Eine Familiengeschichte

Göttingen 1823

Friederica freute sich, die Stelle in der großen Stadt Göttingen würde ihr eine neue Welt eröffnen. Eine Welt die ihr auch Angst machte, aber das versuchte sie zu verdrängen.

Ihr kleine Schwester Johanna beneidete sie sehr und hatte den festen Entschluss gefasst, ihr zu folgen, in zwei Jahren. Bis dahin musste sie ihr versprechen, jede Woche einen Brief zu schreiben und zu berichten wie es war in der großen Tuchmacher-Fabrik und welche stattlichen Herren sie vielleicht getroffen hatte.

Friederica hatte sie ausgelacht, denn als Arbeiterin würde sie kaum stattliche Herren kennenlernen, aber vielleicht war ja einer ihrer männlichen Kollegen ein feiner Kerl, die Liebe ihres Lebens, der Mann für eine eigene Familie. Auch gab es viele Studenten dort, hatte sie gehört und natürlich die Herrschaftshäuser der Fabrikbesitzer und reichen Kaufleute. Vielleicht konnte sie bald die Stelle wechseln, in bessere Verhältnisse. Davon träumte sie manchmal. Doch Bauernkinder hatten selten so ein Glück.

Zudem wurde die Fabrikarbeit gut bezahlt. Ihr Vater hatte nur darum zugestimmt, damit sie Geld nachhause schicken konnte und selbst nicht mehr mit am Tisch saß.

Als der Zug sich nun dem Bahnhof näherte, stieg ihr Aufregung. Der Fabrikwerber, der über die Dörfer gezogen war, hatte versprochen sie abzuholen und sie hoffte er würde sein Versprechen wahr machen. Bestimmt, denn sie war ja nicht alleine. Der ganze Wagon war voll mit Neustädter Burschen und Mägden. Als die Bremsen quietschten und das Dampfrohr piff, fasste sie ihr Bündel fest in die eine Hand und den kleinen Koffer in die andere. Sie war 19 Jahre und entschlossen ein neues Leben zu beginnen.

Neustadt am Harz 1804

Dorothea schrie am Dreikönigstag des frühen Jahres ihren Schmerz heraus und er durchschnitt die Kälte, die in der kleinen Knechtsstube herrschte, wie ein scharfes Messer. Die Wehen hatten schon früh am Tag eingesetzt, doch nun war es schon später Nachmittag und sie war mit ihren Kräften fast zu Ende. Ihre Freundin Lina und ihre Mutter hielten sie jedoch noch zu einer letzten Anstrengung an und es gelang ihr allen Mut zusammenzunehmen. Der Kopf des Kindes kam heraus und der Rest folgte schnell. Erleichtert viel sie zurück auf die Kissen. Ein Mädchen, hörte sie die Stimme ihrer Mutter und zugleich die des Kindes, kräftig, wie ihre eigene. Eine Welle der Freude durchströmte sie. Doch es war kein Sohn, dafür hatte sie sich mit Johann schon auf einen Namen geeinigt, Friedrich, der stolze Name eines Königs. Aber warum sollte nicht auch eine Tochter nach dem preußischen Monarchen, dem sie so viel zu verdanken hatten benennen. „Friederica,“ flüsterte sie ihrer Tochter ins Ohr.

 

 

© Alle Texte und Ideen sind geistiges
Eigentum von Ludger Christian Albrecht (Luc A.)

 

Werbung