Shortstory-7

Harris & Kohl: „Der antike Sommer“

Teil I – Frostiges Wasser

Harald Edwin Maler, von allen nur „Harris“ genannt, war ein wortkarger, wettergegerbter Mann Anfang sechzig. Er lebte allein in einer alten Holzhütte am Rande des Heidemoorsees, irgendwo tief im nördlichen Fjell. Seit dem Tod seiner Frau war sein einziger Begleiter der pechschwarze Mischlingshund Kohl, groß wie ein Kalb und klug wie ein Richter.

Es war Anfang Februar. Die Tage waren kurz, der Himmel bleiern, und der See zugefroren. Harris machte sich auf, um wie jedes Jahr Eisangeln zu gehen. Nicht nur wegen der Fische – es war sein stilles Ritual, sein Dialog mit der Welt. Er hatte die Stille gern. Doch dieses Mal wurde sie gestört.

Kohl knurrte.

Am Waldrand sah Harris zwei Gestalten mit Gewehren. Keine Förster. Keine Jäger. Zu schnelle Schritte. Zu versteckte Bewegungen. Wilderer.

Er zögerte. Dann folgte er ihnen, durch knirschenden Schnee, Kohl an der Seite.


Teil II – Der Schlund

Die Spur führte in eine Senke, an einen verborgenen Berghang, den Harris seit Jahren nicht mehr betreten hatte. Dort, verborgen hinter einem Felsvorsprung, fanden sie den Eingang zu einer Höhle – halb verschüttet, vom letzten Schneesturm freigeweht.

Die Wilderer schienen nicht hineingegangen zu sein. Vielleicht hatten sie sie gar nicht bemerkt. Harris, von Neugier gepackt, kroch hinein.

Die Höhle war tief. Unnatürlich gerade. Kohl schien sich unwohl zu fühlen, aber er folgte.

Nach mehreren Minuten durch niedrige Gänge öffnete sich plötzlich ein großer Saal. Harris hob die Lampe – und stockte.

Kisten. Leinwände. Gestapelte Kataloge aus Museen. Und in der Mitte: eine verstaubte Marmorstatue, antik, mit abgebrochener Hand. Neben ihr eine Inschrift:

„Für Aristoteles, Platon und Sokrates – Sommer ’00“


Teil III – Der antike Sommer

Harris erinnerte sich. Sommer 2000. Damals war ein spektakulärer Kunstraub durch die Medien gegangen. Drei maskierte Täter hatten aus einem fahrenden Transporter über zwanzig antike Objekte gestohlen – darunter griechische Skulpturen, persische Münzen, römische Fresken. Ihre Identität blieb ein Rätsel. Sie gaben sich selbst die Codenamen: Aristoteles, Platon, Sokrates.

Die Ermittler vermuteten ein internationales Netzwerk. Doch nach ein paar Monaten versandete der Fall. Nur der Name blieb: „Der antike Sommer“ – ein Kult unter Verschwörungstheoretikern.

Und nun stand Harris mitten im Versteck.


Teil IV – Kohl und die Spuren

Kohl bellte. Nicht laut – ein kurzes, dumpfes Warnsignal. Harris drehte sich um. Frische Schritte im Schnee. Die Wilderer waren ihnen gefolgt.

Was nun geschah, war instinktiv: Harris löschte das Licht, zog sich hinter eine Kiste zurück, Kohl neben ihm. Zwei Männer betraten die Höhle. Einer fluchte. Der andere lachte nervös.

„Glaubst du, das ist es?“, sagte der eine.
„Was sonst. Die alten Philosophen hatten hier ihren Tempel.“

Dann ein dritter Schatten. Und eine Waffe.

„Runter. Polizei.“

Verwirrung. Einer der Wilderer versuchte zu fliehen, stolperte. Kohl sprang vor, riss ihn zu Boden. Im Chaos stürmten zwei weitere Beamte hinein. Harris stand langsam auf.


Teil V – Nachklang

Die Höhle war ein Zufallsfund – doch auch ein entscheidender Hinweis. Die drei Männer hatten nichts mit dem ursprünglichen Diebstahl zu tun. Aber einer von ihnen – der nervöse – war der Neffe von „Platon“, dem letzten bekannten Mitglied der Diebesbande. Durch Zufall hatte er das Versteck entdeckt – über eine geerbte Karte, verborgen in einem alten Buchband von Kants Kritik der reinen Vernunft.

Die Polizei hatte ihn bereits im Visier gehabt. Harris hatte unbeabsichtigt genau den Ort gefunden, den man 25 Jahre lang vergeblich gesucht hatte.

Die Geschichte machte Schlagzeilen.

Doch Harris lehnte jede Aufmerksamkeit ab. Für ihn war es ein weiteres Kapitel des Lebens, eingefroren im Schnee des Nordens. Als er wieder am Heidemoorsee saß, neben ihm sein treuer Hund, der nun ein wenig berühmter war als ihm lieb war, dachte er nur:

„Sokrates hätte das alles für einen Irrtum gehalten.“

Und warf die Angel aus.

ENDE

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Eigentum von Ludger Christian Albrecht (Luc A.)