Lovestory-3

Fred und Cloud – Fragmente einer verborgenen Liebe

(Ein biographischer Briefroman)

Prolog – Fundstücke

Man fand die Briefe in einer alten Blechschatulle, verborgen unter einem losen Stein hinter einer Ofennische. Das Haus in Balat war längst zum Abriss bestimmt, die Handwerker schüttelten den Staub der Jahre von den vergilbten Seiten und warfen sie achtlos in einen Karton. Ein junger Historiker, eigentlich auf der Suche nach Haushaltsrechnungen für ein Stadtentwicklungsprojekt der 1950er, bemerkte die feine Handschrift. Kein Name auf dem Umschlag, aber jedes Schreiben begann mit demselben Wort:

Mein geliebter Cloud…


Brief I – November 1953

Hamam Kılıç Ali Paşa, spätnachmittags

Mein geliebter Cloud,
ich weiß nicht, ob du diesen Brief je lesen wirst. Vielleicht ist er nur ein Gefäß, in das ich mein ruhmloses Feuer gieße, bevor es mich verzehrt.

Ich sah dich heute wieder – durch den Dampf, der wie verhüllende Gnade zwischen uns hing. Du lachtest mit einem der jungen Hafenarbeiter, als hättest du nie gelernt, den Blick zu senken vor dieser Welt, die alles, was Wärme ist, Misstrauen nennt.

Deine Schultern glänzten vom Öl, die Haut roch nach Seife und Meer. Ich konnte kaum atmen. Nicht vor Verlangen – nein, vor der unmöglichen Klarheit: So sieht Freiheit aus, dachte ich. Und sie steht nackt vor mir, während ich mich hinter Floskeln und Höflichkeiten verstecke wie hinter Rüstungen.

Ich bin 37. Man nennt mich „Schriftsteller“, doch ich habe nie den Mut gehabt, die Wahrheit aufzuschreiben. Heute aber beginne ich – mit dir.


Brief II – Dezember 1953

Sturm über dem Bosporus

Cloud,
du wirst lachen, aber ich habe versucht, dich zu zeichnen. Es wurde ein unförmiger Strichhaufen – wie ein Kind, das andeuten will, dass es einen Gott gesehen hat, aber nicht weiß, ob dieser Bart trägt oder Flossen.

Du hast mir gestern zum ersten Mal direkt in die Augen gesehen. Für einen Herzschlag lang hätte ich schwören können, du wusstest alles. Doch dann wandtest du dich wieder den Eimern zu, wie jemand, der ahnt, dass Erkenntnis gefährlich ist.

Ich habe überlegt, dich anzusprechen. Einfach zu sagen: »Komm mit mir. Lass uns Tee trinken. Nichts weiter.« Aber was, wenn du lachst? Oder schlimmer noch – was, wenn du zustimmst? Wohin mit uns dann?

Mein ganzes Leben ist ein sorgfältig ausbalancierter Turm aus Lügen. Du bräuchtest nur gegen den unteren Stein zu stoßen – und alles stürzt ein. Manchmal hoffe ich, du tust es.


Brief III – Januar 1954

Ein Gerücht im Hamam

Heute tuschelten die Männer. Jemand habe einen Arbeiter gesehen, der sich mit einem »Fremden« zu lange im Waschraum aufgehalten habe. Ich spürte, wie sich der Raum veränderte, wie Blicke spitz wurden wie Messer.

Ich weiß nicht, ob sie dich meinten. Ich weiß nicht, ob sie uns meinten.

Ich ging nach Hause, doch ich ließ den Mantel offen, damit die Kälte mich trifft. Ich wollte fühlen, ob ich noch lebe.

Cloud – falls du heute Angst hattest: Ich hatte sie auch. Aber meine wurde zu Wut. Wut auf eine Welt, die Wasser heilig nennt, aber Nähe als Sünde.


Brief IV – (unvollständig, eingerissen am Rand)

…wenn du das liest, dann weißt du, dass ich es ernst meine. Ich werde morgen wieder im Hamam sein. Zur sechsten Gebetszeit. Ich werde warten – nicht als Schriftsteller, nicht als Mann mit Namen, sondern nur als jemand, der dich ansehen will, ohne Schuld.

Komm – oder komm nicht. Aber wenn du kommst, bring dein Lachen mit. Es könnte meine Rettung sein.

F.

ENDE

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Eigentum von Ludger Christian Albrecht (Luc A.)