bereits einen leicht bedrohlichen Klang.

Boghoz-kai ließ sich davon nicht beeindrucken, denn er wusste das er für Moregh unentbehrlich war.

„Plazidon hat recht.“ Sagte er darum auch ziemlich gelassen und kühl.

„Aber ihr habt wie ich denke bessere Gründe diese Burg nehmen zu wollen, als jene die ihr soeben Preis gegeben habt.“

Moregh schien eine scharfe Erwiderung geben zu wollen, doch Heltrog legte einen Arm auf seine Schulter und der Drachenpriester besann sich augenblicklich und lachte laut auf, was schnell in ein kehliges Husten überging.

Als er fertig war sagte er mit zusammengekniffenen Augen:

„Ihr seit ein schlauer Bursche Troll, wundere mich dass ihr damals von den Feen einfach so aus Andul geschmissen wurdet…“

Boghoz-kai musste sich bei diesen Worten sehr zurückhalten um die Beleidigung die er da hörte nicht sogleich mit einem tödlichen Angriff zu beantworten, aber er war sich sicher, dass Moregh gleich eine wichtige Information herausrutschen würde und so war es auch.

Morgeh fuhr trotz eines warnenden Blickes von Heltrog fort:

„Ja, es sind noch weitere Gründe hinzu gekommen Dundar. Dort in der Burg befindet sich, wie wir durch Spione wissen, auch ein Fee, der Meneas dem König der Schwarzen entkommen ist und außerdem ein Magierin von Nevlon, ein verräterisches goldenes Drachenweibchen.“

Er stieß ein Brummen aus, wie um seine Worte zu betonen, dann fuhr er fort:

„Der schwarze Fürst selbst, gab mir den Auftrag sie zu töten und darum werden wir diese Burg schleifen, bis auf den letzten Stein!“

Nun schrie er das Ende des Satzes heraus und Heltrog machte ein entsetztes Gesicht.

Aber Moregh ließ sich nicht beirren.

„Das sollte doch ganz in eurem Sinne sein,“ beendete er seinen Vortrag, beinah wieder ruhig. „Dieser Fee gehört offenbar zu den letzten hohen Halur.“

Boghoz-kai nickte langsam aber nun war es raus und die Gedanken die ihn bestürmten machten seine Sorgen die er mit in das Zelt gebracht hatte nur noch größer.

Heltrog warf ihm einen misstrauischen Blick zu.

„Warum seit ihr eigentlich gekommen?“

Boghoz-kai blickte auf und seine Augen trafen sich mit denen des Magiers.

Er fing sich rasch und sagte dann:

„Um vorzuschlagen, dass wir die westliche Flanke decken sollten, da meine Späher das Nahen von Elfenreitern melden.“

Das hatte er nicht eigentlich sagen wollen, aber es war ihm nun zum Glück rasch eingefallen.

„Mm, ja, dass wissen wir bereits, es sind nur etwa fünftausend und sie werden nicht vor drei Tagen hier sein, dann ist die Burg gefallen und wir können sie gebührend empfangen.“

Antwortete der Magier.

„Derweil kümmert euch nicht darum, wir müssen alle Kraft auf die Burg selbst richten, denn wie unser Heerführer ja bereits erwähnte, gibt es eine starke Macht dort, die nicht zu unterschätzen ist. Es ist Algrake, die Goldene. Wir müssen sie rasch bezwingen.“

Moregh war unterdessen ungeduldig im Kreis gelaufen und machte nun, zur Überraschung Bokohz-Kais, eine wegwerfende Handbewegung.

„Ihr überschätzt diese Waldzauberin, sie kann alleine unseren silbernen Rächern nichts entgegen setzten und seht nur welch Armee der Drachenruf zudem aus den Sümpfen für uns herbeigelockt hat!“

Zu Boghoz-kai gewannt sagte er:

„Tut was ich Euch sagte und geht jetzt!“

Der Trollgear verbeugt sich nur gerade soviel, dass es nicht unhöfflich wirkte, wandte sich um und verließ das Zelt.

Heltrog blinzelte ihm nach.

„Die Schlacht scheint bald entschieden Heermeister, daher folge ich jetzt dem Ruf der Königin zur Jagd nach der letzten Träne.“

Morgeh nickte stumm.

~

Als er wieder in der kalten Winterluft stand musste er erst einmal tief durchatmen und wartete bis das rauschen in seinen Ohren nicht mehr den nahen Angriffslärm übertönte.

Es war ihm klar geworden, dass er Moregh nicht sagen konnte, dass er die Seinen verlassen würde um zum Uw’Ang zu reiten.

Zwar wusste der Drachenpriester, dass sie Krönung Elthors bevorstand, aber er wusste nicht, dass es für die Dundar um weit mehr ging.

Dionel forderte mit ihrer Zustimmung zu diesem König die Treue aller Trolle auch zu ihr ein.

Er würde es nicht verstehen.

Aber ein Trollgear brauchte keine Erlaubnis eines Menschen und auch nicht die eines Drachenpriesters.

Auch wenn er selbst nicht zu den höchsten Fürsten seines Volkes gehörte, er musste dabei sein.

Er blies dampfend den Atem in die klirrende Kälte, während die Kampfesschreie zu ihm herüber klangen.

Die Sedarcs von denen Moregh gesprochen hatte, waren ein weiteres Problem, sie ließen sich nicht führen, sondern trampelten einfach alles nieder, ob Freund oder Feind.

Aber auch das hätte Moregh, da war er sicher, nicht gelten gelassen, wenn es doch dem Erfolg dienlich war.

Es war keine gute Sache die Sumpfbewohner zu rufen, da war er sicher, aber seiner eigenen Absicht kam das Chaos, welches sie verursachten, nun vielleicht entgegen.

Er gab sich einen Ruck und setzte sich zielstrebig in Bewegung zum Lager seiner Tovoks.

Die meisten Kämpfer waren, seiner Anweisung entsprechend, unter seinem Vetter Togil-gor an der Westflanke im Kampf.

Das Lager war darum bis auf wenige Wachen leer.

Sie salutierten vor ihm und Boghoz-kai wurde wieder einmal bewusst, wie sehr sie sich den Sitten der Endar angepasst hatten.

Er holte seinen Reitwolf Mulir aus dem Ulgas2 und stieg auf.

Bevor er jedoch den Befehl zum Sprung gab, hielten ihn die Gedanken an das Gespräch bei Moregh noch einmal kurz zurück.

Was brachte die Zauberer von Nevlon dazu in den Kampf zu treten? Waren sie nicht aus alter Zeit zur Neutralität verpflichtet? Es musste in diesem Krieg um mehr gehen, als er bisher angenommen hatte.

Vielleicht war das Uw’ang gerade jetzt, ja doch wichtig um den richtigen Weg für sein Volk zu finden.

Er gab seinem Wolf einen Befehl und dann sprengten sie los auf die Holzpfahlpfade der Rohul-Marschen3 zu.

~

Wollt ihr meine Geschichte hören? Oder lieber Eurer Wege gehen?

Sie ist nicht leicht zu ertragen.

Sie erzählt von einem der einst ein Höchster war, der aber tief hinab stieg in die Abgründe der Welt, auf der Suche nach der Sterblichkeit, nach der Erlösung vom immer währenden Sein.

Doch ich fand eine neue Freiheit, anstelle des erlösendenTodes, entdeckte ich die Liebe.4

Asrial blickte vom Berg über das Tal hinab.

Die saftigen Hügel leuchteten und der Fluss der sich hindurch schlängelte, glitzerte matt in der Abendsonne.

Der Lärm der Schlacht war hier oben fast nicht mehr zu vernehmen, aber die Feuer und der Rauch hoben sich deutlich vom friedlichen Bild ab, welches die Stadt an besseren Tagen darstellen würde.

Der Drache wusste, dass es das Schicksal derer war, die dort kämpften, tausendfach zu sterben. In früheren Momenten hätte er sie beneidet, doch seit er das Gefühl kannte, welches sein Herz umfangen hielt, war auch in seinen Gedanken nichts wie zuvor.

Er hatten den Ausweg aus der Verbannung gesucht um die Schöne Welt 5 noch einmal zu finden, wie er sie aus Kindheitstagen in Erinnerung gehabt hatte.

Aber er fand noch viel mehr.

Mehr als er sich je erträumt hätte.

War es das Schicksal der „Goldenen“ so menschlich zu empfinden?

Warum erging es den „Schwarzen“ nicht so?

Oder doch?

Konnten sie vielleicht nur die dunklen Seiten sehen?

Er musste leben, um ihr beizustehen.

Er wollte leben um das Schicksal zu verändern, welches dort vor seinen Augen tobte.

Denn es war alleine die Schuld seines Geschlechtes.

Wie war es nur dazu gekommen?

Er war ihnen gefolgt, den Spuren der „Schwarzen“, die nach jahrhundertelanger Verbannung der Drachen im Eisland, endlich einen Durchgang gefunden hatten zurück nach Alwar.

Sie wollten Rache und Tod und er wusste nicht recht ob dies auch sein Antrieb gewesen war oder nur die dumpfe Sehnsucht nach dem eigenen Tod?

Doch als die Götter ihn dann in jenen Garten führten, wo er das Mädchen traf.

Jenes schöne Kind mit der silbernen Locke, kamen seine widersprüchlichen Gefühle mit einem Schlag zur Ruhe.

Diese schicksalhafte Begegnung hielt sein Herz nun für immer gefangen und trieb fortan seinen Willen, die Welt wieder zu einen.

Später erst, viel später, erfuhr er, wer sie war.

Daral, das letzte Kind der Blutlinie der Drachentöter von Kargoll.

Es war ein Schock für ihn, doch bald begriff er , das sie auch eine verschollene Seele war, genau wie er.

Sie war eine Feindin seines Volkes und doch war sie, die süßeste Verlockung, derer er je erlegen war.

Auch sie sah ihn und verzehrte sich für einen Sommer nach seinem menschlichen Abbild, in welchem er ihr nur erschien war.

Das Geheimnis lüften durfte er nicht und doch sehnte er sich danach ihr in seiner wahren Gestalt zu begegnen, auch wenn dies ihren oder seinen Tod bedeutete hätte.

Durch ihr Schwert, wäre er gerne gestorben.

Sein herz hatte es nicht länger ertragen und so musste er die Flucht ergreifen.

Erst Wochen später war er zurückgekehrt, von Liebe, aber auch Scham um seine Feigheit getrieben.

Doch sie war fort gewesen.

Nur das Flüstern einer neuen Legende erwartete ihn am Ort ihrer Begegnung.

Sie hatte ihr Schwert in das Blut eines silbernen Jägers getaucht…das war die Widergeburt der Gorifor.

Er hatte es gefürchtet und zugleich erhofft.

Doch sie war alleine und somit in großer Gefahr, durch stärkere Drachen das Leben und alle Hoffnung für die Menschen zu verlieren.

Er musste sie finden und ihr beistehen.

Nun breitete er die Flügel aus und machte sich zum Abflug bereit.

Ein kühler Abendwind strich angenehm über seine Schnauze.

Dann stieß er hinab, mit einem heiseren Schrei aus den Tiefen seines Rachens.

Hinab, auf die Schar der silbernen Rächer, die soeben beabsichtigten die Burg Helovar in Schutt und Asche zu legen.

Es waren mehr als er gehofft hatte, aber er hatte die Überraschung auf seiner Seite und er war der feurige Racheengel dieser Nacht!

Ein Verräter seines Volkes und doch zugleich der Prophet einer neuen Zeit.

Also stieß er hinab, doch stutzte im selben Moment, als er er einen anderen goldenen Schatten von den Zinnen der Burg aufsteigen sah.

Er war nicht allein.

~

Nach einer Woche Unterweisung kannte Sorl schließlich alle Räume des Frauenhauses, außer der Innersten Kammer.

Dort hinein durfte man, so wurde ihm eingetrichtert, erst nach einer „schmerzhaften Prüfung“, was das auch immer bedeuten mochte.

Er trug eine gelbe Scherpe, für den „Ungeprüften“ oder Sleg, wie es die Anderen nannten und man hatte ihm, zu seinem Unbill, einen grauen Muschelring durch den Bauchnabel gestochen, wie allen anderen Sklaven auch einen trugen.

Diese Prozedur hatte er als äußerst schmerzhaft und unwürdig empfunden, doch konnte er es nicht verhindern.

Die Anderen, das waren Ulis, ein dürrer, dunkelhäutiger Varaske mit ernstem Blick aber im Grunde freundlichem Wesen, der Herr über die Garderoben war.

Taliu, die fette und griesgrämige Köchin, sie stammte aus dem östlichen Königreich und TerGum, der Gärtner, ein Bursche der nur wenig älter wie er schien, mit dem typisch strohblondem Haar der Tranoorer.

Sorls hauptsächliche Funktion bestand darin, das Haus sauber zu halten, einschließlich der Latrinen.

Er kam in der Hierarchie der Diener somit an letzter Stelle, das machten ihm die Anderen rasch klar.

Alle schliefen sie gemeinsam in einem großen Sklavenhaus, direkt an der Mauer, das nur über einen einzigen Raum verfügte in welchem sie auch essen und in einer abgetrennten Ecke ihre Notdurft verrichten mussten.

Nur in den Nächten fand Sorl die Zeit, über sein wie es schien unerbittliches Schicksal, nachzudenken, während er jeden Morgen um fünf Uhr aufs neue herausgerufen wurde um seinen Dienst zu verrichten.

Es gab lediglich ein kurze Mittagsrast und ein karges Abendbrot und erst um elf Uhr durften sie in den Verschlag zurück.

~

E’nondrie langweilte sich schrecklich.

Dass der junge gut aussehene Sklave dem Frauenhaus zugeteilt wurde, war ihr Werk gewesen.

Doch nun musste sie verdrossen akzeptieren, dass sie ihn trotzdem kaum zu Gesicht bekam.

Wie überall im Palast, gab es strenge Regeln und festgelegte Verhaltensgrundsätze, gegen die man nicht verstoßen durfte.

Der direkte Kontakt von minderjährigen Elfen mit Dienern, war natürlich streng untersagt.

Nicht einmal Blickkontakt wurde gerne gesehen.

So war sie umgeben von Dienern und doch fühlte sie sich schrecklich alleine, geradezu verlassen.

Auch taten ihr die Sklaven und Sklavinnen leid.

Sie hasste ihren Vater und die anderen Feiir dafür, wie sie mit ihnen umgingen.

Die meisten lebten wie die Tiere in Ferchen und nur die Wenigsten durften baden und ordentliche Kleidung tragen wie hier im Frauenhaus.

Die meisten Elfen sahen von oben auf die Bokar, wie sie genannt wurden, herab und hatten außer Befehlen kaum ein Wort für sie.

Doch E’nondrie machten sie neugierig und darum war sie wild entschlossen sich einmal mit dem jungen Burschen zu unterhalten, der nun in ihrem Haus war.

Sie hatte das unumstößliche Gefühl, das er etwas Besonderes war.

Es musste ihr einfach gelingen, dies herauszufinden.

~

Sorl hatte nun schon zwei Monate seinen Dienst versehen, ohne dass ihm eine der weiblichen Feiir über den Weg gelaufen wäre, die doch in den Räumlichkeiten wohnten, die er zu versorgen hatte.

Es gab festgelegte Zeiten, wo die Diener nur Eintritt bekamen und in diesen Zeiten befanden sich die Herrinen offenbar außerhalb.

Sein früheres Leben existierte fast nur noch in seinen Träumen und er verspürte mehr und mehr, eine Art Lethargie in sich, die ihn dazu verführen wollte, sein Schicksal als für immer gegeben zu akzeptieren.

Sein Name war nun Karvin, sein Leben bestand nur noch aus harter Arbeit.

Sein Körper der sich noch etwas gestreckt hatte war mager aber gestählt von den Schlägen der groben Aufseher, sein Gesicht im Wasserspiegel wirkte auf ihn verhärmt und alt, obwohl er kaum 20 Lenze zählte.

Mit seinen Schicksalsgefährten verbrachte er kurze Nächte, doch auch sie hatten längst keine Moral mehr sich aufzulehnen.

Wie sollte das auch Erfolg versprechen, denn das Haus war so gut bewacht, wie kaum ein anderes in der Stadt.

Allmählich wurde ihm klar, dass ein Einsatz in der Mühle oder am Hafen für eine Flucht sicher erfolgsversprechender gewesen wäre.

Doch so ganz hatte er den Gedanken noch nicht aufgegeben, denn vor zwei Tagen war etwas geschehen was einer neuen Hoffnung Nahrung gab.

~

E’nondrie blickte in ihr Buch wie in einen Spiegel.

Sie war eine Elfe mit Verantwortung.

Nichts war ihr heiliger, als das Leben in der Stadt der Türme, der Gesang der Iteme, die Seefahrt und die Kunst der Klirjagd.

Sie war stets eine gute Tochter und gehörige Schülerin gewesen und doch mochte sie das Ballspiel mit ihren Freundinnen im Palastgarten ebenso wenig missen.

Sklaven und Diener gehörten zu ihrem Leben wie ihr Schmuck oder ihre Pferde.

Nie hatte sie sich darüber viele Gedanken gemacht.

Doch seit sie vor wenigen Wochen zum ersten mal mit auf dem Sklavenmarkt gewesen war, hatte sich dies geändert, nur wusste sie nicht genau warum.

Sicher, die Behandlung der Sklaven war abscheulich, doch waren sie denn mehr als Tiere?

War es nicht notwendig sie roh zu behandeln um sie zu zähmen?

Sie hatte den Blick des jungen Bokar erwidert und hatte in diesem Augenblick gewusst, in ihrem Innersten, das diese ihr anerzogene Denkweise falsch waren.

Sie hatte Intelligenz und Mut in seinem Blick erkannt, das war nicht vergleichbar mit den stumpfsinnigen Augen ihrer langjährigen Diener gewesen.

Doch irgendwann, so hatte sie erkannt, würden seine Augen auch brechen.

Sie verspürte bei diesen Gedanken Tränen, die ihr über die Wangen rannen und errötete zugleich über ihre doch so ungewohnten und ganz bestimmt verbotenen Gefühle.

Doch dann erhob sie sich ruckartig von ihrem Schemel und ließ das Buch, welches sie nur noch mechanisch gehalten hatte, aus ihren Händen in die Kissen fallen.

Gorfea hatte geklopft und trat ein.

„Ihr habt gerufen Herrin?“

E’nondrie wischte sich die Tränen aus den Augen und war ihrer Freundin dankbar, dass sie sich wie immer nicht anmerken ließ, dass sie ihre Unpässlichkeit sofort bemerkt hatte.

Sie nickte ihr knapp zu.

„Wir gehen hinüber. Vater wird nicht vor dem Spätmahl zurück sein und die meisten Ulat sind mit ihm auf der Jagd.“

Gorfea nickte nur schmunzelnd.

„Wie ihr befehlt meine Herrin,“ sagte sie mit spöttischem Tonfall.

~

Das Treffen mit E’nondrie war verboten, soviel war Sorl klar.

Sie hatte es aus Neugier getan, was ihm schmeichelte und ihn zugleich erboste, da er sich wie ein begafftes Tier vorkam.

Doch im Gegensatz zu ihrer Freundin hatte die, irgendwie schöne und doch befremdende Elfe, keine Anzeichen von Geringschätzung gezeigt.

Es war im Park gewesen, TerGum hatte sich eine schmerzhafte Verletzung zugezogen beim Giftdornschnitt und lag fiebrig in ihrer Hütte.

Die Aufseher hatten ihn daraufhin zusätzlich für die Gartenarbeit eingeteilt und das machte es möglich, dass er in die Nähe des Pavillions kam, in dem die beiden Feiir auf ihn warteten.

E’nondrie hatte ihm zunächst Verachtung vogespielt, doch er hatte sie schnell durchschaut, trotz ihrers barschen Tonfalls.

Es wäre gefährlich gewesen ihre Fragen freimütig zu beantworten, darum blieb er bei den Lügen, die er um seine Person gewoben hatte seit der Entführung aus seiner Heimat und obwohl er großen Widerwillen verspürte gegen diese verwöhnten Töchter eines Volkes, dass Menschen knechtete.

Er zwang er sich die Chance, die sich ihm hier vielleicht bot, kühl und berechnend zu nutzen.

Wenn sie Gefallen an ihm fand, konnte er sie vielleicht benützen um zu entkommen.

Doch er wusste, dass er äußerst schlau und vorsichtig dabei vorgehen musste.

„Woher stammst du?“

Hatte E’nondrie ihn gefragt.

„Aus dem Land der Menschen“

Sie verzog ärgerlich das Gesicht.

„So etwas gibt es nicht,“ sagte sie, „das weiß doch jedes Kind.“

Sie und ihre Begleiterin lachten beide albern.

Sorl setzte seine Arbeit wortlos fort.

„Wie nennt sich dieses Land?“

Sorl grinste im Schatten seines Sonnenhutes.

„Es ist das Königreich Adrohn“

Wieder lachten sie.

„Sie haben sogar einen König, oho!“

Spottete E’nondrie und Gorfea fügte lachend hinzu:

„Vielleicht ist er selbst der Sohn des Königs“

Sie konnten sich kaum beruhigen und Sorl biss die Lippen zusammen.

Wie sehr sie recht haben, dachte er.

Sein grimmiges Schweigen irrtierte sie schließlich.

„Er ist sich zu fein mit uns zu sprechen.“

Sagte E’nondrie gespielt ärgerlich, vielleicht sollten wir einen Aufseher holen, der seine Zunge löst.

Sorl durchschaute ihr Spiel und wusste zugleich, dass er sie nun an der Angel hatte.

„Wenn er uns etwas erzählt könnten wir ihn vielleicht belohnen?“

Sagte E’nondrie nun unverwandt.

Dummerweise hatte inzwischen einer der Palastwachen bemerkt, dass sie miteinander sprachen und kam, offenbar misstrauisch, über den Rasen marschiert.

Gorfea fluchte leise, doch Sorl tauschte bevor er sich abwandte noch einen Blick mit beiden und nickte E’nondrie unmerklich zu.

Er hoffte, dass sie das als Bestätigung ihrer letzten Frage auffassen würde.

Der Wächter hatte ihn jetzt erreicht und wollte ihm das Rohr, welches wie er von den anderen Dienern inzwischen wusste Gewlang hieß überziehen.

Sorl wich jedoch geschickt aus und versetzte dem Wächter einen Tritt, dass er stolperte und voran in die Giftrosen fiel.

Die beiden Elfen-Mädchen lachten überrascht auf und Sorl machte eine kleine Vebeugung zu ihnen hin.

Die er jedoch kaum beendet hatte, als der Soldat, mit einem wütendem Brüller, wieder aus dem Beet sprang und sich auf ihn stürzen wollte.

Sorl machte eine flinke Bewegung zur Seite und griff nach dem Gewlang des Wächters.

Es entstand ein Gerangel darum bis Sorl ihm den Ellenbogen hart unter die Nase hieb und so die Waffe frei bekam.

Einen Moment überrascht, setzte er nach und versetzte dem verblüfften Wächter einen zweiten Harken mit dem Rohr unter das Kinn. Wie ein Stein sackte der Feiir zu Boden.

Schwer atmend richtete Sorl seinen Blick wieder zu den beiden Feiir-Mädchen, die ihn mit offenem Mund anstarrten.

Dann sah er wie ein halbes Dutzend weitere Wächter über das Feld zu ihnen rannten.

Einige legten ihre Gewlang nun auf ihn an.

Er wusste, das etwas tödliches aus diesen Rohren hervorschoss und er somit keine Chance hatte.

Darum hob er die Hände und warf zugleich E’nondrie die Waffe vor die Füße.

„Ich ergebe mich Euch Herrin.“

Rief er, dann ließ er sich widerstandslos von zwei Feiir-Soldaten packen und abführen.

Über die Schulter sah er, wie die beiden Mädchen sich mit dem Hauptmann der Wachen, der das Gewang aufnahm, stritten.

~

Die Strafe war hart, zwanzig Peitschenhiebe, machten ihn drei Tage arbeitsunfähig, stärkten aber seinen Hass und seine Rachegelüste mehr denn je und wie sehr er auch gehofft hatte, das ihm diese zweite Begegnung mit E’nondrie wenigstens Vorteile bringen würde, es geschah zunächst nichts dergleichen.

Weitere Wochen vergingen und die Arbeit und die Brutalität der Wächter drückte schwer auf seinem Gemüt.

Zudem noch etwas anderes, die näher rückende Prüfung, von der er inzwischen genau wusste, was sie bedeuten würde.

Denn alle im Inneren eingesetzten männlichen Diener waren Eunuchen.

Er spürte wie die Verzweiflung nicht nur in den Nächten langsam mehr und mehr von ihm Besitz ergriff.

Er verfluchte daher alle Feiir und seine eigene Dummheit auf sein Gefühl zu vertrauen.

Er hätte seinen kurzen Vorteil bei dem Geschehen im Garten, nutzen sollen, auch wenn er dabei gestorben wäre.

~

Ihr Vater war furchtbar wütend gewesen, als er von der Begegnung erfuhr und nur mit viel Überredungskunst gelang es ihr ihn davon abzuhalten den Diener sofort töten zu lassen.

Dass strenge Verbot, das er ihr auferlegte in den folgenden Wochen, machte es ihr unmöglich den Sklaven erneut zu sehen oder nur etwas über sein weiteres Schicksal zu erfahren.

Was sie inzwischen mehr beschäftigte als sie sich zugestehen wollte, ihre Neugier hatten die wenigen Worte, die sie gewechselt hatten nur noch mehr angeheizt und sein Blick und seine Gesten, so befremdend sie waren, hatten eine nicht für möglich gehaltene Anziehungskraft auf sie.

Sie musste es möglich machen, das sie sich wiedersahen, doch wie?

Außerdem quälte sie ein schlechtes Gewissen, da sie sich verantwortlich fühlte für den misslichen Zwischenfall, der ihn fast ums Leben gebrachte hätte.

Sie war in seiner Schuld.

Zumal, und das war etwas was sie nicht verstand, er den Vorteil, den er in der Situation kurzfristig erlangt hatte, den Besitz des Gewlang und die Möglichkeit sie als Geiseln zu nehmen, nicht genutzt hatte.

Es war keine Dummheit von ihm gewesen, sie hatte es in seinen Augen gelesen, dass er es erwogen hatte.

Nein, er hatte es bewusst nicht getan.

Aber warum?

War es um sie nicht zu gefährden?

Hatte er ein solch edles Gemüt?

Dieser Gedanke quälte sie in ihren Musestunden mehr als alle anderen.

~

Soleilon Tewiak war kein Dummkopf.

Er hatte vom Hohenpriester die Namen der Kirchenfeinde erfahren, doch er wusste sehr wohl, dass die Götter der heiligen Mutter Kirche eine gewaltige Prüfung auferlegt hatten.

Seit Jahren ging es mit ihr bergab, eigentlich seit dem Zusammenbruch des Kaiserreiches.

Es wimmelte seitdem überall von korrupten Priestern, falschen Propheten und gefährlichen Eiferern.

Außerdem schossen Sekten, seltsame Gemeinschaften und falsche Bünde, wie Pilze aus der Erde.

Am Abend zuvor hatte er den Dreihügel erreicht, der den berühmten Blick auf das westliche Chapasan mit den im Abendlicht glitzernden Türmen von Torwyn erlaubte.

Dort war er eine Stunde lang in der vorgeschriebenen Gebetshaltung verharrt und hatte die alten Lieder der Ur-Avesta gesungen.

Es war wichtig für ihn gewesen um neue, spirituelle Kraft zu gewinnen.

Aber nicht nur während er die heiligen Verse zitierte, hatte er das Gefühl nicht los werden können, dass einiges nicht im Sinne Varahms lief.

Zum ersten Mal während seiner Berufung als Paladin der Varaskonischen Kirche, hegte er Zweifel an der Richtigkeit seines Handelns.

Es geschahen merkwürdige Dinge in der Welt und es hatte den Anschein als erfüllten sich uralte Prophezeiungen.

Bevor er seinen Auftrag ausführen würde, war es notwendig Antworten auf seine drängenden Fragen zu finden und er hoffte inständig, dass diese im Tempel der klingenden Flüsse, in Torwyn auf ihn warteten.

Denn die Nacht zuvor hatte ihm eine Prüfung auferlegt, der er sich nun stellen musste.

Die Erinnerung daran ließ ihn auch jetzt noch erschauern:

Er hatte den alten Fee rasch eingeholt und der Kampf war kurz und mit tödlichem Ausgang für sein Opfer gewesen.

Zunächst war er sehr erfreut über die Möglichkeit zwei der von der neuen Königin benannten Feinde schnell erledigen zu können und er hatte sich zuerst für den Fee entschieden.

Doch dann geschah das Unfassbare.

Ein erster Schneesturm überraschte ihn im darauf folgenden Nachtlager und während er unter einer überhängenden Urme Schutz suchte, wankte plötzlich eine Gestalt aus dem Schnee auf ihn zu.

Es war eine Erscheinung, der Fee war tot gewesen und doch war er es, ganz leibhaftig.

Tewiak konnte es nicht glauben und sein Entsetzen wurde noch gesteigert dadurch, dass ihm die Szene ungeheuer bekannt vorkam.

Es war wie ein Teil der Prophezeiung des heiligen Mivazas aus dem 5. Gesang der Avesta, den man „Pfad des Auferstandene“ nannte.

Ganz unzweifelhaft ein Zeichen.

Tewiak hatte nach dem er den ersten Schock überwunden hatte, ganz selbstverständlich und wie von Götterhand gesteuert den Verletzten, dessen Wunden er schließlich selbst geschlagen hatte, verbunden und durch die Nacht gebracht.

Nun lag er stöhnend über seinem Sattelknauf und zugleich lag dort sein Glaube in Scherben.

Der Pfad ins Tal war zugeschneit, aber es begann bereits wieder zu tauen, gegen Mittag würden sie Torwyn erreicht haben, sein Auftrag musste warten, bis er das Zeichen des Himmels verstand, das Varahm ihm gesandt hatte.

~

Alnor hatte der Angriff des Paladin völlig überrascht.

Nur sein Amulett mit dem Schutzstein rettete ihm das Leben.

Im letzten Moment des Kampfes erst gelang es ihm die Kräfte des Steins zu aktivieren.

Der Angreifer bekam nicht mit, dass er sich von seinem Körper entfernt hatte und aus sicherer Entfernung beobachtete wie dieser die angebliche Leiche untersuchte.

Wer war dieser Fremde, war er von Dionel geschickt?

Hatte sie gespürt, dass er sich ihrer geistigen Kontrolle entwand?

Oder hatte sie bereits zuvor den Attentäter auf ihn angesetzt?

Es war jedenfalls kein zufälliger Raubüberfall gewesen.

Der menschliche Paladin hatte die Götter Arkurs angerufen und ihn als Feind der Endar gebrandmarkt.

Dionels finstere Pläne waren verschlungen, sie benutzte die Menschen nach ihrem Willen, gleich wie Figuren des Zimiong-Spiels6.

Alnor fasste einen Entschluss, wenn Dionels Arm so weit reichte seine Träume selbst hier zu beeinflussen und ihn beinah in den Tod zu treiben, konnte nur ebenso mächtige Feenmagie ihn schützen.

Der Ulmatil7, der Stein in seinem Amulett hatte ihm das Leben gerettet, aber um ihrer geistigen Beeinflussung zu entkommen musste er von nun an seinen Verstand gebrauchen.

Wo war die Tochter der Galat inzwischen?

Hatten die törichten Elfen getan was er ihnen geraten hatte?

Alnor wusste es nicht, aber er musste zur Hafenstadt Worlen gelangen, wie er es Sitar versprochen hatte.

Aber wie sollte er dies mit einem tödlich verletzten Körper zuwege bringen?

Der Paladin, beinah sein Verderben, war nun zugleich seine einzige Chance, er musste den Aberglaube dieser kurzlebigen Menschen nutzen.

Er fuhr in sich selbst zurück. Der Schmerz war beinah unerträglich, aber es musste sein.

Dann erhob er sich und wankte im Schneesturm auf die Urme zu, wo sich sein Meuchler befand.

~

Tewiak konnte es nicht fassen. Aus den heiligen Tempeln stieg Rauch empor, die Priester waren in Pferchen zusammengetrieben worden und die halbe Stadt lag in Schutt und Asche.

Und das Schlimmste!

Darüber kreisten die Schatten von Drachen.

Wie konnte der neue König seinen Truppen einen solchen Frevel gestatten?

Welchen Teufel ließ er dort gewähren.

Waren die Gerüchte, die auch er gehört, denen er aber nie gelaubt hatte wirklich war?

Waren die Drachen aus der Hölle zurück gekehrt in die sie Aulon verbannt hatte?

Der heilige Boden des Landes Chapasan, der Kirche noch von Kaiser Belorias gestiftet, war in Blut getränkt worden.

Aus seiner Fassungslosigkeit wurde rasch unerbittlicher Zorn.

Alnor, dessen Wunden gut versorgt waren, denn der Paladin kannte sich mit den Heilkünsten ebenso gut aus wie mit dem Schwert, hatte inzwischen auch das Bewußtsein zurück erlangt.

Ihre Blicke trafen sich und Tewiaks Ehrfurcht vor der Wahrheit der Prophezeiung wuchs.

„…der Auferstandene verkündet das tot geweihte Land,“ flüsterte er.

Alnor nickte, obwohl er nicht verstand was der Paladin meinte, aber auch er glaubte an die Kraft von Prophezeiungen und dass jedes Lebewesen ein Teil einer längst geschriebenen Geschichte war.

Nur hatte ihn seine Lebenserfahrung auch gelehrt, dass die Geschicke der Welt nicht unwiderruflich eintrafen, sondern im Zeitraum des Geschehens durch jeden Einzelnen zumindest ein Stück weit lenkbar blieben.

Wenn die Götter, welche auch immer, es zuliessen.

Und so seine Kinder, seine Möglichkeiten denn selbst in die Hand nahm.

Ihm war jedoch zugleich schmerzlich bewusst, dass man nicht immer über seinen freien Willen bestimmen konnte und er dachte nicht zum ersten Mal voller Reue an das Geschehen beim Orakom.

Vielleicht war dies seine Strafe.

Tewiak schloss einen Moment die Augen um seine aufwallenden Gefühle zu unterdrücken.

„Ich werde die Prophezeiung hier und jetzt erfüllen,“ sagte er laut.

Alnor erschrak aber er konnte nichts tun um den Paladin umzustimmen, so schien es, der ihn nun mit raschen Griff packte, ihm das Amulett vom Hals riss und ihn zu Boden drückte.

„Ich habe meinen Glauben verloren, aber auch den Glauben an faulen Zauber!“

Mit diesen Worten nahm er sein Schwert und zerschmetterte Alnors Lebensstein.

Der Fee stöhnte auf, sein Körper wirkte hingegen sofort wie von einer Last befreit.

Irritiert blickte er auf den zerteilten Stein.

„Warum hast du das getan,“ wandte er sich an den Endar, nun zum ersten Mal und mit schwacher Stimme.

Tewiak blickte ihn mit wildem, fast irrem Blick an.

„Warum bist du hier Fee!?“

Alnor spürte mit Erstaunen, wie der eiserner Griff aus seinem Verstand wich, der ihn seit Monaten beherrscht hatte.

Das Amulett, dachte er verwirrt, das Amulett war nicht mein Schutz, sondern meine Kette, Dionels Kette.

„Um dieses Land vor den dunklen Plänen der Nindur zu bewahren…und jene Drachenpriestern.“

Sagte er dann mit stockender Stimme und atmete dabei tief durch.

Twiak nickte, wandte sich von ihm ab und ließ den Blick zu den Feuern vor der Stadt gleiten.

„Ich sehe es nun, oh Herr…,“ flüsterte er. “

„Danke deiner göttlichen Führung, sehe ich die Wahrheit. Gib mir Kraft sie auch zu verstehen und in deinem Sinne zu lenken.“

„Die Götter haben nur soviel Macht über uns, wie wir ihnen zugestehen.“ murmelte Alnor in seinem Rücken, doch der Priester schien ihn nicht zu hören.

Statt dessen blickte er nun nach Norden, dort wo Coceon lag und die dunklen Umrisse des Wenkohr aufragten.

„Dort ist es, flüsterte er, …das Böse.“

Alnor nickte, „Es ist die Feenkönigin, sie spielt mit den Menschen, nach ihren Interessen.“

Tewiak wandte sich ganz langsam zu ihm um.

„Die Königin an Elthors Seite. Ich ahnte es, doch ich wollte es nicht sehen, ich wollte die Zeichen nicht sehen.“

Er ließ sich auf die Knie fallen und hob die Hände zum Himmel.

„Herr vergib mir meine Blindheit,“ murmelte er.

Alnor schwieg und wartete ab.

Nach einer Stunde inständiger Gebete richtete sich Tewiak wieder auf und wandte sich mit fester Stimme an den Fee:

„Was können wir tun um sie aufzuhalten?“

Alnor der sich inzwischen wirklich etwas erholt hatte hob die Augenbrauen.

„Wir?“

Tewiak nickte nahm das Amulett vom Boden auf und reichte es Alnor.

Der Fee schüttelte den Kopf.

„Ihr habt meine Ketten zerschlagen und zugleich die Euren.“

Er blickte auf sein zerstörtes Amulett, es war wertlos, stellte aber auch keine Bedrohung mehr da.

Er konnte es irgendwann zurück in seine Heimat bringen, darum nahm er es und verstaute es in einer seiner Gürteltaschen.

„Ihr könnt mir helfen eine junge Fee zu finden, die der Schlüssel dazu ist, die Pläne von Dionel zu durchkreuzen.

Um sie zu schützen kam ich nach Arkur, doch ich fürchte fast sie war ihr gerade durch mich erst schutzlos ausgeliefert, in der Zeit meiner Verwirrung. Es ist alleine durch meine Schuld.“

Tewiak sah ihn aufmerksam an.

„Setzt euch Priester ich erzähle euch die ganze Geschichte.“

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1 Ruf nach den Rittern des Daimilor, Auszug aus der Ode an den Rosenkönig, eine von 12 Schriften des Elfen-Dichters Mitios Vrel.
2 Das Ulgas ist das rundliche Holzlehmzelt der Trolle, das sie auf der Jagd oder Reise dort aufbauen, wo sie ein Lager errichten.
3 Die Rohul-Marschen sind das größte Sumpfgebiet in ganz Arkur und liegen zetral in der sogenannten Beuge oder Brücke des Notawenkorh. Am Rand gibt es mehr oder weniger bekannte Pfade, das Innere hat noch niemand erforscht. Über seine furchterregenden Bewohner gibt es zahlreiche Legenden und Gerüchte. Die Echsenmenschen (Sedarcs) sind dabei wohl noch das kleinste Übel.
4 Aus Helmarets Drachenballaden – Das Lied der alten Schwingen.
5 Schöne Welt: Bezeichnung der Drachen für Alwahre.
6 Zimiong-Spiel: 12 Figuren die den König wählen; uraltes Spiel aus der Vorkaiserzeit. Angeblich von dem Mönch Zimiong erfunden, der außerdem auch Begründer des Islat-Ordens war.
7 Ulmatilstein: Alnors Amulett ist ein altes Erbstück; es schützt vor tödlicher Magie, allerdings nur wenn der launische Steingeist (ein Metur) es will; ein gewisses Risiko.

KAPITL 9:

S’GORONDIR

…als die Berge brannten,
die Götter zürnten,
pflanzten die Ukari
einen steinernen Baum des Lebens
in den Bauch der Welt
und ans Ende der Zeit,
bis diese für ihre Rückkehr bereit.
1

Der alte Palast der Kaiserstadt Gol Waron mit seinen gewaltigen Fenstern zur Malles-Bucht, hatte schon so manches miterlebt und stand doch fest in seinen Grundmauern da, unbeweglich und stumm.

Dies ganz im Gegensatz zu seinem augenblicklichen Bewohner, der hektisch vor dem gewaltigen bemalten Thron aus Zarkadenholz hin und her lief.

Der mächtige Sitz stand an der Spitze der Ratstafel, genau an jener Stelle wo einst der alte Kaiserthron gestanden hatte.

Dies war so, seit nun bereits acht Generationen von Tar-Rulen.

Jamal Keristan, strich sich über den ergrauten Bart.

Er selbst hatte den Eindruck das der Palast keineswegs mehr so unverrückbar in seinen Grundfesten stand, ebenso wenig wie sein gesamtes Reich.

Er atmete schwer und warf einen Blick auf das Gemälde hinter dem Thron, das noch aus der alten Kaiserzeit stammte und von dem die Farbe nun schon fast ganz abgeblättert war.

Darauf konnte man trotzdem noch deutlich die Umrisse des ganzen Halbkontinents Arkur erkennen. Das alte Reich, wie es im Volksmund hieß.

Die Meldungen von den jüngsten Erfolgen seiner Varasken, gegen die Aufständigen, hatten einen bitteren Beigeschmack, der auch bereits in der Hauptstadt angelangt war und sich wie eine Seuche ausbreitete.

Überall tuschelte man von den Gräueltaten der Bauernritter und das Schlimmste dabei war, das der Rul sich gut vorstellen konnte, das die Berichte der Wahrheit entsprachen.

Die Disziplin der Truppen war schon seit Jahren ein Problem.

Zusammengewürfelt aus Söldner des gesamten Reiches waren sie längst nicht mehr ein Heer des Volkes.

Die Barone kümmerten sich wenig um Recht und Ordnung, wenn sie nur ihren Teil der Beute bekamen und von der Moral dieser Ritter brauchte man gar nicht erst sprechen.

Warum war das so?

Er fuchtelte wild mit den Armen herum, was ihn zugleich so überanstrengte, dass er nach Luft schnappen musste.

Seine Gesundheit war seit Monaten schlecht, er vermutete eine weiteres Attentat und darum langte er schließlich zum großen Tisch, wo er sich dankbar abstützen konnte.

Weil die Gilden und die Orden des Landes seit Jahren um die Macht stritten, weil er, der Rul, der also frei gewählte Herrscher, nur noch eine Marionette ihrer Interessen war.

Es fiel ihm längst nicht mehr schwer sich dies einzugestehen, aber war es seinen Vorgängern denn anders ergangen?

Er glaubte es kaum.

Doch hatten die anderen, genau wie er, gegenüber dem Volk ein so schlechtes Gewissen dabei gehabt?

Er profitierte natürlich von diesem verdorbenen System an erster Stelle, aber ihm war es nicht egal welche Mittel seine Truppen anwendeten, wenn sie nur die Macht für ihn bewahrten.

Er war nicht dumm, er wusste genau was es bedeutet wenn ein System von Innen heraus zu Fall kam.

Der Fisch stinkt zuerst am Kopf, hieß es im Volk.

Er zuckte bei dieser alten Weisheit müde mit den Achseln.

Wenn das Volk durchschauen würde wie faul der Staat war, dann hatten die verfluchten Sentir wirklich eine Chance und es nützte ihm alle Übermacht nichts.

Doch vielleicht war die Zeit reif für einen Wechsel, auch wenn dieser wie ein Rückschritt in alte Zeit aussah.

Vielleicht sollte er der Sache seinen Lauf lassen?

Ein Hustenanfall überkam ihn.

Warum erschien eigentlich keiner dieser verdammten Diener?

Er verspürte einen stechenden Schmerz in der Brust und ein unangenehmer Schwindel kam plötzlich hinzu.

Der Husten wurde schlimmer und er hatte das furchteinflösende Gefühl zu ersticken.

Er wollte nach den Dienern schreien, doch der Augenblick dieses letzten Gedankens war vorüber und hing unausgeführt in der Luft, als er über dem Pult zusammenbrach.

Ein Schwall von giftiger Galle spritze dabei aus seinem Mund.

Die Geschichte hatte offenbar keine Verwendung mehr für ihn.

~

Das Land lag dunkel da.

Doch noch finsterer ragte die Steinmauer der Stropaden-Nordwand hinter ihm auf.

Jene scheinbar unüberwindliche Barriere nach Kargoll.

Niomal lächelte zufrieden in sich hinein.

Die Stadt Szeleun wirkte ebenso finster, kaum ein Licht drang aus ihr, trotz ihrer Größe.

Die Angst konnte man in Scheiben aus der Luft schneiden.

Denn glühende Augen beobachteten die Stadt von den Steintreppen des Tempels aus.

Die alten Herrscher von Tamorg waren zurück, ihr Schwingen überzogen bereits das Land hinter den Bergen.

Doch war dies kein Tag der Furcht, nein es war ein Freudenfest der Götter!

Varahm würde ihnen die Kraft geben diese Dämonen zu seinen Gunsten zu nutzen.

Es lief alles nach Plan.

Der Hohenpriester streckte die Arme der aufgehenden Sonne entgegen.

Es lagen ein paar Leichen auf der Tempelterrasse herum.

Arme Tölpel, die die Zeichen der Zeit nicht erkennen wollten, dachte er.

Sie hatten die Drachenträne nicht herausgeben wollen.

Dabei war doch offensichtlich, das sie der Schlüssel waren zur Erlösung.

Nun gab es nur noch zwei Tränen die die Drachen finden mussten.

Doch das war leicht, jeder wusste wo sie waren.

Und vielleicht, ja vielleicht war auch Valtraon bereits gefallen und es blieb nur eine.

Er lachte bellend und richtete einen irren Blick in die Ferne.

Da waren sie!

Die gewaltigen Gestalten über den Stropaden waren näher gekommen, er kniff die Augen zusammen.

Dann breitete er die Arme weit aus.

„Kommt Herren der Lüfte!“ Rief er laut.

„Kommt und tötet die Gottlosen!“

Die dunklen Schatten zogen vorüber gegen Südosten, dort wo die Türme von Pelat Weron, der alten Kaiserstadt bald vor ihrem Odem auftauchen würden.

Er lachte in sich hinein.

Der Tod des Tarul würde es ihnen noch leichter machen.

~

Sherg hatte Eleuer erreicht, kurz nachdem die Armee Elthors weiter gezogen war.

Er hielt sich in ihrem Windschatten und versorgte sich mit den neuesten Informationen über die Lage, indem er einige Wächter ihrer Nachtlager erledigte und sie zuvor noch ausquetschte.

So erfuhr er, dass sein Sohn Elfric und die Sentir, Plan gemäß, Pelat Weront in ihre Hand gebracht hatten.

Es freute ihn, dass Elfric sich als Anführer bewährt hatte, aber zugleich machte er sich große Sorgen.

Denn offenbar standen die Truppen des Tarul, die nun auf Peweront marschierten und Elthors Armee bereits in unheiliger Verbindung.

Auch wenn man sich wohl noch nicht einig war, ob man wirklich gemeinsame Interessen hatte.

Gerüchte! Das war das Schlimmste und zugleich das Nützlichste in Kriegszeiten.

Sie erzeugten Misstrauen und Missgunst.

Die Varaskonier fürchten, so erfuhr er, König Elthor fast mehr als die Sentir.

Denn sie fürchteten, dass der Königsmörder von Adrohn, auch nach der verwaisten Kaiserkrone greifen wollte.

Elthors Heerführer wiederum misstraute den Varasken, solange sie den Krieg in Adrohn noch nicht entgültig für sich entschieden hatten.

Syril Sherg war selbst hin und her gerissen.

Er hatte keine Spur von Torgast und den Zwillingen gefunden und war einigermaßen ratlos.

Also folgte er den Truppen Richtung Zacynos und überholte sie, bevor sie die Hafenstadt erreichten.

Zacynos war das eigentliche Ziel von Torgast gewesen, so wusste er von Meloragh, doch waren sie auch dorthin gelangt?

Er sah von einer Klippe aus, eine Händlerkarawane unterhalb über den berühmten Strandsteg in Richtung der Stadt ziehen.

Er stieg rasch hinab und schloß sich ihnen an.

Bald vernahm er von einem Händler mit Namen Terzel, zu seiner Überraschung sogleich ein neues Gerücht:

Elthor war tot und der Tarul ebenfalls.

Sein Bauch wusste sofort, das es stimmte und auch dass es bei allem was ihn daran freute für Arkur auch eine Katastrophe war, denn nun waren die Endar führungslos.

Dahinter steckte die Feenkönigin und die Drachen.

Er hoffte Torgast hatte die Zwillinge wirklich in Sicherheit gebracht, vielleicht hatte er sich sogar nach Peweront durchgeschlagen können.

Er selbst musste nun ebenfalls unbedingt zu Elfric und den Sentir, die Menschen brauchten sie jetzt.

Nun war es an der Zeit deren Führung zu übernehmen.

~

Unterdessen versammelten sich im Lande Kargoll, auf der Burg von Aeritas die verbliebenen Drachen-Ritter um den Turm des Königs.

Trotzdem es jahrhundertelang keine Drachen gegeben hatte, war ihr Orden bestehen geblieben und hatte die alten Traditionen gepflegt.

Der König stand am Fenster zum Hof und blickte hinab auf sie.

Viele zu viele Jahre waren vergangen seit der Verbannung der Drachen.

Niemand hatte mehr an die alten Sagen geglaubt, niemand mit einer Rückkehr gerechnet.

Die Regeln und Rituale des Drachenkampfes waren beinah in Vergessenheit geraten, die welche sich noch schwach erinnern konnten alt und gebrechlich.

Das Land ist schutzlos, dachte der König, seine kleine Schar würde kaum einen einzigen Kampf überstehen.

Der Ritus des Drachentöters, wie er Jahrhunderte lang vollzogen wurde um von den Göttern auserkorene Helden unter den Kindern der Nordweide2 zu finden wurde beinah ebenso lange nicht mehr praktiziert.

Nun gab es keine Paladine der Götter mehr und keine gesegneten Waffen gegen diese Bestien des Himmels.

Er gab sich einen Ruck und wollte gerade das Turmzimmer verlassen um sich zu seinen Rittern im Hof zu begeben, da betrat eine schattenhafte Gestalt den Raum.

Der König blickte sie misstrauisch an.

Freia, seine älteste Tochter, war eine Sciri, eine Zauberin und er schätzte ihren Rat aber fürchtete zugleich auch ihre scharfe Zunge.

Wenn sie jetzt zu ihm kam, so vermutete er, dann sicher nur mit einer weiteren schlechten Nachricht.

Er machte rasche eine Geste, die ihr bedeuten sollte nicht zu sprechen, denn sein Herz war schwer genug beladen.

Sie schien seine Gedanken zu lesen und flüsterte:

„Vater, ich habe die Geister befragt und sie haben mir geantwortet, schon vor Jahren. Wir brauchen nur das Blut des letzten erschlagenen Drachens, um das alte Ritual wieder zu erneuern.“

Der König blickte sie überrascht und fragend an, dann nickte er stumm und wollte an ihr vorüber aus dem Raum, doch sie trat ihm entschlossen in den Weg.

„Verzeiht Vater, dass ich es erst jetzt Euch erzähle, aber es ist uns bereits gelungen.“

Er spürte wie sich ihm die Nackenhaare aufstellten, denn er wusste das es nicht sein konnte, der letzte Drache war vor über hundert Jahren erschlagen worden. Trotzdem kannte er seine Tochter gut genug um zu wissen, das sie ihn nicht belügen würde.

„Wie meinst Du das?“

Freia biss sich auf die Lippen.

„Die Drachen sind schon zurück Vater. Sie haben Späher ins Land geschickt.“

Er schluckte. „Woher weißt Du das, Tochter?“

„Condrath warnte mich. Er ist selbst einer von ihnen, ein Goldener.“

Der König hob die Augenbrauen.

„Du meinst, sie sind uneins untereinander?“

„So scheint es.“

Der König der Nordweide wurde ungeduldig.

„Bist Du gekommen, um mir etwas wichtiges zu sagen oder nicht?

Freia nickte.

„Ja, Vater. Es gibt eine neue Gorifor.“

Der König schnappte nach Luft und Freia fügte rasch an:

„Ich nahm ein Bad im Blutbrunnen, als ich schwanger mit meiner Tochter war. Sie hat überlebt und trägt das Mal.“

Der König atmete schwer aus.

„Du hast mir damals gesagt, das Kind sei gestorben.“

„Um Euch und es zu schützen, denn die Späher hatten es bereits entdeckt.“

Der König packte seine Tochter an den Schultern.

„Für diesen Verrat an unseren heiligen Regeln, müsste ich dich töten lassen.“

Sie senkte das Haupt und nickte unmerklich.

„ich beuge mich Eurem Urteil Vater.“

~

Die Gedanken eines Drachen sind frei!

Ein freier Drache, aus Jahrtausenden der Verbannung entkommen, tötet.

Der Anflug auf die Stadt war für Avarel Pon eine unsagbare Genugtuung.

Er spürte die Königin der Feen auf seinem Rücken kaum, er spürte nur den Wind in seinen Schuppen und das Gefühl endlich wieder in seinem eigenen Körper zu sein und frei, das zu tun was er wollte.

Jetzt wollte er die Drachenträne in Valtraon und er wusste dass diese besondere Träne der Schlüssel war die Verbannung alle Drachen endgültig zu beenden.

Denn er trug bereits drei von ihnen bei sich und die fünfte wurde vielleicht gerade zur selben Zeit im Wald von Gasfrogan erbeutet.

Wenn sie alle Tränen hatten würden sie unbesiegbar sein, doch jene aus Valtraon in ihren Besitz zu bringen würde die schwerste aller Aufgabe sein.

Darum hatte Dionel darauf bestanden, dass sie diesen Kampf gemeinsam führen mussten um Arkur endgültig zu unterwerfen.

Ihre gemeinsame Kraft und die der drei Tränen war groß genug, auch wenn es dem Erzmagier gelingen würde die eine Träne gegen sie zu richten.

Pons Sinne hatten sich im Flug berauscht von jenem Hass, der sich in ihm aufgestaut hatte, er wollte jetzt nur noch töten und Rache an den Menschen, Elfen und sonstigen Würmern nehmen, die seinem Geschlecht die jahrelange Verbannung angetan hatten.

Nur mit sehr viel Mühe gewann er die Selbstbeherrschung zurück und tauchte aus eigenem Willen wieder ein in seinen Verstand.

Denn er wusste, auch wenn er endlich frei war, so war es nur mit Dionels Hilfe geschehen und sie brauchten die Nindur noch für den Krieg um die Welt, der nun erst bevorstand.

Arkur war nur ein kleiner Happen des Ganzen.

Die Tränen waren dabei ein entscheidender Vorteil, denn selbst wenn es ihnen nicht gelingen sollte ihre Kräfte zu Bündeln, sie waren eine zu wertvolle Waffe, als sie in den Händen der Feinde zu lassen.

Aber es würde ihnen gelingen, die Zauberformel dafür hatten sie aus P’weront bereits entwendet.

Er schüttelte die letzten Zweifel ab und konzentrierte sich auf das nächstes Ziel und dabei befriedigte ihn der Gedanke, dass sie es schon bald erreicht haben würden.

Unterdessen waren schon Scharen seines Volkes unterwegs nach Kargoll, in das alte Land ihrer Schöpfung, der Ort der Geburtsstätte der schwarzen Horde.

Tamorg, den erste Hort, würden sie als zunächst in Besitz nehmen.

Aber für die endgültige Befreiung waren alle Tränen notwendig und die Bruchstücke des Machtsteines, den der Gott Aulon zerschlagen hatten.

Zudem mussten sie darauf achten, das die goldenen Verräter ihnen nicht mehr in die Quere kamen.

Sein Plan war, das Banntor nach der schwarzen Horde wieder zu schließen, nur die Silbernen und vielleicht die Roten und Grünen noch mit zu nehmen, keinesfalls aber Goldene und Blaue.

Er knurrte in sich hinein und seine gute Laune war, bei dem Gedanke an seine Feinde, etwas verflogen.

Das es auch schon einzelnen Goldenen und Blauen gelungen war zu entkommen war sehr ärgerlich, aber mit ihnen würden sie schon fertig.

Hier war ihr Pakt mit den Nindur entscheidend, denn wenn Dionel die Machtsteine aus den Schwertern zusammenfügen und den Schwur der Deniqui damit brechen konnte, würde sie wohl niemand dieser minderen Völker mehr aufhalten können.

Er brummt wieder zufriedener.

Und das würde auch das Schicksal der Feen besiegeln, dachte er grimmig erfreut.

Auch sie würde am Ende mit all ihrer Feenmacht sein Volk nicht aufhalten können, nie mehr!

Sein Gedankenschild prikelte beruhigend.

Doch selbst wenn, wie wollte sie ihn aufhalten?

Er verdrängte seine Gedanken denn plötzlich tauchte das Meer vor ihnen auf und er stieß mit einem heiseren Schrei hinab auf die Türme Valtraons, diese verfluchte Stadt der Zauberer und Tränenhüter.

~

„Glaubst du sie haben erneut die Verfolgung aufgenommen?“

Zimoke zuckte mit den Schultern.

„Das kommt wohl darauf an, wie viel sie über unsere Absichten erraten haben.“ Sagte sie mit zusammengebissenen Zähnen.

Sie ritten einige Zeit schweigend nebeneinander her und Sitar dachte an die Schatten, die sie in der vergangenen Nacht über ihrem Lager hatten kreisen sehen.

Sie hatten hastig die Feuer gelöscht und waren in Felsspalten in Deckung gegangen. Es waren drei Drachen gewesen, oder waren es Dämonen?

Welchen Unterschied machte das?

Jedenfalls sahen sie wie Drachen aus und Zimokes noch immer beunruhigtes Gesicht sprach Bände.

„Wie lange noch?“

Sagte sie darum zur Anführerin der Gombar gewannt.

Die Trollgear führte ihr Tier dicht neben das ihre und nickte ihr zu.

„Wir erreichen noch beim dritten Aufgehen des zweiten Mondes, also in zwei Tagen, den südlichen Siebenseenpass, danach kommt der Aufstieg über die Große Treppe.“

Gelyoc, der etwas hinter Sitar geritten war, sagte:

„Ich fürchte die Gefahren dieses Weges sind größer, als ihr uns zuvor erzählen wolltet.“

Nachdem Zimoke sich wieder ein Stück entfernt hatte, blickte er sich verstohlen um ob sie jemand beobachtete, dann zog er etwas aus seinem Gürtel und reichte es Sitar herüber.

„Mein Gefühl sagt mir, ihr könnt es vielleicht besser brauchen Feenkönigin.“

Dann zog er seine Kapuze dichter über sein schmales Gesicht und trieb sein Pony eine Spur zu hastig an ihr vorbei.

„Was?“

Sitar starrte ihm überrascht nach, dann betrachtete sie den kleinen Dolch den er wie sie wusste stets am Gürtel getragen hatte und der in einer fein gearbeiteten Scheide steckte.

Sie hatte schön öffter beobachte, wie er es auf ihrem Weg aus der Scheide nahm und lange betrachtet hatte.

Doch bisher wollte er es ihr nie zeigen, sondern hüttete es wie einen wertvolles Geheimnis.

Sie zog es beim Reiten heraus und schaute es nun selbst genau an.

Auf dem Heft befand sich ein Bild:

Ein Baum, dessen Äste tief zu den eigenen Wurzeln ragten und drei Quendar Buchstaben entzifferte sie auf dem Stamm welcher auf der silbernen glänzenden aber merkwürdig durchscheinenden Scheide abgebildet waren:

H U L

Sie würde ihn später gewiss zur Rede stellen.

Erst einmal steckte sie die Waffe in ihren Gürtel, denn der Weg vorderte ihre ganze Aufmerksamkeit.

Zeit verging und die Kolonne trottet im stärker werdenden Schneetreiben dahin.

Der heulende Wind übertönte die vereinzelten, klagenden Rufe von Schneewölfen und das ständige Zirpen der großen Wintergrillen, die in großen Schwärmen in den zerklüfteten Hängen des Wenkohr nisteten.

Die grob geschnittenen Schlitten auf denen ihr Proviant gelagert war, glitten dabei erstaunlich mühelos über die ausgefahrenen Spuren.

Ein solches Gerät sah Sitar und die meisten ihrer Begleiter, zum ersten Mal und die Fee war fasziniert von der Leichtigkeit ihrer Fortbewegung auf den schmalen Pfaden.

Neben ihnen kämpften sich die Gombarkrieger mit stoischer Ruhe durch den schwerern Schnee am Wegrand.

Gelyoc hatte, so sah sie inzwischen die Anführerin der Gombar kurz vor ihr eingeholt.

Was war bloß sein Geheimnis?

Sie gab ihrem Reittier einen Klapps und schloß schnell zu ihnen auf, gerade zurecht um ihn sagen zu hören:

„Könnt ihr den Plan noch mal erklären, den Varo und Eure Krieger beim Angriff auf Coceon ausführen sollen?“

Zimoke lächelte Gelyoc und Sitar grimmig an.

„Ich kann nicht sagen, ob es wirklich ein Plan ist, oder nur eine Hoffnung.“

Der junge Magier nickte.

„Tralzio hat auch versucht es mir zu verdeutlichen, aber ich hab es immer noch nicht recht verstanden.“

Zimoke sah zu dem Ukari hin, der weit vorne in der Gruppe ritt, dann sagte sie nur:

„Varo trägt das Schwert mit sich, er hat den Auftrag, die Anführer meines Volkes davon zu überzeugen,

dass sie der falschen Königin der Feen folgen.“

„Und ihr glaubt, das Schwert könnte sie umstimmen?“

Zimoke biss die Lippen zusammen.

„Vielleicht,“ sagte sie dann, „die alten Legenden mögen vergessen sein, doch ihre Symbole sind tief verwurzelt im Bewusstsein aller Trolle.“

Gelyoc nickte.

„Aber wäre es nicht besser gewesen, wenn ihr selbst diese Rolle übernommen hättet?“

Zimoke antworte nicht gleich, denn sie musste mit ihrem Pony einem Schneehügel ausweichen.

Dann sagte sie und Sitar glaubte eine Träne in ihren Augen zu entdecken:

„Mein Bruder wäre der jenige gewesen, dem sie vielleicht sofort gefolgt wären. Die Gefahr, dass sie mich nicht mehr gehen lassen, war zu groß. Außerdem werde Ich hier gebraucht.“

Gelyoc brummte.

„Aber was, wenn das Schwert nun verloren geht?“

„Es ist nur ein Symbol,“ sie warf einen Blick zu Sitar, „ihr seit die Rettung für unser Volk, nicht dieses Stück Metall.“

Sie ritten einige Augenblicke weiter schweigend nebeneinander her, dann meinte Sitar:

„Ich hoffe ich enttäusche Euch nicht.“

Zimoke antwortet:

„Ich bin sicher, das werdet ihr nicht.“

Die Trollgear sah sie ernst an.

„Achtet jetzt auf den Weg und die Berghänge. Außer den Spähern, gibt es viel direktere Gefahren hier. Vor allem Schneefrägs, Eis- und Sturmriesen, Eismolche, wilde Schneezyrloten… soll ich fortfahren?“

„Schneezyrloten?“ Wiederholte Sitar.

Zimoke lachte, „die lösen gerne Lawinen aus, doch solange wir auf der Hut sind, werden wir sicher sein. Die Schatten aus Coceon machen mir natürlich auch Sorgen.“

Wie zur Bestätigung ertönte plötzlich ein Lauter Schrei vom vorderen Ende des Zuges, der Sitar zusammenzucken ließ und ihr durch Mark und Bein ging.

Shershon, ein Unterführer kam eilig zu Zimoke geritten und sprach hektisch auf sie ein. Dann zeigte er mit dem Arm auf den vor ihnen liegenden Pfad und eine Stelle, wo der Gletscher über ihnen näher herangerückt war und so eine Art Tunnel über den Pass bildetet.

Selbst Sitar erkannte es sofort und Gelyoc flüsterte halblaut, was sie gleichzeitig dachte:

„Das sieht aus wie ein idealer Ort für eine Falle.“

Und tatsächlich, der Eingang zum Tunnel war mit einem großen Felsblock versperrt, der unmöglich dort von alleine hin gerollt sein konnte.

Zimoke gebot ihnen zu warten und eilte mit nach vorne.

„Bestimmt Sturmriesen.“

Brummte Gelyoc und Sitar spürte wie eine eisige Faust ihr Herz umklammerte, bei der Erinnerung an ihre erste Begegnung mit den Ausmaßen eines Angriffs dieser Bergbewohner.

„Mach mir keine Angst.“ Zischte sie ihn an.

Er schmunzelte.

„Wer kann schon solche Felsen bewegen?“

Sitar nickte während sie angestrengt nach vorne blickte.

Auch die anderen Gombar beobachteten argwöhnisch die steilen Hänge um sie herum und einer entdeckte sie zuerst, zugleich aber gaben sie sich auch selbst zu erkennen.

Mit einem lauten und urwüchsigen Schrei.

Sitar fuhr erneut zusammen und musste sich an ihrem Reitpony festhalten um nicht hinab zu stürzen, da es sich ebenfalls erschreckt hatte.

Dann sahen sie alle die großen Gestalten, die die Hänge hinab stürmten.

Drei Bergriesen mit gewaltigen Keulen.

Wildes Geschrei erhob sich nun auch unter den Gombar, am lautesten schrie Zimoke ihre Befehle.

Doch Sitar hatte das Gefühl, niemand nahm sie wahr.

Alle sprengten wild durcheinander auf dem Pfad in beide mögliche Richtungen.

Doch weil er so schmal war und niemand am anderen, vor allem nicht zu dritt oder mit Schlitten, vorbei konnte, kam es zu einem Gerutsche und Gerangel, dass schon erste Opfer fand, die den Halt verloren und in die Tiefe stützten.

Im selben Moment hatte der vorderste Riese den Pfad erreicht und schlug mit seiner Keule, so groß wie ein junger Baum, ein gewaltiges Loch vor ihnen in den Schneegrad.

Schlitten und Ponys, sowie mindestens sechs Gombar stürzten mit ihm gemeinsam in die Tiefe.

Sitar hielt den Atem an.

Alles war wahnsinnig schnell geschehen.

Der Pfad war zu ihrem Entsetzen nun geteilt und sie waren abgeschnitten von Zimoke, Tralzio und den anderen die direkt vor dem Felstor gestanden waren.

Zwar schienen die Riesen, nahm man diese selbstmörderische Aktion des Vordersten zum Maas nicht sonderlich helle, aber das machte sie nicht weniger gefährlich.

Die verbleibenden beiden knöpften sich die Gruppen getrennt vor. Auch sie waren sicher 10 Lemme3 hoch und trugen ebenfalls Furcht einflößende Keulen.

Sitar saß wie schockstarr auf ihrem Pony und versuchte verzweifelt ihre Magie zu erwecken, doch es wollte ihr nicht gelingen, die Angst die sie erfasst hatte war zu groß.

Sich zu konzentrieren war unmöglich, hier musste sie noch eine Menge lernen.

Der Riese der ihr am nächsten war, kam jetzt mit gewaltigen Schritten näher und packte bereits die vier Gombar vor ihr auf einmal, als sie Gelyocs entschlossenen Griff verspürte, der sie vom Pony zog.

„Komm schnell! Wir müssen hier weg!“

Hörte sie ihn rufen und es gelang ihr, ihre endlich ihre Beine zu bewegen und ihm nach zu stolpern.

Sie hörte den Wind heulen, die Schreie der sterbenden Gombar und das Brüllen der Riesen.

Als sie nun instinktiv zum Himmel blickte, sah sie zu ihrem Schrecken auch wieder die drei kreisenden Schatten und aus irgendeinem Grund musste sie daran denken, dass Varo und seine Gruppe zu spät kommen würde, denn Dionels langer Arm schien bereits überall hin zu reichen und die Drachen waren da.

Was spielte es da überhaupt für eine Rolle ob die Trolle auf ihrer Seite waren oder nicht?

In dem Moment zog sie Gelyoc in eine Felsspalte, die geräumig genug war sie beide aufzunehmen und mit einem Überhang der nicht sofort einsehbar schien.

Hinter sich vernahmen sie das wütende Gebrüll der Riesen, während sie Gelyoc tiefer in die Spalte zog, die sich dann als schmaler Gang herausstellte, der weiter in den Berg hinein führte.

Zum Glück, denn im selben Moment erschütterte ein gewaltiger Schlag den Eingang und ließ kalkiges Gestein auf ihre Köpfe regnen.

Sie drängten sich noch tiefer hinein.

„Warte, wo führte das hin?“

Flüsterte sie, doch Gelyocs feuchte Hand zog sie weiter.

Dann plötzlich machte der Gang eine Biegung und eine Zweite und öffnete sich dann in eine größere Höhle.

Es roch sehr modrig und Gelyoc murmelte:

„Ein Eisfuchsbau.“ Dann sagte er „Licht“ und in seiner Hand erschien eine Lichtkugel.

Die Höhle erstrahlte und war vollkommen leer, bis auf einige abgenagte Knochen.

Sie war nicht sehr groß, aber es gab einen Ausgang, der am gegenüberliegenden Ende offenbar tiefer in den Berg führte.

Gelyoc nickte dort hinüber.

„Es riecht hier verflucht nach ranzigem Fackelöl, als wenn die Höhle nicht nur von Tieren benutzt würde.“

Sagte er und blickte sich misstrauisch um.

„Aber der Eingang ist verschüttet, wir haben also keine Wahl.“

Sitar nickte bedrückt es war wie ein Dejavu, sie biss sich auf die Lippen.

Wieso hielt das Schicksal immer wieder solch böse Überraschungen für sie bereit und was wurde nun dort draußen aus Zimoke und ihren Freunden?

Sie würde niemals nach Worlen gelangen und schon garnicht nach Andul.

Wenn sie überhaupt jemals wieder aus diesem verfluchten Gebirge heraus kam.

~

Leichtfüßig tänzelten die stolzen Rösser den Pass hinauf und stießen auf die blutigen Spuren im Schnee.

Der Wind heulte und bis auf die rasch davon gleitenden Aasfresser, zeugten nur noch traurige Überreste von den Vorkommnissen vor sich nur wenigen Stunden.

Die Leichen der Bergtrolle waren trotzdem bereits halb erfroren und mit einer Schicht Neuschnee bedeckt.

Die meisten von ihnen waren nicht mehr erkennbar.

Der Anführer verzog angewiedert das Gesicht, während das trübe Sonnenlicht sich auf den goldenen Helmen seiner Reiter spiegelte.

Sie trugen alle das Schwarz-Grün Coceons.

Baron Plazidon blickte skeptisch die steilen Gletscherwände hinauf.

Die Pferde scheuten leicht, als sie die Schatten der Drachen die hier her geführt hatten nun dichter über sich spürten.

Plazidon spürte ebenfalls, das seine Männer und die Abteilung Tovoks die ihn begleitete unruhiger wurden.

Er blickte sich ein letztes Mal prüfend um.

Er konnte eine gewiss gute Nachricht an Moregh überbringen.

Die gesuchte Fee und ihre Begleiter waren mit ziemlicher Sicherheit tot!

Zwar konnte er ihre Leiche nicht entdecken, doch sicher hatten die Riesen sie dann gefressen.

Er wendeten also rasch sein Pferde und gab das Zeichen zum Rückmarsch, wenn doch jemand überlebt hatte, würden sie, sie vielleicht noch vor der großen Treppe stellen oder sie in die Arme der schrecklichen Treppenwächter von Sorwin treiben.

Ohne absolute Gewissheit konnte er nicht zu Moregh zurückkehren.

Der Tunnel war zwar versperrt, doch es gab noch den „Spalt“, ein Zugang zur Treppe den man nicht mit Pferden nehmen konnte.

~

Sie hasteten durch ein unendlich scheinendes Wirrwarr an Gängen und verwahrlosten Kammern.

Gelyoc zog Sitar mit sich, bis sie ihn irgendwann endlich zum Stehen zwang.

„Verdammt, wo willst du so schnell hin! Wir sind offenbar in irgendeinem gewaltigen Höhlensystem und werden uns hoffnungslos verirren, wenn wir noch tiefer hinein laufen.“

Der Halbtroll sah sie atemlos an und nickte schließlich.

„Du hast Recht, wir müssen zurück zum Felssims, die anderen werden uns suchen.“

„Wenn sie noch am Leben sind,“ murmelte Sitar.

Sie sah sich wild in der Höhle um, in der sie sich gerade befanden.

„Warum bist Du dann erst so weit rein gelaufen!“

Gelyoc hob die Arme wie zur Entschuldigung.

„Ich weiß auch nicht, ich dachte nur weg.“

Sie berührte ihn beruhigend am Arm.

„Gut, also lass uns versuchen die wieder die Orientierung zu gewinnen.“

Sie zeigte dabei auf eindeutige Spuren humanoider Benutzung.

Gelyoc folgte ihrem Blick mit der Lichtkugel.

Beide entdeckten sie nun die Wandbemalungen gleichzeitig und Sitar holte tief Luft.

Fremdartige Zeichen und Symbole schmückten hier tatdie Wände.

„Was ist das?“

Gelyoc betrachtete die Zeichen genauer.

„Irgendwie kommen die Symbole mir bekannt vor und zwar von Tralzio her, ich glaube wir sind in eine alte Ukarifeste geraten.“

Er blickte Sitar lächelnd an.

„Tralzio ist doch auf der Suche nach so etwas genau hier. Sein Volk soll früher im Wenkohr eine alte Stadt gehabt haben, ein letzter Rückzugsort vor den Drachen.“

„Was ist geschehen?“

„Das ganze ist tausende Jahre her, in irgendeinem Drachenkrieg, sie wurden fast ausgelöscht und die Angriffe der Drachen haben ihre Stadt unter dem Berg begraben.“

Sitar blickte ihn zweifelnd an.

Gelyoc lachte.

„Ich sage nur, was ich von ihm gehört habe.“

Ihre Unterhaltung hallte trotzdem sie flüsterten, unangenehm von den Wänden wieder und plötzlich vernahmen sie ein weiteres beunruhigendes Geräusch.

Es klang wie ein tiefes gleichmäßiges Brummen in der Tiefe.

Angespannt gingen sie weiter, in den breitesten Gang hinein, der von der Höhle abging.

Die Wandbemalungen begleiteten sie und dann tauchten plötzlich noch kleine Lichter an den Wänden auf.

„Sind das Leuchtkäfer?“ Fragte Sitar.

Gelyoc schüttelte langsam den Kopf.

„Sie bewegen sich nicht.“

Er berührte vorsichtig eines von ihnen.

„Vielleicht eine Art von selbst leuchtender Steine,“ schloss er.

„Das wird mir langsam unheimlich.“

Sagte Sitar.

„Es hat bestimmt etwas mit Magie zu tun.“

Gelyoc nickte und sie sah im Licht der Feuerkugel auf seiner Hand, Anzeichen zunehmenden Nervosität iim Ausdruck seines Gesichtes.

Der Gang dem sie nun folgten, verlief weiter bergab, offenbar ins Innere des Gebirges, doch erstaunlicherweise wurde die Luft nicht stickiger.

Darum auch hatten sie sich durchgerungen ihm zu folgen.

In der Hoffnung dass er sie doch an die Luft führen würde.

Plötzlich blieb Gelyoc stehen.

„Irgendetwas stimmt hier nicht.“ Brummte er und musste sich schon anstrengen das zunehmende Geräusch zu übertönen.

„Ich fürchte mich.“

Flüsterte Sitar.

Gelyoc hielt den Atem an und bedeutete auch ihr weiterhin stehen zu bleiben.

Der Gang schien sich nicht weit entfernt in eine weitere Höhle zu öffnen.

„Ich galube das Geräusch kommt dort her,“ flüsterte der Halbtroll.

Ganz langsam schlichen sie näher.

Als sie den Eingang erreichten, verschlug es ihnen den Atem.

Die Höhle war gigantisch groß und an ihrer Decke leuchtete eine Sonne, so hell und warm, wie außerhalb des Berges.

Es sah so aus wie ein Mosaik aus vielen tausenden der Leuchtsteine wie sie, sie auch in den Gängen gesehen hatten.

„Wie ist das möglich.“ Murmelte Gelyoc.

„Unglaublich.“ Antwortete Sitar und starrte vor allem das riesige Gebilde in der Mitte der Höhle an.

„Was ist das?“

Der Halbtroll folgte ihrem Blick nach unten und nun bemerkten sie gemeinsam, dass sie auf einer Art Sims standen und die Halle noch viel gewaltiger war, als es im ersten Augenblick den Anschein gehabt hatte.

Sie war tatsächlich hell erleuchtet und in ihrer Mitte stand ein merkwürdiges sehr verwittertes Gebilde, wie eine Art Turm und von diesem Ding kam dieser gleichmäßige Ton.

Sitar versuchte die Symbole auf dem Ding zu entziffern, dann nestelte sie hastig an ihrem Gürtel und zog den Dolch hervor, den er ihr zuvor zugesteckt hatte.

Ungläubig blickte sie zwischen diesem und dem Turm hin und her.

„Was ist?“ Flüsterte Gelyoc.

Sie zeigt aauf das Bild auf dem Dolchknauf und nickte zum Turm hin.

„Dort steht das gleiche Wort in riesigen Buchstaben und genau das gleiche Baumsymbol, oder täusche ich mich?“

Gelyoc verglich den Dolch mit den Symbolen und schüttelte den Kopf.

„Nein,“ murmelte er, du täuschst dich nicht. Dort steht es:“

HUL

„Stimmt,“ brummte Sitar.“

~

Zimoke, gab das Tempo vor und trieb auch die anderen voran.

Nach dem Kampf, den nur sie und fünf ihrer Krieger mit Glück überlebt hatten, eilten sie nun über eine gefährlich lange Eisbrücke durch die „Spalte“, die zur hohen Treppe führte.

Das Schlimmst war, das auch Meloragh, die Gräfin von Elberak in die Tiefe gestürzt war und Tralzio trug vom Kampf mit einem der Riesen eine schwere Kopfverletzung davon.

Sie hatten ihn an eines der drei überlebenden Ponys festgeschnallt, denn er hatte das Bewusstsein verloren.

Zimoke wirkte verschlossen aber zugleich entschlossener.

Nur weil der Angriff auf so unsicherem Grund erfolgt war, hatten sie überhaupt eine Chance gehabt.

Doch nicht alle waren glücklich dabei gewesen.

Mindestens ein Dutzend Gombar und zudem Sitar und Gelyoc, waren verschwunden oder tot.

Vermutlich waren auch diese Beiden in die Tiefe gestürzt.

Sie verfluchte ihr Pech.

Sie hatten die Erbin der Halur-Feen verloren, da konnte das eigene Überleben kaum trösten und den Kampf gegen Dionel und dei Drachen, konnten sie darum als gescheitert betrachten.

Das war der endgültige Sieg dieser verfluchten Täuscherin, dachte Zimoke.

Doch ihre Späher blieben am Himmel. Offenbar trauten sie sich noch nicht Recht an den totalen Erfolg des Angriffs zu glauben, solange es Überlebende gibt.

Vielleicht wissen sie mehr, tröstete sie sich, vielleicht spüren sie, oder wissen sogar, dass die Halur noch lebt?

„Daher verfolgen sie uns weiter.“

Sagte auch Shershon.

Er betrachtete seine Anführerin, die kurze innegehalten hatte, mit fragender Miene.

„Schon möglich, aber wie soll es ihr gelungen sein, es gab kein Entkommen vom Pfad.“

Shershon wies zum Himmel und murmelte:

„Aber das Wenkor hat viele Spalten und Gänge. Es ist nicht unmöglich sich dort zu verbergen.“

Einer der anderen Gombar zog Tralzios Pony an ihnen vorbei, weiter bergan.

„Es gibt schließlich Gerüchte über eine alte Stadt unter dem Berg, vielleicht finden wir weiter oben einen Eingang, auch die Treppe soll einst ein Teil dieser Stadt gewesen sein,“ fügte er hinzu.

Zimoke nickte.

„Wir müssen uns beeilen!“

~

Plötzlich vernahmen Gelyoc und Sitar Schritte von Eisen beschlagenen Füßen und dann der laute Ruf einer kehligen Trollstimme.

Sie fuhren zusammen und duckten sich rasch hinter die Brüstung des Felssims.

Von da huschten sie rasch zur Tür, die halb in den Angeln hing, sich aber darum leicht vor den Eingang zum Felsbalkon schieben ließ.

„Ich hätte es mir denken können,“ flüsterte Gelyoc.

„Aber ich wette das sind keine Gombar.“

Durch den Spalt der Tür verfolgten sie gebannt, wie zwei stämmige, gekrümmte Gestalten, mit klappernder Rüstung daran vorbei gingen.

Dabei unterhielten sie sich in der Sprache der Tovoks, welche sie zweifellos auch waren.

„Das Höhlensystem ist älter,“ raunte Gelyoc, „aber diese Brut nistet sich überall ein.“

„Und wie kommen wir jetzt ungesehen hier wieder raus?“

Fragte Sitar zurück, mit einem leichten Anflug von Panik in der Stimme.

„Psst! Da kommen wieder zwei. Wir müssen sie überwältigen, wir brauchen ihre Kleider zur Tarnung.“

Sitar warf ihm einen skeptischen Blick zu, stellten sich aber rasch an seine Seite neben der Tür auf.

„Einen sollten wir möglichst am Leben lassen, damit er uns den Ausgang verraten kann,“ brummte Gelyoc und beide zogen ihre Waffen.

„Wenn sie uns am Leben lassen,“ zischte Sitar zurück.

Als die beiden Wachen an der Tür vorüber schreiten wollten stieß Gelyoc sie mit Wucht auf und sprang dahinter hervor.

Er schlug mit dem stumpfen Ende eines Speers zu den er in der Kammer gefunden hatte und der erste der beiden Trolle sackte mit einem Stöhnen in die Arme seines völlig überraschten Kameraden.

Sofort sprang auch Sitar hinter der Tür hervor und stieß ihren Dolch, es war nicht der welchen ihr Gelyoc gegeben hatte, nach dem Kopf des Troll, doch mangels Übung glitt er natürlich vom Helm des Tovoks ab und sie prallte durch die Wucht der eigenen Bewegung getrieben, mit ihrem ganzen Körper unsanft gegen ihn.

Der Troll reagierte schnell, ließ seinen Kameraden fallen, drehte sich um und floh schreiend den Gang hinunter.

Vermutlich dachte er, dass noch weitere Angreifer aus der Kammer kommen würden.

Gelyoc rief ihm etwas nach, was Sitar nicht verstand, doch ihr Gefühl wusste, das es ein Zauber war.

Das Geschrei verstummte abrupt und der Halbtroll eilte rasch ins Halbdunkel und dann schleifte er den leblosen Körper zur Kammer zurück.

Sitar betrachtete den nieder gestreckten Troll fasziniert, bis Gelyoc sie am Arm rüttelte.

„Wir müssen ihn irgendwie fesseln.“

Er blickte sich in der Kammer hastig um und fand tatsächlich einen fasrigen alten Strick, mit dem er dem Tovok die Hände auf den Rücken band.

„Schnell nimm ihm den Kettenpanzer und den Helm ab und schmiere dir Staub ins Gesicht.“

Sitar blickte ihn angewidert an.

„Willst du hier heil raus oder nicht?“ Zischt er.

Er selbst tat das Gleiche bei dem von ihm erledigten Troll.

Der gefesselte Tovok kam dabei zu sich und stierte sie mit seinen schmalen gelben Augen fassungslos an.

Die Flügel seiner breiten Nase blähten sich aufgeregt.

Dann sprudelten die Worte aus ihm hervor, doch er verstummte zugleich, als er Gelyocs Dolch an seiner Kehle spürte.

Daraufhin funkelte er den Halbtroll nur noch feindselig an und schien seine Lage dabei abzuwägen.

„Was wollt ihr?“ Zischte er schließlich in recht verständlichem Dwargu.

„Wie nennt ihr die Höhlen hier unten?“

„S’gorondir.“

Gelyoc schüttelte verwundert den Kopf.

„Altenstadt“

Der Troll nickte.

„Was bedeutet das, wen meint ihr damit, etwa die Ukari?

Wieder nickte der Troll.

“Zu welchem Stamm gehörst Du und wo ist das nächste Außentor dieser Stadt?“

Ein verächtlicher Zug erschien um die Mundwinkel des Tovok.

Gelyoc hob die Hände bedrohlich und ein rascher Seitenblick zu seinem toten Kameraden ließ den Troll wieder eine ausdruckslose Miene annehmen, aber er schwieg.

Gelyoc drückte ihm den Dolch nun heftig an den Hals, da brachte er knurrend hervor:

„Am unteren Ende des Paiwii-Sees, der dort Teil unterirdisch verläuft ist das Osttor, es ist am nächsten.“

Gelyoc stutzte.

„Der Paiwii ist einer der sieben Hochseen, das ist verdammt weit im Osten.

Das soll der nächste Ausgang sein?“

Der Tovok wollte etwas antworten, doch da plötzlich hörten sie ein Geräusch im Gang und Sitar sprang rasch zur Tür und warf einen Blick hinaus.

„Achtung!“ Zischte sie „Ein großer Trupp.“

Gelyoc hatte sich zu ihr umgewandt, und fluchte nun, als der Troll vor ihm eine rasch Bewegung machte und einen lauten Ruf ausstieß.

Er hatte den alten Strick offenbar entzwei gerissen und schlug im selben Moment Gelyoc mit der Faust ins Gesicht, das dieser wie ein nasser Sack nach hinten fiel.

Sitar stand einen Sekundenbruchteil starr vor Schreck da, doch dann fuhr ihr Arm mechanisch vor und sie bohrte ihren Dolch tief in die Brust des Troll, der sich eben auf sie stürzen wollte.

Der Dunda röchelte kurz und überrascht auf, dann sakte er mit gebrochenem Blick zusammen.

Sie hörte jetzt wie sich die anderen Tovoks im Gang schnell näherten.

Es blieb ihr also nicht viel Zeit zu überlegen, doch Gelyoc war zu ihrem Leidwesen bewusstlos.

„Dieser nutzlose Kerl“, brummte sie.

Das sie soeben ein Lebewesen getötet hatte lähmte ihre Gedanken etwas, doch sie riss sich zusammen, sprang kurzentschlossen durch die Tür auf den Gang und floh, mit einem raschen Blick über die Schulter vor dem gerade auf die Tür der Simmskammer zuhaltenden Truppe Tovoks, es waren etwa acht, in die entgegengesetzte Richtung.

Gerade noch rechtzeitig.

Ihre Gedanken rasten, sie würde ihnen nicht entkommen können, nur ihre einzige Hoffnung war ihre Magie.

Unsichtbar, dachte sie und fluchte innerlich darüber, dass sie Gelyoc so im Stich lassen musste.

Aber wenn sie sich beide gefangen nehmen ließen, war niemandem geholfen.

Doch wenn sie ihn einfach töteten?

Sie eilte weiter durch den Tunnel, aus dem sie gekommen waren, als ein Armbrustbolzen knapp an ihr vorüber flog.

„Verdammt, entweder sie mich noch oder es war ein beinah Zufallstrreffer!“ Murmelte sie.

Sie rannte mit äußerster Anstrengung weiter.

Irgendwo hatten sie einen alten Brunnenschacht passiert, dass war vielleicht ein Versteck.

Sie kämpfte dabei gegen eine aufkommende Übelkeit im Mund und das Gefühl der Verzweiflung an.

Wieso konnte sie erneut die Magie nicht aus sich heraus rufen?

Bolzen und Geschrei verfolgten sie weiter, während sie durch die im Halbschatten liegenden Gänge hastete.

Dann tauchte plötzlich der Raum mit dem Brunnen vor ihr auf.

Niemand war darin.

„Mein Glück!“ Sagte sie zu sich selbst.

Einige Leuchtsteine beleuchteten auch hier die Kuppel des Raumes, so das sie deutlich die Konturen des Brunnens und die über ihm hängende Winde erkennen konnte.

Als sie näher kam sah sie dass eine Art Deckel oder Scheibe den Schacht bedeckte, die genau in die Öffnung passte und sie war ebenfalls mit Leuchtsteinen besetzt.

Sehr merkwürdig, sie versuchte die Scheibe zu heben, aber zu ihrem Ärger, war sie viel zu schwer.

Rufe und Laufschritte näherten sich unterdessen so deutlich, das die Verfolger im nächsten Augenblick die Kammer erreicht haben würden.

Es war zu spät um wieder hinaus zu gelangen.

Und es gab keinen Ausweg, nun musste sie kämpfen oder sich ergeben.

Rasch sprang sie auf den Brunnen, so konnte sie in erhöhter Position vielleicht einen kleinen Vorteil gewinnen, als die ersten Tovoks schon hinein stürmten.

Doch in dem Moment spürte sie endlich die Kraft in sich.

Erfreut konzentrierte sie sich auf ihre ausgestreckte Hand und beschwor Feuer.

Flammen schossen aus ihren Fingern auf die ersten und vollkommen überraschten Trolle zu.

Sie lächelte verbissen.

Die Feenmacht war wieder mit ihr.

Doch schon richteten die unverletzten Angreifer ihr Armbrüste auf sie.

Schild, dachte sie und eine leuchtendes Feld entstand um ihren Körper, von dem die Geschosse im selben Moment abprallten wie von einer Steinmauer.

Dann jedoch drängte sich ein mit bunten Gewändern bekleideter Troll nach vorne und rief Worte in einer ihr unbekannten Sprache.

Sofort traf sie selbst eine Welle der Macht wie ein Fausthieb.

Sie taumelte auf dem Brunnendeckel, der jedoch plötzlich zu schwanken schien und verzweifelt ruderte sie mit den Armen, rutschte aus und schlug mit den Händen auf die nun plötzlich blau und rot leuchtenden Steine des Deckels auf.

Solche Steine hatte sie zuvor noch gar nicht bemerkt.

Doch es gab ein merkwürdiges Geräusch und plötzlich verlor sie den Boden unter sich und der Deckel fiel zu ihrem Entsetzen, zusammen mit ihr, tief in den Schacht hinab.

Nein, er fuhr, glitt oder wie sollte man es nennen, tief hinab.

Die Berührung der Steine hatte diesen Mechanismus offenbar ausgelöst. War das ebenfalls Magie?

Noch nie hatte sie von soetwas gehört.

Jedenfalls standen ihr die Haare zu Berge und während sie in zunehmend schnellerer Fahrt in die Tiefe glitt, hörte sie die Schreie der Tovoks über ihr und dann das Surren ihrer Bolzen.

Vermutlich hatte ihr dieser Mechanismus vorläufig das Leben gerettet, doch wohin brachte er sie? Bolzen schlugen knapp neben ihr ein und plötzlich stoppte das Gefährt mit einem harten Ruck.

Sie spürte wie ihr der Schlag durch alle Glieder ging und stöhnte vor Schmerz.

Die Lichter auf der Scheibe waren erloschen und ein vorsichtiges Drücken darauf zeigte keinerlei Effekt.

Die Scheibe war vermutlich sehr alt und wenn sie Pech hatte würde sie ein Auseinanderbrechen oder etwas ähnlich Fatales auslösen.

Aber hier wo sie war, konnte sie von den Tovoks getroffen werden und im engen Schacht kaum ausweichen.

Rasch suchte sie die Wände nach einem Ausweg ab, aber die Dunkelheit war nun so dicht, das ihre Augen sie kaum durchdringen konnten.

Wäre sie doch eine Elfe.

Sie konnte Licht erzeugen über die Macht, aber das würde sie noch besser zum Ziel machen.

Da sah sie plötzlich etwas oberhalb, eine dunkle Stelle im Fels.

Vielleicht eine Einbuchtung oder auch ein schmaler Gang. Aber wie sollte sie ihn erreichen?

Sie konzentrierte sich, dann sprang sie hoch und bekam eine Wurzel zu fassen, zog sich hoch, als ein Bolzen knapp an ihr vorbei surrte und sie sogar schmerzhaft streifte, hätte sie fast wieder los gelassen.

Doch sie biss auf die Zähne und zog sich mit äußerster Anstrengung zum Sims hoch und in die Öffnung hinein.

Tatsächlich, es war ein schmaler Gang, nicht nur eine Aushöhlung.

Erleichtert blies sie die Luft aus den Backen und keuchte im nächsten Augenblick vor Schmerzen.

Ihre linke Hand berührte die Stelle an ihrem Brustkorb und sie fühlte die heiße Feuchtigkeit ihres eigenen Blutes.

Was nützt mir dieser Rattenloch, dachte sie verzweifelt, ich werde hier verbluten.

Tränen der Wut und Verzweiflung rannen ihr über die Wangen.

~

Zimoke wartete auf sie am Ende der Eisbrücke.

Als sie alle die andere Seite erreicht hatten, wurden ihre Züge entspannter.

Steil ragte die Hohen Treppe vor ihnen auf und während die anderen ihre Ponys beruhigten, starrte Tralzio, der inzwischen das Bewusstsein zurück erlangt hatte, wie gebannt auf die vom Eis umhüllte Landschaft.

Mehr als die eigenen Schmerzen hatte ihn die Nachricht vom Tode Meloraghs und dem ungewissen Schicksal Sitars entsetzt und er wirkte noch immer betroffen, als Zimoke nun neben ihn trat.

„Ich verstehe Euren Schmerz Faun, sie ist nicht das erste Opfer in dieser Sache. Doch wir müssen zumindest weiter daran glauben, dass die Götter wenigstens Sitar und Gelyioc verschont haben. Was denkt ihr Ukari, liegt Eure Stadt hier irgendwo?“

Tralzio wandte langsam sein Gesicht zu ihr um.

Sie lächelte ihn aufmunternd an.

Er nickt.

„Ihr habt Recht Gombar, doch es fällt schwer.“

Er seufzte.

„Eine Hoffnung aber gibt es immer.“

Sie folgte seinem Blick.

„Ja, es verbirgt sichvielleicht ein Geheimnis hinter diesen Felswänden.“

„Was wisst ihr drüber?“

„Wissen wäre zuviel gesagt“, meinte Zimoke, „es gibt Geschichten und Gerüchte. Es heißt auch, dass Tovoks einen Zugang gefunden haben.“

„Keine gute Nachricht,“ brummte Tralzio.

Zimoke nickte.

„Ein Spähtrupp meiner Leute gelang es vor ein paar Wochen einen Trupp Tovoks ein Stück ins Innere zu verfolgen, was sie angeblich sahen, gibt mir weitere Rätsel auf.“

Sie holte kurz Luft.

„Aber wenn es eine Stadt im Berg gibt, ielleicht haben Sitar und der Halbtroll einen Zugang gefunden?“

Sie legte den Kopf schief und sah dem Ukari in die Augen.

„Ihr seit nur darum ins Wenkor gekommen, nicht wahr? Ihr sucht nach den Rätseln der Vergangenheit eures Volkes.“

„Es könnte eine der wenigen Hoffnung im bevorstehenden Drachenkrieg sein,“ antwortete Tralzio

„Meine Leute haben keine Ukari gesehen, nur Tovoks.“

Sagte sie halb im Scherz.

Seine Augen blieben ausdruckslos.

„Was dann, ich sehe Euch an, dass sie etwas gesehen haben?“

Sagte er schließlich.

Sie schwieg, während Shershon sein Pony neben sie führte und ihr einen mahnenden Blick zu warf.

Zimoke schüttelte daher den Kopf.

„Wenn ich wüsste, was sie wirklich gesehen haben.“

Tralzio nickte und betrachtete jetzt die steile Treppe nachdenklich.

„Das ist der einzige Weg zum Hochplateau?“

Zimoke nickte.

„Die Drachen sind nah und wenn wir über diesen Kam gehen, werden sie vielleicht angreifen.“

Tralzio wandte seine Aufmerksamkeit dem Himmel zu und rieb sich dabei das wie sich herausgestellt hatte zum Glück nur verstauchte Bein.

Die Gombar fuhr fort:

„Darum werden wir die Treppe nicht benutzen, ich hatte es erst vor, aber da wir Verfolger haben und die Späher der Feenkönigin uns beobachten, müssen wir nach einem anderen Weg suchen.“

Er blickte sie fragend an und sagte:

„Verfolger?“

Sie nickte, „Menschen. Ich sah die Wimpel unterhalb am Einstieg zur Spalte.“

„Welchen Weg wollt ihr gehen?“

„Wir haben es den den Spiegelstieg genannt. Er führt unter der Treppe durch.“

Zimoke winkte einen der Gombar herbei, die den unteren Sockel der Treppe untersucht hatten.

„Wir haben den Eingang gefunden,“ keuchte dieser, als er sie erreicht hatte.

„Es ist dort in der Felswand, wie ich es in Erinnerung hatte.“

„Falm, war bei den Kriegern dabei, als sie den Tovoks folgten,“ Erläuterte Zimoke.

„Die Treppe führt direkt zum Hochplateau der Sieben Seen. Die Eure Stadt stand wohl einst darauf, bevor sie in den Berg versank. Heute ist dort oben nur Sorwin, eine Bergfest Coceons. Vermutlich gehören die Tovoks zur Besatzung und haben beim Herumstreifen den Eingang zur Stadt entdeckt.“

Tralzio schürzte die Lippen aber seine Augen glitzerten bei der Aussicht darauf vielleicht die Stadt seiner Vorfahren zu sehen.

„Dann müssen wir die Ponys hier lassen?“

Zimoke nickte.

„Die Eingangshöhle ist wohl groß genug, dass wir sie dort lassen können. Wenn wir Glück haben brauche wir sie später noch.“

„Also gut, dann los,“ brummte der Faun.

~

Lange hatte Sitar zusammen gekauert am Anfang der engen Röhre gesessen und nur in größter Anspannung und Angst auf alle Geräusche gelauscht.

Wussten die Tovoks von diesem Seitenschacht im Brunnen?

Würden sie, sie aufstöbern?

Doch nachdem sie etwa eine halbe Stunde in der Dunkelheit ausgeharrt hatte, war sie endlich zu der Überzeugung gelangt, dass sie wohl annahmen sie sei abgestürzt.

Schön und gut, dachte sie, doch was nun?

Sie saß in einer engen Erdröhre, mitten in einem Berg und einem Höhlensystem, aus dem sie niemals würde alleine herausfinden können.

Sie würde also entweder verhungern, denn ihr Proviant war bei der schnellen Flucht verloren gegangen, oder würde sich letztendlich doch den Tovoks stellen müssen und von ihnen vermutlich erschlagen.

Sie presste die Zähne aufeinander und konnte sich einer Anwandlung von Verzweiflung nicht erwehren, die ihr die Tränen in die Augen trieb.

Nur alles Hadern nützte ihr nichts und so entschloss sie sich dazu den Gang endlich vorsichtig zu erkunden.

Die schmale Röhre war offenbar eine Art Luftschacht, konnte aber auch ein Tierbau sein.

Es roch nicht angenehm und der Gang war mit einem üblen Schleim überzogen, doch sie arbeitete sich nun auf Händen und Knien voran.

Bei jedem Geräusch hielt sie jedoch angespannt den Atem an.

Jeden Seiteneingang ignorierte sie, hauptsächlich wegen des bestialischen Gestankes, der aus den meisten von ihnen hervor drang und weil sie bisdahin alle noch enger waren.

Was der Geruch bedeuten konnte, wurde ihr erst wirklich bewusst, als sie das lauter werdende Geräusch, ein Schaben von Schuppen gegen Stein, nicht mehr überhören konnte.

Da war etwas in diesen Gängen.

Was sollte sie nun tun?

Ihr Herz klopfte wild, doch sie spürte dass die Macht noch immer in ihr pulsierte.

Offensichtlich hatte die lebensbedrohende Situation die letzten Fessel ihrer magischen Sinne gelöst, aber ansonsten hatte sie nur noch den seltsamen Dolch, den ihr Gelyoc gegeben hatte, denn die andere Waffe war ihr im Brunnenschacht entglitten.

Das Geräusch wurde lauter.

Wieder ein wenig in Panik, kroch sie schneller, bis ihre Hände und Knie schmerzlich protestierten und ihr zugleich klar wurde, dass sie es trotzdem immer deutlicher hinter sich vernahm und zudem noch ein bedrohliches Klicken, wie wenn zwei Kiefer zusammen schnappen.

Mit äußerster Anstrengung zwängte sie sich weiter durch den Gang, nur bestrebt endlich einen Ausweg zu finden, auch wenn dieser direkt in die Wohnstube der Tovoks führen sollte.

Da gelangte sie plötzlich an eine steil nach unten abfallende Röhre, durch die tatsächlich ein schwacher Schimmer künstlichen Lichts zu ihr herauf drang.

Sie hielt inne und überlegte angestrengt.

Vor ihr führte der alte Gang scheinbar endlos weiter ins Dunkel und in ihrem Rücken kamen die bedrohlichen Geräusche immer näher.

Die abfallende Röhre aber war viel zu steil um zu klettern und zudem wirkte sie selbst für ihren schlanken Körper etwas zu eng.

Wenn sie sich fallen ließ, wie tief ging es hinab?

Und blieb sie womöglich irgendwo hilflos stecken?

Oder schlug sie am Ende mit Wucht auf spitzem oder zu hartem Untergrund auf?

Sie konnte sich den Hals brechen oder zumindest schwer verletzen.

Anderseits hatte sie eine Wahl?

Denn gerade in diesem Moment hörte sie plötzlich laute Pfeif- und Gluckslaute und etwas großes Schwarzes kam um die nächstgelegene Ecke.

Dunkle Netzaugen starrten sie böse an, eine Gänsehaut überkam sie und mit einem Schrei der Verzweiflung ließ sie sich in die Röhre fallen.

Sie rutschte und rieb sich schmerzhaft im Fall an den steinigen Wänden, doch zum Glück senkte sich die Röhre bald in einem sanften Bogen ab, so das ihre Fallgeschwindigkeit schon nach kurzer Zeit abgebremst wurde und sie durch eine lockere Geröllschicht mehr rutschte als fiel.

Weitere blutige Schrammen und leichte Blutergüsse blieben ihr jedoch nicht erspart, bis ihr Fall schließlich und abrupt von einem harten Eisengitter gestoppt wurde.

Erleichtert bließ sie die Luft aus den Backen.

Schwammiges gelbliches Licht, drang aus einem Raum dahinter hervor.

Trotz einiger Schmerzen, hielt sie den Atem an.

Dort im Raum hing jemand an den Füßen von der Decke.

Er war gefesselt und geknebelt, schien aber ansonsten unversehrt und funkelte mit großen Augen in ihre Richtung.

„Gelyoc!“, flüsterte sie.

Durch den Sturz hatte sich das Gitter gelockert, sie spürte, wie es unter ihren Füßen zu rutschen begann und nachgab.

Sie gab ihm noch einen heftigen Tritt und stürzte hinter dem Gitter her in die Kammer, auf harten Steinboden.

„Autsch!“

Sie rieb sich den Hintern, stand auf und schaute sich hastig um.

Der Raum war merkwürdig rund und hatte nur eine niedrige Tür.

Nachdem das Getöse des ihr nachrutschenden Gerölls verklungen war, lauschte sie auf Schritte oder sonstige Geräusche, die von Tovoks kommen könnten, doch was sie vernahm war nur Gelyocs Zappeln und seine bisher vergeblichen Versuche ihre Aufmerksamkeit zu gewinnen.

Sie lächelte ihn säuerlich an.

Dann seufzte sie und ging zu ihm hinüber.

„Ich kämpfe um mein Leben und Du hängst hier einfach rum.“

Er funklete sie böse an.

Mit dem Dolch schnitt sie die Fesseln durch und löste ihm dann den Knebel.

Der Halbtroll hustete und spukte, dann brustete er los:

„Wurde ja auch Zeit, das du kommst.“

Sie nickte und grinste.

„Wo sind die Tovoks?“

Er zuckte mit den Schultern.

„Ich hab das Gefühl, sie planen was Größeres, denn sonst hätten sie sich mehr Zeit für mich genommen.“

„Was meinst du damit?“

Er gab keine Antwort, sondern huschte zum Ausgang um hinaus zu spähen.

„Jedenfalls, ist das hier eine ganz merkwürdige Höhle. Sie haben mich durch eine riesige Halle geführt, mit seltsamen Geräten, die Geräusche machten und Dampf und Rauch aus bliesen wie Drachen. Dort waren Hunderte von Tovoks an der Arbeit, sie bauten an irgendeinem Ding mit einem langen Rohr.“

Sitar verzog zweifelnd den Mund.

„Und dann“, fuhr Gelyoc fort, „kamen wir durch ein lange Kammer mit Statuen“

Sitar brummte. „Ukari?“

Gelyoc hob die Schultern.

„Ich denke schon, obwohl sie auf den ersten Blick wie Tiere wirkten.“

Die Fee hob die Augenbrauen. „Du meinst zum Teil? Waren sie unversehrt?“

„Na ja, sie sahen sogar ziemlich lebendig aus, als ob sie schliefen. Komm, ich denke ich finde den Weg dort hin.“

Sie huschte zu ihm hinüber.

„Dann hatte also Tralzio Recht und die Alten seines Volkes existieren noch.“

Er brummte.

„Aber, wir können erst einmal wenig für sie tun, denn wir müssen vor allem Wasser und was zu Essen finden. Auf die alten Legenden, kann ich so lange verzichten. Trotzdem ist es der Weg hinaus, wir werden sehen.“

„Ja gut,“ antwortete Sitar „vielleicht können wir auch beides tun.“

Aber sie folgte ihm, als sie bemerkte, das er ihre Worte offenbar nicht mehr gehört hatte.

Nun führte Gelyoc sie einige Gänge hin und her, bis sie zu einer Tür gelangten.

Dahinter vernahm man ein ungewöhnliches Rauschen, wie das eines beständig laufenden Mühlrades.

Sitar hatte plötzlich eine Vision vor Augen, von den vielen Wasserfällen im Wald von Fejan, die dort die Räder zahlreicher Baummühlen mit Wasser speisten und äußerte dies auch.

„Was ist das?“ Flüsterte sie.

„Ja, es ist eine Art Mechanismus wie bei einem Mühlrad, er erzeugt Kälte.“

Sitar blickte ihn an als sei er nicht ganz bei Trost.

Er nickte lachend. „Du wirst sehen.“

Dann schob er vorsichtig die Tür auf und sie blickten nun in einen Raum mit Statuen.

Gelyoc zog sie mit hinein und beinah sofort spürte sie die eisige Kälte die dort herrschte.

In der gegenüberliegenden Wand, drehte sich ein Rad, von dem das Geräusch und die Kälte offenbar ausging.

Staunend betrachtete Sitar das Ding. „Unglaublich aber warum?“ Brachte sie hervor.

„Ich denke es hält sie am Leben.“

Flüsterte Gelyoc.

Irritiert wandte sich die Fee den Statuen zu.

Sie blickte sich um und gewahrte nun, dass ganze zwölf Statuen im Raum standen.

Sie stellten unterschiedliche Wesen in typisch ukarische Halbtiergestalt da.

Ein Minotauer, ein Zyrlot, ein Mantikor, ein Anitaur usw.

Ihr Erstaunen wuchs während sie die Statuen einzeln musterte.

Sie hatte von Totenritualen auch bei den Elfen gehört, die absonderlich waren, aber so etwas?

Zumal die Gestalten, wie Gelyoc behauptet hatte, tatsächlich unversehrt schienen und trotz der Feuchtigkeit in der Höhle, keinerlei Verwesungsanzeichen aufwiesen. War es wirklich die Kälte?

Sie wirkten in ihrer mamorhaften Starre wirklich als würden sie nur kurz ausruhen.

Sie konnte sich kaum von diesem Anblick losreißen, als Gelyoc plötzlich sagte:

„Ich glaube dies alles ist ein Trugbild.“

Sitar begab sich näher zu ihm hin und da fiel ihr auf, dass der Raum ansonsten sehr alt und staubig war und deutliche Anzeichen des Verfalls aufwies.

Ein weiteres merkwürdiges Monument stand in seiner Mitte.

Es war bei näherem Hinsehen wohl ein in den Stein gehauener Baum.

Sie betrachtete es genauer. Der Baum sah dabei irgendetwas ähnlich, das sie kannte.

Ja, nun wusste sie was es war.

Das Symbol auf der Säule und auf dem Dolch.

Gelyoc war auch darauf zugegangen und wies nun auf ihren Gürtel.

Sitar nickte.

„Du gabst mir den Dolch, aber woher hast Du ihn?“

Er seufzte.

„Ich entdeckte ihn bei Tralzio ganz zufällig, in einem Geheimfach und irgendwie hatte ich das Gefühl ihn mitnehmen zu müssen.“

Sie schmunzelte und wandte sich wieder dem Monument zu und nun fiel ihr noch etwas auf.

In der Mitte des Baumes fehlte ein Stück.

Sie schnappte nach Luft.

Die Aussparung hatte genau die Form des Dolches!

ja, so schien es und unter der Form, entdeckte sie eine schmale Rinne, die sich verzweigte und tatsächlich und zu jeder der Statuen führte.

Sie zog langsam den Dolch aus der Scheide.

Was würde passieren wenn sie ihn jetzt einpassen würde?

„Der steinerne Baum ist der Baum des Lebens, dessen Saft nach der Legende der Ukari, den Weg zurück aus dem Totenreich weißt und die Wiedergeburt der Ersten ermöglicht.“

Flüsterte Gelyoc, der ihre Absicht erkannte.

„Als Tralzion dies den Gombar erzählte vor drei Tagen, hatte ich schon eine Ahnung, was die Waffe bedeuten konnte.“

Er biss sich auf die ledrigen Lippen. „Ich dachte einen Moment daran ihn Tralzio zu zeigen, doch irgend ein Gefühl hielt mich davon ab.“

Sitar wollte etwas antworten, doch dann wurde am anderen Ende der Kammer ein schweres Tor geöffnet und eine handvoll Tovokkrieger kam, ein zappelndes Wesen vor sich her treibend, herein.

Sitar und Gelyoc duckten sich rasch hinter die nächste Statue.

Sie hörten einen Angstschrei, dann ein schmerzhaftes Stöhnen, das abrupt verstummte.

Lautes, raues Gelächter folgte.

Dann warf man einen Körper offenbar in eine der herumstehenden vereisten Holzwannen.

Sitar drehte sich der Magen um, als ihr bewusst wurde, dass sie hier ihre Nahrung frisch hielten.

Sie konnte nur mit Mühe einen verräterischen Laut vermeiden und war gerade froh darum,

als Gelyoc neben ihr laut nieste.

Sofort fuhren die Letzten der Tovoks, die, die Kammer schon fast verlassen hatten herum.

Sitar verdrehte die Augen zu Gelyoc hin, der entschuldigend die Hände empor hielt.

Doch es nützte nichts, sie waren entdeckt.

Sie tauschten einen entschlossenen Blick aus, während die Tovoks im Laufschritt sich näherten.

„Feenmacht sei mit mir“, murmelte Sitar und sprang hinter dem sie verbergenden Sarg hervor.

Verblüfft aber kampfbereit blieben die vordersten Tovoks stehen.

Jetzt sprang Gelyoc rechts von ihnen hervor und riss einem, der davon überraschten Krieger, die Axt aus der Hand, während er ihm in einer fließenden Bewegung den Stiel derselben gegen den Kopf hieb.

Sofort brach Geschrei und Tumult aus.

Sitar lies einen magischen Pfeilhagel aus der Macht zwischen die Tovoks schießen und sprang Richtung Lebensbaum vor.

Die Überzahl war nicht groß, doch ihr war ein verrückter Gedanke gekommen, der sie beflügelte.

Sie lief weiter aber ein Tovok, der ihrem Angriff hatte ausweichen können schnitt ihr, in der Hand ein schartiges Schwert, den Weg ab.

Sie konzentrierte sich und rief Höllenqualen auf ihn herab, so das er, sich vor Schmerz windend, zusammenbrach.

Im selben Augenwinkel, sah sie, dass Gelyoc unterdessen hart von drei Angreifern bedrängt wurde.

Ein weiterer, besonders großer Tovok verhinderte jedoch durch seine Attacke auf sie, dass sie ihm beispringen konnte.

„Geh aus dem Weg!“ Fauchte sie, doch er sah sie leider nur finster und verständnislos an.

„Schön“, rief sie, „Feuermacht!“

Eine Flamme zuckte aus ihren Händen auf ihn herab und während sie förmlich berauscht war von ihren magische Kräften, verspürte sie zugleich das jeder ihrer Zauber, an ihrem Körper zehrte, und eine starke Müdigkeit in ihr auslöste.

Angst beschlich sie, das die Macht in ihr, wie Tralzio es immer wieder ausgedrückt hatte, zwar gewaltig doch zugleich nicht beherrschbar und launisch sei und dass sie all ihre körperliche Kraft aufzehren konnte.

Dieser Moment der Unsicherheit reichte aus, die Flammen zu versiegen und der, nun zwar vom Feuer versenkte, aber keineswegs weniger lebendige Feind, warf sich brüllend auf sie.

Gelyoc kämpfte sich unterdessen frei und mit verzweifelten, kräftigen Attacken eines Stück eines Balkens, den er hastig ergriffen hatte, drängte er seine Angreifer etwas zurück.

Es waren inzwischen nur noch sieben, doch man konnte nicht wissen wie viele noch in Höhrweite waren.

Sitar traf der Angriff des Tovok, der seinen schweren Körper auf sie warf und ein schrecklich schmerzhaften Stich, fuhr ihr durch die Rippen.

Das konnte nur das Ende sein, dachte sie und das raubtierhafte Grinsen des halb verkohlten Kopfes über ihr schien genau die gleiche Ansicht auszudrücken.

Sie versuchte eine letzte Anstrengung und riss den Dolch in ihrer Hand nach oben, der auch wie aus eigener innerer Kraft eine blutige Spur über der Brust des Tovoks beschrieb.

Sein Grinsen erstarrte.

Gerade noch wälzte sie sich unter ihm fort als der Körper erschlaffte und ein Schwall von Blut sich neben ihr ergoss.

Sie hatte kaum Zeit einen Blick auf die eigene hässlich Brustwunde zu werfen, denn der zweite Tovok hatte sich erholt und drang auf sie ein.

Nur mit Mühe wehrte sie die heftigen Schläge seines Schwertes mit der kleinen, wie ihr schien eher nutzlosen, Klinge ab.

Gelyoc war inzwischen ebenfalls wieder zurück gedrängt worden und focht nach beiden Seiten in einer Lücke zwischen zwei Statuen.

Rasch schätzte Sitar die nur noch wenigen Schritte zum Lebensbaum ab.

Vielleicht waren es Fünf?

Doch es würde ihr nicht gelingen ihrem Angreifer ungeschoren den Rücken zuzuwenden, oder doch?

Da spürte sie es, die Macht kehrte zurück.

Blitz! Rief sie und ein gleißendes Licht blendete für Sekunden den Tovok, der erschrocken den Arm vor die Augen nahm.

Das reichte ihr aus.

Sie sprang zum steinernen Baum, passte den Dolch in die Fassung und beinah sofort hörte man ein lautes Knacken, wie das Einrasten eines Hebels.

Im selben Moment wurde ihr klar, dass sie nun keine Waffe mehr besaß und der Tovok bereits schon wieder wütend auf sie zustürzte.

Eine bange Sekunde lang geschah auch scheinbar nichts, doch dann hörte man ein Gurgeln, dem ein Sprudeln folgte und eine Fontäne roten Wassers, oder war es Blut?, kam aus dem Inneren des Lebensbaumes hervor geschossen und ergoss sich in die steinernen Rinnen.

Dort floss es dampfend und in Windeseile zu den Statuen hin. Auch die Augen der Tovoks verfolgten verdutzt das Schauspiel, jede Kampfhandlung war plötzlich erstarrt.

Wenige Augenblicke später stieg ein Nebel von den Statuen auf und Mark erschütternde Schreie ertönten, die Sitar und auch allen anderen die Haare zu Berge stehen ließen.

Oh ihr Götter, was hatte sie hier aufgeweckt?

Die Tovoks hatte der Schreck offenbar vollends ergriffen, sie flohen so schnell sie konnten und ließen Sitar mit einem halb erschlagenen Gelyoc zurück.

Der Halbtroll zog ein Bein nach, wie sie bemerkte und sie reichte ihm ihren Arm um ihn zu stützen.

„Rasch raus hier“, flüsterte er mit vor Schmerz zusammengebissenen Zähnen.

Ein blaues Licht umgab nun die Tierwesen und als sie fast das Tor erreicht hatten erwachten diese zum Leben.

Ihre Augen richteten sich auf sie und der, welcher den Unterleib eines Bären hatte, sprach mit laut dröhnender Stimme:

„Aluman reh, gohr et minalu semal.“

Und als sie ihn unglücklich anschauten, sagte er in sehr altem Quendar:

„Wir danken Euch Fremde, ihr habt uns aus unserm Schlaf erweckt, der die Zeit überwunden hat.“

Die dunklen Augen des Sprechers ruhten auf Sitar und sie verspürte ein seltsames Gefühl, das eine Mischung war aus Furcht und Erleichterung.

Tralzio hatte also recht gehabt, aber war das ihre Rettung oder ihr Untergang?

~

Der Weg nach Coceon war weniger gefahrvoll als sie erwartet hatten.

Es gab viele Truppenbewegungen, aber die meisten im Tal und nicht auf den Kohrpfaden.

Es gelang ihnen so dicht an die Hauptstadt des neuen Königs heran zu gelangen, dass sie die Türme gut erkennen konnten.

Zu ihrer Enttäuschung, war die Stadt selbst auch noch voller Ritter und Fußvolk, das in Zeltstädten auf den Wiesen um die vor der Stadt trohnende Wasserburg lagerten.

Die Abteilung der fünfzig Gombar hatte Unterschlupf in einer der vorgebirglichen Salzhöhlen gefunden, die nicht mehr ausgebeutet wurden.

Vom Plateau vor der Höhle konnte man bequem hinab ins Vierstromtal sehen und als der Tewir nun nachdenklich am Rand des Abgrundes stand, gesellte sich Asherima, Zimokes Tochter, und Anführerin der Gombartruppe zu ihm.

„Es wird Zeit, dass ihr uns den ganzen Plan verratet“, sagte sie und Varo nahm die deutliche Spur von Ungeduld in ihrer Stimme war.

Er blickte sie an und ein breites Grinsen stahl sich in seine Gesichtszüge, so dass sie ihn ärgerlich musterte.

Dann öffnete er seinen Mantel und holte darunter Wadir hervor.

Asherima sog überrascht die Luft ein.

„Ihr habt das Schwert!“ agte sie leise.

„Ich dachte Mutter wollte es mit auf den U’wang, in Helarion nehmen?!“

„Nun“, sagte Varo seelenruhig, „Eure Mutter hielt es für ratsamer, dass es zunächst für unser Vorhaben zum Einsatz kommt. Später kann es immer noch jemand zu eurem heiligen Hain tragen, aber dann ist es gewiss, dass ihr damit etwas bewirkt.“

Asherima schüttelte ungläubig den Kopf.

„Wie meint ihr das?“

„Wenn dieses Schwert allen Trollen heilig ist, so habe ich es doch richtig verstanden, dann werden sie es wohl erkennen und jenem Troll folgen, der es trägt und sich somit als ihr König erweist oder?“

Die Trollgear nickte langsam.

Er wies auf das Heerlager unter ihnen.

„Nun, sind viele diese Kämpfer dort Trolle oder nicht?“

Sie folgte seiner ausgreifenden Handbewegung und nickte.

„Und sie sind Anführer der Clans, die Dionel die Treue geschworen haben.“

Wieder stimmt sie ihm zu.

Sein Grinsen bekam einen zufriedenen Ausdruck.

„Aber, wie wollt ihr es einsetzten? Ich verstehe nicht. Sie werden wohl kaum Euch, einem Tewir, folgen.“

Er lachte.

„Nicht ich, ihr müsst es tun, seit ihr nicht Zimokes, und was noch wichtiger ist, Jargs Tochter und damit eine Erbin und Trollgear alten Blutes?“ antwortete er trocken.

„Eure Mutter weihte mich in diese alte Sitte Eures Stammes ein. Das Bruder uns Schwester die rituelle Nacht miteinander verbringen. Ich dachte sie würde Euch auch ein wenig in ihre Pläne eingeweiht haben.“

Asherima blickte ihn finster an.

„Ich denke sie wusste, dass ich die Verantwortung abgelehnt hätte, solange sie am Leben ist,“ murmelte sie.

Bei diesen Worten blieb ihr Blick an den endlosen Zelten unter ihnen hängen.

„Wir sollen sie also gar nicht angreifen?“

Varo blickte sie spöttisch an.

„Mit fünfzig Mann?“

Sie verzog verärgert den Mund.

Er machte darauf eine beschwichtigende Geste.

„Kenne ich denn die Gewohnheiten der Trolle besser wie ihr? Morgen wird ein neuer Menschen-König gewählt und wie der Alte verlangt er die Treue eures Volkes. Und er wird sie erhalten, denn Dionel ist der sie die Treue schwören, wenn auch zähneknirrschend.“

Er blickte sie an, dann fuhr er fort:

„Doch für einen solchen Schwur muss es zuvor eine Abstimmung in der Versammlung der Trollgear geben, ein Uw’ang unter den Feldherren der Tovoks und Gobons. Nicht wahr? Eure Mutter glaubt, das ist der richtige Zeitpunkt.“

Asherima nickte langsam.

Er fuhr fort:

„Wir werden also gemeinsam hinab reiten und ihr werdet das Schwert tragen, dann werden sie Euch passieren lassen und ihr werdet sprechen dürfen.“

Bei diesen Worten reichte er ihr die Klinge.

„Aber was ist mit der Zusammenkunft in Helarion?“ Sagte sie zögernd.

Varo grinste wieder.

„Wenn wir Erfolg haben und Euer Volk die Ketten abgeschüttelt hat.“

Er lächelte. „Eine schlauer Plan, nicht wahr?“

Asherima überlegte, doch dann nahm sie die Waffe, erst zögernd und schließlich entschlossen aus seiner Hand entgegen.

„Das passt zu meiner Mutter.“ Sagte sie trocken.

Varo hob belustigt die Augenbrauen.

„Auch zu Euch, wie ich sicher glaube, Ihr seit ihre Tochter.“

Asherima nickte und ihre Augen glitzerten in plötzlicher Entschlossenheit.

„Ich werde es tun“, sagte sie schließlich.

„Gut,“ antwortete Varo.

Derweil werde ich den zweiten Teil des Planes umsetzen, dachte er, weniger ruhmreich, aber ebenso zweckmäßig.

Er blickte kurz skeptisch zum Himmel.

Noch hatten sie keine Drachen gesehen, doch er wusste, dass auch wenn es ihnen gelänge die Trolle auf ihre Seite zu bekommen, der Krieg erst richtig beginnen würde.

~

Elthor riss die Tür zum Gemach seiner Gattin auf und stürmte ins Zimmer.

Heute war sein ganz besonderer Tag und er wollte Ydiare in seiner Nähe wissen.

Doch sie war nicht da! Wo war sie?

Verärgert wandte er sich an eine der Dienerinnen, die damit beschäftigt waren die Gemächer der Königin zu reinigen.

Doch niemand wusste etwas über ihren Verbleib.

Er stürmte hinaus und sah sich in den Gängen vor dem Gemach fragend um.

Irgendetwas war anders heute als sonst, das spürte er.

In der Versammlung der Fürsten war sie nicht erschienen und auch nicht zum Ehrenmal danach.

Zudem war er am Morgen erwacht mit einem starken Kopfschmerz und einer Leere in den Gedanken.

Seine Träume waren leichter gewesen als in den Wochen und Monaten zuvor, irgendwie war es ihm vorgekommen als wenn er von einer schweren Last befreit gewesen sei.

Als er in der Versammlung zur Krönung plötzlich bemerkt hatte, dass eine merkwürdige Stille eintrat, als er von seinem Erbrecht auf die Krone sprach, wusste er, es war etwas falsch in seinen Gedanken.

Wo war Ydiare, sein Halt, seine Überzeugung?

Sie war doch immer bei ihm, hatte ihm Stärke gegeben und Kraft.

Ohne sie wusste er nun plötzlich nicht mehr was richtig war und was falsch.

Seine Brüder waren tot. Sie hatten die Krone verraten, war es nicht so?

Adrohn brauchte einen starken König und Arkur vielleicht sogar wieder einen Kaiser.

Ydiare hatte es in ihren Worten immer so klar und deutlich sagen können.

Er und die Fürsten wussten immer, das dies die Wahrheit und das Recht war oder nicht?

Aber heute morgen war es als lichte sich ein Nebel in seinem Kopf und zugleich wurden diese bohrenden Zweifel im selben Maße immer heftiger.

Er riss sich aus den Gedanken und lief in irgendeine Richtung.

Doch schon nach wenigen Metern geriet er ins Stolpern, er taumelte durch die Gänge, vor seinen Augen verschwamm alles und schon im nächsten Moment spürte er den Schmerz als er auf die harten Marmorfliesen stürzte.

Dann noch mehr Schmerz, der die Kehle hinab lief zum Magen.

Er fühlte voller Ekel wie sich Erbrochenes um ihn ausbreitete.

Ein letzter Gedanke kam ihm und ein schrecklicher Verdacht.

Der Diener Ydiares, dieser schlangengesichtige Kerl, den er nie leiden konnte.

Während der letzten Audienz mit Ydiare am Vorabend, hatte er ihm einen Kelch gereicht, den er hastig in einem Zug ausgetrunken hatte.

Nun sah er Ydiares Lächeln in diesem Moment vor sich.

Hatte sie ihn vergiftet?

Sein Aufregung vor dem heutigen Tag war so groß gewesen und sein Vertrauen in sie grenzenlos.

Was für ein Narr war er gewesen! Welch ein schrecklicher Fehler!

Er spürte die Schwere seiner Zunge und seine letzten Gedanken entflohen im Nichts.

Warum?!…

Wenig später fanden die Wachen seine Leiche und kurz darauf eine zweite leblose Gestalt im Burggraben der Seeburg.

Ydiares Körper war zerschmettert.

~

Die Ukari bewegten sich langsam auf sie zu, doch ihre Schritte wirkten dabei gespenstisch kraftlos.

Gelyoc entrang sich ein Räuspern und seine spitzen Ohren erfassten zugleich neue, beunruhigende Geräusche aus der Halle nebenan.

Sitar sah zunächst ihn, dann den Bärenfaun an, welcher zu ihnen gesprochen hatte.

Dessen Miene drückte nun Entschlossenheit aus.

„Was ist hier geschehen, wer seit ihr?“

Flüsterte sie auf Quendar halb zu sich halb zu jenem Auferweckten.

Unmerklich lächelte dieser.

Dann öffnete er den Mund und sprach:

„Hirazio ist mein Name, vom Volk der Ukas, aus der Stadt Atalantea, im Land Helarion.“

Sitar lächelte unsicher und antwortet ihm:

„Mein name lautet Sitar, eine heimatlose Fee, bei den Elfen von Fejan aufgewachsen und dort steht Gelyoc, Halbtroll und Magierschüler von Nevlon.“

Ihre Stimme wurde kräftiger.

„Ihr seit Ukari, wie Ihr ja selbst sagt und wir sind erfreut Euch zu sehen. Wir sind bekannt mit einem Ukari, sein Name lautet Tralzio. In seinem Besitz war der Schlüssel zu eurer Erweckung, wie es scheint.“

Hirazio blickte sie ernst an während die anderen Ukari weiter stumm blieben.

„Wie viele Jahre sind vergangen?“

Sagte er schließlich.

Sitar blickte fragend zu Gelyoc.

„Ich weiß nicht von wan ihr rechnet, aber die Menschen zählen das Jahr 1566 nach Varahm,“ antwortete der Halbtroll an ihrer Stelle.

Die Miene des Faun schien sich bei diesen Worten zu verfinstern.

„Menschen?“

„Endar.“

Fügte Gelyoc rasch an.

Hirazio seufzte, „ich kenne diese Zeitrechnung nicht, aber ich fürchte, wir haben sehr lange geschlafen und es ist ein Wunder, das wir nun tatsächlich ins Leben zurück gekehrt sind, seit bedankt dafür.“

Dann huschte etwas wie ein dunkler Schatten über sein Gesicht und er fügte hinzu:

„Gibt es noch Drachen auf dieser Welt?“

Sein Blick streifte bei diesen Worten die übrigen Ukari, die in unterschiedlich halbtierischer Gestalt neben ihm standen und offensichtlich ebenso gespannt auf die Antwort waren.

„Wir retteten uns vor der endgültigen Niederlage gegen sie, in den ewigen Schlaf. Doch es gab einige wenige, die weiter kämpften.“ Fügte er nun an.

Sitar nickte, „von diesen muss unser Freund Tralzio abstammen. Die Drachen wurden nach dem zweiten Drachenkrieg, von dem Gott Aulon ins Eisland verbannt, durch ein Bündnis der Sieger.“ antwortete sie.

Einige der Ukari seufzten hörbar auf, doch Sitar schüttelte den Kopf.

„Ich fürchte aber es gibt schlechte Nachrichten, denn die Geflügelten versuchen kehren in diese Welt zurück.“

Hirazio entfuhr ein Fluch in seiner Sprache und Gelioc meinte trocken:

„Ja, schlechter Zeitpunkt, aber gerade deswegen haben wir euch erweckt. Mein Meister war der Meinung ihr verfügtet in Eurer Zeit über Waffen, mit denen man die Drachen besiegen könnte.“

Ein Faun mit dem Unterleib eines Zyrloten wandte sich mit einer schnellen Ansprache an seinen Anführer, sein Gesicht drückte Besorgnis aus.

Dann antwortete Hirazio:

„So scheint es das diese Welt, sicher nicht mehr die gleiche ist und doch die Gefahren, denen wir damals zu entkommen versuchten noch immer nicht ganz gebannt sind.“

„So ist es,“ brummte Gelyoc und zu Sitar gewandt, sagte er:

„Ich frage mich wie uns diese alten Tierbärte helfen sollen, wenn sie schon damals vor den Drachen geflohen sind?“

Hirazio hatte das offenbar verstanden und warf ihm einen ärgerlichen Blick zu.

„Es war nicht Feigheit, wenn ihr das meint Endar. Wir besaßen mächtige Waffen gegen die Drachen, aber wir waren am Ende einfach zu wenige um sie besiegen zu können.“

In dem er das sagte, wurde nun plötzlich die Doppeltür erneut aufgestoßen und eine schwer bewaffnete Abteilung Trolle stürmte mit Gebrüll herein.

Sie hatten sich offenbar von ihrem Schrecken erholt.

Sitar schnappte nach Luft und Gelyoc stöhnte vernehmlich, doch Hirazio vor ihnen, richtete sich auf und wandte sich ruckartig zu den Eindringlingen um, seine Artgenossen taten es ihm gleich.

Sie zogen zu Sitars Verblüffung, etwas aus ihren Fellen hervor, als habe es Taschen, es waren kurze leuchtende Stäbe.

Diese richteten sie nun auf die Trolle und ein flimmerndes Licht zischte den Angreifern entgegen und streckte sie allesamt nieder wie Grashalme.

Nach wenigen Augenblicken war es vorbei. Sitar und Gelyoc standen mit offenen Mündern daneben.

Doch schon erklangen Hörner und Trommeln von hinter der Doppeltür und es war mit dem Erscheinen einen noch größeren Schar von Tovoks zu rechnen.

„Es gibt kein Entrinnen,“ flüsterte Gelyoc, Sitar zu.

„Auch wenn unsere neue Freunde hier, augenscheinlich tatsächlich über Zauberwaffen verfügen. Ich nehme also zurück was ich eben gesagt habe und lass mich dafür auch gerne einen Mensch schimpfen. Vielleicht können wir sie doch gebrauchen. Falls wir hier jemals raus kommen.“

Der Anführer der Ukari wandte sich unterdessen rasch wieder zu Sitar und Gellioc um und gab ihnen ein Zeichen, näher zu kommen.

Mann konnte inzwischen hören das sich weitere Trolle und diesmal wohl auch größere Wesen näherten.

„Ich erkenne dieses Volk, es waren zu unserer Zeit edle Dundar, warum greifen sie uns an?“

Sagte Hirazio.

„Sie dienen einer bösen Feenkönigin, die auch für die Befreiung der Drachen verantwortlich ist,“ antwortete Sitar zähneknirschend.

„Ahh!“ Rief der Faun und streckte die Hand hoch empor.

„Dann werden sie sterben müssen, kämpft mit uns!“

„Was?“

Stieß Gellioc hervor „Ist er verrückt, fällt mir nicht ein, mich dieser Übermacht entgegen zu werfen.“

„Schau doch was er macht,“ antwortet Sitar.

Der Ukari betastete nun die Wand direkt neben sich, Gelyoc und Sitar erkannten, dass sie bemalt war und offenbar eine ihnen unbekannte Stadt darstellte oder einen großen Tempel, der von Mauern und Kanälen umgeben war, die in einer Richtung sich öffneten, so dass, es aussah wie ein Baum.

„So wie der Lebensbaum mit den Blutkanälen“, murmelte Sitar und warf einen kurzen Blick zurück zu dem Steinernen Baum.

Dann gab Herazio seinen Leuten irgendeine Anweisungen, die daraufhin hastige in der Kammer allerlei Gerätschaften aufsammelten.

Als sie weiter die Wand anstarrten, erschien dort plötzlich ein Lichtbogen. Hirazio gestikulierte nun drängend zu ihnen hinüber und lächelte entschlossen.

„Folgt uns, dies ist der Weg in unsere alte Heimat.“

Sitar und Gelyoc sahen sich an, dann lösten sich beide von ihrer Überraschung und schritten zu ihm.

Er wandte sich um, ging seinerseits auf die Wand zu und zu ihrem Erstaunen durch den Lichtbogen hindurch.

„Hey, das gibt es doch nicht!“ Rief Gelyoc

Vor der Tür schwoll der Lärm nun erneut an und Sitar antwortete:

„Wir haben wohl keine Wahl, es ist sicher eine magisches Tür“

„Das ist sie Zweifel,“ antwortet er und sie folgten mit den übrigen Ukari ihm rasch nach.

~

Sie liefen durch ein Nirgendwo.

Endlos und schwerelos.

Die Ukari huschten vor ihnen dahin.

Sitar und Gelyoc waren ja schon einmal durch ein magisches Tor gegangen und kannten das Gefühl also.

Trotzdem was es unangenehm.

Doch es kam ihnen vor, als seien die Ukari darin unterwegs, als wäre es ihre zweite Heimat.

Sie ließen sich nicht treiben, sondern eilten sicheren Schrittes voran.

Dabei trugen sie an ihren Gürteln Lichter, die, die Farben der Gänge und Abzweigungen widerzuspiegeln schienen, als gäben sie ihnen Orientierung.

Sitar war sich ganz sicher, ob Hirazio und die anderen offenbar wussten was sie taten und endlich schritten sie hinaus in ein helles Licht und standen auf einer Hügelkuppe, von der aus sie in ein weitläufiges Tal blicken konnten.

Kurz waren sie geblendet vom Tageslicht, doch dann erkannten sie das Bild vor ihnen.

Es war die Stadt mit den endlos, sie umringenden Kanälen, die sie an der Höhlenwand gesehen hatten.

Der Faun wandte sich zu ihnen um und atmete hörbar erleichtert auf.

„Willkommen in Adoner.“

Nach dem ersten Erstaunen, breitete sich jedoch eine beklemmende Stille unter den Neuankömmlingen aus und Gelyoc sagte:

„Ich will Euch ja nicht zu Nahe treten, aber wenn mich nicht alles täuscht, ist das dort unten eine riesige Ruine und zwar schon ziemlich lange.“

Auf Herazios Gesicht, das nun einer weißen erstarrten Maske glich, spiegelte sich das Entsetzen, seiner Begleiter, das plötzlich sogar noch größer wurde und auch Gelyoc und Sitar ergriff.

Denn die Luft begann zu flimmern und das Bild der alten Stadt vor ihnen zitterte und bekam Risse, wie ein Spiegel in den man einen harten Gegenstand geworfen hatte.

Es fehlte auch nicht das Klirren, das in ihren Ohren tönte, das sie sich die selbigen zuhalten mussten.

Sie verloren den Boden unter den Füßen und verspürten wie sie zurück in das Tor gezogen wurden.

Ein wilder unkontrollierter Sog der sie erfasste und mit sich zog.

Sitar vernahm noch ihre eigen Schreie während sie durch die Torwege gewirbelt wurden, in Sekundebruchteilen und dann flog sie hinaus an einen neuen Ort.

Sie sah grün und braune Schatten und spürte harten Boden und dann einen Schlag auf den Kopf, bevor sie das Bewusstsein verlor.

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1 AVESTA Kap. 23 Vers 19
2 Nordweide: So nennen die Menschen von Kargoll selbst ihre Heimat.
3 Lemme: Varaskonisches Maaseinheit, entspricht etwa 5 Fuß; he

KAPITEL: 10

HELARION


Suchst Du einen Ort der Legenden
Ist das nichts als pure Sehnsucht verschwenden
Für jene die sie immerzu blenden
Mit göttlicher Wucht, treibt er sie zur ewigen Flucht.
1

Als Sitar wieder zu sich kam, blickte sie sich verwundert um.

Soweit das Auge reichte lag eine liebliche Landschaft aus sanften Hügeln vor ihr.

Sie sah einen kleinen Bach, der sich geräuschvoll über einen Wasserfall von einer Klippe in nächster Nähe in einen Teich ergoss.

Erstaunt erkannte sie dort einen merkwürdigen Steinkreis.

Sie erhob sich stöhnend aus dem Gras und rieb sich den Kopf.

Ein Stein der neben ihr lag, war offenbar der Verursacher ihrer Ohnmacht gewesen. Sie musste darauf gestürzt sein.

Irgendwie erinnerte sie das an ein Ereignis aus ihrer Vergangenheit.

Wo war sie?

Wo war Gelyoc, wo waren die Ukari?

Wieder hatte ein magisches Tor sie irgendwohin gebracht, doch dieses Mal nur sie allein, wie es schien.

Nein, sie kniff die Augen zusammen, allein war sie nicht.

Sie sah eine Gruppe Gestalten am See und einer von ihnen kam nun auf sie zu.

Sie bließ erleichtert die Luft aus den backen.

Es war Gelyoc.

Als er näher kam sah sie, dass er Wasser in seinem Mantel transportierte.

„Hey!,“ rief er ihr jetzt entgegen, „du bist bei Bewusstsein.“

Er ließ das Wasser auf den Boden platschen.

Sie umarmten sich als er sie erreicht hatte und Sitar merkte wie die erste Anspannung von ihr abfiel.

Es war nicht nur die Erleichterung, nicht alleine zu sein.

Die Geschehnisse in der alten Ukarifeste hatten sie sehr mitgenommen, immerhin waren sie nur um haaresbreite den Tovoks entkommen.

Gelyoc forderte sie auf mitzukommnen und als sie das Teichufer erreichte, sah sie, dass auch die Ukari dort waren und lagerten.

Hirazio lächelte sie müde an.

„Dies ist nun doch das Ende unseres Volkes,“ Sagte er tonlos.

Sitar musste ungewollt lachen aufgrund seines hoffnungslosen Gesichtsausdrucks.

Doch dann nickte sie ernst.

„Der alte Glanz Eurer Städte zumindest liegt in Ruinen,“ Sagte sie nickend.

Hirazio strich sich erneut, was für ihn offenbar typisch war, über den Bart.

„Wenn es noch Nachfahren gibt, ihr spracht davon, wo leben sie? Wo befindet sich dieser Tralzio“

Gelyoc schnaubte.

„Das wüssten wir auch gerne, er wurde von uns getrennt, als wir am Wenkohr von Riesen angegriffen wurden. Möglicherweise ist er tot.“

„Wo sind wir hier? das würde mich zunächst einmal mehr interessieren.“ Sagte Sitar.

„Schau dich um.“ Hirazio zeigte auf den Steinkreis.

Sie folgte seinem Blick und erkannte nun, dass es nicht wirklich Steine waren, sondern Statuen.

Statuen, halb tierisch, halb Menschlich. Es waren ebenfalls Faune.

Sie blickte verwundert zu Hirazio.

Der Ukari presste die Lippen aufeinander, sagte aber schließlich:

„Was wir durch das Tor kurz gesehen haben war ein Trugbild aus der Vergangenheit. Adoner „die Wunderbare“ unsere alte Hauptstadt existieren nicht mehr.“

Er holte kurz Luft.

„Unser Entsetzen darüber hätte uns fast wieder zurück an den Ort unseres Schlafes geschleudert, aber wir konnten es zum Glück verhindern.“

„Wir sind also nun am selben Ort, wo einst Eure Stadt stand. Doch viele hundert Jahre später, vermute ich.“

„Dies sind tatsächlich die Ruinen von Adoner im Land Helarion,“ sagte Gelyoc, „viel ist nicht davon übrig, aber man nennt diesen Ort heute auch, den Hain des ewigen Lebens, oder Hul. Wir befinden uns genau gesagt, in einem großen Tal im Herzen der Eskorlaren. Soweit ich es nach der Beschreibung meines Meisters weiß.“

Hinter dem Statuenkreis erkannte Sitar nun plötzlich einen kleinen Wald und zu ihrer Verblüffung bewegte er sich auf sie zu.

Sie starrte, an den Ukari vorbei, diesen mit offenem Mund an.

„Die Dryaden,“ sagte Gelyoc.

„Sie sind die Baumhirten von Helarion, in den Legenden auch denen der anderen Völker von Arkur, heißt es, dies sei der Ort wohin die Götter ginge, nach dem letzten Drachenkrieg.“

Sitar musterte Herazio skeptisch.

„Die Götter, das wart ihr nicht wahr?“

Der Ukari nickte.

„Adoner war unserer Hauptstadt und als der große Angriff kam, entschieden wir durch das Dryadentor zu gehen, nach S’Gorondir, der Bergstadt im Kohr um dort unseren langen Schlaf zu suchen.“

Sitar schluckte und wies mit der ausgestreckten Hand zum Wald.

„Aber die Dryaden gibt es noch?“

Hirazio nickte und folgte ihrem Blick.

„Es ist eine Sinnestäuschung.“

Er stand nun auf und sah sich an den Hängen der Berge suchend um.

„In früheren Zeiten führte eine Straße aus dem Tal, über einen Bergpass und auf der anderen Seite Richtung Meer.“

„Dort liegt heute die Menschenstadt Estror,“ meinte Gelyoc, „das ist eine gute Möglichkeit um mit dem Schiff nach Worlen zu gelangen.“

Er lächelte Sitar an.

Diese hatte inzwischen einige Schritte auf den Steinkreis zugemacht und nun sah sie plötzlich die schwarzen Streifen auf den Figuren und die verbrannte Erde.

Die Baumreihe dahinter, die ihr noch eben wie lebendig vorkamen, waren ebenfalls verkohlt und zerschmettert.

Entsetzt fuhr sie herum zu den Ukari.

„Es ist wirklich alles zerstört!“ Rief sie.

Hirazio nickte mit betrübtem Gesicht.

„Drachen waren hier und das nicht nur vor Hunderten von Jahren, sondern vor ganz kurzer Zeit.“

~

Tralzio war enttäuscht.

Die Gänge, die auf die Höhle folgten führten sie zwar einen halben Tag in den Berg, aber alle tieferen Zugänge waren verschüttet.

Zimoke fluchte, beschloss aber schließlich umzukehren.

Dann wurde Tralzio und alle anderen freudig überrascht, denn auf halbem Rückweg trafen sie auf Meloragh.

Die Blauelfe hatte den Angriff der Riesen und ihren Absturz mit Hilfe ihrer Magie doch überlebt und war ihrer Spur gefolgt.

Nur von Sitar und Gelyoc wusste sie auch kein Lebenszeichen zu berichten.

Dafür hatte sie beobachtet, dass die Späher abgezogen waren und glaubte dass die Treppe darum weniger riskant zu ersteigen war, als sie gedacht hatten.

Es blieb ihnen nun ohnehin kein anderer Weg, also beschlossen auch ohne Sitar weiter zu gehen und es zu riskieren.

Wenn die Vermissten es doch irgendwie geschafft hatten, würden sie durch den Berg vielleicht auch einen Weg in das Hochtal finden.

Zumindest wollten sie die Hoffnung noch nicht ganz aufgeben.

Als sie zwei Tage später endlich, nach mühevollem Aufstieg, nun auch mit den drei verbliebenen Ponys, das sogenannte Sukojang-Tor1 erreichten, welches den Eingang zum Vildsheu-Hochtal mit dem gewaltigen, langezogenem Warlavan-See bildete, waren sie froh aber auch sehr erschöpft.

Sie konnten sich jedoch keine Pause gönnen, da sie auf dem unteren Platau der Treppe einen Trupp Reiter erspäht hatten, der sehr nach Coceanischen Rittern aussah.

An den Ufern des Warlavan lagen die Dörfer und Äcker der Sorwin-Baronie und die Burg von Ewahn von Vildsheu, die den Eingang zum Gipfelpass des Nowara, des höchsten Berges des nördlichen Notawenkohr, bewachte.

Es hatte tatsächlich keine Angriffe aus der Luft gegeben, was sie jedoch mehr zum Nachdenken brachte, als wäre das Gegenteil der Fall gewesen.

Meloragh, nur knapp dem Tode entronnen, wirkte entschlossener den je und meinte darum:

„Vielleicht haben wir den Abzug der Späher Eurer Tochter zu verdanken, es wird Zeit, dass auch wir in die Offensive gehen.“

Zimoke nickte.

„Ihr könntet Recht haben Gräfin, wenn alles so lief, wie ich es erhoffte, haben wir vielleicht einen Trumpf mehr in der Hand.“

Tralzio stimmte ihr zu und meinte:

„Sorwin liegt trotzdem im Einflussbereich Coceons, das zeigen auch die Tovoks die ihr gesichtet habt. Es besteht die Gefahr, dass wir, wenn die Ritter uns einholen, in der Falle sitzen.“

„Ihr glaubt der Baron steht nicht bedingungslos zu Elthor, ich sehe es Euch an.“

Meinte die Gombar.

Meloragh drehte sich zu ihr um und zog dabei ihre Felljacke enger.

Sie lächelte dünn.

„Ich kenne Ewan gut.“ Sagte sie zu Tralzio gewandt.

„Er stand schon immer am liebsten auf der Seite seines eigenen Vorteils. Das könnte uns nun in die Karten spielen, wenn wir uns geschickt anstellen.“

Tralzio hoffte das sie Recht hatte, denn er und auch selbst alle Gombar, würden eine friedliche Begrüßung und ein warmes Feuer, jeder Kampfhandlung vorziehen.

Unterdessen begann es zu stark zu schneien.

So, das, das Dorf Vildsheu unterhalb der Burg, als sie es nun endlich sichteten, dal lag, als habe es der Winter schon seit Wochen fest im Griff.

Als sie näher kamen, sahen sie aus mehreren Häusern Rauch aufsteigen.

Vor der Burg lag zudem eine große Zeltstadt.

„Tovoks“, brummte Tralzio ärgerlich.

„Aber man sieht niemanden dort herumlaufen, merkwürdig,“ antwortete Meloragh.

Zimoke gab ihren fünf Gombar das Zeichen, sich nur sehr vorsichtig zu nähern, doch über den baumlosen Schneepfad dem sie vom Tor hinab auf die Hochseeebene folgten, waren sie leider zu gut zu sehen.

Tatsächlich tauchte zwischen den Zelten plötzlich drei Reiter auf und kam ihnen entgegen.

„Verfluch!“ Murmelte Tralzio.

Die Fahne Coceons flatterte im Wind an dem Speer von einem der Reiter.

„Haltet Euch erst einmal zurück,“ flüsterte Zimoke zu Meloragh.

Die Gräfin nickte, ihr Gesicht drückte aber Widerwille aus.

Der vorderste Reiter brachte sein fast ganz weißes Ross vor ihnen zum Stehen und die anderen taten es ihm gleich.

Aus seinem bärtigen Gesicht konnte man Anspannung oder auch Vorsicht lesen, aber keine Feindseeligkeit.

„Hoh, im Namen Baron Wildsheus, wer seit ihr?“

„Ist der Baron in seiner Burg?“

Antwortet Zimoke mit einer Gegenfrage.

Der Ritter nickte, betrachte die Gombar jedoch mit zusammengekniffenen Augen.

„Ihr seit keine Tovoks?“

Zimoke zeigte ihm ihren rituellen Speer, an dem die Trollanführer ihre Clanabzeichen trugen.

„Wir sind Gombar und in Begleitung ranghoher Endar des Königreiches.“

Eine Falte erschien auf der Stirn des Sprechers.

„Vor zwei Tagen zog die Garnision Tovoks, deren Zelte ihr dort vor unseren Mauern zum Teil noch seht, überraschend und über Nacht nach Coceon ab. Drachen fliegen seit einer Woche über den Gipfeln des Kohr und Gerüchte steigen den Berg hoch.“

Er holte tief Luft.

„Wir sind hier oben nicht so viel Veränderung gewohnt. Seit ihr also Freund oder Feind?“

Meloragh trat neben Zimoke, nach einem kurzen Blickkontakt mit ihr.

„Ich bin die Gräfin von Elberak, Baron Ewahn kennt mich gut, bringt uns zu ihm.“

Die Miene des Mannes schien sich leicht aufzuhellen, doch er sagte:

„Gräfin? Ich erkenne Euch nun, doch Elberak, so heißt es hier, sei auf der Seite des alten Königs.“

Meloragh richtete sich, soweit es ihre durchfrorenen Gleider zuließen, zu voller Größe auf.

„Vergesst den Bruderstreit, die Drachen fliegen wieder, wir wurden alle verraten und müssen daher den Krieg untereinander endlich beenden.“

Der Ritter wollte noch etwas erwidern, doch er überlegte es sich anders, als er die strenge Miene der Gräfin sah.

„Kommt mit,“ sagte er schließlich und sie folgten ihm durch die Zeltstadt und das Dorf, welches ebenfalls wie ausgestorben da lag und schließlich zum Burgto hin.

„Wenn die Tovoks hier ihr Lager hatten, ist ein Einstieg in die Feste meiner Vorväter sicher in der Nähe.“ Flüsterte Tralzio neben Zimoke.

Sie nickte. „Möglich, wenn sie ihn nicht ebenfalls wieder zugeschüttet haben.“

Ewahn von Vildsheu war ein untersetzter Mann, der sie zuerst kühl begrüßte und mit zusammengekniffenen Mund anblickte.

Schließlich sagte er mit rauer Stimme:

„Eigentlich sollte ich Euch in Ketten legen lassen, Gräfin.“

„Ihr tut es nicht, weil ihr Zweifel habt.“ Antworte sie kühl.

Er zog die Augenbrauen hoch und musterte die Begleiter Meloraghs der Reihe nach.

Bei Zimoke hielt er inne.

„Wir hörten Gerüchte über ein U’wang der Trolle. Ist das der Grund, dass unsere Tovoks abzogen?“

„Dafür würden nur ihre Anführer gerufen.“

Sagte sie knapp.

Die Gombar hielt seinem bohrenden Blick mühelos stand, bis er ärgerlich zur Seite sah.

„Mein Volk glaubt dass es getäuscht wurde, “ fügte sie nun hinzu, „ebenso wie die Menschen.“

Der Baron machte eine verächtliche Handbewegung.

„Wir lassen uns nicht benutzen, außer es ist auch unser Wille.“

Er schnaubte.

„Doch wir Menschen des Kohr sind auch misstrauisch.“

Seine Miene hellte sich nun etwas auf und offenbarte einen noch ganz andere Charakterseite, als er schließlich vorsichtig lächelte.

„Drachen und Feen und für gewöhnlich auch Trolle oder Elfen sind nicht nach unserem Geschmack, außer sie stecken auf unseren Schwertern.“

Meloragh erwiderte sein Lächeln mit einem sehr elfischen Zähneblecken.

„Euer Ritter, der uns hierher gegeleitete, hat Euch sicher bereits berichtet, dass wir die Botschaft der Versöhnung bringen. Elthor, den ihr für Euren König preist, wurde ebenfalls getäuscht und wenn ich die Geschehnisse der letzten Wochen betrachte, würde es mich nicht wundern, wenn er nicht bereits mit dem Leben dafür bezahlt hat.“

Nach diesen Worten trat eine gespannte Stille ein und die Ankömmlinge wurden sich mehr denn je bewusst, dass sie noch in der kalten Eingangshalle der Burg standen, umringt von Ehwans Leuten, die mit ihren Bögen jeden von ihnen im nächsten Moment niederstrecken konnten.

Nun sahen sie auch, das die Dorfbewohner offenbar alle Zuflucht hinter den Burgmauern gesucht hatten.

Tralzio scharrte unbewusst mit den Hufen und ballte die Fäuste.

Als die Stille sie fast zu erdrücken schien, sagte der Baron endlich:

„So scheint ihr hellseherische Fähigkeiten zu besitzen Gräfin, Elthor ist tatsächlich tot, ein Bote brachte uns heute Morgen diese Nachricht und ich denke er war es bereits, bevor er König wurde.“

Er schmunzelte und strich sich dabei über den Backenbart.

Die Männer ließen die Bögen sinken und der Baron bat sie endlich in die Innere Burg einzutreten.

Man wies ihnen Gemächer zu.

Etwas später, bei einem spartanischen Mal im allerdings gut geheizten Palas wurde saurer Bergwein aufgetragen und Eisfisch aus dem See.

Nachdem sich alle gestärkt hatten, fixierte Ehwan den Faun und eröffnete die Unterhaltung mit einer Frage an ihn:

„Ihr seit ein Ukari, wie ich unschwer feststelle und Euer Erscheinen hier war mir mehr noch die Einladung an Euch wert, als alle Gerede, verzeiht mir den Ausdruck Gräfin, von Versöhnung.“

Tralzio nickte aber seine Miene drückte aus, dass er weiter auf der Hut war.

Aber er hatte wohl auch eine Ahnung worauf Ehwan hinaus wollte und antwortete darum:

„Ihr wisst von der alten Stadt meines Volkes? Wir nannten Sie Femlarim?“

Zimoke warf ihm einen warnenden Blick zu.

Ehwan sah es und lachte.

„Es gab hier einen ganz schönen Wirbel darum. Es war nicht der Ruf zum U’wang, der die Trolle in die Flucht trieb, denke ich. Es war ein erstaunlicher Fund in der alten Stadt.“

Tralzio zog an seinem Bart und seine Stimmer wurde leise:

„Sie fanden Ukari?“

„Bei den Göttern, ja!“ Polterte Ehwan.

„Wir brachten nicht viel aus ihnen heraus. Jedenfalls faselten sie von einem steinernem Baum, Tiermenschen die zum Leben erwachten und einem magischen Tor.“

Ein Raunen setzte am Tisch ein.

Meloragh hatte sich als erste wieder gefasst.

„Es gibt also noch ein magisches Tor in Arkur.“

Ewahn nickte.

„Es gibt vermutlich viele unentdeckte oder unbekannte Tore. Bei den Alten wundert es mich jedenfalls nicht.“

Tralzio schnalzte mit der Zunge.

„Wie lange kennt ihr den Eingang zur Stadt schon?“

„Er wurde vor etwa einem Jahr entdeckte.“

„Aber eine Kammer mit einem steinernen Baum bisher nicht?“

Der Baron nickte.

„Zumindest sagten die Tovoks darüber nichts. Vielleicht fanden sie es zunächst auch einfach nicht erwähnenswert?“

„Vielleicht.“

Ehwan blickte den Ukari durchdringend an.

„Ihr wisst wovon ich spreche, nicht wahr?“

Tralzio räusperte sich.

„In den alten Schriften heißt es, das es ein Tor aus Adoner, unserer alten Königstadt nach S’Gorondir gab und dann funktioniert es vermutlich auch andersherum.“

Meloragh die plötzlich müde wirkte wandte sich an Ehwan.

„Wisst ihr eigentlich etwas mehr über die aktuelle Lage in Coceon?“

Der Baron blies die Backen auf.

„Nun, wie ich schon sagte. Elthor und wohl auch seine Gemalin sind angeblich tot. Außerdem kursiert da irgendeine Geschichte von einem alten Schwert der Trolle. Eines der Sieben.“

Sein Blick wanderte zu Zimoke.

„Aber ich glaube da wisst ihr mehr darüber als ich.“

Zimoke ließ ihr spitzen Zähne sehen, antwortete jedoch nicht direkt darauf.

Darum fuhr er fort:

„Ach ja, die Drachen. Es sind grüne und silberne, die wir sahen und es hieß, sie fliegen nach Helarion oder Hul, zum hain des ewigen Lebens, letzte Zuflucht der Götter wie es in der AVESTA heißt.“

Die Anwesenden blickten den Baron überrascht an.

„Also, ist das nicht dort wo einst Adoner lag?“

Meinte Meloragh.

„Hul,“ flüsterte Tralzio.

Er schlug die Hände vor das Gesicht.

„Ich bin ein Dummkopf!“ Rief er „Da studiere ich die alten Schriften jahrelang und übersehe den Schlüssel dazu vor meiner Nase.“

Er nahm die Hände runter und atmete tief durch.

„Ich fand den Schlüssel vor vielen Jahren, erkannte aber nciht seine Bedeutung.“

Er machte ein säuerliches Gesicht.

„Dafür mussten mir die Götter erst einen vorwitzigen Gehilfen und Dieb ins Haus schicken.“

„Ihr sprecht von Gelyoc? Fragte Meloragh.

Der Faun nickte.

„Er glaubte zwar, dass ich es nicht bemerkt hätte, aber er fand den Dolch des Hul in einem Geheimfach in meinem Turm und nahm in ohne, genau wie ich zu ahnen, welche Bedeutung er hat, mit auf unserer Reise.“

Meloragh machte große Augen.

„Der Dolch ist der Schlüssel, ein Artefakt der Erweckung?“

Sagte sie.

„Er trägt den steinerne Baum auf dem Griff, das Symbol für den Hain des unendlichen Lebens.“

„Daa Tor führt nach Adoner, zum Hul, ganz klar.“ Sagte Zimoke.

Tralzio nickte.

„Wenn die Ukari erweckt wurden, dann also mit großer Wahrscheinlichkeit durch Gelyioc und wenn die Götter es wollen ist Sitar bei ihm. Sie leben also und wenn sie mit durch das Tor gegangen sind, sind auch sie in Helarion.“

„Und darum fliegen die Drachen dorthin.“

„Bei Vahram!“

Meloragh stieß einen Fluch aus.

„Es gibt nur eine Möglichkeit, wenn wir ihnen schnell helfen wollen. Wir müssen auch durch das Tor.“

Plötzlich kam nun ein Diener hastig in den Saal gelaufen und begab sich direkt zum Baron.

Er flüsterte ihm aufgereget etwas ins Ohr und die Miene des Burgherrn verfinsterte sich.

Er erhob sich.

„Eine Truppe coceanischer Ritter steht vor dem Tor. Sie fordern die Herausgabe einer gewissen Fee und der Gräfin von Elberak.“

Tralzio und Meloragh blickten sich an.

„Wir waren bis zu einem Überfall von Schneeriesen, unterhalb des Sukojang-Tores in Begleitung einer Fee und eines Halbtrolls. Wir haben sie verloren. Sie sind möglicherweise tot oder verschollen in der Ruine der Ukari-Stadt“

Der Baron kniff die Augen zusammen.

„Aber ihr glaubt, sie könnten auch durch das Tor gegangen sein?“

„Vielleicht. Es ist eine Möglichkeit.“ Antworte Meloragh leise.

„Ich hörte so einiges darüber, dass eine besondere Fee gesucht wird, doch wusste niemand so genau um wen es dabei ging.“

Er blickte Meloragh auffordernd an.

Die Munir nickte müde.

„Es ist eine lange und vielleicht werdet ihr sagen unglaubliche Geschichte, doch ich will Euch doch das Wichtigste, in anbetracht der Situation, schildern und dann müsst ihr selbst entscheiden.“

Ehwan setzte sich wieder und gab dem Diener den Auftrag, die coceanischen Ritter noch etwas hinzuhalten.

Meloragh erzählte nun in Kürze von Sitar und von Dionels finsteren Plänen. Von den schwarzen Drachen, den Schwertern der Deniqui und den Drachentränen.

Schließlich endete sie mit der an Ehwan gerichteten Frage:

„Gibt es eine Möglichkeit in die Stadt zu gelangen und das Tor zu nutzen um ebenfalls nach Helarion zu gelangen?“

Ehwan atmete nach dem Ende ihres Vortrags hörbar durch.

Dann sagte er mit ernster Miene:

„Ich bin froh, dass ihr so offen gesprochen habt. Einiges davon hatte ich mir schon selbst zusammengereimt, doch die Dimension dessen, was ihr schildert ist natürlich eine ganz andere.“

Er räusperte sich.

„Das Tor könnt ihr leider nicht mehr benutzen, die Tovoks haben die Kammern und den Zugang gesprengt, bevor sie das Lager verließen. Es gab einen Drachenpriester hier, der wie ich vermute den Kontakt zu den Drachen herstellte und ihnen die Befehle gab, eure Freunde zu jagen.“

Tralzio brummte etwas in seinen Bart.

„Ich werde Euch aber Pferde geben und ihr könnt über den Hohlsteig nach Silnis, das ist die schnellste Möglichkeit nach Coceon. Auch wenn ihr weiter nach Norden wollt, führt kein Weg an Coceon vorbei. Aber ihr solltet Euch beeilen. Nehmt das hintere Tor, während ich Eure Verfolger vorne herein lasse.“

Er lächelte verschwörerisch.

Meloragh seufzte und nickte.

„Gut, danke Baron, ich hatte eigentlich gehofft, wie würden ausruhen können, aber wir werden sofort aufbrechen.“

~

Helovar lag in Schutt und Asche.

Es war eine große und blutige Schlacht, in der nicht nur eine Burg fiehl, sondern das ganze Land ins Chaos hätte stürzten können.

Wenn es das nicht ohnehin schon gewesen wäre.

Doch man konnte auch sagen, dass es wiedererwartend ein Wendepunkt im Krieg darstellte.

Allerdings einer mit sehr schmerzlichen Verlusten.

Algrake hatte mit ihrer Magie die Angriffe der Drachen eine Zeit lang abwehren können.

Tanystras Ritter und nicht zuletzt sie selbst an ihrer Spitze hatten heldenhaft bis auf den letzten Mann, die letzte Frau, gekämpft.

Doch sie wären alle verloren gewesen, wenn nicht die Tovoks am rechten Flügel der Angreifer plötzlich abgezogen wären und die Elfen aus Wehrs-Hain, in einem Gewaltritt das Schlachtfeld zwei Tage früher erreicht hätten.

Die Schlacht tobte trotzdem auf den Messers Schneide, denn die Sdarcs und die Gobons bildeten immer noch eine gewaltige Übermacht und die grünen Drachen, die schließlich aufgetaucht waren, rissen die Feste förmlich in Stücke.

Schließlich schien Algrakes Niederlage im Kampf mit drei Grünen nur noch eine Frage der Zeit und auch Tanystra stand mit dem Rücken zur Wand.

Sie hatten zwar erfahren, dass Elthor tot sei und es schien auch so als stiftete diese Nachricht unter den coceanischen Ritter Unruhe und Streit.

Doch ihre Anführer und auch die tranoorschen Söldner trieben sie weiter unerbittlich gegen die Mauern der Burg.

Alles wäre verloren gewesen, wenn nicht ein zweiter viel größerer, goldene Drache, plötzlich und unvermittelt aufgetaucht wäre und auf seinem Rücken saßen zwei Gestalten.

Die eine war Elarell von Adrohn, Tochter Aplazahls, wahre Erbin der Krone.

Garfin erkannte sie sofort.

Doch vor ihr saß noch jemand, eine Drachenreiterin, in den Händen ein blitzendes Schwert, dass sie schwang wie von den Göttern selbst gesandt.

Sie fuhren wie eine Welle des Entsetzens durch die angreifenden grünen Drachen und die Heerscharen auf dem Boden, als sich der große Goldene auf sie stürzte und die Kämpferin auf seinem Rücken die Hälse der grünen Drachen durchtrennte wie schmale Hanfseile.

Sie ist eine Gorifor! Riefen die Soldaten von den Zinnen.

„Asrial“, dachte Algrake, „endlich!“

Garfin sah, wie ein letztes Lächeln über Tanystras Gesicht huschte, dann brach sie zusammen. Das Gift tat schließlich doch seine Wirkung.

Der Elf spürte die Tränen auf seiner Wange und doch fand er die Kraft sich mit Elberaks letzten Rittern zu seinen Elfen durchzukämpfen.

Er begrüßte Mefilas, den Anführer der elfischen Truppen, als sie sich mit ihm vereinten, erfreut.

Garfin übernahm das Kommando.

„Elat gewa lomar, Quendi de Elarell, nima Adrohn!“ Rief er wütend.

„Mit aller Kraft voran Elfen und für Elarell, Königin von Adrohn!“

~

Wer war für den heimtückischen Mord ihres Ta-Rul verantwortlich?

Es herrschte noch Tage nachdem die Nachricht zum Heer der Varasken durchgedrungen war große Verwirrung unter den Varasken-Kämpfern und das war es was Elfric und seine Sentir ausnutzten.

Sie hatten einen Frontalangriff gewagt und somit den Varasken die erste Niederlage seit fast fünfzig Jahren beigebracht.

Der erste kaiserliche Sieg, dachte Elfric befriedigt.

Allerdings unter nicht geringen Verlusten.

Außerdem, viel gewonnen hatten sie nicht.

Gol Waron war weit weg, sie konnten Pelat Weront nicht einfach aufgeben und die Lage in ihrem Rücken blieb unklar.

Das Schlimmste waren aber die Gerüchte über die Drachen.

Bauern kamen zu Scharen mit ihren Familien in die Stadt, denn immer mehr bedrohliche Schatten glitten über das Land.

Aber noch waren die Geflügelten vereinzelt und ließen sich nicht zu einem Angriff verleiten, zumindest nicht dort, wo viele Ritter waren.

Doch dann kam die Nachricht, die allen die sie hörten das Blut in den Adern gefrieren ließ.

Die Kaiserstadt selbst war von einem kleinen Drachenheer angegriffen und zu starken Teilen zerstört worden.

Die Flüchtlinge nahmen zu.

Nun kamen auch überlebende Varasken-Kämpfer und die schrecklichen Gerüchte wurden Gewissheit..

Elfric wusste gegen die Drachen gab es nur eine Möglichkeit. Die Schwerter der Deniqui und die Drachentöter von Kargoll.

Aber zuerst wollte er wissen, wo bei den Göttern sein Vater war?

~

Sorenn atmete tief durch.

Sie hatte nicht viel Zeit ihre neue Rolle anzunehmen und nicht wenig Lust, sich lieber irgendwo zu verstecken oder zu fliehen.

Doch was würde dann weiter geschehen?

Sie hatte eine Bestimmung und in der Halle, in Anwesenheit der Träne, war ihr klar geworden, das es nicht nur irgendeine Legende oder ein Märchen war, es pochte in ihr eine magische Kraft, die sie im Unterbewusstsein schon lange gespürt hatte.

So viele Kleinigkeiten, die Dinge die ihr Tunum gezeigt hatte, die Andeutungen ihrer Mutter.

Die Besuche bei Sul’rir hier in Valtraon.

Alle, außer ihr selbst, hatten sie gewusst, dass es ihr Schicksal war eine Magierin zu werden.

Doch es war noch zu früh, sie war noch so jung.

Niemand hatte damit gerechnet, dass es so schnell gehen musste, dass genau hierfür nur sie die Auserwählte war.

Sul’rir bedauerte natürlich, das es so gekommen war, doch zugleich sprach er ihr Mut zu, diese Rolle anzunehmen.

Die Angriffe auf Valtraon hatten inzwischen begonnen.

Die Zwillinge waren auch in die Innere Stadt in Sicherheit gebracht worden und nun standen sie gemeinsam auf dem Turm über der Halle und betrachteten das Zerstörungswerk des großen Schwarzen Drachen, auf dessen Schultern die Feenkönigin saß.

Ein zeitlang waren sie aufgehalten worden, durch die neuen Katapulte, Kugelwerfer, Feuersprüher und sonstigen in der Stadt der Magier entwickelten Konstrukte, doch die Magie und das Drachenfeuer der Angreifer war zu mächtig.

Die Verzweiflung unter den Werkern wuchs.

„Sie tragen mindestens drei Tränen mit sich.“

Sagte Sul’rir.

„Es bleibt uns keine Wahl, wir müssen sie gemeinsam angreifen.“

Die anderen nickten und Sorenn spürte sofort die magische Verbindung, die der Erzzauberer zwischen ihnen knüpfte.

Die Träne trug sie in einem Schulterbeute am Körper, doch das Gefühl, dass diese Eine nicht genügen würde wollte sich nicht verflüchtigen.

Jetzt, ganz bald würde der Angriff auch auf die Innere Stadt erfolgen.

~

Batragon wusste dass er Verrat beging, aber die Verlockung war zu groß.

Daral hatte ihm geschmeichelt, natürlich aber sie hatte auch unterschwellig gedroht.

Die Welt wie sie, sie kannten würde untergehen, auch magische Fähigkeiten zu besitzen würde dagegen nichts nützen.

Dass es den Geflügelten gelingen würde auch ohne seine Hilfe in den Besitz der Drachentränen zu gelangen stand außer Zweifel.

Also war es doch viel besser mit ihm und die Feenkönigin stand so ewig in seiner Schuld.

Angespannt blickte er zum Himmel.

Da! Tatsächlich, endlich kamen sie.

Dunkle Schatten erhoben sich vor den Wolken über dem Wald von Nevlon.

Zunächst ganz klein, dann immer größer.

Schließlich fühlte Batragon wie eine Kälte von ihnen ausging, die wie eine furchtbare Klaue der Geflügelten selbst sein Herz zu umklammern schien.

Ein winziger Moment der Panik befiel ihn, dann trat er über die Leiche Petronts hinweg ins Freie und schwenkte die Arme.

Die Drachen stießen augenblicklich auf ihn herab, als sie sahen, was er in Händen hielt.

~

Sefoma verengte die Augen zu Schlitzen.

Nun endlich war der Zeitpunkt der Rache gekommen.

Die vielen versteckten Angriffe und Hinterhalte der letzten Wochen, weit entfernt von diesem Ort, waren nur Ablenkung gewesen.

Heute war es soweit.

Sie sah auf den heiligen Baum herab, die Wachen der Hochelfen lagen tot an seinem Fuß.

Wo blieben Jayil und die anderen. Sie mussten die Träne längst gefunden haben.

Da! Sie kamen heraus und Jayil lächelte zu ihr empor.

Sie lächelte zurück und eine unbändige Freude ergriff sein Herz.

Die Träne war in ihrem Besitz. Nun würde der Auftsieg der Narim beginnen.

Ganz egal was Asgit dem silbernen Drachen versprochen hatte. Sie hatten eigene Pläne.

Sie sprang herab zu den anderen und die kleine Gruppe Grauelfen verschwand im dichten Wald von Gasfrogan.

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1 Bekanntes Sprichwort der Tanjl-Priester.
2 Sukojang = Ein berüchtigter Gipfelwind, der durch das torähnliche Felsgebilde pfeift.

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