Shortstory-5

Mary Sattler

Mary Sattler, 43, war nie besonders mutig, zumindest nicht auf die Art und Weise, wie es in Geschichten erzählt wird. Sie war nicht die Heldin, die gegen das Böse kämpfte oder die große Entdeckung machte. Sie war einfach Mary, eine Frau, die in einer Stadt lebte, die sie kaum jemals wirklich verstand. Aber an diesem Morgen, als sie in ihr rotes Kleid schlüpfte, wusste sie, dass sich etwas ändern würde.

Es war ein unauffälliger Tag. Der Himmel war grau, wie er es oft war, und der Regen hatte sich schon in den Straßen der Stadt gesammelt, die Fassaden der Gebäude schienen zu fließen. Mary blickte in den Spiegel und betrachtete sich zum ersten Mal seit Jahren. Sie sah die Linien um ihre Augen, das müde Lächeln, das von einem Leben sprach, das nicht immer nach ihren Vorstellungen verlaufen war. Doch an diesem Tag, in diesem Moment, schien sie etwas zu verstehen. Vielleicht war es der Zufall, vielleicht war es die plötzliche, überwältigende Erkenntnis, dass sie sich nie wirklich selbst gehört hatte.

Sie zog das rote Kleid an. Ein Kleid, das sie vor Jahren in einem kleinen Laden gekauft hatte, einfach weil es ihr gefallen hatte, ohne zu wissen, dass es ihr irgendwann den Mut geben würde, zu tun, was sie jetzt tat.

Der Entschluss kam schnell und unerklärlich. Sie wusste nicht, warum sie es tat, aber es fühlte sich richtig an. Sie schnappte sich ihre Tasche, in der sich nur ein paar Essentials befanden – Geld, Ausweis, ein altes Foto von ihrer Mutter – und verließ die Wohnung. Niemand würde sie aufhalten. Kein Job, keine Verpflichtung, keine Menschen, die ihr sagten, was sie tun sollte.

Vor der Tür stand ein rotes Auto. Es war ein altes Modell, ein Cabrio, das sie nie in ihrer Nachbarschaft gesehen hatte. Aber es war ihr Auto jetzt. Die Schlüssel, die sie in ihrer Tasche fand, passten perfekt ins Schloss. Sie setzte sich hinter das Steuer, drehte den Zündschlüssel und hörte den vertrauten Klang des Motors, der sie willkommen hieß. Es war kein spektakuläres Auto. Aber in diesem Moment war es alles, was sie brauchte.

Sie fuhr einfach los.

Die Straßen waren leer, der Regen hatte nachgelassen. Die Landschaft veränderte sich schnell, als sie sich aus der Stadt hinausbewegte. Zuerst war es der Vorort, dann das Land, und dann kam der weite Horizont, der sich vor ihr öffnete, unendlich und einladend. Sie hatte keine Route geplant, keine Richtung. Sie fuhr einfach.

„Ich fahre um die Welt“, sagte sie zu sich selbst, als sie auf der Autobahn fuhr. Es klang beinahe wie ein Witz. Aber sie spürte die Freiheit, die sich in ihr ausbreitete, als wäre sie die erste Person auf der Erde, die von diesem Gefühl wusste. Kein Plan, kein Ziel. Nur die Straße vor ihr und das Versprechen, weiterzufahren.

Es war eine seltsame Art der Flucht, aber sie war zu diesem Punkt gekommen, an dem sie sich fragte, wovor sie eigentlich weglief. Vor ihrem Leben? Vor den Menschen, die sie kannten? Vor den Erwartungen, die sie in die Falle getrieben hatten? Oder vielleicht vor sich selbst? Sie wusste es nicht, aber das war jetzt auch nicht wichtig. Es gab nur diese Straße und die Freiheit, die in ihrem roten Kleid und dem alten Auto lag.

Die Tage und Wochen vergingen. Mary fuhr durch Städte, die sie nie zuvor gesehen hatte, durch endlose Wälder, staubige Wüsten und über Gebirgspässe, die ihre Vorstellungen von der Welt veränderten. In jeder Stadt, in jedem Dorf, in jedem Land, das sie durchquerte, hielt sie kurz an, sprach mit den Menschen, hörte ihre Geschichten, und dann fuhr sie weiter. Sie war wie ein Schatten, ein unsichtbarer Gast in einer Welt, die sie nicht mehr kannte, aber die sie so lange vermisst hatte.

Manchmal, in den stillen Nächten, saß sie auf dem Dach des Autos und starrte in den Sternenhimmel. Sie fragte sich, wie viele andere Menschen auf der Welt gerade ihre eigenen Reisen unternahmen, wie viele von ihnen genauso einsam oder genauso verloren waren wie sie. Es gab keinen Plan mehr, keine „Lösung“ für das Leben. Es war einfach das Fahren, das Atmen, das Leben im Moment.

In Argentinien lernte sie einen alten Mann kennen, der auf einem Weingut arbeitete. Er sprach über das Leben und das Altern, über den Mut, die Angst und die Momente der Freude. Er sagte: „Jeder von uns ist auf einer Reise. Die einen suchen den Weg, die anderen sind einfach unterwegs.“ Mary dachte lange darüber nach. Vielleicht war es das, was sie tat – sie war einfach unterwegs.

Ein paar Monate später fand sie sich in den endlosen Straßen Chinas wieder, zwischen den hohen Wolkenkratzern von Shanghai und den stillen, verträumten Dörfern der Berge. Sie sah Dämmerungen und Sonnenaufgänge, die sie nie zuvor bemerkt hatte, und als sie eines Morgens in einem kleinen Hafen am Meer saß, wusste sie, dass sie alles gesehen hatte, was sie brauchte, um zu verstehen, was Freiheit wirklich war.

Und dann, irgendwann, als sie an einem der vielen unbekannten Orte dieser Erde anhielt, in ihrem roten Kleid aus dem Auto stieg und die kühle Brise spürte, die über die Wellen wehte, wusste sie, dass sie angekommen war. Nicht an einem Ort, sondern in sich selbst. Sie hatte keine Antwort auf all ihre Fragen, aber sie wusste, dass sie nie wieder zurückkehren musste, um nach etwas zu suchen.

Die Welt war groß, und sie hatte sie umarmt – auf ihre eigene, ganz stille Weise.

Mary Sattler, 43, hatte sich selbst gefunden, während sie um die Welt fuhr, in einem roten Kleid, in einem roten Auto.

© Alle Texte und Ideen sind geistiges
Eigentum von Ludger Christian Albrecht (Luc A.)