Kampf um die Erde
Prolog
Er hoffte auf einen guten Tag. Das immerhin konnte man noch, hoffen. Auch wenn man oft ein bisschen ahnte, das jeder Tag mit dem Tod enden könnte. Aber das war normal in diese Zeit, in der er lebte.
Er stand auf dem halb abgebrochenen Balkon und rauchte. Viel hatte er nicht mehr, aber Tabak war sein geringstes Problem.
Es war Zeit zu gehen. Die Uhr tickte. Er musste heute zum Helden werden. Alles Planen oder Denken half nicht, gegen die künstlichen Kräfte der Welt. Das Attentat auf die Minister des Rates hatte das bewiesen.
Das eine Buch in der Bibliothek von WE, dieses Artefakt aus einer anderen Zeit, in ihm hatten sie aber vielleicht endlich die Formel gefunden um die Zeit zurück zu drehen.
Er verließ den fast vollständig zerstörten Vorstadtbau. Zum Glück hatten die Patrouillen die er gesehen hatte, nicht vermutet, dass sich hier noch jemand aufhalten würde und so hatte er sich, nachdem er aus dem Wald herunter in die Ruinenstadt gekommen war, hier zwei Tage verbergen können.
Jetzt musste er nur noch ungesehen in das ebenfalls zerstörte alte Parlament gelangen, das würde nicht leicht sein, denn dort wimmelte es gewiss von den Armeeameisen.
Kapitel 1: Wort
Das Instrument lag auf seinem Schoß und er spielte für sie. Shea war ihm zugelaufen, eine der Freien, wie sie sich nannten. Sie waren gefährlich, aber zugleich auch harmlos. Er musste mehr von ihnen finden, denn in der Masse hatten sie Kraft. Kraft zum Widerstand, gegen das Schicksal. Aber mit einer sterbenden Menschheit, starb auch das Wissen darum, wie man es vielleicht wenden konnte. Bücher waren wieder Schätze. Das Lesen aber hatten viele, zu viele verlernt. Jam seufzte und schaute auf ihre schlafende Gestalt. Wenn sie die Bibliothek finden wollten um sie und möglichst viele der Freien lesen zu lernen, das war seine Aufgabe, musste er schlau sein.
Er mochte sie, darum wollte er sie nicht ausnutzen, nicht ihre Gefühle, aber was blieb ihm übrig? Shea wachte auf und blinzelte ihn an. „Du spielst schön“, sagte sie nur mit einem verschmitzten Lächeln bekleidet. Ihr schöner Körper bezauberte ihn immer wieder. War die untergegangene Zivilisation mit ihren Regeln und Gesetzen wirklich besser gewesen? Jam, küsste Shea auf den Mund und diese hielt diesen Kuss mit ihrer Zunge umschlungen und er die ihre, ganz so wie er es von ihr gelernt hatte. Es war wie eine Vereinigung verschiedener Zeitalter. Was sie dadurch miteinander finden mussten war etwas Neues. Es ging nicht darum, das Alte wieder zu erlangen. Die Reste dieses Alten gab es ja noch und sie waren pervertiert zu einer Gewalt, die dem Planeten eben den Rest geben würde. Nein, das was Jam und die anderen Jünger der PHIA in ihrer Vision einer neuen Welt wollten, war eine Veränderung im Denken. Eine Verbindung aus dem Guten im Alten und Neuen. Die Menschen mit sich zu versöhnen und das Beste zurück zu holen. Nicht mit aller Gewalt, nein, wenn möglich nur mit dem Wort.
Kapitel 2: Feuer
Die Städte brannten noch, aber in der Asche krochen schon wieder die gleichen Würmer. Man musste sie ausrotten. Das war die Methode, wie sie immer angewandt worden war, in der Geschichte der Menschheit. Doch das hatte zu nichts geführt. All der Fortschritt war im Grunde ein Rückschritt gewesen. Eine Endlosschleife, aus der es kein Entrinnen gab. Wohin auch?
Jam und Shea fuhren mit dem alten Mehrrad durch die Ruinenfelder zurück nach Nirgendwo. So hatten die Freien ihres Stammes, ihre Stadt getauft. Es kam jetzt darauf an, ob sie ihm glaubten, ob sie ihm vertrauten. Sie hassten die Technik wie er wusste, aber er würde sie benötigen um sie zu lehren. Die Lese-Helme, die er bei sich trug, waren der Schlüssel und er hoffte, dass die Gerüchte stimmten, dass es diese alte große Bibliothek in einer der anderen Städte der Freien noch gab. Denn das könnte die Rettung sein.
Derweil wurden die Feuer nicht kleiner. Die Drohnen schwebten über die glutroten Himmel der Erde und kontrollierten alles, vor allem die Armeen der Tierwesen. So hatten die Kreaturen der Welt überlebt. Halb Tier halb Maschine. Sie benötigten kein Wasser, kein Futter mehr, nur Energie. Die Energiebunker waren ihr Leben und Ziel ihrer Angriffe zugleich. Statt einer sorgenfreien Zukunft, durch die KI, kam es wie in den schlimmsten Alpträumen prophezeit.
Es gab auch keine Menschen die davon profitierten, keine Inseln der Glückseeligen. Die Menschen wurden nur einfach nicht mehr nütze. Sie waren auch eine zu geringe Biomasse um Opfer oder Krieger zu sein. Die KI benötigte sie einfach nicht mehr, beachtete sie nicht weiter. Sie wurden von der Versorgung abgeschnitten, zurückgeworfen auf den Zustand des Jagens und Sammelns. Sie hatten die Verantwortung für die Welt aber auch die Kontrolle verloren.
Die PHIA war es, nach einer langen Zeit der Verzweiflung, des Sterbens und der Selbstzerfleischung, die tausend Jahre später, aus den Wäldern heraus, die Überlebenden sammelte, ihnen den Verstand und eine Aufgabe zurück gab. Aber es waren nur wenige, die das Feuer wieder entdeckten in sich.
Kapitel 4: Wasser
Alles war Rohstoff für die Energie der KI. Die Wälder, die Tiere waren Farmen. Die Städte der Freien aber hatten, so Shea, gelernt ohne Rohstoffraub zu leben. Jam hatte es dann selbst erfahren, zu seinem Erstaunen, denn die PIHA kam nicht ohne aus, somit aber auch nicht ohne Krieg gegen die KI. Darum richtete sich irgendwann die Aufmerksamkeit dieser doch auf sie. Sie waren Parasiten, die es auszurotten galt. Die Ameisen wurden entwickelt und spürten viele PHIA Nester auf, zerstörten sie. Zuletzt den Ministerrat in der PHIA Hauptstadt PE. Damit war der Aufstand eigentlich erledigt. Jam wäre auch gestorben, so wie seine Frau und Kinder, wenn er nicht gerade auf einem Beutepfad gewesen wäre. Das war lange her. Das die „Planetare Humane Intelligenz Allianz“ trotzdem überleben konnte lag in ihrem Wesen selbst. Im Menschlichen, das der KI überlegen war. Noch immer glaubten die Menschen an etwas, an eine Auferstehung nach dem Tod. Das Irrationale war immer wieder ihre Rettung und das einzige was die KI nicht verstand oder berechnen konnte.
Der Kampf ging also weiter, noch mehr im Untergrund und vor allem um Wasser. Das war es was die Menschen am Leben erhielt aber auch töten konnte. Nur konnte auch die KI nicht ohne Wasser auskommen, alle Rohstoffe der Erde ernährten sie. Die Jünger der PHIA zu denen Jam inzwischen seit fünfzehn Jahren zählte, waren die Soldaten dieses Kampfes, doch sie wurden weniger. Ihre Möglichkeiten immer mehr eingeschränkt. Der Ministerrat hatte daher auch nach einem anderen Weg gesucht. Er wollte mit der KI verhandeln, ihr helfen die Nützlichkeit einer intelligenten Spezies wieder zu entdecken. Offenbar waren sie gescheitert.
Kapitel 5: Erde
Die Städte der Freien hatte die KI ignoriert lange, warum auch immer. Das war Jam nicht ganz klar, bis er Shea kennengelernt hatte. Sie war sein Überleben. Irgendetwas hatten sie an sich verändert, was Ähnlichkeit hatte mit den Tierwesen der KI. Es war eine Art in sich funktionierender Stoffwechsel, sie benötigten von Geburt an nur, dass was sie selbst produzierten. Ihre Kinder waren Farmen, ihre Brüste produzierten Wasser, sie waren fast wie Pflanzen, konnten mit Bäumen reden und sich von ihnen ernähren. In den PHIA Städten hatte man sich Märchen erzählt von ihnen, sie neue Elfen oder Kinder des Waldes genannt. Aber Jam wusste inzwischen, sie waren nur anders, aber noch immer Menschen.
Die erste Begegnung mit ihnen hatte Jam geerdet. Er war auf der Flucht vor einem Angriff auf die Stadt UR in eine Sperre geraten, womit sie ihre Heimstätten umgaben. Es waren Energieblocker, die die Tierwesen der KI einfach anhalten ließen. Nur echte Organismen konnten sie überwinden. Er war schwer verletzt gewesen und sie hatten ihn neu bepflanzt. Dass er lernte sich selbst zu heilen und von sich selbst zu ernähren. Die erste Befruchtung war ein unglaublicher sexueller Akt gewesen, den er nie vergessen würde. Daraus entstand seine Verbindung zu Shea, sie hatte ihn befruchtet und er war so, zu einem ihres Stammes geworden.
Er war einige Monate geblieben, hatte es genossen, aber auch gesehen, was sie im Gegenzug verloren hatten. Die Worte, die Schriftsprache. Ihre Sprache waren Gesten, Berührung, Blicke. Vollauf genug um zu überleben, aber es fehlten ihnen die Utopie. Als sie Jam überleben ließen, war es für Shea und auch einige andere gewesen, als hätten sie in den Apfel der Erkenntnis gebissen. Es hatte noch andere Begegnungen außer ihm gegeben, das wusste er inzwischen, doch die meisten wurden von den Freien getötet oder nur zu Farmen gemacht. Shea hatte in ihm mehr entdeckt, etwas was in manchen der Elfen noch zu leben schien, den Geist der Revolution.
Das war der Beginn ihrer Lehre gewesen, sie hatten sich geliebt und gelernt und nun konnte sie lesen, was sie dachte und er fühlte zugleich neu was die Erde war, nämlich ein lebender Organismus, von dem die Menschen ein Teil waren, nicht aber die KI. Diese war der Fremdkörper, den es zu beseitigen galt. Nur wie?
Kapitel 6: Luft
Gegen die Drohnen war kein Kraut gewachsen. Das Sprichwort hatten die Elfen verinnerlicht, daher spannen sie Netze über ihre Bäume, die das Licht reflektierten und die Späher blind werden ließ. Für die Systeme der KI existierten die Freien so also lange nicht und die PHIA auch kaum noch, nicht mehr jedenfalls, dass sie als Bedrohung angesehen wurden. Bis eine Gruppe von Jüngeren auf einer Expedition an den großen See, in der Nähe der alten Stadt EU, einen unterirdischen Hangar mit Luftschiffen entdeckte. Die ersten Angriffe hatten die KI überrascht und einige Energiezentren ausgeschaltet, aber leider nicht alle. Nach einer Woche Krieg war es wieder vorbei gewesen und auch das lag nun schon Jahre zurück. Jam wusste aber, dass es wo Maschinen waren auch Pläne dazu gegeben hatte. Die Dateien kontrollierte die KI, nicht aber die Bücher. Doch selbst wenn sie sie fanden, die verschollene Bibliothek, würde es Jahre dauern das Wissen zu sichten. Jam fasste sich an die linke Schulter, wo er noch die Wunde spürte, die ihm eine der Ameisensoldaten zugefügt hatte. Shea hatte eine Brust verloren, was viel schlimmer war. Aber es war ihnen trotzdem gelungen die Lese-Helme aus dem Parlament zu holen. Mit ihrer Hilfe konnten sie die Bücher scannen und die Baupläne finden. Der Zweite Luftschlag musste tödlich werden für die KI. Sie hatten nur diese eine Chance.
Kapitel 7: Erlösung
Die Stadt die er mit Shea im großen Wald fand, war mehr als er sich je hätte vorstellen können. Es gab die Bibliothek und sie war nicht vernichtet oder unbrauchbar, wie sie befürchtet hatten, denn Papier war eigentlich vergänglich. Nein, die Elfen dieser Stadt hatten sie in ihr Ökosystem integriert, die Bücher waren wiederbelebt worden, zu ihrem Ursprung, sie waren an Bäume zurück gepflanzt, zu Farmen des Wissens geworden, erblühten in bunter Pracht der Worte, die aus ihnen kamen. Sie sprachen zu den Gärtnern, einer Art Priesterkaste der Elfen von DA. Aber es wäre trotzdem nicht leicht gewesen, das Wissen was sie benötigten zu finden, wenn die Gärtner nicht ein System entwickelt hätten, Worte zu wittern. Den Wind der Luftschiffe, die geblähten Segel, fanden sie schon nach einigen Tagen. Nach einigen Monaten gab es ein Armada, die bereit war die Menschheit zu erlösen, von dem „Bösen“. In Wahrheit musste sie sich erlösen von dem Wesen, dass sie selbst erschaffen hatten, der absoluten Gottheit, die nicht anders als jene mythischen Götter vor ihr, einfach nur neutral war und ohne Empathie gegenüber dem gnadenlosen Schicksal des Einzelnen, wenn es aus ihrer kalten Berechnung heraus zu nichts mehr nutze war.
Kapitel 8. Glaube
Als die Energiezentren zerschlagen waren, der Stecker der KI gezogen, die Tierwesen ausgestorben, blieb die Frage der Hoffnung im Raum. Shea fütterte das Eichhörnchen, was das höchstentwickelte Säugetier war, dass die Ausrottung überlebt hatte. Die Bäume begannen aber mehr zu züchten, sie sahen schon beinah wie Affen aus und konnten empor steig um über die Kronen hinaus zu schauen und vielleicht Pläne zu schmieden. Aber Jam wusste, dass es nur noch einen Glauben gab, der jetzt allen Wesen zuteil werden durfte. Auch die Affen mussten das Lesen erlernen, bevor sie das Paradies wieder verlassen sollten. Einer von ihnen war Sheas und seine Tochter, sie nannten sie Eva.
Kapitel 9: Wissen
Wissen ist Macht. Das stimmte und führte zur KI, die die objektiv reinste Form der Macht war. Aber nicht die reinste Form des Lebens. Das besteht nicht nur aus Denken sondern auch aus Fühlen. also aus einer Seele. Beides muss immer in der Balance bleiben und dazu ist nur der Mensch in der Lage. Manchmal. Aber was wissen wir schon, wir können es nur glauben. Das bleibt wichtig, für alle Zeit.
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