Überwalden-1

Vorgeschichte 1
Diese Geschichte verbindet historische Realität mit einer fiktiven, intimen Liebesepisode im Leben eines der bedeutendsten Männer der mittelalterlichen deutschen Geschichte: Albrecht der Bär, der erste Markgraf der Mark Brandenburg.
Die Erzählung hat den Hauch einer Sage, wie sie sich in alten Chroniken hätte verstecken können – in Randnotizen, im Schweigen der Archive, in den Herzen derer, die schweigen mussten.
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„Der Bär und das Wasserlicht“
Eine Liebesgeschichte aus der Gründungszeit Brandenburgs – um 1157
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I. Die Rast
Im Sommer des Jahres 1157, als der Wind vom Osten heiß und staubig über die sandigen Ebenen der Mark wehte, kehrte Albrecht von Ballenstedt, genannt der Bär, nach einem langen Feldzug gegen die heidnischen Slawen in das Herz seines neu geformten Herrschaftsgebietes zurück – in die unruhige, mühsam befriedete Mark Brandenburg.
Er war müde. Nicht nur vom Kampf, sondern von der Verantwortung, dem endlosen Ringen mit Fürsten, Bischöfen, Aufständischen, vom schweren Gewicht des Landes selbst, das nach Ordnung verlangte.
In einem kleinen, unscheinbaren Dorf am Rande eines stillen Sees – einem Ort, den niederländische Siedler erst wenige Jahre zuvor auf sein Geheiß hin urbar gemacht hatten – ließ er sein Heer lagern.
Die Bauern nannten den Ort schlicht Wasserfeld. Heute ist er vergessen.
Albrecht, vom Lagerlärm ermüdet, ritt allein durch das Schilf an den See. Dort, in der Stille zwischen den Sonnenflecken, begegnete er ihr.
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II. Antje
Antje van Dyk war die Tochter eines holländischen Kolonisten, der Gräben zog, das Moor trocknete, und Felder säte, wo vorher nur Sumpf war.
Sie war barfüßig, trug ein grobes Leinenkleid und sang leise, als sie am Ufer Wasser schöpfte. Der See spiegelte sie, als sei sie aus Licht gemacht.
Albrecht, der Fürst, hielt an – verborgen im Schilf. Er war ein Mann von fünfzig Jahren, rau und schwer. Und doch – in diesem Augenblick – fühlte er sich jung.
Sie drehte sich nicht um, aber sagte: „Ich weiß, dass Ihr da seid.“
„Man soll mich nicht erkennen“, sagte er.
Sie lächelte. „Ihr seid nicht gekommen, um nicht gesehen zu werden.“
Und so begann es – mit einem Gespräch am Ufer, mit Schweigen zwischen zwei Menschen, die unterschiedlicher nicht sein konnten.
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III. Die Tage des Sommers
Er kam in den nächsten Tagen immer wieder, stets allein. Er erzählte ihr nichts von Schlachten, sondern von den Bäumen seiner Kindheit, von den Geschichten seiner Mutter, von einem Adler, den er einst aus einem Nest gerettet hatte.
Sie erzählte ihm von den Kanälen in ihrer Heimat, von Wind und Brot, von Liedern, die man bei der Heuernte sang.
Sie küssten sich am sechsten Abend. Es war nicht Leidenschaft, es war ein Aufatmen. Eine Flucht aus der Welt, für ein paar Herzschläge.
Albrecht wusste, was er tat. Und doch nicht, was es bedeutete.
Am zehnten Tag ritt er weiter. Sie fragte nicht, ob er wiederkäme.
Er sagte nicht, dass er es nicht könnte.
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IV. Das Kind
Im darauffolgenden Frühjahr, als die Störche zurückkamen und die Bäume Knospen trugen, brachte Antje einen Jungen zur Welt.
Sie nannte ihn Anselm – einen Namen, der weder hoch noch niedrig klang.
Sie erzählte niemandem, wer der Vater war. Nur ihr Vater wusste es – und schwieg.
Der Junge wuchs schnell, mit blondem Haar und ernsten Augen. Er war stark, ruhig, fast zu klug für sein Alter. Wenn andere Kinder rannten, beobachtete er. Wenn andere stritten, schritt er dazwischen.
Er fragte nie nach seinem Vater.
Vielleicht wusste er es instinktiv.
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V. Der Name, der nie genannt wurde
Albrecht der Bär starb im Jahr 1170. Seine Söhne – offiziell geboren – erbten Titel, Land, Namen. Die Mark Brandenburg wurde sein bleibendes Werk, aus ihr wuchs das, was einst Preußen und später Deutschland wurde.
Anselm von Wasserfeld hingegen wurde nie erwähnt in den Urkunden, nie genannt in den Chroniken. Und doch – in einem Klosterarchiv bei Brandenburg fand man Jahrhunderte später ein Fragment:
„…und es wurde berichtet von einer Frau am See, die den Sohn des Bären gebar, dessen Stärke nicht in Blut, sondern in Schweigen lag…“
Anselm wurde später Vogt eines kleinen Dorfes, begründet eine Linie von freien Bauern, die nie ein Wappen trugen, aber Ehre im Blick. Zum Erstaunen aller, nahm er im Rang den Namen Albrecht an und vererbte ihn fortan an seine Nachkommen.
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Epilog: Wasserfeld
Das Dorf Wasserfeld existiert nicht mehr. Der See ist verlandet, das Land aufgeschüttet.
Doch manchmal, so sagen die Alten, sieht man in bestimmten Nächten einen alten Bären am Ufer sitzen, und eine Frau, die ihm die Hand reicht.
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Vorgeschichte 2
Göttingen, fast 800 Jahre später …

Neustadt am Harz 1804
Dorothea schrie am Dreikönigstag des frühen Jahres ihren Schmerz heraus und er durchschnitt die Kälte, die in der kleinen Knechtsstube herrschte, wie ein scharfes Messer. Die Wehen hatten schon früh am Tag eingesetzt, doch nun war es schon später Nachmittag und sie war mit ihren Kräften fast zu Ende. Ihre Freundin Lina und ihre Mutter hielten sie jedoch noch zu einer letzten Anstrengung an und es gelang ihr allen Mut zusammenzunehmen. Der Kopf des Kindes kam heraus und der Rest folgte schnell. Erleichtert viel sie zurück auf die Kissen. Ein Mädchen, hörte sie die Stimme ihrer Mutter und zugleich die des Kindes, kräftig, wie ihre eigene. Eine Welle der Freude durchströmte sie. Doch es war kein Sohn, dafür hatte sie sich mit Johann schon auf einen Namen geeinigt, Friedrich, der stolze Name eines Königs. Aber warum sollte nicht auch eine Tochter nach dem preußischen Monarchen, dem sie so viel zu verdanken hatten benennen. „Friederica,“ flüsterte sie ihrer Tochter ins Ohr.
„Friederica – Schatten einer Liebe“
Göttingen, 1823. Zwischen Vorlesungssälen, Kopfsteinpflaster und gesellschaftlichen Grenzen wächst eine Liebe, die niemals sein durfte – und zwei Leben, die trotzdem weitergehen.
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I. Die Ankunft
Als Friederica an einem regnerischen Apriltag des Jahres 1823 mit einem kleinen Beutel Habseligkeiten und schweren Holzschuhen am Bahnhof von Göttingen ankam, war sie kaum zwanzig Jahre alt – und voller Hoffnung.
Sie hatte eine Anstellung als Magd im Haushalt eines angesehenen Professors der Philosophie erhalten, in einem jener großzügigen Häuser, wie sie nur in Universitätsstädten zu finden waren: mit hohen Decken, Bibliotheken und Töchtern, die Klavier spielten.
Friederica kam aus Neustadt bei Northeim, war von kräftiger Statur, mit stillen Augen und geschickten Händen. Sie konnte mit einer Nadel umgehen, verstand sich aufs Einmachen und war klug genug, im richtigen Moment zu schweigen.
Und dort, im Schatten dieser Gelehrtenwelt, begegnete sie Max – Medizinstudent im letzten Jahr, Sohn eines Arztes aus Berlin, dessen Familie im engsten Zirkel der preußischen Aristokratie verkehrte.
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II. Sommerlicht
Max war freundlich. Neugierig. Anders als die anderen Studenten, die sich in Trunkenheit und Zoten ergingen.
Er sprach mit Friederica, nicht über sie. Fragte nach ihrer Familie, half ihr einmal, als sie mit einem Eimer Wasser strauchelte, und las ihr – zum Scherz – Goethes „Die Wahlverwandtschaften“ vor, während sie das Silber polierte.
Was zwischen ihnen wuchs, war leise – aber tief.
Heimliche Spaziergänge an der Leine. Verstohlene Küsse in der Abenddämmerung, wenn das Küchenfenster beschlug. Und schließlich, eine Nacht unter den Dachbalken, während draußen der erste Schnee fiel.
Friederica wusste: Es konnte keine Zukunft geben. Und dennoch – sie liebte ihn.
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III. Der Sohn
Als Wilhelm und sein Zwillingsbruder, der tragischerweise noch vor dem ersten Lebensjahr verstarb, im November 1833 geboren wurde, war Max bereits zurück in Berlin, um seine Approbation zu erhalten. Doch er kam – zwei Wochen nach der Geburt – und sah die Jungen an, als erkenne er etwas Eigenes in ihnen. Er schwieg lange. Dann streichelte er ihre Haare und sagte nur: „Sie haben deine Augen.“
Er erkannte die Vaterschaft an. Nicht öffentlich, aber vor Zeugen und zahlte fortan Alimente. Kam einige Male zu Besuch, brachte Bücher, Kleidung, später auch Geld. Doch das Thema Heirat war nie auf dem Tisch. Seine Familie hätte ihn verstoßen.
„Ich will, dass er weiß, wer sein Vater war“, sagte Max einmal, als nur noch Wilhelm lebte.
„Und was bin ich dann?“ fragte Friederica.
„Die Frau, der ich nie gerecht werden kann.“
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IV. Doch ein Bruder
Fünf Jahre später, 1829, brachte Friederica einen zweiten Sohn zur Welt: Ernst.
Der Vater war Lüder ein anderer Student, der wenig später nach Jena wechselte und sich nie wieder meldete. Friederike sprach nie viel über ihn.
Sie arbeitete nun als Wäscherin, nahm Nähaufträge an, und abends saß sie bei Kerzenlicht, beide Kinder neben sich, und erzählte Geschichten.
Wilhelm war still, Ernst wild.
Aber sie waren Brüder. Und sie wussten, dass sie nur ihre Mutter hatten – und dass sie alles für sie war.
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V. Rückzug
Max kehrte nie dauerhaft zurück. Er schrieb Briefe, sandte einmal im Jahr ein Päckchen – für Wilhelm.
Er wurde schließlich auch Arzt in Berlin, später heiratete er gut bürgerlich und hatte weitere Kinder.
Friederica aber blieb in Göttingen.
Still. Stark. Und voller Würde.
Wilhelm ging seinen eigen Weg – mit Hilfe eines anonymen Gönners, den er nie namentlich nannte.
Er ahnte jedoch, wer es war.
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VI. Die letzte Begegnung
Im Winter des Jahres 1852 – Friederike war über fünfzig – stand Max noch einmal vor ihrer Tür.
Er war grau geworden, das Gesicht müde, der Blick wie früher.
„Ich wollte dich sehen“, sagte er.
„Ich bin nicht mehr die, die du gekannt hast“, antwortete sie.
„Ich auch nicht.“
Sie tranken Tee, ohne über Vergangenes zu sprechen. Als er ging, drückte er ihr einen Brief in die Hand – ein Testament Auszug. Wilhelm sollte einen Teil seines Erbes erhalten. Als Anerkennung. Als Vater.
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VII. Nachklang
Friederica starb im Jahr 1871, still und arm, aber in Würde.
Wilhelm wurde ein angesehener Handwerker. Ernst wanderte nach Amerika aus.
In einem alten Koffer, den Friederica ihr Leben lang bewahrte, fand Wilhelm später ein Stoffband, in das Max’ Initialen eingestickt waren. Und einen getrockneten Fliederzweig.
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Epilog
Manche Lieben sind zu groß für ihre Zeit.
Und manche Mütter – tragen zwei Leben auf ihren Schultern, ohne je zu klagen.
© Alle Texte und Ideen sind geistiges
Eigentum von Ludger Christian Albrecht (Luc A.)