Zeitkrimi-3


XJS – Das lautlose Schwert der Gerechtigkeit

Die meisten Menschen glauben, sie würden von Regierungen regiert. Von Kanzlern, Präsidenten, Monarchen. Von Parlamenten, Gesetzen und Verfassungen.

Sie irren.

In Wahrheit wird die Welt von Entscheidungen gelenkt, die niemals in offiziellen Räumen gefällt werden. In privaten Clubs. In Datenzentren. In Kellern. Von Männern in Maßanzügen – und von Frauen, deren Namen in keinem System existieren.

Und über all diesen Schattenmächten steht etwas, von dem sie selbst kaum zu flüstern wagen.

XJS.
Xiphos Justitiae Silentis.
Das lautlose Schwert der Gerechtigkeit.


Kapitel 1: Die Stewardess

Ruth Haller war für ihre Nachbarn die nette Frau aus dem Reihenhaus am Stadtrand. Die mit dem eleganten Bob, die immer freundlich nickte, aber nie zu lange sprach. Ihr einziger ständiger Begleiter: Bao, ihr rotbrauner Chow-Chow, stolz wie ein Kaiser und flauschig wie ein Wolkenberg.

Sie arbeitete offiziell als Stewardess bei einer internationalen Airline – mal in Dubai, mal in Rio, mal in Oslo. Man beneidete sie für ihr glamouröses Leben. Sie lachte dann immer und sagte, es sei „halb so aufregend, wie es klingt“.

Niemand ahnte, dass sie in Wahrheit zehn Sprachen fließend sprach, acht Kampfstile beherrschte und innerhalb von 32 Sekunden jeden Passagier an Bord lautlos außer Gefecht setzen konnte.

Niemand wusste, dass ihr Lippenstift ein Laser war.

Niemand wusste, dass ihr Parfüm eine Tarnstoff-Matrix enthielt.

Niemand wusste, dass Bao einen implantierten Sensor trug, der EMP-Wellen auslösen konnte.


Kapitel 2: Der Schatten im Terminal

Sie entdeckte ihn in Moskau, am Gate C17. Ein Mann in schwarzem Mantel, ein Gesicht wie aus kaltem Stein gemeißelt, mit Augen, die zu viel gesehen hatten. Er sah nicht aus wie jemand, der fliegt. Eher wie jemand, der Orte betritt und Dinge beendet.

Levtenko.

Er war offiziell „Vertriebsberater für Industriefahrzeuge“. Inoffiziell war er die gefährlichste Waffe des russischen Zweigs von XJS.

Sie erkannte ihn sofort – obwohl sie ihn nur einmal gesehen hatte. In einem geheimen Briefing. Auf einem Foto, das man ihr zeigte mit den Worten:

„Wenn du ihm begegnest, weißt du nicht, ob du ihn küssen oder erschießen sollst. Wahrscheinlich beides.“

Er sah sie an.

Sie wusste: Er erkannte sie ebenfalls.



XJS – Mission Schneesturm

Kapitel 3: Die Vorhersage

Das Briefing kam in Form einer simplen Postkarte. Vorderseite: Schneegipfel. Tibet. Rückseite: nur drei Worte, in altgriechischer Handschrift geschrieben:

„Σιωπηλή Νέμεσις – aktive Phase“
(Silent Nemesis – aktiv)

Ruths Herz stockte.
Silent Nemesis war Mythos. Eine Legende innerhalb von XJS – eine Maschine, die Kriege nicht nur analysieren, sondern vorhersagen konnte. Nicht auf Jahre – auf Minuten. Angeblich konnte sie, basierend auf milliardenfachen Echtzeit-Datenpunkten, Voraussagen treffen wie:

„In 2 Stunden beginnt in Damaskus ein Aufstand.“
„In 19 Tagen wird ein alter Mann in Buenos Aires einen Vertrag unterschreiben, der zu einem Ölkrieg führt.“
„In 47 Sekunden wird ein Soldat in Indien bei einem Funkspruch zögern – und damit unbeabsichtigt eine Invasion verhindern.“

Die ultimative Waffe.
Nicht um zu zerstören – sondern um zu entscheiden, wann man eingreift.

Und jetzt war sie aktiv geworden – ohne Befehl.
Jemand hatte sie erweckt.
Oder gestohlen.


Kapitel 4: Levtenko & Bao im Schnee

Der Helikopter war alt, klappernd, völlig ungeeignet für 6.000 Meter Höhe.

„Du weißt, dass dieser Schrotthaufen abstürzt, wenn du zu laut atmest“, brummte Levtenko.

„Macht nichts“, sagte Ruth, „ich atme selten.“

Bao saß zwischen ihnen, in einem maßgeschneiderten Kälteschutzmantel mit integrierter Heizung.
Er trug eine Skibrille.

Levtenko sah ihn an. „Sag mir bitte, dass ich mir das nur einbilde.“

„Er ist in Einsatzbereitschaft“, erklärte Ruth nüchtern.


Kapitel 5: Der Tempel aus Eis

Sie setzten auf einem gefrorenen Pass auf. Vor ihnen ragte ein uralter tibetischer Tempel aus dem Schnee – nur teilweise sichtbar, der Rest verschlungen von Eis. Doch die Wände waren gesprenkelt mit Antennen. Solarpanels. Drohnenbuchten.

„Das ist nicht nur ein Tempel“, murmelte Levtenko.

„Nein“, sagte Ruth. „Das ist ein Server.

Bao knurrte tief. Seine Sensoren schlugen an.

Plötzlich war da Bewegung im Nebel. Drei Gestalten, lautlos, in weißen Tarnanzügen. Keine Funksprüche. Keine Atemwolken. Perfekte Koordination.

Nicht menschlich.

„Drohnen mit synthetischer Muskulatur“, zischte Levtenko. „Letztes Prototyp-Level. NATO? Oder China?“

„Oder schlimmer“, sagte Ruth. „Privat.


Kapitel 6: Kampf im Schneesturm

Der erste Drohnenkrieger sprang. Lautlos wie ein Tiger.
Ruth duckte sich – drehte sich, griff nach dessen Arm, zerstörte das Schultergelenk mit bloßem Druck. Kein Schrei. Nur Knirschen.

Levtenko fing den zweiten mit einer Drehung ab, riss ihm den Helm herunter – kein Gesicht. Nur Sensorlinsen.

Der dritte zielte mit einem Plasmapfeil auf Bao.

FATALER FEHLER.

Bao wirbelte herum, seine Halsband-Sensorik aktivierte einen EMP-Puls.

Der Drohnensoldat fiel wie ein nasser Sack in den Schnee.

Levtenko starrte. „Dein Hund ist eine Waffe.“

„Nein“, sagte Ruth. „Er ist Familie.“

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Eigentum von Ludger Christian Albrecht (Luc A.)