
Man nannte sie Mary Sattler.
Ein Name, den jemand für sie erfunden hatte, weil er sich deutsch anhörte und leicht zu merken war. Ihr richtiger Name war vielleicht Osia. Oder Lena. Vielleicht war er etwas ganz anderes. Irgendwann hatte er seine Bedeutung verloren – wie so vieles in ihrem Leben.
Man fand sie in einem Zimmer in der Bergstraße 9. Eine Straße, die schon bei Tageslicht grau war und nachts gar nichts mehr versprach. Das Haus, in dem sie lebte – und starb – war kein Zuhause. Es war ein Ort, an dem man atmete, aber nicht lebte. Dort, zwischen fleckigen Wänden, roch es nach billigem Parfüm, nach Desinfektionsmittel und nach Resignation.
Sie war nach Hamburg gekommen mit einem Versprechen im Ohr: „Du wirst arbeiten, Geld verdienen, du wirst frei sein.“ Freiheit – das hatte sie sich gewünscht. Stattdessen bekam sie ein Zimmer ohne Fenster, einen falschen Namen und eine Schuld, die täglich größer wurde. Ein Pass hatte sie nie gehabt. Papiere sind Luxus, wenn man nur noch überleben will.
Sie verstand kaum ein Wort der Sprache um sie herum. Wenn die Männer mit ihr redeten, hörte sie nur Laute. Wenn sie lachte, hörte niemand, dass das Lachen nicht ihr gehörte. Und wenn sie weinte, tat sie es leise. Sehr leise. Denn Tränen störten beim Geschäft.
Es gab eine, die ihren Namen noch kannte. Mia.
Mia war mit ihr gekommen – gleicher Bus, gleiche Hoffnung, gleicher Betrug. Aber Mia hatte irgendwann gesagt: „Lieber alles verlieren, als mich selbst.“ Sie war eines Nachts verschwunden. Mit nichts als einer Jacke, die nicht ihr gehörte, und einem Zettel mit einer Adresse: eine Hilfsstelle für Frauen, von der man flüsternd sprach.
Es war kein Märchen danach. Sie putzte Treppenhäuser, schlief in Notunterkünften, lernte das Alphabet wie ein Kind. Manchmal fragte sie sich, ob sie hätte bleiben sollen, ob Mary ohne sie stärker gewesen wäre. Doch sie wusste – sie hatte nicht zwei retten können. Sie musste erst sich selbst retten.
Als sie hörte, was in der Bergstraße passiert war, kaufte sie eine Kerze.
Sie stellte sie auf den Bürgersteig, einfach auf den feuchten Asphalt. Kein Name stand darauf. Nur ein Flackern. Für Osia. Für Lena. Für Mary. Für all die Frauen ohne Namen.
Sie zündete sie an und sagte:
„Ich erinnere mich an dich. Und ich werde dich sagen, wenn sie mich nach meiner Geschichte fragen.“
Und so lebt sie weiter – nicht mehr im Schweigen, sondern im Erzählen. In jedem Satz, der ausspricht, was sonst verborgen bleibt.
ENDE
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