Drachentränen & Feenkrone 3

BUCH 3:

Prolog:

  1. Wolf und Drache
  2. Ein Göttergericht
  3. Das Urm
  4. Sitars Rückkehr

Kapitel:

  1. Der Sohn des Wolfes
  2. Throgar
  3. Der Wettstreit von Harfis
  4. Die neue Kaiserin
  5. Der Prinz der Wellen
  6. Das Geheimnis der Seelen
  7. Der Schlüssel zum Nest
  8. Drachen, Schwert & Krone
  9. Endspiel

Nekrolog


PROLOG:

1. Wolf und Drache

Ferid und Lukima

Hallig’Tur, 20 Jahre zuvor … und weit entfernt vom bisherigen Geschehen.

Der Traum

…ein inneres Verlangen
stärker als Drachenflammen
ein Wille des Seins
ein Gedanke der Macht
den keiner verlacht
aus dem Ei steigt sie erneut,
die geflügelte Pracht.
1

Dichter Schnee fiel über den zugigen Zinnen und hohen Türmen von Hallig’tur.

Die Burg überragte in schattenreichen Umrissen, das winterlich stille Flusstal.

Doch Gerüche und Lichter drangen aus dem Inneren.

Es war ein letztes geschäftiges Treiben vor der Nacht und die regelmäßige Wachablösung auf den Wehrgängen und am großen Tor.

Dampfende Dachschlote über dem Palas, die sich vom Grau des Himmels kaum abhoben.

Ferid, Prinz von Adrohn, er nannte sich Wolf, der Waldläufer in dieser Gegend, spielte gedankenverloren mit zwei kleinen hölzernen Stöckchen, die er nach dem Abendmahl geschnitzt hatte. Dass er nach dem Tod seines Vaters und dessen Brüder nun eigentlich König war, davon ahnte er nichts. Dieses Leben hatte er schon lange hinter sich gelassen.

Trotzdem wandert sein Blick, schon seit einer Stunde, andauernd suchend den steilen, felsigen Hang hinab, über die vielen Sturmmauern und Schutzgräben hinweg, zu den gefrorenen Ufern des breiten Flusses, der sich um die Burg am Ausgang des Urm Gebirges schlängelte um von dort weiter nach Süden zu strömen.

Es war sein letzter Abend hier, bevor er  Richtung Norden wollte, zum Treffpunkt am Ty-Ril-dar, dem so genannten Zungensteinen. Auch die älteren Nachrichten aus seiner Heimat, waren sehr beunruhigend gewesen und er hoffte von den Munir Blauelfen, dessen Königreich dort begann, genaueres zu erfahren.

Die andere Seite des Tales, war nun mehr und mehr in die tiefen Schatten der mit großen Schritten herannahenden Nacht gehüllt, die nur seine geübten Wolfsaugen scharf durchdrangen.

Aus unterschiedlichster Entfernung konnte sein geübtes Gehör, die Schreie der verschiedensten Nachttiere vernehmen.

Ferid glaubte sogar ganz schwach das tiefe Brüllen eines Scunt, eines großen weißen Bären in den weit entfernten Hängen des Urm, zu hören.

Die beiden Monde Ios und Ior tauchten nun deutlich unter den Wolkenschleiern am Horizont hervor und mit ihnen kamen die Sterne deutlicher zum Vorschein.

Ior, der große Dunkle, blieb wie üblich halb verborgen.

Die Luft wurde merklich klarer und auch kälter, so dass Ferid fröstelnd den Umhang enger um seinen bereits stark abgewetzten Lederwams zog.

Plötzlich merkte er auf, ein großer Schatten war kurz vor der Silhouette des helleren und kleineren der zwei Monde aufgetaucht.

„Was war das, ein großer Vogel?

Doch Ferid beschlich sofort eine ungute Ahnung.

Die letzten Monate schon hatten die Gerüchte hartnäckig zugenommen. Vom Krieg im Westen und der Rückkehr der Drachen.

Waren sie auch schon hier? Konnte ein Drache aus dem Urm herab gekommen sein?“

Dann sah er plötzlich eine helles Licht, direkt dahinter aus dem Himmel fallen.

War es nur ein Sternschweif? Er folgte der Erscheinung angespannt. All seine Waldläufersinne waren alarmiert.

Das Licht schien beinah direkt herab auf die Zinnen zu fallen.

Eine weiße Lichtkugel, die genauso plötzlich erlosch wie sie aufgetaucht war.

Er schüttelte sich und knurrte. Er hatte offensichtlich zu viel Met getrunken.

Doch dann, beinah sofort hörte er ein Geräusch von den Zinnen, wo das Licht heruntergesunken war.

Aufmerksam blickte er durch die Finsternis den Wehrgang entlang.

Da tatsächlich, der schemenhafte Schatten einer Gestalt kam von dort langsam auf ihn zu.

„Halt, wer ist da?!“

Die Gestalt hielt abrupt inne.

Dann antwortete eine leise, zu seiner Überraschung, weibliche Stimme:

„Ihr wisst, wer ich bin.“

Konnte das sein?

Ferids Herz schlug wild, seine Muskeln entspannten sich.

Er ließ die Frauengestalt nun ganz dicht an sich heran, so dass ihre Gesichtszüge deutlich sichtbar wurden.

Ferid holte tief Luft. Sie war es tatsächlich. „Lukima?“

Sie war eindeutig die ungewöhnlichste Frau, die er jemals kennengelernt hatte . Aber bisher nur in seinen Träumen.

Unter einem grünen Umhang, trug sie ein ganz weißes, fließendes Gewandt und auch ihr langes Haar war beinah schneeweiß.

Ihr Antlitz war ebenmäßig schön aber viel zu blass für diese südlichen Gefilde, in denen sie sich befanden.

Mit von der Kälte geröteten Nase und Wangen und hell blitzenden Augen, strahlte sie ihn an.

Das sie im Zusammenhang mit der Erscheinung am Himmel und dem Licht, plötzlich hier war, ließ eine dunkle Ahnung in ihm entstehen.

Dann sprach sie und ihre Stimme war melodisch, klar und deutlich:

„Wolf, ich hoffte Euch hier zu finden“

„Träume ich?“

„Diesmal nicht.“ Antwortete sie leise

Noch näher trat sie nun an ihn heran.

Dann küsste sie ihn plötzlich auf den Mund und erst nach einer ihm endlos erscheinender Zeit, trat sie mit blitzenden Augen zurück.

„Ihr und ich wissen, ihr seit nicht nur ein Wolf,“ sagte sie nun, „ihr seit der Sohn eines Königs, Ferid von Adrohn und Euer Königreich braucht Euch jetzt.“

Er überlegte kurz, nickte dann aber zögernd.

Sie lächelte und umfasste mit ihren schlanken Händen seinen Körper und drückten ihn mit erstaunlicher Kraft an den ihren.

„Ich habe auch geträumt wir hätten ein Kind,“ sagte sie mit warmer Stimme.

„Es ist unsere Bestimmung.“

Ferid lachte beklommen auf, konnte aber nicht anders als ihre Liebkosungen zu erwidern, in dem er ihr zärtlich über das Haar strich. SO oft schon hatte er das im Traum getan.

Seine Wolfssinne wussten genau wer sie in Wahrheit war und doch war es ihm unmöglich ihr zu widerstehen.

Selbst durch das lästige Leder hindurch, glaubte er ihre weichen Formen deutlich zu spüren und zugleich ihren heißen Drachenatem.

Der Met vom Abendmahl trieb ihm nun zusätzlich mehr Hitze in den Kopf und alle Glieder.

„Warum nicht,“ murmelte er.

Auch wenn es vielleicht nur ein wunderbarer Traum war.

Er packte sie in plötzlicher Entschlossenheit an der Hand und zog sie zielstrebig hinter sich her, begleitet von ihrem leisen Lachen.

Die kleinen Wachstube wurde nicht mehr benutzt, sie würde für ihren Zweck reichen.

Schon stolperten sie in wilder Umarmung hinein und sanken auf die schmale Pritsche, die dort noch stand.

„Unser Kind wird die Hoffnung der Welt“ flüsterte sie in sein Ohr.

„Ja, meine Traumgöttin“ hörte sich Ferid zu seiner eigenen Verblüffung antworten und er wünschte sich, nicht vorzeitig zu erwachen.

Auf die Mauern fiel der Schnee wieder dichter herab als zuvor, als eine Stunde später ein weiß glimmender, geflügelter Schatten rasch durch die Luft der Dunkelheit der Nacht entgegen stieg und mit den übrigen Sternen verschmolz, die scharfen glitzernden Augen eines nachdenklichen Wolfes folgten ihm und er hatte sie tatsächlich geöffnet.

2. EIN GÖTTERGERICHT

Die Verbannung nach Hevar

Kurz vor dem letzten Drachenkrieg …

Ein Versprechen, ist gegeben
Aber Götter versprechen viel
Sie dürfen trotzdem ewig leben
Und wir haben nur das eine Spiel.
2

Der Gott Aulon blickte auf die Drachenkönige, die vor ihm mit gesenktem Haupt standen.

Vahram hielt sich etwas im Hintergrund und die übrigen Götter blickten durch ihre Raumgläser auf den Moment herab, der das Schicksal dieser Welt wenden sollte.

Die Machtkrone lag zerschlagen vor ihm auf dem Amboss, er stützte sich auf seinen gewaltigen Hammer und richtete seinen Blick nacheinander auf die Gesichter dieser schönen Wesen.

Nun sprach er mit dunkler, wohltönender Stimme zu ihnen und doch wusste er, dass sie seine Worte nicht als Bitte, sondern als unumstößliches Gesetz empfangen würden und das war gut so.

„Ihr seit das erste Volk, doch ihr solltet Euch diese Welt teilen, mit all jenen, die euch nachfolgten und die auch unsere Kinder sind und eure Brüder und Schwestern.“

„Wir gaben euch größere Gestalt und Macht, als jene anderen, aber ihr missbrauchtet diese um die Welt euch Untertan zu machen.“

Niemand der Drachenfürsten widersprach und eine Pause entstand bis Aulon fortfuhr:

„Dies ist jedoch alleine unsere Schuld.“

„Daher bestrafen wir zunächst uns selbst, denn es war unser Eitelkeit, euch und alle anderen Völker nach unserem eigenen Bilde zu erschaffen. Ihr tragt daher die gleichen mit sich streitenden Eigenschaften in Euch, wie wir selbst. Zwietracht, Machtgier, Grausamkeit, Neid, Hass, ebenso wie das verzehrende vielschichtige Wesen der Liebe.“

Er hielt wieder einen Moment inne.

„Wir ziehen uns daher zurück aus dieser Welt und werden nur noch über Auserwählte unter Euch die Geschicke lenken. Wir werden beobachten und lernen und ihr werdet einen gemeinsamen Weg finden müssen einander zu vertrauen. Dies ist die wichtigste Eigenschaft des Seins.“

Jetzt suchte Aulon den direkten Blickkontakt zu den Drachenfürsten und nun auch zur Gruppe der anderen Deniqui-Könige, die zu seiner Seite bisher ebenso ehrfürchtig gelauscht hatte.

Deniqui nannten sich, die im Drachenkrieg gegen die Drachen verbündeten fünf Völker, der Elfen, Feen, Ukari, Menschen und Munir.

„Trotzdem!“

Nun, bekam die Stimme des Gottes einen bedrohlichen Unterton und er blickt erneut nur die Drachen an.

„Werdet ihr für unbestimmte Zeit auf den Eismond Hevar verbannt. Ob ihr jemals zurückkehren dürft, werden wir noch entscheiden und wenn ihr wiederkehrt, dann werdet ihr auch Menschen sein müssen. Im Körper der Schwächsten unter Euren Brüdervölkern sollt ihr Buse tun.“

Er lehnte sich jetzt etwas auf seinen Hammer zurück.

„Dies ist unsere Entscheidung.“ Er tauschte wieder einen kurzen Blick mit Varahm, der nun nickte.

Ein zunehmend drückendes Schweigen folgte auf seine Worte.

Doch dann trat Ont’c, Fürst der Schwarzen Drachen einen Schritt vor. Seine Nüstern blähten sich und seine dunklen Augen richteten sich auf Aulon.

„Wir werden weiter kämpfen und gehen nicht freiwillig ins Exil.“

Sprach er mit kehliger Stimme.

Bei seinen Worten trat Imel, Herrin der Silbernen neben ihn.

„Wir ebenfalls.“

Eine Raunen begann im Hintergrund anzuschwellen, von den niederen Göttern und Halbgöttern her.

Dies war ungeheuerlich, soviel stand fest.

Große Unruhe erfasste sofort auch die Deniqui, ihre Könige hielten sich an den Machtschwertern fest, die sie erst kurz zuvor von Aulon überreicht bekommen hatten.

Im Knauf jeder dieser Schwerter glitzerte ein Bruchstück des zerschlagenen Machtsteines der Drachen.

Die Anspannung in der Halle war greifbar.

Aulon richtete sich unterdessen zur vollen Größe auf und er wuchs dabei weit über die Darchenherrscher hinaus.

Sein strenger Blick fiel nun aber zuerst auf Aguar, den Lord der Goldenen.

Aguar erwiderte Aulons Blick lange und das Raunen verebbte unterdessen und war einer höchst angespannten Stille gewichen, während der alle Anwesenden den Atem anzuhalten schienen.

Dann senkte der Goldene und mächtigste Drachenfürst von allen, sein Haupt und sprach:

„Ich unterwerfe mich Eurem Urteil, wobei sein Blick. nachdem er den Kopf wieder gehoben hatte, zu Varahm ging, der noch immer nur ein stiller Beobachter im Hintergrund schien. „Denn ich weiß, dass es gerecht ist.“

Zu Ont’c und Imel gewannt sagte er:

„Es ist nur Verbannung nicht Vernichtung, auch diese wäre gerecht gewesen.“

Die Augen des Schwarzen Fürsten funkelten ihn wütend an.

„Du hast es doch gehört, wir werden auch unserer Kraft und Größe beraubt und dürfen, wenn überhaupt nur zurückkehren als niedere Menschenwürmer. Das ist eine Vernichtung!“

Dabei streifte sein Blick verächtlich den Endar König.

„Das werden wir niemals akzeptieren!“

Er breitete die Flügel aus und spie nun Feuer in die Halle, worauf ein Aufschrei der Anwesenden Deniqui folgte. Die Götter schwiegen noch.

Dann wandte er sich rasch um und schritt zum Ausstieg aus der Götterhalle, die hoch in der Krone der Stropaden lag.

Niemand hielt ihn auf. Er stieß sich ab und glitt in die Wolken.

Imel, die Silberne blickte unterdessen weiter mit finsterer Mine auf Aulon.

„Ich stimme ihm noch immer zu,“ flüsterte sie mit zischender Stimme und wollte sich offenbar gerade umwenden um Ont’c zu folgen.

Doch da trat Vahram ganz plötzlich vor.

Die Präsens des Höchsten, des Einen, nahm die Halle sofort ganz ein.

Eine unfassbare Ehrfurcht erfasste alle Anwesenden und ließ sie die Köpfe neigen.

Imel konnte ebenfalls nicht anders, aber wie man sah, sehr widerstrebend.

Doch dann richtete sie sich ruckartig wieder auf und öffnete trotzdem ihre Schwingen, ihre Augen funkelten dabei voll trotziger Entschlossenheit.

Varahm hatte noch immer kein Wort gesagt oder getan.

Auch nicht als sich Imel nun, auf Ont’c Spuren zum Bergtor bewegte. Dort breitet sie die Flügel aus und glitt ebenfalls in den Himmel. 

Ein Aufatmen ging durch die Versammlung.

Doch sogleich kippte dieses in ein betroffenes Entsetzen, als Varahm nun zu Aguar sprach:

„Folge ihnen und töte sie beide.“

Der Goldene nickte langsam und sagte dann:

„Ich tu es, doch es wird unser letztes Götteropfer sein.“

Die anderen Drachenfürsten nickten und folgten ihm.

Nach einer langen Pause erhoben sich die Deniqui ebenfalls.

Der Elfenfürst Midias trat nun vor Vahram.

„Herr ihr gabt uns die Waffen um den Kampf zu entscheiden, so wird es kommen und wir fürchten uns nicht.“

Varahm nickte nun unmerklich und antwortete:

„Ja, es ist entschieden, geht mir aus den Augen. Denn ich sehe auch in euren Herzen Widerstand und keinen Wunsch nach Frieden. Ihr werdet ihn nun also selbst finden müssen.“

Die Deniqui wendeten sich hastig um und liefen zu ihren Reittieren.

Die letzte Schlacht war unvermeidlich.

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1 Aus den „Klingenden Tiraden“ von Zilat dem Flöter.

2 Spottlied auf die Götter, unbekannter Barde des 2. Zeitalters

Der Kampf der Drachen vor dem Nest.

3. DAS URM

… ein Jahr nach dem Krieg.

… ein Hauch der Zeit
vom Eis befreit
hallt durch die Welt
wie ein Signal
durch Berg und Tal
trägt es der Wind
erzählt der Nacht von diesem Kind. 1

Als er noch ein junger Mann war, wanderte der Blauelf Ulan häufig in den Vorbergen des Urm herum, auf der Suche nach der Offenbarung des Göttlichen. Er war ein einfacher Mann und verbrachte manchmal Tage und Wochen in der Einsamkeit der Natur, versunken in Meditation und Andacht. Er wusste von den Pakt seines Volkes mit den weißen Drachen, die als einzige nicht in die Verbannung mussten, aber wenn er wirklich einmal einen Drachen zu sehen glaubte, so war es nur in seiner Meditation oder nach dem Genuss von zu viel Gamkgkraut. Andere faszinierende Wesen der Berghänge hingegen, sah er häufiger und musste sich auch schon mal seiner Haut erwehren oder freundete sich mit den Friedlichen unter ihnen an.

An diesem Tag jedoch sollte er eine Begegnung haben, die sein Leben verändern würde. Er saß wie so oft, seit einigen Stunden in Konzentration vertieft auf einem Felsvorsprung und gab sich ganz seinen inneren Visionen hin. Da vernahm er plötzlich den markerschütternden Schrei eines Kindes.

Zunächst glaubte er noch dies sei Teil seines Tagtraumes oder nur eine überkippende Vogelstimme, doch der Laut wiederholte sich und war zu eindringlich um ignoriert zu werden.

Er schaute sich gerade suchend um, da glitten plötzlich zwei riesige Schatten über ihn hinweg und erschrocken blickte er zum Himmel auf.

Dort sah er jetzt zu seiner großen Überraschung, zwei schlanke, geflügelte Gestalten, die sich mit rasanter Geschwindigkeit durch die unter und über ihm befindenden Bergschluchten zu verfolgen schienen. Es waren Drachen, ganz eindeutig.

Denn heisere, Furchteinflößende Schreie entstiegen nun dabei auch ihren Kehlen. Rasch sprang Ulan auf. Sein erster Instinkt, war die Flucht. Er war unbewaffnet, was sollte er tun, wo sollte er hin, wenn sie ihn angriffen? Doch im nächsten Moment wurde ihm klar, dass die Drachen ihn wohl kaum bemerkt hatten, sondern nur ganz aufeinander fixiert waren und da war außerdem seine Neugier. Endlich sah er einmal diese wunderbaren Wesen. Er verharrte also wo er war und so konnte er nun weiter beobachten, wie die Szenerie keineswegs friedlich war, da die gewaltigen Leiber im Flug aufeinander trafen und sie sich mit Klauen und ihren zahnbewehrten Rachen, heftig bekämpften. Und was er noch sah, war, dass es sich nicht nur um weiße Drachen handelte.

Es war offenbar sogar ein Kampf auf Leben und Tod, zwischen einem kleineren weißen Drachen und einem gewaltigen schwarzen Wurm. Wie konnte das sein?

Ulan verfolgte das Geschehen wie gebannt, da hörte er plötzlich noch etwas anderes. Die Schrie eines Kindes drangen in sein Bewusstsein. Er schüttelte erstaunt den Kop, doch es war keine Einbildung.

Woher kamen sie? Er versuchte die Richtung zu orten. Der schmale Stieg, dem er zum ersten mal auf diesen Sims gefolgt war, ging, er erkannte es nun, offenbar von hier noch etwas am Hang hinab abwärts. Von dort unten schien eindeutig die Stimme des weinenden Kindes zu kommen und von dort waren wohl auch die Drachen aufgestiegen.

Er tastete sich vorsichtig voran, dabei immer einen ängstlichen Blick für das Schauspiel der kämpfenden Drachen, die mehr als einmal wieder kreischend und gefährlich nah zur Felswand kamen.

Der Aufstieg führte einige Meter am Berghang hinab und wurde dann zu einer breiten Terrasse, die über dem gähnenden Abgrund hing.

Als er vorsichtig hinauf stieg, erkannte er zu seinem Erstaunen nun einen gewaltigen Höhleneingang. Als er ihn erreicht hatte blickte er neugierig hinein. Die Kindesstimme erklang nun ganz eindeutig daraus hervor. Er ging hinein und blieb bereits nach wenigen Schritten ehrfürchtig stehen. Es musste ein Drachenhort sein und dort auf einem großen Haufen aus Ästen und Buschwerk, lag tatsächlich ein Kind. Gerade wollte Ulan darauf zugehen, als ihn ein gewaltiger Aufprall gegen den Berg und eine Hitzewelle von den Beinen riss. Benommen schüttelte er sich einen Moment später und sah erschrocken wie die Drachen nun direkt vor dem Eingang kämpften, Feuer spien und lautes Schmerzens- oder Wutgeschrei von sich gaben. Dann stürzten sie wieder, eng ineinander verkeilt in die Schlucht davor ab.

Was sollte er tun? War dies eine göttliche Fügung?

Er wollte es glauben. Um dieses Kind zu retten, musste ihn Varahm, der Eine ausersehen haben. Warum auch immer die Drachen miteinander kämpften und was es mit dem Kind auf sich hatte, es war seine Chance das Kind zu retten. Er ging näher sah zu seiner Überraschung nun, dass es mehr wie ein Mensch, den ein Elf aussah. Die Geschichte wurde immer seltsamer.

Doch er musste nun rasch handelt und war mit schnellen Schritten am Nest, nahm das Kind auf den Arm und drückte es beruhigende Worte flüsternd an sich. Dabei musterte er nun die Halle im Berg genauer. Fast hatte man den Eindruck es sei eine Art Kathedrale, den er entdeckt nun einen weiten Bogen mit Schriftzeichen im Hintergrund. Erstaunt hob er die Augenbrauen.

Das Kind hatte zum Glück jetzt aufgehört zu weinen. Er riss sich vom Anblick der Höhle los und wollte nun zurück zum Höhleneingang, da fiel ihm auf, dass alle Kampfgeräusche verstummt waren. Er merkte wie ihm die Angst die Haare im Nacken aufstellte und langsam kalt an seinen Beinen hoch kroch.

Denn nun vernahm er wieder Flügelschlag ganz nah und als er nun den Blick zum Höhleneingang wandte, landete der weiße Drache gerade auf der Felsterrasse vor der Höhle. Nur er alleine. Ulan versuchte seine Angst zu zügeln, doch sein Kehle war so trocken wie die Wüste und seine Beine wollten unbedingt unter ihm nachgeben.

Das große Geschöpf blickte ihn einen Moment aus wie es schien traurigen Augen an und im selben Augenblick verwandelte es sich vor ihm in eine junge elfische Frau, die jedoch sofort zu Boden sank. Ihre hellen Augen waren die gleichen des Drachen und er sah deutlich in ihnen die Erschöpfung. Ihr Körper zitterte offenbar vor Anstrengung und ihr Kleid war, wie er nun deutlich sah, von Blut getränkt.

„Gut das du da bist Munir,“ flüsterte sie, „noch einmal konnte ich den großen Wurm abwehren, doch die Kinder des Ont’c werden immer wieder kehren, jetzt wo sie mich einmal gefunden haben.“

Ulan blickte sie fasziniert und sprachlos an und bemerkte das er den Säugling beinah erdrückte so stark hatten sich seine Arme um ihn verkrampft. Doch das Kind verhielt sich weiter ungewöhnlich still, als ahne es die ungeheurer Bedeutung des Augenblicks. Er zwang sich die Muskeln zu lockern und ihm fiel ein, dass er sprechen konnte. „Wer… wer bist du?“ Stammelte er endlich.

„Lukima“, antwortete sie mit erschöpft wirkender Stimme. „Es ist gut, das du gekommen bist.“ Widerholte sie. „Du musst ihn fort bringen, meinen Sohn, zu seinem Vater“ fügte sie hinzu und wies mit dem Kopf auf das Kind in seinem Arm. „Unser Kind ist es, das sie eigentlich töten wollen. In meiner Obhut ist er nicht mehr sicher.“ Er sah wie ihr Tränen über die rußigen Wangen liefen. „Aber…, wo ist sein Vater und wer ist er?“, stammelte Ulan. Sie kam näher uns flüsterte die Antwort in sein Ohr.

„Geh nun und nimm meinen Sohn mit dir.“ Dabei schien ihre Stimme wieder fester zu werden. Wenn ich überlebe, werde ich ihn finden, zu seiner Zeit.“ Sprach sie. „Rasch, du musst dich beeilen. Wenn der Worm zurück kommen, kann ich uns nicht mehr verteidigen, aber ich werde versuchen ihn durch das Tor zu locken.“ Sie wies zum Felsbogen hinüber, den er gesehen hatte. „Damit er euch nicht verfolgt.“

Ulan zögerte noch, aber dann wurde er sich der Bedeutung ihrer Bitte bewusst. Er musste es tun, es war seine große Aufgabe in diesem Leben, es war der Götter Wille. Er riss sich aus den Gedanken und wollte an ihr vorüber hinaus auf den Sims. Dann hielt er noch einmal inne und sie schien seine Gedanken zu lesen. „Wenn es mein Schicksal ist,“ sagte sie, „so werde ich sterben. Aber mein Kind soll leben, denn es ist vielleicht das Überleben dieser Welt.“

Ihre Augen blickten ihn flehend an. Er wandte sich um und stolperte so schnell er konnte mit dem Kind im Arm auf den Sims und von dort den Bergpfad hinab ins Tal.

Erst später fiel ihm ein, das er nicht gefragt hatte, wie das Kind hieß. Sein Vater sollte ein Mensch sein, ein Prinz der Endar, hatte Lukima gesagt und sein Name lautete seltsamerweise nur Wolf … und noch etwas verwirrte ihn. Es war also wirklich so, dass die Götter Drachen und Menschen miteinander verwoben hatten, waren sie zu einem Geschlecht geworden, so stark und schwach zugleich.

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1 Aus dem Draomedon, Epos des Dichters Lipollit der Jüngere 300 n.A.

Sitars kommt mit den Ukari nach Adoner

4. SITARS RÜCKKEHR

…und es wuchsen ihnen Schwingen
sich zu schwingen,
über die dichten Nebel hinauf zum Licht
Der Bote der Zeit, trieb sie voran,
doch ohne das Ziel zu benennen. 1

Die Sonne sank langsam am Horizont, während Hirazion und die übrigen Ukari, begleitet von Sitar und dem Halbtroll Gelyioc, unermüdlich auf der Bergstraße die vom alten Adoner runter in den Dawahru führte, voranschritten. Der Himmel war in ein dunkles Grau getaucht, und ein reißender Bergbach begleitete ihren Abstieg, während sie dem Wald näher kamen, wo wie es Sitar hoffte, sich vielleicht noch die Reste der Halurarmee verbargen, waren sie immer auf der Hut vor Spähern am Himmel. Alnor hatte ihr verraten, dass Dionel auch in Andul bereits Drachen zur Unterstützung ihrer Nindur Truppen hatte.

Aber was in ihr überwog, war das unbeschreibliche Gefühl: Sie war tatsächlich wieder zuhause! Doch zur Wahrheit gehörte auch, dieses Zuhause war ihr unbekannt und die düstere Ahnung, dass sie ihrer gewaltigen Aufgabe, ihrem Schicksal immer noch nicht gewachsen war, lastet gerade wieder schwer auf ihrem Gemüt.

Hirazion, der mit seinen Faunhufen und trotz seines stolzen Alters nicht von Müdigkeit berührt zu sein schien, marschierte jedoch weiter entschlossen voran, als wäre er vom göttlichen Feuer angetrieben. Er sprach Sitar Mut zu, als er ihre bedrückte Mine sah: „Wir werden sie finden.“

Sitar nickte und die Erbin der Halur-Feen, stolperte hinter ihm her, erschöpft, aber trotzdem trotzig entschlossen. Gelyioc, ihr treuer Gefährte, war ebenso erschöpft, doch in seinen Augen brannte die ihm eigene, ewige Neugier, auf dieses neue Land. Der Weg der noch vor ihnen lag war nicht nur körperlich beschwerlich – es war der Pfad zu einem letzten entscheidenden Krieg, über das Schicksal aller Völker und Götter.

„Aber es würde auch Verlierer geben und daraus entsteht nie ein ewiger Frieden,“ dachte Sitar.

Seit sie Dionel, ihre Gegenspielerin um den Feenthron, die Königin der Ninur-Feen, herausgefordert hatte, war ihr klar geworden, dass sie eine Entscheidung treffen musste. Eine bessere als alle Könige und Götter zuvor. Sollte sie siegen.

Nicht nur weil in ihr Halur und Nindur Blut floss, musste sie einen Weg finden der die Träume aller Feen miteinander versöhnte.

Sie blies die Luft zwischen ihren Lippen aus.

Doch zuerst musste sie die Halur finden und dann alle anderen Verbündeten vereinen, in diesem entscheidenden Kampf. Sie brauchte also auch die guten Drachen.

Denn sie wusste es gab welche, die auf ihrer Seite waren. Träume über Träume.

Sie hatte in ihnen auch Ferid, Elarells Bruder gesehen, aber nicht ob er noch am Leben war. Nur dass er in dieser Geschichte eine Bedeutung hatte, die sie und die Drachen verband. Welche Rolle konnten die Menschen, Elfen und Trolle dabei gemeinsam spielen?

Sie hoffte darum, dass Dionel, Arkur verlassen würde, sobald sie erfuhr. dass sie in Andul war und damit in die Falle ging, die sie ihr selbst hatte stellen wollen.

Die Gruppe erreichte schließlich das erste Dorf nach ihrem Abstieg. Die Dorfbewohner, einfache Nindur, waren voller Ehrfurcht vor den Ukari zurückgewichen aber sie konnten Pferde kaufen und bereiteten sich darauf vor, die letzten zwei Tagesritte nach Yl-Tulan, der einzigen verbliebenen Halur Stadt, wie sie hofften, in Iskort, noch zu bewältigen. Doch Sitars Gedanken schweiften bereits weiter. Denn vor der Stadt so flüsterten die Dorfbewohner, lag eine große Nindur Armee. Vielleicht war Dionel bereits hier  und auch ihre Drachen, was war dann ihr Plan?

Denn Dionel war nach wie vor stark, sie hatte nicht nur Drachen, sondern auch das Schwert Feenlicht und nachdem sie damals den Thron in Wahran’Din erobert hatte, standen nicht nur die Nindur im Feenreiche unter ihrer Macht, sondern auch die Metur. Auch der Gedanke, dass die schwarzen Drachen ihr Bündnis mit Dionel aufgeben könnten, schien eine Illusion – und diese waren die eigentliche Gefahr für die Halur und ganz Andul. Vielleicht konnte es ihr gelingen auch einige Nindur davon zu überzeugen. Sie atmete erneut tief durch.  War es nicht wenigstens ihre Pflicht, es zu versuchen. 

Hirazion hatte ihren zum Teil lauten Gedanken zugehört und nicht widersprochen, seine Augen funkelten sogar vor stiller Zuversicht, wie es Sitar vorkam. Doch Gelyioc zog seine Stirn in Falten. „Und was dann? Selbst wenn deine Verwandten hier ihre letzte Bastion haben und wir hinein gelangen umgeben von überlegenen Feinden?“

Sitar musste ihm noch die Antwort schuldig bleiben. 

Die Straßen nach Yl-Tulan wurde unterdessen zunehmend gespenstisch, Zeichen des Krieges waren nun überall sichtbar. Sie sah sich sehr an Adrohn erinnert. Felder lagen brach, Dörfer waren geplündert, und über dem Dawahru Wald zogen Rauchschwaden auf.

Sitar seufzte, dieser letzte Kampf würde hier, in ihrer wahren Heimat ausgetragen werden und sie würde bereit sein, nicht nur für den Sieg, sondern auch für das schwersten Opfer, welches der Krieg von allen fordern konnte: Die Versöhnung.

Hirazion der vorweg ritt, zügelte plötzlich sein Pferd. „Es gab in altforderer Zeit einen „Tierpfad“, wie wir es nannten, durch den Dawahru nach Yl-Tulan. Es ist ein Tunnel. Er blickte Sitar an, „und ich glaube ich habe den Eingang gefunden.

Gelyoc seufzte. „Nicht schon wieder.“

~

Der Halur Fürst Mergal blickte von den Zinnen, der Vorburg auf den brennenden Wald hinter der Stadt Yl-Tulan. Natürlich war das, das Werk der Drachen.

Wenn der Wind sich nicht drehen würde, würde es nicht mehr lange dauern bis diese Feuersbrunst die Mauern erreicht hatte und die Stadt dann schnell einschloss. Vorher mussten sie den Ausfall wagen, das war ihre letzte Hoffnung. 

Als er den Blick hinab in die Stadt wandern ließ, sah er nun überrascht, wie eine Laufbursche zu ihm hinauf gestiegen kam, offenbar mit großer Eile. Er schob den Helm etwas über die Augen und blickte ihm erwartungsvoll entgegen.

„Herr“, sagte dieser, als er ihn erreicht hatte, „die Wächter im Tunnel melden, die Ankunft einer Gruppe Ukari.“ Die Stimme des Boten zitterte und der Fürst, erkannte sofort, dass er befürchtete ausgelacht und gerügt zu werden.

Mergals Mine verfinsterte sich auch bereits, denn Märchengestalten, waren das letzte was er in dieser Situation jetzt noch brauchen konnte, da ergänzte der Bote rasch: „… und mit ihnen eine junge Halur, die behauptet, Sitar E‘ Galat, Tochter des Thewos zu sein.“ 

Mergal klappte der schon geöffnete Mund zu.

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1 Erkenntnis aus dem schwarzen Buch von Mekollas dem Fliegenden

Alaanc und Varo

KAPITEL 1:

Der Sohn des Wolfes

Kleine Leute werden übersehen
Wenn sie hinter großen Leuten stehen
Doch wenn große Leute über kleine Leute fallen
Nützt das allen.

Kleine Schwerter werden unterschätzt
Wenn sie durch die Reihen tanzen
Doch wenn große Leute große Ziele sind
Bluten sie bestimmt.

Kleine Könige haben kleine Reiche
Wenn sie wachsen, merkt das keiner schnell
Doch wenn große Könige fallen
Sind sie große Leichen. 1

Langsam schritt Varo, der sich hier Hamfast vom Stein nannte, über den aufgeweichten Waldboden des schmalen Pfades, der sich gemächlich den Hügel hinaufwand. Der Regen peitschte gnadenlos herab, verwandelte den Boden in einen morastigen Sumpf, der seine Stiefel bei jedem Schritt einsog. Der alte Umhang, den er trug, bot nur sporadisch Schutz vor dem stetig stärker werdenden Regen. Varo fluchte leise auf die verschwundenen Götter, die einst das Land segneten, nun aber nur noch in vergessenen Legenden existierten und darauf, dass er sich von Sul’rir zu diesem Auftrag hatte überreden lassen. Er hoffte inständig, bald ein Gasthaus oder zumindest einen Unterstand zu finden, bevor die Dunkelheit und die Kälte seine Glieder vollständig durchdrangen.

An seiner Seite schritt Alaanc, Sohn des Ferid, Prinz von Adrohn, der in einen langen Mantel gehüllt war, seine schmalen Schultern nach vorn gebeugt, um dem Sturm zu trotzen. Sie zogen die Pferde hinter sich her. In Alaancs Blut floss zudem, auch wenn er es erst seit kurzem wusste, das Erbe seiner Drachenmutter. Die Legenden besagten, dass das Blut der Gorifor zu denen auch sein Vater gehört hatte, eine besondere Verbindung zu den Drachen ermöglichte, so das sie einen Bund eingehen konnten.

Lukima hatte ihn gefunden, nach Ferids Tod und so diente sie ihm auch als Gefährtin. Sie war dem Ruf der Goldenen gefolgt und dem der Götter, die endlich wieder die Verbindung aller Völker und den Frieden wollten. Darum waren sie nun zusammen unterwegs, doch sie mussten vorsichtig sein und sich noch möglichst verborgen halten, solange die Schwarzen nun mehr und mehr über das Land flogen. Sie ließ ihren Sohn und den Tewir daher alleine wandern.

„Wir hätten doch die großen Straßen nehmen sollen“, murmelte Alaanc, sein Atem in der kalten Luft sichtbar.

Varo schnaubte. „Die großen Straßen?“ Seine Stimme war voller Skepsis. „Dort fliegen die schwarzen Drachen oder mindestens Grüne inzwischen wie die Fliegen. Sie würden uns finden und keine Gnade gewähren, dafür ist selbst deine Mutter nicht stark genug und genau aus diesem Grund können wir auch nicht fliegen.“

Alaanc brummte verdrießlich schwieg, doch seine Gedanken kreisten immer um das gleiche. Lukima hatte ihm alles erzählt. Die schwarzen Drachen, dunkle Kreaturen des Chaos, hatten die alte Heimat seines Vaters zerstört und die Nindur Fee Dionel, regierte nun mit eiserner Faust und mit Hilfe der Schwarzen diese Welt. 

Doch es gab eine Hoffnung, eine Verbündete in diesem Kampf. Die Erbin der Halurfeen und die Schwerter der Deniqui. Varo hatte den der Magier Sul’rir mit seiner Mutter zu ihm geschickt hatte, hatte ihm davon berichtet und er und Lukima hatte einen Plan. Alaanc sollte das mächtigste dieser sieben sagenumwobenen Schwerter finden, das Drachenschwert. Einige der anderen Schwerter waren verschollen oder schon im besitz von Dionel. Aber dieses eine, so sagte die Legende, ruhte im Nest des Urm, ein Berg weit im Osten, auf dem Kontinent Arzekogas, im Land der Munir und zugleich ein Ort der seiner Mutter sehr gut bekannt war.

„Wie weit ist es noch?“ fragte Alaanc schließlich, obwohl er die Antwort schon kannte.

„Tage, vielleicht Wochen“, antwortete Varo, „zu Fuß.“ „Aber mit etwas Glück, sollten wir bald nach Throgar kommen.“ Er wies mit der Hand voraus. „Dort auf dem Fels vor uns liegt eine alte Ruine, von dort müssten wir die Stadt sehen können und wir sollten dort vielleicht auch Schutz suchen für die Nacht suchen.“

Alaanc nickte nur knapp. Seine Gedanken schweiften ab zu Sitar, der Halur-Feenerbin. Was hatte seine Mutter ihm erzählt? Wenn er das Schwert wirklich finden könnte, wenn sie es zu ihr bringen konnten, würde sie mit der Macht des Schwertes wirklich Dionel besiegen und den Feen und Drachen und allen anderen Völkern, den Frieden zurückbringen können? Die Zeit lief gegen sie. Es musste ihnen schnell gelingen und darum war er ungeduldiger denn je und zugleich fest entschlossen.

„Wir werden es finden.“, murmelte Alaanc, mehr zu sich selbst als zu Varo.

Varo sah ihn aus den Augenwinkeln an, sagte aber nichts. Der junge Drachenreiter klammerte sich genau wie er, an diese Hoffnung wie ein Ertrinkender in einem reißenden Fluss, an einen Ast, aber Varo wusste, dass die Reise noch gefährlicher war, als Alaanc es sich vorstellen konnte. Die schwarzen Drachen und ihre Helfer konnten in jedem Dorf lauern. 

Die beiden Reisenden setzten ihren Weg schweigend fort, als tatsächlich, im Abendlicht, die Silhouette einer alten Ruine auftauchte. Halb in den Hügel eingelassen, mit bemoosten Mauern und verfallenen Türmen, stand sie da wie ein uraltes Relikt aus vergangenen Zeiten. Doch ein schwaches Licht schimmerte zu ihrer Überraschung aus einem der Fensterhöhlen.

„Das muss sie sein“, sagte Varo leise, doch in seiner Stimme lag auch Vorsicht. „Die Festung der vergessenen Wache.“

Alaanc, musste lächeln, ob dieser fast romantischen Bezeichnung des alten Gemäuers, hob den Kopf und spähte in die Ferne. „Vielleicht hat meine Mutter sie schon ausgespäht. Dann werden wir Schutz finden. Zumindest für diese Nacht“, sagte er mit fester Stimme.

Varo zögerte. „Vielleicht, aber sieh das Licht, es könnte uns auch schon jemand zuvor gekommen sein und nicht jeder, der hier Schutz sucht, ist freundlich gesinnt.“

Alaanc zog den inzwischen nassen Mantel enger um sich. „Freunde oder Feinde – sie werden uns nicht aufhalten.“

Varo lächelte und folgte ihm in Richtung der düsteren Festung.

Das Licht kam näher und wurde fast weißlich. Nein, sie erkannten es nun. Es war einen weißen Umriss.

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1 Nur drei ausgewählte Strophen aus der bitter fröhliche Ballade der „Legion tanzender Tewir“

Lukima

KAPITEL 2:

THROGAR

Ein junger Prinz,
wir lieben ihn
Wer soll das sein,
wir wollen ihn freien
Doch die Welt ist voller Ungereim
und gemein.

Alles ist nur Legende
Wir heben trotzdem die Hände
Solange die Wahrheit nicht
vor unserer Tür steht
Ist es nicht zu spät,
wenn unser Prinz uns fände. 1

Alaanc kämpfte sich mit knurrendem Magen durch die mittägliche Menschenmenge der belebten Handelsmetropole Throgar. Die Geräusche der Stadt – das Klirren von Münzen, das Rufen der Händler und das Lachen der Leute – fühlten sich merkwürdig entfernt an. Seine Gedanken waren bei ernsteren Dingen.

Am frühen Morgen hattem er Betrak Et’Volant abgepasst, den Magier des Nevlon-Ordens, den Varo ihm hatte genannt, als Kontaktperson. Betrak, der gerade von seinem nächtlichen Rundgang durch die Schenken der Stadt zurückkehrte, war zunächst erschrocken, als Alaanc aus den Schatten seines Hauses auf ihn zutrat. Doch als dieser seine Kapuze herabzog, erhellte Erkenntnis Betraks Gesicht. Ihre letzte Begegnung lag lange zurück, doch Allanc war unverkennbar Ferids Sohn, von dessen Ankunft ihn Sul’rir magisch verständigt hatte.

„Gut, dass ihr es geschafft habt,“ murmelte der Magier. Betrak führte ihn in sein Haus.

Draußen, in der verlassenen Ruine, warteten Varo und Lukima, auf seine Rückkehr. 

„Die Lage ist leider schlimmer geworden,“ sagte Betrak.

Alaanc nickte denn das wusste er bereits. Er war selbst zwar ein Freund der Drachen, stammt von ihnen ab, aber die Schwarzen waren nicht nur mächtige Kreaturen – sie waren Symbole des Chaos selbst. Ihre Absichten konnte das Ende der Welt, wie er und alle sie kannte, bedeuten.

„Ich weiß,“ sagte Alaanc darum bestimmt. „Meine Mutter sagte es mir schon, aber die Halur-Feenkönigin, ist mir im Traum erschienen. Sie sprach von einem letzten verlorenen Deniqui-Schwert, das die Macht hat, die Bedrohung der Nindur-Feen abzuwenden. Wenn wir es finden und zu ihr nach Andul bringen.

Betrak nickte, doch seine Miene blieb düster „Es gibt dabei ein Problem. Dionel, sucht ebenfalls nach diesem Schwert, wie nach allen sieben natürlich. Ihre Schergen und die schwarzen Drachen sind auch bereits hier auf der Jagd danach. Unsere einzige Chance besteht darin, dass sie vielleicht nicht genau weiß, wo sie suchen soll. Im Gegensatz zu uns.“

Alaanc ballte die Fäuste. „Das ist eine gute Nachricht.“

„Ja und dass die Goldenen unserer Verbündeten sind, die Mächtigsten von ihnen zugleich Mitglieder meines Ordens. Es wird trotzdem nicht wirklich einfacher,“ sagte Betrak.

„Doch genau darum bist du hier, Der Orden hat geheime Torwege, wenn es nicht möglich ist zu fliegen. Auch wenn selbst dort Dionels Ohren und Helfer laueren könnten. Leider gibt es Verräter unter uns. Es ist unsere Chance, schneller zu sein.“

Alaanc nickte. „Ich werde nicht zögern. Wenn die Nindur-Feen es zuerst finden und auch den letzten Widerstand der Halur in Andul gebrochen haben, wird es keine Hoffnung mehr für uns alle geben.“

Betrak nickte seinerseits und erhob sich, dann ging er zu einem Regal, aus dem er eine kleine, unscheinbare Phiole holte. „Das hier,“ sagte er, „ist ein Schutz gegen die Augen der Feen. Trage es bei dir, und du wirst in ihren Träumen verborgen bleiben.“ Alaanc zögerte. Betrak las seine Gedanken. „Wenn du mit Sitar Kontakt willst, nimmst du sie ab und sobald ich mehr herausgefunden habe, welches Tor frei ist, finde ich auch einen Weg es dich wissen zu lassen.“ Der junge Drachenreiter nickte. „Ihr könnt uns also nicht begleiten?“ Betrak schüttelte den Kopf.

Ich muss danach so schnell wie möglich nach Arkur,  der Orden führt dort gerade eine wichtige Schlacht, gegen Dionel. Vielleicht gelingt es sie zu besiegen und so zu verhindern, dass sie überhaupt nach Andul zurückkehrt, zumindest aber könnte es sie lange genug ablenken, damit du Erfolg hast.“

Alaanc nickte und nahm den Schutzzauber.. Er wusste jedoch, dass dies nur der erste Schritt einer langen und gefährlichen Reise war. 

Als Alaanc dann das Haus des Magiers verließ und sich erneut in die Menschenmenge der Stadt mischte, wusste er, dass die Zeit gegen ihn arbeitete. Die Reise zum Urm würde gefährlich sein, doch noch gefährlicher war das Warten. Die Schwarzen Drachen waren bereits auf der Jagd – aber das Schicksal der Welt lag nun zumindest ein Stück weit in seinen Händen.

Wenn Betrak keinen sicheren Torweg fand, mussten sie eben doch fliegen und das sehr bald.

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1 Einleitung des Märchens vom alternden Prinzen.

Der Kampf vor dem Wirtshaus

KAPITEL 3:

DER WETTSTREIT VON HARFIS

… weit, weit über das Meer
tief, tief fällt er hinab
hoch, hoch wächst er den Göttern entgegen
in seinem Schweben.

…sein Feuer brennt
sein Eis ist kalt
er kennt kein Leben
er hasst das Licht und meidet den Wald. 1

Sie waren geflogen. Denn man fand Betraks Leiche einige Tage später vor einer der Kneipen, die er so gerne besucht hatte.

Darum hatten sie keine Wahl mehr und hielten es für zu gefährlich den Torweg zum Urm zu nehmen. Seine Mörder hatten diese ihre Absicht vermutlich inzwischen von ihm erfahren und warteten dort. Wenn sie flogen waren sie nicht ganz so schnell, aber auch nicht der zudem unberechenbaren Magie der Tore ausgesetzt. Sie konnten nur hoffen, dass Betrak nicht alles verraten hatte und sie darum zu spät kamen.

Nach zwei Tagen Flug kamen sie vor Harfis, einer Stadt, die am südlichen Rand des Urmgebirges lag an, dort hatte Lukima, Alaanc abgesetzt um die Lage zu erkunden. Varo blieb mit ihr in Drakon Fohr zurück, einem verlassenen Weiler der schon am Berghang auf dem Weg zum Urm lag. 

Alaanc erreichte die Straße zur Stadt etwa fünf Kilometer davor und stieß direkt auf eine kleine Karawane aufgebrachter Händler. Sie berichteten von einem grausigen Fund kurz vor der Stadt. Als er die Stelle selbst erreichte war er ebenfalls geschockt. Er hatte schon viel gesehen, doch was ihm sich hier auf einer Kreuzung der Handelsstraße darbot, war alles andere als ein schöner Anblick.

Er musste sich zuallererst im nächsten Gebüsch übergeben, erst dann konnte er die Leichen, mit zugehaltener Nase näher untersuchen.

Es war ganz offensichtlich ein Drachenangriff. Waren die Schwarzen also schon da.

Was sollte er tun? Zurück nach Drakon Fohr? Das sie einen neuen Plan überlegten?

Während er sich von seiner Übelkeit erholte, ging er wieder näher an den Ort des Geschehens heran, er musste versuchen mehr herauszufinden über die Lage. Die toten waren Munir und Menschen. Vermutlich auch nur Händler. Aus einem Planwagen, den sie wohl mitgeführt hatten und der umgekippt lag, stammten offenbar Schriftrollen, zerbrochene Tonkrüge und Teller, sowie zerrissene Säcke und Körbe und der Zustand der Leichen ließ darauf schließen, dass alles immerhin einige Stunde her war, darum glaubte Alaanc nicht, dass sich die Drachen noch in der Nähe befanden. Denn auch die Händler die ihnen davon berichtet hatten waren ja nicht mehr angegriffen worden. Trotzdem beschlich ihn ein Frösteln und er blickte sich misstrauisch um. Er hatte den Eindruck, das sie etwas gesucht hatten, ohne es jedoch zu finden. Darum konnten sie möglicherweise auch doch noch in der Nähe sein und nur beobachten.

Der Morgendunst stieg zwischen den Bäumen am Wegrand auf und hüllte den Ort in ein gespenstisches Licht. Plötzlich viel ihm auf, dass der ihm am nächsten liegende Tote offenbar die Faust um etwas geschlossen hatte, was zwischen seinen Fingern zu glitzern schien. „Hatten die Angreifer hier etwas übersehen?“. Er bückte sich und musste die steifen Finger brechen um an das Artefakt zu gelangen. Tatsächlich, es war ein kleines silbernes Amulett mit einem glitzernden blauen Stein. Eine elfische Schrift die in Schnörkeln sich im Kreis um den Stein wand, las er: „Argondi thewos et feeludar“ Er überlegte kurz, doch die Worte entstammten keinem Kwendi-Dialekt den er kannte, auch nicht die Sprache der Munir. Vielleicht kannte Varo sich ja damit aus.

Immerhin fand er es hübsch anzuschauen und betrachtete dessen vormaligen Besitzer nun genauer. Der war vielleicht so etwas wie ein Priester gewesen. Waren es doch keine Händler oder hatte er sich vielleicht unter ihnen versteckt? Der Trupp kam entweder aus Harfis oder Nekuhl, den beiden Städten die die Straße verband. 

Er band sich das Amulett um. Als er es auf der Brust spürte, hatte er kurz das seltsame Gefühl als ob ihm ein warmer Schauer über den Rücken lief. „Vielleicht war es sogar magisch?“, dachte er. Er blickte zur Sonne, die sich ihren Weg nun doch durch den Morgenschleier bahnte.

Wirklich kein schlechter Fund, dachte er. Seine Laune besserte sich etwas. Ein Glück, das die Angreifer es nicht gefunden hatten, aber vielleicht war das Artefakt ja selbst in der Lage sich auf magische Weise verborgen zu halten. Er hatte von solchen Eigenschaften gehört.

Plötzlich schreckte er hoch. Er hörte Stimmen und im nächsten Moment auch das sich Nähern von Hufschlag. Hastig sah er sich um und instinktiv sprang er vom Weg ins Gebüsch. Gerade rechtzeitig wie sich herausstellte, denn nun bog eine Gruppe schwer bewaffneter Reiter um die Kurve der Straße, offenbar war die Nachricht von dem Angriff in die Stadt gelangt.

In der etwa zwanzig Ritter umfassenden Schar stieß einer, offenbar ihr Anführer, laute Befehle  aus und alle zügelten ihre Tiere. Eine Gruppe von vier oder fünf der Reiter sprangen ab und begannen zielstrebig den Ort des Geschehens zu untersuchen, genauso wie es Alaanc getan hatte, doch hatte dieser das merkwürdige Gefühl, als wären sie nicht überrascht vom Geschehen. dann stimmte es vermutlich, dass die Drachen das Urm im Auge hatten und vermutlich nach im suchten.

Er wusste nicht genau warum er sich verborgen hielt, aber Spione gab es vermutlich auch unter den Männern von Harfis. Er hatte keine große Lust auf Erklärungen und außerdem, ja da war noch etwas, erst jetzt wurde er sich dieses Gefühls bewusst, es kam,… ja tatsächlich es schien durch das Amulett zu kommen, dachte er, zu seiner eigenen Verwunderung. Er hatte das eindeutige Gefühl als wollte es tatsächlich nicht entdeckt werden. War also seine Vermutung richtig gewesen?

Plötzlich beobachtete er wie einer der Ritter seinem Versteck bedrohlich nah kam. Es schien unvermeidlich, er musste ihn jeden Moment sehen. Alaanc lag direkt über der Leiche, der er das Amulett abgenommen hatte und musste sich wegen des Gestankes sehr beherrschen.

Wenn er ihn nur irgendwie ablenken könnte, dachte er. „Schau in die andere Richtung, hier ist Nichts“, murmelte er im Gedanken. Er sah den Mann nun ganz dicht neben seinem Gebüsch stehen, er konnte den säuerlichen Geruch seines Schweißes sogar schon riechen. Die Augen blickten nun genau in seine Richtung und Alaanc fasste seinen Dolch den er leise gezogen hatte mit beiden Händen. Nicht dass er glaubte es hier mit einem Kampf versuchen zu können, aber weglaufen war auch nicht mehr möglich.

Plötzlich wandte sich der Kopf des Ritters ab und er stapfte in die die andere Richtung davon. Dabei rief er seinen Kameraden zu: „Hier ist nichts!“

Erleichtert ließ Alaanc die Luft zwischen den Zähnen heraus. Was für ein Glück, dachte er, schon hatte er geglaubt, kämpfen zu müssen.

Beinah hatte es den Anschein gehabt, aber das konnte ja unmöglich sein, als ob er dem Ritter eingeflüstert habe, er solle seine Aufmerksamkeit abwenden oder durch ihn hindurchzusehen.

Alaanc dachte nicht weiter über diese Phänomen nach, sondern beobachtete nun mit noch immer aufgeregtem Herzschlag, aber mit einiger Erleichterung, dass die  Schar wieder ihre Pferde bestiegen und im Galopp rasch in jene Richtung abzogen aus der sie gekommen waren. „Seltsam“, dachte er, „sie wirkten irgendwie schrecklich enttäuscht.“

Er wartete noch ein kurze Weile, dann richtete er sich wieder auf. Er betrachtete noch einmal den Kerl unter ihm. Er hatte einen harten Gegenstand gespürt, als er auf ihm lag.

Er drehte ihn zur Seite und tatsächlich, entdeckte er ein Schwert. Wenn der Trupp aus der Stadt Harfis kam, aber Alaanc hatte keine Hoheitszeichen entdecken können, hatten sie sich doch sehr ungewöhnlich verhalten, als suchten sie etwas oder irgendwen bestimmtes. Besonders ihr Anführer, dessen Gesicht irgendwie schnautzenartig gewesen war, hatte ihn beunruhigt. Er erinnerte sich jetzt, das Betrak von den Drakons gesprochen hatte, den Drachenpriestern, die die wichtigsten Verbündeten der Drachen seien, überall in den Städten.

Die Entscheidung, sich zu verstecken, war vermutlich richtig gewesen und jetzt sollte er sich lieber rasch auf machen, bevor sie vielleicht zurück kamen, oder jemand anderes auftauchte und ihn hier entdeckte. Doch irgendetwas in seinem Kopf flüsterte, er solle sich das Schwert anschauen. Warum?

Was konnte es schaden, er hob es hoch und betrachtete es genauer. Er musterte die Befestigungsriemen kritisch. Sie waren intakt. Er zog es an dem eher schmucklosen Heft heraus. Doch zu seiner Überraschung stellte er fest, dass es trotz seiner Größe ganz leicht war. Die Klinge war zudem keineswegs schmucklos, eine feine hauchzarte Schrift bedeckte sie und Alaanc war fast sicher, dass es sich um die gleiche Schrift handeln musste, die auch auf dem Amulett stand: „Lorgin tehwos lungor warin femurak“, las er sich laut vor. „Was mochte das wohl bedeuten?“

Erfreut über diesen bereits zweiten wertvollen Fund am heutigen Tag, steckte er es zurück in die Scheide und schnallte es sich auf den Rücken.

Doch jetzt sollte er möglichst schnell den Ort verlassen. Die Sonne stand inzwischen deutlich vor dem blauem Himmel und der Tag war noch lang, der Weg zur Stadt noch einige Meilen. Er beschloss nun endlich entschlossen weiter zu gehen, damit er Harfis noch vor dem Mittag erreichen konnte.

Als Alaanc in die Stadt kam, war das Tor nach Westen noch weit geöffnet, das man sich hier vielleicht vor Drachenangriffen fürchtete, war nicht erkennbar und die Mauern und Türme der Seestadt beindruckten ihn dafür einen Augenblick lang doch sehr. Die Straße in die Stadt war auch sehr belebt und er sah eine Menge seltsame Leute, die ganz unterschiedlichen Völkern und Rassen angehörten, überwiegend jedoch Menschen und Munir. Es herrschte ganz offensichtlich eine fröhliche Stimmung. Denn er vernahm überall Musik und sah viele zusätzliche Essensstände auf den Plätzen die er passierte.

Als er jemanden danach fragte erfuhr er auch sofort, das am heutigen und dem nächsten tag ein großes Fest gefeiert würde: Der Wettstreit der Drachenschiffer

Als einzelner Wanderer war er vor der Stadt hier und da auch mal von anderen  angesprochen worden und hatte diesen und jenen Plausch gehalten. Sein neues Schwert und das Amulett hielt er möglichst verborgen und hütete sich selbst, die Geschichte mit den toten Händlern zu erzählen. In einer Raststätte eine Stunden vor den Stadtmauern, die auf einer ins Meer ragenden Klippe gebaut war und den bezeichnenden Namen „Zum letzten Sprung“ trug, hatte er dann von Gerüchte erfahren, die ihn in seiner Vorsicht bestätigten. Es hatte in Harfis offenbar einen Einbruch im Tempel des Varahm gegeben und dabei den Diebstahl vieler Gegenstände von Wert. Doch die einfache Bevölkerung schien das wenig zu beunruhigen.

Den jungen Mann, den er nach dem Fest gefragt hatte, schien auch nichts davon zu wissen. Dafür war er völlig begeistert von dem bevorstehenden Wettstreit. Sein Name war Tarim, und er konnte nicht schaden, dachte Alaanc sich mit ihm anzufreunden und da dieser offenbar auch von Außerhalb kam und nicht abgeneigt war, liefen sie gemeinsam weiter. Sie waren beide vor allem hungrig und das bunte Treiben zogen sie gemeinsam in den Bann. Er wusste er musste eigentlich sobald wie Möglich wieder zurück und Varo und seiner Mutter berichten, doch hatte er auch noch nichts herausgefunden und er konnte sich des Gedankens nicht erwehren, dass er über mit dem Überfall und dem Diebstahl, mit Glück auf etwas gestoßen war, was von Bedeutung sein konnte.

Sie erreichten das Hafendock der Stadt und auch hier war eine lange Reihe von Buden aufgebaut, die mit leckeren Gerüchen, wundersamen Gegenständen oder besonderen Darbietungen lockten. Die gewaltigen Drachenschiffe dahinter am Dock sah er zum ersten Mal und sie waren die eigentliche Attraktion.

Tarim und Alaanc gingen von Schiff zu Schiff, fasziniert von den vielen neuen Dingen die sie sahen und der unglaublichen Vielfalt der Leute um sie herum. Es gab jedoch auch unvorstellbar viele Bettler. Sie saßen im Staub am Straßenrand mit einer kaum fassbaren Geduld oder aber mit unermüdlichem Drang die Passanten für ihre scheinbare Not zu erweichen. Tarim, der aus dem Umland stammte, erzählte ihm von den Heldentaten der Drachenschiffer, von denen er gehört hatte und Alaanc lauschte ihm gebannt. 

Dann blieb er plötzlich stehen und beobachtete, wie sich ein zerlumpter Kerl mit einem Holzbein einem dicken Krämer in den Weg stellte. Dieser wollte, wie es die meisten taten, den Bettler links liegen lassen, doch der Einbeinige ließ sich nicht so leicht abschütteln, sondern hielt erstaunlich behände mit ihm Schritt. Der Krämer fluchte nun und gab mit einem ärgerlichen Grunzen, dem Bettler einen heftigen Stoß in die Rippen. Der verlor die Balance und fiel in eine stinkende Wasserlache in der er unglücklich aufschauend sitzen blieb. Alaancs Miene verfinsterte sich, denn der Bettler tat ihm in diesem Moment doch sehr leid.

Der Krämer hingegen lachte aus vollem Hals und mit ihm eine nicht geringe Anzahl schadenfroher Schaulustiger. „Du solltest ihm deinen ganzen Geldbeutel schenken, das wäre eine gute Tat,“ dachte Alaanc. Da griff der Krämer, der eigentlich schon hastig weiter gehen wollte, plötzlich an seinen Gürtel, fasste seinen Geldbeutel und warf ihn dem Bettler in den Schoß. „Und jetzt geh deiner Wege.“ Dachte Alaanc der trotzdem ebenso verblüfft war wie alle anderen, über das was geschah.

Die ganze letzte Zeit über hatte er nicht mehr an das Amulett gedacht. Doch jetzt, in diesem Augenblick war ihm plötzlich klar, welche Macht es ihm verlieh. Er hatte deutlich gespürte, wie sein Wille in den Kopf des Krämer eingedrungen war und ihn zu dem zwang was er dann tat. Er warf einen prüfenden Blick zu Tarim hinüber, der jedoch nur mit offenem Mund und ähnlich irritiert wie die anderen Zuschauer das Schauspiel verfolgte oder war da doch kurz ein wissender Seitenblick gewesen? Er hatte sich sicher getäuscht.

Tarim zog ihn dann auch rasch mit sich fort. „Hast du das gesehen?“ Brummte er. „Das war ja unglaublich.“ Alaanc nickte stumm und spürte nun, da sie etwas schneller gingen eine anfängliche Müdigkeit in sich aufsteigen. Aber er musste trotzdem weiter aufmerksam sein. „Wir sollten uns eine Unterkunft suchen,“ sagte er, „das Fest läuft uns nicht weg.“

Tarim erklärte sich einverstanden doch die Sache war, wie sich herausstellte, zumindest für ihre Verhältnisse nicht ganz so einfach, denn die Gasthöfe der Stadt waren gefüllt bis zur letzten Kammer. Aber schließlich fanden sie noch einen schmutzigen Heuboden, wo die bisherigen Bewohner widerwillig zusammenrücken mussten, da der Besitzer gerne noch etwas mehr verdienen wollte.

In der zugehörigen Kneipe nahmen sie ein kärgliche Mahl zu sich und studierten dabei eines der großen Plakate, das auch hier wie in der gesamten Stadt aushing:

Großer Wettkampf!

Nur der Starke schwimmt oben.
Nur wer schneller ist als die Fische, kommt ans Ziel.
Wer schlauer ist als der Drache, gewinnt das Spiel.

Preis für den Sieger:

Aufnahme in die berühmte Gilde der Drachenschiffer von Anir

„Das klingt ja eher wie ein Rätsel, nicht wie ein Wettkampf.“ Meinte Tarim. „Ich schätze es ist beides.“ Antwortete Alaanc. „Aber gibt es hier überhaupt noch Drachen?“

Tarim lachte. „Ja, wir leben am Fuße des Urm, weißt du nicht, dass dort das Ur-Nest ist. Natürlich wurden sie schon vor langer Zeit von den Göttern verbannt. Das feiern wir aber immer noch und die Drachenschiffer, kleiden sich in den alten Rüstungen, in denen sie wie Gecken herum stolzieren und ihre Schiffe haben Drachenköpfe, womit sie nur noch die Wellen des Meeres besiegen. Er lachte.

„Hm, brummte Alaanc, „kann an dem Wettkampf dann jeder teilnehmen und der Preis ist Matrose zu werden?“ „Ja, das ist eine große Ehre. Die Frauen im Hafen stehen darauf, hab ich gehört.“ Lachte Tarim mit einem zwinkernden Augen. „Hast du auch trainiert dafür?“ Sagte Alaanc ebenfalls lachend. Der groß gewachsene Bursche richtete sich noch höher auf und Alaanc sah seine kräftigen Armmuskeln. „Natürlich, dafür bin ich her gekommen.“ Beide grinsten und löffelten weiter ihre eher dünne Gemüsesuppe.

„Du scheinst mir allerdings nicht sonderlich in Form.“ Meinte Tarim und Alaanc sah ihm an, dass er das aus Besorgnis sagte. Er hatte den großen Burschen aus dem Fischerdorf Nirtum, schon an diesem ersten Tag ihres Beisammenseins ins Herz geschlossen und das schien auch Tarim ähnlich zu gehen. „Weißt du,“ antwortete er ihm darum nun, „ich hatte eigentlich keine Ahnung von dem Wettbewerb, ich bin hierher gekommen, weil ich einen Führer zum Urm suche. Es hat mit meinem Glauben zu tun.“ Tarim blickte ihn einen Moment verdutzt an, dann prusteten er los. Als er mit seinem Heiterkeitsausbruch fertig waren, zeigte Alaanc auf seinen Rucksack. „Genau genommen, bin ich nicht alleine, sondern mit einem Drachen und einem Halbling unterwegs.“ Tarim zog die Augenbrauen empor. „Klar“, Sagte er schmunzelnd und hieb Alaanc auf die Schulter.“ Dann bist du und dein Drache hier richtig, denn im Wettstreit geht es ja um den Schlüssel zum Urm, auch wenn das eben nur eine rituelles Artefakt ist.“

Alaanc nickte. Das waren wertvolle Informationen. Auch Betrak hatte von einem Schlüssel gesprochen und das sie ihn benötigten um ins Urm einzudringen. Er fragte darum gleich noch einmal nach. „Ich hörte etwas von einem Diebstahl im Tempel des Varahm?“ Tarim schwieg kurz, was Alaanc überraschte. Dann sagte er: „Das hörte ich auch aber scheinbar haben sie nicht wirklich etwas von Wert entwendet, nur eine rituelles Schwert, das seit Jahren über dem Altar hing.“ Alaanc merkte auf, während Tarim fort fuhr: „Es heißt auch der Fürst habe die Wachen an den Grenzen verstärkt, wegen eines weit entfernten Krieges in dem Drachen wieder fliegen sollen und das mehr Drachenpriester in der Stadt wieder gesichtet wurden.“ Er prustet erneu in seine Suppe. „Vielleicht sehen wir dem nächst auch wieder Feen rumlaufen.“

Alaanc stelle seine Teller zur Seite und meinte. „Das klingt nach einem Abenteuer.“

Tarim blickte ihn überrascht an.

„Dann lass uns morgen beide zum Wettbewerb gehen, du solltest es auch versuchen, du bist zwar nicht so stark wie ich, aber bestimmt klüger und ich denke auch geschickt, was hast du zu verlieren?“ Sagte Tarim. Alaanc schüttelte langsam den Kopf, „Nein,“ antwortete er und kratzte seine Schüssel leer, „ich mache mir nichts aus Kämpfen und zur See fahren will ich bestimmt nicht.“ Tarim lächelte nachsichtig und dann rauchten sie gemeinsam noch etwas Gambk und suchten schließlich ihre wenig verlockende Schlafstätte auf.

Am morgen erklärte Alaanc sich jedoch bereit Tarim auf dessen Bitten hin zur Anmeldung für den Wettbewerbs zu begleiten. Am Nachmittag, so hatte er beschlossen, würde er nach Drakon Fohr zurückkehren, doch vielleicht war ja wirklich etwas dran, an der Geschichte mit dem Schlüssel.

Der Ort des Wettkampfes war natürlich am Hafen, dort hatte die Gilde der Drachenschiffer ein großes Zelt aufgebaut, vor dem bereits eine ansehnliche Schlange an Bewerbern stand. Alle wirkten sie wie große erfahrene Recken und kampferprobte Abenteurer.

Alaanc blickte skeptisch auf die Ansammlung. „Ist die Teilnehmerzahl unbegrenzt?“ „Nein, schau doch dort auf das Schild,“ erwiderte Tarim. In großen schwarzen Lettern stand dort:

Zur Teilnahme am Wettbewerb seien aufgefordert:

11 Ritter, 9 Bauern & ein freies Los.

Daneben stand ein dicker Mann mit gutmütigem Gesicht und machte mit Kreide Striche unter die Angaben. Tarim und Alaanc stellten sich in die Schlange und Alaanc zählte die Striche.

„Die Ritter sind wohl schon alle gemeldet und es fehlen nur noch 3 Bauern.“ Er verzog grinsend den Mund. Ich fürchte Freund, es stehen hier noch etwa 20 vor uns in der Reihe, mindestens drei davon sind unter Garantie Bauern, also sind wir zu spät.“ Tarim leckte sich mit der Zunge über die Lippen, die Reihe rückte trotzdem vor und sie kamen neben dem Zählmeister zum stehen.

„Sagt mal guter Mann, wird jeder, der sich meldet für den Wettbewerb angenommen?“ Der Dicke lachte. „Nur wenn er verrückt genug ist.“ Tarim machte ein langes Gesicht. „Was soll das genau bedeuten?“ Meinte Alaanc. Der Zählmeister bekam vom Zelt ein Zeichen und machte rasch hintereinander drei Striche unter den Gemeinen. Tarim stieß einen erstickten Laut aus. Ebenso erhob sich ein enttäuschtes Gemurmel unter den anderen Anstehenden. Ein großer und schlanker Mann trat jetzt aus dem Zelt hervor und erhob seine Stimme über das Gemurmel der Menge: „Die Liste der Bewerber ist nun komplett!“ Er verstummte und betrachtete mit Genugtuung, das die ganze Aufmerksamkeit der Menge, auf ihn gerichtet war. Er hatte bereits graue Schläfen und trug über seine Rüstung eine grüne Weste aus Leder und am Gürtel ein zweischneidige Axt, aus irgendeinem Grund fand Alaanc ihn unsympathisch, aber er konnte es nicht genau fest machen woran das lag.

„Wer jedoch noch immer seine Chance wahr nehmen will, um teilzunehmen, der kann bei Sir Erlin dort eine Symbolrolle erwerben.“ Er wies auf den Zählmeister neben Alaanc und Tarim, der nun einen prallen Beutel in die Höhe hob in dem es klapperte.

„Ein Los!? Nur 5 Ar!“ Rief Sir Elin nun laut.

Tarim grinste. „Meine Chance,“ murmelte er und zückte sogleich das Geld, woraufhin der Zahlmeister ihm als Ersten den Beutel hin hielt. Er zog rasch daraus eine kleine versiegelte Pergamentrolle hervor. Mindestens zwanzig andere taten es ihm nach, Alaanc aber nicht.

Unterdessen hörten sie den Mann der aus dem Zelt getreten war sagen: „Am Tag des Wettkampfes, werden wir das Symbol des einen glücklichen Loses benennen, also übermorgen. Seit darum gewappnet ihr Recken. Wer den Wettkampf der ihn erwartet fürchtet, der sollte lieber von einer Teilnahme absehen.“

Tarim lachte, „von wegen, ich werde gewinnen,“ er grinste Alaanc an, den soviel Zuversicht ehrlich überraschte. „Lass uns einen trinken Freund.“ Alaanc nickte und sie suchten sich eine nahe gelegene Hafenspelunke. Ihr Name lautete „Hasgurs Zuflucht“.

Nach einigen Metkrügen fragte Alaanc schließlich seinen Freund: „Willst du das Pergament nicht öffnen?“ Tarim schüttelte energisch den Kopf. „Das bringt Unglück. Aber morgen werde ich zum Tempel der 13 Glücksgöttinnen gehen und ihnen ein großzügiges Opfer bringen.“ Alaanc blickte ihn durchdringend an, dann lächelte er still in sich hinein. Er war sicher sein Freund würde Glück haben, denn er hatte es verdient. Trotzdem fragte er ihn: „Wo wird der echte Schlüssel denn aufbewahrt?“ Tarim zuckte mit den Schultern. „Vielleicht ist er echt.“

Sie zechten fröhlich weiter und redeten darüber was wohl genau die drei Bestandteile des Wettbewerbes für Prüfungen mit sich brachten und was das Leben eines Drachenschiffers, wohl ausmachte?

Tarim wusste bereits sehr viel darüber, denn das Dorf aus dem er stammte lag nahe an der Stadt und darum hatte er schon allerlei Geschichten über den nur alle fünf Jahre stattfindenden Wettbewerb gehört. Einmal ein tapferer Drachenschiffer zu werden, war offenbar der Traum fast jedes jungen Burschen der Gegend.

Alaanc war erstaunt über all die kriegerischen Seeleute, die hinaus auf das Natru Drakon, wie man das Meer vor den Gestaden Arnirs nannte, fuhren um angeblich mit wilden Seedrachen, die die höchsten Wellen aufwarfen, zu kämpfen. Und aus irgendeinem Grund bekam er eine Gänsehaut wenn er in Tarims Augen diesen mörderischen Glanz sah, wenn dieser davon schwärmte eines Tages viele Drachenhäute zum Markte zu tragen.

Er erblickte durch das Fenster der Spelunke, zwischen einigen Türmen der Stadt, die Umrisse des Urm-Gebirges. Dort lag das Nest. Die heilige erste Brutstätte der Drachen, soviel wusste er von seinem Vater und da war auch noch mehr in ihm, als nur Erinnerung. Es war ein Gefühl in ihm, als käme eine Ruf von dort, nach hause zu kommen.

Der Gedanken ernüchterten ihn etwas und er verspürte ein Schuldgefühl, dass er sein eigentliches Anliegen bisher noch nicht verfolgt hatte, ja, er hatte es durch Tarims Begeisterung angesteckt, sogar fast völlig vergessen. Er hatte mit Varo und Lukima zwar vereinbart, wenn es in der Stadt wichtige Informationen gab, sich ein paar Tage Zeit zu lassen, aber eigentlich hatten sie die nicht. 

Er richtete sich vom Tisch auf, zu welchem sich inzwischen noch andere unangenehm laute Burschen gesellt hatten, da Tarim sie gut gelaunt zu einer Runde eingeladen hatte und schritte mit dem Bedürfnis nach Frischluft und dem Drang zur Erleichterung vor die Tür der Spelunke in die nun fast völlig im Dunklen liegende Gasse hinaus.

Was wenn dieser Schlüssel, den man im Wettbewerb gewinnen konnte tatsächlich der Echte wäre? Es könnte ihr Weg in das Nest sein.

Gerade hatte er hinter der Kneipe seine Notdurft verrichtet und wollte zurückkehren, da vernahm er plötzlich ungewöhnlichen Lärm aus dem Inneren derselben. Laute Rufe, etwas wurde zerschlagen, ein Fenster splitterte. Was war da los? Er stürzte hastig zurück, seinen Dolch hatte er dabei rasch gezogen, als die Tür der Spelunke schon weit aufgerissen wurde und einige der Halunken, die wie Alaanc erkannte, an ihrem Tisch gesessen hatten, johlend daraus hervor stürmten. Ohne groß darüber nachzudenken trat er ihnen in den Weg. Die Meute stoppte auf der hölzernen Treppe und die Nachkommenden verloren durch den Aufprall teilweise das Gleichgewicht und stolperten und vielen seitlich auf die Gasse herab.

„Was ist geschehen!“ Rief er mit einer lauten und entrüsteter Stimme, die er von sich selbst nicht kannte.

Der große, grobschlächtige Kerl, direkt vor ihm, trug ein schmutziges Lederwams und zwei lange bedrohliche Dolche am Gurt. Seine blonden Haare standen ihm wirr um den breiten Kopf, sein Vollbart war ebenso ungepflegt und sein nun sich zu einem breiten Grinsen verziehender Mund, voller unvorteilhafter Zahnlücken. „Da ist ja das andere Jüngelchen!“ Rief er seinen Kumpanen zu, bestimmt hat der auch noch ein paar Goldstücke übrig für uns.“ Überraschend schnell hatte er seine beiden Dolche aus den Scheiden gezogen und hielt sie Alaanc dicht unter die Nase.

Was war mit Tarim?“ Alaancs Gedanken überschlugen sich und er befürchtete das Schlimmste. Hatten sie ihn nur ausgeraubt, oder sogar ermordet? Verdammt, wie hatten sie bloß so sorglos sein können, in einer fremden Stadt. Natürlich gab es hier gefährliches Gesindel und nun bedrohten sie sogar sein Leben. Er musste rasch handeln. All dies blitzte durch seine Gedanken im Bruchteil einer Sekunde, die auch seinen Gegenüber vom Handeln abhielt und ohne nachzudenken zog er ebenso schnell wie dieser, das gefundene Schwert aus der Scheide auf seinem Rücken was bisher vollständig von seinem langen Umhang verborgen gewesen war und pariertet die Dolchattacke im rechten Moment.

Die Augen des Halunken weiteten sich vor Erstaunen und er schien einen Augenblick erstarrt zu sein. Diesen nutzte Alaanc und griff nach dem Beutel in dessen Gürtel, den er eindeutig als die Börse seines Freundes erkannte, riss ihn heraus und versetzte dem überraschten Halunken damit einen harten Schlag gegen das vor gereckte Kinn. Er stürzte zu Boden wie vom Blitz getroffen und warf mit seinem Gewicht den Nachfolgenden Gauner mit um. Offenbar hatte er ihn sehr günstig erwischt, aber Alaanc verspürte auch schmerzlich seinen rechten Handrücken. Die Nachdrängenden hatten jedoch seitlich wieder auf die Beine gefunden und Zeit genug ihre Waffen zu ziehen. Offenbar handelte es sich um eine ganze Bande in deren Revier sie hier ahnungslos geraten waren. Es waren etwa sechs und Alaanc wusste nicht ob sie nicht noch Verstärkung herbei rufen würden falls nötig, aber zum Glück schienen sie alle lediglich mit Dolchen bewaffnet.

Gleich zwei Gestalten sprangen nun mit Geschrei von rechts auf ihn zu, während er im Augenwinkel gewahrte, das ein Dritter von links offenbar seinen Dolch als Wurfgeschoss nutzen wollte. „Zum Glück hatte sein Vater darauf bestanden, dass er eine sehr gute Ausbildung im Umgang mit Waffen absolviert hatte.“ Doch der Dolch war gut gezielt und er erkannte sofort, das alles Geschick ihn nicht vollständig aus dessen Bahn bringen konnte, er griff jedoch geistesgegenwärtig an sein Amulett verbunden mit dem Wunsch das Wurfgeschoss möge ihn doch noch verfehlen. Da wich es plötzlich tatsächlich wie von Geisterhand von seiner Bahn und traf stattdessen einen der beiden von der anderen Seite heranstürmenden Angreifer mit voller Wucht in die Brust. Stöhnend sackte dieser zu Boden und der Zweite stoppte geschockt ab, was Alaanc ausnutzte für seinen Angriff. Dieser war fürchterlich! Ungläubig verfolgte der junge Aniri wie ihn die nun plötzlich blau leuchtende Klinge förmlich voran zog und unwiderstehliche Finten und Schläge ausführte, die sein Gegenüber blitzschnell entwaffnete und ihn, der nun vor Todesangst keuchte mit der scharfen Spitze gegen die Hauswand drückte. „Nicht töten,“ dachte Alaanc und sein Schwert gehorchte offenbar.

Da erschien der Wirt im Eingang seiner Spelunke. Er trug eine schmutzig Schürze legte aber entschlossen eine Armbrust an. „Wer nicht sofort seine Waffen fallen lässt, ist ein toter Mann!“ Rief er mit donnernder Stimme.

Alle Gauner die dazu in der Lage waren, rafften sich hastig auf und stürzten in das Dunkel der fortlaufenden Gasse.

Sofort folgten ihnen tödliche Bolzen, die offenbar zumindest zwei von ihnen niederstreckten. Der Kerl, der Alaanc zuerst bedroht hatte und der offenbar ihr Anführer war, drohte dem Wirt mit grimmiger Miene mit der Faust. Noch immer schien er jedoch von Alaancs Schlag ein wenig benommen. „Wenn Sugukar das erfährt, wirst du seine Rache zu spüren bekommen!“ Knurrte er finster. „Nimm die Beine in die Hand Halunke, bevor ich sie dir mit meinen Bolzen spicke und sag deinem Gildenführer, bei Hasgur werden die Gäste nicht beraubt. Er soll seine Langfinger aus diesem Gebiet zurückziehen, sonst hetzte ich ihm die Drachenschiffer auf den Hals.“

Alaanc zog sein Schwert langsam von der Kehle des Diebs den er an die Mauer gepresst hielt zurück und gab ihm ein Wink mit den Augen sich ebenfalls zu trollen. Er und sein Anführer machten sich nun, nur zu gerne aus dem Staub. Alaanc steckte erleichtert das Schwert weg und schritt zum Eingang der Spelunke hin. „Was ist da drinnen passiert?!“ Sagte er, in dunkler Vorahnung. Der Wirt musterte ihn mit anerkennendem Blick.

„Ihr seit ein erstaunlicher junger Mann. Ich habe hier noch selten jemanden gesehen, der so geschickt sein Schwert schwingt und diese wunderbare Waffe, woher habt ihr sie?“ Alaanc achtete nicht auf seine Fragen sondern drängte an ihm vorbei in die Stube. Dort herrscht große Aufregung und zuerst erkannte er nicht wo der Tisch mit Tarim war. Die meisten der Personen im Inneren hatten offenbar den Kampf auf der Gasse von den Fenstern aus verfolgt. Sie kehrten nun gerade quer durch den Raum zu ihren Plätzen zurück.

Doch als Alaanc eintrat wichen ihm die meisten ehrfürchtig aus dem Weg und bildeten schließlich eine Gasse zum Tisch auf dem Tarim zusammengesunken lag. Er beschleunigte seine Schritte und beugte sich besorgt über ihn. „Tarim, was ist mit dir? Was ist geschehen?“ Tarim antwortete nicht und rührte sich nicht. Er lag mit dem Gesicht auf der Tischplatte und ein dünner, grüner Rinnsaal lief ihm aus dem halb geöffneten Mund. Er richtete ihn mühsam auf, denn sein großer Körper war vollkommen schlaff und viel schwer zurück gegen die Stuhllehne. Erschrocken sah Alaanc das seine Augäpfel verdreht waren und fast nur noch das Weiß zu sehen war. Hilfe suchend blickte er sich um und traf den Blick einer jungen Frau mit elfischem Äußeren, die nah beim Tisch stand und diesen ernst erwiderte.

„Ich vermute sie haben ihm ein Gift in den Becher getan, das ist die übliche Methode der Fatime hier im Viertel.“ Alaanc verspürte wie große Wut in ihm hochkochte. „Wer kann ihm helfen?“ Stieß er hervor. Keiner der anderen Gäste schien sich jetzt weiter um das Geschehen zu kümmern. Die Chai jedoch, Alaanc vermutete anhand ihres Äußeren, dass sie ein Halbblut war, kam näher.

„Sie hielten euch junge Burschen wohl für leichte Opfer,“ sagte sie mit ruhiger Stimme, „nun wenn ich ehrlich bin, hätte ich das an ihre Stelle auch vermutet. In Euch steckt jedoch mehr als man auf den ersten Blick sieht.“ Alaanc war klar, das sie damit vor allem ihn meinte, offenbar hatte sie das Geschehen vor der Tür ebenfalls genau verfolgt.

Er fühlte sich ein wenig geschmeichelt, was seine Wut aber nicht verdrängte. „Ich habe Euch etwas gefragt,“ sagte er darum grober als er wollte. Er kannte sich zwar auch selbst ein wenig mit der Heilkunst aus, doch hatte er einfach wenig Übung und wohl kaum etwas gegen künstliche Giftgemische in seinem Beutel dabei oder doch? Tarim stöhnte plötzlich auf, verdrehte die Augen noch weiter und als Alaanc seine Aufmerksamkeit ihm erschrocken zuwandte, erbrach er sich über den Tisch, wobei er wiederum heftig stöhnte.

Was sollte er tun? Alaanc steckte Tarims Geldbeutel, den er die ganze Zeit noch immer in der Hand gehalten hatte in seinen Gürtel und holte hastig aus einer Umhangtasche ein Bündel Kräuterblätter hervor. Er sah sie rasch durch und winkte dann dem Wirt, der eilig herbei geschritten kam. „Könnt ihr daraus schnell einen Tee brauen?“ Der Wirt wollte gerade die Blätter nehmen die Alaanc ihm entgegen reichte, da fiel ihm die Chai in den Arm. „Nehmt keine Abalis, auch wenn sie sonst die richtige Wahl wäre, es würde ihm in dem Fall noch schlechter gehen. Sie zog eine kleine Ampulle hervor und reichte sie Alaanc. Eine Messerspitze dieses Pulvers aufgelöst in Wasser und zwei Wochen Bettruhe könnte ihm dagegen vielleicht helfen.“

Alaanc warf ihr einen misstrauischen Blick zu. „Woher soll ich wissen dass, das der Wahrheit entspricht?“ Zischte er mit zusammengepressten Lippen. Ihr habt ihm schließlich vorher auch nicht geholfen.“

„Ihr habt nur mein Wort.“ Sagte sie mit ungerührter Miene. Er zögerte noch kurz, dann ergriff er die Ampulle und sagte zum Wirt: „Rasch Mann, Wasser!“ Dieses war in kurzer Zeit herbei geschafft. Alaanc gab eine Messerspitze in Tarims Trinkbecher und flößte das zischende Gebräu seinem Freund ein. Tarim hustete, spukte und stöhnte noch heftiger wobei Alaanc der Fremden einen finsteren Blick zu warf.

Diese wandte sich inzwischen an den Wirt. „Ihr schuldet Eurem Gast ein Zimmer und die nötige Pflege, schließlich geschah all dies unter Euren Augen.“ Hasgur brummte etwas unverständliches nickte aber. Dann rief er zwei starke Schankburschen herbei, die Tarim aufhalfen um ihn wie er Alaanc zu verstehen gab ein Stockwerk höher zu bringen. Tarim versuchte nun etwas zu sagen, seine Augäpfel schienen in die rechte Stellung zurückgekehrt zu sein, waren aber noch gefährlich gerötet. Alaanc neigte den Kopf um ihn besser zu verstehen, nickte dann und zeigte ihm den Beutel, den er gerettet hatte. Tarim schien beruhigt und ließ sich widerstandslos zur Treppe geleiten.

Es schien ihm, zu Alaancs Überraschung, tatsächlich bereits etwas besser zu gehen und Alaanc wandte sich nun zu der Fremden um, um ihr zu danken, doch sie war verschwunden.

Suchend blickte er über die Köpfe der sitzenden hinweg und sah noch ihren Kopf mit den geflochtenen Zöpfen zur Tür der Spelunke hinaus verschwinden. Er biss sich auf die Lippen und fluchte leise, dann folgte er dem Wirt, der mit einer Schale Wasser und Tüchern die Treppe zu oberen Stock vorweg ging.

Nachdem er einige Zeit an Tarims Lager gesessen hatte, bis der Freund schließlich in scheinbar entspannten Schlaf gesunken war, stieg er und es war bereits später Abend, noch einmal hinab in die Schankstube.

Der Wirt und seine Schankburschen räumten gerade alles zusammen, die Gäste waren offenbar schon vor die Tür gesetzt worden.

Hasgur nickte ihm zu. „Ihr könnt das Zimmer neben eurem Freund nutzen, es ist ebenfalls frei geworden.“ Alaanc dankte ihm und zog ihn dann ein wenig auf Seite.

„Habt ihr keine Angst vor der Rache dieser Diebesgilde?“ Hasgur blickte ihn grimmig an. „Zur Zeit fürchten sie die Drachenschiffer zu sehr, ihr habt vielleicht gehört, dass ich ihnen damit drohte.“ Alaanc nickte. „Ihr meint wegen des Wettbewerbes?“ Der Wirt nickte. „Ja, sind gerade sehr aufgebracht, nicht wegen des dummen Wettbewerbes, sondern wegen des Überfalls auf den Tempel.“ Alaanc blickte ihn verblüfft an. „Warum, ich hörte, es sein nichts besonderes von Wert gestohlen worden?“ Hasgur brummte. „Das ist ja das seltsame, aber ehrlich gesagt glaube ich das nicht.“ Alaancs Gedanken gingen wie bereits bei Tarims Darstellung des Geschehens zu dem gefundenen Schwert.  Hasgur warf einen Blick zu Alaanc. „Die Diebe sind aber sicher längst über alle Berge.“

Alaanc wandte sich nachdenklich ab, doch dann viel ihm noch was ein und er blieb auf den ersten Stufen nach oben stehen. „Noch eins, kennt ihr die Halbelfe, die uns die Medizin gab?“ Hasgur machte eine unmerkliche Bewegung mit dem Kopf, die Alaanc als Zustimmung deutete und tatsächlich antwortete er: „Ihr Name lautete Selime, es gibt Leute die glauben, sie sei eine von denen.“ „Von denen?“ Hasgur räusperte sich und senkte die Stimme. „Eine Drachenschifferin.“

Alaanc wachte die Nacht am Bett seines neuen Freundes und dessen Zustand besserte sich soweit, dass er schließlich etwas Nahrung zu sich nehmen konnte und zu ihm sprach: „Es wohl leider nicht möglich für mich, am Wettbewerb teilzunehmen, du musst es für mich tun.“ Alaanc schüttelte nachdrücklich den Kopf, doch Tarim ließ nicht locker, bis Alaanc schließlich zustimmte, nur um seinen Freund zu beruhigen, auch wenn er schon viel zu lange in der Stadt war, aber es war ja ohnehin wenig wahrscheinlich, dass er das Glückslos besaß.

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[1]Beschreibung der Drachen durch den Ukari Meitimion in seinem Buch über die Völker

KAPITEL 4:

DAS GEHEIMNIS DER SEELEN

 Alaanc taucht den Fischen nach.

…unbändige Kraft,
den Arm durchdringt,
mit der der Dichter die Feder schwingt
Sie kommt aus der Seele
Sie zaubert die Worte
und erschafft neue Orte.[1]

Es war der Tag des Großen Wettkampfes in der Stadt, und die Luft knisterte vor Spannung. Überall waren noch mehr bunte Fahnen aufgehängt, und Menschen aus nah und fern waren angereist, um die größte Herausforderung des Jahres zu bestaunen. Der Wettkampf war nichts für Schwache, denn er forderte nicht nur körperliche Stärke, sondern auch Geschwindigkeit und Klugheit. „Nur der Starke schwimmt oben, nur wer schneller ist als die Fische kommt ans Ziel und schlauer als ein Drache muss der sein“, lautete ja das Motto.

Alaanc, stand zwischen all den mächtigen Kriegern und erfahrenen Abenteurern, die an diesem Wettkampf teilnehmen würden. Er war nicht besonders stark oder erfahren im Kampf. Eigentlich war er nur hier, weil sein Freund am Vortag ein Glückslos gekauft hatte – und es hatte ihm tatsächlich einen Platz im Wettkampf eingebracht. Alaanc wollte eigentlich nicht teilnehmen und er hatte keine Illusionen darüber, wie gering seine Chancen standen. Denn er hatte mehr als nur sein Glück bei sich, sondern auch sein Amulett und das gefundene magisches Schwert, das wie für ihn bestimmt schien.

Das Amulett glühte sanft, wenn er es berührte, während das Schwert federleicht in seiner Hand lag und sich mühelos führen ließ. Alaanc hatte die Macht dieser Gegenstände bei jenem Kampf am Tage zuvor gespürt und ahnte, dass sie ihm vielleicht auch hier zum Sieg verhelfen könnten. Für Tarim und vielleicht war dies alles auch nützlich für seine eigentliche Aufgabe, den Schlüssel zum Nest.

Die erste Prüfung: „Nur der Starke schwimmt oben“

Die Trompeten erklangen, und der Wettkampf begann. Die erste Prüfung führte die Teilnehmer zum Fluss Alambe, vor den Toren von Harfis, dessen Strömung stark und unbarmherzig ins Meer zog. Auf der anderen Seite des Ufers wartete das Ziel, aber um es zu erreichen, mussten die Teilnehmer gegen die Strömung anschwimmen. Die starken Krieger die teilnahmen, auch einige Heldinnen, stürzten sich ohne zu zögern ins Wasser, ihre kräftigen Muskeln kämpften gegen die Strömung an. Alaanc stand unsicher am Ufer und beobachtete, wie viele trotzdem Mühe hatten, sich über Wasser zu halten und einige von den Gewalten unbarmherzig, gegen das Ufer geschleudert oder ins Meer gezogen wurden. Das war wirklich gleich, keine einfache Aufgabe.

In einem Moment der Klarheit fiel sein Blick jedoch auf das Amulett, das weiter leicht unter seiner Kleidung glühte. Eine Idee schoss ihm durch den Kopf. „Wenn ich nicht gegen die Strömung kämpfen kann, dann nutze ich sie.“ Er band das Amulett jetzt fest um sein Handgelenk und konzentrierte sich. Kaum hatte er das getan, fühlte er, wie eine magische Kraft ihn zu leiten begann. Alaanc sprang in das Wasser und ließ sich von der Strömung treiben, doch das Amulett half ihm, das Wasser zu verstehen und zu lenken. Er kehrte die Strömungen um, ließ sich von ihr tragen und steuerte sich so sicher ans andere Ufer. Er selbst staunte, das er dadurch mühelos die erste Prüfung meisterte und es blieben danach nur noch etwa die Hälfte der Teilnehmer übrig.

Die zweite Prüfung: „Schneller als die Fische“

Der nächste Abschnitt des Wettkampfs führte die Teilnehmer in einen unterirdischen und ebenfalls mit Wasser gefüllten Tunnellabyrinth in einem Seitenarm des Flusses, der von seltsamen Kreaturen und schnellen, leuchtenden Fischen bewohnt schien. Das Ziel: Man sollte den schnellen Fischen folgen, um den Ausgang des Labyrinths zu finden. Doch diese stoben in alle Richtungen, wie man unschwer erkennen konnte. Welche war die Richtige. Die größeren Kreaturen, fraßen zudem die kleinen Fische und waren sicher nicht abgeneigt für fettere Beute. Alaanc ging leicht beklommen in den Tunnel und schon bald wurde klar, dass dies eine noch größere Herausforderung für Kraft und Geschicklichkeit war und nicht zuletzt des Orientierungssinnes unter Wasser. Die Fische schwammen blitzschnell durch das Labyrinth, und viele der Kämpfer verloren sich offenbar in den verworrenen Tunnel-Wegen.

Alaanc, der sein Schwert nicht abgelegt sondern fest an seine Seite gebunden hatte, versuchte sich an den flinken Bewegungen der Fische zu orientieren. „Wenn ich sie nicht überholen kann, dann muss ich sie nachahmen“, dachte er. Er beobachtete die Bewegungen der Fische genau und versuchte, ihren Schwimmrhythmus nachzuahmen. Doch das allein reichte nicht. Doch zu seinem Erstaunen, begann die magische Klinge an seiner Seite zu vibrieren, als wolle sie ihm den Schwimm Rhythmus und Weg zeigen. Alaanc folgte nun den Impulsen des Schwertes und glitt so den Fischen nach. Er wich Felsen aus, nahm blitzschnelle Kurven und warf sich schließlich durch den Ausgang – wieder unter den Ersten und insgesamt waren es nun wirklich nicht mehr viele, die diese Prüfung bestanden hatten.

Die dritte Prüfung: „Schlauer als ein Drache“

Die letzte und angeblich schwerste Prüfung war keine Körperliche aber berüchtigt: Ein gigantischer Steindrache bewachte den Hafen von Harfis, und die Teilnehmer mussten dort, das diesjährige Rätsel lösen, oder fielen sonst, durch eine Klappe auf der sie dabei standen, ins Meer. Im Maul des Steindrachen war ein Feuer entfacht, und die Skulptur selbst, das beeindruckende Abbild eines Seedrachen, mit smaragdgrünen Schuppen und funkelnden Steinaugen. Nur wem es gelang das Rätsel zu lösen, das im Feuer durch eine magische Schrift erschien,  würde es erlöschen lassen. Die, wie Alaanc nun sah, mit ihm 7 letzten Teilnehmer kamen nacheinander an die Reihe, doch der Drache schickte sie alle mit einem dröhnenden Brüllen, das nur ein Echo der Steinhöhle sein konnte, ins Meer, da sie offenbar nicht in der Lage waren, das Rätsel zu lösen.

Als dann Alaanc an der Reihe war, trat er nervös vor. Die funkelnden Augen des Ungeheuers, das so irgendwie lebendig schien, musterten ihn scheinbar durchdringend, wie auch immer dieser Eindruck entstehen konnte. Er fühlte sich unbehaglich, auch wenn er wusste dass alles nur eine Schau war. Im Feuer vor ihm erschien nun tatsächlich ein Schriftzug;
 „Ich habe keine Flügel, doch ich fliege. Ich habe kein Maul, doch ich brülle. Was bin ich?“

Alaanc dachte nach. Die Lösung hatte vielleicht etwas mit der Natur der wirklichen Drachen zu tun, kam ihm in den Sinn. Die diese verkörperten, mit Luft, Feuer oder Wind. Sein Blick wanderte kurz zu dem Amulett und dann zu seinem magischen Schwert. Plötzlich verstand er. „Der Sturm“, sagte Alaanc leise, aber fest. „Der Sturm fliegt, ohne Flügel zu haben. Er brüllt, ohne ein Maul zu besitzen und er kommt über uns wie ein brüllender Drache.“

Der Drachenschiffer der vor ihm stand, knurrte anerkennend und nickte. „Du hast recht, Junge. Du bist schlauer, als du aussiehst.“

Das Feuer im Drachen erlosch und Alaanc trat als Sieger in dieses hinein. Die Menge jubelte.

Alaanc war froh, denn er hatte durch Klugheit, Schnelligkeit und nun ja, ein wenig Magie die Prüfungen gemeistert und ging als Sieger aus dem Wettkampf hervor. 

Der Preis war nun tatsächlich ein goldene Schlüssel, der laut der Legende das Tor zum Nest öffnen sollte, dem Ursprung der Drachen im Urm. Alaanc betrachtet ihn mit Skepsis. Jeder wusste, dieser war nur ein Symbol, das jedes Jahr neu dem Sieger überreicht wurde und vermutlich nicht echt. Er durfte sich aber, wie feierlich verkündet wurde, nun außerdem als Drachenschiffer bewerben, doch das war nur Tarims Traum gewesen, nicht seiner.

Er hatte für seinen Freund teilgenommen und  war im Grunde noch beunruhigt über dessen Zustand. Vielleicht konnte er ihn mit seinem Sieg wenigstens aufmuntern und eventuell konnte er sich ja trotzdem bewerben. Die Drachenschiffer waren wohl einen alte Gemeinschaft, die symbolisch auch das Nest im Urm bewachten, das aber durch die Götter ja. eh für immer verschlossen war, hatte ihm seine Mutter erzählt erzählt. Er betrachtet den Schlüssel nachdenklich.

Aber auch Lukima glaubte, dass es darum noch irgendein Geheimnis gab und das die Blauelfen vielleicht damit zu tun hatten und wusste wie das Neste doch zu öffnen war. Wusste Selime vielleicht mehr darüber. Er musste sie finden.

Die Stadt machte nach dem Wettbewerb nun einen noch aufgewühlteren Eindruck auf ihn, als am Tag zuvor.  Alaanc ignorierte das nun aber und fragte sich in den Gassen durch, um den Tempel zu finden. Es erhielt erstaunlicherweise, sehr unterschiedliche Hinweise, als sei er ein Geheimnis, aber am Mittag hatte er endlich das Gefühl die Gegend einzukreisen. Allerdings wuchs in ihm auch der Eindruck, dass er mit seinen Fragen, offenbar Staub aufgewirbelt hatte und mindestens zwei Schatten ihm folgten. Das beunruhigte ihn leicht. Wenn es Drachenschiffer waren, hoffte er sogar, sie würden sich nah genug heran wagen, damit er sich einen von ihnen greifen konnte.

Doch sie waren sehr vorsichtig. Er fluchte, als ihm wieder einmal nicht gelang sie plötzlich zu stellen.

Dann endlich gab ihm ein redseliger Straßenhändler einen heißen Tipp und er gelangte in ein System von Hinterhöfen, das ihn glauben lies, dass er der Sache nun endlich näher kam. Aber zugleich hatte er das Gefühl, dass er nun auch besonders auf der Hut sein musste. 

Im nächsten Moment wusste er, dass es so war, denn am Bogen des Eingangs zum nächsten Hof stand eine schlanke Frauengestalt, die er sofort erkannte.

Das Gebäude vor dem sie stand war, wie er nun sah, auch sehr außergewöhnlich. Zwei schlanke Türme verband eine goldene Kuppel. Es war doch sehr seltsam, dass dieses Gebilde nicht von weitem zu erkennen gewesen war, als läge eine magische Tarnung über ihm. Aber die Häuser von Harfis standen auch so dicht und überragten sich gegenseitig, dass es ihn auch wieder nicht wirklich verwunderte.

Selime stand gelassen da und erwartete ihn. Alaancs ging entschlossen auf sie zu.

Sie lächelte. „Du bist kein schlechter Wettkämpfer, aber um Drachenschiffer zu werden braucht es mehr.“ „Wie meint ihr das?“ Antworte Alaanc. „Besser.“ Sagte eine ihm ebenfalls bekannte Stimme und schon trat hinter ihr Tarim aus dem Schatten und grinste schief.

„Und wir brauchten einen Besseren als mich, für den Wettkampf.“ Ergänzte er. „Du hast den Schlüssel?“

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[1]Oplus Peim, berühmter Dichter aus Asdrabur

KAPITEL 5:

DIE NEUE KAISERIN

Elarell wird zur neuen Kaiserin von Varaskon gekrönt.

Nach dem Gemetzel, ist vor dem Gemetzel
Auch wenn wir siegen, sind wir besiegt
In tausend Kriegen, finden wir niemals Frieden
Weil auch die Götter uns nicht mehr lieben. 1

Gefangen in Gedanken
Träume, Träume, Träume!
Wir leben weiter wenn wir weiter hoffen
Nur das ist es, was schwer fällt. 2

Nur die Hoffnung keimt in meinem Herzen
Auch mit Schmerzen, aber süß
Ich weiß das mein Liebster mich im Traume rief
Ich muss seiner Stimme folgen. 3

Die Drachenfeuer waren ohne Gnade
Jeder Zauber war verbrannt
Flucht, war alles was wir konnten
Auch wenn ihr es Feigheit genannt. 4

Die rauchenden Ruinen von Helovar lagen unter ihnen. Sie hatten nur einen kurzen Sieg errungen, doch nichts gewonnen. Denn viele gute Freunde waren im Drachenfeuer gestorben. Der Kampf hatte fürchterlich getobt und als noch mehr Schwarze kamen, wendete sich das Blatt wieder. Sie hatte mit Asrial entkommen können, aber welche Hoffnung blieb ihnen nun noch. Das Königreich, ganz Arkur schien verloren. Nur noch die magische Stadt Valtraon war ihre letzte Bastion. Doch ihr Versuch, die Magier zu unterstützen, gegen den großen Schwarzen, war ebenfalls gescheitert. Beide schwer verletzt mussten sie nun über das Hythratonum fliehen.

Ja, Daral war bar jeder Illusion, denn Prinzessin Elarell, die letzte Hoffnung der Endar, war entweder tot oder erneut in Gefangenschaft geraten. Sie wusste es nicht.

~

Elarell hatte sich nach dem sie von Rücken Asrials gerutscht war, nur mit Glück retten können und wäre ohne Überlebens-Chance im Getümmel der Schlacht gewesen, auch wenn sich die letzten Ritter von Helovar und Elfen von Fejan, um die junge Erbin von Adrohn scharten. Die Übermacht der Troll Horden und Sedarcs schien erdrückend. Doch da plötzlich ertönte ein Horn. Ihr Blick, ohne den erschöpften Schwertarm zu senken, ging nach Süden und zu ihrer Verblüffung und großer Erleichterung sah sie ein neues Heer in die Schlacht ziehen und über diesem, die Wimpel der Sentir! Das Hoheitszeichen des alten Kaiserreiches. Sie konnte es nicht glauben, aber würde das reichen, das Blatt zu wenden?

~

Doch die Überraschung gab den Ausschlag. Elfric und Sherg an der Spitze der varaskonischen Sentir Ritter, Sinnbild einer alten Zeit, die längst vergangen schien, fuhren wie ein tödlicher Keil des Verderbens in die Trolle, S’darcs und die Phalanx der Coceaner. So wurde Elarell und die Helovari aus der Umklammerung befreit und nahmen den Kampf in ihrer Mitte mit neuem Mut wieder auf.

Aber die Schlacht wäre trotzdem verloren wohl gewesen, wenn die Feenkönigin und die schwarzen Drachen nicht plötzlich abgezogen wären. Das verunsicherte die Coceaner, die nun scheinbar ohne Führung waren und als es den Sentir gelang einen der Drachenpriester, der die Echsenmenschen angepeitscht hatte, zu erledigen, ergriff das halbe Heer Elthors plötzlich die Flucht.

Elarell konnte es kaum fassen. Am Ende des Tages hatten sie tatsächlich gesiegt. Sie sank erschöft hinter die Maueren. Was war dieser Sieg wirklich wert? Wohin war die Feenkönigin geflogen, sie war nicht besiegt und welche finstereren Pläne trieben sie dazu, diese Schlacht aufzugeben?

Sherg hingegen war sich schnell sicher und drängte darum Elarell, die überlegt hatte nun entweder nach Althear oder Coceon zu marschieren dazu, das noch übrige Heer besser nach Süden zu lenken. „Für Dionel sind Sul’rir und seine Magier in Valtraon die gefährlicheren Gegner,“ meinte er. „Ich glaube, dahin ist sie gelogen, denn dort sind jetzt auch mindestens zwei Tränen.“ Die Prinzessin nickte langsam, während sie erschöpft von einer den Zinnen aus den Blick nach Süden richtete und ihrer Gedanke zugleich nun auch wieder Zeit fanden für Daral und Asrial. Sie hoffte dass die Gorifor und der goldene Drache, der schwer verletzt sein musste, wie sie befürchtete, doch überlebt hatten und vielleicht dann auch in Valtraon noch einmal eingreifen konnte. 

Sie wandte sich an Sherg: „Selbst wenn wir so schnell wie möglich marschieren brauchen wir mindestens einen Tag und was können wir dort ausrichten ohne eigene Drachen?“ Elfric trat nun entschlossen vor und kniete sich zu ihrer Überraschung vor ihr hin. Sie musterte den Sohn Shergs, der wie sie wahrgenommen hatte ein tapferer Kämpfer und Anführer war, nun zum ersten Mal wirklich genauer. Er war zudem ein ansehnlicher Ritter, musste sie zugeben. Elfric sprach nun: „Herrin, ihr seit jetzt nicht nur Königin von Adrohn, welches eigentlich in diesen letzten Tagen des Verrates untergegangen ist, ihr seit für uns Sentir“ und er machte ein Zeichen mit der Hand über die Masse seiner Ritter, „nicht nur durch euer Blut, sondern durch euren Mut und euer Tun, die wahre und neue Kaiserin von Varaskon, das mit euch und uns in dieser Schlacht wiederauferstanden ist.“ Er stand nun auf und sein Vater der neben Elarell stand, nickte und überreicht ihr jetzt zugleich das Deniqui-Schwert der Endar, das er so lange bewahrt hatte, für diesen einen Moment. „Es lebe Elarell!“ Rief Elfric nun laut. „Kaiserin von Varaskon!“ Der Chor seiner Männer viel ein und der Ruf erschallte dreimal über das gesamte Schlachtfeld.

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1 Klagelied des blauen Magiers und Drachen Hapastias, nach dem Ende des 2. Drachenkrieges in seinen Schriften der Wahrheit.

2 Morgengebet der Schattenpriesterinnen von Chapasan

3 Auszug aus dem viele Jahre später berühmten Liebesgedicht von Elarell,  „Weitblick über  Chapasan“

4 Auszug aus Sul’rirs späterem Tagebuch der dunklen Zeit.

KAPITEL 6:

DER PRINZ DER WELLEN

Sorl und die Feiir befreien Valtraon

Wenn wir warten,

wenn wir hoffen,

wenn wir glauben,

ist das Leben wie reife Trauben,

die uns immer, aber wieder nur kurz den Atem rauben.²

Am Tag der Prüfung war überraschenderweise eine ihm zuerst fremde Elfe in seiner Zelle erschienen. Sie war eine deutlich andere Erscheinung als die Feiir, erinnerte ihn aber sofort an jemanden, den er gut kannte, „Meloragh!“. Ein Lächeln glitt über ihr Gesicht. „Es gibt wichtiges zu tun Prinz,“ sagte die Gräfin in jovialem Tonfall, „ihr könnt nicht länger nur in dieser Zelle rumsitzen.“  

Rewihls Schiff steuerte auf Valtraon zu, doch als sie sich der Stadt der Magier näherten sahen sie wie die schwarzen Drachen darüber kreisten. Seine Zuversicht sank aber trotzdem sah er entschlossen zu E’nondrie hinüber. Sie nickte ihm zu und gab dann den Feiir Soldaten auf dem Deck ein Zeichen sich bereit zu halten. Diese hoben ihre Gwangs.

Eine Flotte Coceons lag zum Glück nicht davor, offenbar setzten die Angreifer nur auf ihre Überlegenheit aus der Luft. Rewihl und Sorl berieten sich, denn es schien möglich von den Drachen unbehelligt anzulanden, da deren Aufmerksamkeit von den Feuersalven die aus der Stadt auf sie abgeschossen wurden, abgelenkt waren. E’nondrie und Meloragh, die nun neben sie getreten waren beobachtet die Drachen ebenfalls angespannt.

~

Amra stand auf den Zinnen, auch wenn sie das nicht sollte, aber sie wollte sich nicht nur irgendwo unnütz verkriechen. Sie sah das Schiff näher kommen und wie die Valtraos es hastig am Mauer Kai festmachten und eine Planke zu ihm legten. Doch erst als sie erkannte wer dort als Erster über die, währenddessen an die Mauern brandenden Wellen schritt, stieß sie einen erstickten Schrei aus. „Bruder!“

~

Es war sehr lange her. Aber nun galt es endlich doch sich zu entscheiden. Die Blauelfen oder Seelen, wie sie in manchen Schriften noch hießen, waren Deniqui, auch wenn sie sich Jahrhunderte in ihre Wälder zurückgezogen hatten. Wo sie weder Götter noch Kriege brauchten und auch keine Drachen fürchten mussten. Ihre besonderen Kräfte hatten sie beschützt und ihre alten Gewissheiten waren für sie unerschütterlich. Schwerter und Dränen nur eine Legende von vielen. Ebenso wie Drachen oder Feen. Doch waren sie nicht bluäugig sondern aufgeklärt. Freundschaft und Geduld, waren ihre Tugenden und sie vertrauten den Menschen, vielleicht gerade wegen deren Fehlbarkeit. Hier waren sie ganz gegensätzlich zu ihren Quendi Verwandten. Da war zudem das Nest. Vedras ihr König war von der Insel der Feeir zurückgekehrt und als er im Rat der weißen Bäume, von Meloragh berichtete, die ihn dorthin begleitet hatte und von Sorenn, seiner Erbin, die nun das Drachen-Schwert der Blauelfen trug, war klar, dass sie sich nicht länger raus halten konnten. Es war Zeit zurück in den Kampf zu kehren. Sie bestiegen die weißen Drachen, die nie verbannt worden waren und flogen gegen Westen.

² Gedicht von Hesior Yas, Poet aus Andul

KAPITEL  7:

DER SCHLÜSSEL ZUM NEST

Alaanc verwandelt sich in einen schwarzen Drachen.

Wir müssen weiter, weiter …³

Asrial war über das Meer geflohen. Schwer verletzt, wusste er, dass er nicht weiter kämpfen konnte. Auch der große Schwarze war verletzt das hatte er gesehen, aber er wusste nicht wie schwer und ob er vielleicht dadurch die Schlacht um Valtraon entschieden hatte. Vielleicht hatten die Magier und Mensch so noch eine Chance bekommen, vielleicht aber auch nicht. Auch Daral, seine Reiterin war verletzt und eine Zeit lang ohne Bewusstsein gewesen, daher hatte er keine Wahl. Er flog über das enge Meer und verbarg sich in einer Höhle, bis Daral wieder zu sich kam und sie beide sich einigermaßen erholt hatten. Direkt in den Entscheidungskampf der vermutlich um die Stadt der Magier ging, zurück kehren, war keine Option, denn sie waren noch zu schwach, aber was dann? 

Das Land was er in den letzten Tagen überflogen hatte war ihnen unbekannt, aber Asrial hatte sich erinnert, dass weiter im Osten das Urmgebirge lage, mit dem Nest, welches die Götter verschlossen hatten, das aber der Legende nach ein Quell der Widergeburt sein sollte, der Ursprung alle Drachenkraft und auch Algrake hatte dies vor ihrem Tod erwähnt und davon gesprochen, dass die Seelen ein geheimes Bündnis mit den weißen Drachen hatten und das Nest bewachten, was zugleich auch ein sehr altes Tor nach Andul sei. Wenn sie diesen Ort finden konnten und nicht alles nur eine Legende war, vielleicht war das ein Weg um Sitar, sollte sie ebenfalls Andul erreichen, noch zu helfen. Daral stimmte zu als sie sich erholt hatte, es war immerhin eine Chance.

Nach einigen Tagen Flug, tauchte eine größere Stadt unter ihnen auf. Sie landeten und Daral erkundigte sich, während Asrial zu einer alten Ruine flog, die er gesichtet hatte an den Hängen des Urm. Die Stadt hieß Harfis. Hier waren sie so weit weg vom Krieg, dass man sogar unbekümmert Feste feierte, wie Daral feststellte. Drachenfeste! Als Daral aus der Stadt zu Asrial zurückkehrte, staunte sie aber noch mehr, denn in der Ruine traf sie auf zwei Drachen und den Halbling Varo, der sie frech angrinste. „Man sieht sich immer zweimal,“ sagte er.

~

Selime führte Alaanc in den Tempel. Er betrachtet sie nun erstmals genauer, nachdem er Tarim überrascht aber auch froh umarmt hatte. Sie war keine Halbelfe, wie er geglaubt hatte, sondern eine Seele und zugleich wie sie ihm nun auch gestand, eine Drachenschifferin. „Auch Tarim, ist, wie du nun sicher auch vermutest, nicht der, für den du ihn gehalten hast, “ sagte sie lächelnd, „er ist einer unserer Anwerber für den Wettbewerb.“ Alaanc blickte Tarim an und dieser nickte. 

„Wir brauchten den Schlüssel für die Brutkammer im Nest.“ Alaanc atmete tief durch und fragte sich, ob er seine eigene Identität auch schon preisgeben sollte. Er folgte nun den Drachenschiffern in den Tempel. 

„Der Schlüssel um den der Wettkampf ging, ist also nicht nur ein Symbol.“ Sagte Alaanc, während er staunend das goldene Gewölbe des Tempel betrachtete, „Doch,“ antwortete Selime, er ist nur ein Symbol.“ Sie holte kurz Luft. „Das Nest wirklich wieder öffnen, kann nur eine Gorifor mit einem Deniqui Schwert.“

³ Berühmte Redewendung des Anführers der Sandtrolle, aus dem 2. Drachenkrieg. Sein Name wurde leider nicht überliefert. Vielleicht weil er direkt danach im Kampf fiel.

KAPITEL 8:

DRACHEN, SCHWERT & KRONE

Ankunft der Feiir Flotte in Andul

Wir lieben was wir lieben,

wir sind da nie zufrieden,

doch das ist es, was wir wirklich sein sollten.²

Ob es Heimat war oder Untergang, würde sich jetzt zeigen. Gerade vor der Gischt des Schiffsbugs würde es auftauchen, da war E’nondrie sicher. Die Flotte die sie begleitete war gewaltig und die Drachen die darüber flogen. Wenn dieses Schauspiel ihr Volk nicht überzeugte, wusste sie nicht was sonst es konnte. Prinz Sorl legte seine Hand beschwichtigend auf ihre Schulter.  Doch das war nicht nötig, denn die offenbar mit großen Versionen der Gwang bewaffneten Streitschiffe der Feiir kamen ihnen entgegen und hissten die Flagge der Verbundenheit.

Die Schlacht um Valtraon eine Woche zuvor, schien trotz der Gwang die sie mitgenommen hatten verloren, als plötzlich Daral auf dem goldenen Drachen Asrial zurückkehrte und mit ihr ein großes Heer weißer Drachen. Dionel musste fliehen.

Voller Zorn kehrte sie nach Wahran’Din auf Andul zurück. Nur um festzustellen, dass Sitar ihr zuvor gekommen war. Sie hatte die sich im Verborgenen gehaltenen Halur um sich geschart und war mit diesem Heer, nach der wundersamerweise gewonnen Schlacht um Yl Tulan, Gerüchte sprachen von alten Ukari Geistern, die die Nindur vor Angst in alle Winde hatten fliehen lassen, auf dem Weg zum Schloss ihres Vaters. Wie konnte das geschehen? Ugharis versuchte seine Mutter zu beschwichtigen. Sie hatten immer noch viel mehr Truppen und die schwarzen Drachen. Doch in Wahrheit war es nur Pon und eine Hand voll Schwarze und Grüne und sie hatten nicht alle Schwerter und die Tränen erringen können, um das Exil ganz zu öffnen. Trotzdem musste es genügen. Wenn sich Sitar ihr nun endlich stellte, würden sie, sie besiegen. Dann war es vorbei. Schließlich war sie noch immer ein unerfahrenes Kind, oder nicht?

~

Sie erreichten das Nest und Daral, der Alaanc das Schwert gegeben hatte, öffnete die Brutkammer. Doch sie war leer. Außer, das ein riesiger schimmernder Bogen im Raum stand. Selime war irritiert und blickte ratlos zu Alaanc. Lukima, dabei in der Gestalt einer schlanken Maid lächelte. „Erkennt ihr es,“ flüsterte sie, „es geht nicht um Legenden oder alte Artefakte, die Geschichte zorniger Götter, es geht nicht um Flüche oder eine Prophezeiung. Es geht nicht um die Vergangenheit, sondern um die Gegenwart, darum was wir heute für richtig oder falsch halten.“ Sie sah Alaanc milde an. „Du kennst nun deine Bestimmung mein Sohn. Du alleine bist das Werkzeug des Friedens und der Versöhnung. Aber zuvor musst du noch einen entscheidenden Kampf führen.“ Er nickte, denn nun wurde ihm endlich bewusst, was schon immer in ihm schlummerte und dann wechselte er zum ersten Mal in seinem Leben, in seine andere Gestalt. Ein großer schwarzer Drache stand vor ihnen und ging dann entschlossen durch das große Tor. Lukima und Daral auf Asrial flogen hingegen mit Selime zum den Bäumen der Seelen. Dort standen die Weißen schon bereit.

² Auszug aus ihrem Pamphlet zur Liebe, der szombatischen Philosophin Trajane

KAPITEL 9:

ENDSPIEL

Sitar, Königin aller Feen.

Wir könnten ewig kämpfen

und wir tun es ganz bestimmt,

immer wieder, kommt der Krieg,

wie der Wind

und der letzte Frieden ist sein verlassenes Kind. ³

Am Ende würden sie die Feenkönigin besiegen, nur um eine neue zu krönen. Wollten sie das wirklich? Doch für Zweifel war so kurz vor der Schlacht kein Platz. Sorenn zog den Helm über und hob das Schwert zum Zeichen des Angriffs und die letzte Schlacht begann. da erschienen plötzlich zwei große, schwarze Drachen über dem Schlachtfeld vor Wahran’Din. Pon der sich sicher noch kurz zuvor seines Sieges sicher war und ein Neuer, den keiner kannte. Die weißen Drachen verharrten auf Geheiß Lukimas am Boden, mit ihnen Asrial der Goldene, auf dem Daral saß. Die gesamten Armeen auf der Ebene vor der Königsburg der Feen hielt verwirrt inne, weil ein Kampf zwischen den Schwarzen ausbrach, den niemand erwartet hatte und der in seiner Heftigkeit alles überstrahlte. Sitar und die Ukari kamen unterdessen ins Schloss, da einer der Nindur Diener ihnen eine Hintertür geöffnet hatte. Dionel rief panisch ihre Wachen, doch zu spät, als Sitars Dolch an ihrem Hals lag. Durch das Fenster sahen die Kontrahentinnen nun auch von hier den Kampf der schwarzen Drachen. Dionel schrie auf und wollte sich rasch befreien, einen Zauber wirken, doch stolperte sie über Gelyocs Stab, den er zwischen ihre Beine warf und fiel in Sitars Dolch. Ihre Stimme stockte überrascht und ihr Augen trafen sich. „Ich vergebe dir,“ flüsterte Sitar, bevor Dionel tot in ihre Arme sank.

Pon fauchte und zu spät erkannte er was der unbekannte Schwarze vor hatte, welch ein Verrat, wer war er? Es gelang ihm in der Überraschung nicht, nach einem mächtigen Schlag des Fremden, sich abzufangen und das Gleichgewicht zu halten und er stürzte durch einen weiteren harten Schwanzschlag des Anderen zu Boden. Direkt auf die Lanzen der Metur, die unter ihm gerade sich wieder auf die Halur und das sie unterstützende Heer der Sentir, unter Führung Elfrics und Prinz Sorl, werfen wollten. Sie wurden unter seinem massigen Körper zerquetscht, aber drei Lanzen bohrten sich auch tief in seinen Hals. Alaanc  sah seine Chance und gab ihm den Rest und als dieser Kampf entschieden war, kam es zu einer panischen Flucht der übrigen Nindur. Die aber durch die weißen Drachen gestoppt wurde. Sie mussten sich ergeben. 

Sitar und Alaanc trafen sich auf den Stufen von Wahran’Din. Dort warteten bereits Daral und Asrial. „Niemand wird mehr verbannt sein“, sagte Sitar, nun auch an alle gefangenen Nindur und ihre Halur gewannt, „Es wird ab jetzt nur noch ein Volk der Feen geben auf dieser Welt, zudem auch Trolle und Faune gehören und alle anderen Deniqui Völker schwört mit uns, den Frieden für immer einzuhalten.“ Großer Jubel brach aus und dies geschah auch einen Tag später im Palast noch einmal, als die Anführer und Könige oder ihre Abgesandten der Deniqui alle versammelt waren. Nur die Götter fehlten mal wieder oder vielleicht beobachteten sie einfach nur zufrieden das Geschehen.

Nur Elarell, neue Kaiserin der Endar, blickte in diesem Moment kurz etwas skeptisch, wie es Elfric schien, was ihrer Schönheit jedoch keinen Abbruch tat. Sie wusste um die Schwäche der Menschen, dacht er, aber vielleicht konnten sie es wenigstens versuchen. Sie bemerkte seinen Blick und lächelte ihm zu. Gemeinsam, dacht er und lächelte zurück.

³ Traumrede der Thila, 1. Königin der Halur

NEKROLOG:

Nichts in dieser Geschichte soll eine Polarisierung auslösen. Schwarze Drachen sind nicht schwarze Menschen! Gut und Böse gibt es überall und das ist oft in unserer Sozialisierung begründet. Wichtig bleibt, das jede und jeder umkehren kann von einem dunklen Pfad und dann oder auch im nachhinein Vergebung verdient hat. Auch in Märchen, wie diese große Saga eines ist, spiegelt sich immer nur unserer Sicht auf die Welt und die können wir verändern, wenn wir nur wollen. Es gibt immer ein zurück und Versöhnung ist möglich.

PS: Die Grauelfen verbargen die eine gestohlene Träne im Gasfrogan erfolgreich und sie schützte ihre Heime lange vor der Entdeckung, zumindest solange sie daran glaubten, doch mit der Zeit vergaßen sie diese Magie und vertrauten alleine auf sich selbst. So machten sie den Schritt zurück in die Welt.

THE END

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Eigentum von Ludger Christian Albrecht (Luc A.)