Clara Wunderbar – Lenny

Kapitel 2

Im Café 

Lenny saß im Café und betrachtet nachdenklich die vorbei laufenden Menschen durch die Linse seiner Kamera.

Einerseits liebte er dieses bei sich selbst sein, andererseits hatte er es auch irgendwie verlernt. Als er noch jünger gewesen war und ein Teil seines Leben nicht in Scherben hinter ihm lag, war es anders gewesen. Damals hatte er noch die Geduld mit sich selbst gekannt.  Was seltsam war, denn eigentlich sollte dies doch eine Kompetenz des Alters sein. Er hingegen wurde im Alter immer ungeduldiger mit sich selbst. Oder war dies eine Selbsttäuschung?

Er konnte sich konzentrieren und Ruhe finden. Wenn auch nur in manchen Momenten wie diesen. Die stete Unruhe war aber auch in seiner Jugend  schon in ihm angelegt gewesen, das wusste er.

Heute nach Jahrzehnten, hatte er den Kampf längst verloren. Er konnte nicht bei einem anderen Menschen lange bleiben, nur ihm wichtig sein, schon gar nicht vielen. Der einzige Mensch der ihm wirklich etwas bedeutet, war er selbst.

Er bewunderte die Menschen, die so intensiv für andere fühlten, ob in Liebe oder Freundschaft, selbst in flüchtiger Bekanntschaft, innig und herzlich waren.

Auch wenn er manchmal den Verdacht hatte, sie waren doch alle nur viel bessere Schauspieler wie er. Vielleicht war er selbst auch besser, als er glaubte. Zumindest gab es Mensch die ihm das so vermittelten. Doch es auch selbst zu glauben, dass er sich gut verkaufen konnte, hatte lange gebraucht.

Immerhin konnte er seine Gefühl ausdrücken, mit dem Körper oder mit Worten, gesprochen oder geschrieben, am besten aber noch durch seine Bilder. Darin war er gut, aber es war eine überwiegend verborgene Fähigkeit, eine die man lesen oder der man echt begegnen musste. Um seine Schüchternheit gegenüber anderen, in bestimmten Situationen abzulegen, hatte er lange gebraucht.

Er hatte seine ganze Lebenszeit zu lange kaum für intime Begegnungen genutzt, er war entgegen seiner sicher immer zwiespältigen Außenwahrnehmung, stets eher zu verschlossen gewesen und ängstlich vor dem Kontakt.

Aber er konnte eben nicht aus seiner Haut und hatte auch nur bedingt das Glück gehabt in der Vergangenheit, von jemanden an die Hand genommen zu werden.

Die Poesie der Bilder war das einzige, was ihn gerettet hatte, aber zugleich schließlich auch irgendwie verführt in der Dunkelheit zu verharren, wie eine Droge oder eine heimliche Geliebte.

Er betrachtet ein schönes Mädchen am Nachbartisch.

Die Lust war außerdem eine treibende Kraft in seinem Leben gewesen, schon immer. Vielleicht war das normal, aber ganz sicher war er auch hier nicht. Wie ein Mensch war und dachte, lag an so vielen Einflüssen und konnte, wie man täglich erfuhr, nicht unterschiedlicher sein. Selbst die selben Handlungen konnten sehr unterschiedlich motiviert oder dann auch interpretiert werden.

Mit Menschen zu kommunizieren war das schwierigste was er sich nur vorstellen konnte. Er hatte stets Sehnsucht danach und fürchtete sich zugleich davor, sie misszuverstehen oder missverstanden zu werden.

Selbst die Körpersprache konnte er, obwohl er das sie lesen,  erst seit wenigen Jahren vollends für sich entdeckt hatte, nicht als einheitliches, einfaches Empfinden, schön oder nicht schön, wahrnehmen. Auch sie bedurfte eines Willens und einer immer neuen Motivation. Die schönste Empfindung, war tatsächlich, das musste er sich eingestehen, die Abwechslung.

Das war erstaunlich und er genoss es, verbunden mit seiner Fantasie, die in manchen Zeiten sein einziger Halt gewesen war.

Menschen die dies so offensiv lebten wie einige seiner vergangenen Geliebten, bewunderte und beneidete er zugleich.

Nichts war schwerer als zu teilen, in der Realität, nicht nur in der Theorie.

Das bewies die aktuelle Flüchtlingsproblematik und auch die Seuche, die den Untergang der Menschheit gerade beschwor. Vermutlich würden sie bald die Cafés schließen.

Die Psychologie der Menschen war komplex, das war ihm noch mehr bewusst geworden, nachdem er inzwischen einige Affären mit Psychologinnen gehabt hatte. Ein Zufall natürlich, aber er hatte ihm die Augen geöffnet. Denn es waren Frauen die die Psyche des Menschen studiert hatten und trotzdem auf unterschiedliche und doch für jeden, außer für sie selbst offensichtliche Weise, am Leben scheiterten oder sich in ihre eigene Sicht so verstrickten, dass sie nicht mehr heraus fanden.

Das tat natürlich mehr oder weniger irgendwie jeder, doch er hatte das Gefühl, dass zugleich, die wenigsten sich dabei selbst distanziert, objektiv betrachten konnten und sich aus ihren Verstrickungen befreien, schon gar nicht. Das war tragisch, aber vielleicht war er ja ebenfalls so verstrickt in seine Sicht, dass ihm selbst keine objektive Betrachtung mehr möglich war doch das glaubte er nicht. Schon allein deswegen, weil er im Gegensatz zu vielen anderen in der Lage fühlte zu reflektieren, schon durch seine Texte und Bilder und seine Meinung dann zu ändern.

In jedem Fall war der Kontakt mit diesen Frauen, mit Menschen allgemein, sehr spannend und hielt den Puls des Lebens hoch. Ein Spiel, ja, aber er hatte nicht dass Gefühl sie auszunutzen, nur selbst davon zu profitieren, solange er ihnen auch immer ganz viel geben konnte. Das erinnerte ihn an Clara und dass er ihr in dieser Hinsicht noch immer etwas schuldig war.

Inzwischen war er in der Reflexion sehr gut und sich seiner selbst bewusst. Er fand hinein und hinaus  in die Kommunikation und Interaktion. Auch wenn es manchmal knapp war und sein innerliche Rechtfertigung  nicht selten ins Wanken geriet.

Er schlürfte den Kaffee und schaute aus seinen Gedanken heraus. Dort liefen Leute, Frauen, Männer mit eigenen Leben. Mehr über sie zu wissen wäre wie immer sehr spannend.

Das war neu für ihn, die Zunahme seiner eigenen Erfahrungen hatten ihn offen gemacht dafür zuzuhören und zuzusehen. Er wollte gerne sehen, in ihre kleinen Leben  … mit großen, manchmal sehr seltsamen  Geschichten und wenn es nur durch seine Kamera wäre.

Ein schlanke Studentin ging vorbei, mit kurzen rötlichen Haaren, sie war hübsch, auf eine sehr individuelle Art, aber war sie wirklich Studentin? Er wusste nichts über sie aber seine Gedanken erschufen ein Fantasie aus Beobachtung, ihr energischer Schritt, die zusammen gekniffenen Lippen, sie war verärgert, vielleicht enttäuscht, lief sie davon? Vor wem? War sie Teil eines Liebesdramas? Waren die Gefühle echt oder nur eine Maske?

Die Geschichte begann …

Im Heim

Wenn wir in uns sind, ohne Begegnung, dann fassen wir kaum Fuß im Leben.

Das Lesen war etwas, was ihn entspannen konnte aber auch inspirieren. Nicht selten dazu entweder Musik zu hören oder einen Film zu schauen.

Dieses miteinander Verschmelzen der Medien, was ein Teil der Zwischenzeit war, in der er und die Gesellschaft sich befand, war die größte Herausforderung der Zeit.

Sie war eine Chance aber auch eine Belastung.

Und nun stand alles still! Fast alles, denn der Mensch kann nie ganz stillhalten.

Er muss leben und sterben. Außer vielleicht wenn wir das irgendwann auch überwunden haben.

Es war jedenfalls keine Zeit für Begegnung und dass man nicht wusste ob und wann sie zurückkehren würde, macht innerlich sehr unruhig.

Warum nicht gerade darum es wild treiben, vor dem Untergang. Wenn er denn sowieso kam.

Aber was er am meisten hasste, waren jene die profitierten aus dem Dunkel der Zeit und sich wie einst die kirchlichen Prediger in noch düstereren Prophezeiungen übten.

Er verachtete sie, denn es war so leicht die Menschen zu verunsichern und in Panik zu versetzen. Viel leichter als ihnen Hoffnung zu geben und ihre Zweifel zu stärken und damit ihren Widerstand zu stärken.

Er war immernoch ein introvertierter Zwerg, aber er wußte dass er im Schreiben ein Riese war und darum hatte er sich an ein Buch gesetzt, was die Geschichte der Welt neu schreiben würde. Nicht aus der Zusammentragen von Fakten, nein, aus der Analyse des Bauches heraus.

Als sie an seiner Tür klingelte, kam er erst zurück aus seiner intellektuellen Selbstisolation.

Sie war Studentin, er war ihr vor einigen Tagen nach gegangen und hatte sie in einem der schönen Schmuckläden beiläufig angesprochen. Warum sie diesen Stein auswählte und nicht einen anderen? Sie waren in einem weiteren Café gelandet und schließlich in seinem Bett. Und die körperliche Nähe erdete ihn enorm. Was er er auch jetzt wieder spürte, durch ihren Kuss und mehr noch durch ihr warmes Lächeln, ihre Fröhlichkeit, trotz der düsteren Stimmung, die die Welt ergriffen hatte.

Aber sie war nicht nur das, sie war eine Fee aus einer anderen Zeit. Gehörte einer Generation junger Frauen an, die beides waren. Engel und Professorin. Sie strahlte eine Freiheit aus, die mehr noch als alle Technik, das Miteinander der Menschen, der Geschlechter, revolutionierte. Sie war die pure Inspiration, obwohl sie ihn nun die nächsten schönen Stunden davon ablenkte.

Die Frage blieb im erst des Tages. Was macht man sinnvolles mit sich selbst. Das Netz war der einzige Zuhörer und die Situation erschuf auch hier neue Räume und Möglichkeiten. Aber trotzdem blieb er sich treu. Es zu übertreiben hätte ihn zum Marktschreier gemacht, zum Populisten des Guten, aber wie bei allem, wenn man überzieht, würde es kippen in ein weniger bis nichts.

Zudem war er natürlich nicht alleine und er wollte nicht in der Maße des Kitsches untergehen. Er wollte die Balance finden zum Leben und zum Lieben.

Die Menschen zu lieben lernen war das schwierigste, was man erfahren und bewältigen musste. Immer wieder war er auch daran gescheitert, weil die Dummheit, die er wahr nahm zur Verzweiflung trieb.

Warum konnten gleiche Wesen nicht gleich miteinander reden oder sich gleich verstehen? Was war das für eine Biologie, die uns erschuf, für den ewigen Kampf gegeneinander?

Am Abend kam sie wieder und sie leibten sich erneut. Danach lauschte er ihrer Sicht der Welt. Denn sie war ihm wichtig, wenn er sie auch nicht immer verstehen konnte.

Welchen Plan gab es, das war die endgültige Frage, für die Zukunft?

War vielleicht das eigene Leben, die Zeit mit sich und seinen Gedanken, dass einzige was wichtig war. Waren die Zufälle des Lebens alleine unser Schicksal?

Würde er je den Mut haben Dinge auch zu tun und nicht nur darüber zu schreiben? Aber was hieß hier nur? Menschen die wie die Ameisen funktionierten und ihren wirren Gedanken folgten um satt oder zufrieden zu sein, welchen Wert erwarben sie am Leben?

Keinen. Das war traurig aber war, auch wenn andere Propheten vehement etwas anderes verkündeten. Der Einzelne war ein Zufallsprodukt und daher nicht wichtig, aber die Maße war es ebensowenig. Wir fanden unsere Selbstdefinition nur im Spiegel, genau wie die Götter, die ein Spiegel unserer selbst sind.

Laß uns raus gehen Lenny, sagte sie.

Obwohl wir nicht sollen? Antwortete er.

Nur ein bisschen, nur wir zwei, das ist erlaubt. War ihre Antwort.

Ja, sagte er. Lass uns schauen ob wir Clara finden.

Sie nickte. Denn sie kannte die Geschichte.

Er nahm seine Kamera mit, denn diese war sein Auge auf die Welt.

© Alle Texte und Ideen sind geistiges
Eigentum von Ludger Christian Albrecht (Luc A.)

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