
Liebe geht durch den Magen
In einem kleinen, charmanten Restaurant am Rande der Stadt zauberte die junge Köchin Mira Abend für Abend kulinarische Wunder. Ihre Gerichte waren nicht nur köstlich, sie erzählten Geschichten – von ihrer Kindheit, ihrer Leidenschaft für Gewürze, und von der Liebe, die sie bisher nur in Rezepten kannte.
Mira war 27, mit wilden Locken, die sie nie bändigen konnte, und einem Lächeln, das ihre Gäste oft länger verweilen ließ. Doch so erfüllt sie in ihrer Küche war, so leer fühlte sich manchmal ihr Herz an. Sie hatte sich in ihre Arbeit gestürzt, ihre Träume in Töpfen und Pfannen verwirklicht, aber nie die Zeit gefunden, sich für etwas anderes zu öffnen.
Eines regnerischen Herbstabends trat ein neuer Gast ein – ein Mann, der sich an einen Fensterplatz setzte und sich einen dampfenden Teller Kürbisrisotto bestellte. Leon hieß er. Er war Fotograf auf der Durchreise, mit einer alten Leica um den Hals und Augen, in denen Geschichten schlummerten.
Als er den ersten Löffel probierte, lächelte er. Und dieses Lächeln war es, das Mira – die heimlich aus der Küche beobachtete – mitten ins Herz traf.
Am nächsten Abend kam er wieder. Und am übernächsten. Immer allein, immer an denselben Tisch. Und jedes Mal ließ er eine kleine Zeichnung auf der Serviette zurück – ein Teller mit Flügeln, ein tanzender Kochlöffel, ein Herz aus Kräutern. Mira sammelte sie alle, versteckt zwischen ihren Kochbüchern.
Eines Abends traute sie sich. Sie ging selbst an seinen Tisch, brachte das Dessert – ein Lavendel-Panna-Cotta – persönlich. Ihre Hände zitterten leicht.
„Haben Sie das gezeichnet?“ fragte sie, ihre Stimme kaum hörbar.
Leon nickte. „Ich zeichne, was mich berührt. Ihr Essen… das ist wie ein Gedicht.“
Mira errötete. „Und was ist dann das Panna Cotta?“
„Ein Liebesbrief“, sagte er leise.
Von da an kamen sie ins Gespräch. Über Gewürze, über Bilder, über die kleinen Dinge im Leben, die man nur bemerkt, wenn man mit dem Herzen schaut. Sie lernte, wie man durch eine Linse liebt – und er, wie man mit einem Löffel verführt.
Als der Winter kam, blieb Leon. Aus Tagen wurden Wochen, aus einem Gast wurde ein Teil ihres Lebens.
Und manchmal, wenn das Restaurant schon geschlossen war, standen sie gemeinsam in der Küche. Sie kochte, er fotografierte, sie lachten – und küssten sich, wenn der letzte Topf gespült war.
Mira wusste nun: Liebe geht wirklich durch den Magen – aber nur, wenn das Herz daraus Bilder macht.
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