
Der Individualist – Annas Geschichte
Er nennt sich selbst nicht mehr beim Namen. Namen, sagt er, seien Etiketten der Vergangenheit – doch er gehört längst keiner Gegenwart mehr an.
Die anderen im Café nennen ihn den Individualisten.
Nicht spöttisch, eher respektvoll. Ein alter Mann, immer mit Bleistift und einem zerfledderten Notizbuch, das aussah, als wäre es Zeuge von mehr Revolutionen gewesen als die Tageszeitung neben der Kaffeemaschine.
Das Café hatte keinen Namen. Die Straße auch nicht. Vielleicht, weil niemand hier je danach gefragt hat. Hier in Johannesburg, oder Kapstadt, oder Durban – denn die Stadt war in Wahrheit alle Städte zugleich. Ein Ort, wie ihn nur jene kennen, die überlebt haben: entkernt vom Fortschritt, aber noch nicht vergessen von den Geistern.
Er sitzt immer am gleichen Tisch. Rücken zur Wand, Blick zum Fenster, als halte er Wache.
„Ich weiß mehr als die Welt,“ schrieb er in sein Buch, „und doch kann ich nichts mehr tun, außer erinnern.“
Erinnerung, Jahr 1985
Die Luft roch nach Staub und Angst. Es war der Tag, an dem die Polizei Tränengas und Gebete zugleich in die Menge warf.
Anna stand neben ihm.
Schwarze Haut, weißes Kleid. Ein Bild, das man in keinem Flugblatt drucken durfte.
Er war damals 24. Weiß. Aufgewachsen im Vorort mit Kolonialtapeten an den Wänden und Bibelsprüchen über den Türen.
Sie war 22. Schwarz. Tochter einer Waschfrau. Schwester eines verschleppten Gewerkschafters. Stimme wie brennender Honig.
„Glaubst du an Gerechtigkeit?“ fragte sie ihn.
„Ich glaube an dich,“ sagte er, bevor er wusste, dass das gefährlicher war als jede politische Aussage.
Sie waren keine Helden. Keine Märtyrer. Nur zwei Menschen, die trotz allem beschlossen hatten, sich nicht voneinander fernhalten zu lassen.
Zurück im Café
Der alte Mann nippt an seinem zu starken Kaffee. Die Welt hat inzwischen WLAN und Glasfassaden, aber immer noch dieselben Mauern.
„Ich sehe ihnen in die Köpfe,“ murmelt er, ohne aufzusehen. „Sie glauben, Apartheid sei vorbei, nur weil sie anders heißt.“
Auf der Straße draußen lacht ein junges Paar. Er weiß nicht, ob sie Freunde oder Feinde sind. Ob ihre Hände sich festhalten dürfen oder nur versteckt.
Er lächelt trotzdem.
Denn in seiner Erinnerung ist Anna immer noch da.
Barfuß auf dem heißen Asphalt. Mit hochgerissener Faust und Lippen voller Zärtlichkeit.
Die letzte Demonstration nahm ihm die Zukunft.
Aber sie gab ihm die Geschichte.
ENDE
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