Der Reiter von Meramel

Rast Wagenbauer, Lehrling seines Vaters, Großling, Faulpelz und Großmaul, wird zu seinem großen Verdruss, in die Armee König Langbarts von Meramal zwangsrekrutiert. Was soll er da tun, wenn er keine Lust dazu hat Alte und Schwache auszurauben, arme Mädchen zu schänden oder Dörfer in Schutt und Asche zu legen. Also schnappt er sich das Pferd des Generals und ab die Post! Doch das war der größte Fehler seines Lebens, denn nun beginnt die dreizackige Welt zu wanken.

RAST

Wie der Wind ritt er dahin.
Sie waren ihm vermutlich hart auf den Versen.
Er hatte keinen wirklichen Plan, außer dem ihnen zu entkommen.
Tatsächlich hatten sie einen kleinen Trupp Verfolger auf ihn angesetzt, doch er hatte sich das schnellste Pferd, den Schimmel des Generals selbst ausgewählt und daher konnte er sie ihn nicht einholen.

Und so war es auch …
Eine Stunde später drehte er sich im Sattel um und stellte zufrieden fest,
dass sie offenbar umgekehrt waren.
Er saß erleichtert ab und führte das gestohlene Pferd zu einem nah gelegenen Wasserloch.
Es trank gierig.

Rast betrachtete neugierig die Umgebung.
Er war in Richtung der brennenden Grenze geritten, vielleicht auch schon darüber hinweg.
Der Wald war auf jeden Fall dichter an die Ebene herangerückt und schon länger gab es keine Spur mehr von einer Straße, er folgte allenfalls einem schmalen Trampelpfad.

Vermutlich war er weit nach Osten abgetrieben worden, ein bis zwei Wegstunden weg von der steinigen Küste, schätze er, wo die Kate seiner Familie in der Stadt Wassernah, stand.
Die Schönheit der Wildnis die ihn hier umgab, ging ihm völlig ab.
Es war zunehmend kalt und windig geworden, Regen lag in der Luft und er sorgte sich um einen passenden Unterschlupf für die Nacht.

Ihn beschlich ein seltsames Gefühl.
Warum seit Generationen niemand diese Grenze überschreiten durfte erschloss sich ihm nicht. Es gab zwar zahlreiche Geschichten und Gerüchte über das Land und die Wesen die dort leben sollten, doch er hielt mindestens die Hälfte davon für Ammenmärchen.

Kurz erwog er umzukehren und vielleicht einen weiten Bogen nach Norden einzuschlagen, um zurück ins Tiefland zu kommen, als auf einer Hügelkuppen, die er nun direkt vor sich sah, plötzlich eine Gestalt stand. Er erschrak, lenkte dann aber mutig sein Pferd in diese Richtung bis er sie deutlicher sehen konnte und vernahm nun zu seiner Überraschung, als die Gestalt ihn ebenfalls erblickt hatte, den freudigen Ruf:

„Der König! Der König ist gekommen!“

Er zügelte das Pferd am Fuß des Hügels und blickte zu dem Rufer hinauf. Vermutlich hatte er sich verhört.
Was er sah verunsicherte ihn zusätzlich, denn er erkannte ein schlankes Großling-Mädchen, dass nun mit ernstem Blick auf ihn herab sah.
Wie war sie hierher gekommen?

Jetzt winkte sie ihm und begann den Hügel über einen schmalen Pfad hinunter zu steigen. Er blickte sich beunruhigt um, ob noch andere zu sehen waren, vor allem Stampfer, doch offenbar, war sie alleine.

Er wartet darum nun, bis sie ihn erreicht hatte, die Hand am Griff seines Armeeschwertes.

Sie kam ganz nah vor sein Pferd und blickte ihn mit großen runden Augen an. „Thia“ Sagte sie.
Rast sah in ein schmales Gesicht, umrandet von grünblauen Locken, Am Gürtel ihres braunen Wams steckte ein Dolch und sie schien kaum älter als er selbst zu sein. Das ungewöhnlichste war aber insgesamt ihr sehr gepflegtes Äußeres. Er hatte noch nie eine so hübsche Großlingmaid gesehen?

Er merkte in dem Moment, dass ihm der Mund offen stand und klappte ihn rasch zu.
„Rast Wagenbauer, aus Nahwasser“, er schluckte, fuhr dann fort: „Wer seit ihr und warum sprecht ihr meine Sprache?“ Sie verbeugte sich knapp und lächelte ihn an:
„Wir lernten die alte Sprache, immer für den Fall, dass der König eines Tages zurück kommt, auf seinem weißen Pferd.“ Sie warf bei diesen Worten dem Hengst nicht zum ersten Mal, bewundernde Blicke zu.

Rast schürzte die Lippen. erlaubte sie sich mit ihm einen üblen Scherz? Doch sie fuhr in unübersehbarer Begeisterung fort:
„Jeden Monat, hält eine Wächterin, Ausschau nach ihm. Niemals hätte ich geglaubt, dass ich es sein würde, der ihn nun endlich kommen sieht.“

Rast wusste nicht was er darauf sagen sollte und wollte das Missverständnis aufklären, doch er war zugleich zu verblüfft und zögerte noch.

Thia fuhr unterdessen schon etwas eindringlicher fort. „Das ist das Ende unserer Verbannung, unser Volk wartet schon so lange darauf.“

Rast schluckte, hier lag ganz offenbar eine ganz unglaubliche Verwechslung vor, doch sie erwartet eine Antwort von ihm und er brauchte dringend eine Unterkunft für die Nacht und etwas zu Essen. Was konnte es also schaden, diese Maid zu ihrem Dorf zu begleiten und wenn sie ihn für einen König hielten, hatte er vielleicht sogar ein weiches Bett zu erwarten.

Allerdings fürchtete er auch immer noch irgendeinen faulen Zauber. Dass es nämlich so nah an der brennenden Grenze noch ein Großling Dorf gab, davon hatte er noch nie gehört und diese Thia sah auch überhaupt nicht wie seine Leute aus.
Die Großlinge die er kannte, hatten in Meramel und soweit er wusste auch überall sonst, wenig Wohlstand. Sie durften in der Gesellschaft der Traker, wie sich die Stampffuß nannten, höchstens als Handwerker arbeiten, wie sein Vater. Die meisten waren mehr Sklaven, als freie Bauern.

Er vertrieb die verwirrenden Gedanken.
„Nun,“ sagte er, „Ich bin sehr müde und hungrig und würde mich gerne in Eurer Gesellschaft wie ein König fühlen.“

Sie lachte und als sie ihn nun nocheinmal dazu aufforderte, ihr zu folgen, nickte er möglichst huldvoll und tat es erleichtert.

Das verborgene Königreich

„Wisst ihr“, sagte Antime, wenn wir eines Tages befreit sind. Werden wir es besser machen.“

Die gebannt lauschenden Kinder nickten ergriffe.

Sie wussten genau was ihr Lehrer meinte. Die Vertreibung ihrer Vorfahren lag lange zurück, war aber noch immer Teil der kollektiven Erinnerung ihres Volkes.

Die Menschen hatten die Welt erobert, doch auch wieder verloren. Dann hatten die Götter sie verbannt hinter die brennende Grenze. Erst wenn ein König auf einem weißen Pferd sie überschreitet, wird sie fallen und wir können ins alte Land zurückkehren. So stand es in den Schriften und so verkündeten es die Seher seit Jahrhunderten.

Nur was oder wer lebte auf der anderen Seite, hierüber gab es zahlreiche Gerüchte und Legenden, doch Melia hielt die meisten für Ammenmärchen. Sie stand während der Lehrstunde lächelnd am Türpfosten und beobachtet ihren kleinen Sohn Jel. Sie glaubte trotzdem gerne an die Prophezeiung, auch wenn Thia, ihre Tochter von ihrer Wacht bald zurück kommen würde und natürlich, wieder kein König erschienen war.

 

 

 

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